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7. Kapitel

 

Der Abflug

 

 

Nach einer unruhigen Nacht wachte Elfriede wie gerädert auf. Es war in der Tat recht laut gewesen, denn die gesamte Hamsterschaft wollte natürlich auf ihren nächtlichen Streifzug gehen. Die ganze Nacht hatten die Tiere an der Kiste gekratzt und versucht herauszukommen. Ihr erster Blick galt den Kisten mit den Hamstern. Sie waren weg! Elfriede sprang aus dem Bett und wollte aus dem Zimmer rennen, als sie mit ihrem Papa zusammenstieß.

 

 

 

„Oh, guten Morgen die Dame,“ sagte Bommel. „Wenn du die Hamsterbande suchst, die sitzen alle schon im Auto. Schon seit zwei Stunden bin ich beim Einräumen.“

 

„Toll, Papi,“ entgegnete Elfriede. „Ich frühstücke noch etwas und dann kann es losgehen“. Sie rannte die Treppe hinunter in die Küche. Sie aß nur eine winzige Scheibe Brot, denn wenn man aufgeregt ist, mag man eben nichts essen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Flug ins Ungewisse

Dann fasste sie eine Entscheidung. Sie lief noch einmal in ihr Zimmer zurück, schnappte sich ihre Lieblingspuppe und sagte: „Du bleibst hier. In den letzten Tagen habe ich dich schon ein paar Mal gerettet, sonst hätten die Hamster dich zum Nestbau verwendet.“

 

„Elfriede, wo bleibst du?“ Bommel wurde ungeduldig.

 

„Bin schon da!“ antwortete Elfriede, lief die Treppe hinunter und stieg in das Auto ein.

 

Am Flugplatz angekommen, warteten ihre Freunde schon auf sie. Alle waren sehr aufgeregt, nur die Hamster störte das nicht. Sie schliefen fest, so wie es sich für Nachttiere am Tage schließlich gehört.

 

Fred besaß ein einmotoriges Sportflugzeug, mit dem er einmal im Jahr eine längere Flugreise unternahm. Fred betonte immer, wie wichtig es als Pilot ist, in Übung zu bleiben. Deshalb übernahm er auch gerne diesen Flug.

 

 

 

Nun wurden die Kisten mit den Hamstern erst einmal im hinteren Teil der Maschine verstaut. Dann durften unsere Freunde einsteigen. Bernie, der eigentlich vorne sitzen wollte, wurde von Rosie beiseite geschupst und Rosie nahm neben Fred Platz. Bernie wollte erst etwas sagen, aber Rosie zwinkerte ihm zu und er verstand: Rosie wollte es sich nicht nehmen lassen, ganz vorne zu sitzen. Jeder machte es sich nun so bequem wie es ging. Bommel zum Beispiel lag zwischen den Kisten und schlief ein bisschen.

 

 

 

Der Start verlief ohne Probleme und nach einigen Minuten hatten sie ihre Reisehöhe erreicht, wie Fred bemerkte. Alle sahen fasziniert nach unten. Lediglich Berta betrachtete angestrengt den Fußboden. Als die Maschine kurz absackte, schrieen alle vor Schreck auf, doch das Flugzeug fing sich schnell wieder. Ein Luftloch, wie Fred erklärte.

 

„Um Gottes Willen, haben wir jetzt was kaputt gemacht?“ fragte Berta entsetzt.

 

Rosie grunzte vor Vergnügen laut und sagte: „Du kannst wirklich die dümmsten Fragen aller Zeiten stellen, meine liebe Berta.“

 

„Bloß weil ich ausnahmsweise einmal etwas nicht weiß, brauchst du hier nicht den großen Max zu markieren, liebe Rosie. Weißt du denn, was ein Luftloch ist?“

 

„Klar, ein Loch in der Luft.“

 

„Aha, liebe Rosie, und wie kommt das da hin?“

 

„Äh, vielleicht durch Vögel oder so...“

 

 

 

„Und wie, bitte schön, kann etwas, was man nicht sehen kann, ein Loch haben?“

 

Rosie überlegte angestrengt, aber es fiel ihr nichts ein. Bernie half ihr schließlich aus der Patsche: „Wenn ich mich recht erinnere, handelt es sich bei einem Luftloch um Strömungen, genauer gesagt, um einen Luftwirbel. Dadurch sackt ein Flugzeug ein bisschen.“

 

Fred grinste und meinte: „Das war schon eine recht gute Erklärung, Bernie. Jetzt bereitet euch aber auf die Landung vor. Rosie, bitte stell das Essen ein. Berta, du brauchst dich nicht so sehr am Sitz festzuklammern. Falls wir nämlich abstürzen, nützt dir das auch nichts.“

 

Berta wurde noch blasser, als sie ohnehin schon war und Rosie begann, ihre Essensreste zu verstauen. In der Ferne war eine riesige, hellbraune Wüstenlandschaft zu sehen. Immer weiter sank das Flugzeug und es wurde eine schmale Straße sichtbar.

 

„Da vorne ist unsere Landebahn,“ erklärte Fred. „Wir sind circa 2 Kilometer von Aleppo entfernt.“

 

 

 

„Eine Landebahn?“ Berta schnaufte abfällig. „

 

Das ist doch bloß eine Landstraße. Anscheinend ist da nicht einmal Asphalt drauf. Kriegen wir nichts Besseres?“

 

„Nicht, wenn wir heimlich Tiere ins Land schmuggeln, Berta.“

 

„Also, lieber Herr Fred, mit Schmuggeln will ich nichts zu tun haben. Außerdem verlange ich einen vernünftigen Flugplatz!“

 

„Das habe ich ja nun gerne,“ mischte sich Rosie ein. „Den ganzen Flug über ist ihr schlecht, aber rummeckern, das kann sie!“

 

„Hört doch endlich auf mit der Streiterei, der Pilot muss sich auf die Landung konzentrieren.“ Elfriede schüttelte den Kopf über die beiden Schweine.

 

Langsam senkte sich die Nase des Flugzeugs und alle hielten sich krampfhaft an den Sitzen fest. Im hinteren Teil der Maschine, dort wo der Laderaum war, hörte man das Rutschen von Kisten. Bommel schimpfte irgendetwas und plötzlich ging ein Ruck durch das Flugzeug. Jetzt war der Flug beendet und die Maschine rumpelte über die Landebahn. Es war so laut geworden, dass man sich nicht mehr unterhalten konnte.

 

„Festhalten!“ schrie Fred, und mit einem Ruck kam das Flugzeug zum Stehen. Als sie ausgestiegen waren, sahen sie, dass sie in einer Sandwehe gelandet waren. Das Flugzeug steckte fest.

 

 

 

„Wir waren einmal auf Römö,“ erklärte Elfriede. „Dort ist mein Vater auch immer mit dem Auto im Sand stecken geblieben.“

 

„Meine Mama ist einmal in den Graben gefahren. Der Wagen musste mit einem Kran wieder herausgeholt werden,“ wusste Susi zu berichten.

 

„Unser Auto sollte damals herausgeschleppt werden,“ erzähle Elfriede weiter, „aber mein Papi meinte ja, das würde er auch alleine schaffen. Jedenfalls, als es irgendwann dunkel wurde...“

 

„Ist ja schon gut,“ mischte sich Bommel ein. „Den Flieger kriegen wir schon irgendwie flott. Lasst uns nun die armen Hamster befreien, bestimmt wollen die auch einmal frische Luft schnappen.“

 

 

 

In Windeseile wurden die Kisten mit den Hamstern aus dem Laderaum ins Freie geschafft. Dort wurden sie geöffnet, doch in den Kisten rührte sich nichts. Elfriede kippte die erste Kiste um und die Hamster kamen herausgepurzelt. Die kleinen Tiere blinzelten mit den Augen und schnupperten. Dann kuschelten sie alle aneinander, sodass sie wie ein großes Wollknäuel aussahen. Danach schliefen sie wieder ein.

 

 

 

„Tja,“ seufzte Jennie, „es sind wirklich keine Tagtiere. Die werden erst wieder wach, wenn es dunkel wird.“

 

 

 

Fred und Bommel waren inzwischen damit beschäftigt, das Flugzeug freizuschaufeln, doch sie kamen nur sehr langsam voran. Während dessen waren unsere Freunde dabei, die schlafenden Hamster zu versorgen. Sie bauten mit den Kisten eine kleine Stadt. Dann wurden Straßen und Gärten angelegt. Als alles fertig war, wurden die kleinen Tiere in die Häuser gebracht und die Hamster schienen sich in der neuen Umgebung wohl zu fühlen. Jedenfalls schliefen sie nach kurzer Inspektion ihrer neuen Behausung wieder ein. In der Zwischenzeit hatten Bommel und Fred vergeblich versucht, das Flugzeug aus der Sandwehe zu befreien. Die Sonne hatte mittlerweile ihren höchsten Stand erreicht und die Hitze wurde unerträglich. Es wurde beschlossen, im Schatten des Flugzeuges eine Mittagsruhe zu halten. Wasser war genügend vorhanden und an das Essen war auch gedacht worden. Nur Rosie zog ein langes Gesicht, als sie ihre geliebte Schokolade hervorholte. Durch die Wärme, die hier in der Wüste herrschte, war nur eine breiige, braune Masse übriggeblieben. Keiner sagte etwas dazu, es war einfach zu heiß zum Reden. Es war auch zu heiß zum Schlafen und so dämmerten unsere Freunde vor sich hin. Nach einiger Zeit deutete Bernie auf die neu errichtete Hamsterstadt und rief:

 

„Seht mal, Hamsterhausen erwacht!“

 

 

 

Tatsächlich war Bewegung in die Hamster gekommen. Die Sonne hatte sich langsam dem Horizont genähert und es wurde allmählich kühler.

 

„Gut,“ sprach Bommel. „Machen wir also mit dem Flieger weiter. Alle herkommen zum Anfassen!“

 

Gemeinsam versuchten sie, das schwere Flugzeug zu schieben und zu ziehen. Doch so sehr sie sich auch abmühten, das Fahrzeug bewegte sich nicht von der Stelle. Immer wieder probierten sie es und immer wieder war es vergeblich.

 

„Es hat keinen Zweck, wir schaffen es nicht,“ meinte Daisy enttäuscht. „Wenn wir noch 1-2 Leute mehr hätten, würden wir es schaffen!“

 

„Aber wo sollen wir die bloß herkriegen?“ überlegte Susi. „Gibt es denn hier in der Wüste keine Kamele oder so etwas?“

 

 

 

Fred kratzte sich am Kopf. „Es gibt sicher ein paar Beduinen, die hier vorbeikommen, aber ich weiß nicht, ob die uns freundlich gesonnen sind. Es ist besser, wenn keiner erfährt, dass wir hier ohne Landeerlaubnis heruntergegangen sind. Je schneller wir wieder in der Luft sind, desto besser für uns.“

 

Während die Freunde eine Pause einlegten und überlegten, wie es weitergehen sollte, warf Elfriede einen Blick zum Hamsterdorf. Die Tiere waren offensichtlich sehr zufrieden, denn sie blickten hin und wieder zu den Kindern, als wollten sie sich bei den ihnen bedanken. Da hatte Elfriede eine Idee:

 

„Ja, das ist es! Die Hamster werden uns helfen!“

 

„Hast du zu viel Sonne abbekommen, oder wie?“ Marie verstand nicht, was ihre Freundin damit meinte.

 

„Doch, Marie, das geht, und zwar habe ich einen Plan...“

 

Nun hatten sich alle neben Elfriede gesetzt und hörten zu.

 

 

 

„Wir haben Hunderte von Hamstern, also müssen wir überlegen, wie wir sie vor das Flugzeug spannen können. Jedem Hamster ein Zaumzeug zu basteln, dauert erstens zu lange und zweitens haben wir nicht genug Material. Wir werden deshalb einen Trick anwenden. Bestimmt spielen unsere kleinen Freunde gerne mit. Obst und Gemüse sind hier in der Wüste sehr selten und daher ganz besonders begehrt bei Wüstenbewohnern. Zum Glück haben wir aber genug mitgenommen. Im Laderaum habe ich ganz viele Schnüre und Bänder gesehen. An denen werden wir ein paar Äpfel und Wurzeln festbinden. Diese Bänder mit dem Obst und Gemüse werden nun am Flugzeug festgebunden. Ich wette, die Hamster kommen ganz schnell und werden versuchen, die leckeren Sachen wegzuschleppen. Wenn sie das Futter wegschleppen wollen, ziehen sie an den Bändern, die am Flugzeug festgebunden sind. Wenn das soweit ist, ziehen und schieben wir mit. Dann werden wir es noch einmal versuchen, das Flugzeug flott zu kriegen.

 

 

 

„Also, mein Goldie ist sehr stark,“ sagte Marie. „Bestimmt zieht der das Flugzeug ganz alleine aus dem Sand.“

 

Susi lachte und entgegnete: „Wetten, dass meine Flecki schneller ist?“

 

Nun lachten alle zusammen und Fred ging zum Laderaum, um alles Nötige zu holen.

 

 

 

Während dessen trug Bernie Obst und Gemüse herbei. Nun wurden die Bänder - es waren insgesamt 62 Stück - am Fahrgestell des Fliegers festgebunden. Am Ende der 62 Bänder wurde abwechselnd ein Stück Apfel oder eine leckere Wurzel festgebunden. Die Hamster hatten gemerkt, dass da irgendetwas vor sich ging. Es war ein putziger Anblick, als sich Hunderte von Hamstern auf ihre kleinen Hinterpfoten stellten und zuguckten. Zwar sind Hamster nicht besonders schlau, aber dafür ist ihr Geruchssinn sehr ausgeprägt, Tatsächlich, schon nach kurzer Zeit kam einer nach dem anderen um nachzusehen. Als die kleinen Nager die leckeren Sachen entdeckten, stürzten sie sich darauf und versuchten, sie wegzutragen.

 

„Fertig machen zum Schieben!“ rief Elfriede und nun schoben unsere Freunde das Flugzeug von hinten und die Hamster zogen es von vorne.

 

„Es funktioniert!“ rief Bommel begeistert. „Es bewegt sich!“

 

Tatsächlich wurde die schwere Maschine Stück für Stück aus dem Sand gezogen. Die Hamster zogen so kräftig sie konnten und bald war es geschafft. Das Flugzeug stand wieder auf festem Boden.

 

„Ich kann nicht mehr.“ Rosie ließ sich in den Sand fallen und keuchte laut.

 

Berta, Susi und Marie legten sich gleich daneben. Alle waren total erschöpft, doch Bernie schrie plötzlich: „He, die ziehen ja immer weiter, schnell, sonst ist die Kiste gleich wieder im Sand!“

 

Mit offenem Mund sahen unsere Freunde, wie die Hamster den Kampf um Äpfel und Wurzeln nicht aufgaben, sondern das Flugzeug immer weiter zogen.

 

„Jennie, dein Messer!“ rief Elfriede und rannte den Hamstern hinterher. Jennie verstand sofort und lief ebenfalls los. Als sie die Hamster erreichten, schnitt Jennie die Schnüre durch so schnell es ging, während Elfriede die Hamster mit den Händen zurück scheuchte. Zum Glück waren die Bänder nicht sehr dick und zudem war Jennie sehr geschickt mit ihrem Taschenmesser. Schon nach kurzer Zeit blieb das Flugzeug stehen, nur einen Schritt von der nächsten Sandwehe entfernt.

 

 

 

„Puh, das war knapp,“ keuchte Elfriede und wischte sich den Schweiß ab. Ihre Freunde standen weiter weg und klatschten vor Begeisterung so laut in die Hände, dass die Hamster vor Schreck das Weite suchten.

 

„Tja“, grinste Jennie, „laute Geräusche mögen die kleinen Tierchen nicht.“

 

 

 

Nun hieß es Abschied nehmen. Unsere Freunde gingen alle noch ein letztes Mal zu der kleinen Hamsterstadt und verteilten ihre restlichen Vorräte. Als sie Dodo, Strubbel, Goldi, Flecki und wie sie alle hießen, ein letztes Mal kraulten, war keinem wohl zumute. Es tröstete alle aber sehr, als sie sahen, wie wohl sich die Hamster in ihrer neuen Umgebung fühlten.

 

„Jetzt brauchen sie keine Angst mehr zu haben, dass sich jemand auf sie draufsetzt,“ brummte Bommel und alle lachten.

 

Fred war inzwischen mit dem Flugzeug startklar, doch dann passierte etwas, was beinahe allen zum Verhängnis geworden wäre: Fred schrie laut auf und fiel zu Boden. Bommel war als erster bei ihm und als Elfriede dazu kam, hörte sie ihren Vater nur sagen:

 

„Oh weh, das sieht nicht gut aus.“

 

„Was ist los, Papi?“

 

„Eine Schlange hat ihn gebissen, wir müssen ihn schnell ins Krankenhaus bringen!“

 

„Aber wo? Wir kennen uns hier nicht aus!“

 

 

 

„Er muss ins Krankenhaus, wir müssen hinfliegen egal wie!“ Bommel sah sich um und fragte: „Ist schon einmal einer von euch geflogen?“

 

Alle sahen Rosie an.

 

„Ja, ich“, antwortete sie. „Darf ich denn?“

 

„Du musst ihn sofort ins Krankenhaus bringen. Er ist von einer Schlange gebissen worden,“ erklärte Elfriede.

 

 

 

In Windeseile stiegen alle in die Maschine. Fred wurde vorsichtig in den Laderaum gelegt, während Rosie sich mit den Fluginstrumenten vertraut machte.

 

„Anschnallen“, sagte sie, „es kann holperig werden!“

 

„Da bin ich sicher“, murmelte Berta.

 

„Wolltest du noch etwas sagen, liebe Berta?“

 

„Aber nein, liebste Rosie, es ist nur... ich fliege eben nicht gerne.“

 

„Vielleicht ist es ja auch das letzte Mal, ha, ha, ha!“ Rosie lachte laut, während Berta immer blasser wurde.

 

Die Motoren begannen zu dröhnen. Immer lauter und lauter wurde das Geräusch, bis das Flugzeug langsam zu rollen begann. Rosie war in ihrem Element.

 

„Aha, dafür ist der Schalter da!“

 

Berta kroch immer tiefer in ihren Sessel.

 

„Das hier müssten die Hebel für die Flaps sein, also die Start- und Landeklappen.“

 

Als Berta daran zog, ging die Bordbeleuchtung an.

 

„Na gut, dann eben nicht, dann ist es wohl dieser Hebel.“

 

Berta schloss die Augen, als Rosie den Hebel betätigte.

 

„Mist, das waren die Scheibenwischer!“

 

„Rosie, bitte! Eine große Sanddüne kommt immer näher, wir müssen abheben!“

 

„Ja, ja, Daisy, ich tue ja, was ich kann.“

 

Rosie probierte den nächsten Hebel und tatsächlich: die Maschine hob vom Boden ab.

 

Schlingernd überquerten sie die große Düne und gewannen langsam an Geschwindigkeit und Höhe.

 

„Das war doch nicht schlecht“, krächzte Rosie. „Mal sehen, ob ich den Autopiloten finde. Also, der Altimeter ist für die Höhenkontrolle. Die Spritanzeige ist ok. Ah, das hier muss der Autopilot sein!“ Sie drückte einen Knopf und das Flugzeug schoss unter dem Kreischen ihrer Freunde steil nach oben. Immer höher stiegen sie, den Wolken entgegen.

 

„Naja, kann ja nicht alles klappen“, brummte sie. „Das war wohl doch die Höhenkontrolle. Ah, das da wird er sein!“

 

Berta lag zusammengekrümmt auf ihrem Sessel und betete.

 

Rosie drückte wieder auf einen Knopf, das Flugzeug senkte die Nase leicht nach Unten und ging in einen geraden Flug über. Die dröhnenden Motoren wurden leiser und Bertas Wimmern war nun zum ersten Mal deutlich zu hören.

 

„Stell dich nicht so an“, schimpfte Rosie. „Fliegen ist ungefährlicher als Auto fahren!“

 

„Nicht, wenn du am Steuer sitzt,“ jammerte Berta.

 

„Gut, wenn du meinst. Dann mache ich jetzt nichts mehr!“

 

Rosie verschränkte die Arme vor der Brust. Das Flugzeug senkte nun seine Nase nach unten und ging allmählich in einen Steilflug über.

 

„Nein, bitte, bitte, flieg weiter, du bist eine gute Pilotin!“

 

„Gut? Nur gut?“

 

„Die beste, die allerbeste!“ kreischte Berta.

 

„Danke für das ehrliche Kompliment, liebste Berta. Das musste ja mal gesagt werden.“

 

Fröhlich pfeifend lenkte Rosie die Maschine in Richtung Heimat, während ihre Freunde mucksmäuschenstill auf ihren Plätzen saßen und an die bevorstehende Landung dachten.

 

 

 

„Ach, Mensch“, sagte Rosie plötzlich, „ich glaube, ich muss mich beim Tower anmelden.“

 

Sie drückte eine Taste neben dem Mikrofon und rief:

 

„Rosie an Tower, Rosie an Tower!”

 

 

 

Ein Rauschen im Lautsprecher war alles, was ihr antwortete. Sie drehte an einem Knopf und wiederholte ihre Worte. Nun kam endlich die Antwort der Lotsen des Flughafens.

 

„Verstanden. Hier Tower, bitte identifizieren sie sich, Flug Rosie!“

 

„Ich bin nicht krank, was soll das?“ schimpfte Rosie ins Mikrofon.

 

„Wiederhole: bitte identifizieren Sie sich, Flug Rosie!“

 

„Wiederhole: ich bin nicht krank, ich bin nicht infiziert!“

 

Rosie wurde allmählich sauer.

 

Bevor der Tower antworten konnte, stöhnte Berta:

 

„Die meinen, du sollst dich identifizieren, das heißt, dich zu erkennen geben.“

 

„Bitte nennen Sie Ziel und Zweck Ihres Fluges“, meldete sich nun der Tower wieder.

 

 

 

Rosie räusperte sich.

 

„Also der Zweck waren die Hamster und das Ziel war, ihnen ein neues Zuhause zu geben.“

 

Berta verdrehte die Augen, während der Lotse im Tower nicht aufgab: „Woher kommen Sie, wohin wollen Sie, Flug Rosie?“

 

Rosie zeigte nach hinten und sagte:

 

„Wir kommen von da und wollen in die andere Richtung, also hierhin.“

 

„Flug Rosie, bitte geben Sie Höhe und Koordinaten an!“

 

„Also,“ begann Rosie, „ich bin 1,20 Meter und das andere habe ich nicht dabei.“

 

„Verstanden, Flug Rosie. Sind Sie ausgebildete Pilotin?“

 

„Nein, ich gehe noch in die Vorschule.“

 

Aus dem Lautsprecher war eine Zeitlang nichts mehr zu hören, bis sich der Flughafen wieder meldete:

 

„Flug Rosie, wenn ich richtig verstehe, handelt es sich um einen Notfall?“

 

„Nun, ja, Herr Fred ist von einer Schlange gebissen worden und ich muss jetzt fliegen.“

 

„Schlange? Haben Sie Schlangen an Bord?“

 

Rosie sah Berta an und antwortete grinsend:

 

„Das kann man schon sagen...“

 

 

 

Inzwischen war der Flughafen in Sichtweite gekommen und es war deutlich zu sehen, dass überall rote Fahrzeuge neben der Landebahn standen.

 

 

 

„Ich glaube, die bereiten gerade eine Bruchlandung vor“, stieß Bernie hervor. „Jetzt legen die auch noch einen Schaumteppich!“

 

 

 

„Komisch“, meinte Rosie. „Ob da was passiert ist?“

 

„Tower an Flug Rosie“, klang es wieder durch den Lautsprecher. „Gehen Sie mit den Landeklappen auf 30 Grad und nehmen Sie Schub weg.“

 

„Und wo soll ich den hinlegen?“ fragte Rosie und lehnte sich aufs Lenkrad.

 

 

 

Das Flugzeug sackte sofort ab.

 

„Hochziehen, Flug Rosie, gehen Sie mit den Landeklappen auf 45 Grad und fahren Sie das Fahrwerk aus!“

 

Rosie kratzte sich am Kopf und probierte ein paar Knöpfe und Hebel. Nun schmierte die Maschine seitlich nach links ab und während es aus dem Lautsprecher hochziehen - nach Steuerbord tönte, ging es dem Boden entgegen.

 

Elfriede, die am linken Fenster saß, konnte noch sehen, wie die Feuerwehrleute aus dem Wagen sprangen, auf den das Flugzeug zuschoss.

 

 

 

„Festhalten!“ schrie sie. „Wir landen!“

 

Es knallte kurz, aber laut und unsere Freunde stellten fest, dass sie sich noch in der Luft befanden.

 

„Der Feuerwehrwagen hat kein Dach mehr,“ stellte Bernie fest, nachdem er nach hinten geschaut hatte. „Der ist jetzt ein Cabriolet.“

 

„Flug Rosie, wohin fliegen Sie?“

 

„Wir wollen zum Krankenhaus“, erwiderte Rosie.

 

„Wenn Sie so weitermachen, sind Sie bestimmt bald dort“, antwortete der Tower. „Stellen Sie den Motor aus!“

 

Rosie suchte den Ausschalter. Der große schwarze Knopf schien der richtige zu sein, doch leider verfing sie sich im Steuerknüppel. Das Flugzeug raste jetzt nach rechts und flog direkt auf den Tower zu.

 

 

 

„Abdrehen, Flug Rosie, abdrehen!“

 

Im letzten Moment schoss die Maschine dicht am Tower vorbei und ein Klirren war zu hören.

 

„Die haben keine Scheiben mehr,“ grinste Bernie.

 

„Flug Rosie, Flug Rosie, der Schalter für den Motor befindet sich ganz Rechts auf der Armatur!“

 

Während die Maschine eine Kurve flog, legte Rosie den Schalter um. Sofort wurden die Motoren leise, bis nur noch ein leises Blubbern zu hören war.

 

„Na, wie war ich?“

 

„Rosie, pass auf, du fliegt auf ein Gebäude zu!“ Elfriede zeigte nach vorne, wo eine riesige Glaskuppel immer näher kam. Rosie versuchte, den Flieger wieder hochzureißen, doch es war zu spät. Die Maschine bohrte sich in die gläserne Kuppel; Glas splitterte, Stützpfeiler brachen, es knallte und quietschte. Als das Flugzeug sich nicht mehr bewegte, wagte Bernie einen Blick nach draußen.

 

„Ich glaube, wir sind im Restaurant des Flughafens gelandet,“ stellte er fest.

 

Rosie kurbelte das Seitenfester herunter und rief: „Ihr glaubt es nicht, an meiner Scheibe klebt eine Sahnetorte! Lecker!“

 

 

 

Fred ging es schon nach kurzer Zeit wieder besser. Der Flughafenarzt stellte fest, dass der Schlangenbiss nicht weiter gefährlich war. Die Zeitungen aber waren so begeistert von der Hamstergeschichte, dass sie das Erlebnis als Reportage veröffentlichen wollten. Dafür übernahmen sie auch die Kosten für die Schäden am Flughafen. Nur Berta fang es schade, dass Rosie nicht wenigstens ein paar Tage ins Gefängnis musste.

 

 

 

Elfriede räusperte sich und holte tief Luft. So ein langes Abenteuer zu erzählen strengt doch ganz schön an.

 

„So, das war die ganze Geschichte, aber jetzt lasst uns endlich überlegen, welches Tier wir uns diesmal holen!“

 

„Wie wäre es mit einem Raben oder einer Krähe?“

 

„Ich weiß nicht, Jennie,“ meinte Daisy, „das dauert doch viel zu lange bis wir denen Sprechen beigebracht haben.“

 

„Vielleicht kann Professor Hastig uns einen Roboter bauen?“ schlug Bernie hoffnungsvoll vor.

 

„Der ist leider im Urlaub,“ entgegnete Susi. „Der kann uns nicht helfen.“

 

Rosie hatte bisher geschwiegen, doch nun rief sie: „Wie wäre es mit einem sprechenden Papagei?“

 

Das war es! Unsere Freunde beschlossen: ein Papagei sollte her.