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Hamster in Gefahr

 

Das erste Abenteuer in Schottland

 

 

FleckiPurzelGoldi

 

Copyright © 2003 M.Naß

 

Turbulente Abenteuer in Schottland! Die Hamster sind auf ein altes Schloss entführt worden, doch ihre Freunde sind fest enschlossen, sie zu befreien. Doch das wird nicht ganz einfach.....

 


 

 

 

1. Kapitel

 

 

 

 

 

Im Schloss des alten Lords

 

 

 

 

 

 

 



 

Es war still in dem alten Schloss, das einsam in den tiefen Wäldern Schottlands am Fuße einer hohen Bergkette lag. Die Nacht senkte sich sanft wie eine Decke über die alten Gemäuer. Dieses Schloss war schon mehrere Jahrhunderte alt, und das Mauerwerk begann bereits, an der einen oder anderen Stelle zu bröckeln. All dies gehörte dem Clan der McShredders, und der jetzige Besitzer war der fast 90 Jahre alte Lord McShredder. Zusammen mit seinem treuen, etwas ungeschickten Butler Frido McClown wohnte er in diesem einsamen, unheimlichen alten Bauwerk.

 

 

 

Es war gegen Mitternacht, als Lord McShredder nach seinem Butler rief.

 

"Hey, McClown, wo treibst du dich wieder herum? Mir ist kalt!"

 

Langsam näherte sich der treue Butler und sagte mit einem treuherzigen Augenaufschlag: "Wie euere Lordschaft sicherlich wissen, ist der Strom ausgefallen, und die Heizung funktioniert nicht mehr, aber wie wäre es mit einem Tee?"

 

"Häh?", rief Lord McShredder empört, "Was soll ich denn am See?"

 

McClown verdrehte die Augen im Kopf, denn es war kein Geheimnis, dass Lord McShredder reichlich schwerhörig war.

 

"Ich sagte Tee, Mylord!"

 

"Der See ist fort?" McShredder schüttelte den Kopf.

 

"Also, gestern war er noch da", fuhr er fort und sah McClown erstaunt an.

 

"Warum machst du mir nicht einen Tee, wenn mir kalt ist?"

 

Stöhnend ging Frido McClown in die Küche, um heißes Wasser aufzusetzen, als ihm klar wurde, dass ohne Strom auch kein heißes Wasser zu bekommen war. Mit betrübtem Gesicht schlurfte er zurück zum Lord und erklärte ihm, dass es ohne Strom keinen Tee geben könne.

 

 

 

Lord McShredder dachte lange nach und schlug vor, statt eines Tees einen dicken Pullover oder noch besser, einen Pelzmantel zu bringen.

 

 

 

"Sir, alle unsere Klamotten haben die Motten gefressen", gab der Butler zu bedenken.

 

"Häh", entgegnete der schwerhörige Lord, "Allah und die Karotten haben auf Hottentotten gesessen?"

 

"D-I-E M-O-T-T-E-N H-A-B-E-N D-I-E K-L-A-M-O-T-T-E-N G-E-F-R-E-S-S-E-N !", brüllte der Butler und fasste sich verzweifelt an den Kopf.

 

"Du brauchst nicht zu schreien", entgegnete McShredder verärgert, "ich bin ja nicht schwerhörig!"

 



 

Lord McShredder

 

 

 

Während der Butler einem Nervenzusammenbruch nahe war, griff der Lord nach seiner Pfeife, musste aber feststellen, dass er keinen Tabak mehr hatte. Am Tag zuvor war ihm das dumme Missgeschick passiert, dass er beim Stopfen seiner Pfeife einen solchen Niesanfall bekam, dass nunmehr der gesamte Tabak fein säuberlich im gesamten Schloss verteilt war.

 

 

 

"Ach ja, noch etwas, mein lieber McClown", begann Lord McShredder.

 

"Denken sie doch bitte Morgen daran, dass sie das Schloss nicht staubsaugen, sondern mit dem Besen fegen. Wenn sie fertig mit Fegen sind, kippen sie bitte alles in meinen Tabaksbeutel, wir müssen schließlich sparen."

 

Der Lord rieb sich die kalten Hände und fuhr fort: "Und noch etwas, mein Lieber, ich brauche einen dicken Pullover, oder noch besser, einen neuen Pelzmantel. Mein Rheuma wird immer schlimmer."

 

"Gut", stöhnte McClown, "dann werde ich in die Stadt fahren!"

 

"Radfahren?", fragte der Lord verwundert, "zu dieser späten Stunde?"

 

"I-N D-I-E S-T-A-D-T F-A-H-R-E-N !", krähte der Butler. "Gleich nach dem Aufstehen!"

 

"Wieso willst du einen Scheich aufdrehen? Was redest du wieder für einen Unsinn, McClown!"

 

Der Lord schüttelte verwundert seinen Kopf.

 

 

 

Kreischend rannte der Butler aus dem Raum und verschwand für den Rest der Nacht in seinem Zimmer. Warum, dachte er, warum muss gerade ich so einen schwerhörigen alten Sack bedienen?

 

 

 

Am nächsten Morgen stand McClown recht früh auf, und während er die Stufen des Schlosses hinunter in den großen Saal ging, sah er seine Lordschaft noch immer in seinem Sessel sitzen und schlafen. Er ging weiter in die Küche, setzte Wasser auf, holte eine Pfanne heraus und schlug ein paar Eier hinein. Nachdem er noch einen Teebeutel gefunden hatte, bereitete er die Teekanne vor und steckte zwei Scheiben Toast in den Toaster. Zufrieden stellte er die Pfanne auf den Herd und drehte ihn an. Dann ging er zum Lord und rief: "Aufstehen, euer Lordschaft, das Frühstück wird gleich serviert!"

 

"Wie bitte?", fragte Lord McShredder verschlafen, "Im Stehen hat sich ein Schuft die Fühler rasiert? Warum denn das? Warum tut er so etwas?"

 

"Ach", entgegnete McClown grinsend, "hin und wieder sollte man sich schon die Fühler rasieren."

 

"Verstehe", entgegnete der Lord, "vielleicht sollte ich das auch einmal tun."

 

Noch bevor der verdatterte Butler antworten konnte, fuhr der Lord fort: "Wo bleiben meine Rühreier? Sind die noch nicht fertig?"

 

McClown rannte in die Küche, und ihm fiel siedend heiß ein, dass es ohne Strom weder Tee noch irgendwelche Rühreier geben würde.

 

"Wird's bald?", rief der Lord, "Ich verhungere!"

 

"Sofort, " rief McClown wütend, kippte die rohen Eier aus der Pfanne in einen tiefen Teller, nahm Besteck und stellte alles vor den Lord auf den Tisch.

 

Der Lord löffelte die rohen Rühreier, sah McClown an und stellte fest: "Köstlich mein Lieber, sie haben sich heute wieder einmal selbst übertroffen! Übrigens habe ich gestern einen Artikel in der Zeitung gelesen. Es war ein Bericht über die syrische Wüste. Stellen sie sich vor, McClown, dort leben Tausende von Hamstern! Es heißt, dass diese Tiere nur in der Nacht aktiv sind, und wissen sie warum, McClown?"

 

"Wahrscheinlich, weil es ihnen tagsüber zu heiß ist", entgegnete der Butler.

 

"Falsch", fuhr McShredder fort, "weil es ihnen tagsüber zu heiß ist!"

 

"Ach, tatsächlich?", fragte der Butler verärgert.

 

"Das hätten Sie nicht gedacht, was?", triumphierte Lord McShredder. "In der Tat haben diese Tiere ein dickes Fell gegen die Kälte, und wissen sie, welche Idee mir da kam?"

 

"Nun", antwortete der Butler, "wahrscheinlich wollen sie sich jetzt auch ein Fell wachsen lassen, Sir."

 

"Unsinn", krächzte der Lord, "ein Pelzmantel aus Hamsterfell muss her. Sie müssen sofort abreisen und irgendwoher einen Pelzmantel aus Hamsterfell besorgen. Aber vorher fegen sie noch das Schloss, schließlich brauche ich etwas zum Rauchen."

 

"Aber Sir", begann der Butler, "wir könnten Schafsfell nehmen."

 

"Nichts da, sie werden keinen Schlaf mehr nehmen, beeilen sie sich endlich, McClown!"

 

"Euer Lordschaft, ich werde Tausende von Hamstern für einen Pelzmantel brauchen!", rief der Butler entsetzt.

 


Englischer Hamster

 

 




"Na, und", entgegnete McShredder, "ich darf ja wohl etwas Einsatz verlangen. Zu meiner Zeit wurden alle Schafe in der gesamten Umgebung mit der Hand geschoren. Ich sehe also keinen Grund, warum sie sich bei ein paar Hamstern aufregen."

 

"Soll das heißen, dass ich alle Hamster einzeln scheren soll?", fragte McClown entsetzt.

 

"Unsinn, keine Hamster teeren", antwortete der Lord, "sie verstehen einfach nicht, mein lieber McClown, sie sollen die Tierchen scheren. So, und jetzt genug der Worte, ich hätte gerne einen Tee."

 

 

 

Der Butler schlurfte mit hängenden Schultern in die Küche zurück und murmelte leise Flüche vor sich hin. In der Küche angekommen, schleuderte er wütend einen Teebeutel in eine Tasse mit kaltem Wasser. Dabei spritzte Wasser über einen uralten Gasherd, und während er mit der einen Hand das Spritzwasser wegwischte, versuchte er, mit der anderen Hand den Zucker aus dem Schrank zu angeln. Er griff daneben, und der Zuckertopf landete auf seinem Kopf. Es schmerzte höllisch. Während er sich den Kopf hielt, hörte er den ungeduldigen Lord rufen: "Wie lange muss ich noch auf meinen Tee warten?"

 

Nun war es mit der Geduld von McClown vorbei. Er nahm die beiden Toastscheiben, stopfte sie in die Teetasse und drückte sie tief und fest hinein. Dann nahm er die Teetasse und rannte zum Lord, dass heißt, er wollte zum Lord rennen. Leider blieb er mit dem Ärmel am Toaster hängen und riss ihn herunter. Wütend trat der Butler gegen den am Boden liegenden Toaster und schoss ihn in das Regal mit dem Essgeschirr. Es klirrte und polterte, und der Schrank kippte auf den armen Butler, der sich verzweifelt am Gasherd festhielt. Als er kurz darauf unter einem Berg von kaputtem Geschirr und zerbrochenen Schrankteilen lag, hörte McClown ein lautes Zischen neben sich. Da er unter dem Küchenschrank begraben war und somit nichts sehen konnte, nahm er ein Streichholz aus der Tasche und zündete es an. Noch während das Streichholz aufflammte, wurde ihm klar, dass das Zischen von dem alten Gasherd verursacht wurde.

 

 

 

Gas, dachte er, das ist es! Wir brauchen gar keinen Strom, denn wir können auch Gas zum Heizen nehmen. Wer hätte gedacht, dass der alte Gasherd noch funktioniert. Ich brauche also gar keine Hamster einfangen und...

 


McClown beim Teekochen

 

 

 

 

 

Der Rest seiner Gedanken wurde jäh von einem Knall unterbrochen. McClown fühlte sich von einer riesigen Hand gepackt und hochgehoben, dann flog er durch die Küchentür in den großen Saal. Dabei hielt er die Teetasse mit dem Toastmatsch immer noch krampfhaft fest. Dann knallte es noch einmal, und der Butler war neben dem Lord gelandet.

 

 

 

"Na also", sagte Lord McShredder, "es geht doch. Warum sind sie nicht immer so schnell? Haben sie die Geräusche eben gehört? Es klang, als wenn jemand an der Tür geklopft hat."

 

Frido McClown erhob sich stöhnend, reichte dem Lord die Teetasse und wankte zur Haustür. Es dauerte einen Augenblick, bis er sie geöffnet hatte. Als er niemanden sah, schloss er sie wieder.

 

"Wo bin ich, was mache ich hier?", fragte er und hielt sich den dröhnenden Schädel.

 

"Danke, der Tee ist köstlich", hörte er eine krächzende Stimme sagen.

 

Er sah sich um. Irgendwie kam ihm der alte Mann bekannt vor, aber McClown wusste nicht mehr, woher. Er hatte durch die Gasexplosion sein Gedächtnis verloren.

 

 

 

"McClown, es ist jetzt an der Zeit, nach Hamstern für meinen Pelzmantel zu suchen. Am besten machen sie sich gleich auf den Weg nach Syrien oder so. Ein guter Butler lässt seinen Herrn schließlich nicht frieren, oder?"

 

"Nein, Sir", antwortet McClown, "sicherlich nicht."

 

"Hier haben sie noch etwas Geld für die Reise", fuhr der Lord fort. "Wenn sie unterwegs Schwierigkeiten haben, dann sagen sie, dass sie im Auftrage des Lords vom Clan der McShredder unterwegs sind. Das sollte genügen. Gute Reise, und beeilen sie sich."

 

 

 

Mit wackeligen Beinen ging McClown zur Haustür, öffnete sie und ging in den Garten hinaus.

 

Die frische Luft dort draußen tat gut, denn im Schloss roch es doch recht muffig. Er überlegte angestrengt und murmelte: "Also, scheinbar bin ich ein Butler und heiße McClown. Der Alte mit dem Namen McShredder ist ein Lord in dem Schloss und muss also mein Chef sein. Ich soll jetzt Hamster besorgen, um einen Pelzmantel für ihn zu machen. Ganz schön bescheuert. Was soll's, ich erinnere mich an nichts mehr und kann nur hoffen, dass mir wieder alles einfällt."

 

 

 

Somit machte sich der Butler auf den Weg zum nächsten Flughafen, nämlich nach Glasgow. Auf dem Weg dorthin kam es zu einem peinlichen Zwischenfall. Als McClown in dem Zug, der ihn zum Flughafen bringen sollte, noch einmal darüber nachdachte, wie er denn so viele Hamster transportieren könnte, betrat ein Schaffner das Abteil. Nun ist es tatsächlich in Schottland so, dass man in den Zug einsteigt und die Fahrkarte bei einem Schaffner im Zug kauft. Der Schaffner trat auf den Butler zu und fragte: "Wie viele Personen, Sir?"

 

 

 

McClown war so sehr in seine Gedanken vertieft und überlegte, wie viele Hamster wohl für einen Pelzmantel nötig wären, dass er auf die Frage des Schaffners antwortete: "Tausende, wenn nicht noch mehr."

 

Es dauerte ein paar Minuten, bis sich der Schaffner von seinem Schreck erholt hatte und McClown seine Fahrkarte erhielt.

 

 

 

Der Flug nach Syrien ging relativ glatt, doch nachdem McClown eine Woche lang durch die syrische Wüste gewandert war, hatte er erstens keinen einzigen Hamster gefunden, und zweitens wurde er halb verdurstet von einer Wüstenpatrouille aufgegriffen.

 

 

 

Nach einem zweiwöchigen Aufenthalt in einem Krankenhaus wurde er schließlich entlassen und aus Sicherheitsgründen gleich vom Krankbett aus ins nächste Flugzeug gesteckt, das ihn nach Paris brachte. Aus Syrien war er somit ausgewiesen worden, und in Paris verstand er kein Wort. Irgendwie gelang es ihm, bei Straßburg über die Grenze nach Deutschland zu flüchten. Was McClown natürlich durch die Gasexplosion nicht mehr wusste, war, dass er deutsche Vorfahren hatte. In Deutschland hatte er zu seiner grenzenlosen Freude kaum Schwierigkeiten mit der Verständigung. Damit war sein Problem aber noch nicht gelöst, denn wie sollte er nun an Hamster gelangen? Mehrfach wurde er nun in den nächsten Tagen von der Polizei angehalten, weil er sich zu mitternächtlicher Stunde vor Tiergeschäften herumtrieb. Es schien alles aussichtslos zu sein, bis der Zufall McClown zu Hilfe kam.

 

 

 


Als er sich in einer regnerischen Nacht auf eine Parkbank legte, deckte er sich wie üblich mit einer alten Zeitung zu, um sich gegen die nächtliche Kälte und die Feuchtigkeit zu schützen. Wie immer las er vor dem Einschlafen noch ein wenig, bis er auf einen Artikel stieß, der ihn sofort hellwach werden ließ. Es war die abenteuerliche Geschichte einer Kindergruppe, die mit einem Flugzeug auf einem Flughafen in der Nähe von Aubachtal notgelandet war. Leider fehlte ein Teil der Zeitung und alles, was McClown diesem Artikel entnehmen konnte, war, dass Hamster und Syrien irgendwie etwas damit zu tun hatten.

 

 

 

Nachdem er ein wenig geschlafen hatte, machte sich McClown auf den Weg nach Aubachtal, um der Sache auf den Grund zu gehen. Im Zentralarchiv der Bücherhalle stieß er auf eine wahre Fundgrube an Informationen. Am interessantesten erschien ihm der Bericht über einen gewissen Carlo Miesepeter.

 

Das ist mein Mann, dachte McClown und ging zum nächsten Telefonamt, um die Adresse von Carlo Miesepeter herauszufinden.

 

 

 

Wenig später stand er nun vor der Villa von Carlo Miesepeter. Es dauerte einige Zeit, bis Carlo Miesepeter verstand, was McClown überhaupt von ihm wollte.

 

"Ah, wenn ich richtig verstehe, Kumpel, willst du groß ins Hamstergeschäft einsteigen."

 

"Ja, Sir", entgegnete der Butler, "wenn sie mir dabei behilflich sein könnten, wäre ich ihnen sehr verbunden, Sir!"

 

"Tja, und was springt für mich dabei heraus?", wollte Carlo Miesepeter wissen.

 

"Nun Sir, ich denke, der Lord des Clans McShredder wird sich ihnen erkenntlich zeigen, Sir."

 

 

 


Carlo Miesepeter

Carlo Miesepeter überlegte, und er versuchte sich vorzustellen, wie viel Geld dieser Lord wohl hatte. Egal, denn wenn dieser komische

 

 

 

 

 

Typ hinter den Hamstern her war, dann könnte es sich als nützlich für die Rache von Carlo Miesepeter an den Hamstern erweisen. Schließlich hatte er noch eine Rechnung mit diesen Nagetieren offen. Damals hatte er die Bank von Hamsterhausen gegründet, die ja bekanntlich Pleite ging.

 

 

 

Danach hatte er ein Restaurant eröffnet, und das lief soweit ganz gut, bis Carlo Miesepeter eines Tages auf die Idee kam, den Hamstern gebackene Abfälle zu servieren. Irgendwann kam das heraus, und er wurde mit Schimpf und Schande verjagt.

 

 

 

"Gut, Kumpel, ich sage dir, was du machen musst, und dafür legst du beim Lord ein gutes Wort für mich ein. Ich dachte da an ein kleines Schloss mit einem Stück Land für den Urlaub, in Ordnung?"

 

"In Ordnung, Sir, ich werde sehen, was ich machen kann."

 

 

 

Lange saßen die beiden noch zusammen, und erst nach einigen Stunden verließ McClown die Villa von Carlo Miesepeter. Er ging in eine Drogerie und besorgte sich ein paar Zutaten. Danach suchte er eine Eisenwarenhandlung auf und kaufte zwei dicke Stahlrohre. Nachdem er noch einen großen Karton, einen Filzstift und andere Sachen gekauft hatte, nahm er den Bus, den Carlo Miesepeter ihm beschrieben hatte und landete schließlich im Zauberwald. Dort angekommen schüttete er die gekauften Zutaten in die beiden Rohre und mischte Schwarzpulver dazu. Dann schnallte er sich die Rohre auf den Rücken, stellte sich vor eine Felswand und zündete beide Rohre gleichzeitig an. Es zischte und knallte und mit einem lauten Schrei flog McClown durch die Felswand hindurch bis hin nach Hamsterhausen. Da es Mittagszeit war, schlief natürlich alles in Hamsterhausen, und er konnte seinen Plan vorbereiten. Er nahm die restlichen Zutaten für die Rückreise aus dem Karton und füllte alles vorsorglich in die Stahlrohre. Als er damit fertig war, schnallte er die beiden Rohre wieder auf seinen Rücken. Auf den großen Karton schrieb er nun die Worte, die Carlo Miesepeter ihm in der Hamstersprache aufgeschrieben hatte:

 

 

 

ONIK – IERF TTIRTNIE!

 

 

 

Das hieß rückwärts gelesen: Kino – Eintritt frei. Dann schnitt er eine kleines Stück vom Karton ab – das war die Eingangstür des Kinos.

 

 

Nun hieß es für McClown nur noch abwarten und tatsächlich: Kaum wurde es dunkel, da versammelten sich Hunderte von Hamstern vor dem Karton, und einer nach dem anderen liefen sie in den Karton hinein. Geduldig wartete der Butler, bis auch der letzte Hamster in den Karton marschiert war und schlich nun zum Karton hin. Verdutzt lauschte er, denn es klangen seltsame Worte wie: 'NEGNAFNA, NEGNAFNA' an seine Ohren. McClown schob schnell ein großes, flaches Stück Pappe unter den Karton, drehte alles um und klebte den Karton und alle offenen Stellen mit Tesafilm zu.

 

 

 

Geschafft, nun musste er nur noch den Karton zurück nach Schottland bringen. Ihm graute vor der Rückreise, doch es musste sein. Er schnallte den Karton mit den Hamstern auf seinen Rücken zwischen die Rohre. Nachdem er zweimal von dem Gewicht nach hinten gezogen wurde, rückwärts umgefallen war und sich auf den Hintern gesetzt hatte, war es soweit. McClown zündete die Rohre und mit einem Knall flogen er und die Hamster zurück in den Zauberwald. Der Aufprall war kurz und schmerzvoll. Eine große, alte Eiche bremste den Butler mitten im Flug ab, doch die Hamster landeten glücklicherweise weich auf seinem Rücken.

 

 

 

Mit schmerzenden Gliedern und dröhnendem Kopf wachte McClown auf. Durch den heftigen Aufprall war sein Erinnerungsvermögen ein wenig zurückgekehrt, und ihm war sofort klar, dass er sich nicht in Schottland befand. Alles erschien ihm so fremd und außerdem fehlten die hohen Berge. Was ihm aber nun völlig schleierhaft war, wozu er einen Karton mit Hamstern mit sich herum schleppte. Er hatte auch keine Ahnung, warum er zwei merkwürdige Stahlrohre auf dem Rücken geschnallt trug. Kopfschüttelnd entledigte er sich der Rohre, nahm den Karton mit den Hamstern und ging weiter durch den Wald. Viele Stunden später kam er in dem kleinen Städtchen Aubachtal an und legte sich erst einmal auf eine nahe gelegene Parkbank und schlief ein. Es wurde eine unruhige Nacht, denn die Hamster veranstalteten ein Höllenspektakel und immer wieder wurde er durch merkwürdige Rufe, die wie 'EFLIH, EFLIH' klangen, aufgeweckt.

 

 

 

Am anderen Morgen ging er zum Bäcker und holte ein paar Brötchen, die er mit den Hamstern teilte. Sein nächster Weg führte ihn zur Bahnstation, von der aus er den nächsten Zug zum Frankfurter Flughafen nahm. Sein Plan, mit dem Flugzeug nach Hause zu fliegen, schlug leider fehlt, denn lebende Tiere durften nicht nach Großbritannien eingeflogen werden. McClown wusste zwar nicht, warum er diese Tierchen mit sich herum trug und was er damit eigentlich wollte, aber ihm war klar, dass es sich wohl um einen Auftrag seiner vertrottelten, schwerhörigen Lordschaft handelte. Also musste er irgendwie die Hamster zum Schloss hin schaffen, koste es, was es wolle.

 

 

 

Nach mehreren Tagen Fußmarsch landete McClown völlig abgerissen und müde in Calais, im Nordenwesten Frankreichs. Er hatte also den Ärmelkanal, der Europa von Großbritannien trennt, endlich erreicht. Was nun, fragte er sich, denn bestimmt war es auch mit einem Schiff nicht erlaubt, Tiere nach Großbritannien zu bringen. Somit entschloss sich McClown, an einem nebeligen Morgen heimlich mit dem Hamsterkarton unter dem Arm auf irgend ein Schiff zu schleichen. Er versteckte sich in einem der Rettungsboote und schlief vor Erschöpfung ein. Nach vielen Stunden weckte ihn ein Tuten, und er blickte vorsichtig unter der Plane des Rettungsbootes nach draußen. Kalte Luft blies ihm entgegen, und es war immer noch nebelig. Somit beschloss er, auf den Anbruch der Dunkelheit zu warten, um weitere Nachforschungen anzustellen.

 



 

Er träumte von einer warmen Kabine mit einer bequemen Badewanne, denn er hatte seinen Pullover leichtsinnigerweise auf die Hamster gelegt, und ihm war jetzt kalt. Er wollte die Hamster damit warm halten, doch die hatten es ihm damit gedankt, dass sie seinen schönen Pullover in Hunderte von kleinen Fetzen zerlegten. Nun hatte zwar jeder Hamster eine kuschelige Decke, doch McClown hatte keinen warmen Pullover mehr. Als es dunkel an Bord wurde, verließ er das Rettungsboot und sah sich um. Der Schrecken fuhr im in die Glieder, als ihm nach ein paar Minuten klar wurde, dass er nicht den Passagierdampfer nach Newcastle, sondern ein Fischerboot erwischt hatte. Wenigstens fand er ein großes Stück Trockenfisch und nahm es mit. Dann stieg er wieder zu den Hamstern ins Rettungsboot und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.

 

 


 

 

 

2. Kapitel

 

 

 

 

 

Die Hamster sind fort

 

 

 

 

 

"Schularbeiten sind das Letzte!", schimpfte Elfriede und trat gegen ihren Schreibtisch. Das war keine gute Idee, denn dabei fielen 20 Buntstifte, ein Lineal und sämtliche Schulbücher vom Tisch. Als in dem Moment Bruno in ihr Zimmer trat, wurde sie so richtig sauer: "Was latscht du laufend in mein Zimmer? Ich muss arbeiten, hast du überhaupt schon deine Hausaufgaben gemacht?"

 

Bruno sah Elfriede treuherzig an.

 

"Was ist", fragte Elfriede ungeduldig, "hast du denn nichts auf?"

 

Bruno zuckte mit den Schultern.

 

"Schreibst du denn nie auf, was ihr aufkriegt?“, bohrte Elfriede weiter.

 

"!", brummte Bruno und fing an, mit Dackel Rudi Fußball zu spielen. Sofort wurde Bruno beiseite geschubst und Dackel Rudi in Sicherheit gebracht.

 

"Wenn du keine Hausaufgaben machst", fuhr Elfriede fort, "dann schaffst du die Schule nicht und findest nie eine vernünftige Arbeit und kannst kein Geld verdienen. Vielleicht kriegst du eine langweilige Arbeit, bei der du den ganzen Tag Autos putzen musst. Oder du kriegst eine Arbeit bei der Müllabfuhr, gurkenhammerstark! Möchtest du das etwa?"

 

"Ja", antwortete Bruno mit strahlenden Augen, "Ferraris putzen oder mit dem neuen Mercedes-Müllwagen herumfahren..."

 

In diesem Moment rief ihre Mutter: "Elfriede, wenn du mit Erdkunde fertig bist, hole bitte Bruno und komm zum Essen runter!"

 

"Wieso Erdkunde?", rief Elfriede zurück. "Das habe ich doch schon gestern gemacht, ich bin mit Mathe fertig und bin jetzt bei den Deutsch-Hausaufgaben!"

 

"Das hat doch Zeit", rief Gertrude Bommel zurück, "Morgen ist doch Lehrerkonferenz und danach ist sowieso Wochenende!"

 

 

 

Elfriede starrte Bruno an. Bruno grinste und lief schnell zur Tür.

 

"Dieser kleine Mistkerl hat das die ganze Zeit gewusst, und ich habe das total vergessen, na, warte!", fauchte sie und rannte hinter Bruno her.

 



 

Kurz vor der Küchentür hatte sie ihn eingeholt und gab ihm einen solchen Tritt in den Hintern, dass er mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Küchentisch schoss. Elfriede blieb stehen und wartete im Flur. Mit dem, was jetzt in der Küche passierte, wollte sie nichts zu tun haben. Es klirrte und schepperte am Küchentisch, und Mutter Bommel schimpfte in den höchsten Tönen.

 

Als Elfriede eine Minute später zum Essen kam, sah sie gleich, dass ihre Mutter schlechte Laune hatte. Bruno war mit Handfeger und Schaufel damit beschäftigt, irgendwelche Scherben zusammen zu fegen.

 

"Es reicht mir mal wieder mit euch, wisst ihr das?", brüllte Mama Bommel.

 

"Gleich nach dem Essen geht ihr beide raus, klar?"

 

"Aber Mami, ich kann doch gar nichts dafür, und außerdem will ich mich doch mit meinen Freunden treffen. Wir wollen in den Zauberwald!"

 

"Das ist mir egal, dann nimmst du Bruno eben mit!"

 

Bruno sah Elfriede mit leuchtenden Augen an, während seine Schwester lustlos in ihrem Nudelauflauf herumstocherte. Bruno mit in den Zauberwald nehmen, dachte sie, das gibt bestimmt eine Katastrophe.

 

 

 

Als die beiden an der Bushaltestelle am Zauberwald ankamen,warteten Elfriedes Freunde schon auf sie.

 

"Tut mir leid, dass ich so spät komme, aber meine Mutter hat gesagt, dass ich Bruno mitnehmen soll."

 

"Und?", fragte Jennie neugierig.

 

"Er hat unterwegs ein paar interessante Regenwürmer gefunden und wollte mit ihnen spielen!"

 

"Das ist ja ekelhaft", stellt Bertha fest und dachte mit Grauen an den Tag zurück, an dem Bruno zusammen mit Elfriede bei ihr Zuhause übernachtet hatte. Es hatte Wochen gedauert, das Haus wieder so hinzubekommen, wie es vor Brunos Besuch gewesen war.

 

 

 

"Regenwürmer sind nicht ekelhaft", schimpfte Bruno, zog eines dieser Tiere aus seiner Hosentasche und ging auf Bertha zu. Er hielt den Regenwurm vor Bertha, die einen Schritt zurück- gewichen war.

 

"Wusstest du, dass Regenwürmer Neumünder sind, und wenn man sie durchschneidet ..."

 

"Neeeeein, nimm das Ungeheuer weg!", schrie Bertha und trat noch einen Schritt zurück, stolperte und fiel auf den Boden.

 


"Nun ist genug, Bruno", stellte Elfriede grinsend fest. "Du kannst deinen Regenwurm-Freund wieder einpacken."

 

"Was frisst denn so ein Regenwurm?", fragte Rosie neugierig.

 

"Blätter und organische Reste", antwortete Bruno, "wobei er natürlich auch Erde mitschluckt, aber die scheidet er als Humus durch den After wieder aus und das..."

 

"Aufhören!", kreischte Bertha, "Mir wird übel!"

 

"Bei Kellerasseln und Tausendfüßlern ist das übrigens anders, die..."

 

Elfriede hielt Bruno den Mund zu und flüsterte ihm zu: "Du willst doch nicht, dass Bertha sich übergibt, oder?"

 

"Aber dann hätten doch all die lieben kleinen Käfer genug Nahrung, weil..."

 

"Schluss jetzt", rief Daisy, "mir wird langsam auch schlecht! Wollen wir nun losgehen oder was?“

 

"Du hast recht", meldete sich nun Bernie, "unser neuer Freund kann ja später noch mehr erzählen."

 

"Wusstet ihr übrigens, dass Humus lateinisch ist und Erde bedeutet?"

 

"Klappe, Bruno", rief Daisy lachend, "ich will jetzt nichts mehr von der Schule hören!"

 

 

 

Allerbester Laune gingen unsere Freunde nun weiter in den Zauberwald, das heißt, alle bis auf Bertha. Die ging mit grünem Gesicht langsam hinter den anderen her. Heute war ein besonderer Tag, denn nach monatelanger Arbeit war der Tunnel nach Hamsterhausen fertig gestellt worden. Gestern hatten sie es endlich geschafft, die letzten Meter bis hin zu ihren Hamsterfreunden zu graben, als es dunkel wurde. Somit musste die feierliche Eröffnung auf den nächsten Tag verschoben werden. Die Vögel des Waldes zwitscherten, die Sonne lachte am Himmel, und die Waldluft roch herrlich frisch. Unsere Freunde waren vergnügt, denn noch ahnte keiner, welch eine schlimme Entdeckung sie gleich machen würden.

 

 

 



Hamsterhausen

Susi und Marie waren ein Stück vorangelaufen und waren als Erste an der Baustelle angekommen. Sie begannen, Zweige und Äste beiseite zu schieben. Unsere Freunde hatten den Tunneleingang gut getarnt, damit niemand den Eingang finden konnte. Es dauerte nur wenige Minuten, und der Tunneleingang war deutlich zu sehen.

 

 

 

"Purzel!", rief Daisy in den dunklen Eingang hinein, "Die Feier fängt gleich an!"

 

 

 

Lachend sahen ihr Elfriede, Jennie, Susie, Marie, Rosie, Bertha und Bernie zu, während sie eine Decke auf dem Waldboden ausbreiteten. Sie wollten es sich gemütlich machen, damit die Einweihungsfeier mit Keksen, Kuchen und Nüssen stattfinden konnte.

 

"Hamsterhausen, etwas Beeilung bitte, die Feier geht gleich los!"

 

Daisy versuchte, so tief es ging, in den dunklen Tunnel hineinzuschauen, dann nahm sie eine Taschenlampe und leuchtete in die Tunnelröhre hinein. Jennie, die neben ihr stand, runzelte die Stirn und meinte: "Ob der Tunnel auf hamsterhausener Seite vielleicht zusammengebrochen ist?"

 

"Das glaube ich nicht", beruhigte Bernie sie, "der Tunnel ist mit Lehm verstärkt, da kann so leicht nichts passieren."

 

"Na, gut", sagte Elfriede, "dann müssen wir eben nachsehen, was bei unseren kleinen Freunde los ist."

 

"Und wenn Carlo Miesepeter wieder dahinter steckt?", gab Rosie mit ängstlichem Gesicht zu bedenken.

 

"Oder die Hexe den Eingang entdeckt hat und nun schon auf uns wartet?"

 

"Quatsch", entgegnete Elfriede, "wenn die Hexe da drinnen wäre, wie sollte sie dann die Zweige und das Geäst von drinnen wieder vor den Eingang schieben?

 

 

 

Alle drehten sich nun zu Bertha um, die mit großen Augen entsetzt guckte und ihre Hände abwehrend hob: "Ich? Das schlagt euch mal schön aus dem Kopf! Mir ist immer noch schlecht von dem ganzen Kram, den dein Bruder mir erzählt hat, Elfriede. Ich gehe doch nicht in den Dreck da hinein und lass mich von Käfern und Würmern anknabbern! Soll doch Bruno das machen, der liebt dieses Krabbelzeug ja!"

 

"Wenn wir Bruno da hineinschicken, findet der wieder nette Regenwürmer und liebe Käfer, und bis der dann wieder herauskommt, ist es Nacht."

 

"Nein, Elfriede, ich gehe da nicht rein, Basta!"

 

"Na schön", seufzte Elfriede, "dann muss Bruno ran. Bruno! Wo steckt denn der Kerl wieder? Bruuuunooooo!"

 

"Vorhin habe ich gesehen, dass er in das Gebüsch dahinten gegangen ist, vielleicht muss er mal pinkeln", meinte Marie.

 


Unsere Freunde liefen nun alle zu dem Gebüsch hin, auf das Marie gezeigt hatte und suchten nach Bruno. Dort war niemand zu sehen und so bildeten unsere Freunde zwei Gruppen, die sich nun auf die Suche nach Elfriedes Bruder machten.

 

 

 

"Meine Mutter macht Hackfleisch aus mir, wenn ich ohne ihn wieder nach Hause komme", stöhnte Elfriede.

 

 

 

Unsere Freunde suchten und suchten. Schließlich setzten sie sich einen Augenblick auf die mitgebrachte Decke um zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Die Hamster waren nicht gekommen, und nun war auch noch Bruno verschwunden! Während die Freunde ratlos vor sich hin grübelten, hörten sie plötzlich eine Stimme: "Wusstet ihr, dass ein Hirschkäfer bis zu 5 Zentimeter lang werden kann?"

 

 

 

Bruno! Mit einem großen Käfer auf der Hand kam er direkt auf Bertha zu.

 

"Guck mal, wie er mit den Fühlern..."

 

"Nimm den weg", kreischte Bertha, "das giftige Vieh will mich beißen!"

 

"Der ist doch nicht giftig", meinte Bruno ruhig und streichelte den Käfer.

 

"Na, ja, beißen kann er, aber nicht besonders stark. Ein Hund ist da schon viel gefährlicher."

 

"Bruno", begann Elfriede nun, "wir brauchen deine Hilfe. Unsere

 

Hamsterfreunde melden sich nicht, und du bist der einzige, der durch die Tunnelöffnung passt. Bertha mag heute nicht."

 

Bertha war aufgestanden und sah Bruno eindringlich an: "Es ist wichtig, dass du dich beeilst und dich nicht mit deinen Krabbelviechern aufhältst, hast du verstanden?"

 

"Hab ich", entgegnete Bruno, "pass mal solange auf Emil auf."

 

Er legte den Hirschkäfer in Berthas Hand, drehte sich um und ging in die Richtung der Tunnelöffnung. Das Kreischen Berthas und das 'Plopp', als sie ohnmächtig auf den Waldboden fiel, interessierte ihn nicht sonderlich. All seine Aufmerksamkeit galt nun dem dunklen Tunnel.

 

"Hier", rief Jennie, "nimm meine Taschenlampe mit!"

 

Grunzend nahm Bruno die Taschenlampe und krabbelte in die Tunnelröhre hinein. Langsam verschwand er immer weiter, bis nur noch seine Schuhsohlen zu sehen waren. Kurz darauf war er ganz verschwunden.

 



 

"Jetzt, wo wir warten müssen, könnten wir ja was essen", schlug Rosie vor und drehte sich zu Bertha um. Aber Bertha war noch nicht wieder in der Stimmung, ihr zu antworten, denn sie lag noch halb benommen auf dem Waldboden und starrte mit großen Augen auf den Hirschkäfer, der in das Unterholz flüchtete.

 

"Na schön, lasst uns etwas essen, mir ist auch schon ganz schlecht vor Hunger. Es dauert bestimmt länger als eine Stunde, bis mein Bruder wieder da ist. Hoffentlich trödelt er nicht solange und hoffentlich ist in Hamsterhausen nichts Schlimmes passiert."

 

"Bestimmt gibt es eine ganz einfache Erklärung dafür", meinte Daisy, "vielleicht sind unsere Hamsterfreunde einfach nur mit etwas Anderem beschäftigt. Dein Bruder wird sich bestimmt beeilen."

 

"Na, ich weiß nicht so recht", meinte Elfriede skeptisch.

 

"Gestern ist er fast zwei Stunden zu spät zum Mittagessen gekommen. Unsere Mami ist beinahe ausgeflippt und das Essen war sowieso kalt geworden. Ihr wisst ja, zu spät zum Essen kommen ist das schlimmste Verbrechen, das man einer Mutter antun kann. Du kannst dein Zimmer verwüsten und wie einen Saustall aussehen lassen, oder deine Schuhe im Weg stehen lassen, wenn sie mit einem vollen Wäschekorb kommt, aber zu spät zum Essen kommen, das geht nicht."

 

"Also, mein Zimmer ist immer aufgeräumt, und Schuhe gehören in den Schuhschrank", warf Bertha, die sich inzwischen wieder aufgerappelt hatte, ein.

 

"Aber wie kann man zwei volle Stunden zu spät zum Mittagessen kommen?"

 

Elfriede grinste. "Er hat den Schnecken beim Wettrennen zugesehen."

 




 

Die Freunde grölten vor Lachen, während Bertha sich beinahe übergab.

 

"Bin ich froh, dass ich keinen kleinen Bruder wie den habe", meinte Bertha mit ekelerfülltem Gesicht.

 

"Das ist auch besser so", sagte Rosie schmatzend, "wenn ich an das arme Kind denke, dass dich als große Schwester hätte..."

 

"Was dann, meine liebe Rosie?", fuhr Bertha sie an.

 

"Also, solch eine Petze als große Schwester wäre die

 

schlimmste Plage, die es gibt!"

 

"Petze? Ich?"

 

"Ja du, Bertha, oder hast du den letzten Schultag vor den großen Sommerferien schon vergessen?"

 

"Wieso, ich habe nur die Lehrerin darauf aufmerksam gemacht, dass sie vergessen hatte, uns Hausaufgaben über die Ferien aufzugeben."

 

"Genau", schnaufte Rosie, "du kannst von Glück reden, dass du lebend aus dem Schulgebäude gekommen bist! Wir waren stinksauer auf dich!"

 

"Das hatte ich mir schon irgendwie gedacht", murmelte Bertha leise. "Es hat mich schon gewundert, dass meine Schultasche plötzlich weg war, und ich sie später im Müll wiedergefunden hatte. Ärgerlich war nur, dass in meinen Büchern zwischen jeder Seite eine Bananenschale lag. Das war ganz schön ekelhaft. Warum in meinem Turnbeutel ein nasser Schwamm war, war mir auch nicht so ganz klar. Am gemeinsten fand ich aber, dass mein Fahrrad in der alten Eiche auf dem Schulhof hing. Der Schuldirektor und der Hausmeister waren ganz schön sauer, weil sie meinetwegen länger bleiben mussten. Na ja, aber die Feuerwehr hat mein Fahrrad dann mit einer langen Leiter herunter geholt."

 

", ", spottete Rosie, "und die matschigen Tomaten in deinen Turnschuhen.."

 

 

 

"Woher weißt du das?"

 

Rosie ging mit wütendem Gesicht und rollenden Augen auf Bertha zu und fuhr fort: "Die stinkenden Matschtomaten hatte meine Mami erst am Abend in den Turnschuhen entdeckt. Mann, die hat vielleicht geschäumt. Aber erkläre mir doch bitte einmal, woher du das weißt, allerliebste Rosie!"

 

"Ähem, also, ich, ähhh", stotterte Rosie, "ich hab das irgendwo gehört."

 



 


"Und das soll ich dir glauben?", fauchte Bertha, "Weißt du, was ich glaube, ich glaube nämlich ..."

 

"Pst!", zischte Daisy aufgeregt, "Ich glaube, im Tunnel war ein Geräusch. Bruno kommt zurück!"

 

 

 

Tatsächlich, Bruno krabbelte aus der Tunnelröhre heraus. Es war es bisschen mühsam für ihn, auf die Beine zu kommen, denn in beiden Händen hielt er etwas.

 

"Bruno", rief Jennie, "was hast du gefunden?"

 

"Einen Tausendfüßler, guck mal, das sind niemals tausend Beine. Der heißt nur so. Wusstet ihr, dass Tausendfüßler..."

 

"Bruno!", kreischte Jennie, "die Hamster!"

 

"Hamster haben nur vier Beine, wieso?"

 

"Wo sind sie? Was ist mit Hamsterhausen?"

 

"Ach so", zuckte Bruno mit den Schultern, "keiner zuhause in Hamsterhausen."

 

Unsere Freunde schauten einander verwundert an. Keiner hatte eine Ahnung, was das bedeuten sollte. Was war los? Wo waren ihre Freunde, die Hamster, geblieben? Elfriede sah ihren kleinen Bruder verzweifelt an.

 

"Ist dir noch irgend etwas aufgefallen? Hast du noch etwas gesehen oder gefunden?"

 

"Diesen Knopf habe ich gefunden", sagte Bruno und gab Elfriede einen goldfarbenen Knopf.

 

Mit großen Augen nahm Elfriede den Knopf in die Hand. Er schien aus Messing zu sein. Ein merkwürdiges Zeichen und ein Name waren darauf zu sehen. Elfriede las den Namen laut vor: "Clan of McShredder."

 

"Clan of McShredder?", fragte Daisy und nahm den Knopf in die Hand.

 

"Das bedeutet, dass dieser Knopf der Familie McShredder gehört. Der Name Clan stammt aus Schottland und heißt soviel wie Familie."

 

"Vielleicht gehört der Knopf einem Hamster?", meinte Rosie hoffnungsvoll.

 

"Mensch, Rosie", schüttelte Daisy den Kopf, "die stammen doch alle aus Syrien. Das einzige Land, in dem die jemals gewesen sind, ist hier bei uns in Aubachtal. Woher sollen die Hamster einen schottischen Knopf haben?"

 

Elfriede hatte bisher nachdenklich auf den Tunnel gestarrt, doch nun hob sie ihren Kopf, ging auf Daisy zu und sagte: "Wenn die Hamster nicht zu dem Knopf gekommen sind, dann ist der Knopf zu den Hamstern gekommen!"

 


Daisy und die anderen sahen sie verständnislos an, also erklärte sie: "Die Hamster sind verschwunden. Alles, was Bruno gefunden hat, sind ein Tausendfüßler und ein Knopf mit der Aufschrift und dem Wappen von irgendeinem schottischen Clan. Den Tausendfüßler können wir von der Liste der Verdächtigen streichen, der hat bestimmt nichts mit der Sache zu tun. Bleibt also noch der Knopf. Von den Hamstern stammt er nicht, also entweder ist er mit der Post gekommen, oder jemand hat ihn dort verloren. Dass er mit der Post gekommen ist, glaube ich nicht, also muss ihn dort jemand verloren haben."

 

"Ja, aber", grunzte Rosie, "warum sind die Hamster dann verschwunden?"

 

"Sie sind nicht verschwunden, Rosie", sagte Elfriede und sah ihre Freunde ernst an.

 

"Sie sind entführt worden. Wahrscheinlich sind sie jetzt in Schottland. Warum, das weiß ich noch nicht, aber wir sollten erst einmal etwas über diesen sauberen Clan erfahren. Lasst uns zur Bücherhalle gehen, dort können wir vielleicht mehr erfahren."

 

 

 

Als die Freunde auf dem Weg zurück in die Stadt waren, bemerkte Elfriede, dass Bruno nicht mehr bei ihnen war.

 

 

 

"Hat jemand Bruno gesehen?", fragte sie und sah sich um.

 

"Bestimmt ist der wieder bei irgendwelchen schleimigen Käfern hängen geblieben und unterhält sich mit ihnen", lästerte Bertha.

 

Elfriede rollte mit den Augen und schimpfte: "Es ist immer das gleiche mit ihm, ewig muss ich auf ihn warten. Los, wir müssen zurück und ihn suchen!"

 

Als die Freunde die Stelle erreichten, wo sie vor ein paar Minuten alle zusammen gestanden hatten, war auch dort von Bruno keine Spur zu finden.

 

Wieder bildeten sie zwei Gruppen und suchten und riefen, aber ohne Erfolg.

 

"Zwecklos", stöhnte Jennie, "wir finden ihn einfach nicht. Wo könnte er bloß stecken?"

 

In diesem Moment hörte sie das schaurige Krächzen einer Krähe.

 

"Blödes Viech", schimpfte Jennie, "warum müsst ihr Krähen nur immer so hässlich und gemein lachen?"

 

Rosie, die gerade an einem Lolli lutschte, sah Elfriede an und meinte mit ängstlicher Stimme: "Und wenn die Hexe ihn entführt hat?"

 

"Oh nein", jammerte Elfriede, "erst werden die Hamster entführt und dann auch noch mein kleiner, geliebter Bruder. Was mag als nächstes kommen?"

 

"Vielleicht fällt Bertha in ein großes Schlammloch voller Würmer und Käfer", vermutete Rosie, die immer noch ihren Lolli lutschte.

 


"Auf Leute, die mit vollem Mund sprechen und dabei noch schmatzen, höre ich sowieso nicht. Schon gar nicht, wenn sie unschuldigen Mitschülern dreckiges Obst in die sauberen Turnschuhe stopfen.", antwortete Bertha schnippisch.

 

"Tomaten sind kein Obst, sondern Gemüse", stellte Daisy richtig.

 

"Wie wäre es, wir statten der Hexe einen Besuch ab?"

 

 

 

Alle waren einverstanden, und nun gingen sie vorsichtig und leise weiter durch den Wald. Nach einer halben Stunde waren sie in der Nähe des Hexenhauses, und es wurde beschlossen, dass Elfriede und Jennie zum Haus schleichen sollten. Langsam und bedächtig näherten sich die Mädchen dem Blockhaus der Hexe, als beide plötzlich mit dem Kopf gegen etwas stießen.

 

"Aua, was ist denn das?", stöhnte Jennie und rieb sich den Kopf.

 

Elfriede tastete in der Luft herum, wie an einer Glasscheibe. Sie schlug erst mit der flachen Hand und dann mit der Faust gegen irgend etwas.

 

"Eine unsichtbare Mauer", flüsterte sie, "da kommen wir nicht durch, lass uns zurückschleichen."

 

 

 

Ein paar Minuten später berieten sie mit ihren Freunden, was nun zu tun sei.

 

Bernie schlug vor, mit Sprengstoff zu versuchen, die unsichtbare Mauer in die Luft zu jagen. Susi meinte, es sei am besten, sich unter der Mauer durchzugraben.

 

Elfriede schließlich meinte, dass es Zeit wäre, Zwergenkönig Alberich einen Besuch abzustatten.

 

"Bestimmt kennt er einen Gegenzauber!", meinte sie.

 

"Oder er hat einen Schlüssel oder so etwas", fügte Rosie hinzu.

 

Diesmal war es Bertha, die verzweifelt mit den Augen rollte: "Wie bitte schön, soll man denn bei einer unsichtbaren Wand ein unsichtbares Schlüsselloch finden?"

 

"Na ja, mit einem Geheimzauber oder so etwas", antwortete Rosie verunsichert.

 

"Egal, das können wir nur herausfinden, wenn wir Alberich fragen, also lasst uns jetzt losgehen."

 

 

 

Wer schon einmal eine Karte vom Zauberwald gesehen hat, der weiß, dass der Weg dorthin etwas schwierig ist. Über den Fluss, der das Gebiet der Hexe vom Reich des Zwergenkönigs trennt, führt nämlich keine Brücke. Unsere Freunde mussten daher einen geeigneten Baumstamm suchen, den sie über den Fluss legen konnten. Einer nach dem anderen balancierte dann über den Stamm, und bis auf Bertha kamen alle heil und trocken an.

 


"Warum immer ich?", heulte Bertha, "Seht nur wie ich aussehe!"

 

"Ich glaube, Bruno hätte seine helle Freunde an dir, "quietschte Rosie vor Vergnügen. "Wenn wir dich mit ein paar Regenwürmer behängen würden, dann wärst du bestimmt interessant für ihn."

 

 

 

Bertha hielt es nicht für notwendig, auf so etwas zu antworten. Sie versuchte, so gut es ging, den Schlamm von ihrem Kleid zu entfernen, allerdings ohne Erfolg. Der Schlamm ging nicht ab, und je mehr sie rieb, desto mehr verteilte sie den Schlamm über das ganze Kleid.

 

 

 

Inzwischen waren sie beim Häuschen des Zwergenkönigs Alberich angekommen. Es war Mittag und Alberich lag auf einer Liege im Garten und schnarchte. Neben ihm stand Jule, sein treuer Schimmel. Als die Freunde sich näherten, wieherte Jule und sah zu Alberich hin. Der jedoch schnarchte weiter. Jule stupste ihn mit der Schnauze, damit er aufwachte. Leider hatte Jule etwas zu kräftig geschubst, und der Zwergenkönig flog mitsamt seiner Liege auf den Boden.

 

"Mensch, Jule", erhob er sich stöhnend, "du sollst mich doch etwas vorsichtiger wecken!"

 

Dann sah er die Freunde und lief strahlend auf sie zu.

 

Als er jedoch ihre traurigen Gesichter sah, blieb er vor ihnen stehen und fragte mit gesenktem Kopf: "Wieder die alte Karla?"

 

"Ja", entgegnete Elfriede und nickte.

 

"Diesmal hat diese miese Hexe meinen kleinen Bruder entführt und eine unsichtbare Mauer um ihr doofes Hexenhaus gezaubert."

 

"Das sollte kein großes Problem sein. Karla hat in der Hexenschule sowieso nie richtig aufgepasst, und bestimmt gibt es eine oder mehrere Lücken in der Mauer. Es gibt einen Trick, um das herauszubekommen. Am besten machen wir uns gleich auf den Weg."

 

Der Zwergenkönig ging in sein Haus, holte seinen Zauberhut und einen Korb mit Kräutern. Den Korb mit den Kräutern legte er auf einen Holzwagen. Der Holzwagen besaß eine Deichsel, die nahm er in beide Hände und pfiff. Jule kam brav angetrabt und stellte sich vor den Wagen, während der Zwergenkönig die Deichsel am Geschirr des Pferdes befestigte.

 

 

 

"Alle einsteigen", rief er nun und mit einem Blick auf Bertha fügte er hinzu: "Wir wollen doch nicht in den schlammigen Fluss fallen, oder?"

 

Bertha presste die Lippen fest zusammen und tat so, alles hätte sie nichts gehört, während Rosie vor sich hin gluckste. Nachdem alle auf den Wagen geklettert waren, konnte sich Rosie noch immer nicht beruhigen: "Wir wollen doch nicht in den schlammigen Fluss fallen, hö, hö, wir wollen doch kein Schlammbad nehmen, hö, hö, Schlammbad, hö, hö, hö!"

 

 

 

Es ging los, und Jule begann zu traben, immer schneller und schneller. Schließlich hob das Pferd ab, und unsere Freunde flogen mit ihm durch die Luft.

 

Während des Fluges war immer wieder Rosies gackernde Stimme zu hören: "Wir wollen doch kein Schlammbad, nehmen, hö, hö, ist das komisch, pruust, Schlammbad, hö, hö, ich kann nicht mehr!"

 

 

 

Bertha drehte sich angewidert von Rosie weg und sah zur anderen Seite, doch als sie den Wald tief unter sich erblickte, wurde sie blass und hielt sich krampfhaft am Wagensitz fest. Warum musste sie immer in solche Situationen kommen, gerade sie, die nicht schwindelfrei war? Warum musste sie so eine bescheuerte Freundin wie Rosie haben? Sie sah zu Rosie hin, und als ihre Blicke sich kreuzten, prustet Rosie wieder los: "Schlammbad, hö,hö, ein Schlammbad nehmen, das ist cool, hö, hö!"

 

Schließlich setzte Zwergenkönig Alberich den Wagen etwa hundert Meter von dem Haus der Hexe Karla entfernt vorsichtig auf den Boden auf.

 

"So", meinte er, "wir müssen jetzt ganz leise sein!"

 

"Hö, hööööh", grölte Rosie plötzlich los, "ganz leise ein Schlammbad nehmen, hö, hö!"

 

"Die bleibt besser beim Wagen", seufzte Alberich und deutete auf Rosie, die sich vor Lachen auf dem Sitz des Holzwagens kugelte.

 

 

 


Während Rosie nun also bei Jule und dem Wagen blieb, näherten sich unsere Freunde vorsichtig und leise dem Blockhaus der Hexe. Es war merkwürdig, eben gerade war das Wiehern und Lachen von Rosie in der Ferne verstummt, als nun aus der Richtung des Hexenhauses Laute zu vernehmen waren. Es klang, als wenn jemand schimpfte und schrie. Neugierig schlichen unsere Freunde bis hin zu der Stelle, an der die unsichtbare Mauer war. Der Zwergenkönig griff in den Korb mit den Kräutern und holte ein Büschel rötlich-grüner Pflanzen hervor.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Ganz gewöhnliches Heidekraut", meinte er und zerrieb es mit beiden Händen. Dann warf er hier und dort etwas gegen die Mauer und siehe da, etwas von dem Kraut blieb in der Luft hängen, der Rest fiel zu Boden. Ein paar Minuten lang warf er immer wieder ein wenig Kraut gegen die unsichtbare Mauer. Schließlich sagte er: "Seht ihr? Da, wo das Kraut hängen bleibt, ist die unsichtbare Barriere ganz fest, und da, wo das Kraut nicht hängen bleibt, sind Löcher. Ah, hier ist ein besonders großes Loch, durch das werden wir nun hindurchschlüpfen!"

 

 

 

Alberich ging voran und die Freunde folgten ihm. Der Krach, der aus dem Hexenhaus kam, war inzwischen so laut geworden, dass unsere Freunde stehen blieben und lauschten. Schon nach kurzer Zeit hellten sich ihre Minen auf, und sie schöpften wieder neuen Mut.

 

 

 

"Du verdammte kleine Kröte! Lass das! Nimm deine ungewaschenen Finger von meinem Hexengebräu! Was machst du mit meinem Zauberstab, du wirst uns alle in die Luft jagen! Mach endlich die Gefängnistür wieder auf, sonst wirst du es bitter bereuen!"

 

"Scheinbar hat Karla Schwierigkeiten", grinste der Zwergenkönig.

 

"Wenn ich mal was sagen dürfte", begann Bertha, "offensichtlich kann dein lieber Bruder eines ganz besonders, nämlich Chaos und Schrecken verbreiten!"

 

 

 

Elfriede grinste und war unheimlich stolz auf ihren kleinen Bruder. Auch wenn er manches Mal eine elende Landplage war, so fand sie doch, das er auch seine genialen Seiten hatte. Aber wie hatte er die Hexe in ihr eigenes Gefängnis gelockt? Das musste sie nun unbedingt herausfinden und ging auf die Tür des Hexenhauses zu.

 

 

 

"Neeeeeiiiiin", hörte sie in diesem Moment die Hexe in den lautesten Tönen schreien, "nicht das Knallkraut! Nein, wirf es nicht in den Kochtopf, du wirst uns alle in die Luft..."

 


Ein lauter Knall unterbrach ihre verzweifelten Worte. Blitzschnell warf sich Elfriede auf den Boden und hielt die Luft an. Sie hielt sich schützend die Hände vor das Gesicht und blinzelte zwischen ihren Fingern hindurch zum Hexenhaus hin. Aus dem Dach quoll dicker Rauch hervor, immer mehr und mehr, bis sich schließlich das gesamte Dach hob und über die Wipfel der Bäume hinweg schwebte. Die Wände des restliches Hauses wankten und begannen, sich langsam nach außen zu neigen, bis sie krachend zur Seite fielen.

 

 

 

Nachdem sich der Rauch ein wenig verzogen hatte, sah Elfriede, was passiert war. Das Haus der Hexe hatte nun kein Dach und keine Wände mehr; nur der Fußboden war übrig geblieben. In dem Teil, der einmal die Küche war, stand Bruno mit dem Zauberstab der Hexe und machte ein verlegenes Gesicht. Rechts daneben lagen die Reste des Gefängnisses, das Elfriede und ihre Freunde nur zu gut kannten. Zwischen den Resten des Gefängnisses lag die Hexe. Sie grinste freundlich und sprach: "Oh, meine Herrschaften, bitte kommen sie doch herein! Was kann ich für sie tun? Nanu, was mache ich denn auf dem Boden, und was ist das für ein netter, kleiner Junge da am Kochherd?"

 

"Meine Güte", stöhnte Jennie, "die ist total durchgeknallt!"

 

"In der Tat scheint die Explosion sie ein bisschen durcheinander gebracht zu haben", grinste Elfriede. "Kann man was dabei machen, lieber Alberich?"

 

"Könnte ich schon, Elfriede, aber wozu? Mir gefällt sie einfach besser so, wie sie jetzt ist. Hoffentlich hält das noch eine Weile vor."

 

Elfriede sackte ihren Bruder ein, und lachend gingen unsere Freunde zurück zu Rosie und Jule. Die Hexe rief ihnen hinterher, dass sie noch bis zum Abendessen bleiben sollten, aber das interessierte unsere Freunde nicht.

 

 

 

Als Rosie ihre Freunde gesund und munter wiederkommen sah, lief sie aufgeregt auf sie zu, umarmte Bruno und wollte wissen, was passiert war.

 

"Bruno hat das Haus der Hexe in die Luft gejagt", erklärte Bernie.

 

"Die Hexe ist jetzt sozusagen durchgeknallt!", ergänzte Alberich.

 

"Sozusagen durchgeknallt, das ist gut", grölte Rosie, "das ist ja noch besser als Schlammbad, hö, hö, hö!"

 

"Geht das wieder los", stöhnte Bertha und stieg in den Wagen ein.

 

Lachend setzte sich Rosie neben sie, warf ein Blick auf Berthas noch immer verschmutzte Kleidung und prustete wieder los.

 

"Du- du- durchgeknalltes Schlammbad, hö, hö, hö", gackerte Rosie, während sich nun der Wagen in die Lüfte erhob und zurück zum Haus des Zwergenkönigs flog.

 

 

 


Dort angekommen setzen sich unsere Freunde erst einmal zusammen und beratschlagten, was sie nun machen sollten. Zwischendurch wurde Rosie vor die Tür gesetzt, weil durch ihr ständiges Gegacker keiner auf eine vernünftige Idee kam. Nach einer Stunde intensiver Beratung fasste Elfriede ihren Beschluss zusammen: "Wir müssen also nach Schottland. Da keiner von uns ein Wort schottisch versteht, brauchen wir die Armbänder von Profdok Hurry. Ihr wisst doch, diese Übersetzungsarmbänder, mit denen wir uns in Australien mit den Aborigines verständig hatten."

 

Ihre Freunde nickten, und somit fuhr Elfriede fort: "Leider haben wir nur noch eines davon, also brauchen wir erst einmal den Verdoppler von Mona und Moya. Wir müssen Kontakt mit ihnen aufnehmen, hat jemand eine Idee, wie?"

 

"Morsezeichen", schlug Jennie vor.

 

 

 

"Wir nehmend eine starke Taschenlampe und blinken sie an."

 

"Gut", nahm Elfriede nun ihre Rede wieder auf, "das ist also unsere nächste Aufgabe. Wenn wir genug Armbänder haben, können wir uns in Schottland mit den Einheimischen verständigen. Hoffentlich dauert die Suche nicht zu lange. Jetzt bleibt noch die Frage, wie wir überhaupt dorthin kommen. Das Zauberfläschchen wird uns helfen, allerdings wissen wir vorher nie, wo wir landen werden. Da muss uns Professor Hastig helfen, vielleicht kann der das Zauberfläschchen irgendwie auf Schottland einstellen. Machen wir uns also gleich auf den Weg, noch Fragen?"

 

"Ja, eine Frage habe ich noch", rief Bertha "müssen wir deinen Bruder mitnehmen?"

 

Alle sahen zu Bruno, der gerade in einer Ecke lag und sich intensiv mit einer Ameise beschäftigte.

 

"Wohl eher nicht", sagte Elfriede , "der bleibt besser zuhause."

 

 

 

"Wie machen wir das denn mit den Dosenzeichen?", fragte Rosie, als später alle zusammen in Elfriedes Zimmer saßen.

 

"Dosenzeichen?", fragte Marie ungläubig.

 

"J- ja", stotterte Rosie, "die Dinger mit denen wir Mona und Moya rufen wollen."

 

"Du weißt auch nix", spottete Bertha, "das heißt Morsezeichen."

 

"Und was ist das, bitte schön, Fräulein Schlauschwein?"

 

"Äh, das ist irgendwas zum Piepen oder so..."

 



 

"Hö, hö", grölte Rosie und rollte sich auf dem Teppichboden, "zum Piepen, das ist echt cool, Fräulein Superschlauschwein, zum Piepen, hö, hö, durchgeknalltes Schlammbad, hö, hö!"

 

"Es ist mal wieder soweit", stöhnte Elfriede.

 

 

 

In diesem Moment klopfte es an der Tür, und Bommel trat ein.

 

"Guten Abend, äh, hat jemand meine Hausschuhe gesehen, ich suche sie schon seit einer halben Stunde?"

 

"Die sind durchgeknallt und nehmen ein pfeifendes Schlammbad", gackerte Rosie und wälzte sich auf dem Fußboden. "Hausschuhe, hö, hö, hö!"

 

Bommel zuckte mit den Schultern: "Wieso Schlammbad?", fragte er verwundert Rosie.

 

"Na, sie wissen doch, Herr Bommel, Schweine sind reinliche Tiere, voll durchgeknallt, hö, hö!"

 

 

 

Bommel sah ein, dass eine weitere Diskussion sinnlos war und verließ das Zimmer, um seine Hausschuhe woanders zu suchen.

 

 

 

"Das letzte Mal hat er sie in der Badewanne wiedergefunden. Bruno hatte damit einen Fährdienst für Kellerasseln eingerichtet."

 

Elfriede sah ihren Bruder grinsend an, allerdings verschwand ihr Grinsen in dem Moment, als sie sah, dass Bruno an ihrem Puppenhaus herumfummelte.

 

"He, lass das, Finger weg", fuhr sie ihn an, "sonst schmeiße ich deine Autos aus dem Fenster!"

 

Das wirkte, sofort ließ Bruno seine Finger von dem Puppenhaus und setzte sich gerade hin.

 

"Wie hast du überhaupt die Hexe in das Gefängnis gelockt?", wollte Elfriede nun wissen.

 

"Als mich die blöde Alte in ihr Haus gezerrt hatte, habe ich sie in den Finger gebissen, und sie hat mich losgelassen. Dann haben wir eine Verfolgungsjagd gemacht, und als sie gestolpert war, fiel ihr der Zauberstab aus der Hand. Na, und dann habe ich den Zauberstab ins Gefängnis geschleudert, und sie ist hinterhergerannt. Als die doofe Hexe wieder aus dem Gefängnis rausrennen wollte, habe ich die Gefängnistür zugeknallt, und sie ist dagegen geknallt. Dabei fiel ihr wieder der Zauberstab aus der Hand, und sie war drin, die Tür war zu und der Zauberstab war draußen."

 



 

Rosie fing wieder an zu gackern: "Sie war drin und die Tür war zu, hö, hö, hö! Köstlich durchgeknallt, hö, hö!"

 

"Und dann hast du ihre Kochrezepte ausprobiert?", fragte Elfriede weiter.

 

"Nö, die Schmierschrift konnte ich nicht lesen, aber ich hatte Hunger und dachte, ich koche mir was."

 

"Er hat sich was gekocht", gackerte Rosie, "und mit dem Zauberstab hat er die Zauberkräuter umgerührt, ich lach mich schlapp, bummm, weg war das Haus!"

 

"Sehr schön, Rosie", gähnte Elfriede gelangweilt, "können wir jetzt weitermachen? Wo waren wir stehen geblieben?"

 

"Bei den Morsezeichen und was das ist", antwortete Jennie und fuhr fort: "Die Morsezeichen stammen von einem Mann namens Samuel Morse. Zu einer Zeit, in der es noch keine Funkgeräte oder Telefone gab, kam er auf die Idee, Strom zur Übermittlung von Nachrichten zu nehmen. Wenn man von hier bis zur nächsten Stadt eine Leitung legt und an das Ende der Leitung eine Glühbirne setzt, dann braucht man auf dieser Seite nur Strom in die Leitung zu geben, und in der anderen Stadt geht das Licht an."

 

"Denen geht dann ein Licht auf, hö, hö", gluckste Rosie, "an, aus, an, hö, hö, dann wissen die, dass es Zeit ist ein Schlammbad zu..."

 

Weiter kam Rosie nicht, denn Bertha hielt ihr den Rüssel zu.

 

"Danke, Bertha", sagte Jennie und fuhr fort.

 

"Nun brauchen sich beide Seiten nur darauf zu einigen, wie oft und wie lange die Glühbirne brennen muss, um etwas Bestimmtes mitzuteilen. Also hat Morse das Alphabet in kurze und lange Signale umgeschrieben und das Morse-Alphabet festgelegt. Wenn ich jetzt die Glühbirne einmal kurz und einmal lang aufleuchten lasse, dann bedeutet das 'A'. Das kann man auch mit einer Taschenlampe über große Entfernungen machen. Auf diese Art und Weise können wir Lichtsignale ins Weltall senden, um Mona und Moya zu benachrichtigen."

 

"Gut", meinte Elfriede, "fangen wir also gleich heute Nacht damit an. Wir treffen uns kurz nach Mitternacht in unserem Garten."

 

 

 

Unsere Freunde saßen noch ein paar Minuten zusammen, dann löste sich die Versammlung auf, und alle gingen nach Hause. Elfriede und Bruno waren noch alleine im Zimmer und überlegten, was sie jetzt noch spielen konnten, doch bevor ihnen etwas eingefallen war, rief ihre Mutter sie zum Abendbrot.

 

 

 

"Na", begann Papa Bommel beim Essen, während er sich ein Stück Käse in den Rüssel schob, "was hat euere außerordentlich wichtige Versammlung ergeben?"

 

"Wir werden Signale in den Weltraum schicken, damit uns Außerirdische helfen kommen", sagte Elfriede gelangweilt.

 

"Genau", rief Bruno mit vollen Backen, "mit Morsezeichen!"

 

"Oh, natürlich", grinste Bommel, "da hätte ich auch selber drauf kommen können. Bruno, heb bitte die Wurst auf, die ist dir beim Sprechen aus dem Mund gefallen und liegt jetzt unterm Tisch!"

 

 

 

Ansonsten gab es nichts Erwähnenswertes mehr, höchstens, dass Frau und Herr Bommel sehr erstaunt waren, dass beide Kinder aufs Fernsehen verzichteten und früh ins Bett wollten.

 

"Die frische Luft", erklärte Gertrude Bommel ihrem Mann, "die wirkt Wunder. Die beiden sind jetzt richtig ausgetobt und fertig für heute."

 

 

 

Gegen Mitternacht, als Frau und Herr Bommel in ihren Betten lagen und friedlich vor sich hin schnarchten, kam Bewegung ins Haus.

 

 

 

"Vorsicht!", fauchte Elfriede, "Latsch nicht immer über meine Bastelsachen!"

 

"Du lässt den Müll auch überall rumliegen", fauchte Bruno zurück.

 

"Das ist kein Müll und guck endlich vor die Füße, sonst erwischen uns die Alten noch!"

 

Leise schlichen die beiden nun durch den Flur und dann weiter durch den Keller bis hin zur Gartentür. Dort warteten ihre Freunde schon auf sie.

 

"Alle da?", fragte Elfriede in die Runde und Bertha antwortete: "Alle bis auf Rosie. Ich habe genau gesehen, was passiert ist. Sie ist von ihrer Mutter erwischt worden, als sie an der Küche vorbeigeschlichen ist. Ihre Mutter war nämlich mitten in der Nacht am Kühlschrank und hat was gegessen, stellt euch das mal vor!"

 



 

 

 

"Und woher weißt du das so genau?", fragte Daisy.

 

"Ich? Äh, nun, ich habe durch das Schlüsselloch der Haustür geguckt. Ich musste doch schließlich wissen, was los war, oder?"

 

"Wenigstens gackert jetzt keiner herum und verrät uns womöglich", grinste Susi.

 

"Gut, dann lasst uns anfangen!"

 

 

 

Jennie holte die Taschenlampe heraus, während Bernie ganz genau den Himmel betrachtete. Er zeigte mit dem Finger auf die Stelle, wo der Heimatplanet von Mona und Moya war und Jennie richtete die Taschenlampe dorthin.

 

"Kurz-kurz-kurz, lang-lang-lang, kurz-kurz-kurz, kurz-kurz-kurz, lang-lang-lang, kurz-kurz-kurz, ..." gab sie sich selber das Kommando und erklärte: "Dreimal kurz ist das Zeichen für S, dreimal lang ist das Zeichen für O, dann folgt noch einmal dreimal kurz für S. Diese Zeichenfolge ergibt SOS und das heißt auf Englisch: Save Our Souls. Das wiederum bedeutet 'rettet unsere Seelen' oder ganz allgemein: Helft uns."

 

 

 

Nach ein paar Minuten machte Jennie eine Pause und betrachtete mit Bernie zusammen angestrengt den Himmel. Dann machten sie weiter bis zur nächsten Pause.

 

 

 

"Kann das lange dauern, bis Antwort kommt?", fragte Marie aufgeregt. "Ich meine, eine Antwort auf einen Brief dauert manchmal auch sehr lange."

 

"Die Lichtgeschwindigkeit ist die schnellste Geschwindigkeit, die es gibt. Licht besteht aus reiner Energie und hat keine Reibungsverluste."

 

Erstaunt sahen sich alle zu Bruno um und Bernie nickte anerkennend: "Nicht schlecht!"

 

Dann wandte er sich wieder dem Nachthimmel zu. Jennies Finger waren inzwischen lahm geworden und gerade wollte Bernie mit den Signalen weitermachen, als Jennie rief: "Da! Sie antworten!"

 

 

 

Sie nahm einen Schreibblock und einen Stift, den sie

 

mitgenommen hatte und schrieb: "Lang-lang-lang, lang-kurz-lang - das heißt OK! Sie haben okay gesagt, also kommen sie!"

 

 

 


"Interessant, wer kommt denn noch zur Party?", ertönte eine tiefe Stimme.

 

Entsetzt drehten sich unsere Freunde um. Vor ihnen stand ein Polizist.

 

"Komme ich zu spät?", ertönte genau in diesem Moment Rosies heisere Stimme.

 

"Ich konnte nichts dafür, meine Mutter hat mich erwischt!"

 

"Am Kühlschrank, wie?", fragte Bertha spöttisch.

 

"Nein, meine liebe Bertha, rein zufällig. Mein Mutter hat gesagt, sie hätte noch schnell die Küche gewischt!"

 

"Um Mitternacht, allerliebste Rosie, das glaubst du doch selber nicht!"

 

"Ach, und warum nicht, allerliebste Bertha? Meine Mutter nimmt jedenfalls keine Schlammbäder!"

 

"Und ich stopfe keine verfaulten Tomaten in anderer Leute Turnschuhe! Herr Wachtmeister, sagen sie doch mal etwas dazu!"

 

"Ich, äh, nun ich habe auch schon einmal in der Nacht die Küche geschrubbt, als die Waschmaschine ausgelaufen war, aber..."

 

"Na, da hörst du es doch, meine liebste Bertha, der Wachtmeister wischt in der Nacht auch seine Küche!"

 

"Du hast doch eben gehört, dass er eine kaputte Waschmaschine hat!"

 

"Na und? So ein Wachtmeister ist den ganzen Tag draußen und wenn er mit Schlammfüßen nach Hause kommt, dann muss er schließlich alles wieder sauber feudeln. Schlammfüße, hö, hö, das ist gut, der Wachtmeister hat Schlammfüße, hö, hö, hö!"

 

"Sei still", flüsterte Bertha ihr zu, "sonst werden wir alle verhaftet!"

 

 

 

"Darf ich fragen, was die jungen Herrschaften um diese späte Stunde draußen zu suchen haben? Ist es nicht längst Zeit, im Bett zu sein?"

 

"Äh, Herr Wachtmeister, ich habe damit nichts zu tun, ich bin nur von dem Krach geweckt worden", jammerte Bertha. "Bitte verhaften sie mich nicht, ich bin nur ein armes Opfer, und meine Turnschuhe sind nicht wieder richtig weiß geworden!"

 

"Sie ist eine alte Petze, Herr Wachtmeister", rief Rosie empört, "ein paar Tage Einzelhaft würden ihr gut tun! Am besten wäre es, die Außerirdischen nehmen sie gleich mit!"

 

 

 

In diesem Moment ging im Nachbarhaus, in dem die Familie Schwarte wohnte, ein Fenster auf, und die genervte Stimme von Rosie Vater ertönte: "Geht das mal ein bisschen leiser? Ich muss morgen ganz früh aufstehen! Ruhe, sonst hol ich die verdammten Bullen!"

 

 

 

Der Wachtmeister traute seinen Ohren nicht und ging zum Gartenzaun, der die Grundstücke der Familien Bommel und Schwarte trennte.

 

"Herr", raunzte er Herrn Schwarte an, "wie wäre es, sie gehen mit gutem Beispiel voran und grölen nicht so rum!"

 

 

 

Als Herr Schwarte sah, dass er einen Polizisten vor sich hatte, wurde er sofort freundlich und grinste verlegen.

 

"Selbstverständlich, Herr Oberpolizeimeister, gute Nacht und einen schönen Tag noch!", stotterte er. Dann schloss er das Fenster. Der Wachtmeister stand nun zehn Meter von unseren Freunden entfernt am Gartenzaun und suchte einen Notizblock hervor, um einen Bericht zu schreiben. In diesem Moment betrat Bommel die Szene, er sah unsere Freunde und gähnte: "Sagt mal, Kinder, wollt ihr nicht langsam mit dem Krach aufhören? Ihr wollt doch nicht, dass die Bullerei hier vorbeigelatscht kommt? Ich habe keine Lust, dass mir die Bullen mit ihren Quadratfüßen meinen schönen Rasen ruinieren."

 

"Papi, äh, da drüben..."

 

"Ist schon gut, Elfriede, die Bullerei kommt sowieso nicht. Besonders nicht, wenn man sie braucht, hä, hä! Kennt ihr eigentlich meine Polizistenwitze?"

 

"Papi, vielleicht solltest du..."

 

"Genau, Elfriedchen, ich sollte sie jetzt erzählen, also: Warum kommen Polizisten mit dem Hintern nicht hoch? Weil sie immer auf ihren Ohren sitzen, ha, ha!

 

Und was sieht aus wie ein Dackel und ist doch kein Dackel?

 

Ein Polizist nach 20 Dienstjahren! Ha, ha, weil er immer auf seinen Ohren gesessen hat, ha, ha!"

 

 

 

Bommel hatte vor Lachen Tränen in den Augen. Er wollte gerade zum nächsten Witz ansetzen, als der Wachtmeister ihm lächelnd auf die Schulter klopfte.

 

 

 


"Oh, Herr Wachtelmeister", murmelte Bommel verlegen, "hat ihnen schon mal jemand gesagt, dass sie wunderschöne Ohren haben?"

 

"Papiere!"

 

"Keine Ohren?"

 

"Ich will ihre Papiere sehen, Herr!"

 

Da traten Daisy, Elfriede und Jennie vor.

 

"Es ist alles unsere Schuld, Herr Wachtmeister", sagte Daisy.

 

"Wir wollten nur mal den Sternenhimmel angucken, weil, äh, weil wir das für die Schule brauchen."

 

"Genau", ergänzte Jennie, "wir wollten gerade alle wieder ins Bett gehen!"

 

"Na, schön", knurrte der Polizist und sah immer noch böse aus, "dann will ich mal ein Auge zudrücken! Aber jetzt marsch, ab in Bett!"

 

"Alles klar", sagte Elfriede, "und gute Nacht, Herr Wachtmeister!"

 

Sie ging zusammen mit Bruno schnell ins Haus.

 

Die anderen verschwanden ebenfalls so schnell wie möglich, und als letzte trabte Rosie davon.

 

"Gute Nacht!", rief sie dem Wachtmeister zu und kletterte langsam über den Gartenzaun zum Haus ihrer Eltern.

 

 

 

Bommel ging als letzter zur Haustür, sah sich noch einmal zum Wachtmeister um und sagte dann: "Gute Nacht, Herr Wachtelmeister. Haben sie schon mal daran gedacht, Ohrringe zu tragen?" Darauf hin ging er schnell ins Haus und schloss die Tür von innen zu.

 

"Sie unverschämter Kerl, ich werde sie im Auge behalten!" grölte der wütende Wachtmeister. In diesem Moment ging bei Familie Schwarte wieder das Fenster auf, und Rosies Vater, der durch das Gegröle erneut aus dem Schlaf gerissen worden war, rief in den Garten hinaus: "Du hast gleich noch etwas ganz Anderes im Auge, du Blödmann!"

 

 

 

Wachtmeister Bertrams drehte sich ganz langsam um. Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. Der Mond war inzwischen herausgekommen, und Herr Schwarte erkannte nun, wer da im Garten gebrüllt hatte. Schnell knallte er das Fenster zu und machte das Licht aus.

 

 

 



 

"Ich mach euch alle fertig", schrie Wachtmeister Bertrams, der nun die Nerven endgültig verloren hatte.

 

"Ich werde jeden einzelnen verhören und ausquetschen!"

 

 

 

In diesem Moment fuhr ein Streifenwagen vorbei. Die beiden Polizisten in dem Wagen hatten gerade Feierabend und waren auf dem Heimweg, doch was sich hier abspielte, interessierte sie.

 

"Ihr glaubt wohl, ich bin ein Hanswurst", tobte Wachtmeister Bertrams weiter und trat gegen den Gartenzaun.

 

"Schlammfüße habe ich? Ich bin ein Dackel, häh? Wisst ihr, was der Dackel jetzt machen wird? Der wird gegen euren Gartenzaun pinkeln!"

 

Noch bevor es dazu kommen konnte, waren die beiden Streifenpolizisten ausgestiegen und hielten den Wachtmeister fest.

 

"Du kommst lieber mit uns, Kollege!", riefen sie und schleiften den pöbelnden Bertrams über den Rasen.

 

"Ihr glaubt wohl, ihr könnt mich alle fertig machen? Macht euere Turnschuhe selber sauber! Ha, ich bin ein Außerirdischer!"

 

 

 

Während der eine Polizist den schimpfenden Wachtmeister in den Streifenwagen zerrte, sah sich der andere noch einmal im Garten der Familie Bommel um. Dabei entdeckte er Bommel, der grinsend aus dem Fenster guckte.

 

"Heh, sie!", rief der Polizist und zog seinen Notizblock aus einer Tasche seiner Uniform. "Können sie mir sagen, was sich hier abgespielt hat?"

 

"Keine Ahnung", antwortete Bommel, "der Kerl randaliert hier schon seit einiger Zeit, ist wohl irgendwie durchgeknallt."

 

"Vielen Dank, mein Herr, wir werden uns schon um den Kerl kümmern."

 

 

 

Der Polizist grüßte Bommel freundlich und ging zum Wagen zurück.

 

 

 

Von seinem Fenster aus konnte Bommel beobachten, dass Wachtmeister Bertrams inzwischen auf den Rücksitz des Streifenwagens saß. Er trug jetzt Handschellen. Vergnügt zog Bommel die Gardinen wieder zu und ging zum Bett zurück. Natürlich konnte er in diesem Moment nicht ahnen, dass er Wachtmeister Bertrams schon bald wiedertreffen würde.

 

 


 

 

 

3. Kapitel

 

 

 

 

 

Island

 

 

 

 

 

In der Zwischenzeit hatte McClown mehrere Probleme. Erstens hatte er immer noch keine Ahnung, wohin die Reise mit dem Fischkutter ging und zweitens hatte er nichts zu Essen. Hinzu kam die Sorge um die Hamster, denn inzwischen hatte er die kleinen Tierchen ins Herz geschlossen. Jeden Abend vor dem Schlafengehen erzählte er ihnen schottische Märchen, was für die kleinen Nachttiere aber jedesmal der Auftakt zu einer Party war. Somit hatte McClown ein weiteres Problem: Er fand kaum Schlaf, denn einerseits hielt ihn der Krach der feiernden Hamster wach, andererseits musste er ständig an ihre kleinen Knopfaugen denken, die ihn hungrig ansahen. Er musste etwas unternehmen, und so beschloss der verzweifelte Butler, sich zu stellen. Bestimmt waren die Zeiten, in denen blinde Passagiere über Bord geworfen wurden, längst vorbei. Schlimmstenfalls würde man ihn im nächsten Hafen der Polizei übergeben.

 

 

 

McClown warf einen letzten Blick auf die schlafenden Hamster und stieg aus dem Rettungsboot. Ein kalter Wind pfiff ihm ins Gesicht, und er hatte das Gefühl, seine Ohren würden abfrieren. Er sah sich vorsichtig um. Es war ein recht kleines Schiff, und von der Mannschaft war nichts zu sehen. Ein altes Netz lag an Deck herum, und McClown hatte den Eindruck, dass es schon lange nicht mehr benutzt worden war. Zwar verstand er nichts von der Seefahrt, aber irgend etwas sagte ihm, dass dies kein normales Schiff war. Nachdem er über einen alten Fender gestolpert war, öffnete er die Tür zur Kajüte. Er erwartete, nun von allen Seiten gepackt und verhört zu werden, aber nichts geschah.

 

 

 

"Nu komm' mol in de Plünn! Komm rin und mook de Döör dicht!"

 

McClown erschrak, tat aber, wie ihm geheißen wurde und trat näher. Auf einem alten Sessel saß ein alter Mann mit einem weißen Vollbart, hatte die Füße auf dem Steuerrad und rauchte eine Pfeife.

 



 

"Ick heb' mi a froot, wolang dat noch duert, bitt du mi beseuken deist", fuhr der Kapitän fort. "Is di de Oars noch ne affroarn?"

 

"Nun, Sir", antwortete McClown steif, "in der Tat ist es recht frisch."

 

"Recht frisch?" Der Kapitän lachte laut und drehte sich um. "Mien Jung, du gefaals mi!"

 

"Danke, Sir. Wenn ich mir eine Bitte erlauben dürfte: Haben sie wohl etwas zum Essen für meine Hamster und mich?"

 

"Hamster? Hess du mi Rotten an Board schleept?"

 

"Nein, Sir, Hamster sind keine Ratten, es sind friedliche Tierchen, Sir."

 

Der Kapitän zog an seiner Pfeife, nahm eine Kaffeekanne und kippte sich etwas Kaffee in seine Tasse, die auf einem großen Kompass stand.

 

"Hol di man'n Pütz ut de Kombüs", fuhr der Kapitän fort, "ick heb a lang spitz kreen, dat du in'n Koon stickst. Haas di hüt ne zeicht, ha ick di holt! Kiek' mo ut' Firster! Dor kummt 'n Störbn up, dat ward bannich pussen, kanns koppheister öber Board gohn."

 

"Sehr liebenswürdig, Sir."

 

"Sech nich 'Sör' to mi, sech Koptein."

 

"Sehr wohl, Sir Kapitän", entgegnete McClown, "wenn ich mir noch eine Frage erlauben dürfte, Sir, äh, Sir Kapitän ..."

 

"Wenn du noch mol 'Sör Kapitän' to mi sechst, kanns glick wedder no buten in 'n Koon gon!"

 

"Wie S..., äh, wie Kapitän meinen", entgegnete McClown verlegen. "Verzeihung, äh, Kapitän ", fuhr er nun fort, "wo, bitte schön, befindet sich diese 'Kombüse' von der sie sprachen, und was ist eine 'Pütz'?"

 

Der Kapitän lachte laut und antwortete: "Büs noch' nich' lang op düsse Wilt, wat? Arme Landratte, 'n Kombüs is'n Kök un 'n Pütz is' 'n Beeker, allns klor?"

 

"Sehr aufmerksam, S..., äh, Käpt'n, ich habe den Becher gefunden. Darf ich mir nun einen Schluck Kaffee nehmen?"

 

"Seg' mol, hess dacht, du schass dor rin pinkeln? Kloar kaas du 'n Kaffee hebben!"

 


"Vielen Dank, Käpt'n, ich weiß ihre Liebenswürdigkeit zu schätzen."

 

Der Kapitän drehte sich zu Butler McClown um, zog wieder an seiner Pfeife und sagte mit leiser Stimme: "Seck an, hast du zu viel Süßholz gefressen, oder was? So 'ne manierliche Sprache kannst du dir hier an Bord abschminken. Is' schon komisch genug, dass jemand 'Blinder Passagier' auf'm abgetakelten Kutter spielt und 'n halben Zoo mitschleppt. Nu' sech' mi mol, wo büss to hus un' wat deist, wenn du nich' mit dien Pelzmüüs über 't Meer schippers?"

 

 

 

So saßen die beiden Männer in der Kombüse, und McClown erzählte dem Kapitän alles, an das er sich noch erinnern konnte. Er erzählte ihm von Schottland, vom Lord und dem, was er bisher so erlebt hatte. Nur, warum er einen ganzen Karton voller Hamster mit sich herumschleppte, das wusste er nicht mehr so genau.

 

 

 

"Tja", meinte der Kapitän und zündete seine Pfeife, die in der Zwischenzeit ausgegangen war, wieder an, bevor er weitersprach: "Da hast du ja mann n' echtes Problem. Ich fahr' nämlich nach Reykjavik, dat is' op Island. Da will ich n' paar Monate Urlaub machen. Ober wejs wat? Du holst mo' gaas fix dien' Pelzmüüs rin, de Störbn fangt nu an!"

 

 

 

McClown rannte zur Tür raus und wäre fast über Bord geweht worden, solch ein starker Wind war inzwischen aufgekommen. Er lief zum Rettungsboot, nahm die Plane hoch und packte den Karton mit den Hamstern. Schnell lief er zur Kajüte zurück, doch wieder übersah er den Fender, der natürlich noch immer mitten auf dem Deck lag. Der Butler stolperte und der Karton mit den armen Hamstern flog hoch in die Luft. Am Boden liegend sah McClown verzweifelt, wie der Sturm den Karton hochhob und Richtung Meer trug.

 

"Nein!", schrie er verzweifelt, doch er konnte nichts mehr tun. Voller Entsetzen malte er sich aus, wie seine armen Freunde im kalten Meer ertrinken würden. Schluchzend blieb er auf dem kalten Deck liegen und beschloss, hier liegen zu bleiben, bis die Wellen auch ihn über Bord spülen würden.

 

 

 

"Wiss du da nu 'ne Andacht halten, oder was?"

 

McClown sah mit Tränen in den Augen hoch. Da stand der Kapitän vor der Kajütentür und hatte den Karton mit den Hamstern in der Hand.

 

 

 


"Ich hab' mir schon gedacht, dass so 'ne olle Landratte im Sturm auf Schiet läuft. Tja, und als ich aus der Kajütentür rausguck', da seh' ich deine Jungs durch die Luft segeln. Konnt' sie gerade noch auffangen."

 

Überglücklich stieß McClown ein 'Danke, Käpt'n' hervor und hatte anschließend große Mühe, die Kajütentür, gegen die der immer heftig werdende Sturm blies, zuzudrücken.

 

"Tja, Frido", grinste der Kapitän und steckte sich seine Pfeife an, "das Schlimmste steht uns noch bevor, der Klabautermann will uns holen."

 

"Mit Verlaub, Käpt'n, der kriegt was auf die Nase!"

 

"So gefällst du mir schon besser, ober 'nu goh' mo in de Kombüs und sej tou, dat dien Mannschaft wat achter de Kiemen krich! Sonst haben wir 'ne Meuterei an Bord."

 

"Aye, aye, Käpt'n, geht klar", sagte McClown und ging in die Küche. Es suchte Salat und Brot zusammen und legte es zu den Hamstern in den Karton. Klar, dass bei den halb verhungerten Hamstern jetzt Party angesagt war, und sie über das Futter herfielen, während draußen der Sturm immer stärker wurde. Die Wellen wurden jetzt auch immer höher und brachen über die Bordwand, sodass nur noch eine weiße Wand in Fahrtrichtung zu sehen war. Das Schiff schlingerte hin und her, und im Karton war ein fröhliches Fiepen zu hören.

 

"Na, deiner Mannschaft scheint es ja Laune zu machen", lachte der Kapitän.

 

"Sech mol, Frido, büss all mol op Island wen?"

 

"Nö, Käpt'n, ich weiß nur, dass Reykjavik die Hauptstadt ist und

 

dass es dort Trolle und Elfen geben soll."

 

"Richtig", lachte der Kapitän, "und stell dir vor, im Hochsommer ist es da gerade mal lausige 8 Grad warm. Dann fallen die fast um vor Hitze! Und stell dir mal weiter vor, die Kinder kriegen nie hitzefrei! Weist du denn, worüm dat dor soveel Fisch giff?"

 

McClown überlegte kurz: "Nahe Island, im Nordatlantik, treffen Ausläufer des warmen Golfstroms mit kalten Strömungen aus den Polarregionen aufeinander. Das Meer ist dort reich an Sauerstoff und Plankton und damit ein äußerst fischreiches Gewässer, Käpt'n."

 

 

 

"Büsch'n schluderig erklärt, aber sonst ganz richtig", lachte der Kapitän.

 

"Ober wejs, wat keen een wejt? Nich' bloos ji in Schottland habt 'n Sejmonster!"

 

 

 


"Nicht möglich", rief McClown, "Beweise!"

 

 

 

Der Kapitän legte seine Pfeife beiseite, stand auf und ging eine kleine Leiter in seine Schlafkammer hinunter. Es dauert ein paar Minuten, und er kam mit einem dicken Buch unter dem Arm wieder herauf. Es war ein Buch mit einem verschlissenen, brauen Umschlag und sah sehr alt aus.

 

"Kiek mol, dat is'n Reiseführer von mien Ur- Ur- Urgroßvadder."

 

 

 

Der Kapitän schlug das Buch vorsichtig auf und blätterte darin. Nach einer Weile hatte er die richtige Seite gefunden und hielt sie McClown vor die Nase. Hastig griff McClown zu und las: "Island hat übrigens auch einige Ungeheuer zu bieten, die wie Nessie in Seen hausen. Das berühmteste dieser Ungeheuer lebt im See Lögurinn im Osten des Landes. Der Sage nach schenkte vor langer Zeit eine Frau ihrer Tochter ein Schmuckstück aus Gold. Die Tochter wollte von ihrer Mutter wissen, wie sie das Gold am besten verwerten könnte. Da riet ihr die Mutter, das Gold unter einen Wurm zu legen. Bekanntlich wird ein Lindwurm, der auf Gold liegt, dick und groß und mit ihm wächst auch der Schatz, auf dem er liegt. Die Tochter entdeckte am nächsten Tag eine Schnecke im Garten und setzte sie auf das Gold. Am Abend nahm sie die Schnecke und das Gold mit ins Haus und versteckte beides an einem sicheren Platz. Als sie nach einigen Tagen wieder danach schaute, war die Schnecke schon so beträchtlich gewachsen, dass dem Mädchen Angst und Bange wurde. Sie nahm die Schnecke und das Gold, rannte zum Fluss und warf beides hinein. Die Schnecke wuchs aber immer weiter und wurde mit der Zeit zu dem gefürchteten Ungeheuer im Lögurinn."

 

 

 

McClown war wie vor den Kopf gestoßen, das konnte doch nicht wahr sein, dass es außerhalb Schottlands noch weitere Monster gab. Kopfschüttelnd goss er sich noch eine Tasse Kaffee ein.

 

"Näch? Da schlackerst du mit den Ohren, was Frido?"

 

Noch bevor Frido etwas antworten konnte, riss der Kapitän das Steuerrad scharf herum und rief: "Alle Mann festhalten, wir landen!"

 

 

 

Frido McClown sah aus dem Fenster und konnte in der Ferne eine bergige Landschaft erkennen. Das musste Island sein! Geschickt steuerte der Kapitän das Schiff in die schmale Hafeneinfahrt, und nach einer Weile hatten sie es geschafft.

 

 

 


"Frido, wejs du, wie man 'n Tampen fast mogt?"

 

"Kein Problem, Käpt'n, das wird sofort gemacht!"

 

Nachdem McClown durch die Kajütentür nach draußen gelaufen war, stand er nach einer Minute wieder vor dem Kapitän.

 

"Was ist ein Tampen?"

 

"Dat is so'n Tau mit dem du den Kutter an Land vertäust, wejs dat denn nich?"

 

Mit rotem Kopf rannte McClown wieder nach draußen und in seiner Kajüte hörte der Kapitän deutlich das laute Knallen und Poltern eines Körpers, der hart auf die Schiffplanken schlägt.

 

Ich muss den Fender mal woanders hin packen, dachte der Kapitän, wahrend das Schiff am Pier festgemacht wurde. Kurz darauf standen er und McClown auf der Insel Island. Dann verabschiedeten sie sich voneinander. McClown nahm den Karton mit seinen Hamstern und beschloss, ein Stück ins Landesinnere zu wandern.

 

 


 

 

 

4. Kapitel

 

 

 

 

 

Wo steckt Professor Hastig?

 

 

 

 

 

Am nächsten Morgen waren alle unsere Freunde etwas müde und unausgeschlafen. Mit geschlossenen Augen stolperte Elfriede ins Badezimmer und setzte sich auf den Klodeckel. Ihr Kopf war schwer und ihre Augen wollten sich nicht öffnen. Sie legte den Kopf auf das Waschbecken und träumte von ihrem kuscheligen, warmen Bett. In diesem Moment kam auch Bruno mit halb geschlossenen Augen zur Badezimmertür hereingetappst. Als er kurz blinzelte, um die Lage zu checken, sah er Elfriede mit dem Kopf im Waschbecken liegen. Blitzartig wurde er hellwach. Er schlich leise zum Waschbecken, drehte den Hahn mit dem kalten Wasser voll auf und machte, dass er weg kam. Elfriede war schlagartig wach. Alles in ihr schrie nach Rache, und sie rannte in den Flur hinaus. Dort lag Bruno. Er war auf einem seiner Spielzeugautos ausgerutscht.

 

"Ha", jubelte Elfriede, "das Wild hat sich selbst erlegt!"

 

Rachsüchtig warf sie sich auf den jaulenden Bruno, um ihn abzuschlachten, als ihre Mutter die Treppe herauf kam.

 

"Ich glaub' ich spinne", rief sie, "ihr müsst euch wohl mal wieder richtig austoben. Gleich nach dem Frühstück marschiert ihr beide raus!"

 

"Aber Mami, ich bin mit meinen Freunden verabredet!"

 

"Das ist mir egal, Elfriede, du nimmst Bruno mit!"

 

 

 

So kam es, dass Bruno fröhlich neben Elfriede marschierte, als sie auf ihre Freunde an der Bushaltestelle am Zauberwald trafen.

 

"Ich denke, du wolltest deinen Bruder zu Hause lassen", sagte Daisy schlecht gelaunt zu ihr.

 

"Wollte ich auch, aber meine Mutter war anderer Ansicht."

 

"Finde ich ganz schön blöd", stänkerte Daisy, und Bertha fügte hinzu: "Versprechen muss man halten, sagt meine Mama immer!"

 

"Genau", fuhr Daisy fort, "also schick ihn wieder zurück!"

 

"Geht nicht", antwortete Elfriede.

 

"Dann bleibt doch beide hier", giftete Daisy weiter.

 

Jetzt platzte Elfriede langsam der Kragen.

 

"Pass mal auf, du hast deine Probleme, und ich habe meine Probleme. Wie würdest du dass finden, wenn ich dich so anmachen würde?"

 

Darauf wusste Daisy nichts mehr zu sagen. Verlegen murmelte sie: "Tut mir leid, aber ich habe zu wenig geschlafen, und außerdem habe ich Stress Zuhause mit meinen Eltern gekriegt. Die haben geschnallt, dass ich nachts weg war."

 

"Aber trotzdem", beharrte Bertha, "versprochen ist versprochen, und du hast gesagt, dass Bruno ...aaaah, nimm das Ungeheuer weg!"

 

"Wusstet du, dass Schnecken über eine Rasierklinge kriechen können?" Bruno stand vor Bertha und hielt ihr eine Weinbergschnecke vor das Gesicht.

 

"Ich glaube, Bertha, er mag dich", lachte Daisy.

 

"Mir wäre es lieber, wenn er mich hassen würde", kreischte Bertha.

 

Bruno sah sie traurig an.

 

"So, äh, habe ich das nicht gemeint", stotterte Bertha.

 

"Also, das musst du jetzt wieder gut machen", fand Jennie.

 

Bertha tat der traurige Bruno nun leid, und sie machte eine folgenschwere Bemerkung: "Wie wär's, Bruno, du erzählst mir etwas über deine kleinen, nackten, äh, Freunde?"

 



 

Bruno strahlte über das ganze Gesicht und legte los: "Schnecken gehören zu den Gastropoden, was so viel wie ‚Bauchfüßler' heißt. Sie leben am liebsten an feuchten Orten, zwischen Pflanzen, unter Steinen, in der Erde oder im Wasser. Beim Kriechen hinterlassen sie eine Schleimspur. Auf dem Schleim können sie sich mit ihrer Kriechsohle vorwärts schieben. Dabei verlaufen wellenartige Muskelbewegungen über die Sohle."

 

"Sehr schön, Bruno, danke, das war interessant", japste Bertha, doch Bruno fuhr unbeirrt fort: "Posthornschnecken gehören zu den relativ unempfindlichen Tellerschnecken, die auch noch verschmutzte Gewässer besiedeln, in denen sich viele andere Tiere nicht mehr wohlfühlen. Obwohl sie im Wasser leben, sind Posthornschnecken Lungenschnecken. Ein gut durchbluteter Hautlappen funktioniert so ähnlich wie Kiemen, so dass die Posthornschnecke in sauerstoffreichem Wasser selten an der Wasseroberfläche Luft tanken muss.

 

Eine andere einheimische Lungenschnecke ist die Große oder Spitzschlammschnecke. Auch sie lebt im Wasser und ernährt sich wie die Posthornschnecke von Algen und abgestorbenen Pflanzen, die sie mit der Reibzunge abweidet."

 

An dieser Stelle stopfte sich Bruno eine Handvoll Bonbons in den Mund, als Bertha ihn erneut unterbrach: "Danke, Bruno, jetzt weiß ich Bescheid!"

 

"Nein, eine Schneckenart fehlt noch und zwar die Weinbergschnecke, eine landlebende Lungenschnecke, die ihr Gelege in der Erde vergräbt. Den Winter verbringen die Weinbergschnecken bis zu dreißig Zentimeter tief im Erdboden. Dann können sie ebenso wie bei großer Trockenheit ihr Haus mit einem Kalkdeckel verschließen.

 

Die Weinbergschnecke ist eine Delikatesse. Ihr Genuss gilt als stärkend. Schon Napoleons Soldaten sollen Weinbergschnecken als Wegzehrung gegessen haben. Heute darf man die wild lebenden Schnecken aber nicht einfach für ein Mittagessen sammeln. Die Tiere sind geschützt und werden für die Feinschmecker extra gezüchtet.

 

Wie die Weinbergschnecke gehört auch die kleinere Gartenschnecke zu den Hain- oder Schnirkelschnecken. Wenig beliebte Schneckenvertreter sind die Große Rote und die Große Schwarze Nacktschnecke. Bei feuchtem Wetter sind sie zu Hunderten anzutreffen - und machen sich über den Gemüsegarten her. Das ist natürlich für den Gärtner ..."

 



 

 

 

Zur allgemeinen Erleichterung war endlich der Bus gekommen.

 

"Tut mir leid, dass ich so spät komme", sagte der Busfahrer zu den Kindern, "aber an der Kreuzung war ein Stau."

 

"Was war denn los?", fragte Rosie neugierig.

 

"Oh, ich glaube, Elfriedes Vater war schuld daran."

 

"Was?", fragte Elfriede ungläubig, "Nicht schon wieder!"

 

"Doch, ich konnte das genau sehen", erzählte der Busfahrer, "der Wagen mit deinem Vater fuhr direkt vor mir auf die Kreuzung. In der Mitte der Kreuzung stand ein Polizist, und der fing auf einmal an, deinen Vater anzuschreien. Er schrie etwas von Dackeln und Schlammpfützen."

 

"Schlammfüßen", verbesserte Elfriede.

 

"Richtig, Schlammfüßen. Jedenfalls wollte der Polizist deinen Vater nicht durchlassen, bis der mit seinem Auto einfach um den brüllenden Schutzmann herumfahren wollte. Fast hätte er es auch geschafft, aber dann hat sich der Polizist in der Stoßstange des Autos festgebissen und wollte nicht mehr loslassen. Es dauert eine ganze Weile, bis zwei Kollegen des durchgeknallten Polizisten kamen und ihn von der Stoßstange lösten. Habt ihr eine Ahnung, was das bedeuten sollte?"

 

"Nöööööh", riefen unsere Freunde im Chor.

 

 

 

Der Bus hielt, und sie waren am Ziel. Schnell stiegen unsere Freunde aus und liefen zum Strand.

 

Elfriede erreichte die Eingangstür des Leuchtturms, in dem der Professor wohnte, als Erste und klingelte. Nichts passierte und auch nach mehrmaligem Versuchen antwortete niemand. Ratlos sahen sich unsere Freunde um.

 

"Vielleicht ist er in den Urlaub gefahren", meinte Jennie achselzuckend.

 

"Oder er holt neue Ersatzteile", vermutete Bernie.

 

Niemand achtete auf Bruno, der unweit des Leuchtturms im Sand buddelte.

 

 

 

"Wir haben noch etwas Zeit", beruhigte Elfriede ihre Freunde, "dann werden Mona und Moyo eintreffen. Bis dahin müssen wir versuchen, den Professor ..., he, Bruno was hast du denn da gefunden?"

 

Jetzt war wieder Bewegung in die enttäuschte Kinderschar gekommen, und sie liefen hin zu der Stelle, an der Bruno im Sand grub.

 

"Das sieht ja aus wie eine Heckflosse von einem Düsenflugzeug", rief Bernie begeistert.

 



 

"Ich finde es einfach unverantwortlich, dass ein erwachsener Mensch wie der Professor seinen Müll einfach in der Landschaft herumliegen lässt", schimpfte Bertha empört.

 

"Das sieht überhaupt nicht wie Müll aus", stellte Elfriede fest. "Schau doch mal, da ist gar kein Rost dran. Los, lasst uns alle zusammen graben!"

 

Es war eine mühselige und langwierige Arbeit. Zentimeter um Zentimeter gruben sich unsere Freunde tiefer. Nachdem sie die Heckflosse freigelegt hatten, stellten sie zu ihrer grenzenlosen Überraschung fest, dass da im Sand ein ganzes Flugzeug vergraben war.

 

"Das ist ja entsetzlich", rief Bertha plötzlich, und alle sahen sie erschrocken an.

 

"Seht doch mal, mein Fingernagel ist eingerissen!"

 

"Wirklich schade", grunzte Rosie grinsend, "ich habe mein Nagelpflege-Set nicht mitgenommen."

 

Verärgert grub Bertha weiter, als sie im nächsten Moment erneut laut aufschrie und weglief.

 

"Was ist denn nun schon wieder los?", rief Daisy genervt.

 

"D... da hat s... sich was bewegt!"

 

"Im Sand?"

 

"N... nein, h... hinter einer Scheibe!"

 

Elfriede erfasste die Situation sofort und rief: "Schneller, wir müssen weiter graben, sonst kommen wir womöglich zu spät!"

 

 

 

Sie verdoppelten nun ihre Anstrengungen und nach einiger Zeit hatten sie das Cockpit des Fluggerätes freigelegt. Jetzt sahen sie, was auch Bertha gesehen hatte und was sich im Cockpit befand: Professor Hastig. Er lag im Inneren der Maschine, doch es war deutlich zu sehen, dass er noch atmete.

 

 

 

"Wir müssen ihn da raus holen, sonst erstickt er", rief Jennie verzweifelt und trommelte mit ihren Fäusten auf das Glas des Cockpits.

 

"Zwecklos", meinte Bernie, "das ist Sicherheitsglas. Das kriegen wir nicht auf!"

 

"Was können wir tun", überlegte Elfriede laut, "der Professor schafft es wohl nicht, das Cockpit von innen zu öffnen, und wir können es nicht von außen. Wie dick mag das Glas sein?"

 

"9 Millimeter", sagte Bruno, der gerade interessiert Muscheln betrachtete.

 

 

 



 

"Ja, und", fragte Elfriede ihren Bruder hoffnungsvoll, "wie kommen wir da durch?"

 

"Da gibt es verschiedene Möglichkeiten", antwortete Bruno, "es gibt einen Rechteckhebel zum Öffnen der Einstiegsklappe von außen und einen Rundhebel zum Öffnen der Einstiegsklappe von innen. Manche Flugzeugtypen haben Achtern einen separaten Zugang zum Cockpit und einige ein Cockpit, bei dem von außen 8 Muttern gelöst werden müssen, um ins Innere der Maschine zu gelangen"

 

Alle starrten ihn nun an, und verlegen zeigte Bruno auf die Muscheln und sagte: "Dahinten gibt es noch mehr davon."

 

"Hier ist ein Rechteckhebel", rief Jennie, "fasst mal mit an, das geht sehr schwer."

 

Elfriede, Daisy, Bernie und Jennie zogen nun gleichzeitig an dem Hebel, und mit einem 'Plopp' sprang die Glaskuppel ab. Alle starrten auf den Professor, der nun den Kopf etwas anhob und die frische Luft tief einatmete.

 

"D.. das w.. war knapp", keuchte er, "t..t.. tausend Dank!"

 

"Bedanken sie sich bei meinem kleinen, unnützen Bruder. Manchmal weiß er wirklich gut Bescheid. Aber was ist denn passiert, warum sind sie mit ihrer Maschine im Sand verschüttet?", fragte Elfriede den Professor, der nun mit wackeligen Beinen aus dem Fluggerät stieg.

 

"I.. ich wollte meinen Bruder in Australien b... besuchen, aber das war wohl nichts. Etwas muss ich f... falsch gemacht haben."

 

 

 

Kurz darauf saßen alle zusammen in Professor Hastigs Labor und erzählten ihm den Grund ihres Kommens. Natürlich erklärte sich der Professor bereit, ihnen beim 'Umbau' des Zauberfläschchen zu helfen. Elfriede zog das Fläschchen aus ihrer Tasche und gab es ihm. Dann verabschiedeten sich unsere Freunde und gingen zurück zur Bushaltestelle, denn die Zeit wurde knapp. Sicherlich waren Mona und Moyo schon im Zauberwald gelandet und warteten dort auf sie. Zum Glück dauerte es nicht lange bis der Bus kam. Die Kinder stiegen ein, und es ging weiter zum Treffen mit ihren außerirdischen Freunden.

 

Hamster in Gefahr - Buch 3 Teil 2