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10. Kapitel

 

 Australien

 

 

„Wo sind wir bloß?“ wunderte sich Bernie und kniff die Augen zusammen.

 

„Ist das hell hier“, jammerte Rosie. „Ich brauche ein Sonnenbrille!“

 

„Das kommt nur, weil du eben noch im dunklen Wald warst“, lachte Jennie. „Deine Augen müssen sich erst an das helle Licht gewöhnen.“

 

Nun sahen sie sich genauer um. Die Gegend sah interessant aus. Der Sand, auf dem sie standen, war mit einem rötlichen Pulver bedeckt. Überall waren grüne Sträucher zu sehen, doch alle Augen waren auf das, was vor ihnen lag, gerichtet. Ein großes, rötlich schimmerndes Felsmassiv war zu sehen. In der

 

Mitte war ein riesiges Loch. So etwas hatte noch keiner von unseren Freunden gesehen. Der gesamte Felsen war so groß wie der Marktplatz von Aubachtal. Minutenlang schwiegen alle, bis Dr. Einstein mit den Flügeln zu flattern begann und aufgeregt krächzte: „zu Hause-zu Hause!“

 

„Das heißt nach Hause!“ verbesserte Berta.

 

„Zu-Hause, Berta-allerliebste, zu-Hause!“

Das Felsgebirge

Berta wollte gerade einen ihrer gefürchteten Vorträge halten, aber Daisy kam ihr zuvor.

 

„Er hat recht! Wir müssen in Australien sein.“

 

„Ich habe aber keine Lust, auf dem Kopf zu stehen!“

 

Alle sahen Rosie an.

 

„Wie bitte?“ fragte Berta erstaunt.

 

„Na, weil Australien doch auf der Unterseite vom Globus liegt, jedenfalls in unserem Klassenzimmer. Wenn man von uns aus zu Fuß nach Australien geht, dann läuft man mit dem Kopf nach unten, wenn man ankommt! Wenn ich also wieder richtig rum sein will, muss ich einen Kopfstand machen.“

 

„Mensch, bist du blöd“, schimpfte Berta. „Das kann doch gar nicht stimmen, weil du doch schon längst heruntergefallen bist, bevor du in Australien ankommst.“

 

„Wieso, bitte schön, bin ich denn noch nicht heruntergefallen, liebste Berta?“

 

„Ähem, das könnte daran liegen, meine liebe Rosie, dass der Boden hier besonders klebrig ist. So klebrig wie deine Finger, wenn du Schokolade isst. An deinen Fingern bleibt dann auch alles kleben.“

 

 

 

Rosie hüpfte auf und ab.

 

„Und wieso, liebste Berta, kann ich hüpfen? Eigentlich müsste ich doch in den Himmel fallen.“

 

„Da sieht man wieder, dass du überhaupt keine Ahnung hast. Das liegt nämlich an der Gravierung!“

 

„Gravierung, was ist denn das?“

 

„Gravierung, allerliebste Rosie, ist, äh, also jedenfalls hält die alles zusammen!“

 

„Gravitation“, mischte sich lachend Bernie ein. „Das heißt Gravitation und das wiederum ist die Erdanziehungskraft. Wenn ich zum Beispiel einen Kaugummi auf den Boden spucke...“

 

„Untersteh dich!“ fauchte Berta. „So etwas gehört in den Abfall!“

 

„...wenn ich also einen Kaugummi in den Abfall spucke, dann fällt er nach unten. Die Erde zieht ihn an. Deshalb ist es egal, ob wir am Nord- oder am Südpol sind. Überall ist Schwerkraft.“

 

Elfriede sah zum großen Felsmassiv hin.

 

„Da dieser Punkt nun geklärt ist, sollten wir herausfinden, wo die nächste Stadt ist. Wir brauchen etwas zu Essen und zu Trinken. Vom Felsen aus haben wir bestimmt einen guten Überblick, also sollten wir da mal hinaufklettern.“

 

 

 

Der Weg dorthin war weiter, als es zunächst ausgesehen hatte. Die Sonne brannte vom Himmel und die Schritte wurden immer kürzer. Ans Ausruhen aber war nicht zu denken, denn alle wollten schnell aus der prallen Sonne herauskommen. Nach Stunden hatten sie es geschafft und sie legten sich in den Schatten des Felsengebirges. Es war riesig und so richtig traute sich keiner, da hoch zu klettern. Schließlich wurde Dr. Einstein losgeschickt. Schon nach wenigen Minuten kam er wieder.

 

„Nichts, es-gibt-nur-Wüste, keine-Stadt!“

 

Enttäuscht trat Bernie gegen die Felswand.

 

„Wir sind verloren. Wo sollen wir den Stöpsel wiederfinden?“

 

Keiner antwortete, denn Bernie hatte recht. Nur wenn sie den Stöpsel wiederfinden würden, könnte das Zauberfläschchen sie wieder zurückbringen. Die Sonne versank langsam am Horizont und tauchte alles in rotes Licht. Es wurde zunehmend kühler und Jennie begann, Holz zu suchen.

 

„Los, bewegt euch, wir müssen ein Feuer machen!“

 

„Wieso, bitte sehr, graben wir uns nicht einfach in den warmen Sand ein?“ fragte Berta schnippisch.

 

„Kannst du ja ruhig machen, aber ich bezweifele, dass du da sicher vor den wilden Tieren bist!“

 

Im Nu war Berta aufgestanden und beteiligte sich an der Suche. Als die Sonne untergegangen war, loderte ein Feuer und unsere Freunde saßen im Kreis herum. In der Ferne war ein Heulen zu hören, das ihnen die Haare zu Berge stehen ließ.

 

„Dingos“, erklärte Bernie. „Die sind hier nachts auf Jagd.”

 

 

 

Alle rückten nun dichter zusammen, doch es dauerte lange, bis sie eingeschlafen waren. Rosie wachte als erste auf, denn ihr Magen erinnerte sie daran, dass es Zeit zum Frühstücken wurde. Die Sonne war bereits aufgegangen und vertrieb die Kälte der Nacht.

 

„Hat jemand was zu Essen mit? Ich verhungere gleich.”

 

„Das liegt im Bollerwagen im Zauberwald“, gähnte Elfriede und richtete sich auf. „Wir müssen uns etwas suchen.“

 

„Hier gibt es aber nur ein paar Sträucher“, jammerte Rosi weiter.

 

Nun waren alle wach. Es wurden zwei Gruppen gebildet. Eine Gruppe ging links- und die andere Gruppe rechtsherum um das Felsengebirge. Nach einer Stunde jedoch hatten sich die beiden Gruppen wiedergetroffen, doch keiner hatte Wasser oder etwas Essbares entdeckt. Die Stimmung war gedrückt und die Lage war sehr ernst. Ohne Essen und Trinken war es nur ein Frage der Zeit, wann sie ein Futter für die Dingos sein würden.

 

 

 

„Sagt mal, gibt es hier auch Geier?“ Bernie deutete auf den Himmel.

 

Etwas Großes, Schwarzes bewegte sich auf sie zu. Dr. Einstein flatterte aufgeregt mit den Flügeln und schrie:

 

„Deckung-Deckung!“

 

„Für einen Geier ist es zu schnell“, sagte Bernie. „Es könnte ein Flugzeug sein!“

 

Inzwischen war ein Brummen und Kreischen zu hören. Es wurde immer lauter, so laut, dass alle sich die Ohren zuhielten. Schnell versteckten sie sich hinter einem Felsvorsprung. Dann vibrierte der Boden, eine hohe Fontäne aus Sand stieg in den Himmel und alles war still.

 

 

 

„Oh, shit!“

 

Neugierig kamen die Freunde hinter dem Felsvorsprung hervor und sahen einen Mann in einer merkwürdigen Rakete sitzen. Er schlug immer wieder mit der Faust auf die Rakete und rief:

 

„Oh, shit, shit, shit!“

 

„Kann der nicht vernünftig sprechen?“ tadelte Berta.

 

„Ich glaube“, sagte Daisy, „die sprechen hier alle so.“

 

Der Mann hatte nun gemerkt, dass er beobachtet wurde. Er stieg aus und ging humpelnd auf das Felsmassiv zu. Er hatte eine merkwürdige Mütze auf dem Kopf und trug einen schmutzigen grauen Kittel. Er lächelte nun wieder und zeigte auf die Kinder.

 

 

 

„Hey kids, what are you doing here?“

 

Daisy räusperte sich.

 

„Ich glaube, er will wissen, was wir hier tun.“

 

„Hey kids, please talk to me!“

 

„Wir sollen mit ihm sprechen. Na gut, ich versuche es mal.“

 

Daisy zeigte auf sich und dann auf ihre Freunde und sprach:

 

„We are from Germany.“

 

„Oh, ihr seid aus Germany? Great - großartig, mein brother, äh, Bruder lebt dort!“

 

Nun konnte sich Berta nicht mehr zurückhalten.

 

„Sie sehen total dreckig aus, Sie sollten sich mal waschen, Mister!“

 

„Oh, great, a talking pig - ich meine, toll, ein sprechendes Schwein.“

 

Er ging langsam auf Berta zu.

 

„How do you do?“

 

Wütend sah ihn Berta an und hob die Fäuste.

 

„Ich hau zurück, Mister, wagen Sie das bloß nicht!“

 

„Aber Berta“, mischte sich Daisy ein, „das hieß doch bloß: wie geht es dir?“

 

„Er will sich wirklich nicht kloppen? Aber er hat doch etwas von hauen gesagt!“

 

Nun lachten alle gemeinsam und der Mann mit dem schmutzigen grauen Kittel stellte sich erst einmal vor.

 

„Mein Name ist Hurry, Professor Dr. Hurry. Ihr könnt mich ruhig Profdok nennen!“

 

 

 

Elfriede sah den Professor Dr. an und überlegte.

 

„Sag mal, Daisy, hurry heißt doch soviel wie: beeilen?“

 

„Ja, stimmt genau – beeilen, hasten, schnell machen - so heißt das.“

 

„Fällt euch nichts auf? Er hat einen Bruder in Deutschland. Ich glaube, ich weiß wer das ist: Professor Hastig!“

 

„Yes, he is my brother - das ist mein Bruder! Kennt ihr ihn?“

 

„Sehr gut sogar“, lachte Bernie. „Basteln sie auch soviel?“

 

„Tag und Nacht, mein Lieber“, lachte Professor Dr. Hurry. „Ich kann euch ja mein Labor zeigen, doch erst einmal muss ich diese verdammte Maschine wieder reparieren.“

 

Während unsere Freunde geduldig warteten, durchsuchte Rosie die gesamte Umgebung noch einmal nach etwas Essbarem - leider ohne Erfolg. Nachdem die Maschine repariert war, hieß es einsteigen.

 

„Kann die Maschine uns denn tragen, Profdok?“ Bernie konnte sich die Frage nicht verkneifen.

 

„No idea - keine Ahnung, aber du wirst es gleich miterleben.“

 

 

 

Alle quetschten sie sich nun in die viel zu kleine Maschine. Rosie wollte sich auf den Beifahrersitz setzen, doch der Profdok sagte: „Sorry, aber wenn du das Schwein bist, von dem mein Bruder geschrieben hat, dann bleibst du besser hinten. Während Berta lauthals lachte, kletterte Rosie schmollend in den hinteren Teil der Maschine.

 

„Wir möchten schließlich heil ankommen, you know - weißt du?“

 

Dann ließ er die Turbinen anlaufen. Bernie, der neben ihm saß, schaute genau zu.

 

„Wieso sind Sie überhaupt notgelandet, Profdok?“

 

„Well - also, ich glaube, die linke Steuerdüse war abgegangen. Als ich gestern die Maschine gebaut hatte, fehlte mir noch eine Schraube. Darum habe ich die letzte Düse mit einem Kaugummi festgeklebt.

 

„Ich will aussteigen...“

 

„No, Berta, it´s too late - es ist zu spät. Die Maschine hebt gleich ab - oder auch nicht...“

 

 

 

Der Profdok lachte laut über seinen Scherz. Berta schloss die Augen und hielt sich krampfhaft an Rosie fest. Tatsächlich gewann das Fluggerät langsam an Höhe, doch der Boden war immer noch bedrohlich nahe. Schlingernd schoss es über den Wüstensand aber es stürzte nicht ab. Bald erschien ein Punkt am Horizont und wurde langsam größer.

 

„Adelaide“, erklärte der Profdok. „Dort wohne ich.“

 

„Sie wohnen bei Adelheid?“ fragte Rosie erstaunt. „Sind Sie verheiratet?“

 

Professor Dr. Hurry lachte.

 

„Adelaide ist eine Stadt in der Mitte von Australien, my dear pig - mein liebes Schwein. Dort werden wir gleich landen. Haltet euch schon einmal fest, gleich werden wir durchgeschüttelt!“

 

Langsam senkte sich der Bug der Maschine und sie flogen auf eine große Wiese zu. Auf der Wiese befanden sich Kühe und Pferde. Als die Maschine kreischend und knirschend den Boden

 

berührte, flohen alle Tiere in einen nahen Stall. Gras, Steine und Erde flog durch die Luft und das Fluggerät kam langsam zum Stillstand.

 

 

 

„Das ist meine Ranch“, erklärte der Profdok. „Meine Tiere habt ihr ja schon kurz gesehen. Bitte alles aussteigen.“

 

Die Freunde sahen einander an. Alle waren mit Grasresten und Erde bedeckt und sahen recht schmutzig aus.

 

„Herr Profdok, ich möchte protestieren. Als ich in ihr Flugzeug einstieg, war ich sauber!“

 

„Right - richtig, Berta. Wo ist das Problem? Wasser gibt's im Stall bei den Tieren!“

 

 

 

„B-bei den T-tieren?“ Berta sah Professor Hurry wütend an. „Soll das heißen, ich soll mich im Stall waschen?“

 

„Im allgemeinen machen die Schweine das bei uns so - falls sie es tun.“

 

Wütend ging Berta in Richtung Scheune, während ihre Freunde ins Haus geführt wurden. Als Berta nachgekommen war, gab es erstmal etwas zu Essen und zu Trinken.