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8. Kapitel

 

 Der Wellensittich

 

 

„Ein Papagei? Wisst ihr überhaupt, wie teuer solch ein Tier ist?“ Herr Plamps, der Tierhändler der kleinen Stadt Aubachtal, sah unsere Freunde fragend an.

 

 

 

„Also, wir haben gedacht, die fliegen sowieso nur herum und im Dschungel gibt es ja genug davon“, stotterte Rosie.

 

„Also, wir haben an zwanzig Mark gedacht, soviel haben wir nämlich noch“, fügte Elfriede hinzu. „Vielleicht können wir ja in Raten zahlen!“

 

Herr Plamps schüttelte den Kopf. „Dieser Papagei stammt aus Südamerika, genau gesagt lebt er im Deltagebiet des Amazonas.“

 

 

 

„Uih,“ staunte Rosie, „da kommen ja auch die Pyjamas her.“

Ein Wellensittich namens Einstein

„Pyjamas?“

 

„Ja, und die ICE-Fliegen!“

 

 

 

„ICE-Fliegen? Pyjamas? Ich fürchte, ich kann dir nicht folgen, Rosie.“

 

„Sie meint Piranhas und Tse-Tse Fliegen,“ erklärte Jennie.

 

„Ach so,“ atmete Herr Plamps auf, „das meinst du. Aber so weit ich weiß, leben die Tse-Tse fliegen in Afrika.“

 

„Sie bringt eben immer alles durcheinander, typisch!“

 

„Ach ja, liebste Berta, du weißt ja immer alles ganz genau, oder?“

 

„Ja, meine liebe Rosie, zum Beispiel weiß ich, dass da auch die Pyrenäen leben!“

 

„Die Pyrenäen?“ Herr Plamps kratzte sich nervös am Kopf.

 

„Oder waren es die Pyramiden?“

 

„Du meinst sicherlich die Pygmäen,“ atmete Herr Plamps erleichtert auf. „Die Pyrenäen sind eine Bergkette in Europa.“

 

„...und die Pyramiden spitze Häuser für Mumien in Ägypten,“ grinste Elfriede, „aber wie viel kostet denn nun dieser Papagei?“

 

 

 

„Da müsst ihr schon 200 Mark ausgeben. Diese Tiere sind nun einmal sehr teuer.“

 

„Äh, dürfen wir uns denn erst einmal umsehen?“

 

„Natürlich, Elfriede, aber denkt dran: keine Hamster. Letztes Mal habe ich Ärger mit euren Eltern bekommen.“

 

 

 

Unsere Freunde sahen sich nun genauer in dem Tiergeschäft von Herrn Plamps um. Immer wieder fiel ihr Blick auf die niedlichen kleinen Hamster. Doch dann erregte der Käfig mit den Wellensittichen ihre Aufmerksamkeit. Es waren 10 Vögel in dem Käfig, vier blaue und 6 grüne. Die meisten von ihnen hatten den Kopf unter den Flügel gelegt und ruhten sich aus. Hin und wieder kam ein Kopf hervor und beäugte die Kinder. Einer der Wellensittiche - ein grüner - war ein besonders frecher. Immer wieder ärgerte er die anderen, die schlafen wollten. Er hüpfte fröhlich im Käfig hin und her und pfiff vor sich hin. Neben dem Käfig mit den Sittichen stand ein ebenso großer Käfig mit einer Krähe.

 

„Mensch, sieht die schlecht gelaunt aus.“ stellte Daisy fest.

 

„Anscheinend geht ihr der fröhliche Wellensittich auf die Nerven,“ meinte Susi.

 

 

 

Als wenn sie diese Worte bestätigen wollte, krächzte die Krähe den Wellensittich drohend an. Der aber ließ sich davon nicht beeindrucken und krächzte zurück. Die Krähe wurde langsam wütend und versuchte, die Gitterstäbe durchzubeißen. Der Wellensittich begann zu keckern und es klang, als mache er sich über den großen schwarzen Vogel lustig. Die Krähe wurde immer ärgerlicher und biss weiter in die Gitterstäbe.

 

„Die kriegt sie nie im Leben auf,“ meinte Bernie, „so ein dummes Tier.“

 

Der grüne Wellensittich schien sich zu freuen, dass die große Krähe sich so sehr aufregte. Nun geschah etwas Merkwürdiges. Der Sittich hüpfte kreuz und quer durch den Käfig und sprang gegen die kleine Käfigtür.

 

„Was soll denn das werden, wenn es fertig ist?“ wunderte sich Marie.

 

„Ich glaube, er will dem großen, dummen Vogel zeigen, wie man eine Tür aufmacht“, vermutete Jennie. „Sieh mal, wie er immer wieder Anlauf nimmt!“

 

Immer wieder hüpfte der kleine Vogel gegen die Gittertür und tatsächlich: beim vierten Versuch sprang sie auf. Sofort flog er zum Käfig mit der Krähe hin, setzte sich auf die Gitterstäbe und guckte den schwarzen Vogel spöttisch an. Die Krähe versuchte nun, den Wellensittich zu beißen, doch immer wieder knallte sie gegen die Gitterstäbe. Nachdem sie es ein paar Mal versucht hatte, blieb sie erschöpft am Boden liegen.

 

„Guck mal, der Schwanz von der Krähe hängt aus dem Käfig heraus.“ Berta reckte den Hals, um besser sehen zu können.

 

„Der Wellensittich hat das auch schon gemerkt“, Bernie konnte sich vor Lachen kaum noch halten. „Ich glaube, ich weiß was jetzt passiert.“

 

Bernie hatte richtig vermutet. Der kleine, grüne Wellensittich sprang blitzschnell vom Krähenkäfig runter und biss in den Schwanz der Krähe. Er zog mit aller Kraft daran, die Krähe protestierte und schrie, doch es half ihr nichts. Nun begann das große Tier wütend mit den Flügeln zu schlagen, der Käfig wackelte und fiel schließlich um.

 

„Oh je, die Käfigtür ist aufgesprungen!“

 

Elfriede und ihre Freunde sahen entsetzt, wie der große schwarze Vogel nun aus seinem Käfig stürzte. Mit rachsüchtigen Augen stürzte er sich auf den kleinen Wellensittich. Während die anderen Sittiche sich ängstlich in einer Ecke ihres Käfig verkrochen hatten, blieb der kleine grüne ganz ruhig sitzen, während die Krähe immer näher kam.

 

„Wir müssen was tun“, rief Berta. „Die macht den Kleinen fertig!“

 

Doch es war zu spät, die Krähe stieß ein freudiges Krächzen aus. Sie hatte ihr Ziel fast erreicht, als der Wellensittich plötzlich blitzschnell zur Seite hüpfte und die Krähe krachend gegen den Käfig mit den Goldhamstern flog. Der fiel um und die Hamster purzelten heraus. Mit blinzelnden Augen merkten die müden Nachttiere nun, dass etwas geschehen war. Als sie die große, schwarze Krähe sahen, begannen sie zu flüchten, doch die Krähe hatte es nur auf den Sittich abgesehen. Der hatte sich inzwischen auf eine kleine Insel im Schildkrötenbecken gesetzt und pfiff vor sich hin.

 

„Der scheint ja wohl überhaupt keine Angst zu kennen“, meinte Elfriede anerkennend.

 

Jennie nickte zustimmend. „Bestimmt hat er wieder einen Plan.“

 

Genauso war es. Die Krähe hatte ihren Gegner im Schildkrötenbecken entdeckt und flog nun krächzend darauf zu. Wieder hatte sie ihn fast erreicht, als der kleine Wellensittich auf einmal verschwunden war.

 

„Er ist ins Wasser getaucht,“ flüsterte Jennie.

 

Für die Krähe kam dieser Hinweis zu spät. Sie machte eine Bruchlandung inmitten der Schildkröten. Wer diese langsamen Tiere kennt, der weiß, dass sie sehr gutmütig sind. Doch wenn es ihnen zu bunt wird, dann beißen sie. Das bekam nun auch der große schwarze Vogel zu spüren. Er krächzte vor Schreck laut, als er von allen Seiten gebissen und gerupft wurde. Nachdem er etliche Federn im Schildkrötenbecken zurücklassen musste, rettete er sich mit letzter Kraft in seinen Käfig und versteckte sich in der hintersten Ecke.

 

„Spiel, Satz und Sieg für den Wellensittich!“ rief Rosie begeistert.

 

„Wieso Spiel und Satz?“ Berta verstand nicht recht.

 

„Das sagt man doch beim Tennis, weißt du das denn nicht, liebe Berta?“

 

„Da war ich noch nicht, wo liegt das denn?“

 

„Jedenfalls nicht in den Pyrenäen. Das ist ein Ballsport, klar?“

 

Berta bekam einen roten Kopf und wandte sich wieder den Tieren zu. Die Hamster hatten inzwischen die Salatblätter im Becken entdeckt und marschierten darauf zu. Warnend hoben die Schildkröten die Köpfe, um ihr Futter zu verteidigen, doch die flinken Goldhamster waren zu schnell für sie. Jeder von ihnen schnappte sich ein Stück Salat und rannte zurück in den sicheren Käfig.

 

 

 

Unsere Freunde bemerkten erst jetzt, dass Herr Plamps neben ihnen stand. Er war ganz blass im Gesicht und schüttelte den Kopf.

 

„Bald kann ich nicht mehr. Immer wieder bringt dieser kleine grüne Teufel alles durcheinander!“

 

„Warum verkaufen Sie ihn denn nicht?“ fragte Daisy erstaunt.

 

„Habe ich doch schon ein paar Mal, aber er wurde jedes Mal zurückgebracht und umgetauscht. Er ist einfach zu schlau und macht nichts als Blödsinn. Ihr habt doch gesehen, was er mit der Krähe gemacht hat. Letzte Woche hat er einen Schäferhund so fertig gemacht, dass der arme Hund sich im Keller verkrochen hat und eine Woche lang nicht herauskam.

 

 

 

Bernie trat näher an den Tierhändler heran.

 

„Wir haben gesehen, dass die Krähe angefangen hat. Der Wellensittich hat sich nur gewehrt.“

 

„Genau“, bestätigte Elfriede. „Das war Notwehr. Mit dem Schäferhund war es bestimmt ähnlich!“

 

„Man muss nur wissen, wie ein Tier behandelt werden muss, dann ist es auch lieb!“

 

„Jennie hat recht“, mischte sich nun Daisy ein. „Ich wette, bei uns würde er sich wohl fühlen.“

 

Der Tierhändler fühlte sich auf einmal nicht sehr wohl in seiner Haut.

 

 

 

„A- aber er hat mich gestern in den Finger gebissen...“

 

„...und Sie, was haben Sie ihm gestern angetan?“

 

Rosie fletschte angriffslustig die Zähne.

 

„Tiere merken genau, wenn man es gut mit ihnen meint!“ schimpfte Berta.

 

 

 

Der Wellensittich schien zu merken, dass es um ihn ging. Er krächzte lauthals vor sich hin.

 

„W- wie wäre es, ihr nehmt das Tier? Ihr kriegt auch eine Tüte Futter dazu, umsonst versteht sich.“

 

„Was?“ Berta schäumte vor Wut. „Sie wollen das arme Tier einfach verschenken?“

 

Elfriede zog Berta schnell zur Seite. „Ist in Ordnung, Herr Plamps, wir nehmen das Tier mit. Sie geben uns noch Futter dazu und wir brauchen nichts zu zahlen, in Ordnung?“

 

„I- in Ordnung.“

 

Tierhändler Plamps holte eine Pappschachtel und näherte sich dem Käfig. Gespannt guckten alle, wie sich der kleine, grüne Wellensittich nun verhalten würde. Er blieb ruhig auf einer Stange sitzen, während seine Kollegen im Käfig hin und her flatterten und versuchten, sich zu verstecken. Herr Plamps hatte keine Mühe, den Vogel zu fangen und in die Schachtel zu stecken. Es hatte den Anschein, als ob der Wellensittich sich schon auf ein Abenteuer freute. Herr Plamps sah noch immer sehr blass aus, als er unseren Freunden die Schachtel überreichte.

 

„Ein Umtausch ist bei kostenlosen Artikeln aber ausgeschlossen.“

 

„Habe ich da richtig gehört“, brauste Berta auf. „Er redet von Artikel! Er nennt ein friedliebendes, kleines Tier einen Artikel! Wissen Sie überhaupt, wie weh das so einem unschuldigen, kleinen...“

 

„Komm jetzt mit, Berta und erzähl nicht so viel!“

 

Elfriede und Jennie zogen die schimpfende Berta zur Tür hinaus.

 

 

 

Fröhlich pfeifend machten sich die Freunde auf den Rückweg. Es dauerte nicht lange und aus dem Pappkarton war auch ein Pfeifen zu hören. Alle lachten und Bernie meinte: „Also, so einen sprachbegabten Vogel gibt es wohl selten!“

 

„Du meinst pfeifbegabten“, widersprach Berta. „Pfeifen kann jeder. Mal sehen, ob er auch spricht!“

 

„Immer musst du rummeckern, warte doch erst einmal ab.“

 

„Also, meine liebe Rosie, ich habe nur meine Meinung kundgetan!“

 

„Ach ja, allerliebste Berta, es hat dich aber keiner gefragt!“

 

Die beiden Schweine wollten gerade weiter streiten, als es aus dem Pappkarton ertönte: „Liebste - allerliebste - Rosie - Berta - Rosie - Berta - allerliebste!“

 

Rosie und Berta glotzen mit offenem Mund auf die Pappschachtel und sagten kein Wort.

 

„Ich glaub' mich tritt ein Pferd,“ stellte Elfriede lachend fest.

 

 

 

„Rosie - Pferd!“ klang es nun aus der Schachtel.

 

Rosie glotzte auf die Pappschachtel und fragte drohend: „Willst du Ärger? Wehe, du sagst noch einmal Rosie ist ein Pferd!“

 

„Ärger - Rosie!“

 

„Nein, nicht Rosie ärgern, sag: Rosie lieb!“

 

„Lass mich mal“, mischte sich Berta ein. „Das macht man anders.“

 

Sie trat dicht an die Schachtel heran und sagte: „Hallo Vogel, ich bin Berta, also hör mir zu und erzähl keinen Mist: Berta ist lieb!“

 

„Hallo-Berta-ist-Mist, Hallo-Berta-ist-Mist, Hallo-Berta-ist....“

 

Unsere Freunde lachten so laut, dass der Wellensittich vor Schreck verstummte.

 

Inzwischen waren sie an dem Haus von Elfriedes Eltern angekommen. Sofort stürmten sie an dem verdutzten Bommel vorbei ins Kinderzimmer. Elfriede schloss die Tür hinter ihnen.

 

„Damit er uns nicht wegfliegt,“ erklärte sie und öffnete vorsichtig die Schachtel. Sofort sprang der kleine, grüne Wellensittich heraus, flog auf Elfriedes Bett und sah sich um. Das Zimmer sah aus wie immer. Überall auf dem Bett lagen Puppen und Zubehörteile, der Fußboden war mit Spielzeug übersät und die Fensterbänke mit Büchern.

 

„Mist-Mist-Mist!“

 

„So schlimm findest du das hier, mein kleiner Freund?“ fragte Elfriede. „Soll ich etwa aufräumen, nur weil Besuch da ist?“

 

„Mist-aufräumen, Mist-aufräumen!“

 

„Genau“, lachte Elfriede. „Aufräumen ist Mist. Ich glaube, wir werden uns gut verstehen.“

 

 

 

Nun setzten sich alle auf den Fußboden und berieten, was als nächstes unternommen werden sollte. Berta schlug vor, der Vogel solle nun Unterricht bekommen. Daisy fiel ein, dass ihr Bruder noch einen alten Vogelkäfig besaß - den sollte der Wellensittich bekommen. Bernie war der Ansicht, es sei wichtig, dass der Vogel erst einmal einen Namen bekäme. Dann übernahm Jennie das Wort.

 

„Gut, einen Käfig hat er, den holt Daisy gleich. Wenn er in seinem Käfig ist, bekommt er Unterricht. Zuerst aber muss er einen Namen bekommen. Wie wäre es mit Hansi? Berta schüttelte sich und schlug Robert vor, doch das gefiel Rosie und Susi nicht. Marie schlug Heini vor, Bernie gefiel Grüni am besten, Rosie fiel gar nichts ein, Daisy meinte, Bobo wäre passend und Elfriede schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

 

„Nein, das passt alles nicht,“ stöhnte sie und sah zu dem Wellensittich hin.

 

„Was sagst du dazu, Vogel?“

 

„Mist-Mist-Mist!“

 

„Seht ihr, ich meine, hört ihr? Der Vogel findet es auch nicht gut.“

 

Plötzlich flatterte der Wellensittich aufgeregt hin und her.

 

„Besuch-Besuch!“

 

Kurz darauf öffnete sich die Tür und Bommel trat herein.

 

„Ah, diesmal hast du einen Gast aus Australien, guten Tag Herr Vogel!” Bommel grinste den Vogel an.

 

„Er ist sehr schlau, Papi!“

 

Elfriede nickte bestätigend mit dem Kopf. Der Vogel legte den Kopf schräg und sah Bommel an.

 

„So,so“, meinte Bommel, „du bist also ein richtiger Einstein? Oder gar ein Doktor?“

 

„Doktor-Einstein-Doktor-Einstein-Doktor-Einstein!“ rief der Vo-gel aufgeregt. Bommel wich vor Schreck zwei Schritte zurück und Elfriede sprang auf und ging auf das Tier zu.

 

„Dr. Einstein? Möchtest du so heißen?“

 

„Dr. Einstein-gut-gut-gut!“

 

Elfriede sah erst ihre Freunde an und dann strahlte sie Bommel an.

 

„Danke, Papi, du hast einen Namen für ihn gefunden!“

 

Bommel verstand überhaupt nichts mehr. Er blickte den Vogel an, kratzte sich am Kopf und wollte zur Tür hinaus gehen. Leider war der Türpfosten im Weg und es gab einen lauten Knall. Bommel hielt sich stöhnend den schmerzenden Rüssel.

 

„Mist-Mist-Mist!“

 

Bommel starrte den Wellensittich an.

 

„Stimmt, er ist wirklich schlau,“ sagte er und ging zur Tür hinaus. Diesmal hielt er allerdings genügend Abstand zum Türpfosten.

 

„Papi!“

 

„Was gibt es noch?“

 

„Darf ich Dr. Einstein behalten?“

 

„Nein!“

 

„Och, Papi, wenigstens eine Woche!“

 

„Aber nur, wenn du dein Zimmer jeden Tag aufräumst und das Tier fütterst und den Käfig sauber machst!“

 

Elfriede seufzte laut.

 

„Versprochen.“

 

„Und er hat nichts im Wohnzimmer zu suchen, besonders nicht in meinem Sessel!“

 

„Versprochen, Papi!“

 

Als unsere Freunde wieder alleine waren, schlug Daisy vor, den Käfig zu holen. Elfriede stimmte zu und begann, ihr Zimmer aufzuräumen. Da alle mithalfen, war alles aufgeräumt, als Daisy nach ein paar Minuten mit dem Käfig wiederkam. Berta schrubbte den Käfig, Elfriede holte etwas Sand aus der Sandkiste im Garten und dann war es endlich soweit: Dr. Einstein zog in sein neues Zuhause ein.

 

„Gut-gut-gut-Dr. Einstein-lieb!“

 

„Das will ich wohl meinen, ich habe auch jede Ecke kräftig geschrubbt!“

 

„Allerliebste-Berta!“

 

Berta bekam einen roten Kopf, so war sie lange nicht gelobt worden. Die anderen lachten begeistert. Nun wurde beschlossen, sofort mit dem Sprachtraining zu beginnen. Abwechselnd sollte sich jeder mit dem Wellensittich unterhalten. Als es dunkel wurde, verabschiedeten sich die Freunde und Elfriede holte ihren Kassettenrecorder und alle Kassetten, die sie finden konnte.

 

„So, Dr. Einstein, jetzt spiele ich dir alles vor, was du wissen solltest. Wir fangen bei den Hexengeschichten an. Hier kommt die erste Geschichte, die Hexe darin heißt übrigens Bibi und ist eine gute Hexe.“

 

„Bibi-gut, Dr. Einstein-versteht!“

 

Elfriede sah den Vogel prüfend an. Scheinbar wiederholte er alle Worte, die er schon einmal gehört hatte. Je mehr Worte er lernen würde, desto besser würde er sich verständigen können.

 

 

 

So neigte sich der erste Tag langsam seinem Ende entgegen. Am nächsten Tag passierte noch nichts Aufregendes, denn es war Sprachtraining angesagt. Doch dann war es soweit: Dr. Einstein sollte erfahren, warum die Freunde ihn so dringend brauchten.

 

Mit schräg gelegtem Kopf verfolgte das Tier Daisys Erzählungen vom Zauberwald, von ihrem missglückten Übernachtungsversuch und der fiesen Krähe, die der Spion der bösen Hexe war. Daisy erzählte von der Teichfee, vom Zwergenkönig Alberich und von den vielen Abenteuern, die sie überstanden hatten. Als sie ihre Erzählung beendet hatte, plusterte sich Dr. Einstein auf.

 

„Verstehe, werde-euch-helfen!“

 

Dann hüpfte er in den Käfig, fraß ein paar Körner und flog zum Fenster.

 

„Tschüss!“

 

„Mach's gut, du tapferer Vogel,“ rief Elfriede hinterher. Nun hieß es abwarten.

 

 

 

Unsere Freunde warteten Stunde um Stunde. Immer wieder sahen sie zum Fenster hin, doch bis auf ein paar Spatzen war kein Vogel zu sehen. Immer ungeduldiger wurden alle und Rosie begann, an ihren Fingernägeln zu knabbern.

 

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass mir dein blödes Finger-nägel-Knabbern auf den Keks geht?“

 

„Ich kann nicht anders, Berta, ich bin sooooo nervös!“

 

„Wie wäre es, wir spielen irgend etwas?“ schlug Marie vor, doch niemand hatte Lust dazu. Immer wieder guckten sie zur Uhr und Jennie stellte fest, dass Dr. Einstein nun schon 6 Stunden unterwegs war.

 

„Vielleicht hat die Krähe ihn erwischt“, überlegte Bernie, „oder er schwimmt jetzt als Suppeneinlage im Kochtopf der Hexe...“

 

„Quatsch, er kommt wieder. Er ist zu schlau für die Krähe und über Hexen weiß er jetzt alles!“ Elfriede warf Bernie einen verärgerten Blick zu.

 

„Nachrichten-neue-Nachrichten-aus-dem-Zauberwald!“

 

„Dr. Einstein! Da bist du ja!“

 

Überglücklich sahen die Freunde, wie der Wellensittich durch das Fenster ins Zimmer geflogen kam. Zuerst stürzte er sich in seinen Käfig, trank etwas Wasser und fraß ein paar Körner. Als er satt war, kam er wieder herausgehüpft, setzte sich in die Zimmermitte und begann zu erzählen. Gebannt lauschten alle, als er erzählte, wie er mit der Krähe fertig geworden war. Er hatte das dumme Tier zur Bushaltestelle gelockt. Als der Bus kam, war Dr. Einstein hineingeflogen und die Krähe natürlich hinterher. Kurz bevor der Bus wieder abfuhr und die Türen geschlossen wurden, war Dr. Einstein schnell ausgestiegen.

 

„Krähe-ohne-Fahrkarte-kriegt-Ärger!“

 

 

 

Danach war er unbehelligt zum Hexenhaus geflogen. Dort versteckte er sich zwischen den Hexenkräutern auf der Fensterbank und lauschte. Die Hexe hatte ihre Freundinnen eingeladen, um mit ihnen zusammen den Zauberwald auf den Hexenberg zu zaubern.

 

„Hexe-schafft-das-nicht alleine!“

 

„Verstehe“, murmelte Jennie. „Den ganzen Wald können sie nur alle gemeinsam weghexen.“

 

 

 

„Wir müssen das verhindern!“ Elfriede blickte ihre Freunde entschlossen an. „Lasst uns einen Plan machen, um diesen Hexenplan zu durchkreuzen!“

 

 

 

Unsere Freunde steckten die Köpfe zusammen und beratschlagten, was nun zu tun sei. Bernie war der Ansicht, dass es schlimme Auswirkungen auf alles hätte, wenn der Zauberwald auf einmal verschwinden würde.

 

„Es würde ein riesiges Loch in der Landschaft entstehen, die umliegenden Berge und unsere Stadt würden vielleicht in dieses Loch hineinrutschen.“

 

„Von den betroffenen Tieren wollen wir lieber erst gar nicht reden“, ergänzte Jennie. „Die würden so etwas bestimmt nicht überleben.“

 

„Mit Gewalt“, meinte Elfriede, „kommen wir gegen die Hexenbande nicht an, wir müssen schlau sein.“

 

„Hexenbande-reinlegen!“ krächzte Dr. Einstein.

 

„Das wissen wir auch, du Schlaukopf. Erzähl uns lieber, wie wir das machen sollen!“

 

 

 

„Allerliebste-Berta, wir-müssen-Wald-vergiften!“

 

„Du bist wohl nicht ganz dicht?“ Berta guckte den Vogel empört an.

 

„Hexengift-Hexengift!“

 

„Jetzt bist du wohl komplett durchgeknallt, du Federvieh!“

 

„Dr. Einstein hat recht!“

 

Alle blickten Bernie fragend an.

 

„Wenn der Zauberwald für die Hexen ungenießbar ist, dann können sie ihn nicht brauchen. Wenn sie ihn nicht brauchen können, dann werden sie ihn auch nicht haben wollen. Wir müssen irgendwie mit dem Wald etwas machen...“

 

„Knoblauch!“ Elfriede war aufgesprungen und sah Bernie an.

 

„Wir müssen Knoblauch im Wald pflanzen, ganz viel Knoblauch!“

 

Bernie nickte begeistert.

 

„Das könnte funktionieren.“