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9. Kapitel

 

 Knoblauch

 

 

Herr Grünfried war der Leiter des Geschäftes „Garten und Blumen“. Er war gerade dabei, in aller Ruhe eine Lieferung Maiglöckchen auszupacken. Es war ein Tag nach seinem Geschmack, denn es war wenig los in seinem Laden und er hatte viel Zeit für seine Pflanzen. Er liebte diese Ruhe und Beschaulichkeit. Plötzlich war es vorbei mit dem Frieden in seinem Geschäft, als die Tür krachend auf ging und eine Horde von Kindern mit einem krächzenden Wellensittich seinen Laden stürmte. Schützend stellte sich Herr Grünfried vor seine Pflanzen und starrte mit großen Augen auf die Eindringlinge.

 

„Haben Sie Knoblauch?”

 

Herr Grünfried sah den kleinen Jungen, der die Frage gestellt hatte, an.

 

„Wie? Äh, Knoblauch?”

Herr Grünfried bei der Arbeit

„Hat er doch laut und deutlich gesagt“, mischte sich Berta ein, „oder wissen Sie nicht, was das ist?“

 

„Doch, ja, äh, natürlich kenne ich Knoblauch.”

 

„Na also, dann geben Sie uns, bitte schön, alles was Sie haben!“

 

„Alles?”

 

„Hab' ich doch gesagt, oder?”

 

„Äh, ja, ich weiß aber nicht, ob ich so viel da habe...”

 

„Sie wissen nicht, ob Sie alles da haben, wie soll ich das verstehen?“ Berta wurde langsam mal wieder sauer.

 

„Na, ob ich soviel habe“, versuchte Herr Grünfried sich herauszureden.

 

„Wieso so viel? Haben wir gesagt wie viel wir haben wollen?”

 

„Äh, nein.”

 

„Na also. Wie können Sie dann sagen, Sie wissen nicht, ob Sie so viel...“

 

„Berta, es reicht.“ Elfriede trat auf den Verkäufer zu, der nun langsam zurückwich. Sie sah den verängstigen Mann freundlich an und sagte: „Wir brauchen soviel Knoblauch wie möglich, das ist alles.“

 

„Wirklich? Ich glaube, dass ich noch 5 Kisten mit Zwiebeln habe.“

 

„Hexen-vergiften-Hexen-vergiften!“

 

Herr Grünfried wäre vor Schreck fast in eine Kiste mit Tulpenzwiebeln gefallen, wenn Elfriede ihn nicht festgehalten hätte. Dann hielt er sich an einem Regal fest, starrte den Wellensittich an und ging rückwärts in Richtung seines Lagerraums. Auf dem Weg dorthin achtete er nicht auf ein paar Sträucher. Er stolperte und fiel krachend in ein Gemüsebeet. Stöhnend stand er wieder auf und verschwand durch eine Tür, um die Knoblauchzwiebeln zu holen.

 

„Mensch, ist der nervös“, stellte Rosie fest. „Wir tun ihm doch nichts!“

 

Kurz darauf kam Herr Grünfried mit einigen Kisten wieder. Bald standen 5 Kisten vor unseren Freunden und Marie sagte laut: „Damit vertreiben wir die fiese Hexenbande!“

 

Herr Grünfried glotzte sie entsetzt an. Als Marie seinen Blick bemerkte, fügte sie hinzu: „Oder wollen Sie in ein großes, schwarzes Loch fallen? Der Boden könnte alles hier verschlingen, falls....“

 

Schreiend rannte der Verkäufer quer durch das Geschäft, er stolperte über eine Kartoffelkiste. Dann riss er die Tür zum Lagerraum auf und es war deutlich zu hören, wie von innen der Schlüssel umgedreht wurde. Durch die verschlossene Tür drang nur noch ein leises Schluchzen, ansonsten war alles still. Daisy schüttelte verwundert den Kopf und ging ein Stück zur Tür hin.

 

„Herr Grünfried, wir haben noch nicht bezahlt!“

 

„Verschwindet, geht weg, geht weit weg!“

 

„Aber Sie kriegen doch noch Geld von uns!“

 

„Haut ab, ich will euer Geld nicht, nehmt den Knoblauch und kommt nie wieder!“

 

Daisy drehte sich zu ihren Freunden um.

 

„Ihr habt es gehört, er schenkt uns das Gemüse! Los, lasst es uns auf den Bollerwagen tragen.“

 

 

 

Bernie hatte zum Glück daran gedacht einen Bollerwagen mitzunehmen. Das Aufladen dauerte nur ein paar Minuten und es ging weiter zum Zauberwald. Wer allerdings an diesem Tag noch etwas bei Herrn Grünfried kaufen wollte, stand vor verschlossener Tür und wunderte sich. Ein Schild mit der Aufschrift „diese Woche geschlossen“ hing hinter der Glasscheibe.

 

 

 

Als sie den Zauberwald erreicht hatten, begann der schwerste Teil ihres Unternehmens. Es war sehr mühsam, den Bollerwagen über den unebenen Waldboden zu ziehen. Alle mussten mit anfassen und es ging nur Stück für Stück voran. Nachdem sie eine Weile geschoben und gezogen hatten, stöhnte Rosie: „Ich kann nicht mehr!“

 

„Tatsächlich, jetzt schon nicht mehr?“ spottete Berta.

 

„Sie hat Recht“, sagte Elfriede. „Wir sind weit genug im Wald. Lasst uns jetzt den Knoblauch vergraben!“

 

 

 

Erleichtert nahm sich jeder eine kleine Schaufel und eine Hand voll Knoblauchzwiebeln aus dem Wagen. Jennie und Daisy hatten ausgerechnet, dass alle sieben Schritte eine Zwiebel in den Boden eingegraben werden musste, um sie gleichmäßig im Wald zu verteilen.

 

Sie gruben jeder ein kleines Loch, legten eine Zwiebel hinein und bedeckten alles wieder mit Erde. So ging es Stunde um Stunde. Gegen Mittag waren erst 2 von den 5 Kisten leer. Alle waren hungrig und erschöpft. Nach einer kurzen Pause ging es weiter und als die Sonne sich langsam am Himmel senkte, waren alle Zwiebeln eingegraben.

 

„So, nun müssen wir abwarten. Bernie rieb sich die schmerzenden Hände und Elfriede entgegnete: „Lasst uns jetzt schnell nach Hause gehen und eine Runde schlafen. Morgen früh sehen wir dann weiter.“

 

Keiner hatte etwas einzuwenden und die gute Stimmung kehrte zurück.

 

„Ich stopf mir jetzt den Bauch voll und lege mich dann aufs Ohr“, grinste Susi.

 

Berta sah sie erstaunt an.

 

„Die Worte hätte ich eigentlich von Rosie erwartet...“

 

Bis auf Rosie lachten nun alle laut, doch plötzlich meldete sich Dr. Einstein mit krächzender Stimme:

 

„Hexen-Alarm-Alarm!“

 

Sofort waren alle mucksmäuschenstill und lauschten. Der Wellensittich flog auf eine hohe Tanne, um besser sehen zu können.

 

 

 

„Viele-Hexen-von-allen-Seiten!“

 

„Alle Seiten, Einstein? Heißt das, die Hexen kommen von allen Seiten?“

 

„Ja-überall!“

 

„Ob die uns suchen?“ fragte Daisy. „Aber woher wissen die, dass wir hier sind?“

 

Jennie dämmerte etwas.

 

„Seht euch doch einmal genau um, seht ihr die alte Feuerstelle da vorne? Ich glaube, wir befinden uns genau auf dem Treffpunkt der Hexen! Schnell, wir müssen fliehen oder uns verstecken!“

 

„Hier ist nirgends ein Platz zum Verstecken“, stellte Bernie fest. „Dr. Einstein, siehst du einen Weg, um an den Hexen vorbeizukommen? In welche Richtung können wir fliehen?“

 

Dr. Einstein drehte seinen kleinen Kopf in alle Richtungen.

 

„Zu-viele-Hexen, könnt nicht fliehen!“

 

Entsetzt sahen sich unsere Freunde an. War das ihr Ende? Allmählich waren die Geräusche der immer näher kommenden Hexen zu hören. Ihr hässliches Lachen und das Knacken von Zweigen war nun deutlich hörbar. Angst ergriff unsere Freunde und Daisy schlug vor, sie sollten sich schnell mit den Schaufeln in den Boden eingraben, doch Jennie schüttelte den Kopf.

 

„Sie würden uns riechen, das funktioniert nicht!“

 

Fieberhaft überlegten die Freunde, wie sie den näher kommenden Hexen noch entfliehen könnten, doch es gab keinen Ausweg mehr. Schon kamen die schwarzen Hüte einiger Hexen in Sicht.

 

 

 

„Ich will nach Hause, oder von mir aus an den Nordpol...“

 

„Das ist es, Rosie!“

 

Rosie sah Elfriede erstaunt an.

 

„Der Nordpol? Da wo es so bitterkalt war, als uns dein Zauberfläschchen ...“

 

„Genau, das Zauberfläschchen, jetzt brauchen wir es!“

 

„Aber Elfriede, das hat doch die Hexe gestohlen...“

 

„Ich weiß, Marie, es liegt bestimmt im Hexenhaus. Dr. Einstein, nur du kannst uns jetzt helfen.“

 

Elfriede hob ihre Hand und zeigte in die Richtung, in der das Hexenhaus lag.

 

„In diese Richtung musst du fliegen. Gleich dahinten ist eine Lichtung, dort steht das Haus der Hexe. Flieg durch das Küchenfenster hinein und bring uns das Fläschchen, du guter Vogel!“

 

„Einstein-fliegt!“ krächzte der kluge Wellensittich, öffnete seine Flügel und schwang sich von der Tanne hinunter.

 

„...wenn das Küchenfenster offen ist,“ fügte Elfriede leise hinzu, als Dr. Einstein schon verschwunden war. Nun folgten bange Minuten für unsere Freunde. Immer näher kamen die Hexen, doch der Vogel war schneller. Knapp über dem Boden flog er mit dem schweren Fläschchen im Schnabel.

 

 

 

„Kann-nicht-mehr!“ krächzte er und fiel Elfriede vor die Füße. Blitzschnell hob das Mädchen ihr Zauberfläschchen auf und nahm den Stöpsel ab. Rauch quoll aus dem Fläschchen, es wurde immer mehr, bis schließlich nichts mehr vom Wald zu sehen war. Der Boden schien sich zu drehen, während unsere Freunde das Gefühl hatten, sie würden mit einem Fahrstuhl ganz schnell nach oben fahren. So ging es eine Zeitlang, bis sich der Rauch langsam auflöste und der Boden unter ihren Füßen wieder fest war.