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4. Kapitel

 

 

 

 

 

Wo steckt Professor Hastig?

 

 

 

 

 

Am nächsten Morgen waren alle unsere Freunde etwas müde und unausgeschlafen. Mit geschlossenen Augen stolperte Elfriede ins Badezimmer und setzte sich auf den Klodeckel. Ihr Kopf war schwer und ihre Augen wollten sich nicht öffnen. Sie legte den Kopf auf das Waschbecken und träumte von ihrem kuscheligen, warmen Bett. In diesem Moment kam auch Bruno mit halb geschlossenen Augen zur Badezimmertür hereingetappst. Als er kurz blinzelte, um die Lage zu checken, sah er Elfriede mit dem Kopf im Waschbecken liegen. Blitzartig wurde er hellwach. Er schlich leise zum Waschbecken, drehte den Hahn mit dem kalten Wasser voll auf und machte, dass er weg kam. Elfriede war schlagartig wach. Alles in ihr schrie nach Rache, und sie rannte in den Flur hinaus. Dort lag Bruno. Er war auf einem seiner Spielzeugautos ausgerutscht.

 

"Ha", jubelte Elfriede, "das Wild hat sich selbst erlegt!"

 

Rachsüchtig warf sie sich auf den jaulenden Bruno, um ihn abzuschlachten, als ihre Mutter die Treppe herauf kam.

 

"Ich glaub' ich spinne", rief sie, "ihr müsst euch wohl mal wieder richtig austoben. Gleich nach dem Frühstück marschiert ihr beide raus!"

 

"Aber Mami, ich bin mit meinen Freunden verabredet!"

 

"Das ist mir egal, Elfriede, du nimmst Bruno mit!"

 

 

 

So kam es, dass Bruno fröhlich neben Elfriede marschierte, als sie auf ihre Freunde an der Bushaltestelle am Zauberwald trafen.

 

"Ich denke, du wolltest deinen Bruder zu Hause lassen", sagte Daisy schlecht gelaunt zu ihr.

 

"Wollte ich auch, aber meine Mutter war anderer Ansicht."

 

"Finde ich ganz schön blöd", stänkerte Daisy, und Bertha fügte hinzu: "Versprechen muss man halten, sagt meine Mama immer!"

 

"Genau", fuhr Daisy fort, "also schick ihn wieder zurück!"

 

"Geht nicht", antwortete Elfriede.

 

"Dann bleibt doch beide hier", giftete Daisy weiter.

 

Jetzt platzte Elfriede langsam der Kragen.

 

"Pass mal auf, du hast deine Probleme, und ich habe meine Probleme. Wie würdest du dass finden, wenn ich dich so anmachen würde?"

 

Darauf wusste Daisy nichts mehr zu sagen. Verlegen murmelte sie: "Tut mir leid, aber ich habe zu wenig geschlafen, und außerdem habe ich Stress Zuhause mit meinen Eltern gekriegt. Die haben geschnallt, dass ich nachts weg war."

 

"Aber trotzdem", beharrte Bertha, "versprochen ist versprochen, und du hast gesagt, dass Bruno ...aaaah, nimm das Ungeheuer weg!"

 

"Wusstet du, dass Schnecken über eine Rasierklinge kriechen können?" Bruno stand vor Bertha und hielt ihr eine Weinbergschnecke vor das Gesicht.

 

"Ich glaube, Bertha, er mag dich", lachte Daisy.

 

"Mir wäre es lieber, wenn er mich hassen würde", kreischte Bertha.

 

Bruno sah sie traurig an.

 

"So, äh, habe ich das nicht gemeint", stotterte Bertha.

 

"Also, das musst du jetzt wieder gut machen", fand Jennie.

 

Bertha tat der traurige Bruno nun leid, und sie machte eine folgenschwere Bemerkung: "Wie wär's, Bruno, du erzählst mir etwas über deine kleinen, nackten, äh, Freunde?"

 



 

Bruno strahlte über das ganze Gesicht und legte los: "Schnecken gehören zu den Gastropoden, was so viel wie ‚Bauchfüßler' heißt. Sie leben am liebsten an feuchten Orten, zwischen Pflanzen, unter Steinen, in der Erde oder im Wasser. Beim Kriechen hinterlassen sie eine Schleimspur. Auf dem Schleim können sie sich mit ihrer Kriechsohle vorwärts schieben. Dabei verlaufen wellenartige Muskelbewegungen über die Sohle."

 

"Sehr schön, Bruno, danke, das war interessant", japste Bertha, doch Bruno fuhr unbeirrt fort: "Posthornschnecken gehören zu den relativ unempfindlichen Tellerschnecken, die auch noch verschmutzte Gewässer besiedeln, in denen sich viele andere Tiere nicht mehr wohlfühlen. Obwohl sie im Wasser leben, sind Posthornschnecken Lungenschnecken. Ein gut durchbluteter Hautlappen funktioniert so ähnlich wie Kiemen, so dass die Posthornschnecke in sauerstoffreichem Wasser selten an der Wasseroberfläche Luft tanken muss.

 

Eine andere einheimische Lungenschnecke ist die Große oder Spitzschlammschnecke. Auch sie lebt im Wasser und ernährt sich wie die Posthornschnecke von Algen und abgestorbenen Pflanzen, die sie mit der Reibzunge abweidet."

 

An dieser Stelle stopfte sich Bruno eine Handvoll Bonbons in den Mund, als Bertha ihn erneut unterbrach: "Danke, Bruno, jetzt weiß ich Bescheid!"

 

"Nein, eine Schneckenart fehlt noch und zwar die Weinbergschnecke, eine landlebende Lungenschnecke, die ihr Gelege in der Erde vergräbt. Den Winter verbringen die Weinbergschnecken bis zu dreißig Zentimeter tief im Erdboden. Dann können sie ebenso wie bei großer Trockenheit ihr Haus mit einem Kalkdeckel verschließen.

 

Die Weinbergschnecke ist eine Delikatesse. Ihr Genuss gilt als stärkend. Schon Napoleons Soldaten sollen Weinbergschnecken als Wegzehrung gegessen haben. Heute darf man die wild lebenden Schnecken aber nicht einfach für ein Mittagessen sammeln. Die Tiere sind geschützt und werden für die Feinschmecker extra gezüchtet.

 

Wie die Weinbergschnecke gehört auch die kleinere Gartenschnecke zu den Hain- oder Schnirkelschnecken. Wenig beliebte Schneckenvertreter sind die Große Rote und die Große Schwarze Nacktschnecke. Bei feuchtem Wetter sind sie zu Hunderten anzutreffen - und machen sich über den Gemüsegarten her. Das ist natürlich für den Gärtner ..."

 



 

 

 

Zur allgemeinen Erleichterung war endlich der Bus gekommen.

 

"Tut mir leid, dass ich so spät komme", sagte der Busfahrer zu den Kindern, "aber an der Kreuzung war ein Stau."

 

"Was war denn los?", fragte Rosie neugierig.

 

"Oh, ich glaube, Elfriedes Vater war schuld daran."

 

"Was?", fragte Elfriede ungläubig, "Nicht schon wieder!"

 

"Doch, ich konnte das genau sehen", erzählte der Busfahrer, "der Wagen mit deinem Vater fuhr direkt vor mir auf die Kreuzung. In der Mitte der Kreuzung stand ein Polizist, und der fing auf einmal an, deinen Vater anzuschreien. Er schrie etwas von Dackeln und Schlammpfützen."

 

"Schlammfüßen", verbesserte Elfriede.

 

"Richtig, Schlammfüßen. Jedenfalls wollte der Polizist deinen Vater nicht durchlassen, bis der mit seinem Auto einfach um den brüllenden Schutzmann herumfahren wollte. Fast hätte er es auch geschafft, aber dann hat sich der Polizist in der Stoßstange des Autos festgebissen und wollte nicht mehr loslassen. Es dauert eine ganze Weile, bis zwei Kollegen des durchgeknallten Polizisten kamen und ihn von der Stoßstange lösten. Habt ihr eine Ahnung, was das bedeuten sollte?"

 

"Nöööööh", riefen unsere Freunde im Chor.

 

 

 

Der Bus hielt, und sie waren am Ziel. Schnell stiegen unsere Freunde aus und liefen zum Strand.

 

Elfriede erreichte die Eingangstür des Leuchtturms, in dem der Professor wohnte, als Erste und klingelte. Nichts passierte und auch nach mehrmaligem Versuchen antwortete niemand. Ratlos sahen sich unsere Freunde um.

 

"Vielleicht ist er in den Urlaub gefahren", meinte Jennie achselzuckend.

 

"Oder er holt neue Ersatzteile", vermutete Bernie.

 

Niemand achtete auf Bruno, der unweit des Leuchtturms im Sand buddelte.

 

 

 

"Wir haben noch etwas Zeit", beruhigte Elfriede ihre Freunde, "dann werden Mona und Moyo eintreffen. Bis dahin müssen wir versuchen, den Professor ..., he, Bruno was hast du denn da gefunden?"

 

Jetzt war wieder Bewegung in die enttäuschte Kinderschar gekommen, und sie liefen hin zu der Stelle, an der Bruno im Sand grub.

 

"Das sieht ja aus wie eine Heckflosse von einem Düsenflugzeug", rief Bernie begeistert.

 



 

"Ich finde es einfach unverantwortlich, dass ein erwachsener Mensch wie der Professor seinen Müll einfach in der Landschaft herumliegen lässt", schimpfte Bertha empört.

 

"Das sieht überhaupt nicht wie Müll aus", stellte Elfriede fest. "Schau doch mal, da ist gar kein Rost dran. Los, lasst uns alle zusammen graben!"

 

Es war eine mühselige und langwierige Arbeit. Zentimeter um Zentimeter gruben sich unsere Freunde tiefer. Nachdem sie die Heckflosse freigelegt hatten, stellten sie zu ihrer grenzenlosen Überraschung fest, dass da im Sand ein ganzes Flugzeug vergraben war.

 

"Das ist ja entsetzlich", rief Bertha plötzlich, und alle sahen sie erschrocken an.

 

"Seht doch mal, mein Fingernagel ist eingerissen!"

 

"Wirklich schade", grunzte Rosie grinsend, "ich habe mein Nagelpflege-Set nicht mitgenommen."

 

Verärgert grub Bertha weiter, als sie im nächsten Moment erneut laut aufschrie und weglief.

 

"Was ist denn nun schon wieder los?", rief Daisy genervt.

 

"D... da hat s... sich was bewegt!"

 

"Im Sand?"

 

"N... nein, h... hinter einer Scheibe!"

 

Elfriede erfasste die Situation sofort und rief: "Schneller, wir müssen weiter graben, sonst kommen wir womöglich zu spät!"

 

 

 

Sie verdoppelten nun ihre Anstrengungen und nach einiger Zeit hatten sie das Cockpit des Fluggerätes freigelegt. Jetzt sahen sie, was auch Bertha gesehen hatte und was sich im Cockpit befand: Professor Hastig. Er lag im Inneren der Maschine, doch es war deutlich zu sehen, dass er noch atmete.

 

 

 

"Wir müssen ihn da raus holen, sonst erstickt er", rief Jennie verzweifelt und trommelte mit ihren Fäusten auf das Glas des Cockpits.

 

"Zwecklos", meinte Bernie, "das ist Sicherheitsglas. Das kriegen wir nicht auf!"

 

"Was können wir tun", überlegte Elfriede laut, "der Professor schafft es wohl nicht, das Cockpit von innen zu öffnen, und wir können es nicht von außen. Wie dick mag das Glas sein?"

 

"9 Millimeter", sagte Bruno, der gerade interessiert Muscheln betrachtete.

 

 

 



 

"Ja, und", fragte Elfriede ihren Bruder hoffnungsvoll, "wie kommen wir da durch?"

 

"Da gibt es verschiedene Möglichkeiten", antwortete Bruno, "es gibt einen Rechteckhebel zum Öffnen der Einstiegsklappe von außen und einen Rundhebel zum Öffnen der Einstiegsklappe von innen. Manche Flugzeugtypen haben Achtern einen separaten Zugang zum Cockpit und einige ein Cockpit, bei dem von außen 8 Muttern gelöst werden müssen, um ins Innere der Maschine zu gelangen"

 

Alle starrten ihn nun an, und verlegen zeigte Bruno auf die Muscheln und sagte: "Dahinten gibt es noch mehr davon."

 

"Hier ist ein Rechteckhebel", rief Jennie, "fasst mal mit an, das geht sehr schwer."

 

Elfriede, Daisy, Bernie und Jennie zogen nun gleichzeitig an dem Hebel, und mit einem 'Plopp' sprang die Glaskuppel ab. Alle starrten auf den Professor, der nun den Kopf etwas anhob und die frische Luft tief einatmete.

 

"D.. das w.. war knapp", keuchte er, "t..t.. tausend Dank!"

 

"Bedanken sie sich bei meinem kleinen, unnützen Bruder. Manchmal weiß er wirklich gut Bescheid. Aber was ist denn passiert, warum sind sie mit ihrer Maschine im Sand verschüttet?", fragte Elfriede den Professor, der nun mit wackeligen Beinen aus dem Fluggerät stieg.

 

"I.. ich wollte meinen Bruder in Australien b... besuchen, aber das war wohl nichts. Etwas muss ich f... falsch gemacht haben."

 

 

 

Kurz darauf saßen alle zusammen in Professor Hastigs Labor und erzählten ihm den Grund ihres Kommens. Natürlich erklärte sich der Professor bereit, ihnen beim 'Umbau' des Zauberfläschchen zu helfen. Elfriede zog das Fläschchen aus ihrer Tasche und gab es ihm. Dann verabschiedeten sich unsere Freunde und gingen zurück zur Bushaltestelle, denn die Zeit wurde knapp. Sicherlich waren Mona und Moyo schon im Zauberwald gelandet und warteten dort auf sie. Zum Glück dauerte es nicht lange bis der Bus kam. Die Kinder stiegen ein, und es ging weiter zum Treffen mit ihren außerirdischen Freunden.

 

Hamster in Gefahr - Buch 3 Teil 2