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3. Kapitel

 

 

 

 

 

Island

 

 

 

 

 

In der Zwischenzeit hatte McClown mehrere Probleme. Erstens hatte er immer noch keine Ahnung, wohin die Reise mit dem Fischkutter ging und zweitens hatte er nichts zu Essen. Hinzu kam die Sorge um die Hamster, denn inzwischen hatte er die kleinen Tierchen ins Herz geschlossen. Jeden Abend vor dem Schlafengehen erzählte er ihnen schottische Märchen, was für die kleinen Nachttiere aber jedesmal der Auftakt zu einer Party war. Somit hatte McClown ein weiteres Problem: Er fand kaum Schlaf, denn einerseits hielt ihn der Krach der feiernden Hamster wach, andererseits musste er ständig an ihre kleinen Knopfaugen denken, die ihn hungrig ansahen. Er musste etwas unternehmen, und so beschloss der verzweifelte Butler, sich zu stellen. Bestimmt waren die Zeiten, in denen blinde Passagiere über Bord geworfen wurden, längst vorbei. Schlimmstenfalls würde man ihn im nächsten Hafen der Polizei übergeben.

 

 

 

McClown warf einen letzten Blick auf die schlafenden Hamster und stieg aus dem Rettungsboot. Ein kalter Wind pfiff ihm ins Gesicht, und er hatte das Gefühl, seine Ohren würden abfrieren. Er sah sich vorsichtig um. Es war ein recht kleines Schiff, und von der Mannschaft war nichts zu sehen. Ein altes Netz lag an Deck herum, und McClown hatte den Eindruck, dass es schon lange nicht mehr benutzt worden war. Zwar verstand er nichts von der Seefahrt, aber irgend etwas sagte ihm, dass dies kein normales Schiff war. Nachdem er über einen alten Fender gestolpert war, öffnete er die Tür zur Kajüte. Er erwartete, nun von allen Seiten gepackt und verhört zu werden, aber nichts geschah.

 

 

 

"Nu komm' mol in de Plünn! Komm rin und mook de Döör dicht!"

 

McClown erschrak, tat aber, wie ihm geheißen wurde und trat näher. Auf einem alten Sessel saß ein alter Mann mit einem weißen Vollbart, hatte die Füße auf dem Steuerrad und rauchte eine Pfeife.

 



 

"Ick heb' mi a froot, wolang dat noch duert, bitt du mi beseuken deist", fuhr der Kapitän fort. "Is di de Oars noch ne affroarn?"

 

"Nun, Sir", antwortete McClown steif, "in der Tat ist es recht frisch."

 

"Recht frisch?" Der Kapitän lachte laut und drehte sich um. "Mien Jung, du gefaals mi!"

 

"Danke, Sir. Wenn ich mir eine Bitte erlauben dürfte: Haben sie wohl etwas zum Essen für meine Hamster und mich?"

 

"Hamster? Hess du mi Rotten an Board schleept?"

 

"Nein, Sir, Hamster sind keine Ratten, es sind friedliche Tierchen, Sir."

 

Der Kapitän zog an seiner Pfeife, nahm eine Kaffeekanne und kippte sich etwas Kaffee in seine Tasse, die auf einem großen Kompass stand.

 

"Hol di man'n Pütz ut de Kombüs", fuhr der Kapitän fort, "ick heb a lang spitz kreen, dat du in'n Koon stickst. Haas di hüt ne zeicht, ha ick di holt! Kiek' mo ut' Firster! Dor kummt 'n Störbn up, dat ward bannich pussen, kanns koppheister öber Board gohn."

 

"Sehr liebenswürdig, Sir."

 

"Sech nich 'Sör' to mi, sech Koptein."

 

"Sehr wohl, Sir Kapitän", entgegnete McClown, "wenn ich mir noch eine Frage erlauben dürfte, Sir, äh, Sir Kapitän ..."

 

"Wenn du noch mol 'Sör Kapitän' to mi sechst, kanns glick wedder no buten in 'n Koon gon!"

 

"Wie S..., äh, wie Kapitän meinen", entgegnete McClown verlegen. "Verzeihung, äh, Kapitän ", fuhr er nun fort, "wo, bitte schön, befindet sich diese 'Kombüse' von der sie sprachen, und was ist eine 'Pütz'?"

 

Der Kapitän lachte laut und antwortete: "Büs noch' nich' lang op düsse Wilt, wat? Arme Landratte, 'n Kombüs is'n Kök un 'n Pütz is' 'n Beeker, allns klor?"

 

"Sehr aufmerksam, S..., äh, Käpt'n, ich habe den Becher gefunden. Darf ich mir nun einen Schluck Kaffee nehmen?"

 

"Seg' mol, hess dacht, du schass dor rin pinkeln? Kloar kaas du 'n Kaffee hebben!"

 


"Vielen Dank, Käpt'n, ich weiß ihre Liebenswürdigkeit zu schätzen."

 

Der Kapitän drehte sich zu Butler McClown um, zog wieder an seiner Pfeife und sagte mit leiser Stimme: "Seck an, hast du zu viel Süßholz gefressen, oder was? So 'ne manierliche Sprache kannst du dir hier an Bord abschminken. Is' schon komisch genug, dass jemand 'Blinder Passagier' auf'm abgetakelten Kutter spielt und 'n halben Zoo mitschleppt. Nu' sech' mi mol, wo büss to hus un' wat deist, wenn du nich' mit dien Pelzmüüs über 't Meer schippers?"

 

 

 

So saßen die beiden Männer in der Kombüse, und McClown erzählte dem Kapitän alles, an das er sich noch erinnern konnte. Er erzählte ihm von Schottland, vom Lord und dem, was er bisher so erlebt hatte. Nur, warum er einen ganzen Karton voller Hamster mit sich herumschleppte, das wusste er nicht mehr so genau.

 

 

 

"Tja", meinte der Kapitän und zündete seine Pfeife, die in der Zwischenzeit ausgegangen war, wieder an, bevor er weitersprach: "Da hast du ja mann n' echtes Problem. Ich fahr' nämlich nach Reykjavik, dat is' op Island. Da will ich n' paar Monate Urlaub machen. Ober wejs wat? Du holst mo' gaas fix dien' Pelzmüüs rin, de Störbn fangt nu an!"

 

 

 

McClown rannte zur Tür raus und wäre fast über Bord geweht worden, solch ein starker Wind war inzwischen aufgekommen. Er lief zum Rettungsboot, nahm die Plane hoch und packte den Karton mit den Hamstern. Schnell lief er zur Kajüte zurück, doch wieder übersah er den Fender, der natürlich noch immer mitten auf dem Deck lag. Der Butler stolperte und der Karton mit den armen Hamstern flog hoch in die Luft. Am Boden liegend sah McClown verzweifelt, wie der Sturm den Karton hochhob und Richtung Meer trug.

 

"Nein!", schrie er verzweifelt, doch er konnte nichts mehr tun. Voller Entsetzen malte er sich aus, wie seine armen Freunde im kalten Meer ertrinken würden. Schluchzend blieb er auf dem kalten Deck liegen und beschloss, hier liegen zu bleiben, bis die Wellen auch ihn über Bord spülen würden.

 

 

 

"Wiss du da nu 'ne Andacht halten, oder was?"

 

McClown sah mit Tränen in den Augen hoch. Da stand der Kapitän vor der Kajütentür und hatte den Karton mit den Hamstern in der Hand.

 

 

 


"Ich hab' mir schon gedacht, dass so 'ne olle Landratte im Sturm auf Schiet läuft. Tja, und als ich aus der Kajütentür rausguck', da seh' ich deine Jungs durch die Luft segeln. Konnt' sie gerade noch auffangen."

 

Überglücklich stieß McClown ein 'Danke, Käpt'n' hervor und hatte anschließend große Mühe, die Kajütentür, gegen die der immer heftig werdende Sturm blies, zuzudrücken.

 

"Tja, Frido", grinste der Kapitän und steckte sich seine Pfeife an, "das Schlimmste steht uns noch bevor, der Klabautermann will uns holen."

 

"Mit Verlaub, Käpt'n, der kriegt was auf die Nase!"

 

"So gefällst du mir schon besser, ober 'nu goh' mo in de Kombüs und sej tou, dat dien Mannschaft wat achter de Kiemen krich! Sonst haben wir 'ne Meuterei an Bord."

 

"Aye, aye, Käpt'n, geht klar", sagte McClown und ging in die Küche. Es suchte Salat und Brot zusammen und legte es zu den Hamstern in den Karton. Klar, dass bei den halb verhungerten Hamstern jetzt Party angesagt war, und sie über das Futter herfielen, während draußen der Sturm immer stärker wurde. Die Wellen wurden jetzt auch immer höher und brachen über die Bordwand, sodass nur noch eine weiße Wand in Fahrtrichtung zu sehen war. Das Schiff schlingerte hin und her, und im Karton war ein fröhliches Fiepen zu hören.

 

"Na, deiner Mannschaft scheint es ja Laune zu machen", lachte der Kapitän.

 

"Sech mol, Frido, büss all mol op Island wen?"

 

"Nö, Käpt'n, ich weiß nur, dass Reykjavik die Hauptstadt ist und

 

dass es dort Trolle und Elfen geben soll."

 

"Richtig", lachte der Kapitän, "und stell dir vor, im Hochsommer ist es da gerade mal lausige 8 Grad warm. Dann fallen die fast um vor Hitze! Und stell dir mal weiter vor, die Kinder kriegen nie hitzefrei! Weist du denn, worüm dat dor soveel Fisch giff?"

 

McClown überlegte kurz: "Nahe Island, im Nordatlantik, treffen Ausläufer des warmen Golfstroms mit kalten Strömungen aus den Polarregionen aufeinander. Das Meer ist dort reich an Sauerstoff und Plankton und damit ein äußerst fischreiches Gewässer, Käpt'n."

 

 

 

"Büsch'n schluderig erklärt, aber sonst ganz richtig", lachte der Kapitän.

 

"Ober wejs, wat keen een wejt? Nich' bloos ji in Schottland habt 'n Sejmonster!"

 

 

 


"Nicht möglich", rief McClown, "Beweise!"

 

 

 

Der Kapitän legte seine Pfeife beiseite, stand auf und ging eine kleine Leiter in seine Schlafkammer hinunter. Es dauert ein paar Minuten, und er kam mit einem dicken Buch unter dem Arm wieder herauf. Es war ein Buch mit einem verschlissenen, brauen Umschlag und sah sehr alt aus.

 

"Kiek mol, dat is'n Reiseführer von mien Ur- Ur- Urgroßvadder."

 

 

 

Der Kapitän schlug das Buch vorsichtig auf und blätterte darin. Nach einer Weile hatte er die richtige Seite gefunden und hielt sie McClown vor die Nase. Hastig griff McClown zu und las: "Island hat übrigens auch einige Ungeheuer zu bieten, die wie Nessie in Seen hausen. Das berühmteste dieser Ungeheuer lebt im See Lögurinn im Osten des Landes. Der Sage nach schenkte vor langer Zeit eine Frau ihrer Tochter ein Schmuckstück aus Gold. Die Tochter wollte von ihrer Mutter wissen, wie sie das Gold am besten verwerten könnte. Da riet ihr die Mutter, das Gold unter einen Wurm zu legen. Bekanntlich wird ein Lindwurm, der auf Gold liegt, dick und groß und mit ihm wächst auch der Schatz, auf dem er liegt. Die Tochter entdeckte am nächsten Tag eine Schnecke im Garten und setzte sie auf das Gold. Am Abend nahm sie die Schnecke und das Gold mit ins Haus und versteckte beides an einem sicheren Platz. Als sie nach einigen Tagen wieder danach schaute, war die Schnecke schon so beträchtlich gewachsen, dass dem Mädchen Angst und Bange wurde. Sie nahm die Schnecke und das Gold, rannte zum Fluss und warf beides hinein. Die Schnecke wuchs aber immer weiter und wurde mit der Zeit zu dem gefürchteten Ungeheuer im Lögurinn."

 

 

 

McClown war wie vor den Kopf gestoßen, das konnte doch nicht wahr sein, dass es außerhalb Schottlands noch weitere Monster gab. Kopfschüttelnd goss er sich noch eine Tasse Kaffee ein.

 

"Näch? Da schlackerst du mit den Ohren, was Frido?"

 

Noch bevor Frido etwas antworten konnte, riss der Kapitän das Steuerrad scharf herum und rief: "Alle Mann festhalten, wir landen!"

 

 

 

Frido McClown sah aus dem Fenster und konnte in der Ferne eine bergige Landschaft erkennen. Das musste Island sein! Geschickt steuerte der Kapitän das Schiff in die schmale Hafeneinfahrt, und nach einer Weile hatten sie es geschafft.

 

 

 


"Frido, wejs du, wie man 'n Tampen fast mogt?"

 

"Kein Problem, Käpt'n, das wird sofort gemacht!"

 

Nachdem McClown durch die Kajütentür nach draußen gelaufen war, stand er nach einer Minute wieder vor dem Kapitän.

 

"Was ist ein Tampen?"

 

"Dat is so'n Tau mit dem du den Kutter an Land vertäust, wejs dat denn nich?"

 

Mit rotem Kopf rannte McClown wieder nach draußen und in seiner Kajüte hörte der Kapitän deutlich das laute Knallen und Poltern eines Körpers, der hart auf die Schiffplanken schlägt.

 

Ich muss den Fender mal woanders hin packen, dachte der Kapitän, wahrend das Schiff am Pier festgemacht wurde. Kurz darauf standen er und McClown auf der Insel Island. Dann verabschiedeten sie sich voneinander. McClown nahm den Karton mit seinen Hamstern und beschloss, ein Stück ins Landesinnere zu wandern.