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1. Kapitel

 

Zelten fällt aus

 

Völlig durchnässt setzte sich Berta auf einen Baumstamm, wischte ihr Gesicht trocken und schimpfte: „Eine völlig hirnverbrannte Idee war das, seht nur, wie ich diesmal aussehe!“

„Du siehst aus wie wir alle, also reg dich ab“, knurrte Elfriede. „Wer konnte denn damit rechnen, dass das Zelt kaputt geht. Wir sehen jetzt zu, dass wir zu mir nach Hause gehen, meine Eltern kommen erst später heim.“

Elfriede, Daisy, Jennie, Susi, Rosie, Berta, Bernie und Norbert sahen wirklich nicht besonders vornehm aus. Sie waren klitschnass und schmutzig. Alle dachten daran, dass Marie sich glücklich schätzen konnte, weil sie nicht mitkommen durfte. Ihre Eltern waren nämlich ins Kino gegangen und Marie musste auf ihre kleine Schwester Bärbel aufpassen. Natürlich war sie darüber nicht begeistert, aber das half ihr nichts. Doch wenn sie jetzt zum Fenster hinausgucken würde, dann würde sie bestimmt wissen, dass ihre Freunde beim Zelten im Zauberwald wenig Spaß hatten. Es war nun schon das zweite Mal, dass ihre Übernachtung im Zauberwald schief ging. Das erste Mal war Rosie in ein Brennesselgestrüpp gefallen und Berta in eine Schlammkuhle. Auch da mussten sie wieder umkehren. Diesmal hatte sich beim Aufbauen das Zelt an einem abgebrochenen Ast verfangen und beim Versuch, es wieder zu befreien, riss die Zeltwand ein. Als der Wind und der Regen immer stärker wurden, wurde auch der Riss größer und das Zelt brach zusammen. Ihre Sachen waren völlig durchnässt und sie selbst waren nass bis auf die Haut. Als sie durch den strömenden Regen wanderten, sah Jennie etwas, das sich über den Gipfeln der Bäume bewegte.

Zelten fauml;lt aus...

„Seht mal dort, was ist denn das?“ Sie zeigte auf ein paar weit entfernte Punkte am Himmel.

„Sieht aus wie ein paar blöde Vögel“, grummelte Berta. „Wen interessiert das schon.“

„Das sind keine Vögel. Es ist viel größer, das ist etwas anderes,“ sagte Jennie.

Elfriede blieb nun auch stehen und hielt die Hand über die Augen, um sie vor dem strömenden Regen zu schützen.

„Keine Ahnung was das ist. Lasst uns lieber schnell ins Trockene gehen.

Sie beeilten sich. Noch waren sie völlig ahnungslos, was sie da soeben gesehen hatten und was nun auf sie zukommen würde.

 

„Mensch, freue ich mich darauf, heute Abend die Füße vor dem Fernseher hochzulegen.“

Elfriede seufzte und sah missmutig auf ihre völlig verdreckten Schuhe.

„Denk bitte daran, dass wir noch in die Badewanne müssen. Fernsehen fällt heute bestimmt aus.“

„Aber wieso denn, Berta, das geht doch schnell!“

„Das geht nicht schnell. Wir sind schließlich sehr schmutzig und Haare waschen müssen wir auch noch.“

 

Elfriede seufzte wieder. Das konnte ja lustig werden mit dem Übernachten bei Berta. Es war alles Bommels Schuld, denn schließlich hatte Elfriedes Vater sich vorgenommen, das Kinderzimmer zu tapezieren. Dabei war er auf ihr Bett gestiegen, um besser an die Zimmerdecke zu kommen. Leider brach dabei das Bett zusammen. Bommel fiel in den vollen Kleistereimer und nun durfte Elfriedes Zimmer für ein paar Tage nicht mehr betreten werden. Bei Bruno wollte sie nicht schlafen. Eigentlich wollte sie ja bei Daisy oder Jennie übernachten, aber Berta hatte als erste gefragt und Elfriede mochte nicht Nein sagen.

„Was gibt es bei euch denn zum Abendbrot?“

Berta überlegte. „Ich glaube, es gibt frischen Salat.“

„Mit Brot und Aufschnitt?“

„Nun, Elfriede, man soll abends nicht soviel essen, sagt meine Mama immer.“

„Und warum ist deine Mama so dick?“ mischte Rosie sich ein.

Berta lief puterrot an.

„Das, meine liebe Rosie, liegt an der Verankerung.“

„Du meinst Veranlagung,“ verbesserte Daisy.

„Sage ich doch. Das ist nun einmal so.“

„Das glaube ich nicht, meine liebe Berta. Zufällig weiß ich genau, dass deine und meine Mama nach dem Mittagessen immer zusammen bei Kaffee und Kuchen sitzen. Zufällig, meine liebe Berta, weiß ich auch, dass deine Mama immer am meisten isst.“

„Also, meine liebe Rosie, das ist doch wohl eher umgekehrt!“

Rosie und Berta

„Nein, meine allerliebste Berta, das...“

„Könnt ihr endlich einmal die Klappe halten,“ meldete sich Jennie. „Ich kann mich überhaupt nicht auf den Weg konzentrieren.“

 

Der Weg wurde in der Tat immer schwieriger, denn der Boden war durch den ständigen Regen aufgeweicht und jeder musste scharf aufpassen um nicht auszurutschen. Es war so dunkel, dass man fast nicht mehr die Hand vor Augen sehen konnte. Nur der Strahl von Jennies Taschenlampe zeigte ihnen den Weg. Immer wieder stießen sie gegen herunterhängende Äste und Zweige. In das Prasseln des Regens mischten sich Geräusche von knackendem Geäst und unsere Freunde sahen sich immer wieder ängstlich um. In der Dunkelheit war jedoch nichts zu erkennen. So manches Mal schien es ihnen, als ob links und rechts Schatten vorbei huschten. Die Kinder waren dicht aneinander gedrängt und wünschten, doch bald wieder zu Hause zu sein.

 

„Habt ihr auch das Gefühl, dass uns jemand beobachtet?“ fragte Susi.

Zelten fauml;lt aus...

„Das ist nur der Wind, der durch die Bäume fegt,“ versuchte Elfriede die anderen zu beruhigen, aber sicher war sie sich auch nicht. Immer wieder gingen ihre Blicke zur Seite und jedes Mal war es ihr, als ob sich da irgend etwas schnell verstecke. Die unheimliche Wanderung führte sie zwischen großen, alten Eichen hindurch und plötzlich schrie Rosie:

„Da, ein großes Tier oder so etwas!“ und rannte los.

Als sie aber aus dem Strahl von Jennies Taschenlampe herausgelaufen war, blieb sie zitternd stehen. Elfriede ging zu ihr.

„Was hast du denn gesehen?“

„Augen, ein paar glühende Augen!“

Alle guckten auf die Lichtung, die sich hinter ihnen befand. Es war nichts zu sehen, aber alles wirkte so merkwürdig und fremd in dieser dunklen, regnerischen Nacht.

„Vielleicht hast du dich ja nur getäuscht. Mir ist auch mulmig zumute. Los, wir beeilen uns,“ beruhigte Jennie sie. Dann umschlossen ihre Finger noch fester die Taschenlampe und sie übernahm wieder die Führung. Immer schneller ging es nun durch den Zauberwald, so schnell, dass unsere Freunde die letzten Meter sogar liefen.

 

Als sie glücklich an der Bushaltestelle angekommen waren, atmeten sie erschöpft, aber erleichtert auf. Alle wünschten einander Gute Nacht, nachdem sie sich für den nächsten Tag verabredet hatten. Sie wollten sich dann bei Berta treffen. Die war natürlich stolz darauf und überhaupt fand sie es toll, dass Elfriede bei ihr übernachten würde. Elfriede selbst war, wie gesagt, nicht so begeistert, aber nach diesem Abenteuer war ihr das zunächst egal. Es sollte aber alles noch schlimmer kommen als befürchtet.

 


 

 

 

2. Kapitel

 Ordnung und Sauberkeit

 

 

 

 

 

Als die beiden Mädchen an die Haustür der Familie Schwarte kamen, putzte Berta sich erst einmal die Finger sauber, bevor sie auf die Klingel drückte.

 

 

 

Bertas Mutter, Frau Schwarte, öffnete den beiden. Entgeistert starrte sie erst auf Berta, dann musterte sie Elfriede.

 

„Guten Abend, Frau Schwarte.“ sagte Elfriede höflich, aber die hob nun die Hände und jammerte: „Wie seht ihr denn aus, das ist ja schrecklich. Am besten geht ihr durch den Keller ins Haus. Womöglich macht ihr sonst alles schmutzig.“

 

 

 

Die beiden Mädchen gingen zur Kellertür auf der anderen Seite des Hauses. Als Berta die Kellertür öffnete, stand dort ihre Mutter schon wieder.

 

„Zieht bitte euere Sachen vor der Tür aus, der Dreck mussFrau Schwarte im Einsatz draußen bleiben!“

 

 

 

„Sollen wir die schmutzigen Sachen in den Wäschekorb legen, Mama?“ fragte Berta.

 

„Selbstverständlich, aber wickelt sie vorher in Handtücher ein, damit nichts auf den sauberen Boden tropft.“

 

Elfriede und Berta taten, wie Frau Schwarte gesagt hatte. Dann gingen sie zur Badewanne. Als sie das Wasser einlassen wollten, meinte Frau Schwarte, dass sie nicht soviel Schaum machen sollten.

 

„Schaum hinterlässt immer hässliche Ränder in der Wanne”, fügte sie hinzu.

 

„Und spritzt kein Wasser auf den Fußboden, der ist frisch gewischt.“

 

Elfriede seufzte erleichtert auf, als Bertas Mutter gegangen war. Das warme Wasser war herrlich und Elfriede wusch sich sogar freiwillig die Haare, genauso wie Berta. Als sie fertig waren und Elfriede sich abtrocknete, begann Berta, die Badewanne mit einem Lappen trocken zu reiben.

 

 

 

„Was machst du denn da, Berta?“

 

„Wenn man die Wanne gleich wieder trocken reibt, gibt das keine Flecken.“

 

„Ja, aber die Wanne steht doch in eurem Keller, das sieht doch keiner.“

 

„Darum geht es nicht, meine Mama sagt immer, alles muss ordentlich und gepflegt sein, denn Schweine sind ordnungsliebend.“

 

„Also, ich freue mich schon auf ein ordentliches und gepflegtes Abendessen“, sagte Elfriede. „Lass uns nach oben gehen!“

 

„Ich freue mich auch, aber häng bitte vorher dein gebrauchtes Handtuch zum Trocknen auf.“

 

„Wozu?“ Langsam wurde Elfriede sauer. „Das kommt doch sowieso in die Waschmaschine.“

Rosie und Berta

 

 

„Darum geht es nicht, alles muss ordentlich und gepflegt sein, Schweine sind nämlich ordnungsliebend.“ Berta rümpfte die Nase und ging die Treppe nach oben. Elfriede folgte ihr seufzend.

 

„Bitte nehmt doch Platz, Kinder.“

 

Frau Schwarte zeigte auf den Tisch.

 

„Papa kommt heute leider ziemlich spät, er macht noch Überstunden.“

 

Elfriede beugte sich zu Berta.

 

„Als was arbeitet dein Vater denn?“

 

„Er arbeitet in einem Möbelladen und putzt dort die Möbel, die neu angeliefert werden.“

 

 

 

 

 

Nun wurde eine große Schüssel auf den Tisch gestellt. Jeder bekam einen noch größeren Teller, auf dem eine Landschaft in

 

rosa und blauen Farben dargestellt war. Das Besteck glänzte so sehr, dass es aussah, als würde es das allererste Mal benutzt. Daneben lagen Servietten, die mit einem glänzenden, silbernen Ring zusammengehalten wurden. Auf dem Tisch stand auf einer weißen Tischdecke eine rote Kerze.

 

 

 

„Darf ich die Kerze anzünden, Frau Schwarte?“ fragte Elfriede.

 

Mutter und Tochter sahen sie entgeistert an.

 

„Natürlich nicht, Elfriede“, sagte Frau Schwarte entrüstet, „die bleibt aus, denn erstens stinken Kerzen und zweitens könnte Wachs auf die saubere Tischdecke tropfen.“

 

„...und pass bitte auf, dass du beim Essen nicht kleckerst,“ fügte Berta hinzu.

 

Aber nun war es endlich so weit und Frau Schwarte reichte Elfriede eine große Zange mit den Worten: „Unser Gast soll anfangen.”

 

Gierig nahm Elfriede den Deckel der Schüssel hoch und langte mit der Zange hinein. Als sie die Zange herauszog, hatte sie 5 Salatblätter darin. Rosie und Berta

 

„Bitte nicht so viel auf einmal nehmen“, tadelte Frau Schwarte, „sonst fällt etwas über den Tellerrand auf den Tisch.“

 

 

 

Seufzend packte Elfriede 2 Blätter wieder zurück, reichte die Zange weiter und wollte sich die verbleibenden 3 Blätter in den Mund stopfen.

 

„Wir haben einander noch nicht guten Appetit gewünscht,“ gab Berta zu bedenken.

 

„Guten Appetit.“

 

„Guten Appetit, Elfriede. Möchtest du noch ein Tischgebet sprechen?“

 

„Danke, nein, Frau Schwarte.“

 

Endlich konnte Elfriede nun die 3 Salatblätter essen. Kaum hatte sie alles heruntergeschluckt, nahm Elfriede wieder die Zange, um Nachschub zu holen.

 

„Bitte jeder nur noch ein Salatblatt“, meldete sich Frau Schwarte, „Es gibt gleich Nachtisch.“

 

 

 

Nachdem alle aufgegessen hatten, wurde der Tisch abgeräumt und wieder neu gedeckt.

 

Diesmal waren die Teller etwas kleiner, dafür gab es neue Servietten. Eine neue Schüssel wurde gebracht und auf den Tisch gestellt. Elfriede sagte diesmal nichts, als auch noch eine neue Kerze aufgestellt wurde. Diesmal war Berta dran. Sie nahm eine große Gabel und holte sich aus der Schüssel eine Gewürzgurke. Dann gab sie die Gabel an Elfriede weiter.

 

„Wenn wir mit dem Essen fertig sind, dann helft bitte alle mit beim Abräumen“, meldete sich nun Frau Schwarte wieder. „Ich werde das Geschirr einweichen, Berta wird abwaschen und Elfriede abtrocknen. Danach müssen wir noch eine neue Tischdecke auflegen.“

 

„Wieso durften wir denn nicht kleckern, wenn die Decke sowieso ausgetauscht wird?“ Elfriede wurde langsam ungeduldig. Berta sah sie verärgert an und antwortete: „Weil, liebe Elfriede, es so sein muss. Ordnung und Sauberkeit sind sehr, sehr wichtig, du weißt ja, ....“

 

„Ja, ja, Schweine sind ordnungsliebend“, stöhnte Elfriede, „aber ich habe noch Hunger. Können wir vor dem Fernseher etwas zu Knabbern kriegen, Frau Schwarte?“

 

Bertas Mutter fielen fast die Augen aus dem Schweinekopf. Sie hielt sich an dem Türpfosten fest und glotzte Elfriede verständnislos an. Dann zog sie ihre Hand zurück, holte einen Lappen und putzte die Stelle, an der sie sich am Türpfosten festgehalten hatte.

 

„Was willst du vor dem Fernseher?“ röchelte sie.

 

„Na,ja, etwas Süßes knabbern“, Elfriede war nun doch stark verunsichert. „Weil, das machen wir zu Hause auch.“

 

„Also erstens gibt es hier abends kein Fernsehen und zweitens wird im Wohnzimmer nichts gegessen. Es könnte ja erstens etwas auf den schönen sauberen Teppich fallen und zweitens ...“

 

„Ich weiß“, stöhnte Elfriede. „Ordnung und Sauberkeit sind sehr, sehr wichtig.“

Rosie und Berta

„Genau, außerdem müsst ihr vor dem Schlafen gehen noch einmal Bertas Zimmer staubsaugen und lüften, die Betten müssen noch bezogen werden und ....“

 

Das Telefon läutete und Frau Schwarte eilte hin, um den Hörer abzunehmen.

 

„Sag mal, lebt ihr schon lange so?“ fragte Elfriede ihre Freundin.

 

„Wieso, geht das denn auch anders?“

 

In diesem Moment kam Frau Schwarte wieder und berichtete, dass am Telefon Gertrude Bommel war und dass etwas mit Elfriedes Vater geschehen sei.

 

„Deine Mutter sagt, er ist von der Leiter gefallen, als er irgendetwas reparieren wollte. Weil sein Fuß so weh tut, will sie ihn erst einmal ins Krankenhaus fahren, damit er geröntgt wird, sagt sie.“

 

 

 

Elfriede sah sie mit großen Augen an, als Frau Schwarte fortfuhr: „Auf dem Weg zum Krankenhaus bringen sie noch schnell deinen kleinen Bruder vorbei, denn der kann ja nicht alleine bleiben!“

 

Elfriede tat der arme Papa leid. Immer hatte er Pech bei solchen Sachen, aber dann hellte sich ihre Miene auf: Bruno würde für heute Nacht in das Haus der Familie Schwarte einziehen! Welch ein Glück! Sie hätte nie gedacht, dass sie sich so sehr über ihren Bruder freuen würde.

 

„Muss das sein?“ Elfriede tat, als wenn ihr das überhaupt nicht gefiel.

 

„Also ich würde mich freuen, wenn mein Bruder mich besuchen käme.“

 

Frau Schwarte wollte noch etwas hinzufügen, als es an der Tür klingelte.

 

„Oh, liebe Gertrude, komm doch rein“, sagte Frau Schwarte zu Frau Bommel, als sie die Tür öffnete.

 

„Das geht leider nicht, Rita, ich muss den armen Kerl erst in die Klinik fahren.“

 

 

 

„Hach, der kann doch nichts richtig machen, meine Liebe.“

 

„Na,ja, er hat eben Schmerzen im Bein.“

 

„Ach, der soll sich nicht so anstellen“, fügte Frau Schwarte noch hinzu, während Gertrude Bommel ihren beiden Kindern noch einen Kuss aufdrückte und zurück zum Wagen ging.

 

 

 

Elfriede kochte vor Wut. Wie kam diese blöde Frau Schwarte dazu, ihren Papi so schlecht zu machen? Bruno guckte gelangweilt wie immer, aber Elfriede war sicher, dass auch er verstanden hatte, was los war. Dumm war er schließlich nicht. Bertas Mutter wandte sich nun an sie.

 

„Sag deinem Bruder bitte, wie er sich zu benehmen hat. Vielleicht geht er zuerst einmal ins Bad und wäscht sich die Hände. Bestimmt hat er das den ganzen Tag über noch nicht gemacht.“

 

„Ist gut, das mache ich schon.“ Elfriede trat dicht an Bruno heran und erzählte ihm etwas über Ordnung und Sauberkeit. Dabei zwinkerte sie ihrem Bruder zu. Mit einem gelangweilten Blick ging Bruno ins Badezimmer.

 

Frau Schwarte war gerade damit beschäftigt, die Haustür mit einem Lappen abzuwischen, als es im Badezimmer klirrte und schepperte. Erschrocken unterbrach sie ihre Putztätigkeit und lief ins Haus um nachzusehen. Elfriede und Berta blieben im Flur stehen und sahen einander fragend an. Dann ertönte ein Schrei. Das war Frau Schwarte, die nun aus dem Bad gerannt kam und rief: „Er hat die Seife gegen die Deckenlampe geschossen! Alles ist voller Scherben und Seife!“

Rosie und Berta

 

 

„Och“, meinte Elfriede, „dann ist ihm bestimmt die glitschige Seife beim Waschen aus den Händen geflutscht. Das ist ja schrecklich, aber er ist nun einmal ein reinlicher Ottifant, der es gerne sauber hat.“

 

 

 

Berta sah sie von der Seite an.

 

„Das ist mir aber neu“, flüsterte sie Elfriede zu.

 

„Er ist ja auch noch am Üben.“

 

Laut jammernd holte Frau Schwarte nun Handfeger, Schaufel, Wischlappen und Eimer, um sofort mit der Wiederherstellung des Badezimmers zu beginnen. Damit die Kinder ihr nicht im Wege waren, befahl sie ihnen, in die Stube zu gehen und etwas zu lesen. Nur den Fernseher sollten sie aus lassen, weil „Fernsehen ja dumm macht“. Lediglich die Werbesendungen, in denen über neue Reinigungs- und Waschmittel berichtet wurde, fand Bertas Mutter interessant.

 

Die drei Kinder machten es sich im Wohnzimmer bequem und nahmen sich jeder eines der dort sauber gestapelten Bücher. Elfriede las die Titel. Es waren so spannende Geschichten wie „Rudi lernt sein Fahrrad putzen“, „Hanni und ihre Abenteuer beim Abwaschen“ oder „Das Schmutzmonster und die mutigen Putzbären“.

 

Angewidert legte sie die Bücher beiseite und sah fasziniert zu, wie Bruno versuchte, die Fernbedienung auszuprobieren. Endlich gelang es ihm und nun sahen die drei Kinder, wie sich eine Katze und eine Maus auf dem Bildschirm prügelten. Dabei zerlegten sie nicht nur das gesamte Haus, sondern auch den Garten und den umliegenden Stadtteil. Zwischendurch drang das Stöhnen und Jammern von Frau Schwarte herüber, die noch nicht alle Schmutzflecken im Badezimmer gefunden hatte. Aber das interessierte niemanden, denn das, was sich im Fernseher tat, war weitaus interessanter. Nach einiger Zeit hatten Katze und Maus sich wieder vertragen, weil es nichts mehr kaputt zu machen gab und die ganze Stadt in Schutt und Asche lag. In diesem Moment betrat Frau Schwarte das Zimmer. Sie sah den eingeschalteten Bildschirm und die Unordnung, die diese Zeichentrickfiguren gemacht hatten.

 

„Berta, was ist das?“

 

„Das sind Tom und Jerry, Mama.“

 

„Ich meine, was soll das?“

 

„Die haben sich gekloppt.“

 

 

 

„Ja, aber seht ihr denn nicht, Kinder, was die für einen Dreck gemacht haben? Wer, glaubt ihr wohl, soll das alles sauber machen?“

 

„Der Zeichner.“ Elfriede war sich da ganz sicher.

 

Frau Schwarte schaltete den Fernseher aus und nahm dem heulenden Bruno die Fernbedienung weg.

 

„Ihr geht euch jetzt sofort waschen!“

 

„Aber Mama, wir sind doch schon gewaschen.“

 

„Dann wischt bitte die Fernbedienung ab. Danach geht ihr alle Zähneputzen. Es ist Zeit ins Bett zu gehen.“

 


 

 

 

3. Kapitel

Bruno legt los

 

 

 

 

 

Als sie im Badezimmer waren, fiel den beiden Mädchen plötzlich auf, dass Bruno nicht mitgekommen war. Sie liefen zurück auf den Flur. Von Bruno war nichts zu sehen und auch im Wohnzimmer war nur Frau Schwarte zu sehen, die damit beschäftigt war, den Bildschirm des Fernsehers zu säubern. Dann fiel Elfriedes Blick auf die geöffnete Kellertür. Sie stieß Berta mit dem Ellenbogen an und deutete auf die Tür. Beide nickten und gingen leise die Kellertreppe hinunter. Unten angekommen sahen sie Bruno, der gerade damit beschäftigt war, die Tiefkühltruhe nach Eis zu durchwühlen. Um ihn herum lagen ein paar tiefgefrorene Hähnchen, die ihm beim Suchen im Weg gewesen waren. Gerade nahm er einen Korb Petersilie, um ihn auf den Boden zu werfen, als Berta entsetzt rief:

 

„Bruno, hör auf damit. Du machst ja alles schmutzig!“

 

Elfriedes kleiner Bruder grunzte nur und fuhr fort, nach leckerem Speiseeis zu suchen.

leckeres Eis

„Er hat Hunger“, bemerkte Elfriede. „Ich glaube, er hat zu Hause noch nichts gegessen.“

 

„Und warum, bitte schön, fragt er dann nicht?“

 

„Das tut er nie, er möchte niemanden stören.“

 

In diesem Moment gab Bruno einen Begeisterungsschrei von sich. Er hatte ein Himbeereis gefunden. Er riss das Papier ab und legte es in die Tiefkühltruhe.

 

„Wieso schmeißt dieses Unglückskind das Papier in die Truhe?“ Berta war außer sich vor Entsetzten.

 

„Nun, er wirft nichts auf den Boden, er ist nun einmal ein reinlicher Ottifant, der es gerne sauber hat.“

 

„Aber was ist mit den gefrorenen Hähnchen?“

 

„Die“, grinste Elfriede, „sind doch viel zu schwer für ihn. Da müssen wir ihm helfen.“

 

 

 

In diesem Moment betrat Frau Schwarte den Keller. Sie hatte sich zwar gewundert, dass die Tür offen war, aber da sie in der linken Hand einen Schrubber und in der rechten einen Eimer mit Spülwasser hatte, war ihr eine offene Tür ausnahmsweise recht. Als sie aber die Bescherung sah, bekam sie solch einen Schreck, dass ihr der volle Eimer aus der Hand fiel und sich das schmutzige Wasser über die Kellertreppe ergoss. Bruno saß auf der Tiefkühltruhe und betrachtete gelangweilt, was da so passierte. Dann sprang er von der Truhe herunter und begann, von einem gefrorenen Hähnchen zum nächsten zu springen.

 

„Er mag keine nassen Füße,“ erklärte Elfriede.

 

„So, aber Eis? Um diese Zeit Eis?“ krächzte Frau Schwarte und versuchte, Bruno das Eis wegzunehmen. Der aber sprang weiter von Hähnchen zu Hähnchen, während Frau Schwarte über einen dieser tiefgefrorenen Vögel stolperte und in das Schmutzwasser fiel. Wütend stand sie auf und während sie etwas von Ordnung und Sauberkeit erzählte, rannte sie hinter dem kreischenden Bruno her. An der Kartoffelkiste hatte sie ihn endlich gestellt. Sie griff nach dem Himbeereis, doch Bruno wollte es nicht loslassen. Leider musste er schnell einsehen, dass er der Schwächere war und auf einmal ließ er das Eis los. Nun war Frau Schwarte am Kreischen, denn sie schoss mit einem Mal rückwärts durch den Kellerraum direkt auf die Tiefkühltruhe zu.

 

 

 

Ihr lauter, gellender Schrei verstummte, als sie mit der schweren Truhe krachend an der gegenüberliegen-den Kellerwand zum Stehen kam. Jammernd wollte sie gerade auf den Boden hinabklettern, als hinter der Tiefkühltruhe eine Wasserfontäne hochschoss.

 

„Die Wasserleitung ist getroffen!“ schrie sie, Hochwassersprang auf den überfluteten Kellerboden, landete auf einem der tiefgefrorenen Hähnchen und fiel der Länge nach ins kalte Wasser. Fluchend stand sie wieder auf und watete durch das inzwischen immer höher gestiegene Wasser zur Wasserleitung hin. Der Versuch, das sprudelnde Wasser abzudrehen, endete damit, dass sie den Wasserhahn abbrach.

 

„Soll ich trockene Tücher holen, Mama?“

 

„Später, hol mir lieber eine Rohrzange, ich muss die Leitung zudrehen!“

 

Berta lief los, stolperte über Bruno, der gerade Hähnchen versenken spielte und kam nach kurzer Zeit mit dem gewünschten Werkzeug zurück. Frau Schwarte setzte die Zange an, drückte und drückte, aber nichts geschah. Dann tat sie etwas Folgenschweres: sie warf sich mit ihrem gesamten Gewicht gegen die Zange. Mit einem lauten Knacken gab die Rohrleitung nach, und das Wasser schoss heraus wie aus einer Kanone. Berta, die in diesem Moment mit einem Stapel trockener Tücher die Kellertreppe wieder herab kam, wurde von dem harten Strahl getroffen und flog nun kreischend in Richtung Wohnzimmer. Krachend landete sie auf dem Fernseher, es gab einen lauten Knall und Berta flog weiter. Ihr Flug endete mit einem lauten Scheppern im Küchenschrank.

 

„Eimer, ich brauche Eimer und Tücher!“ kreischte Frau Schwarte.

 

„Ich komme gleich, Mami,“ rief Berta und stand langsam auf. Krachend brach der Küchenschrank mit dem restlichen Geschirr zusammen und begrub das arme Schwein unter sich.

 

„Kommst du endlich?“ rief erneut ihre Mutter.

 

 

 

„Sofort, Mami!“ meldete sich eine Stimme unter dem Gerümpel. Berta wühlte sich unter dem ehemaligen Schrank hervor, griff zwei Eimer und ein paar Lappen und rannte die Kellertreppe hinunter. Entsetzt blieb sie nach den ersten Stufen stehen. Das Wasser war in der Zwischenzeit immer höher gestiegen.

 

Elfriede und Bruno saßen auf der im Wasser treibenden Kühltruhe. Elfriede versuchte, mit den Händen zu paddeln und Bruno wühlte in der Truhe nach Eis. Endlich hatte er eines gefunden und riss gierig das Papier ab.

 

„Wirf das Papier nicht auf den Boden, äh, in das Wasser“, rief ihm Berta zu. „Steck es bitte in deine Tasche!“

 

„Gib mir endlich die Eimer“, gurgelte Frau Schwarte, die inzwischen Mühe hatte, mit dem Kopf über Wasser zu bleiben. Sie warf ihrer Tochter einen verärgerten Blick zu und fuhr fort: „Wie siehst du schon wieder aus! Gehe bitte nach oben und kämm dich!“

 

„Soll ich nicht erst die Küche fegen?“ fragte Berta unsicher.

 

„Wozu, die ist doch sauber“, entgegnete ihre Mutter.

 

„Jetzt nicht mehr.“

 

„Was soll das heißen: jetzt nicht mehr?“

 

„Am besten, du guckst dir das selber an, Mami.“

 

Frau Schwarte wollte noch etwas entgegnen, aber da sie nun Schwierigkeiten hatte, Luft zu bekommen, war außer einem wütenden Blubbern nichts zu hören. Sie merkte, dass sie sich nun einen anderen Platz suchen musste und stieg zu Elfriede und Bruno. Elfriede war es inzwischen gelungen, so zu paddeln, dass die Gefriertruhe nun auf die Kellertreppe zuschwamm. Dort angekommen, war das Wasser mittlerweile so hoch gestiegen, dass die Truhe samt Besatzung gleich weiter in den Flur geschwemmt wurde.

 

 

 

„Berta“, kreischte Frau Schwarte, „wie sieht die Küche denn bloß aus? Um Gottes Willen, wenn wir jetzt Besuch kriegen!“

 

„Also, im Moment wären uns wohl nur Enten willkommen,“ grinste Elfriede und versuchte, weiter zur Haustür zu paddeln.

 

„Berta, nimm einen Besen und fege die Küche! Aber beeil dich, bevor das Geschirr wegschwimmt!“

 

 

 

Während Berta verzweifelt versuchte, mit dem Besen das schwimmende Geschirr einzufangen, war Elfriede mit ihrer Truhe auf dem Weg zur Haustür stecken geblieben. Der Fernseher und ein Sofa blockierten ihren Weg. Mit einem Jauchzen sprang Bruno auf das Sofa, um damit in Richtung Schlafzimmer zu treiben.

 

„Nicht ins Schlafzimmer“, rief Frau Schwarte. „Die Betten sind noch nicht neu bezogen, da darf keiner rein!“

 

Sie stieg von der Truhe ab, um Bruno aufzuhalten. Mittlerweile war das Wasser aber so hoch gestiegen, dass sie sofort unterging. Als sie wieder auftauchte, hatte sie einen Schuh in der Hand und schimpfte: „Wer hat den Schuh hier im Flur liegen lassen? Könnt ihr keine Ordnung halten?“

 

Wütend warf sie den Schuh nach Bruno, doch der duckte sich. Der Schuh traf den Lichtschalter.

 

„Kann mal jemand das Licht anmachen“, ertönte Elfriedes Stimme aus der Dunkelheit. „Ich kann nicht sehen, wohin ich treibe.“

 

Ein lautes Krachen deutete darauf hin, dass die Truhe durch eine geschlossene Tür gefahren war.

 

 

 

„Elfriede, wenn du schon mal in der Küche bist, kannst du gleich nachsehen, ob die Spülmaschine schon fertig ist! Auf dem Küchentisch liegen Streichhölzer, damit kannst du dir Licht machen.“

 

 

 

Noch während sie das sagte, überlegte Frau Schwarte, ob sie den Gasherd abgestellt hatte. Doch bevor sie ihren Gedanken aussprechen konnte, gab es in der Dunkelheit einen lauten Knall, und Elfriede flog mit einer Streichholzschachtel in der Hand durch die Luft. Ein lautes Scheppern ließ auf ihre Landung schließen und als sich wieder zu sich kam, fühlte sich alles kuschelig und weich an. Bin ich jetzt im Himmel? dachte sie, doch nach genauer Prüfung ihrer Lage stellte sie fest, dass sie in der Garderobe gelandet war. Inzwischen hatte Berta den Lichtschalter wiedergefunden und nun wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar.

 

 

 

„Elfriede, was machst du mit meinem Pelzmantel? Würdest du den bitte ausziehen!“

 

Verärgert sah Frau Schwarte Elfriede an und schwamm erst einmal in das Wohnzimmer, um nach dem Rechten zu sehen. Dort war Bruno, um sich vor den Fluten in Sicherheit zu bringen, auf die Deckenbeleuchtung gestiegen. Frau Schwarte stieß einen spitzen Schrei aus und schimpfte: „Komm sofort von dem Kronleuchter herunter, du machst ihn ja kaputt!“

 

Doch Bruno ließ sich nicht beirren und schaukelte fröhlich hin und her. Das Maß war voll und Frau Schwarte stieg, nachdem sie ihre Hausschuhe ausgezogen hatte, auf den Wohn-zimmertisch und versuchte, Bruno herunterzuziehen. Doch der dachte gar nicht daran, seine Schaukel aufzugeben und hielt sich krampfhaft fest. Wieder einmal war Frau Schwarte die Stärkere, doch wieder einmal endete es anders, als sie gedacht hatte. Mit einem kräftigen Ruck riss sie die Deckenbeleuchtung samt dem laut kreischenden Bruno aus der Verankerung. Nun war es um ihr Gleichgewicht geschehen, sie kippte vom Tisch und landete mit Bruno und dem Kronleuchter im Aquarium, das knirschend auseinanderbrach.

 

 

 

„Die Fische! Berta, fang die Fische ein, die machen alles schmutzig.“

 

 

 

Berta jedoch hatte im Moment andere Probleme. Ihr Versuch, das Geschirr einzufangen, war misslungen. Eine große Kaffeekanne hatte das Küchenfenster eingedrückt und das gesamte Geschirr trieb nun durch das kaputte Fenster nach draußen. Wenigstens ein paar Untertassen hatte sie einfangen können, doch der Rest lag nun im Garten. Sie zuckte mit den Schultern und schwamm zum Flur, um nun wenigstens die Fische einzufangen, doch die waren schon längst ins Badezimmer und von dort aus in der Toilette verschwunden.

 

Es klingelte plötzlich an der Tür, gerade als Frau Schwarte ihre Hausschuhe suchte. „Berta, geh mal aufmachen, ich kann ja nicht barfuß an die Tür gehen, oder?“. Berta schwamm so schnell sie konnte. An der Haustür angekommen, drehte sie den Schlüssel um. Durch den Wasserdruck wurde die Tür regelrecht aufgerissen und ein hoher Wasserschwall ergoss sich über den Besucher.

 

 

 

„Papi, da bist du ja wieder!“ Elfriede war außer sich vor Freude. „Hast du dir doch nichts gebrochen?“

 

Bommel wischte sich das Gesicht trocken, nahm einen Teebeutel, der vom Wasserschwall angespült worden war, aus dem Mund und sagte: „Alles in Ordnung, es war nur eine kleine Prellung.“ Er trat ein und grüßte Frau Schwarte: „Guten Abend, Frau Schwarte, darf ich ausnahmsweise einmal die Schuhe anbehalten, ich habe nämlich keine Schwimmflossen dabei?“

 

„Papi, dürfen wir wieder nach Hause? Das ist hier alles zu ungemütlich.“

 

„Gut, dann musst du aber in Brunos Zimmer schlafen.“

 

Elfriede schwamm ins Wohnzimmer zurück, um Bruno zu holen. Dann verabredete sie sich mit Berta für den nächsten Tag und sie stiegen ins Auto und fuhren zurück in ihr Haus. Dort angekommen, trocknete Bommel die beiden erst einmal gründlich ab.

 

 

 

„Sag mal, Elfriede“, begann er, „was war denn da los?“

 

„Ach, Papi, die doofe Frau Schwarte wollte Bruno kein Eis geben.“ Bommel grinste.

 

„Ich verstehe.“

 

 

 

Diesmal war Elfriede so sehr erschöpft, dass es ihr überhaupt nichts ausmachte, mit ihrem kleinen Bruder in einem Zimmer zu schlafen. Im Grunde genommen war sie sogar stolz auf ihn. Natürlich würde Familie Schwarte heute Nacht wohl auf dem Dachboden schlafen müssen, aber ein bisschen Spaß musste ja auch sein, oder?

 

 

 

Inzwischen hatte es sich ihre Freundin Berta auf dem Dachboden zwischen alten Möbeln gemütlich gemacht. Sie war noch ganz erschöpft vom Aufpusten einer alten Luftmatratze. Frau Schwarte war noch damit beschäftigt, den Dachboden erst einmal gründlich mit dem Staubsauger zu bearbeiten.

 

„Morgen werde ich den Keller und die Wohnung so richtig schrubben“, bemerkte sie. „Eingeweicht ist jetzt ja alles.“

 

Berta drehte sich auf die Seite und dachte zufrieden daran, dass ihre Mutter nichts davon erwähnt hatte, dass sie mitmachen solle. Dann würde dem Treffen mit Elfriede und den anderen am nächsten Tag ja nichts im Wege stehen.

 


 

 

 

4. Kapitel

 

 

Das Zauberfläschchen ist weg

 

 

 

 

Marie hatte sich als erste am Treffpunkt bei der Bushaltestelle eingefunden. Es war noch recht früh am Tage, die Luft war frisch und Marie fröstelte ein wenig. Sie sah zum Zauberwald. Ein paar Vögel kreisten in der Luft, der Wald wirkte friedlich. Nichts wies darauf hin, dass etwas Schlimmes passieren sollte.

 

Die Krähe - von Katrin BuckBernie und Norbert kamen als nächste. Bernie hatte sein neues Taschenmesser mitgebracht. Schon den ganzen Hinweg über hatte er versucht, Norbert zu zeigen, was man damit alles für tolle Sachen machen konnte. Doch der hatte nur gelangweilt gegähnt und sich dann auch noch in der Nase gebohrt. Marie warf wenigstens einen Blick auf das Messer. Anfassen mochte sie es aber nicht, denn letzte Woche hatte sie sich beim Brot schneiden den Finger verletzt. Bernie war froh, als Jennie und Susi sich dem Treffpunkt näherten, denn die beiden interessierte so ein neues Messer. Während das neue Taschenmesser begutachtet wurde, kamen Berta und Elfriede.

 

Berta war es gelungen, sich aus dem Hause zu schleichen, bevor ihre Mutter sie zum Reinigungsdienst einsetzen konnte. Nachdem auch Daisy eingetroffen war, fehlte nur noch Rosie. Es dauerte noch ein paar Minuten, dann kam sie.

 

„Tut mit leid“, begann sie, „aber ich hatte mir Milch über die Hose gekippt und musste mich erst umziehen.“

 

„Vielleicht hättest du auch duschen sollen,“ sagte Berta und rümpfte die Nase. „Du riechst irgendwie vergoren.“

 

„Verloren?“

 

„Vergoren, wie vergammelte Milch, vergoren heißt das.“

 

„Ach, das geht doch weg in der frischen Luft, Berta.“

 

„Nein, Rosie. Das stinkt eher immer schlimmer, ich weiß nicht, ob ich das ertrage.“

 

„Dann nimm doch eine Wäscheklammer!“

Karl Klammer

„Wasch du dich lieber!“

 

„Ist jetzt mal Schluss?“ Elfriede wurde allmählich sauer. „Wenn wir noch lange hier stehenbleiben, kriege ich Plattfüße.“

 

Nun ging es endlich los. Die beiden Schweine diskutierten zwar noch eine Weile, aber keiner kümmerte sich darum. Elfriede war mit ihren Gedanken ohnehin nur bei dem Zauberfläschchen, das sie am Vortage bei ihrer Flucht vor dem Unwetter liegen gelassen hatte. Sie sagte sich selbst immer wieder, dass bestimmt niemand ihren Zeltplatz finden würde. Außerdem war das Fläschchen zusammen mit ihrer Trinkflasche in einem Beutel mit den Vorräten versteckt, aber sicher war sie sich nicht. Auch Jennie sah immer wieder zu Elfriede hin, denn schließlich war es Jennies Vorschlag gewesen, alle Vorräte in einem Gebüsch zu verstecken. Je dichter sie an den Platz kamen, desto schneller wurden ihre Schritte. Nur Rosie und Berta trödelten hinterher, während Bernie seinen Freund Norbert immer wieder zur Eile antrieb. Sie kamen an den kleinen Tannen vorbei, ließen die große, alte Eiche hinter sich und erreichten die Stelle, an der sie gestern übernachten wollten. Elfriede hatte das Versteck als erste erreicht, sie atmete erleichtert auf, als sie den Beutel im Gebüsch liegen sah. Hastig durchwühlte sie ihn und schrie entsetzt auf: „Es ist weg, oh, nein!“

 

Daisy und Susi kippten den Inhalt des Beutels auf den Waldboden und sahen sich alles genau an. Tatsächlich, außer dem Zauberfläschchen war noch alles da.

 

„Das kann doch nicht angehen!“

 

Daisy wühlte immer wieder in den restlichen Vorräten herum.

 

„Ich begreife nicht, dass nur das Fläschchen fehlt“, meinte Bernie. „Wieso nicht der ganze Beutel?“

 

Elfriede, die bisher auf dem Boden gekniet hatte, stand auf, sah nacheinander alle ihre Freunde an und sprach mit fester Stimme:

 

„Ich kenne nur eine Person, die das machen würde!“

 

 

 

Unsere Freunde sahen einander entsetzt an. Keiner sprach es aus, doch alle dachten dasselbe: die Hexe. Sie waren wie gelähmt und guckten ratlos. Warum hatte die alte Hexe das Zauberfläschchen gestohlen? Das alles ergab doch keinen Sinn, denn wozu sollte sie es brauchen? Sicher, sie konnte nun Reisen in alle Länder und in jede beliebige Zeit machen, doch das war ihr auch durch ihre Hexenkraft möglich. Nein, der Sinn dieses Diebstahls musste einen anderen Grund haben. Elfriede sprach es als erste aus: „Das ist eine Falle!“

 

„Du meinst, die Vorräte sind vergiftet?“

 

„Nein, Rosie, das doch nicht“.

 

Elfriede guckte sie vorwurfsvoll an.

 

„Natürlich weiß sie, dass wir das Fläschchen wiederhaben wollen. Sie weiß auch, dass wir uns das nicht gefallen lassen.

 

Bestimmt wartet sie schon auf uns.“

 

„Dann können wir also die Vorräte noch essen?“ „Fressen, Fressen, du hast nichts als Fressen im Kopf“, mischte sich Berta ein.

 

„Und du, du hast nichts als Putzen im Kopf!“

 

„Nein, meine liebe Rosie, ich habe noch viel mehr im Kopf!“

 

„Ach, ja, liebste Berta, was denn zum Beispiel?“

 

Das laute Krächzen einer Krähe unterbrach ihren Streit. Jennie wiegte den Kopf hin und her. Schließlich wandte sie sich an Elfriede und sagte: „Wenn ich den Vogel richtig verstanden habe, sagte er eben: jetzt wissen sie es.“

 

 

 

Alle sahen Jennie, die ja die Vogelsprache kennt, an.

 

„Bist du ganz sicher?“ fragte Daisy. „Ich meine, weil du ja einmal meintest, dass du die Krähen immer so schlecht verstehst.“

 

„Doch, ich bin mir sicher. Diese Krähe hat nicht so sehr genuschelt wie ihre Artgenossen.“

 

„Vielleicht“, überlegte Daisy laut, „hat sie das gesagt, weil sie nachher zur Hexe fliegt und dort Bescheid sagt. Wenn das wirklich so ist, dann wartet die Hexe bereits auf uns.“

 

Nun wurde beratschlagt, was zu machen sei. Es kam so mancher Vorschlag, doch keiner davon war so richtig brauchbar. Es war klar, dass sie zunächst herausfinden mussten, wozu die Hexe das Zauberfläschchen wirklich benötigte. Bernie brachte es schließlich auf den Punkt:

 

„Das Fläschchen dient nur als Köder.“

 

„Was hat denn ein Hund damit zu tun?“ fragte Rosie mit erstauntem Gesicht.

 

„Wieso Hund?“ Nun blickte Bernie erstaunt.

 

„Na, weil du doch was von Köter gesagt hast.“

 

Bernie hatte Schwierigkeiten zu antworten, weil er vor Lachen kaum sprechen konnte.

 

„Köder heißt das. Ein Köder ist ein Lockmittel, um jemanden zu fangen.“

 

Unsere Freunde lachten so laut, dass es im Wald widerhallte. Die Krähe, die sie noch immer beobachtete, krächzte kurz und verschwand.

 

„Nun fliegt sie zurück zur Hexe.“

 

Jennie sah ihr nachdenklich hinterher.

 

„Aber unser Lachen hat sie verstört und das ist gut so. Jetzt wird sie erzählen, dass wir keine Angst haben und guter Stimmung sind. Danke Rosie, das hast du gut gemacht!“

 

„Dafür ist ein Clown ja auch da,“ bemerkte Berta spöttisch.

 

Rosie sagte nichts mehr, sondern begann, die Vorräte zu untersuchen. Ein großer Teil war vom nächtlichen Regen aufgeweicht, doch der Rest war noch essbar. Während Rosie den essbaren Teil einer genaueren Prüfung unterzog, kratzte sich Bernie am Kinn und sprach:

 

„Wenn wir direkt zur Hexe gehen, laufen wir in eine Falle und wir wissen nicht einmal, wie diese Falle aussieht. Wenn wir zu lange warten, könnte es sein, dass sie irgend etwas mit dem Zauberfläschchen plant. Also brauchen wir einen Spion.“

 

„Einen Vogel!“ rief Marie.

 

„Genau, oder etwas anderes. Vielleicht kann Jennie die Vögel im Wald fragen, ob sie uns helfen.“

 

 

 

Jennie stand auf und ging ein Stück weiter in den Wald hinein. Sie pfiff und trällerte bis sie eine Antwort erhielt. Minute um Minute verstrich, dann kam sie niedergeschlagen wieder und erklärte: „Alle Vögel des Waldes haben Angst. Sie behaupten, es wären ganz viele Hexen bei dem alten Hexenhaus, und kein Vogel traut sich, dorthin zu fliegen. Ich schätze, wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen.“

 

„Gut“, meldete sich nun Elfriede, „dann kaufen wir uns einen Spion“.

 

 

 

Auf dem Rückweg hatte Rosie ausnahmsweise einmal einen Grund zu jammern. Es wurde nämlich fast einstimmig – mit nur einer Gegenstimme – beschlossen, dass sie die Vorräte zurücktragen sollte. Je länger der Weg dauerte, desto leiser wurde ihr Klagen, denn allmählich ging ihr die Luft aus. Aber auch der längste Weg nimmt einmal ein Ende und so wurden die Vorräte zunächst einmal wieder zu Hause verstaut, bevor sich alle in Elfriedes Zimmer zur Lagebesprechung einfanden. Es wurde beschlossen, die Spardosen zu plündern und das nächste Tiergeschäft aufzusuchen.

 

 

 

Nachdem Frau Bommel noch eine Runde heißen Kakao ausgegeben hatte, wurde nun überlegt, welches Tier in Frage käme.

 

„Wisst ihr noch, wie wir das letzte Mal im Tiergeschäft die Hamster gekauft haben?“

 

Elfriedes Augen leuchteten vor Begeisterung. Alle redeten nun durcheinander. Jeder dachte gerne an die Geschichte mit den Hamstern zurück.

 

„Erst wollte dein Papa die Tiere nicht und dann hat er uns doch geholfen,“ sagte Daisy zu Elfriede.

 

„Ja, los, Elfriede,“ riefen nun alle Freunde in Chor. „Erzähle uns noch mal, wie das mit deinem Papa war, wie hattest du ihn herumgekriegt?“

 

Elfriede lachte und antwortete: „Das war eigentlich ganz einfach. Am besten erzähle ich euch die ganze Geschichte noch einmal, bestimmt kriegen wir dann auch wieder gute Laune.“ Sie machte es sich auf dem Boden bequem und begann zu erzählen:

 


 

 

 

5. Kapitel

 

 

Die Hamster

 

 

 

„Aber Papi, das ist doch ein winziges, süßes Tier. Das frisst kaum etwas und ist ganz lieb, bitte, bitte, Papi!“

 

Bommel legte seine Zeitung beiseite, nahm seine Zigarre aus dem Mund und antwortete: „Das haben wir doch nun schon oft genug durchgesprochen! Ein Tier kommt mir nicht ins Haus!“

 

„Na gut, Papi, dann werde ich jetzt traurig in mein Zimmer gehen. Mach dir keine Sorgen, wenn du mich weinen hörst. Ich werde schon irgendwie darüber hinwegkommen.“

 

Bommel sah ihr nach, als sie langsam die Treppe hinauf in ihr Zimmer gehen wollte. Er überlegte kurz und dann rief er: „Wie viel soll so ein Tier denn kosten?“

Hamsti

„Fast nichts, Papi, ich bezahle es auch von dem Geld, das ich zum Geburtstag bekommen habe! Ich sorge auch für das kleine Tier! Ich mache auch immer meine Hausarbeiten und mein Zimmer werde ich auch in Ordnung halten, dann werde ich jeden Tag...“

 

„Mein Auto waschen, ich weiß,“ lachte Bommel. „Geh schon los und hol es dir!“

 

Elfriede drückte ihrem Papa einen dicken Kuss auf, lief zu ihrer Mama und sagte: „Papi möchte auch einen Hamster haben, jetzt musst nur noch du zustimmen!“

 

Gertrude Bommel seufzte. Da sie nicht gerne den schwarzen Peter hatte, stimmte sie zu und Elfriede rannte in ihr Zimmer, plünderte den Spartopf und stürmte zur Haustür hinaus.

 

 

 

„Und deine Eltern hatten nichts dagegen?“

 

Daisy war begeistert. Sie war bereits seit gestern die stolze Besitzerin eines niedlichen, kleinen Goldhamster. Dodo hieß er und war ein Geschenk von ihrer Oma. Nachdem alle Freunde und Freundinnen von Daisy den kleinen Dodo gesehen hatten, gab es in den jeweiligen Elternhäusern Stress. Jedes Kind hatte nur eines im Kopf: ein Hamster musste her! Nun hatte auch Elfriede einen, und der hieß Strubbel. Strubbel schlief gerne und viel, und wenn er nicht schlief, hatte er nichts als Unsinn im Kopf. Unsere Freunde saßen alle in Elfriedes Zimmer und sahen den beiden Hamstern zu. Sie beschnüffelten einander und begannen, das Zimmer zu inspizieren. Jede Ecke wurde genau betrachtet und beschnüffelt. Jedes Stofftier, das auf dem Boden lag, wurde angestupst.

 

„Ach, so etwas Goldiges hätte ich auch gerne,“ bemerkte Rosie mit verklärtem Blick.

 

„Meine Mami sagt immer, Hamster machen nichts als Dreck, ich glaube, so etwas wäre nichts für mich.“

 

Berta war sich da ganz sicher.

 

„Das wäre auch besser für den Hamster, liebe Berta, der stirbt ja sonst an Putzmittelvergiftung.“

 

„Nur kein Neid, liebste Rosie, bei uns ist es nun einmal alles sauber und ordentlich.“

 

„Das sind Hamster doch auch, ich glaube das kann jeder.“

 

„Sauberkeit und Ordnung, liebe Rosie, sind nicht angeboren, man muss es sich hart erarbeiten.“

 

„Aber wenn Hamster das schon können, meine liebe Berta, dann kann das jeder Doofe.“

 

„Können Hamster aufräumen oder schrubben? Können sie sich waschen? Können sie... “

 

„Sieh doch einmal, sie putzen sich!“ rief auf einmal Jennie ganz begeistert.

 

Rosie nahm ein Stück Keks und hielt ihn Strubbel hin. Das kleine Tier schnupperte, stellte sich auf seine kleinen Hinterbeine und nahm die Leckerei in seine Vorderpfoten. Alle erwarteten nun, dass auch Dodo kommen und sich die beiden das Stück teilen würden. Strubbel aber schob den ganzen Keks einfach in sein kleines Maul. Deutlich war zu sehen, wie sich nun seine Hamsterbacken wölbten.

 

„Wie schrecklich,“ sagte Berta und rümpfte ihre Nase. „So ein unappetitlicher Vielfraß!“

 

„Er hat es doch noch gar nicht gegessen,“ belehrte sie Jennie. „Er hat es nur in seine Hamstertasche geschoben. Später, in seinem Käfig, kommt der Keks in seine Vorratskammer. Hamster machen das immer so.“

 

Rosie guckte ungläubig, sah Jennie an und fragte: „Haben die denn nicht Schwierigkeiten mit dem Trinken?“

 

„Wieso denn das?“

 

„Na, ich habe gedacht, wenn die sich das Trinken erst hinter die Backen kippen und dann...“

 

Alle lachten. Dann ging sie ins Badezimmer und holte ein mit Wasser gefülltes Schälchen. Sie stellte es in die Nähe der beiden Hamster und alle sahen gespannt zu, wie sich die beiden kleinen Tiere neugierig näherten.

 

Von jeder Seite kam nun eines dieser kleinen, pelzigen Tiere, setzte seine Vorderpfoten vorsichtig auf den Rand der Untertasse und schnupperte. Dann fingen beide an, mit ihren kleinen Zungen das Wasser zu schlecken. Es sah einfach putzig aus, wie die kleinen Zungen immer wieder ins Wasser fuhren. Es ging auch alles gut, bis Dodo genug getrunken hatte und seine Pfoten vom Tellerrand nahm. Jetzt war der Teller nicht mehr im Gleichgewicht und Strubbel drückte ihn mit seinen Pfoten herunter und bekam eine Dusche ab. Der arme Hamster war nun klitschnass und wusste nicht, wie ihm geschah. Lachend rannte Elfriede ins Badezimmer, um ein Handtuch für den armen, kleinen Kerl zu holen. Strubbel ließ sich das Abtrocknen gefallen, doch mittendrin begann er, sich einen Zipfel des Handtuchs hinter die Backen zu schieben.

 

„He, Strubbel, was soll denn das? Ein Handtuch schmeckt doch

 

nicht.“ Elfriede zog den Zipfel wieder zurück. Jennie lachte laut und erklärte: „Er hat bestimmt Nistmaterial gesucht, das machen Hamster immer so.“

 

„Hat jemand meinen Dodo gesehen?“ meldete sich nun Daisy.

 

Alle sahen sich um und jeder war darauf bedacht, sich vorsichtig zu bewegen. Strubbel saß in einer Ecke und schien irgendetwas gefunden zu haben, doch Dodo blieb verschwunden. Überall wurde nun gesucht: unter dem Schreibtisch, in der Puppenstube, hinter der Heizung und unter Elfriedes Bett, doch der kleine Hamster war nicht aufzutreiben. Schließlich war ein lauter Schrei zu hören. Es war Rosie, die gerade ins Badezimmer gegangen war.

 

„Ein Geist! Hilfe, ein Geist!“

 

Unsere Freunde stürmten ins Bad und sahen Rosie, die ängstlich auf die Toilettenbürste zeigte.

 

Tatsächlich, die Toilettenbürste bewegte sich wie von Geisterhand. Bernie ging auf die Bürste zu, nahm sie vom Halter und... ein Hamster kam zum Vorschein. Lachend hob Daisy ihn hoch und trug ihn zurück in Elfriedes Zimmer. Dort hatte sich inzwischen die nächste Katastrophe angebahnt.

 

Wieder war Rosies Schrei zu hören: „Meine Kekse! Das Vieh frisst meine schönen Kekse auf!“

 

Strubbel hatte sich auf die Hinterpfoten gesetzt und sah nun Rosie auf sich zugelaufen kommen. Sofort packte der Hamster einen von Rosies Keksen und lief aus dem Zimmer.

 

Rosie rannte schimpfend hinterher. Strubbel lief um sein Leben. Rosie war ihm dicht auf den Fersen, doch immer wieder konnte der kleine Hamster durch flinkes Hakenschlagen dem wütenden Schwein entwischen. Doch es half ihm nichts. Schließlich stellte Rosie ihn in einer Ecke des Hausflurs.

 

Mit großen Augen guckte der kleine Hamster Rosie an und wartete. Verwundert sah Rosie, dass der Keks verschwunden war. Diesen Moment nutzte Strubbel aus; er rannte zwischen ihren Beinen hindurch zurück auf den Flur. Schnell schnappte er sich das Stück, das er dort liegen gelassen hatte, und versteckte sich unter Elfriedes Bett.

 

„Tja, meine liebe Rosie, der Hamster war schlauer als du,“ stellte Berta grinsend fest.

 

Alle blickten schweigend auf das Bett. Ein leises Knabbern war zu hören.

 

„Was macht ihr denn da?“ Elfriedes Mutter kam ins Zimmer und sah sich verwundert um.

 

„Och, das sind nur Strubbel und Dodo, Mama,“ entgegnete Elfriede.

 

„Ich glaube, Papa ist allergisch gegen Hamster, er hat Rüsseljucken seitdem Strubbel hier ist.

 

Am besten passt ihr auf, dass sie ihm nicht über den Weg laufen!“

 

„Ist gut, Mami, wir passen auf.“

 

Schweigend saßen nun unsere Freunde und sahen zu, wie die Hamster unter dem Bett den Keks restlos vertilgten.

 

„Ich, äh, muss noch etwas erledigen,“ begann Susi. „Wir sehen uns dann morgen!“

 

„Ich muss jetzt auch los,“ verabschiedete sich Marie.

 

„Und ich, äh, wollte meiner Mutter noch beim Aufräumen helfen,“ sagte Berta.

 

 

 

Nun war Elfriedes Zimmer leer und sie saß alleine mit Strubbel im Zimmer. Aber egal, es war ohnehin Zeit, Schularbeiten zu machen. Wenn Elfriede etwas für unnötig hielt, waren es Hausaufgaben. Gerade gestern erst hatte Bommel ihr einen Vortrag gehalten, wie wichtig so etwas sei, aber nachdem Mama darauf hingewiesen hatte, was für ein mieser Schüler Bommel gewesen war, hatte Bommel nichts mehr gesagt.

 

Inzwischen wurde es Zeit, den kleinen Hamster ins Bett zu bringen.

 

„Komm, Strubbel, Feierabend, jetzt geht es in die Heia.“

 

Doch Strubbel dachte gar nicht daran, er versuchte sich aus Elfriedes Fingern zu winden, aber es half ihm nichts. Er wurde in den Käfig gesetzt und der Käfig zugemacht. Strubbels Schlafzimmer war eine alte Zigarrenschachtel aus Holz, die Papa Bommel gestiftet hatte.

 

Zufrieden streckte sich Elfriede, gähnte, nahm ihre Puppe Pupsi in den Arm und schloss die Augen. Gerade sank die bleierne Schwere des Schlafes auf sie herab, als sie durch ein lautes „Rump, Rump“ hochgeschreckt wurde. Strubbel! schoss es ihr durch den Kopf. Sie machte das Licht an und stand auf um nachzusehen. Es war nichts zu sehen oder zu hören. Seufzend legte sich sie sich wieder ins Bett und machte das Licht aus. “Rump, Rump“ – da war es wieder! Elfriede schaltete das Licht ein und das Geräusch war verschwunden. Wieder löschte sie das Licht und wieder ging es „Rump, Rump“. Licht an, Geräusch weg. Licht aus, Geräusch da. Schließlich kam Elfriede zu der Überzeugung, dass es besser sei, in dieser Nacht das Licht anzulassen. Schon nach kurzer Zeit war sie eingenickt und träumte vom Zauberwald. Sie träumte, sie war gerade auf dem Weg zu einem Zirkus, als ihr ein riesiger Trecker entgegenkam. „Rump, Rump“, bollerte er über den Waldboden und näherte sich Elfriede. Sie versuchte fortzulaufen, doch der Trecker folgte ihr. „Rump, Rump“, kam er immer näher und sie wollte schon schreien, als sie die Augen öffnete und sah, dass sie in ihrem Bett lag. Das Licht war an und Strubbel war in sein Laufrad gestiegen und lief so schnell er konnte. „Rump, Rump“, das war es also! Für den Rest der Nacht wurde Strubbel samt Käfig auf den Flur gestellt.

 

 

 

Am nächsten Tag trafen sich unsere Freunde wieder bei Elfriede. Eigentlich war für heute ein Ausflug auf den Spielplatz geplant, doch leider goss es in Strömen. Es stellte sich heraus, dass Dodo und Strubbel nicht mehr die einzigen Hamster waren. Rosie zeigte stolz ihren Berti (wobei Berta sich sehr über diesen Namen aufregte) und Bernie hatte den kleinen Muffel dabei.

 

„Noch jemand ohne Hamster?“ fragte Daisy lachend.

 

Nun holten auch Susi und Marie ihre Pappschachteln hervor, die sie geheimnisvoll hinter ihren Rücken versteckt hatten.

 

„Darf ich vorstellen,“ begann Susi. „Das ist Flecki.“

 

„Und meiner heißt Goldi,“ sagte Marie stolz. „Wir haben sie beide zusammen gekauft.“

 

Alle Augen waren nun auf Berta gerichtet.

 

„Na,“ begann Rosie, „hat deine Mami es dir nicht erlaubt, ein Haustier zu halten? Das macht ja auch Schmutz, nicht wahr, liebste Berta? Aber keine Sorge, du darfst meinen Berti auch einmal streicheln.“

 

Bertas Wangen waren schon leicht gerötet, aber sie sagte nichts. Sie holte eine kleine Holzschachtel hervor, öffnete sie und hob einen Hamster hervor.

 

„Darf ich dir vorstellen, allerliebste Rosie, das ist Robert.“

 

„Robert?“

 

Alle sahen erstaunt zu Berta.

 

„Ja, Robert. Meine Mama sagt, er braucht einen vernünftigen Namen. Schnuffel und Wuschel heißt ja jeder. Zuerst wollten wir ihn Jean Pascal nennen, aber den gibt es ja schon, also haben wir ihn Robert Luis Carlo Schwarte genannt.“

 

„Ein sehr, äh, seltener Name,“ stellte Jennie fest.

 

Daisy und Rosie konnten sich vor Lachen nicht mehr halten.

 

„Und wenn es ein Mädchen ist, Berta?“ fragte Bernie.

 

„Nun, ja, dann nennen wir es Roberta Luisa Carla.“

 

„Auch sehr, hä, hä, schön!“ gackerte Jennie.

 

Beleidigt drehte sich Berta zu Seite und begann, das Fell von Robert Luis Carlo mit einer kleinen Bürste zu säubern.

 

„Meine Mama sagt, Hamster sind noch zu klein, um sich selber richtig zu putzen,“ erklärte sie.

 

 

 

Es wurde ein lustiger Nachmittag und unsere Freunde beschlossen, sich bis auf weiteres immer bei Elfriede zu treffen. Jedenfalls solange, bis alle Hamster groß genug waren, um mit in den Zauberwald genommen zu werden. Später brachte Frau Bommel noch Kakao und Kekse vorbei und auch die Hamster kamen aus allen Ecken und bettelten. Doch leider stritten sich zwei Hamster so sehr um einen Keks, dass sie sich dabei verletzten. Nachdem die beiden Kampfhähne getrennt worden waren, sahen unsere Freunde die Bescherung. Beide Tiere hatten sich dabei verletzt. Elfriede rannte die Treppe hinunter in die Stube, wo ihr Vater gemütlich im Sessel saß und Zeitung las.

 


 

 

 

6. Kapitel

 

 Beim Tierarzt

 

 

"Zum Tierarzt?" Bommel traute seinen Ohren nicht. "Was ist denn nun schon wieder passiert?"

 

"Na ja," begann Elfriede, "Goldi wollte Flecki etwas Futter klauen und Flecki hat ihn dann gehauen. Dann hat Goldi Flecki gekratzt und daraufhin hat Flecki Goldi gebissen. Jetzt sind beide verletzt und müssen zum Tierarzt.”

 

Brummend erhob sich Bommel und holte seine Wagenschlüssel. Unsere Freunde hatten die beiden verletzten Hamster schon in einen kleinen Pappkarton gesetzt und warteten, dass es los ging.

 

"Krallengasse 15 wohnt der Quacksalber, ich habe gerade angerufen", knurrte Bommel.

 

"Sie müssen gleich bei der ersten Kreuzung abbiegen", sagte Rosie.

 

 Dr. Fellhauer

"Ich weiß", grunzte Bommel genervt.

 

"Sie fahren viel zu schnell," fing nun Berta an. "Das ist im Stadtverkehr nicht erlaubt."

 

"Na und, das Sprechen mit dem Fahrer ist auch verboten."

 

"Sie haben eben nicht geblinkt beim Abbiegen!"

 

"Klappe halten!" schimpfte Bommel. "Ich muss mich aufs Fahren konzentrieren!"

 

"Elfriede, sage bitte deinem Vater, er soll nicht so rasen, mir wird schlecht!"

 

"Wir sind doch gleich da, Berta, außerdem geht es ja um unsere Hamster."

 

Seufzend sah Berta zu Rosie hin und sofort begann sie wieder zu trompeten: "Du krümelst die ganzen Sitze von Herrn Bommel ein! Sieh mal, da ist schon Schokolade auf dem Sitz. Herr Bommel, Rosie versaut die Sitze!"

 

"Na und, der Wagen ist alt. Da sind sowieso schon genug Flecken drauf."

 

Berta traute ihren Ohren nicht.

 

"Herr Bommel, soll das heißen, das ich damit rechnen muss, am Sitz festzukleben? Das ist ja ekelhaft!"

 

"Ruhe dahinten, sonst steigt ihr aus!" Bommel hatte sich kurz umgedreht und war dabei auf den Kantstein gefahren. Der Wagen hoppelte heftig und alle schrien auf. Nun meldete sich Rosie wieder: "Soll ich nicht lieber fahren, Herr Bommel, ich glaube, Sie sind viel zu nervös!"

 

 

 

"Sag mir lieber, ob ich rechts oder links abbiegen muss, oder geradeaus? Ach, egal, ich fahre geradeaus, ich kann sowieso nicht mehr bremsen!"

 

"Vorsicht Herr Bommel, ein Polizist!" rief Rosie und schloss die Augen.

 

 

 

Viel zu spät sah Bommel den Wachtmeister Bertrams. Zwar trat Bommel ganz fest auf die Bremse, doch es war zu spät. Wachtmeister Bertrams hatte seine Trillerpfeife schon im Mund

 

und trillerte fast so laut wie das Quietschen der Reifen. Es gab ein Knall und der trillernde Wachtmeister flog durch die Luft. Das Trillern seiner Pfeife wurde immer leiser und nach einem weiteren Krachen war es verstummt. Alles war nun still. Sogar die beiden Hamster, die sich während der Fahrt gekloppt hatten, waren nun leise. Auch Berta sagte nichts mehr.

 

Bernie war der erste, der wieder Worte fand: "Der arme Polizist ist in das Gemüsegeschäft geflogen!"

 

 

 

Tatsächlich, Wachtmeister Bertrams lag zwischen Suppengemüse, Grünkohl und Kartoffeln. Seine Pfeife war ihm aus dem Mund gefallen. Stöhnend stand er auf, nahm seine Pfeife und näherte sich mit wackeligen Schritten dem Auto, in dem unsere Freunde saßen.

 

 

 

"Papiere!" sagte er mit gurgelnder Stimme und spuckte eine Kartoffel aus.

 

"Moment, Herr Wachtelmeister," sagte Bommel und wühlte im Handschuhfach herum. Statt Führerschein fand er jedoch nur Reste von Hamsterfutter und begann zu niesen. Schnell zog er ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich gründlich.

 

"Die Fahrzeugpapiere, sonst muss ich Sie festnehmen!"

 

"Sofort, Wachtmeisterchen," meinte Bommel. "Bitte halten sie mal, ich suche weiter."

 

Er drückte dem Wachtmeister das triefende Taschentuch in die Hand und suchte in der Brusttasche seiner Jacke.

 

"Was, bitte schön, soll ich mit diesem triefenden Dreckslappen?"

 

Wachtmeister Bertrams was kurz davor, sich zu übergeben.

 

"T'schuldigung", knurrte Bommel, nahm das Taschentuch und warf es auf die Straße.

 

"Herr Bommel!" rief Berta empört und der Polizist steckte seine Pfeife in den Mund und pustete, so stark er konnte. Leider war die Pfeife beim Sturz in das Gemüse so sehr verbogen worden, dass sie keinen Laut mehr von sich gab. Die Pfeife flog ihm aus dem Mund und traf Rosie. Ein lautes Geheul war vom Rücksitz des Autos zu hören.

 

"Tut mit leid", brummte Bertrams. "Das wollte ich nicht! Wo bleiben die Papiere?"

 

"Kann sich nur noch um Stunden handeln," scherzte Bommel.

 

"...und es kann sich nur noch um Jahre handeln, bis Sie aus dem Gefängnis wieder rauskommen!"

 

"Sie sind ja schlecht gelaunt, Herr Wachtelmeister. Übrigens haben Sie Petersilie am Rüssel!"

 

Wachtmeister Bertrams war mit den Nerven am Ende.

 

"Fahren Sie", gurgelte er. "Machen Sie, dass sie wegkommen, weit weg, kommen Sie nie wieder an diese Kreuzung!" Dann ging er ein paar Schritte zurück.

 

"Komischer Kauz, dabei hätte ich fast meine Papiere gefunden," meinte Bommel, ließ den Motor wieder an und gab Gas.

 

"Das ist der Rückwärtsgang", schrie Berta und Bommel stoppte sofort. Die Reifen quietschten und es gab einen kurzen Knall. Bommel drehte sich um.

 

"Wo steckt denn eigentlich der Wachtmeister?"

 

Bommel stieg aus. Er schaute nach allen Seiten. Schließlich hörten unsere Freunde ihn sagen: "Oh, Herr Wachtelmeister, was machen Sie denn auf meinem Wagendach?"

 

 

 

Was Wachtmeister Bertrams dann zu sagen hatte, war sehr laut und nicht für Kinderohren geeignet. Jedenfalls hatte er sich alles genau aufgeschrieben und Bommel durfte weiterfahren.

 

"Papi, was hat der Polizist damit gemeint, dass du noch von ihm hören wirst?"

 

"Das erkläre ich dir später, wir müssen nun einen Parkplatz suchen."

 

Wenigsten das Einparken klappte und sie standen vor der Praxis von Tierarzt Dr. Fellhauer. Die Praxis befand sich im 4. Stock eines Hochhauses doch glücklicherweise gab es einen Fahrstuhl.

 

"Bestimmt hätte Norbert wieder Stunden gebraucht, die Stufen hochzuklettern," stellte Bernie fest. Susi trug den Karton mit Flecki und Goldi und als sie angekommen waren, klingelte Marie mit klopfendem Herzen an der Tür zur Praxis. Die Tür schnarrte kurz und unsere Freunde traten ein.

 

Eine dicke Frau saß an einem weißen Tisch und telefonierte.

 

"Das muss die Sprechstundenhilfe sein," rief Susi aufgeregt und zusammen mit Marie trat sie dicht vor den Tisch. Die dicke Frau schien sich für die Mädchen überhaupt nicht zu interessieren. Unsere Freunde warteten geduldig und lauschten dem Telefongespräch.

 

"Haach, habe ich gesagt, zu dem Friseur gehe ich nicht wieder! Stell dir vor, der hat doch glatt gesagt, mein Haar wäre zu dünn! Weißt du, was ich ihm dann gesagt habe? Ich habe ihm doch glatt gesagt..."

 

"...dass wir endlich drankommen wollen!"

 

Die dicke Frau sah Bommel an und sprach weiter: "Moment, Luise, ich ruf später noch einmal an, manche Leute sind einfach rücksichtslos, du glaubst es nicht!"

 

Nachdem sie aufgelegt hatte, rückte sie ihre Brille zurecht und sah Bommel an.

 

"Haben Sie einen Termin?"

 

"Mein Name ist Bommel, ich habe vorhin angerufen."

 

"Welche Beschwerden haben Sie denn?" sagte sie und kicherte über ihren Witz.

 

"Ich möchte mich über eine dicke Labertasche beschweren, die blöde Witze reißt!"

 

"Werden Sie bloß nicht pampig Herr Bommel, Sie sehen doch, dass ich beschäftigt bin."

 

"Ja, ja, mit Ihrem Friseur, aber glauben sie mir: Ihr Problem sind nicht die Haare."

 

"Ungehobelter Kerl, was wollen sie überhaupt?"

 

"Zwei Hamster sind verletzt."

 

"Hamster? Igitt, ich hasse Ratten und Mäuse!"

 

"Hamster sind nicht mit Ratten und Mäusen verwandt," meldete sich nun Jennie.

 

"Egal," meinte die dicke Sprechstundenhilfe, "die sind alle widerlich."

 

"Jedenfalls sitzen sie nicht stundenlang beim Friseur," grinste Bommel.

 

Norbert war während dieser Streiterei unter den Tisch gekrochen und sah sich dort um. Die Handtasche von der keifenden dicken Frau sah interessant aus. Norbert öffnete sie und wühlte etwas darin herum. Schade, nichts Interessantes. Er ließ das Schloss wieder zuschnappen, doch dabei klemmte er den Rock der dicken Sprechstundenhilfe ein. Bei dem Versuch, das Schloss wieder zu öffnen, verhedderte sich der Gurt der Tasche mit dem Stuhl, auf dem die dicke Frau saß. Norbert machte, dass er wegkam. Inzwischen hatte Dr. Fellhauer den Krach in der Praxis gehört und öffnete seine Tür.

 

"Ich möchte nicht stören", sagte er, "aber der Nächste bitte!"

 

"Die da mit ihren Mäusen sind dran, Herr Doktor," sagte die dicke Sprechstundenhilfe und zeigte auf unsere Freunde.

 

"Hamster!" schimpfte Berta.

 

"Na, dann lassen Sie mal die Patienten rein!" sagte Dr. Fellhauer. Die dicke Frau stand auf, um unseren Freunden den Weg zu zeigen, doch dann passierte es: ein lautes RATSCH war zu hören und die dicke Sprechstundenhilfe stand im Unterrock.

 

Laut kreischend riss sie den Rock an sich und stürmte zum Klo um sich wieder anzuziehen. Dabei zog sie Stuhl und Handtasche hinter sich her.

 

Während Bommel sich vor Lachen nicht mehr halten konnte, stürmten unsere Freunde schnell durch die Tür in das Sprechzimmer des Arztes.

 

"Na, wo drückt uns denn der Schuh?" fragte der Arzt, während er seinen Schreibtisch aufräumte.

 

 

 

"Die beiden haben sich geprügelt", sagte Susi und stellte den Karton mit den beiden Hamstern auf den Tisch.

 

"So, so, geprügelt", schmunzelte Dr. Fellhauer. "Das kommt schon mal vor, besonders, wenn es ums Futter geht. Zum Glück habe ich noch etwas von meinem Mittagessen, es gab Bratlinge mit scharfem Senf, aber den Senf lassen wir besser weg."

 

Flecki und Goldi waren inzwischen aus dem Karton gekommen und sahen sich neugierig um. Der Arzt brach ein Stückchen von dem leckeren Gemüsebratling ab und hielt es ihnen hin. Als die beiden aber anfingen, sich zu gegenseitig wegzuschubsen, wurde das Stück wieder zurückgezogen. Immer wieder hielt der Arzt das Stück vom Bratling hin und immer wieder zog er es zurück, wenn ein Hamster den anderen wegschubsen wollte. Bei jeder Schubserei drohte er mit dem Finger und langsam verstanden die Hamster. Schließlich knabberten die beiden friedlich nebeneinander und Dr. Fellhauer klebte jedem der beiden Tiere ein Pflaster auf die verletzten Stellen.

 

 

 

"Es waren keine schlimmen Wunden", stellte er fest. "Vielleicht haben sie jetzt gelernt, friedlich miteinander auszukommen."

 

Zufrieden drehte er sich zu Bommel um und sagte mit finsterer Mine: "Ihr Rüssel gefällt mir aber gar nicht!"

 

"Das liegt an den Hamstern, ich kriege immer Rüsselfieber von denen!" brummte Bommel.

 

"Na, dann müssen wir mal etwas dabei machen. Wie wär’s mit einer schönen Rüsselsalbe?"

 

"Wenn es sein muss."

 

"Wo habe ich sie denn? Ah, ich glaube, da liegt sie ja schon. Rüssel her, Herr Bommel, gleich sind sie ein neuer Mensch, äh, ein neuer Ottifant!"

 

Dr. Fellhauer nahm ein bisschen Watte und tränkte sie mit einer braunen Salbe. Dann rieb er Bommels Rüssel damit ein.

 

"Aaaaarg!"

 

"Was ist, Herr Bommel?" fragte der Arzt entsetzt.

 

"Nein Nüssel! Aua, nein Nüssel!"

 

"Was ist mit ihrem Rüssel los, tut er weh?"

 

"Ja, nein Nüssel nut neh!"

 

"Aber das kann nicht sein," sagte der Arzt und warf einen Blick auf die Salbe.

 

"Ich Dummerchen," kicherte er, "das war ja der scharfe Senf."

 

Schnell zog Dr. Fellhauer den armen Bommel auf die andere Seite des Zimmers, wo sich ein Wasserhahn befand. Nachdem Bommels Rüssel vom Senf befreit war, verließen unsere Freunde die Praxis und gingen zum Auto zurück. Wenigsten war Bommels Rüsseljucken verschwunden, aber dafür hatte er jetzt Rüsselbrennen. Reichlich missgelaunt ließ er den Motor an und fuhr mit quietschenden Reifen los.

 

"Papi, du fährst viel zu schnell," meinte Elfriede, doch Bommel knurrte nur: "Ich kann euch auch an der nächsten Bushaltestelle absetzten!"

 

Aber wenn man schlechte Laune hat, geht meistens auch alles andere daneben. An der Kreuzung war mal wieder ein Stau. Bommel zögerte nicht lange, sondern fuhr einfach links an den wartenden Fahrzeugen vorbei. Plötzlich gab es einen lauten Knall und etwas Graues lag auf der Windschutzscheibe. Wachtmeister Bertrams!

 

Diesmal wurde der Vortrag des Wachtmeister sehr lang und sehr laut.

 

Auf der Weiterfahrt sagte keiner mehr etwas. Schweigend erreichten sie ihr Zuhause.

 

 

 

Als alle gegangen waren, machte sich Elfriede ans Aufräumen. Wenigstens liegen keine Krümel auf dem Fußboden, dachte sie, denn die Hamster hatten keinen Kekskrümel liegen lassen. Während sie Teller und Tassen zusammentrug, hatte Elfriede das Gefühl, als wenn etwas durch ihr Zimmer huschen würde. Sie sah zum Käfig, doch Strubbel saß auf seiner Zigarrenkiste und putzte sich. Nach dem Aufräumen machte sie lustlos ihre Hausaufgaben, doch dann hatte sie wieder das Gefühl, als wenn sich etwas in ihrem Zimmer bewegte. Sie packte die Schulbücher ein und durchsuchte ihr Zimmer.

 

 

 

Da! Etwas Kleines, Braunes flitzte hinter ihren Kleiderschrank. Elfriede holte eine Taschenlampe und leuchtete unter den Schrank. Fast wäre ihr die Lampe aus der Hand gefallen, als sie die Bescherung sah: ein gutes Dutzend Hamster hatte sich dort versteckt!

 

 

 

„Nein, Elfriede,“ Daisy klang etwas verlegen am Telefon, „mein Dodo ist bei mir, aber ich habe komischerweise auch ein paar Hamster mehr als gestern...“

 

Elfriede rief auch die anderen Freunde an. Jeder hatte plötzlich mehr Hamster als vorher.

 

Berta wusste sogar zu berichten, dass sie am frühen Morgen den Käfig von Robert Luis Carlo sauber machen wollte und feststellen musste, dass Robert gar kein Robert, sondern eine Roberta war.

 

 

 

„Du glaubst nicht, Elfriede, wie süß die kleinen, neugeborenen Hamster aussahen. Sie hatten noch gar kein Fell. Ich bin jetzt eine stolze Mutter!“

 

„Da du gerade von Mutter sprichst, Berta, was sagt deine Mutter denn dazu?“

 

Berta guckte verlegen und druckste: „Sie sagt, das geht nicht. Sie sagt, ich soll die Kleinen in ein Tierheim bringen, aber das kommt nicht in frage!“

 

„Daisy hat das gleiche Problem und ich glaube, bei den anderen ist es genauso. Mein Papa hat schon seit Tagen Rüsseljucken und kann vor lauter Niesen gar nicht mehr schimpfen.“

 

 

 

Es musste etwas geschehen. Am nächsten Tag trafen sich die Freunde nicht bei Elfriede, sondern jeder überlegte, was zu tun sei. Am übernächsten Tag konnte man inzwischen von einer Hamsterplage reden, doch eine Lösung war nicht in Sicht. Schließlich verabredeten sich alle wieder bei Elfriede, denn ihre Eltern waren heute Nachmittag bei Frau Puhvogel zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Bruno war zum Glück bei einem Freund untergekommen und so brachten alle ihre Hamster mit. Es musste nun etwas passieren, denn Elfriede hatte in ihrem Zimmer mittlerweile 52, Daisy 61, Bernie 43, Susi 49, Marie 47, Rosie 50 und Berta 38 Hamster.

 

„Bald sind wir bei 500 Tieren, aber zum Feiern ist mir nicht zumute,“ stöhnte Jennie. „Eines ist sicher: bald wird es Winter und wir müssen einen warmen Platz für alle finden.“

 

„Wieso?“ fragte Berta. „Die haben doch ein dickes Fell, können die Hamster nicht einen Platz im Zauberwald bekommen? Eine Höhle oder so?“

 

„Goldhamster,“ erklärte Jennie, „leben normalerweise in der Wüste. Im Wald würden sie erfrieren, das geht natürlich nicht.“

 

„Wir können sie also nur bei uns im Haus verstecken,“ meinte Elfriede, „aber was werden unsere Eltern dazu sagen?“

 

„Das werden wir gleich erfahren,“ rief Bernie, der gerade aus dem Fenster geguckt hatte. „Ich glaube, deine Eltern kommen jetzt wieder nach Hause.“

 

„Schnell,“ rief Elfriede, „wir müssen die Hamster verstecken! Daisy, pack deine in den Kleiderschrank, die anderen kommen in den Bettkasten, oder in die Badewanne, oder...“

 

 

 

Bommel trat ins Kinderzimmer. Er blickte erstaunt auf die 340 Goldhamster, schloss die Augen und nieste so laut, dass die Hamster vor Schreck laut quiekend in alle Richtungen flüchteten.

 

„Was, schnüff, ist das, bitte schön, und wieso sitzt in unserem Briefkasten ein Hamster? Ich wollte gerade die Post herausholen, als so ein kleines Miststück einen wichtigen Brief anknabberte.“

 

 

 

„Äh, Papi, die sind nur zu Besuch da. Die, äh, bringen wir wieder nach Hause.“

 

„Nach Südamerika, wo deine Freunde ja gewöhnlich herkommen?“

 

„Nein, Papi, ich glaube, diese kommen aus der Wüste.“

 

„Mir ist egal, wo die herkommen. Bis heute Abend sind sie verschwunden, klar?“

 

„Ist gut, Papi.“ Elfriede atmete auf. So war wenigstens etwas Zeit gewonnen, aber was nun?

 

Bommel ging wieder nach unten, um seine Zeitung zu lesen.

 

 

 

Während unsere Freunde noch damit beschäftigt waren, die in Panik geratenen Hamster einzufangen, drang aus dem Wohnzimmer ein Schmerzensschrei. Elfriede rannte nach unten und sah, wie ihr Vater mit der einen Hand einen Hamster am Nacken gepackt hatte, und sich mit der anderen den Hintern hielt.

 

„Elfriede! Das kleine Miststück hat mich in den Hintern gebissen!“

 

„Aber Papi, du darfst dich ja auch nicht auf ihn draufsetzen.“

 

„Das ist ja wohl mein Platz und keine Wüste, oder?“

 

 

 

Bommel gab Elfriede den Hamster und setzte sich auf seinen Sessel, nachdem er sich überzeugt hatte, dass sich dort keine weiteren Nagetiere aufhielten. Als er die Zeitung in die Hand nahm, musste er zu seinem Schrecken feststellen, dass die halbe Zeitung bereits als Nistmaterial von den Hamstern verschleppt worden war. Nachdem Bommel dann auch noch einen Hamster auf dem Fernseher herumturnen sah, war das Maß voll. Er nahm ein schweres Sofakissen und warf es nach dem Hamster, doch leider traf er den Fernseher. Es krachte und schepperte als der Fernseher umfiel, doch der Hamster konnte sich hinter die Blumen auf der Fensterbank retten. Ein zweites Kissen räumte die Blumen ab und ein drittes Kissen zerschmetterte die alte Wanduhr.

 

„Papa, merkst du nicht, dass man mit Gewalt nichts erreicht?“

 

Schwer atmend stand Bommel mitten im Wohnzimmer. Der Hamster rannte um sein Leben und verschwand im Hausflur. Bommel rannte mit der Fernbedienung des kaputten Fernsehers hinterher.

 

Ein lautes Krachen, gefolgt von dem Klirren einer Scheibe, kündigte an, dass er etwas getroffen hatte. Richtig, als Elfriede in den Hausflur trat, sah sie den großen Spiegel in Scherben auf dem Boden liegen. Es war ein Geschenk von Tante Ottilie gewesen.

 

 

 

„Diesen blöden Spiegel habe ich sowieso noch nie leiden können,“ brummte Bommel.

 

Er ging in die Küche, um Schaufel und Besen zu holen. Erschöpft setzte er sich auf einen Küchenstuhl, sprang jedoch sofort wieder auf, als er ein lautes Quieken unter sich hörte.

 

„Es reicht, du miese kleine Ratte...“

 

„Hamster, Papi, es ist ein Hamster,“ verbesserte Elfriede ihren wütenden Vater.

 

„Mir egal, den greif ich mir jetzt!“

 

Bommel ging auf den ängstlichen Hamster zu und sah ihn an. Das kleine Nagetier saß auf seinen Hinterpfoten und hielt die Vorderpfoten abgewinkelt nach unten. Seine Barthaare zitterten, als er Bommel traurig ansah. Bommel legte die Schaufel beiseite und nahm den kleinen Kerl in beide Hände.

 

„Du brauchst keine Angst zu haben, ich tu dir nichts.“

 

„Ich glaube, er mag dich, Papi.“

 

„So ein lieber, netter Kerl.“ Bommel war auf einmal völlig fasziniert von dem Hamster. Jetzt sah Elfriede ihre Stunde gekommen.

 

„Papi, wir wissen nicht, was wir mit ihm und seinen kleinen Freunden im Winter machen sollen. Sie werden draußen erfrieren und wir haben nicht genug Platz für alle.“

 

Ihr Vater sah erst den Hamster und dann Elfriede an. Er überlegte und schließlich sagte er mit fester Stimme:

 

„Ich werde sie nach Hause bringen, in die Wüste Südamerikas!“

 

„Syriens, in der Nähe von Aleppo,“ korrigierte Jennie.

 

„Ale- was?“

 

„Aleppo. Ihr lateinischer Name ist übrigens Mesocricetus auratus. Auratus heißt vergoldet.“

 

„Wie auch immer,“ grummelte Bommel, „ich glaube, ich habe da eine Idee.“

 

 

 

Bommel ging zum Telefon und nachdem er ein paar Hamster verscheucht hatte, konnte er auch den Hörer abheben und eine Nummer wählen.

 

 

 

„Hallo Fred, wie geht’s? Wir waren gerade bei der alten Puhvogel, aber leider ging es ihrer Katze nicht so gut, deshalb dauerte unser Besuch bei ihr zum Glück nicht so lange. Was macht dein Flugzeug, fliegt es noch? Ich habe da nämlich ein Problem... “

 

 

 

Elfriede rannte, so schnell es ging, die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Sie musste aufpassen, nicht auf einen der vielen Hamster zu treten. Als sie in ihr Zimmer stürzte, übersah sie einen und traf ihn mit dem Fuß. Laut quiekend protestierte das kleine Pelzbündel, als es durch die Luft flog und genau in dem Puppenhaus landete.

 

Das Tierchen schüttelte sich kurz und sah sich schnuppernd um. Unsere Freunde atmeten auf, als sie sahen, dass es unverletzt geblieben war. Nun aber fing es an, den Teppich im Puppenhaus anzuknabbern. Elfriede schnappte sich das Tier und setzte es zu den anderen, dann sagte sie: „Ich glaube, mein Papi hat gerade eine Lösung gefunden.“

 

Alle sahen sie gespannt an.

 

„Er telefoniert gerade mit seinem Freund Fred, ihr wisst ja, der mit dem Flugzeug.“

 

„Du meinst,“ warf Rosie ein, „wir sollten alle weit wegfliegen?“

 

„Wir doch nicht, Rosie, die Hamster natürlich!“ Berta warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

 

„Liebste Berta,“ erwiderte Rosie, „glaubst du denn, die Hamster können ein Flugzeug steuern?“

 

„Natürlich nicht, das weiß doch jedes Schwein.“

 

„Siehst du, also müssen wir mitfliegen. Ich freue mich schon darauf, endlich mal wieder am Steuer zu sitzen.“

 

„Du? Am Steuer? Die armen Hamster.“

 

Berta rümpfte ihre Nase.

 

„Jawohl, am Steuer, wenn du Angst hast, kannst du ja hier bleiben!“

 

„Ich, liebste Rosie, habe keine Angst, aber lebensmüde bin ich auch nicht.“

 

„Ach, ja, liebste Berta? Soll ich dir mal sagen, wie gut ich fliegen kann? Nur weil dir immer schlecht wird beim Fliegen, jammerst du rum!“

 

„Wenn du, meine liebe Rosie, dir schon beim Starten den Bauch mit Schokolade zustopfst, muss einem ja schlecht werden.“

 

„Wenn ich fliege, dann...“

 

Berta unterbrach ihren Wortschwall, denn Bommel kam gerade zur Tür herein. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, um ja nicht auf einen der kleinen Hausbewohner zu treten. Allen fiel auf, dass sein Rüssel in letzter Zeit recht entzündet und rot aussah. Es wurde wirklich Zeit, dass etwas geschah, denn das Rüsseljucken wurde immer schlimmer. Bommel schnupfte vorsichtig in sein Taschentuch. Diesmal war es so leise, dass kein Hamster in Panik geriet.

 

„Alles klar, Fred erwartet uns morgen früh am Abflugort. Wir starten auf einem kleinen, stillgelegten Flugplatz am Waldrand, dort gibt es keinen Zoll, der uns Ärger wegen der Hamster machen könnte, sagt Fred.“

 

„Was hat denn, bitte schön, der Zoll mit unseren Tieren zu tun?“

 

„Weißt du, Berta,“ erklärte Bommel, „der Zoll passt eben auf, dass keine Tiere in ein Land ein- oder ausgeführt werden. Es könnten ja auch Krankheiten mitgebracht werden. Meistens müssen sie erst in Quarantäne.“

 

„Was sollen wir denn in Quaran... Dingsda? Wir wollen doch nach Aleppo?“ fragte nun Rosie.

 

„Da sieht man wieder, dass du überhaupt keine Ahnung hast, meine liebe Rosie,“ meldete sich prompt Berta. „Ein Quarantän ist ein Rechteck.“

 

Bommels Augen wurden immer größer.

 

„Wieso Rechteck?“ fragte er erstaunt.

 

„Äh, oder hieß das Quadrant...“ Berta war sich da nicht so sicher.

 

„Quarantäne bedeutet, dass die Tiere in einen Extrakäfig kommen. Dort muss ein Tierarzt dann feststellen, ob sie gesund sind. Oft kann das Wochen dauern und soviel Zeit haben wir nicht.“

 

Rosie prustet vor Lachen. Elfriede klatschte in die Hände, sie konnte es gar nicht abwarten, dass es endlich losging und sprach:

 

„Noch jemand irgendwelche klugen Fragen? Wenn nicht, sollten wir anfangen, unsere Sachen zu packen. Die Hamster müssen alle in große Kisten, aber vergesst die Luftlöcher nicht. Macht sie nicht zu groß, sonst kommen unsere kleinen Freunde raus und knabbern das Flugzeug an.“

 

„Oder noch schlimmer: sie knabbern irgendwelche Leitungen an.“ Fügte Bernie hinzu.

 

 

 

Nun begannen die Vorbereitungen. Daisy und Susi liefen nach Hause, um mehr Kisten zu besorgen. Elfriede hatte bereits aus dem Keller welche geholt und nun wurde begonnen, die Hamster einzufangen. Es war ein mühsames Unterfangen, all die kleinen Ausreißer zu erwischen. Als Marie den letzten Hamster gefunden hatte, war es schon dunkel geworden. Nun war alles für den nächsten Tag vorbereitet. Erschöpft legte sich Elfriede ins Bett, nachdem ihre Freunde sich verabschiedet hatten. Ein bisschen traurig war sie schon, wenn sie daran dachte, dass all die lieben, kleinen Hamster nun fortgebracht werden sollten. Sie wusste natürlich, dass es besser war, die Hamster in ihr Heimatland zu bringen. Doch das, was man möchte und das, was richtig ist, sind meistens zwei verschiedene Dinge. Seufzend nahm sie Pupsi in den Arm und legte sich auf die Seite.

 


 

 

 

7. Kapitel

 

Der Abflug

 

 

Nach einer unruhigen Nacht wachte Elfriede wie gerädert auf. Es war in der Tat recht laut gewesen, denn die gesamte Hamsterschaft wollte natürlich auf ihren nächtlichen Streifzug gehen. Die ganze Nacht hatten die Tiere an der Kiste gekratzt und versucht herauszukommen. Ihr erster Blick galt den Kisten mit den Hamstern. Sie waren weg! Elfriede sprang aus dem Bett und wollte aus dem Zimmer rennen, als sie mit ihrem Papa zusammenstieß.

 

 

 

„Oh, guten Morgen die Dame,“ sagte Bommel. „Wenn du die Hamsterbande suchst, die sitzen alle schon im Auto. Schon seit zwei Stunden bin ich beim Einräumen.“

 

„Toll, Papi,“ entgegnete Elfriede. „Ich frühstücke noch etwas und dann kann es losgehen“. Sie rannte die Treppe hinunter in die Küche. Sie aß nur eine winzige Scheibe Brot, denn wenn man aufgeregt ist, mag man eben nichts essen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Flug ins Ungewisse

Dann fasste sie eine Entscheidung. Sie lief noch einmal in ihr Zimmer zurück, schnappte sich ihre Lieblingspuppe und sagte: „Du bleibst hier. In den letzten Tagen habe ich dich schon ein paar Mal gerettet, sonst hätten die Hamster dich zum Nestbau verwendet.“

 

„Elfriede, wo bleibst du?“ Bommel wurde ungeduldig.

 

„Bin schon da!“ antwortete Elfriede, lief die Treppe hinunter und stieg in das Auto ein.

 

Am Flugplatz angekommen, warteten ihre Freunde schon auf sie. Alle waren sehr aufgeregt, nur die Hamster störte das nicht. Sie schliefen fest, so wie es sich für Nachttiere am Tage schließlich gehört.

 

Fred besaß ein einmotoriges Sportflugzeug, mit dem er einmal im Jahr eine längere Flugreise unternahm. Fred betonte immer, wie wichtig es als Pilot ist, in Übung zu bleiben. Deshalb übernahm er auch gerne diesen Flug.

 

 

 

Nun wurden die Kisten mit den Hamstern erst einmal im hinteren Teil der Maschine verstaut. Dann durften unsere Freunde einsteigen. Bernie, der eigentlich vorne sitzen wollte, wurde von Rosie beiseite geschupst und Rosie nahm neben Fred Platz. Bernie wollte erst etwas sagen, aber Rosie zwinkerte ihm zu und er verstand: Rosie wollte es sich nicht nehmen lassen, ganz vorne zu sitzen. Jeder machte es sich nun so bequem wie es ging. Bommel zum Beispiel lag zwischen den Kisten und schlief ein bisschen.

 

 

 

Der Start verlief ohne Probleme und nach einigen Minuten hatten sie ihre Reisehöhe erreicht, wie Fred bemerkte. Alle sahen fasziniert nach unten. Lediglich Berta betrachtete angestrengt den Fußboden. Als die Maschine kurz absackte, schrieen alle vor Schreck auf, doch das Flugzeug fing sich schnell wieder. Ein Luftloch, wie Fred erklärte.

 

„Um Gottes Willen, haben wir jetzt was kaputt gemacht?“ fragte Berta entsetzt.

 

Rosie grunzte vor Vergnügen laut und sagte: „Du kannst wirklich die dümmsten Fragen aller Zeiten stellen, meine liebe Berta.“

 

„Bloß weil ich ausnahmsweise einmal etwas nicht weiß, brauchst du hier nicht den großen Max zu markieren, liebe Rosie. Weißt du denn, was ein Luftloch ist?“

 

„Klar, ein Loch in der Luft.“

 

„Aha, liebe Rosie, und wie kommt das da hin?“

 

„Äh, vielleicht durch Vögel oder so...“

 

 

 

„Und wie, bitte schön, kann etwas, was man nicht sehen kann, ein Loch haben?“

 

Rosie überlegte angestrengt, aber es fiel ihr nichts ein. Bernie half ihr schließlich aus der Patsche: „Wenn ich mich recht erinnere, handelt es sich bei einem Luftloch um Strömungen, genauer gesagt, um einen Luftwirbel. Dadurch sackt ein Flugzeug ein bisschen.“

 

Fred grinste und meinte: „Das war schon eine recht gute Erklärung, Bernie. Jetzt bereitet euch aber auf die Landung vor. Rosie, bitte stell das Essen ein. Berta, du brauchst dich nicht so sehr am Sitz festzuklammern. Falls wir nämlich abstürzen, nützt dir das auch nichts.“

 

Berta wurde noch blasser, als sie ohnehin schon war und Rosie begann, ihre Essensreste zu verstauen. In der Ferne war eine riesige, hellbraune Wüstenlandschaft zu sehen. Immer weiter sank das Flugzeug und es wurde eine schmale Straße sichtbar.

 

„Da vorne ist unsere Landebahn,“ erklärte Fred. „Wir sind circa 2 Kilometer von Aleppo entfernt.“

 

 

 

„Eine Landebahn?“ Berta schnaufte abfällig. „

 

Das ist doch bloß eine Landstraße. Anscheinend ist da nicht einmal Asphalt drauf. Kriegen wir nichts Besseres?“

 

„Nicht, wenn wir heimlich Tiere ins Land schmuggeln, Berta.“

 

„Also, lieber Herr Fred, mit Schmuggeln will ich nichts zu tun haben. Außerdem verlange ich einen vernünftigen Flugplatz!“

 

„Das habe ich ja nun gerne,“ mischte sich Rosie ein. „Den ganzen Flug über ist ihr schlecht, aber rummeckern, das kann sie!“

 

„Hört doch endlich auf mit der Streiterei, der Pilot muss sich auf die Landung konzentrieren.“ Elfriede schüttelte den Kopf über die beiden Schweine.

 

Langsam senkte sich die Nase des Flugzeugs und alle hielten sich krampfhaft an den Sitzen fest. Im hinteren Teil der Maschine, dort wo der Laderaum war, hörte man das Rutschen von Kisten. Bommel schimpfte irgendetwas und plötzlich ging ein Ruck durch das Flugzeug. Jetzt war der Flug beendet und die Maschine rumpelte über die Landebahn. Es war so laut geworden, dass man sich nicht mehr unterhalten konnte.

 

„Festhalten!“ schrie Fred, und mit einem Ruck kam das Flugzeug zum Stehen. Als sie ausgestiegen waren, sahen sie, dass sie in einer Sandwehe gelandet waren. Das Flugzeug steckte fest.

 

 

 

„Wir waren einmal auf Römö,“ erklärte Elfriede. „Dort ist mein Vater auch immer mit dem Auto im Sand stecken geblieben.“

 

„Meine Mama ist einmal in den Graben gefahren. Der Wagen musste mit einem Kran wieder herausgeholt werden,“ wusste Susi zu berichten.

 

„Unser Auto sollte damals herausgeschleppt werden,“ erzähle Elfriede weiter, „aber mein Papi meinte ja, das würde er auch alleine schaffen. Jedenfalls, als es irgendwann dunkel wurde...“

 

„Ist ja schon gut,“ mischte sich Bommel ein. „Den Flieger kriegen wir schon irgendwie flott. Lasst uns nun die armen Hamster befreien, bestimmt wollen die auch einmal frische Luft schnappen.“

 

 

 

In Windeseile wurden die Kisten mit den Hamstern aus dem Laderaum ins Freie geschafft. Dort wurden sie geöffnet, doch in den Kisten rührte sich nichts. Elfriede kippte die erste Kiste um und die Hamster kamen herausgepurzelt. Die kleinen Tiere blinzelten mit den Augen und schnupperten. Dann kuschelten sie alle aneinander, sodass sie wie ein großes Wollknäuel aussahen. Danach schliefen sie wieder ein.

 

 

 

„Tja,“ seufzte Jennie, „es sind wirklich keine Tagtiere. Die werden erst wieder wach, wenn es dunkel wird.“

 

 

 

Fred und Bommel waren inzwischen damit beschäftigt, das Flugzeug freizuschaufeln, doch sie kamen nur sehr langsam voran. Während dessen waren unsere Freunde dabei, die schlafenden Hamster zu versorgen. Sie bauten mit den Kisten eine kleine Stadt. Dann wurden Straßen und Gärten angelegt. Als alles fertig war, wurden die kleinen Tiere in die Häuser gebracht und die Hamster schienen sich in der neuen Umgebung wohl zu fühlen. Jedenfalls schliefen sie nach kurzer Inspektion ihrer neuen Behausung wieder ein. In der Zwischenzeit hatten Bommel und Fred vergeblich versucht, das Flugzeug aus der Sandwehe zu befreien. Die Sonne hatte mittlerweile ihren höchsten Stand erreicht und die Hitze wurde unerträglich. Es wurde beschlossen, im Schatten des Flugzeuges eine Mittagsruhe zu halten. Wasser war genügend vorhanden und an das Essen war auch gedacht worden. Nur Rosie zog ein langes Gesicht, als sie ihre geliebte Schokolade hervorholte. Durch die Wärme, die hier in der Wüste herrschte, war nur eine breiige, braune Masse übriggeblieben. Keiner sagte etwas dazu, es war einfach zu heiß zum Reden. Es war auch zu heiß zum Schlafen und so dämmerten unsere Freunde vor sich hin. Nach einiger Zeit deutete Bernie auf die neu errichtete Hamsterstadt und rief:

 

„Seht mal, Hamsterhausen erwacht!“

 

 

 

Tatsächlich war Bewegung in die Hamster gekommen. Die Sonne hatte sich langsam dem Horizont genähert und es wurde allmählich kühler.

 

„Gut,“ sprach Bommel. „Machen wir also mit dem Flieger weiter. Alle herkommen zum Anfassen!“

 

Gemeinsam versuchten sie, das schwere Flugzeug zu schieben und zu ziehen. Doch so sehr sie sich auch abmühten, das Fahrzeug bewegte sich nicht von der Stelle. Immer wieder probierten sie es und immer wieder war es vergeblich.

 

„Es hat keinen Zweck, wir schaffen es nicht,“ meinte Daisy enttäuscht. „Wenn wir noch 1-2 Leute mehr hätten, würden wir es schaffen!“

 

„Aber wo sollen wir die bloß herkriegen?“ überlegte Susi. „Gibt es denn hier in der Wüste keine Kamele oder so etwas?“

 

 

 

Fred kratzte sich am Kopf. „Es gibt sicher ein paar Beduinen, die hier vorbeikommen, aber ich weiß nicht, ob die uns freundlich gesonnen sind. Es ist besser, wenn keiner erfährt, dass wir hier ohne Landeerlaubnis heruntergegangen sind. Je schneller wir wieder in der Luft sind, desto besser für uns.“

 

Während die Freunde eine Pause einlegten und überlegten, wie es weitergehen sollte, warf Elfriede einen Blick zum Hamsterdorf. Die Tiere waren offensichtlich sehr zufrieden, denn sie blickten hin und wieder zu den Kindern, als wollten sie sich bei den ihnen bedanken. Da hatte Elfriede eine Idee:

 

„Ja, das ist es! Die Hamster werden uns helfen!“

 

„Hast du zu viel Sonne abbekommen, oder wie?“ Marie verstand nicht, was ihre Freundin damit meinte.

 

„Doch, Marie, das geht, und zwar habe ich einen Plan...“

 

Nun hatten sich alle neben Elfriede gesetzt und hörten zu.

 

 

 

„Wir haben Hunderte von Hamstern, also müssen wir überlegen, wie wir sie vor das Flugzeug spannen können. Jedem Hamster ein Zaumzeug zu basteln, dauert erstens zu lange und zweitens haben wir nicht genug Material. Wir werden deshalb einen Trick anwenden. Bestimmt spielen unsere kleinen Freunde gerne mit. Obst und Gemüse sind hier in der Wüste sehr selten und daher ganz besonders begehrt bei Wüstenbewohnern. Zum Glück haben wir aber genug mitgenommen. Im Laderaum habe ich ganz viele Schnüre und Bänder gesehen. An denen werden wir ein paar Äpfel und Wurzeln festbinden. Diese Bänder mit dem Obst und Gemüse werden nun am Flugzeug festgebunden. Ich wette, die Hamster kommen ganz schnell und werden versuchen, die leckeren Sachen wegzuschleppen. Wenn sie das Futter wegschleppen wollen, ziehen sie an den Bändern, die am Flugzeug festgebunden sind. Wenn das soweit ist, ziehen und schieben wir mit. Dann werden wir es noch einmal versuchen, das Flugzeug flott zu kriegen.

 

 

 

„Also, mein Goldie ist sehr stark,“ sagte Marie. „Bestimmt zieht der das Flugzeug ganz alleine aus dem Sand.“

 

Susi lachte und entgegnete: „Wetten, dass meine Flecki schneller ist?“

 

Nun lachten alle zusammen und Fred ging zum Laderaum, um alles Nötige zu holen.

 

 

 

Während dessen trug Bernie Obst und Gemüse herbei. Nun wurden die Bänder - es waren insgesamt 62 Stück - am Fahrgestell des Fliegers festgebunden. Am Ende der 62 Bänder wurde abwechselnd ein Stück Apfel oder eine leckere Wurzel festgebunden. Die Hamster hatten gemerkt, dass da irgendetwas vor sich ging. Es war ein putziger Anblick, als sich Hunderte von Hamstern auf ihre kleinen Hinterpfoten stellten und zuguckten. Zwar sind Hamster nicht besonders schlau, aber dafür ist ihr Geruchssinn sehr ausgeprägt, Tatsächlich, schon nach kurzer Zeit kam einer nach dem anderen um nachzusehen. Als die kleinen Nager die leckeren Sachen entdeckten, stürzten sie sich darauf und versuchten, sie wegzutragen.

 

„Fertig machen zum Schieben!“ rief Elfriede und nun schoben unsere Freunde das Flugzeug von hinten und die Hamster zogen es von vorne.

 

„Es funktioniert!“ rief Bommel begeistert. „Es bewegt sich!“

 

Tatsächlich wurde die schwere Maschine Stück für Stück aus dem Sand gezogen. Die Hamster zogen so kräftig sie konnten und bald war es geschafft. Das Flugzeug stand wieder auf festem Boden.

 

„Ich kann nicht mehr.“ Rosie ließ sich in den Sand fallen und keuchte laut.

 

Berta, Susi und Marie legten sich gleich daneben. Alle waren total erschöpft, doch Bernie schrie plötzlich: „He, die ziehen ja immer weiter, schnell, sonst ist die Kiste gleich wieder im Sand!“

 

Mit offenem Mund sahen unsere Freunde, wie die Hamster den Kampf um Äpfel und Wurzeln nicht aufgaben, sondern das Flugzeug immer weiter zogen.

 

„Jennie, dein Messer!“ rief Elfriede und rannte den Hamstern hinterher. Jennie verstand sofort und lief ebenfalls los. Als sie die Hamster erreichten, schnitt Jennie die Schnüre durch so schnell es ging, während Elfriede die Hamster mit den Händen zurück scheuchte. Zum Glück waren die Bänder nicht sehr dick und zudem war Jennie sehr geschickt mit ihrem Taschenmesser. Schon nach kurzer Zeit blieb das Flugzeug stehen, nur einen Schritt von der nächsten Sandwehe entfernt.

 

 

 

„Puh, das war knapp,“ keuchte Elfriede und wischte sich den Schweiß ab. Ihre Freunde standen weiter weg und klatschten vor Begeisterung so laut in die Hände, dass die Hamster vor Schreck das Weite suchten.

 

„Tja“, grinste Jennie, „laute Geräusche mögen die kleinen Tierchen nicht.“

 

 

 

Nun hieß es Abschied nehmen. Unsere Freunde gingen alle noch ein letztes Mal zu der kleinen Hamsterstadt und verteilten ihre restlichen Vorräte. Als sie Dodo, Strubbel, Goldi, Flecki und wie sie alle hießen, ein letztes Mal kraulten, war keinem wohl zumute. Es tröstete alle aber sehr, als sie sahen, wie wohl sich die Hamster in ihrer neuen Umgebung fühlten.

 

„Jetzt brauchen sie keine Angst mehr zu haben, dass sich jemand auf sie draufsetzt,“ brummte Bommel und alle lachten.

 

Fred war inzwischen mit dem Flugzeug startklar, doch dann passierte etwas, was beinahe allen zum Verhängnis geworden wäre: Fred schrie laut auf und fiel zu Boden. Bommel war als erster bei ihm und als Elfriede dazu kam, hörte sie ihren Vater nur sagen:

 

„Oh weh, das sieht nicht gut aus.“

 

„Was ist los, Papi?“

 

„Eine Schlange hat ihn gebissen, wir müssen ihn schnell ins Krankenhaus bringen!“

 

„Aber wo? Wir kennen uns hier nicht aus!“

 

 

 

„Er muss ins Krankenhaus, wir müssen hinfliegen egal wie!“ Bommel sah sich um und fragte: „Ist schon einmal einer von euch geflogen?“

 

Alle sahen Rosie an.

 

„Ja, ich“, antwortete sie. „Darf ich denn?“

 

„Du musst ihn sofort ins Krankenhaus bringen. Er ist von einer Schlange gebissen worden,“ erklärte Elfriede.

 

 

 

In Windeseile stiegen alle in die Maschine. Fred wurde vorsichtig in den Laderaum gelegt, während Rosie sich mit den Fluginstrumenten vertraut machte.

 

„Anschnallen“, sagte sie, „es kann holperig werden!“

 

„Da bin ich sicher“, murmelte Berta.

 

„Wolltest du noch etwas sagen, liebe Berta?“

 

„Aber nein, liebste Rosie, es ist nur... ich fliege eben nicht gerne.“

 

„Vielleicht ist es ja auch das letzte Mal, ha, ha, ha!“ Rosie lachte laut, während Berta immer blasser wurde.

 

Die Motoren begannen zu dröhnen. Immer lauter und lauter wurde das Geräusch, bis das Flugzeug langsam zu rollen begann. Rosie war in ihrem Element.

 

„Aha, dafür ist der Schalter da!“

 

Berta kroch immer tiefer in ihren Sessel.

 

„Das hier müssten die Hebel für die Flaps sein, also die Start- und Landeklappen.“

 

Als Berta daran zog, ging die Bordbeleuchtung an.

 

„Na gut, dann eben nicht, dann ist es wohl dieser Hebel.“

 

Berta schloss die Augen, als Rosie den Hebel betätigte.

 

„Mist, das waren die Scheibenwischer!“

 

„Rosie, bitte! Eine große Sanddüne kommt immer näher, wir müssen abheben!“

 

„Ja, ja, Daisy, ich tue ja, was ich kann.“

 

Rosie probierte den nächsten Hebel und tatsächlich: die Maschine hob vom Boden ab.

 

Schlingernd überquerten sie die große Düne und gewannen langsam an Geschwindigkeit und Höhe.

 

„Das war doch nicht schlecht“, krächzte Rosie. „Mal sehen, ob ich den Autopiloten finde. Also, der Altimeter ist für die Höhenkontrolle. Die Spritanzeige ist ok. Ah, das hier muss der Autopilot sein!“ Sie drückte einen Knopf und das Flugzeug schoss unter dem Kreischen ihrer Freunde steil nach oben. Immer höher stiegen sie, den Wolken entgegen.

 

„Naja, kann ja nicht alles klappen“, brummte sie. „Das war wohl doch die Höhenkontrolle. Ah, das da wird er sein!“

 

Berta lag zusammengekrümmt auf ihrem Sessel und betete.

 

Rosie drückte wieder auf einen Knopf, das Flugzeug senkte die Nase leicht nach Unten und ging in einen geraden Flug über. Die dröhnenden Motoren wurden leiser und Bertas Wimmern war nun zum ersten Mal deutlich zu hören.

 

„Stell dich nicht so an“, schimpfte Rosie. „Fliegen ist ungefährlicher als Auto fahren!“

 

„Nicht, wenn du am Steuer sitzt,“ jammerte Berta.

 

„Gut, wenn du meinst. Dann mache ich jetzt nichts mehr!“

 

Rosie verschränkte die Arme vor der Brust. Das Flugzeug senkte nun seine Nase nach unten und ging allmählich in einen Steilflug über.

 

„Nein, bitte, bitte, flieg weiter, du bist eine gute Pilotin!“

 

„Gut? Nur gut?“

 

„Die beste, die allerbeste!“ kreischte Berta.

 

„Danke für das ehrliche Kompliment, liebste Berta. Das musste ja mal gesagt werden.“

 

Fröhlich pfeifend lenkte Rosie die Maschine in Richtung Heimat, während ihre Freunde mucksmäuschenstill auf ihren Plätzen saßen und an die bevorstehende Landung dachten.

 

 

 

„Ach, Mensch“, sagte Rosie plötzlich, „ich glaube, ich muss mich beim Tower anmelden.“

 

Sie drückte eine Taste neben dem Mikrofon und rief:

 

„Rosie an Tower, Rosie an Tower!”

 

 

 

Ein Rauschen im Lautsprecher war alles, was ihr antwortete. Sie drehte an einem Knopf und wiederholte ihre Worte. Nun kam endlich die Antwort der Lotsen des Flughafens.

 

„Verstanden. Hier Tower, bitte identifizieren sie sich, Flug Rosie!“

 

„Ich bin nicht krank, was soll das?“ schimpfte Rosie ins Mikrofon.

 

„Wiederhole: bitte identifizieren Sie sich, Flug Rosie!“

 

„Wiederhole: ich bin nicht krank, ich bin nicht infiziert!“

 

Rosie wurde allmählich sauer.

 

Bevor der Tower antworten konnte, stöhnte Berta:

 

„Die meinen, du sollst dich identifizieren, das heißt, dich zu erkennen geben.“

 

„Bitte nennen Sie Ziel und Zweck Ihres Fluges“, meldete sich nun der Tower wieder.

 

 

 

Rosie räusperte sich.

 

„Also der Zweck waren die Hamster und das Ziel war, ihnen ein neues Zuhause zu geben.“

 

Berta verdrehte die Augen, während der Lotse im Tower nicht aufgab: „Woher kommen Sie, wohin wollen Sie, Flug Rosie?“

 

Rosie zeigte nach hinten und sagte:

 

„Wir kommen von da und wollen in die andere Richtung, also hierhin.“

 

„Flug Rosie, bitte geben Sie Höhe und Koordinaten an!“

 

„Also,“ begann Rosie, „ich bin 1,20 Meter und das andere habe ich nicht dabei.“

 

„Verstanden, Flug Rosie. Sind Sie ausgebildete Pilotin?“

 

„Nein, ich gehe noch in die Vorschule.“

 

Aus dem Lautsprecher war eine Zeitlang nichts mehr zu hören, bis sich der Flughafen wieder meldete:

 

„Flug Rosie, wenn ich richtig verstehe, handelt es sich um einen Notfall?“

 

„Nun, ja, Herr Fred ist von einer Schlange gebissen worden und ich muss jetzt fliegen.“

 

„Schlange? Haben Sie Schlangen an Bord?“

 

Rosie sah Berta an und antwortete grinsend:

 

„Das kann man schon sagen...“

 

 

 

Inzwischen war der Flughafen in Sichtweite gekommen und es war deutlich zu sehen, dass überall rote Fahrzeuge neben der Landebahn standen.

 

 

 

„Ich glaube, die bereiten gerade eine Bruchlandung vor“, stieß Bernie hervor. „Jetzt legen die auch noch einen Schaumteppich!“

 

 

 

„Komisch“, meinte Rosie. „Ob da was passiert ist?“

 

„Tower an Flug Rosie“, klang es wieder durch den Lautsprecher. „Gehen Sie mit den Landeklappen auf 30 Grad und nehmen Sie Schub weg.“

 

„Und wo soll ich den hinlegen?“ fragte Rosie und lehnte sich aufs Lenkrad.

 

 

 

Das Flugzeug sackte sofort ab.

 

„Hochziehen, Flug Rosie, gehen Sie mit den Landeklappen auf 45 Grad und fahren Sie das Fahrwerk aus!“

 

Rosie kratzte sich am Kopf und probierte ein paar Knöpfe und Hebel. Nun schmierte die Maschine seitlich nach links ab und während es aus dem Lautsprecher hochziehen - nach Steuerbord tönte, ging es dem Boden entgegen.

 

Elfriede, die am linken Fenster saß, konnte noch sehen, wie die Feuerwehrleute aus dem Wagen sprangen, auf den das Flugzeug zuschoss.

 

 

 

„Festhalten!“ schrie sie. „Wir landen!“

 

Es knallte kurz, aber laut und unsere Freunde stellten fest, dass sie sich noch in der Luft befanden.

 

„Der Feuerwehrwagen hat kein Dach mehr,“ stellte Bernie fest, nachdem er nach hinten geschaut hatte. „Der ist jetzt ein Cabriolet.“

 

„Flug Rosie, wohin fliegen Sie?“

 

„Wir wollen zum Krankenhaus“, erwiderte Rosie.

 

„Wenn Sie so weitermachen, sind Sie bestimmt bald dort“, antwortete der Tower. „Stellen Sie den Motor aus!“

 

Rosie suchte den Ausschalter. Der große schwarze Knopf schien der richtige zu sein, doch leider verfing sie sich im Steuerknüppel. Das Flugzeug raste jetzt nach rechts und flog direkt auf den Tower zu.

 

 

 

„Abdrehen, Flug Rosie, abdrehen!“

 

Im letzten Moment schoss die Maschine dicht am Tower vorbei und ein Klirren war zu hören.

 

„Die haben keine Scheiben mehr,“ grinste Bernie.

 

„Flug Rosie, Flug Rosie, der Schalter für den Motor befindet sich ganz Rechts auf der Armatur!“

 

Während die Maschine eine Kurve flog, legte Rosie den Schalter um. Sofort wurden die Motoren leise, bis nur noch ein leises Blubbern zu hören war.

 

„Na, wie war ich?“

 

„Rosie, pass auf, du fliegt auf ein Gebäude zu!“ Elfriede zeigte nach vorne, wo eine riesige Glaskuppel immer näher kam. Rosie versuchte, den Flieger wieder hochzureißen, doch es war zu spät. Die Maschine bohrte sich in die gläserne Kuppel; Glas splitterte, Stützpfeiler brachen, es knallte und quietschte. Als das Flugzeug sich nicht mehr bewegte, wagte Bernie einen Blick nach draußen.

 

„Ich glaube, wir sind im Restaurant des Flughafens gelandet,“ stellte er fest.

 

Rosie kurbelte das Seitenfester herunter und rief: „Ihr glaubt es nicht, an meiner Scheibe klebt eine Sahnetorte! Lecker!“

 

 

 

Fred ging es schon nach kurzer Zeit wieder besser. Der Flughafenarzt stellte fest, dass der Schlangenbiss nicht weiter gefährlich war. Die Zeitungen aber waren so begeistert von der Hamstergeschichte, dass sie das Erlebnis als Reportage veröffentlichen wollten. Dafür übernahmen sie auch die Kosten für die Schäden am Flughafen. Nur Berta fang es schade, dass Rosie nicht wenigstens ein paar Tage ins Gefängnis musste.

 

 

 

Elfriede räusperte sich und holte tief Luft. So ein langes Abenteuer zu erzählen strengt doch ganz schön an.

 

„So, das war die ganze Geschichte, aber jetzt lasst uns endlich überlegen, welches Tier wir uns diesmal holen!“

 

„Wie wäre es mit einem Raben oder einer Krähe?“

 

„Ich weiß nicht, Jennie,“ meinte Daisy, „das dauert doch viel zu lange bis wir denen Sprechen beigebracht haben.“

 

„Vielleicht kann Professor Hastig uns einen Roboter bauen?“ schlug Bernie hoffnungsvoll vor.

 

„Der ist leider im Urlaub,“ entgegnete Susi. „Der kann uns nicht helfen.“

 

Rosie hatte bisher geschwiegen, doch nun rief sie: „Wie wäre es mit einem sprechenden Papagei?“

 

Das war es! Unsere Freunde beschlossen: ein Papagei sollte her.

 


 

 

 

8. Kapitel

 

 Der Wellensittich

 

 

„Ein Papagei? Wisst ihr überhaupt, wie teuer solch ein Tier ist?“ Herr Plamps, der Tierhändler der kleinen Stadt Aubachtal, sah unsere Freunde fragend an.

 

 

 

„Also, wir haben gedacht, die fliegen sowieso nur herum und im Dschungel gibt es ja genug davon“, stotterte Rosie.

 

„Also, wir haben an zwanzig Mark gedacht, soviel haben wir nämlich noch“, fügte Elfriede hinzu. „Vielleicht können wir ja in Raten zahlen!“

 

Herr Plamps schüttelte den Kopf. „Dieser Papagei stammt aus Südamerika, genau gesagt lebt er im Deltagebiet des Amazonas.“

 

 

 

„Uih,“ staunte Rosie, „da kommen ja auch die Pyjamas her.“

Ein Wellensittich namens Einstein

„Pyjamas?“

 

„Ja, und die ICE-Fliegen!“

 

 

 

„ICE-Fliegen? Pyjamas? Ich fürchte, ich kann dir nicht folgen, Rosie.“

 

„Sie meint Piranhas und Tse-Tse Fliegen,“ erklärte Jennie.

 

„Ach so,“ atmete Herr Plamps auf, „das meinst du. Aber so weit ich weiß, leben die Tse-Tse fliegen in Afrika.“

 

„Sie bringt eben immer alles durcheinander, typisch!“

 

„Ach ja, liebste Berta, du weißt ja immer alles ganz genau, oder?“

 

„Ja, meine liebe Rosie, zum Beispiel weiß ich, dass da auch die Pyrenäen leben!“

 

„Die Pyrenäen?“ Herr Plamps kratzte sich nervös am Kopf.

 

„Oder waren es die Pyramiden?“

 

„Du meinst sicherlich die Pygmäen,“ atmete Herr Plamps erleichtert auf. „Die Pyrenäen sind eine Bergkette in Europa.“

 

„...und die Pyramiden spitze Häuser für Mumien in Ägypten,“ grinste Elfriede, „aber wie viel kostet denn nun dieser Papagei?“

 

 

 

„Da müsst ihr schon 200 Mark ausgeben. Diese Tiere sind nun einmal sehr teuer.“

 

„Äh, dürfen wir uns denn erst einmal umsehen?“

 

„Natürlich, Elfriede, aber denkt dran: keine Hamster. Letztes Mal habe ich Ärger mit euren Eltern bekommen.“

 

 

 

Unsere Freunde sahen sich nun genauer in dem Tiergeschäft von Herrn Plamps um. Immer wieder fiel ihr Blick auf die niedlichen kleinen Hamster. Doch dann erregte der Käfig mit den Wellensittichen ihre Aufmerksamkeit. Es waren 10 Vögel in dem Käfig, vier blaue und 6 grüne. Die meisten von ihnen hatten den Kopf unter den Flügel gelegt und ruhten sich aus. Hin und wieder kam ein Kopf hervor und beäugte die Kinder. Einer der Wellensittiche - ein grüner - war ein besonders frecher. Immer wieder ärgerte er die anderen, die schlafen wollten. Er hüpfte fröhlich im Käfig hin und her und pfiff vor sich hin. Neben dem Käfig mit den Sittichen stand ein ebenso großer Käfig mit einer Krähe.

 

„Mensch, sieht die schlecht gelaunt aus.“ stellte Daisy fest.

 

„Anscheinend geht ihr der fröhliche Wellensittich auf die Nerven,“ meinte Susi.

 

 

 

Als wenn sie diese Worte bestätigen wollte, krächzte die Krähe den Wellensittich drohend an. Der aber ließ sich davon nicht beeindrucken und krächzte zurück. Die Krähe wurde langsam wütend und versuchte, die Gitterstäbe durchzubeißen. Der Wellensittich begann zu keckern und es klang, als mache er sich über den großen schwarzen Vogel lustig. Die Krähe wurde immer ärgerlicher und biss weiter in die Gitterstäbe.

 

„Die kriegt sie nie im Leben auf,“ meinte Bernie, „so ein dummes Tier.“

 

Der grüne Wellensittich schien sich zu freuen, dass die große Krähe sich so sehr aufregte. Nun geschah etwas Merkwürdiges. Der Sittich hüpfte kreuz und quer durch den Käfig und sprang gegen die kleine Käfigtür.

 

„Was soll denn das werden, wenn es fertig ist?“ wunderte sich Marie.

 

„Ich glaube, er will dem großen, dummen Vogel zeigen, wie man eine Tür aufmacht“, vermutete Jennie. „Sieh mal, wie er immer wieder Anlauf nimmt!“

 

Immer wieder hüpfte der kleine Vogel gegen die Gittertür und tatsächlich: beim vierten Versuch sprang sie auf. Sofort flog er zum Käfig mit der Krähe hin, setzte sich auf die Gitterstäbe und guckte den schwarzen Vogel spöttisch an. Die Krähe versuchte nun, den Wellensittich zu beißen, doch immer wieder knallte sie gegen die Gitterstäbe. Nachdem sie es ein paar Mal versucht hatte, blieb sie erschöpft am Boden liegen.

 

„Guck mal, der Schwanz von der Krähe hängt aus dem Käfig heraus.“ Berta reckte den Hals, um besser sehen zu können.

 

„Der Wellensittich hat das auch schon gemerkt“, Bernie konnte sich vor Lachen kaum noch halten. „Ich glaube, ich weiß was jetzt passiert.“

 

Bernie hatte richtig vermutet. Der kleine, grüne Wellensittich sprang blitzschnell vom Krähenkäfig runter und biss in den Schwanz der Krähe. Er zog mit aller Kraft daran, die Krähe protestierte und schrie, doch es half ihr nichts. Nun begann das große Tier wütend mit den Flügeln zu schlagen, der Käfig wackelte und fiel schließlich um.

 

„Oh je, die Käfigtür ist aufgesprungen!“

 

Elfriede und ihre Freunde sahen entsetzt, wie der große schwarze Vogel nun aus seinem Käfig stürzte. Mit rachsüchtigen Augen stürzte er sich auf den kleinen Wellensittich. Während die anderen Sittiche sich ängstlich in einer Ecke ihres Käfig verkrochen hatten, blieb der kleine grüne ganz ruhig sitzen, während die Krähe immer näher kam.

 

„Wir müssen was tun“, rief Berta. „Die macht den Kleinen fertig!“

 

Doch es war zu spät, die Krähe stieß ein freudiges Krächzen aus. Sie hatte ihr Ziel fast erreicht, als der Wellensittich plötzlich blitzschnell zur Seite hüpfte und die Krähe krachend gegen den Käfig mit den Goldhamstern flog. Der fiel um und die Hamster purzelten heraus. Mit blinzelnden Augen merkten die müden Nachttiere nun, dass etwas geschehen war. Als sie die große, schwarze Krähe sahen, begannen sie zu flüchten, doch die Krähe hatte es nur auf den Sittich abgesehen. Der hatte sich inzwischen auf eine kleine Insel im Schildkrötenbecken gesetzt und pfiff vor sich hin.

 

„Der scheint ja wohl überhaupt keine Angst zu kennen“, meinte Elfriede anerkennend.

 

Jennie nickte zustimmend. „Bestimmt hat er wieder einen Plan.“

 

Genauso war es. Die Krähe hatte ihren Gegner im Schildkrötenbecken entdeckt und flog nun krächzend darauf zu. Wieder hatte sie ihn fast erreicht, als der kleine Wellensittich auf einmal verschwunden war.

 

„Er ist ins Wasser getaucht,“ flüsterte Jennie.

 

Für die Krähe kam dieser Hinweis zu spät. Sie machte eine Bruchlandung inmitten der Schildkröten. Wer diese langsamen Tiere kennt, der weiß, dass sie sehr gutmütig sind. Doch wenn es ihnen zu bunt wird, dann beißen sie. Das bekam nun auch der große schwarze Vogel zu spüren. Er krächzte vor Schreck laut, als er von allen Seiten gebissen und gerupft wurde. Nachdem er etliche Federn im Schildkrötenbecken zurücklassen musste, rettete er sich mit letzter Kraft in seinen Käfig und versteckte sich in der hintersten Ecke.

 

„Spiel, Satz und Sieg für den Wellensittich!“ rief Rosie begeistert.

 

„Wieso Spiel und Satz?“ Berta verstand nicht recht.

 

„Das sagt man doch beim Tennis, weißt du das denn nicht, liebe Berta?“

 

„Da war ich noch nicht, wo liegt das denn?“

 

„Jedenfalls nicht in den Pyrenäen. Das ist ein Ballsport, klar?“

 

Berta bekam einen roten Kopf und wandte sich wieder den Tieren zu. Die Hamster hatten inzwischen die Salatblätter im Becken entdeckt und marschierten darauf zu. Warnend hoben die Schildkröten die Köpfe, um ihr Futter zu verteidigen, doch die flinken Goldhamster waren zu schnell für sie. Jeder von ihnen schnappte sich ein Stück Salat und rannte zurück in den sicheren Käfig.

 

 

 

Unsere Freunde bemerkten erst jetzt, dass Herr Plamps neben ihnen stand. Er war ganz blass im Gesicht und schüttelte den Kopf.

 

„Bald kann ich nicht mehr. Immer wieder bringt dieser kleine grüne Teufel alles durcheinander!“

 

„Warum verkaufen Sie ihn denn nicht?“ fragte Daisy erstaunt.

 

„Habe ich doch schon ein paar Mal, aber er wurde jedes Mal zurückgebracht und umgetauscht. Er ist einfach zu schlau und macht nichts als Blödsinn. Ihr habt doch gesehen, was er mit der Krähe gemacht hat. Letzte Woche hat er einen Schäferhund so fertig gemacht, dass der arme Hund sich im Keller verkrochen hat und eine Woche lang nicht herauskam.

 

 

 

Bernie trat näher an den Tierhändler heran.

 

„Wir haben gesehen, dass die Krähe angefangen hat. Der Wellensittich hat sich nur gewehrt.“

 

„Genau“, bestätigte Elfriede. „Das war Notwehr. Mit dem Schäferhund war es bestimmt ähnlich!“

 

„Man muss nur wissen, wie ein Tier behandelt werden muss, dann ist es auch lieb!“

 

„Jennie hat recht“, mischte sich nun Daisy ein. „Ich wette, bei uns würde er sich wohl fühlen.“

 

Der Tierhändler fühlte sich auf einmal nicht sehr wohl in seiner Haut.

 

 

 

„A- aber er hat mich gestern in den Finger gebissen...“

 

„...und Sie, was haben Sie ihm gestern angetan?“

 

Rosie fletschte angriffslustig die Zähne.

 

„Tiere merken genau, wenn man es gut mit ihnen meint!“ schimpfte Berta.

 

 

 

Der Wellensittich schien zu merken, dass es um ihn ging. Er krächzte lauthals vor sich hin.

 

„W- wie wäre es, ihr nehmt das Tier? Ihr kriegt auch eine Tüte Futter dazu, umsonst versteht sich.“

 

„Was?“ Berta schäumte vor Wut. „Sie wollen das arme Tier einfach verschenken?“

 

Elfriede zog Berta schnell zur Seite. „Ist in Ordnung, Herr Plamps, wir nehmen das Tier mit. Sie geben uns noch Futter dazu und wir brauchen nichts zu zahlen, in Ordnung?“

 

„I- in Ordnung.“

 

Tierhändler Plamps holte eine Pappschachtel und näherte sich dem Käfig. Gespannt guckten alle, wie sich der kleine, grüne Wellensittich nun verhalten würde. Er blieb ruhig auf einer Stange sitzen, während seine Kollegen im Käfig hin und her flatterten und versuchten, sich zu verstecken. Herr Plamps hatte keine Mühe, den Vogel zu fangen und in die Schachtel zu stecken. Es hatte den Anschein, als ob der Wellensittich sich schon auf ein Abenteuer freute. Herr Plamps sah noch immer sehr blass aus, als er unseren Freunden die Schachtel überreichte.

 

„Ein Umtausch ist bei kostenlosen Artikeln aber ausgeschlossen.“

 

„Habe ich da richtig gehört“, brauste Berta auf. „Er redet von Artikel! Er nennt ein friedliebendes, kleines Tier einen Artikel! Wissen Sie überhaupt, wie weh das so einem unschuldigen, kleinen...“

 

„Komm jetzt mit, Berta und erzähl nicht so viel!“

 

Elfriede und Jennie zogen die schimpfende Berta zur Tür hinaus.

 

 

 

Fröhlich pfeifend machten sich die Freunde auf den Rückweg. Es dauerte nicht lange und aus dem Pappkarton war auch ein Pfeifen zu hören. Alle lachten und Bernie meinte: „Also, so einen sprachbegabten Vogel gibt es wohl selten!“

 

„Du meinst pfeifbegabten“, widersprach Berta. „Pfeifen kann jeder. Mal sehen, ob er auch spricht!“

 

„Immer musst du rummeckern, warte doch erst einmal ab.“

 

„Also, meine liebe Rosie, ich habe nur meine Meinung kundgetan!“

 

„Ach ja, allerliebste Berta, es hat dich aber keiner gefragt!“

 

Die beiden Schweine wollten gerade weiter streiten, als es aus dem Pappkarton ertönte: „Liebste - allerliebste - Rosie - Berta - Rosie - Berta - allerliebste!“

 

Rosie und Berta glotzen mit offenem Mund auf die Pappschachtel und sagten kein Wort.

 

„Ich glaub' mich tritt ein Pferd,“ stellte Elfriede lachend fest.

 

 

 

„Rosie - Pferd!“ klang es nun aus der Schachtel.

 

Rosie glotzte auf die Pappschachtel und fragte drohend: „Willst du Ärger? Wehe, du sagst noch einmal Rosie ist ein Pferd!“

 

„Ärger - Rosie!“

 

„Nein, nicht Rosie ärgern, sag: Rosie lieb!“

 

„Lass mich mal“, mischte sich Berta ein. „Das macht man anders.“

 

Sie trat dicht an die Schachtel heran und sagte: „Hallo Vogel, ich bin Berta, also hör mir zu und erzähl keinen Mist: Berta ist lieb!“

 

„Hallo-Berta-ist-Mist, Hallo-Berta-ist-Mist, Hallo-Berta-ist....“

 

Unsere Freunde lachten so laut, dass der Wellensittich vor Schreck verstummte.

 

Inzwischen waren sie an dem Haus von Elfriedes Eltern angekommen. Sofort stürmten sie an dem verdutzten Bommel vorbei ins Kinderzimmer. Elfriede schloss die Tür hinter ihnen.

 

„Damit er uns nicht wegfliegt,“ erklärte sie und öffnete vorsichtig die Schachtel. Sofort sprang der kleine, grüne Wellensittich heraus, flog auf Elfriedes Bett und sah sich um. Das Zimmer sah aus wie immer. Überall auf dem Bett lagen Puppen und Zubehörteile, der Fußboden war mit Spielzeug übersät und die Fensterbänke mit Büchern.

 

„Mist-Mist-Mist!“

 

„So schlimm findest du das hier, mein kleiner Freund?“ fragte Elfriede. „Soll ich etwa aufräumen, nur weil Besuch da ist?“

 

„Mist-aufräumen, Mist-aufräumen!“

 

„Genau“, lachte Elfriede. „Aufräumen ist Mist. Ich glaube, wir werden uns gut verstehen.“

 

 

 

Nun setzten sich alle auf den Fußboden und berieten, was als nächstes unternommen werden sollte. Berta schlug vor, der Vogel solle nun Unterricht bekommen. Daisy fiel ein, dass ihr Bruder noch einen alten Vogelkäfig besaß - den sollte der Wellensittich bekommen. Bernie war der Ansicht, es sei wichtig, dass der Vogel erst einmal einen Namen bekäme. Dann übernahm Jennie das Wort.

 

„Gut, einen Käfig hat er, den holt Daisy gleich. Wenn er in seinem Käfig ist, bekommt er Unterricht. Zuerst aber muss er einen Namen bekommen. Wie wäre es mit Hansi? Berta schüttelte sich und schlug Robert vor, doch das gefiel Rosie und Susi nicht. Marie schlug Heini vor, Bernie gefiel Grüni am besten, Rosie fiel gar nichts ein, Daisy meinte, Bobo wäre passend und Elfriede schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

 

„Nein, das passt alles nicht,“ stöhnte sie und sah zu dem Wellensittich hin.

 

„Was sagst du dazu, Vogel?“

 

„Mist-Mist-Mist!“

 

„Seht ihr, ich meine, hört ihr? Der Vogel findet es auch nicht gut.“

 

Plötzlich flatterte der Wellensittich aufgeregt hin und her.

 

„Besuch-Besuch!“

 

Kurz darauf öffnete sich die Tür und Bommel trat herein.

 

„Ah, diesmal hast du einen Gast aus Australien, guten Tag Herr Vogel!” Bommel grinste den Vogel an.

 

„Er ist sehr schlau, Papi!“

 

Elfriede nickte bestätigend mit dem Kopf. Der Vogel legte den Kopf schräg und sah Bommel an.

 

„So,so“, meinte Bommel, „du bist also ein richtiger Einstein? Oder gar ein Doktor?“

 

„Doktor-Einstein-Doktor-Einstein-Doktor-Einstein!“ rief der Vo-gel aufgeregt. Bommel wich vor Schreck zwei Schritte zurück und Elfriede sprang auf und ging auf das Tier zu.

 

„Dr. Einstein? Möchtest du so heißen?“

 

„Dr. Einstein-gut-gut-gut!“

 

Elfriede sah erst ihre Freunde an und dann strahlte sie Bommel an.

 

„Danke, Papi, du hast einen Namen für ihn gefunden!“

 

Bommel verstand überhaupt nichts mehr. Er blickte den Vogel an, kratzte sich am Kopf und wollte zur Tür hinaus gehen. Leider war der Türpfosten im Weg und es gab einen lauten Knall. Bommel hielt sich stöhnend den schmerzenden Rüssel.

 

„Mist-Mist-Mist!“

 

Bommel starrte den Wellensittich an.

 

„Stimmt, er ist wirklich schlau,“ sagte er und ging zur Tür hinaus. Diesmal hielt er allerdings genügend Abstand zum Türpfosten.

 

„Papi!“

 

„Was gibt es noch?“

 

„Darf ich Dr. Einstein behalten?“

 

„Nein!“

 

„Och, Papi, wenigstens eine Woche!“

 

„Aber nur, wenn du dein Zimmer jeden Tag aufräumst und das Tier fütterst und den Käfig sauber machst!“

 

Elfriede seufzte laut.

 

„Versprochen.“

 

„Und er hat nichts im Wohnzimmer zu suchen, besonders nicht in meinem Sessel!“

 

„Versprochen, Papi!“

 

Als unsere Freunde wieder alleine waren, schlug Daisy vor, den Käfig zu holen. Elfriede stimmte zu und begann, ihr Zimmer aufzuräumen. Da alle mithalfen, war alles aufgeräumt, als Daisy nach ein paar Minuten mit dem Käfig wiederkam. Berta schrubbte den Käfig, Elfriede holte etwas Sand aus der Sandkiste im Garten und dann war es endlich soweit: Dr. Einstein zog in sein neues Zuhause ein.

 

„Gut-gut-gut-Dr. Einstein-lieb!“

 

„Das will ich wohl meinen, ich habe auch jede Ecke kräftig geschrubbt!“

 

„Allerliebste-Berta!“

 

Berta bekam einen roten Kopf, so war sie lange nicht gelobt worden. Die anderen lachten begeistert. Nun wurde beschlossen, sofort mit dem Sprachtraining zu beginnen. Abwechselnd sollte sich jeder mit dem Wellensittich unterhalten. Als es dunkel wurde, verabschiedeten sich die Freunde und Elfriede holte ihren Kassettenrecorder und alle Kassetten, die sie finden konnte.

 

„So, Dr. Einstein, jetzt spiele ich dir alles vor, was du wissen solltest. Wir fangen bei den Hexengeschichten an. Hier kommt die erste Geschichte, die Hexe darin heißt übrigens Bibi und ist eine gute Hexe.“

 

„Bibi-gut, Dr. Einstein-versteht!“

 

Elfriede sah den Vogel prüfend an. Scheinbar wiederholte er alle Worte, die er schon einmal gehört hatte. Je mehr Worte er lernen würde, desto besser würde er sich verständigen können.

 

 

 

So neigte sich der erste Tag langsam seinem Ende entgegen. Am nächsten Tag passierte noch nichts Aufregendes, denn es war Sprachtraining angesagt. Doch dann war es soweit: Dr. Einstein sollte erfahren, warum die Freunde ihn so dringend brauchten.

 

Mit schräg gelegtem Kopf verfolgte das Tier Daisys Erzählungen vom Zauberwald, von ihrem missglückten Übernachtungsversuch und der fiesen Krähe, die der Spion der bösen Hexe war. Daisy erzählte von der Teichfee, vom Zwergenkönig Alberich und von den vielen Abenteuern, die sie überstanden hatten. Als sie ihre Erzählung beendet hatte, plusterte sich Dr. Einstein auf.

 

„Verstehe, werde-euch-helfen!“

 

Dann hüpfte er in den Käfig, fraß ein paar Körner und flog zum Fenster.

 

„Tschüss!“

 

„Mach's gut, du tapferer Vogel,“ rief Elfriede hinterher. Nun hieß es abwarten.

 

 

 

Unsere Freunde warteten Stunde um Stunde. Immer wieder sahen sie zum Fenster hin, doch bis auf ein paar Spatzen war kein Vogel zu sehen. Immer ungeduldiger wurden alle und Rosie begann, an ihren Fingernägeln zu knabbern.

 

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass mir dein blödes Finger-nägel-Knabbern auf den Keks geht?“

 

„Ich kann nicht anders, Berta, ich bin sooooo nervös!“

 

„Wie wäre es, wir spielen irgend etwas?“ schlug Marie vor, doch niemand hatte Lust dazu. Immer wieder guckten sie zur Uhr und Jennie stellte fest, dass Dr. Einstein nun schon 6 Stunden unterwegs war.

 

„Vielleicht hat die Krähe ihn erwischt“, überlegte Bernie, „oder er schwimmt jetzt als Suppeneinlage im Kochtopf der Hexe...“

 

„Quatsch, er kommt wieder. Er ist zu schlau für die Krähe und über Hexen weiß er jetzt alles!“ Elfriede warf Bernie einen verärgerten Blick zu.

 

„Nachrichten-neue-Nachrichten-aus-dem-Zauberwald!“

 

„Dr. Einstein! Da bist du ja!“

 

Überglücklich sahen die Freunde, wie der Wellensittich durch das Fenster ins Zimmer geflogen kam. Zuerst stürzte er sich in seinen Käfig, trank etwas Wasser und fraß ein paar Körner. Als er satt war, kam er wieder herausgehüpft, setzte sich in die Zimmermitte und begann zu erzählen. Gebannt lauschten alle, als er erzählte, wie er mit der Krähe fertig geworden war. Er hatte das dumme Tier zur Bushaltestelle gelockt. Als der Bus kam, war Dr. Einstein hineingeflogen und die Krähe natürlich hinterher. Kurz bevor der Bus wieder abfuhr und die Türen geschlossen wurden, war Dr. Einstein schnell ausgestiegen.

 

„Krähe-ohne-Fahrkarte-kriegt-Ärger!“

 

 

 

Danach war er unbehelligt zum Hexenhaus geflogen. Dort versteckte er sich zwischen den Hexenkräutern auf der Fensterbank und lauschte. Die Hexe hatte ihre Freundinnen eingeladen, um mit ihnen zusammen den Zauberwald auf den Hexenberg zu zaubern.

 

„Hexe-schafft-das-nicht alleine!“

 

„Verstehe“, murmelte Jennie. „Den ganzen Wald können sie nur alle gemeinsam weghexen.“

 

 

 

„Wir müssen das verhindern!“ Elfriede blickte ihre Freunde entschlossen an. „Lasst uns einen Plan machen, um diesen Hexenplan zu durchkreuzen!“

 

 

 

Unsere Freunde steckten die Köpfe zusammen und beratschlagten, was nun zu tun sei. Bernie war der Ansicht, dass es schlimme Auswirkungen auf alles hätte, wenn der Zauberwald auf einmal verschwinden würde.

 

„Es würde ein riesiges Loch in der Landschaft entstehen, die umliegenden Berge und unsere Stadt würden vielleicht in dieses Loch hineinrutschen.“

 

„Von den betroffenen Tieren wollen wir lieber erst gar nicht reden“, ergänzte Jennie. „Die würden so etwas bestimmt nicht überleben.“

 

„Mit Gewalt“, meinte Elfriede, „kommen wir gegen die Hexenbande nicht an, wir müssen schlau sein.“

 

„Hexenbande-reinlegen!“ krächzte Dr. Einstein.

 

„Das wissen wir auch, du Schlaukopf. Erzähl uns lieber, wie wir das machen sollen!“

 

 

 

„Allerliebste-Berta, wir-müssen-Wald-vergiften!“

 

„Du bist wohl nicht ganz dicht?“ Berta guckte den Vogel empört an.

 

„Hexengift-Hexengift!“

 

„Jetzt bist du wohl komplett durchgeknallt, du Federvieh!“

 

„Dr. Einstein hat recht!“

 

Alle blickten Bernie fragend an.

 

„Wenn der Zauberwald für die Hexen ungenießbar ist, dann können sie ihn nicht brauchen. Wenn sie ihn nicht brauchen können, dann werden sie ihn auch nicht haben wollen. Wir müssen irgendwie mit dem Wald etwas machen...“

 

„Knoblauch!“ Elfriede war aufgesprungen und sah Bernie an.

 

„Wir müssen Knoblauch im Wald pflanzen, ganz viel Knoblauch!“

 

Bernie nickte begeistert.

 

„Das könnte funktionieren.“

 


 

 

 

9. Kapitel

 

 Knoblauch

 

 

Herr Grünfried war der Leiter des Geschäftes „Garten und Blumen“. Er war gerade dabei, in aller Ruhe eine Lieferung Maiglöckchen auszupacken. Es war ein Tag nach seinem Geschmack, denn es war wenig los in seinem Laden und er hatte viel Zeit für seine Pflanzen. Er liebte diese Ruhe und Beschaulichkeit. Plötzlich war es vorbei mit dem Frieden in seinem Geschäft, als die Tür krachend auf ging und eine Horde von Kindern mit einem krächzenden Wellensittich seinen Laden stürmte. Schützend stellte sich Herr Grünfried vor seine Pflanzen und starrte mit großen Augen auf die Eindringlinge.

 

„Haben Sie Knoblauch?”

 

Herr Grünfried sah den kleinen Jungen, der die Frage gestellt hatte, an.

 

„Wie? Äh, Knoblauch?”

Herr Grünfried bei der Arbeit

„Hat er doch laut und deutlich gesagt“, mischte sich Berta ein, „oder wissen Sie nicht, was das ist?“

 

„Doch, ja, äh, natürlich kenne ich Knoblauch.”

 

„Na also, dann geben Sie uns, bitte schön, alles was Sie haben!“

 

„Alles?”

 

„Hab' ich doch gesagt, oder?”

 

„Äh, ja, ich weiß aber nicht, ob ich so viel da habe...”

 

„Sie wissen nicht, ob Sie alles da haben, wie soll ich das verstehen?“ Berta wurde langsam mal wieder sauer.

 

„Na, ob ich soviel habe“, versuchte Herr Grünfried sich herauszureden.

 

„Wieso so viel? Haben wir gesagt wie viel wir haben wollen?”

 

„Äh, nein.”

 

„Na also. Wie können Sie dann sagen, Sie wissen nicht, ob Sie so viel...“

 

„Berta, es reicht.“ Elfriede trat auf den Verkäufer zu, der nun langsam zurückwich. Sie sah den verängstigen Mann freundlich an und sagte: „Wir brauchen soviel Knoblauch wie möglich, das ist alles.“

 

„Wirklich? Ich glaube, dass ich noch 5 Kisten mit Zwiebeln habe.“

 

„Hexen-vergiften-Hexen-vergiften!“

 

Herr Grünfried wäre vor Schreck fast in eine Kiste mit Tulpenzwiebeln gefallen, wenn Elfriede ihn nicht festgehalten hätte. Dann hielt er sich an einem Regal fest, starrte den Wellensittich an und ging rückwärts in Richtung seines Lagerraums. Auf dem Weg dorthin achtete er nicht auf ein paar Sträucher. Er stolperte und fiel krachend in ein Gemüsebeet. Stöhnend stand er wieder auf und verschwand durch eine Tür, um die Knoblauchzwiebeln zu holen.

 

„Mensch, ist der nervös“, stellte Rosie fest. „Wir tun ihm doch nichts!“

 

Kurz darauf kam Herr Grünfried mit einigen Kisten wieder. Bald standen 5 Kisten vor unseren Freunden und Marie sagte laut: „Damit vertreiben wir die fiese Hexenbande!“

 

Herr Grünfried glotzte sie entsetzt an. Als Marie seinen Blick bemerkte, fügte sie hinzu: „Oder wollen Sie in ein großes, schwarzes Loch fallen? Der Boden könnte alles hier verschlingen, falls....“

 

Schreiend rannte der Verkäufer quer durch das Geschäft, er stolperte über eine Kartoffelkiste. Dann riss er die Tür zum Lagerraum auf und es war deutlich zu hören, wie von innen der Schlüssel umgedreht wurde. Durch die verschlossene Tür drang nur noch ein leises Schluchzen, ansonsten war alles still. Daisy schüttelte verwundert den Kopf und ging ein Stück zur Tür hin.

 

„Herr Grünfried, wir haben noch nicht bezahlt!“

 

„Verschwindet, geht weg, geht weit weg!“

 

„Aber Sie kriegen doch noch Geld von uns!“

 

„Haut ab, ich will euer Geld nicht, nehmt den Knoblauch und kommt nie wieder!“

 

Daisy drehte sich zu ihren Freunden um.

 

„Ihr habt es gehört, er schenkt uns das Gemüse! Los, lasst es uns auf den Bollerwagen tragen.“

 

 

 

Bernie hatte zum Glück daran gedacht einen Bollerwagen mitzunehmen. Das Aufladen dauerte nur ein paar Minuten und es ging weiter zum Zauberwald. Wer allerdings an diesem Tag noch etwas bei Herrn Grünfried kaufen wollte, stand vor verschlossener Tür und wunderte sich. Ein Schild mit der Aufschrift „diese Woche geschlossen“ hing hinter der Glasscheibe.

 

 

 

Als sie den Zauberwald erreicht hatten, begann der schwerste Teil ihres Unternehmens. Es war sehr mühsam, den Bollerwagen über den unebenen Waldboden zu ziehen. Alle mussten mit anfassen und es ging nur Stück für Stück voran. Nachdem sie eine Weile geschoben und gezogen hatten, stöhnte Rosie: „Ich kann nicht mehr!“

 

„Tatsächlich, jetzt schon nicht mehr?“ spottete Berta.

 

„Sie hat Recht“, sagte Elfriede. „Wir sind weit genug im Wald. Lasst uns jetzt den Knoblauch vergraben!“

 

 

 

Erleichtert nahm sich jeder eine kleine Schaufel und eine Hand voll Knoblauchzwiebeln aus dem Wagen. Jennie und Daisy hatten ausgerechnet, dass alle sieben Schritte eine Zwiebel in den Boden eingegraben werden musste, um sie gleichmäßig im Wald zu verteilen.

 

Sie gruben jeder ein kleines Loch, legten eine Zwiebel hinein und bedeckten alles wieder mit Erde. So ging es Stunde um Stunde. Gegen Mittag waren erst 2 von den 5 Kisten leer. Alle waren hungrig und erschöpft. Nach einer kurzen Pause ging es weiter und als die Sonne sich langsam am Himmel senkte, waren alle Zwiebeln eingegraben.

 

„So, nun müssen wir abwarten. Bernie rieb sich die schmerzenden Hände und Elfriede entgegnete: „Lasst uns jetzt schnell nach Hause gehen und eine Runde schlafen. Morgen früh sehen wir dann weiter.“

 

Keiner hatte etwas einzuwenden und die gute Stimmung kehrte zurück.

 

„Ich stopf mir jetzt den Bauch voll und lege mich dann aufs Ohr“, grinste Susi.

 

Berta sah sie erstaunt an.

 

„Die Worte hätte ich eigentlich von Rosie erwartet...“

 

Bis auf Rosie lachten nun alle laut, doch plötzlich meldete sich Dr. Einstein mit krächzender Stimme:

 

„Hexen-Alarm-Alarm!“

 

Sofort waren alle mucksmäuschenstill und lauschten. Der Wellensittich flog auf eine hohe Tanne, um besser sehen zu können.

 

 

 

„Viele-Hexen-von-allen-Seiten!“

 

„Alle Seiten, Einstein? Heißt das, die Hexen kommen von allen Seiten?“

 

„Ja-überall!“

 

„Ob die uns suchen?“ fragte Daisy. „Aber woher wissen die, dass wir hier sind?“

 

Jennie dämmerte etwas.

 

„Seht euch doch einmal genau um, seht ihr die alte Feuerstelle da vorne? Ich glaube, wir befinden uns genau auf dem Treffpunkt der Hexen! Schnell, wir müssen fliehen oder uns verstecken!“

 

„Hier ist nirgends ein Platz zum Verstecken“, stellte Bernie fest. „Dr. Einstein, siehst du einen Weg, um an den Hexen vorbeizukommen? In welche Richtung können wir fliehen?“

 

Dr. Einstein drehte seinen kleinen Kopf in alle Richtungen.

 

„Zu-viele-Hexen, könnt nicht fliehen!“

 

Entsetzt sahen sich unsere Freunde an. War das ihr Ende? Allmählich waren die Geräusche der immer näher kommenden Hexen zu hören. Ihr hässliches Lachen und das Knacken von Zweigen war nun deutlich hörbar. Angst ergriff unsere Freunde und Daisy schlug vor, sie sollten sich schnell mit den Schaufeln in den Boden eingraben, doch Jennie schüttelte den Kopf.

 

„Sie würden uns riechen, das funktioniert nicht!“

 

Fieberhaft überlegten die Freunde, wie sie den näher kommenden Hexen noch entfliehen könnten, doch es gab keinen Ausweg mehr. Schon kamen die schwarzen Hüte einiger Hexen in Sicht.

 

 

 

„Ich will nach Hause, oder von mir aus an den Nordpol...“

 

„Das ist es, Rosie!“

 

Rosie sah Elfriede erstaunt an.

 

„Der Nordpol? Da wo es so bitterkalt war, als uns dein Zauberfläschchen ...“

 

„Genau, das Zauberfläschchen, jetzt brauchen wir es!“

 

„Aber Elfriede, das hat doch die Hexe gestohlen...“

 

„Ich weiß, Marie, es liegt bestimmt im Hexenhaus. Dr. Einstein, nur du kannst uns jetzt helfen.“

 

Elfriede hob ihre Hand und zeigte in die Richtung, in der das Hexenhaus lag.

 

„In diese Richtung musst du fliegen. Gleich dahinten ist eine Lichtung, dort steht das Haus der Hexe. Flieg durch das Küchenfenster hinein und bring uns das Fläschchen, du guter Vogel!“

 

„Einstein-fliegt!“ krächzte der kluge Wellensittich, öffnete seine Flügel und schwang sich von der Tanne hinunter.

 

„...wenn das Küchenfenster offen ist,“ fügte Elfriede leise hinzu, als Dr. Einstein schon verschwunden war. Nun folgten bange Minuten für unsere Freunde. Immer näher kamen die Hexen, doch der Vogel war schneller. Knapp über dem Boden flog er mit dem schweren Fläschchen im Schnabel.

 

 

 

„Kann-nicht-mehr!“ krächzte er und fiel Elfriede vor die Füße. Blitzschnell hob das Mädchen ihr Zauberfläschchen auf und nahm den Stöpsel ab. Rauch quoll aus dem Fläschchen, es wurde immer mehr, bis schließlich nichts mehr vom Wald zu sehen war. Der Boden schien sich zu drehen, während unsere Freunde das Gefühl hatten, sie würden mit einem Fahrstuhl ganz schnell nach oben fahren. So ging es eine Zeitlang, bis sich der Rauch langsam auflöste und der Boden unter ihren Füßen wieder fest war.

 


 

 

 

10. Kapitel

 

 Australien

 

 

„Wo sind wir bloß?“ wunderte sich Bernie und kniff die Augen zusammen.

 

„Ist das hell hier“, jammerte Rosie. „Ich brauche ein Sonnenbrille!“

 

„Das kommt nur, weil du eben noch im dunklen Wald warst“, lachte Jennie. „Deine Augen müssen sich erst an das helle Licht gewöhnen.“

 

Nun sahen sie sich genauer um. Die Gegend sah interessant aus. Der Sand, auf dem sie standen, war mit einem rötlichen Pulver bedeckt. Überall waren grüne Sträucher zu sehen, doch alle Augen waren auf das, was vor ihnen lag, gerichtet. Ein großes, rötlich schimmerndes Felsmassiv war zu sehen. In der

 

Mitte war ein riesiges Loch. So etwas hatte noch keiner von unseren Freunden gesehen. Der gesamte Felsen war so groß wie der Marktplatz von Aubachtal. Minutenlang schwiegen alle, bis Dr. Einstein mit den Flügeln zu flattern begann und aufgeregt krächzte: „zu Hause-zu Hause!“

 

„Das heißt nach Hause!“ verbesserte Berta.

 

„Zu-Hause, Berta-allerliebste, zu-Hause!“

Das Felsgebirge

Berta wollte gerade einen ihrer gefürchteten Vorträge halten, aber Daisy kam ihr zuvor.

 

„Er hat recht! Wir müssen in Australien sein.“

 

„Ich habe aber keine Lust, auf dem Kopf zu stehen!“

 

Alle sahen Rosie an.

 

„Wie bitte?“ fragte Berta erstaunt.

 

„Na, weil Australien doch auf der Unterseite vom Globus liegt, jedenfalls in unserem Klassenzimmer. Wenn man von uns aus zu Fuß nach Australien geht, dann läuft man mit dem Kopf nach unten, wenn man ankommt! Wenn ich also wieder richtig rum sein will, muss ich einen Kopfstand machen.“

 

„Mensch, bist du blöd“, schimpfte Berta. „Das kann doch gar nicht stimmen, weil du doch schon längst heruntergefallen bist, bevor du in Australien ankommst.“

 

„Wieso, bitte schön, bin ich denn noch nicht heruntergefallen, liebste Berta?“

 

„Ähem, das könnte daran liegen, meine liebe Rosie, dass der Boden hier besonders klebrig ist. So klebrig wie deine Finger, wenn du Schokolade isst. An deinen Fingern bleibt dann auch alles kleben.“

 

 

 

Rosie hüpfte auf und ab.

 

„Und wieso, liebste Berta, kann ich hüpfen? Eigentlich müsste ich doch in den Himmel fallen.“

 

„Da sieht man wieder, dass du überhaupt keine Ahnung hast. Das liegt nämlich an der Gravierung!“

 

„Gravierung, was ist denn das?“

 

„Gravierung, allerliebste Rosie, ist, äh, also jedenfalls hält die alles zusammen!“

 

„Gravitation“, mischte sich lachend Bernie ein. „Das heißt Gravitation und das wiederum ist die Erdanziehungskraft. Wenn ich zum Beispiel einen Kaugummi auf den Boden spucke...“

 

„Untersteh dich!“ fauchte Berta. „So etwas gehört in den Abfall!“

 

„...wenn ich also einen Kaugummi in den Abfall spucke, dann fällt er nach unten. Die Erde zieht ihn an. Deshalb ist es egal, ob wir am Nord- oder am Südpol sind. Überall ist Schwerkraft.“

 

Elfriede sah zum großen Felsmassiv hin.

 

„Da dieser Punkt nun geklärt ist, sollten wir herausfinden, wo die nächste Stadt ist. Wir brauchen etwas zu Essen und zu Trinken. Vom Felsen aus haben wir bestimmt einen guten Überblick, also sollten wir da mal hinaufklettern.“

 

 

 

Der Weg dorthin war weiter, als es zunächst ausgesehen hatte. Die Sonne brannte vom Himmel und die Schritte wurden immer kürzer. Ans Ausruhen aber war nicht zu denken, denn alle wollten schnell aus der prallen Sonne herauskommen. Nach Stunden hatten sie es geschafft und sie legten sich in den Schatten des Felsengebirges. Es war riesig und so richtig traute sich keiner, da hoch zu klettern. Schließlich wurde Dr. Einstein losgeschickt. Schon nach wenigen Minuten kam er wieder.

 

„Nichts, es-gibt-nur-Wüste, keine-Stadt!“

 

Enttäuscht trat Bernie gegen die Felswand.

 

„Wir sind verloren. Wo sollen wir den Stöpsel wiederfinden?“

 

Keiner antwortete, denn Bernie hatte recht. Nur wenn sie den Stöpsel wiederfinden würden, könnte das Zauberfläschchen sie wieder zurückbringen. Die Sonne versank langsam am Horizont und tauchte alles in rotes Licht. Es wurde zunehmend kühler und Jennie begann, Holz zu suchen.

 

„Los, bewegt euch, wir müssen ein Feuer machen!“

 

„Wieso, bitte sehr, graben wir uns nicht einfach in den warmen Sand ein?“ fragte Berta schnippisch.

 

„Kannst du ja ruhig machen, aber ich bezweifele, dass du da sicher vor den wilden Tieren bist!“

 

Im Nu war Berta aufgestanden und beteiligte sich an der Suche. Als die Sonne untergegangen war, loderte ein Feuer und unsere Freunde saßen im Kreis herum. In der Ferne war ein Heulen zu hören, das ihnen die Haare zu Berge stehen ließ.

 

„Dingos“, erklärte Bernie. „Die sind hier nachts auf Jagd.”

 

 

 

Alle rückten nun dichter zusammen, doch es dauerte lange, bis sie eingeschlafen waren. Rosie wachte als erste auf, denn ihr Magen erinnerte sie daran, dass es Zeit zum Frühstücken wurde. Die Sonne war bereits aufgegangen und vertrieb die Kälte der Nacht.

 

„Hat jemand was zu Essen mit? Ich verhungere gleich.”

 

„Das liegt im Bollerwagen im Zauberwald“, gähnte Elfriede und richtete sich auf. „Wir müssen uns etwas suchen.“

 

„Hier gibt es aber nur ein paar Sträucher“, jammerte Rosi weiter.

 

Nun waren alle wach. Es wurden zwei Gruppen gebildet. Eine Gruppe ging links- und die andere Gruppe rechtsherum um das Felsengebirge. Nach einer Stunde jedoch hatten sich die beiden Gruppen wiedergetroffen, doch keiner hatte Wasser oder etwas Essbares entdeckt. Die Stimmung war gedrückt und die Lage war sehr ernst. Ohne Essen und Trinken war es nur ein Frage der Zeit, wann sie ein Futter für die Dingos sein würden.

 

 

 

„Sagt mal, gibt es hier auch Geier?“ Bernie deutete auf den Himmel.

 

Etwas Großes, Schwarzes bewegte sich auf sie zu. Dr. Einstein flatterte aufgeregt mit den Flügeln und schrie:

 

„Deckung-Deckung!“

 

„Für einen Geier ist es zu schnell“, sagte Bernie. „Es könnte ein Flugzeug sein!“

 

Inzwischen war ein Brummen und Kreischen zu hören. Es wurde immer lauter, so laut, dass alle sich die Ohren zuhielten. Schnell versteckten sie sich hinter einem Felsvorsprung. Dann vibrierte der Boden, eine hohe Fontäne aus Sand stieg in den Himmel und alles war still.

 

 

 

„Oh, shit!“

 

Neugierig kamen die Freunde hinter dem Felsvorsprung hervor und sahen einen Mann in einer merkwürdigen Rakete sitzen. Er schlug immer wieder mit der Faust auf die Rakete und rief:

 

„Oh, shit, shit, shit!“

 

„Kann der nicht vernünftig sprechen?“ tadelte Berta.

 

„Ich glaube“, sagte Daisy, „die sprechen hier alle so.“

 

Der Mann hatte nun gemerkt, dass er beobachtet wurde. Er stieg aus und ging humpelnd auf das Felsmassiv zu. Er hatte eine merkwürdige Mütze auf dem Kopf und trug einen schmutzigen grauen Kittel. Er lächelte nun wieder und zeigte auf die Kinder.

 

 

 

„Hey kids, what are you doing here?“

 

Daisy räusperte sich.

 

„Ich glaube, er will wissen, was wir hier tun.“

 

„Hey kids, please talk to me!“

 

„Wir sollen mit ihm sprechen. Na gut, ich versuche es mal.“

 

Daisy zeigte auf sich und dann auf ihre Freunde und sprach:

 

„We are from Germany.“

 

„Oh, ihr seid aus Germany? Great - großartig, mein brother, äh, Bruder lebt dort!“

 

Nun konnte sich Berta nicht mehr zurückhalten.

 

„Sie sehen total dreckig aus, Sie sollten sich mal waschen, Mister!“

 

„Oh, great, a talking pig - ich meine, toll, ein sprechendes Schwein.“

 

Er ging langsam auf Berta zu.

 

„How do you do?“

 

Wütend sah ihn Berta an und hob die Fäuste.

 

„Ich hau zurück, Mister, wagen Sie das bloß nicht!“

 

„Aber Berta“, mischte sich Daisy ein, „das hieß doch bloß: wie geht es dir?“

 

„Er will sich wirklich nicht kloppen? Aber er hat doch etwas von hauen gesagt!“

 

Nun lachten alle gemeinsam und der Mann mit dem schmutzigen grauen Kittel stellte sich erst einmal vor.

 

„Mein Name ist Hurry, Professor Dr. Hurry. Ihr könnt mich ruhig Profdok nennen!“

 

 

 

Elfriede sah den Professor Dr. an und überlegte.

 

„Sag mal, Daisy, hurry heißt doch soviel wie: beeilen?“

 

„Ja, stimmt genau – beeilen, hasten, schnell machen - so heißt das.“

 

„Fällt euch nichts auf? Er hat einen Bruder in Deutschland. Ich glaube, ich weiß wer das ist: Professor Hastig!“

 

„Yes, he is my brother - das ist mein Bruder! Kennt ihr ihn?“

 

„Sehr gut sogar“, lachte Bernie. „Basteln sie auch soviel?“

 

„Tag und Nacht, mein Lieber“, lachte Professor Dr. Hurry. „Ich kann euch ja mein Labor zeigen, doch erst einmal muss ich diese verdammte Maschine wieder reparieren.“

 

Während unsere Freunde geduldig warteten, durchsuchte Rosie die gesamte Umgebung noch einmal nach etwas Essbarem - leider ohne Erfolg. Nachdem die Maschine repariert war, hieß es einsteigen.

 

„Kann die Maschine uns denn tragen, Profdok?“ Bernie konnte sich die Frage nicht verkneifen.

 

„No idea - keine Ahnung, aber du wirst es gleich miterleben.“

 

 

 

Alle quetschten sie sich nun in die viel zu kleine Maschine. Rosie wollte sich auf den Beifahrersitz setzen, doch der Profdok sagte: „Sorry, aber wenn du das Schwein bist, von dem mein Bruder geschrieben hat, dann bleibst du besser hinten. Während Berta lauthals lachte, kletterte Rosie schmollend in den hinteren Teil der Maschine.

 

„Wir möchten schließlich heil ankommen, you know - weißt du?“

 

Dann ließ er die Turbinen anlaufen. Bernie, der neben ihm saß, schaute genau zu.

 

„Wieso sind Sie überhaupt notgelandet, Profdok?“

 

„Well - also, ich glaube, die linke Steuerdüse war abgegangen. Als ich gestern die Maschine gebaut hatte, fehlte mir noch eine Schraube. Darum habe ich die letzte Düse mit einem Kaugummi festgeklebt.

 

„Ich will aussteigen...“

 

„No, Berta, it´s too late - es ist zu spät. Die Maschine hebt gleich ab - oder auch nicht...“

 

 

 

Der Profdok lachte laut über seinen Scherz. Berta schloss die Augen und hielt sich krampfhaft an Rosie fest. Tatsächlich gewann das Fluggerät langsam an Höhe, doch der Boden war immer noch bedrohlich nahe. Schlingernd schoss es über den Wüstensand aber es stürzte nicht ab. Bald erschien ein Punkt am Horizont und wurde langsam größer.

 

„Adelaide“, erklärte der Profdok. „Dort wohne ich.“

 

„Sie wohnen bei Adelheid?“ fragte Rosie erstaunt. „Sind Sie verheiratet?“

 

Professor Dr. Hurry lachte.

 

„Adelaide ist eine Stadt in der Mitte von Australien, my dear pig - mein liebes Schwein. Dort werden wir gleich landen. Haltet euch schon einmal fest, gleich werden wir durchgeschüttelt!“

 

Langsam senkte sich der Bug der Maschine und sie flogen auf eine große Wiese zu. Auf der Wiese befanden sich Kühe und Pferde. Als die Maschine kreischend und knirschend den Boden

 

berührte, flohen alle Tiere in einen nahen Stall. Gras, Steine und Erde flog durch die Luft und das Fluggerät kam langsam zum Stillstand.

 

 

 

„Das ist meine Ranch“, erklärte der Profdok. „Meine Tiere habt ihr ja schon kurz gesehen. Bitte alles aussteigen.“

 

Die Freunde sahen einander an. Alle waren mit Grasresten und Erde bedeckt und sahen recht schmutzig aus.

 

„Herr Profdok, ich möchte protestieren. Als ich in ihr Flugzeug einstieg, war ich sauber!“

 

„Right - richtig, Berta. Wo ist das Problem? Wasser gibt's im Stall bei den Tieren!“

 

 

 

„B-bei den T-tieren?“ Berta sah Professor Hurry wütend an. „Soll das heißen, ich soll mich im Stall waschen?“

 

„Im allgemeinen machen die Schweine das bei uns so - falls sie es tun.“

 

Wütend ging Berta in Richtung Scheune, während ihre Freunde ins Haus geführt wurden. Als Berta nachgekommen war, gab es erstmal etwas zu Essen und zu Trinken.

 


 

 

 

11. Kapitel

 

 Die Aborigines

 

 

„Wie seid ihr überhaupt in die Wüste gekommen?“ fragte Professor Hurry während er sich einen Maiskolben in den Mund schob.

 

„Mit einem Zauberfläschchen,“ grinste Elfriede.

 

„I understand - ich verstehe, mein Bruder hat mir davon geschrieben. Wisst ihr denn auch, wie ihr wieder nach Hause kommt?“

 

„Nein, wir haben ja noch Probleme mit den Hexen im Zauberwald.“

 

“What - wie bitte? Hexen, Zauberwald? Bei euch gibt es auch Hexen? Die Aborigines - die Eingeborenen hier erzählen oft von schwarzen Gestalten, die auf einem Besen durch die Nacht reiten.“

 

„Wo wohnen denn diese Auberginen“ fragte Rosie neugierig.

Moderne Hexe

„Aborigines, dear pig – liebes Schwein, leben im Busch. Das heißt, sie leben in Hütten. Draussen in den Outbacks.“

 

Nun war Elfriede hellhörig geworden.

 

„Können wir die mal besuchen, Profdok?“

 

„Wir müssen mit meinem Jeep dorthin fahren, aber das wird wohl erst einmal nichts. Ich habe mir die Hand bei der Notlandung verstaucht. Vielleicht geht es in ein paar Tagen.“

 

„Dann könnte es zu spät sein.“

 

 

 

„Ich könnte fahren, bitte, bitte, lasst mich fahren!“ Rosie war vom Stuhl aufgesprungen.

 

„Why not - warum nicht, dann lasst uns losfahren.“

 

Der Professor überlegte einen Moment und ging in sein Labor. Nach wenigen Minuten kam er mit ein paar Metallbändern in der Hand wieder.

 

„Take this – nehmt das. Es ist meine neueste Erfindung. Wenn ihr diese Armbänder tragt, könnt ihr euch mit den Eingeborenen verständigen. Es ist ein Übersetzer.”

 

Nachdem alle die Armbänder angelegt hatten, erhoben sich unsere Freunde und stürmten nach draußen auf den Hof. Dort stand ein grüner Jeep und Rosie begutachtete ihn von allen Seiten. Dann stieg sie auf den Fahrersitz und ließ sich von Professor Hurry die Bedienung erklären. Neugierig kamen die Tiere, die auf der Ranch lebten herbei und sahen zu.

 

„Uih, Allradantrieb mit Einzelradaufhängung und Servolenkung!“ Rosie war begeistert. Nachdem alle eingestiegen waren, ging es los. Die Strecke war sehr holperig, doch der Wagen war gut gefedert. Es war ein Vergnügen, bei diesem warmen Wetter mit einem offenen Jeep zu fahren. Rosie gab Gas.

 

 

 

Sie schossen regelrecht über den Sand und so manches Mal hob der Wagen ein Stückchen ab, wenn sie über eine Bodenwelle fuhren. Hin und wieder sahen sie neugierige Kängurus vorbeihoppeln. Plötzlich schrie Rosie laut auf und riss das Steuerrad herum; mitten auf der Straße lag eine riesige Schlange. Der Wagen brach aus und kam vom Weg ab. Schlingernd ging es in rasender Fahrt auf einen Baum zu und unsere Freunde kreischten um die Wette. Im letzten Moment riss Rosie den Jeep herum, er drehte sich einmal um die eigene Achse und knallte mit dem Hinterteil gegen den Baum. Es raschelte und knackte im Baum und ein merkwürdiger Laut war zu hören. Es klang wie Uuuugs und kurz darauf schrie Berta in den höchsten Tönen. Ein Tier war auf ihren Schoß gefallen, es hatte ein Blatt im Mund und sah unsere Freunde verstört an.

 

 

 

„Oh, ein Eukalyptusfresser“, lachte Professor Hurry. „Das ist ein Koalabär. Rosie, du hast einen Eukalyptusbaum getroffen!“

 

„Kommen da die Hustenbonbons her?“ fragte sie erstaunt.

 

„Nicht direkt, aber jetzt schmeißt den Koala raus, damit wir weiterkönnen!“

 

„Ohhh“, sagte Bernie enttäuscht, „können wir den nicht mitnehmen?“

 

„No - nein, du müsstest schon den Baum mitnehmen, sonst verhungert er.“

 

Nachdem das Tier wieder auf seinen heimischen Baum geklettert war, ging es weiter.

 

„Diese snake - diese Schlange“, begann Professor Hurry, „war eine gefährliche Python.“

 

„ich will nach Hause,“ stöhnte Berta, doch die wilde Fahrt ging weiter.

 

Allmählich wurde die Landschaft grüner, denn sie erreichten eine Gegend, in der viele Büsche und Bäume wuchsen.

 

 

 

„Wo sind denn nun die Auberginen?“

 

„Be patient - sei geduldig, Rosie. Ich bin sicher, dass sie uns beobachten.“

 

Rosie und ihre Freunde sahen sich nach allen Seiten um.

 

„You cannot see them - ihr könnt sie nicht sehen, sie haben sich gut versteckt.“

 

Rosie, die sich ebenfalls nach allen Seiten umguckte, verriss dabei das Lenkrad, der Wagen schlingerte und fuhr in ein großes Gebüsch.

 

Als der Jeep stand, stiegen die Freunde aus und betrachteten die Gegend, als merkwürdige Gestalten stöhnend aus dem Gebüsch hervorgekrabbelt kamen. Sie waren etwas größer als die Kinder, hatten eine dunkle Hautfarbe und trugen einen Lendenschurz.

 

„Woher wusstet ihr, dass wir uns im Gebüsch versteckt hatten?“ stöhnte der größte von ihnen. Der Profdok ging lachend auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. Offensichtlich kannten die beiden einander.

 

 

 

„Hi, Pooku, das sind Freunde aus Germany, sie sind auf Hexenjagd! Erzähl ihnen doch einmal, was ihr gesehen habt.“

 

Pooku legte seine Lanze beiseite und trat auf die Kinder zu. Nachdem er sich kurz vor ihnen verneigt hatte, begann er mit tiefer Stimme zu erzählen. Gespannt lauschten alle, wie Pooku von sternklaren Nächten berichtete, an denen er und sein Stamm den Mond betrachtet hatten.

 

 

 

„Als vor Tagen der Mond so gross wie die Sonne war, kamen sie. Es waren etwa 20 dunkle Gestalten, die auf einer Lanze durch die Nacht ritten. Wir beobachteten sie, doch wir kamen ihnen nicht zu nahe. Einmal zeigte eine von ihnen mit einem Stab auf ein Känguru. Das Känguru war danach verschwunden und wir fanden ein Tier, das wir noch nie gesehen haben.“

 

 

 

Pooku wies die Freunde an, ihm zu folgen. Er führte sie durch viele dichte Gebüsche hin zu einem kleinen Dorf, das aus mehreren Hütten bestand. Vor einer dieser Hütten stand eine Holzkiste. Er öffnete die Holzkiste und Jennie sah als erste hinein.

 

„Eine Kröte!“ rief sie entsetzt. „Die miesen Hexen haben das arme Känguru in eine hässliche Kröte verwandelt! Trotzdem, Herr Pooku, die Kröte braucht Wasser, sonst geht sie ein.“

 

 

 

Der Häuptling nickte und gab die Kiste einem seiner Stammeskollegen. Der ging mit der Kiste zu einer nahe gelegenen Wasserstelle.

 

„Wir haben das Orakel unserer Vorfahren befragt“, fuhr Pooku fort. „Es sagte uns, dass die schwarzen Wesen eine Verbindung durch die große Kugel machen wollen.“

 

Rosie räusperte sich.

 

„Wieso sagte der Onkel was von einer Kugel?“

 

„Orakel heißt das. Es kann in die Vergangenheit und in die Zukunft schauen.....“

 

„...und die große Kugel könnte die Erde sein!“ unterbrach Bernie den Häuptling.

 

„Stimmt“, warf Elfriede ein. „Jetzt ergibt das alles einen Sinn. Sie wollen eine Verbindung von hier bis zum Zauberwald schaffen, deshalb muss der Zauberwald weg!“

 

„Wozu soll das gut sein?“

 

„Ganz klar, Rosie, sie wollen die Herrschaft über die Welt übernehmen!“

 

Nun waren alle wie vor den Kopf gestoßen und keiner sagte etwas. Lähmendes Entsetzten machte sich breit und sie sahen einander ratlos an.

 

„Wir müssen das verhindern!“ Elfriede wirkte entschlossen und auch ihre Freunde fassten wieder Mut.

 

„Zunächst sollten wir herausfinden, wo das andere Loch ist. Es muss sich hier irgendwo befinden“, schlug Bernie vor.

 

„Dr. Einstein-fliegt!“ krächzte der Wellensittich laut, breitete die Flügel aus und flog über das Gebüsch hinweg auf die Wüste zu.

 

 

 

Pooku sprang vor Schreck ein paar Schritte zurück und Professor Hurry lachte.

 

„Einstein, well - gut, das war doch ein berühmter Wissen-schaftler bei euch, oder?“

 

„Ja“, genau und weil der Vogel so schlau ist, haben wir ihn so genannt,“ erklärte Elfriede stolz.

 

Während Dr. Einstein auf Erkundungsflug war, zeigte Pooku den Kinder das Dorf. Sie sahen, in welch einfachen Verhältnissen diese Naturmenschen lebten, doch sie waren sehr glücklich.

 

„Kein Fernsehen, kein Strom und kein Telefon?“ fragte Daisy erstaunt. Pooku antwortete, dass es viel interessanter sei, mit der Natur im Einklang zu leben.

 

„Kein Fernseher kann uns die wirkliche Schönheit dieser Welt zeigen“, erklärte er. „Es gibt keine Diebe und keine Gewalt bei uns.“

 

Schweigend sahen unsere Freunde, wie ein kleines Kind lachend um die Ecke gelaufen kam. Hinter ihm lief ein merkwürdiges Tier.

 

„Oh, es gibt hier Enten?“

 

„No, Rosie, das ist ein Schnabeltier“, lachte Professor Hurry. „Es ist ein Säugetier, obwohl es Eier legt.“

 

 

 

Plötzlich war ein Rascheln über ihren Köpfen zu hören und unsere Freunde sahen erstaunt nach oben. Etwas fiel durch die Zweige des Eukalyptusbaums und landete vor ihren Füßen.

 

„Dr. Einstein! Oh je, wie siehst du denn aus?“

 

Elfriede nahm den völlig verschmutzen Vogel in die Hand, während Jennie etwas Wasser besorgte.

 

„Kann-nicht-mehr, viel-zu-heiß...“ Der erschöpfte Wellensittich schloss die Augen und atmete schwer.

 

„Die Hitze hat ihn fertig gemacht“, bemerkte Jennie, als sie ihn mit Wasser beträufelte. „Gleich geht es ihm wieder besser.“

 

Es dauerte tatsächlich nur ein paar Minuten und der Vogel begann zu erzählen:

 

„Viele-Hexen, viele-Felsen, lange Schatten!“

 

„Dass es viele Hexen sind wissen wir, Felsen gibt es auch überall, aber was ist mit den langen Schatten?“ Bernie zuckte mit den Schultern und sah Pooku fragend an.

 

„Lange Schatten bedeutet hohe Felsen. Die längsten Schatten gibt es in der Teufelsschlucht.“

 

 

 

„Der Name passt gut zu den Hexen“, sagte Bernie, „aber wie kommen wir da hin?“

 

„Niemand geht freiwillig in die Teufelsschlucht“, sagte Pooku. „Es ist ein Ort der Verdammten. Es soll dort böse Geister geben.“

 

„Vor allem gibt es dort reichlich Schlangen“, fügte Professor Hurry hinzu. „Wir sollten auch genug Wasser mitnehmen. Wir fahren am besten zurück zu meiner Ranch. Dort werden wir etwas schlafen und heute Nacht losfahren. Bei dieser Hitze werden wir in der Teufelsschlucht gegrillt.“

 

„Warum bleibt ihr nicht bei uns, Hurry? Ihr würdet den ganzen Weg zur deinem Haus sparen.“

 

Professor Hurry sah die Kinder fragend an. Elfriede nickte und er fuhr fort: „Okay, Pooku, dann zeige uns mal euer Gästezimmer.“

 

 

 

Wenige Minuten später war Berta empört.

 

„Ich soll auf dem Boden schlafen? Auf einem schmutzigen Boden, wo mich Würmer und Käfer anknabbern? Ich will sofort zur Ranch zurück, ich bleibe keine Minute länger hier!“

 

„Weißt du eigentlich, my dear pig - mein liebes Schwein, dass die meisten Menschen auf dieser Welt immer auf dem nackten Boden schlafen? Es ist viel gesünder, als auf einer weichen Matratze. Okay, vielleicht nicht so gemütlich, aber wir sind im Busch und werden uns anpassen.“

 

„Aber Herr Profdok, es ist sehr schmutzig hier, das mag ich nicht.“

 

„Schmutz? Ich sehe keinen Schmutz, Berta, ich sehe Natur. Die Natur ist nicht schmutzig, nur was manche Menschen daraus machen ist Schmutz. Siehst du hier leere Dosen oder Papier herumliegen?“

 

 

 

Berta blickte betroffen zu Boden.

 

„Sie haben Recht, Herr Profdok, so habe ich das noch nicht betrachtet.“

 

„Wann gibt es Essen?“ meldete sich Rosie.

 

„Wie kannst du in dieser schönen Natur ans Essen denken?“

 

„Weil, allerliebste Berta, mein Bauch davon nicht satt wird.“

 

Nachdem Rosie das gesagt hatte, wurde sie von einem kleinen Mädchen angestoßen. Die Kleine hielt Rosie ein Stück Brot hin.

 

„Maisbrot“, erklärte Professor Hurry. „Very good - sehr gut!“

 

Rosie ließ sich nicht zweimal bitten und griff zu.

 

 

 

„Köstlich, wie heißt du?“

 

„Pajima! Möchtest du mit mir spielen?“

 

„Gleich, erst einmal muss ich futtern, sonst falle ich beim Spielen um.“

 

Während alle mit dem Essen beschäftigt waren, blickte Berta auf und sah einen Vogel, den sie noch nie gesehen hatte.

 

„He, was bist du denn für ein komischer Vogel?” rief sie.

 

Der Vogel äugte zu ihr herab und gab ein lautes Lachen von sich.

 

Berta stand auf: „Suchst du Streit?”

 

Der Vogel lachte wieder, diesmal etwas lauter.

 

Berta wurde wütend und versuchte den Baum hinaufzuklettern, doch Pajima zog sie zurück.

 

„Das ist ein Kookaburra, der klingt immer so!”

 

„Das ist aber ein komischer Name,” warf Rosie ein, „also ich möchte nicht Kokosberger heißen.”

 

„Da sieht man wieder, dass du überhaupt keine Ahnung hast, liebste Rosie, Kokosberger, so ein Quatsch. Das Viech heißt Kugelberger!”

 

Jennie war vor Lachen das Maisbrot heruntergefallen.

 

„Mensch, das ist doch ein Kookaburra, bei uns nennt so etwas den lachenden Hans, schon mal davon gehört?”

 

Rosie schüttelte den Kopf und Berta murmelte, dass sie das wohl erst in der nächsten Klasse kriegen würden.

 

 

 

Nachdem auch die anderen gegessen hatten, sah Berta die Kinder des Dorfes nachdenklich an. Sie hatten nicht all die Spielzeuge, die sonst jedes Kind besitzt. Manche hatten nur ein selbstgenähtes Känguru oder einen Koalabären aus Stoff. Ein paar Kinder spielten mit einem Ball, der aus Pflanzenfasern gemacht worden war.

 

„Es geht uns viel zu gut, deshalb sind wir oft unzufrieden,“ murmelte sie vor sich hin.

 

„Wie meinst du das?“ fragte Daisy, die neben ihr saß.

 

„Überleg mal, zu Hause kriegen wir alles. Wir haben soviel Spielzeug, dass unser Zimmer überquillt und trotzdem langweilen wir uns. Schau dir diese Kinder an, sie haben nichts und sind trotzdem glücklich.“

 

„Vielleicht sind sie gerade deswegen glücklich...“

 

„Genau, wir sind übersättigt, wir haben alles. Es gibt nichts mehr, was wir uns wünschen können, genau das ist unser Problem.“

 

Daisy dachte lange über Bertas Worte nach.

 

„Weißt du was? Wenn wir wieder zu Hause sind, werde ich all die Spielsachen, mit denen ich sowieso nicht spiele, in einen Karton packen. Dann habe ich nur noch 3 oder 4 Sachen und habe viel mehr Spaß.“

 

„Ich mache mit“, meldete sich nun Elfriede. „Pupsi behalte ich natürlich, mein Puppenhaus und ein paar Stofftiere auch. Dann bitte ich meinen Papi, die anderen Sachen in den Keller oder auf den Dachboden zu bringen - der wird sich freuen! Wenn ich Lust habe, kann ich immer wieder die anderen Sachen besuchen.“

 

„Stell dir mal vor, wie viel Platz wir dann wieder haben,“ rief Susi begeistert, „das blöde Aufräumen dauert nur noch 5 Minuten!“

 

„Ich mach' auch mit“, meinte Bernie, „aber meine Autos behalte ich. Die ganzen ollen Stofftiere ziehen um. Dann baue ich mir eine Autobahn durch das ganze Zimmer.“

 


 

 

 

12. Kapitel

 

 Die Teufelsschlucht

 

 

 

 

 

Die Sonne ging gerade unter und der ganze Himmel war in ein leuchtendes Rot getaucht. Unsere Freunde waren nach einer kurzen Schlafpause gerade wieder aufgestanden und blickten gebannt auf den Himmel. Im Hintergrund waren spielende Kängurus zu sehen und alles wirkte friedlich und harmonisch.

 

„Genau der richtige Tag um die Welt zu retten,“ stellte Elfriede fest.

 

Professor Hurry hatte gerade mit Pooku gesprochen und kam nun auf die Freunde zu.

 

„Good news my friends - gute Neuigkeiten, meine Freunde, wir brauchen nicht zu Fuß zu gehen.“

 

„Natürlich nicht, wir nehmen den Jeep,“ warf Rosie ein.

 

„Nonsense - Unsinn! Die Hexen würden uns meilenweit hören. Pooku hat eine Idee und zwar nehmen wir Kängurus. Sie sind zahm und kriegen oft Futter von ihm und seinen Stammesleuten. Pajima kennt die Kängurusprache und hat den Tieren erklärt, worum es geht. Sie sind einverstanden und werden uns hin- und zurücktragen.“

 

Nun kam auch Pajima, gefolgt von 9 Kängurus.

 

„Nur neun Tiere“, fragte Bernie erstaunt, „will Pajima nicht mit uns kommen? Sie kann sich doch mit den Kängurus verständigen.“

 

„Pajima will auch mitkommen, wenn ihr nichts dagegen habt“, erklärte Professor Hurry. „Doch ich bleibe hier. Mit meiner verletzten Hand werde ich euch nicht helfen können. Das einzige, was ich machen kann, ist, euch ein Funkgerät mitzugeben und am Empfangsgerät zu bleiben. Wenn ihr Hilfe braucht, werde ich tun, was ich kann.“

 

Unsere Freunde waren einverstanden und stiegen in die Bauchtaschen der Kängurus ein. Zuerst hüpften die Tiere einige Male im Dorf herum, damit die Kinder sich an sie gewöhnen konnten.

 

„Berta, wie geht es dir?“ rief Elfriede.

 

„Wie gut, dass es hier keine Sahnetorte mit Schlagsahne zum Nachtisch gab, sonst müssten wir jetzt das arme Känguru sauber machen...“

 

Alle lachten und Pajima setzte sich mit Elfriede an die Spitze und der Ritt in die Abendsonne begann. Wer schon einmal auf einem Pferd geritten ist, kennt dieses Auf und Ab beim Reiten, doch bei einem Känguru ist es noch viel stärker, denn diese Tiere springen recht hoch und weit. Das ist auch die beste Methode, durch den tiefen Sand zu kommen. Die Sonne war inzwischen am Horizont verschwunden und die ersten Sterne wurden sichtbar. Nachdem sie eine Zeitlang in nördlicher Richtung geritten, oder besser gesagt, gehüpft waren, machten sie eine Rast.

 

„Uih, seht mal, so viele Sterne habe ich noch nie gesehen!“

 

„Genau vor uns ist das Sternbild der Waage, Rosie“, erklärte Pajima. „Die ganz hellen Sterne darüber gehören zum Bild des Skorpions. Es sieht so aus, als wollten sie uns den Weg zeigen.“

 

„Ich glaube, diese Sternbilder kann man bei uns nicht sehen,“ meinte Bernie.

 

„Wie weit mag es noch sein?“ wollte Berta wissen. „Mir ist im Moment gar nicht so gut.“

 

„Noch eine Stunde in nördlicher Richtung, dann sind wir da.“

 

Stöhnend stieg Berta wieder in den Beutel ihres Kängurus und der letzte Teil der Reise begann.

 

Nach einer Weile wurde der Weg steiniger und es ging auf eine Anhöhe zu. Nach und nach wurden im schwachen Schein der Sterne ein paar Felsen sichtbar, die links und rechts des Weges lagen.

 

„Pajima, wie sollen wir in der Dunkelheit den Weg finden?“ fragte Jennie.

 

„Keine Sorge, in ein paar Minuten wird der Mond aufgehen. Wir werden gleich die Kängurus zurücklassen und zu Fuß weiter gehen. Es ist zu steil für die Tiere und außerdem können wir mit ihnen im Mondlicht leichter gesehen werden.“

 

„Das bedeutet, wir müssen den Rest des Weges schleichen?“

 

Pajima nickte und ließ ihr Känguru anhalten. Sie stieg aus und sagte etwas zu dem Tier.

 

„Es soll mit den anderen hier auf uns warten, wir gehen nun in die Teufelsschlucht.“

 

Noch während sie das sagte, stieg vor ihnen am Horizont der Mond auf. Während alle damit beschäftigt waren, ihre Kleidung zu ordnen und die Schuhe für den Abstieg fester zu binden, starrte Rosie mit großen Augen auf den immer höher steigenden Mond.

 

„Der liegt ja auf dem Rücken!“

 

Bernie lachte und erklärte: „Wir sind auf der anderen Seite der Erde, von hier aus sieht es aus, als ob der Mond auf dem Rücken liegt.“

 

Rosie starrte noch immer fasziniert auf den Mond.

 

„Du solltest nicht so lange ins Helle gucken, sonst siehst du im Dunkeln nichts mehr.“

 

Pajima hängte ihre kleine Tasche über die Schulter und der Abstieg begann. Vorsichtig setzten unsere Freunde einen Fuß vor den anderen. Das Eingeborenenmädchen ging vorweg, denn schließlich kannte sie sich in diesem Teil der Welt am besten aus. Hin und wieder gab sie Zeichen stehen zu bleiben und lauschte. Es lagen Geräusche in der Luft, die unsere Freunde noch nie gehört hatten.

 

„Halt, da vorne ist eine Schlange!“ Pajima blieb stehen und nahm einen Stock, der am Wegesrand lag.

 

„Ich kann keine Schlange sehen,“ meinte Elfriede und schloss zu Pajima auf.

 

„Meine Augen können hier besser sehen als euere. Außerdem kann ich die Schlange riechen.“

 

Elfriede sah sie erstaunt an. Welche Fähigkeiten manche Menschen doch besaßen! Es dauerte eine Weile, bis die Schlange scheinbar verschwunden war und sie weitergehen konnten. Immer wieder knackte es links und rechts in den Büschen am Wegrand. Allen lief ein kalter Schauer über den Rücken und dann....

 

„Seht!“ raunte Pajima und zeigte zum Himmel. Es sah zunächst wie ein großer, schwarzer Vogel aus und Dr. Einstein duckte sich vor Schreck. Nach einer Weile konnte man es erkennen: ein Hexe flog durch den Nachthimmel! Deutlich sahen alle, wie die Hexe in das Tal hinunterflog und verschwand.

 

„Es kann nicht mehr weit sein,“ flüsterte Elfriede. Plötzlich stellte sich ihnen etwas in den Weg.

 

„Ein Bär!“ kreischte Berta und Jennie hielt ihr schnell den Mund zu, bevor sie weiter schreien konnte.

 

„Ein Wombat“, erklärte Pajima. „Es ist nur ein Wombat. Er hat Hunger, aber er ist ein Pflanzenfresser und wird uns nichts tun.“

 

Erleichtert gingen unsere Freunde weiter, der Wombat schnüffelte und blieb am Wegrand stehen. Als Elfriede sich nach einiger Zeit umblickte, sah sie den Wombat immer noch. Er folgte ihnen wie ein Hund.

 

„Sag mal, sind die Wombats immer so anhänglich?“ fragte sie Pajima.

 

„Nein, sie sind eher scheu, es sei denn... hat jemand dem Tier etwas zu Fressen gegeben?“

 

Alle sahen einander an, nur Rosie war intensiv damit be-schäftigt, die Sterne zu beobachten.

 

„Sie hat ihm ein Stück Schokolade gegeben, ich hab`s genau gesehen!“

 

„Eine alte Petze bist du, Berta, damit du das mal weißt!“

 

„Na und, wenn du dich nicht traust!“

 

„Ich traue mich schon, meine liebe Berta, ich wollte es gerade sagen.“

 

„Wem wolltest du es sagen, allerliebste Rosie, den Sternen etwa?“

 

„Nun hört mal auf zu streiten“, stöhnte Pajima, während Elfriede grinste. „Es ist nur so: wenn man einen Wombat füttert, dann folgt er einem. Die Tiere sind sehr anhänglich.“

 

„Wombat-allerliebster!“

 

„Dr. Einstein, halt du dich da bitte raus“, kicherte Elfriede. „Es reicht schon, dass wir so ein Pelztier mit zu den Hexen schleppen müssen!“

 

„Wenn alle ihre Geschichte erzählt haben, können wir dann endlich wieder leise schleichen?“ fragte Pajima genervt.

 

Es ging weiter durch die dunkle, unheimliche Landschaft. Der Weg beschrieb eine leichte Kurve nach links und es zeigte sich, wie gut es war, dass Pajima mitgekommen war. Sie hatte keine Mühe, sich in dieser Umgebung zurechtzufinden. Plötzlich gab sie das Zeichen zum Anhalten; sie hob ihre linke Hand. Vor ihnen war der Weg zu Ende, ein mächtiger Abgrund versperrte ihnen den Weg.

 

Langsam krochen unsere Freunde an den Rand des Abgrunds und sie sahen, dass sie am Ziel waren: der Treffpunkt der Hexen! Riesige Feuer loderten dort unten, das hässliche Lachen der Hexen war deutlich zu hören. Die Kinder spürten, wie sich ihnen die Nackenhaare sträubten. Es waren weit mehr Hexen als sie angenommen hatten. Nun war aber auch genau zu sehen, was sich dort abspielte. Die Feuerstellen waren rundherum um ein Loch im Erdboden angeordnet. Die Hexen standen im Kreis um das Loch und hielten ihre Zauberstäbe in die Tiefe. Durch die vereinte Zauberkraft wurde das Loch tiefer und tiefer.

 

„Das wird der Tunnel zum Zauberwald!“ keuchte Elfriede entsetzt, „wenn der fertig ist, können wir nichts mehr machen.“

 

„Dann müssen wir schnell zuschlagen, aber wie?“ fragte Bernie. Elfriede wollte gerade etwas entgegnen, als sich die Ereignisse überschlugen. Rosie nieste plötzlich und alle schauten sie erschrocken an. Auch die Hexen hatten es gehört und ihr Gelächter verstummte mit einem Schlag. Der Wombat erschrak durch das Niesen so sehr, dass er den Halt verlor und den Abgrund hinunterstürzte. Er rollte auf die laut kreischenden Hexen zu und Elfriede sah ihre Chance gekommen.

 

„Wir könnten Verstärkung gebrauchen.“ Sie sah Pajima an. Das Eingeborenenmädchen stieß einen Pfiff aus und zog ein Stück Holz aus ihrem Gürtel.

 

„Die Kängurus boxen gerne und mein Boomerang leistet auch gute Dienste im Nahkampf!“

 

Elfriede nickte begeistert. „Bernie, lass mal ein paar Kracher los!“

 

Das ließ sich der Junge nicht zweimal sagen. Jennie gab ihm Feuer und der erste Feuerwerkskörper flog in den Abgrund.

 

Dann flog der nächste, dann noch einer und in das Explodieren der Knallkörper mischten sich entsetzte Schreie der Hexen. Nun kamen auch die Kängurus angelaufen.

 

„Zum Angriff!“ rief Elfriede und sprang den Abhang hinunter. Alle folgten ihr, wobei die Kängurus besonders geschickt den steilen Weg nach unten meisterten. Flink sprangen sie hin und her, bis sie bei den Hexen angekommen waren. Während Böller und Heuler neben ihr krachten und heulten, sah Elfriede, dass Pajima mit ihrem Boomerang schon mehrere Hexen getroffen hatte. Es war faszinierend zu sehen, wie das krumme Stück Holz durch die dunkle Nacht flog, eine Hexe traf und dann wieder zu dem Aboriginemädchen zurückkehrte. Zunächst waren die Hexen zurückgewichen, doch nun griffen sie wütend an. Eine packte Rosie und wollte sie in das tiefe Loch werfen, doch der Wombat ließ es nicht zu. Mit aller Kraft biss er der schwarz gekleideten Gestalt in die Wade. Eine andere versuchte, mit einem Knüppel Bernie zu erwischen, doch der sprang immer wieder schnell zur Seite. Den Kängurus schien es sogar Spaß zu machen. Eine Hexe nach der anderen flog durch die Luft, als sie versuchten, die Tiere anzugreifen.

 

„Dr. Einstein, versuch ihnen die Zauberstäbe wegzunehmen!“

 

„Einstein-ist-fertig-zum-Start!“

 

Die Hexen waren so sehr beschäftigt, dass sie nicht merkten, dass der kleine Wellensittich einen Zauberstab nach dem anderen stibitzte und sie in ein nahe gelegenes Gebüsch brachte. Als Elfriede sah, dass eine Hexe nach der anderen floh, wusste sie, dass der Kampf gewonnen war.

 

„Schnell, holt die Zauberstäbe hervor und werft sie alle ins Feuer,“ rief Elfriede. „Danach müssen wir machen, dass wir wegkommen!“

 

Ihre Freunde beeilten sich so schnell es ging und nach wenigen Minuten befanden sie sich auf dem Rückweg. Sie stiegen in die Kängurus und nun zeigte es sich, welch geschickte Kletterer diese Tiere waren. Mit letzter Kraft erreichten sie den Rand des Abgrunds.

 

Oben angekommen hielten sie an und sahen nun, was sich dort unten abspielte. Gewaltige Feuersäulen stiegen empor und

 

faulige Dämpfe erfüllten die Luft. Genau das hatte Elfriede erwartet. Alles Böse und Schlechte in den Zauberstäben verbrannte nun in den Flammen.

 

Pajima schnalzte laut mit der Zunge und mit großen Sätzen jagten die Kängurus zurück zum Dorf der Aborigines. Als sie ankamen, waren alle Dorfbewohner vor ihren Hütten versammelt. Jeder hatte das Spektakel aus der Ferne sehen können und unsere Freunde wurden mit lauten Jubelrufen empfangen. Professor Hurry sah völlig erschöpft aus, er hatte Höllenangst um die Kinder gehabt. Er umarmte immer wieder ein Kind nach dem anderen. Doch als er versehentlich ein Känguru umarmte und ihm einen Kuss gab, flog er ein paar Meter durch die Luft.

 

„Kängurus mögen keine Küsse,“ lachte Pajima und half ihm wieder auf die Beine.

 

Nun folgte eine Feier, wie es sie noch nie in dem Dorf der Aborigines gegeben hatte. Während die Aborigines ihre Tänze vorführten, nahm Pooku ein langes Stück Holz, hielt es an den Mund und ein langer, tiefer Ton war zu hören. Rosie sprang entsetzt auf und rannte gegen einen Eukalyptusbaum. Stöhnend stand sie auf: „Was ist denn das für ein entsetzlicher Ton?”

 

Der Profdok lachte und antwortete: „Das ist ein Didgeridoo, ein Instrument aus Bambus.”

 

Rosie rieb sich den Kopf.

 

„Wieso heißt das Dick und Doof?”

 

Nun konnte sich keiner mehr vor Lachen halten, also stand Pooku auf und erzählte die Geschichte dieses merkwürdigen Instruments: „Vor urlanger Zeit ging ein Ureinwohner durch das Land, um Holz für sein Feuer zu sammeln. Um das Holz zu transportieren hatte er sich einen Korb auf den Rücken gebunden und legte dort die Zweige und Äste hinein. Als er durch eine Schlucht kam, durch die der Wind blies, hörte er einen seltsamen dumpfen Ton: Wrrrrooooouuummm. Er war erschrocken und dachte ein Geist hätte sich in einen hohlen Ast verfangen. Um ihn zu befreien, blies er in den hohlen Ast. Dabei erklang dieser Ton wieder. Nun dachte er, der Geist spreche zu ihm und so spielte er weiter und weiter.”

 

So erfuhren unseren Freunde in dieser Nacht noch viele andere Geschichten. Es dauerte fast die ganze Nacht und erst, als die Sonne langsam wieder aufging, legten sich auch die letzten zum Schlafen nieder.

 

 

 

Am nächsten Tag wurde es Zeit, Abschied zu nehmen. Unsere Freunde beschlossen, zunächst wieder zurück zur Ranch des Professors zu fahren. Pajima schenkte Elfriede ihren Boomerang und fragte: „Wie werdet ihr denn nun wieder nach Hause kommen?“

 

Elfriede senkte nachdenklich den Kopf und erzählte ihrer neuen Freundin von dem Zauberfläschchen und dem fehlenden Stöpsel. Pajimas Augen blitzten kurz auf, sie griff in ihre Tasche und zog etwas hervor.

 

„Meinst du diesen Korken? Ich habe ihn bei dem Kampf mit den Hexen gefunden und dachte erst, er würde den Hexen gehören!“

 

Überglücklich nahm Elfriede den Stöpsel in Empfang und rannte zu ihren Freunden, um ihnen die gute Neuigkeit mitzuteilen.

 

„Sagt mal, wo steckt denn Dr. Einstein?“ Bernie und die anderen sahen sich um, doch der Vogel war nirgends zu sehen. Bernie stieg wieder aus dem Jeep, in den er schon eingestiegen war und rief so laut er konnte: „Einstein! Wo steckst du?“

 

„Ich glaube,“ meldete sich Pooku, „ich habe gesehen, dass er zur nahgelegenen Wasserstelle geflogen ist. Wahrscheinlich wollte er etwas trinken.“

 

Unsere Freunde liefen so schnell sie konnten durch das Dorf, hin zu dem kleinen Tümpel. Dort angekommen, sahen sie sich genau um. Schließlich fanden sie ihren Freund. Er saß mit mehreren Wellensittichen zusammen in einem hohen Baum und schnatterte aufgeregt.

 

„He, Dr. Einstein, es geht los. Wir warten auf dich!“

 

Sofort flog einer der Vögel auf die Kinder zu und setzte vor ihnen auf den Boden.

 

„Einstein-bleibt-hier. Einstein-hat-seine-Familie-gefunden.

 

Tschüß-und-bye-bye, allerliebste-Freunde!“

 

Etwas ratlos gingen unsere Freunde zurück durch das Dorf zum Jeep.

 

„Es ist wohl auch besser, wenn er hier bleibt,“ meinte Daisy. „Er hat seine Familie wiedergefunden.“

 

„...und ich kann mein Versprechen halten, denn ich habe meinem Papi gesagt, dass der Vogel nur eine Woche bei uns bleibt, “ fügte Elfriede hinzu.

 

Nachdem sie auf der Ranch noch etwas Maisbrot gegessen hatten, sagte Professor Hurry zum Abschied: „Good-bye - Auf Wiedersehen, meine Freunde. Grüßt bitte meinen Bruder in seinem komischen Leuchtturm. Sagt ihm, ich werde nächstes Jahr ganz bestimmt zu Besuch kommen. Dann sehen wir uns alle wieder....“

 

Die letzten Worte hörten unsere Freunde nur noch ganz leise, denn Elfriede hatte schon in freudiger Erwartung auf ihr Zuhause den Stöpsel auf das Zauberfläschchen gesteckt. Auf einmal war alles in einen dichten Nebel getaucht, die Welt schien sich zu drehen. Immer schneller und schneller. Nach und nach lichtete sich der Nebel, das Drehen hörte auf und sie waren wieder in ihrem geliebten Zauberwald.

 

„Wenn ihr mich fragt,“ meinte Rosie, „ich werde die nächsten drei Tage erst einmal durchschlafen.“

 

„Naja, jeder macht eben das, was er am besten kann...“

 

„Was, bitte schön, meinst du damit, meine liebe Berta?“

 

„Zufällig weiß ich, allerliebste Rosie, dass du eine Langschläferin bist!“

 

„Ach ja, und weißt du, liebe Berta, was ich weiß? Zum Beispiel weiß ich genau...“

 

„Aufhören, aufhören,“ lachte Jennie. „Man merkt doch gleich, dass wir wieder zu Hause sind.“

 

„Genau,“ fügte Bernie hinzu. „Wenn sich Schweine streiten, sind sie glücklich.“

 

„Seht doch einmal, überall wächst Knoblauch! Die Knollen sind wunderbar gewachsen. Wenn ihr mich fragt, hier traut sich so schnell keine Hexe mehr hin,“ lachte Elfriede.

 

Dann gingen alle gemeinsam auf dem kleinen Pfad zur Bushaltestelle. Heute waren sie die glücklichsten Kinder dieser Welt.

 

 

 

 

ENDE