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6. Kapitel

 

 Beim Tierarzt

 

 

"Zum Tierarzt?" Bommel traute seinen Ohren nicht. "Was ist denn nun schon wieder passiert?"

 

"Na ja," begann Elfriede, "Goldi wollte Flecki etwas Futter klauen und Flecki hat ihn dann gehauen. Dann hat Goldi Flecki gekratzt und daraufhin hat Flecki Goldi gebissen. Jetzt sind beide verletzt und müssen zum Tierarzt.”

 

Brummend erhob sich Bommel und holte seine Wagenschlüssel. Unsere Freunde hatten die beiden verletzten Hamster schon in einen kleinen Pappkarton gesetzt und warteten, dass es los ging.

 

"Krallengasse 15 wohnt der Quacksalber, ich habe gerade angerufen", knurrte Bommel.

 

"Sie müssen gleich bei der ersten Kreuzung abbiegen", sagte Rosie.

 

 Dr. Fellhauer

"Ich weiß", grunzte Bommel genervt.

 

"Sie fahren viel zu schnell," fing nun Berta an. "Das ist im Stadtverkehr nicht erlaubt."

 

"Na und, das Sprechen mit dem Fahrer ist auch verboten."

 

"Sie haben eben nicht geblinkt beim Abbiegen!"

 

"Klappe halten!" schimpfte Bommel. "Ich muss mich aufs Fahren konzentrieren!"

 

"Elfriede, sage bitte deinem Vater, er soll nicht so rasen, mir wird schlecht!"

 

"Wir sind doch gleich da, Berta, außerdem geht es ja um unsere Hamster."

 

Seufzend sah Berta zu Rosie hin und sofort begann sie wieder zu trompeten: "Du krümelst die ganzen Sitze von Herrn Bommel ein! Sieh mal, da ist schon Schokolade auf dem Sitz. Herr Bommel, Rosie versaut die Sitze!"

 

"Na und, der Wagen ist alt. Da sind sowieso schon genug Flecken drauf."

 

Berta traute ihren Ohren nicht.

 

"Herr Bommel, soll das heißen, das ich damit rechnen muss, am Sitz festzukleben? Das ist ja ekelhaft!"

 

"Ruhe dahinten, sonst steigt ihr aus!" Bommel hatte sich kurz umgedreht und war dabei auf den Kantstein gefahren. Der Wagen hoppelte heftig und alle schrien auf. Nun meldete sich Rosie wieder: "Soll ich nicht lieber fahren, Herr Bommel, ich glaube, Sie sind viel zu nervös!"

 

 

 

"Sag mir lieber, ob ich rechts oder links abbiegen muss, oder geradeaus? Ach, egal, ich fahre geradeaus, ich kann sowieso nicht mehr bremsen!"

 

"Vorsicht Herr Bommel, ein Polizist!" rief Rosie und schloss die Augen.

 

 

 

Viel zu spät sah Bommel den Wachtmeister Bertrams. Zwar trat Bommel ganz fest auf die Bremse, doch es war zu spät. Wachtmeister Bertrams hatte seine Trillerpfeife schon im Mund

 

und trillerte fast so laut wie das Quietschen der Reifen. Es gab ein Knall und der trillernde Wachtmeister flog durch die Luft. Das Trillern seiner Pfeife wurde immer leiser und nach einem weiteren Krachen war es verstummt. Alles war nun still. Sogar die beiden Hamster, die sich während der Fahrt gekloppt hatten, waren nun leise. Auch Berta sagte nichts mehr.

 

Bernie war der erste, der wieder Worte fand: "Der arme Polizist ist in das Gemüsegeschäft geflogen!"

 

 

 

Tatsächlich, Wachtmeister Bertrams lag zwischen Suppengemüse, Grünkohl und Kartoffeln. Seine Pfeife war ihm aus dem Mund gefallen. Stöhnend stand er auf, nahm seine Pfeife und näherte sich mit wackeligen Schritten dem Auto, in dem unsere Freunde saßen.

 

 

 

"Papiere!" sagte er mit gurgelnder Stimme und spuckte eine Kartoffel aus.

 

"Moment, Herr Wachtelmeister," sagte Bommel und wühlte im Handschuhfach herum. Statt Führerschein fand er jedoch nur Reste von Hamsterfutter und begann zu niesen. Schnell zog er ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich gründlich.

 

"Die Fahrzeugpapiere, sonst muss ich Sie festnehmen!"

 

"Sofort, Wachtmeisterchen," meinte Bommel. "Bitte halten sie mal, ich suche weiter."

 

Er drückte dem Wachtmeister das triefende Taschentuch in die Hand und suchte in der Brusttasche seiner Jacke.

 

"Was, bitte schön, soll ich mit diesem triefenden Dreckslappen?"

 

Wachtmeister Bertrams was kurz davor, sich zu übergeben.

 

"T'schuldigung", knurrte Bommel, nahm das Taschentuch und warf es auf die Straße.

 

"Herr Bommel!" rief Berta empört und der Polizist steckte seine Pfeife in den Mund und pustete, so stark er konnte. Leider war die Pfeife beim Sturz in das Gemüse so sehr verbogen worden, dass sie keinen Laut mehr von sich gab. Die Pfeife flog ihm aus dem Mund und traf Rosie. Ein lautes Geheul war vom Rücksitz des Autos zu hören.

 

"Tut mit leid", brummte Bertrams. "Das wollte ich nicht! Wo bleiben die Papiere?"

 

"Kann sich nur noch um Stunden handeln," scherzte Bommel.

 

"...und es kann sich nur noch um Jahre handeln, bis Sie aus dem Gefängnis wieder rauskommen!"

 

"Sie sind ja schlecht gelaunt, Herr Wachtelmeister. Übrigens haben Sie Petersilie am Rüssel!"

 

Wachtmeister Bertrams war mit den Nerven am Ende.

 

"Fahren Sie", gurgelte er. "Machen Sie, dass sie wegkommen, weit weg, kommen Sie nie wieder an diese Kreuzung!" Dann ging er ein paar Schritte zurück.

 

"Komischer Kauz, dabei hätte ich fast meine Papiere gefunden," meinte Bommel, ließ den Motor wieder an und gab Gas.

 

"Das ist der Rückwärtsgang", schrie Berta und Bommel stoppte sofort. Die Reifen quietschten und es gab einen kurzen Knall. Bommel drehte sich um.

 

"Wo steckt denn eigentlich der Wachtmeister?"

 

Bommel stieg aus. Er schaute nach allen Seiten. Schließlich hörten unsere Freunde ihn sagen: "Oh, Herr Wachtelmeister, was machen Sie denn auf meinem Wagendach?"

 

 

 

Was Wachtmeister Bertrams dann zu sagen hatte, war sehr laut und nicht für Kinderohren geeignet. Jedenfalls hatte er sich alles genau aufgeschrieben und Bommel durfte weiterfahren.

 

"Papi, was hat der Polizist damit gemeint, dass du noch von ihm hören wirst?"

 

"Das erkläre ich dir später, wir müssen nun einen Parkplatz suchen."

 

Wenigsten das Einparken klappte und sie standen vor der Praxis von Tierarzt Dr. Fellhauer. Die Praxis befand sich im 4. Stock eines Hochhauses doch glücklicherweise gab es einen Fahrstuhl.

 

"Bestimmt hätte Norbert wieder Stunden gebraucht, die Stufen hochzuklettern," stellte Bernie fest. Susi trug den Karton mit Flecki und Goldi und als sie angekommen waren, klingelte Marie mit klopfendem Herzen an der Tür zur Praxis. Die Tür schnarrte kurz und unsere Freunde traten ein.

 

Eine dicke Frau saß an einem weißen Tisch und telefonierte.

 

"Das muss die Sprechstundenhilfe sein," rief Susi aufgeregt und zusammen mit Marie trat sie dicht vor den Tisch. Die dicke Frau schien sich für die Mädchen überhaupt nicht zu interessieren. Unsere Freunde warteten geduldig und lauschten dem Telefongespräch.

 

"Haach, habe ich gesagt, zu dem Friseur gehe ich nicht wieder! Stell dir vor, der hat doch glatt gesagt, mein Haar wäre zu dünn! Weißt du, was ich ihm dann gesagt habe? Ich habe ihm doch glatt gesagt..."

 

"...dass wir endlich drankommen wollen!"

 

Die dicke Frau sah Bommel an und sprach weiter: "Moment, Luise, ich ruf später noch einmal an, manche Leute sind einfach rücksichtslos, du glaubst es nicht!"

 

Nachdem sie aufgelegt hatte, rückte sie ihre Brille zurecht und sah Bommel an.

 

"Haben Sie einen Termin?"

 

"Mein Name ist Bommel, ich habe vorhin angerufen."

 

"Welche Beschwerden haben Sie denn?" sagte sie und kicherte über ihren Witz.

 

"Ich möchte mich über eine dicke Labertasche beschweren, die blöde Witze reißt!"

 

"Werden Sie bloß nicht pampig Herr Bommel, Sie sehen doch, dass ich beschäftigt bin."

 

"Ja, ja, mit Ihrem Friseur, aber glauben sie mir: Ihr Problem sind nicht die Haare."

 

"Ungehobelter Kerl, was wollen sie überhaupt?"

 

"Zwei Hamster sind verletzt."

 

"Hamster? Igitt, ich hasse Ratten und Mäuse!"

 

"Hamster sind nicht mit Ratten und Mäusen verwandt," meldete sich nun Jennie.

 

"Egal," meinte die dicke Sprechstundenhilfe, "die sind alle widerlich."

 

"Jedenfalls sitzen sie nicht stundenlang beim Friseur," grinste Bommel.

 

Norbert war während dieser Streiterei unter den Tisch gekrochen und sah sich dort um. Die Handtasche von der keifenden dicken Frau sah interessant aus. Norbert öffnete sie und wühlte etwas darin herum. Schade, nichts Interessantes. Er ließ das Schloss wieder zuschnappen, doch dabei klemmte er den Rock der dicken Sprechstundenhilfe ein. Bei dem Versuch, das Schloss wieder zu öffnen, verhedderte sich der Gurt der Tasche mit dem Stuhl, auf dem die dicke Frau saß. Norbert machte, dass er wegkam. Inzwischen hatte Dr. Fellhauer den Krach in der Praxis gehört und öffnete seine Tür.

 

"Ich möchte nicht stören", sagte er, "aber der Nächste bitte!"

 

"Die da mit ihren Mäusen sind dran, Herr Doktor," sagte die dicke Sprechstundenhilfe und zeigte auf unsere Freunde.

 

"Hamster!" schimpfte Berta.

 

"Na, dann lassen Sie mal die Patienten rein!" sagte Dr. Fellhauer. Die dicke Frau stand auf, um unseren Freunden den Weg zu zeigen, doch dann passierte es: ein lautes RATSCH war zu hören und die dicke Sprechstundenhilfe stand im Unterrock.

 

Laut kreischend riss sie den Rock an sich und stürmte zum Klo um sich wieder anzuziehen. Dabei zog sie Stuhl und Handtasche hinter sich her.

 

Während Bommel sich vor Lachen nicht mehr halten konnte, stürmten unsere Freunde schnell durch die Tür in das Sprechzimmer des Arztes.

 

"Na, wo drückt uns denn der Schuh?" fragte der Arzt, während er seinen Schreibtisch aufräumte.

 

 

 

"Die beiden haben sich geprügelt", sagte Susi und stellte den Karton mit den beiden Hamstern auf den Tisch.

 

"So, so, geprügelt", schmunzelte Dr. Fellhauer. "Das kommt schon mal vor, besonders, wenn es ums Futter geht. Zum Glück habe ich noch etwas von meinem Mittagessen, es gab Bratlinge mit scharfem Senf, aber den Senf lassen wir besser weg."

 

Flecki und Goldi waren inzwischen aus dem Karton gekommen und sahen sich neugierig um. Der Arzt brach ein Stückchen von dem leckeren Gemüsebratling ab und hielt es ihnen hin. Als die beiden aber anfingen, sich zu gegenseitig wegzuschubsen, wurde das Stück wieder zurückgezogen. Immer wieder hielt der Arzt das Stück vom Bratling hin und immer wieder zog er es zurück, wenn ein Hamster den anderen wegschubsen wollte. Bei jeder Schubserei drohte er mit dem Finger und langsam verstanden die Hamster. Schließlich knabberten die beiden friedlich nebeneinander und Dr. Fellhauer klebte jedem der beiden Tiere ein Pflaster auf die verletzten Stellen.

 

 

 

"Es waren keine schlimmen Wunden", stellte er fest. "Vielleicht haben sie jetzt gelernt, friedlich miteinander auszukommen."

 

Zufrieden drehte er sich zu Bommel um und sagte mit finsterer Mine: "Ihr Rüssel gefällt mir aber gar nicht!"

 

"Das liegt an den Hamstern, ich kriege immer Rüsselfieber von denen!" brummte Bommel.

 

"Na, dann müssen wir mal etwas dabei machen. Wie wär’s mit einer schönen Rüsselsalbe?"

 

"Wenn es sein muss."

 

"Wo habe ich sie denn? Ah, ich glaube, da liegt sie ja schon. Rüssel her, Herr Bommel, gleich sind sie ein neuer Mensch, äh, ein neuer Ottifant!"

 

Dr. Fellhauer nahm ein bisschen Watte und tränkte sie mit einer braunen Salbe. Dann rieb er Bommels Rüssel damit ein.

 

"Aaaaarg!"

 

"Was ist, Herr Bommel?" fragte der Arzt entsetzt.

 

"Nein Nüssel! Aua, nein Nüssel!"

 

"Was ist mit ihrem Rüssel los, tut er weh?"

 

"Ja, nein Nüssel nut neh!"

 

"Aber das kann nicht sein," sagte der Arzt und warf einen Blick auf die Salbe.

 

"Ich Dummerchen," kicherte er, "das war ja der scharfe Senf."

 

Schnell zog Dr. Fellhauer den armen Bommel auf die andere Seite des Zimmers, wo sich ein Wasserhahn befand. Nachdem Bommels Rüssel vom Senf befreit war, verließen unsere Freunde die Praxis und gingen zum Auto zurück. Wenigsten war Bommels Rüsseljucken verschwunden, aber dafür hatte er jetzt Rüsselbrennen. Reichlich missgelaunt ließ er den Motor an und fuhr mit quietschenden Reifen los.

 

"Papi, du fährst viel zu schnell," meinte Elfriede, doch Bommel knurrte nur: "Ich kann euch auch an der nächsten Bushaltestelle absetzten!"

 

Aber wenn man schlechte Laune hat, geht meistens auch alles andere daneben. An der Kreuzung war mal wieder ein Stau. Bommel zögerte nicht lange, sondern fuhr einfach links an den wartenden Fahrzeugen vorbei. Plötzlich gab es einen lauten Knall und etwas Graues lag auf der Windschutzscheibe. Wachtmeister Bertrams!

 

Diesmal wurde der Vortrag des Wachtmeister sehr lang und sehr laut.

 

Auf der Weiterfahrt sagte keiner mehr etwas. Schweigend erreichten sie ihr Zuhause.

 

 

 

Als alle gegangen waren, machte sich Elfriede ans Aufräumen. Wenigstens liegen keine Krümel auf dem Fußboden, dachte sie, denn die Hamster hatten keinen Kekskrümel liegen lassen. Während sie Teller und Tassen zusammentrug, hatte Elfriede das Gefühl, als wenn etwas durch ihr Zimmer huschen würde. Sie sah zum Käfig, doch Strubbel saß auf seiner Zigarrenkiste und putzte sich. Nach dem Aufräumen machte sie lustlos ihre Hausaufgaben, doch dann hatte sie wieder das Gefühl, als wenn sich etwas in ihrem Zimmer bewegte. Sie packte die Schulbücher ein und durchsuchte ihr Zimmer.

 

 

 

Da! Etwas Kleines, Braunes flitzte hinter ihren Kleiderschrank. Elfriede holte eine Taschenlampe und leuchtete unter den Schrank. Fast wäre ihr die Lampe aus der Hand gefallen, als sie die Bescherung sah: ein gutes Dutzend Hamster hatte sich dort versteckt!

 

 

 

„Nein, Elfriede,“ Daisy klang etwas verlegen am Telefon, „mein Dodo ist bei mir, aber ich habe komischerweise auch ein paar Hamster mehr als gestern...“

 

Elfriede rief auch die anderen Freunde an. Jeder hatte plötzlich mehr Hamster als vorher.

 

Berta wusste sogar zu berichten, dass sie am frühen Morgen den Käfig von Robert Luis Carlo sauber machen wollte und feststellen musste, dass Robert gar kein Robert, sondern eine Roberta war.

 

 

 

„Du glaubst nicht, Elfriede, wie süß die kleinen, neugeborenen Hamster aussahen. Sie hatten noch gar kein Fell. Ich bin jetzt eine stolze Mutter!“

 

„Da du gerade von Mutter sprichst, Berta, was sagt deine Mutter denn dazu?“

 

Berta guckte verlegen und druckste: „Sie sagt, das geht nicht. Sie sagt, ich soll die Kleinen in ein Tierheim bringen, aber das kommt nicht in frage!“

 

„Daisy hat das gleiche Problem und ich glaube, bei den anderen ist es genauso. Mein Papa hat schon seit Tagen Rüsseljucken und kann vor lauter Niesen gar nicht mehr schimpfen.“

 

 

 

Es musste etwas geschehen. Am nächsten Tag trafen sich die Freunde nicht bei Elfriede, sondern jeder überlegte, was zu tun sei. Am übernächsten Tag konnte man inzwischen von einer Hamsterplage reden, doch eine Lösung war nicht in Sicht. Schließlich verabredeten sich alle wieder bei Elfriede, denn ihre Eltern waren heute Nachmittag bei Frau Puhvogel zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Bruno war zum Glück bei einem Freund untergekommen und so brachten alle ihre Hamster mit. Es musste nun etwas passieren, denn Elfriede hatte in ihrem Zimmer mittlerweile 52, Daisy 61, Bernie 43, Susi 49, Marie 47, Rosie 50 und Berta 38 Hamster.

 

„Bald sind wir bei 500 Tieren, aber zum Feiern ist mir nicht zumute,“ stöhnte Jennie. „Eines ist sicher: bald wird es Winter und wir müssen einen warmen Platz für alle finden.“

 

„Wieso?“ fragte Berta. „Die haben doch ein dickes Fell, können die Hamster nicht einen Platz im Zauberwald bekommen? Eine Höhle oder so?“

 

„Goldhamster,“ erklärte Jennie, „leben normalerweise in der Wüste. Im Wald würden sie erfrieren, das geht natürlich nicht.“

 

„Wir können sie also nur bei uns im Haus verstecken,“ meinte Elfriede, „aber was werden unsere Eltern dazu sagen?“

 

„Das werden wir gleich erfahren,“ rief Bernie, der gerade aus dem Fenster geguckt hatte. „Ich glaube, deine Eltern kommen jetzt wieder nach Hause.“

 

„Schnell,“ rief Elfriede, „wir müssen die Hamster verstecken! Daisy, pack deine in den Kleiderschrank, die anderen kommen in den Bettkasten, oder in die Badewanne, oder...“

 

 

 

Bommel trat ins Kinderzimmer. Er blickte erstaunt auf die 340 Goldhamster, schloss die Augen und nieste so laut, dass die Hamster vor Schreck laut quiekend in alle Richtungen flüchteten.

 

„Was, schnüff, ist das, bitte schön, und wieso sitzt in unserem Briefkasten ein Hamster? Ich wollte gerade die Post herausholen, als so ein kleines Miststück einen wichtigen Brief anknabberte.“

 

 

 

„Äh, Papi, die sind nur zu Besuch da. Die, äh, bringen wir wieder nach Hause.“

 

„Nach Südamerika, wo deine Freunde ja gewöhnlich herkommen?“

 

„Nein, Papi, ich glaube, diese kommen aus der Wüste.“

 

„Mir ist egal, wo die herkommen. Bis heute Abend sind sie verschwunden, klar?“

 

„Ist gut, Papi.“ Elfriede atmete auf. So war wenigstens etwas Zeit gewonnen, aber was nun?

 

Bommel ging wieder nach unten, um seine Zeitung zu lesen.

 

 

 

Während unsere Freunde noch damit beschäftigt waren, die in Panik geratenen Hamster einzufangen, drang aus dem Wohnzimmer ein Schmerzensschrei. Elfriede rannte nach unten und sah, wie ihr Vater mit der einen Hand einen Hamster am Nacken gepackt hatte, und sich mit der anderen den Hintern hielt.

 

„Elfriede! Das kleine Miststück hat mich in den Hintern gebissen!“

 

„Aber Papi, du darfst dich ja auch nicht auf ihn draufsetzen.“

 

„Das ist ja wohl mein Platz und keine Wüste, oder?“

 

 

 

Bommel gab Elfriede den Hamster und setzte sich auf seinen Sessel, nachdem er sich überzeugt hatte, dass sich dort keine weiteren Nagetiere aufhielten. Als er die Zeitung in die Hand nahm, musste er zu seinem Schrecken feststellen, dass die halbe Zeitung bereits als Nistmaterial von den Hamstern verschleppt worden war. Nachdem Bommel dann auch noch einen Hamster auf dem Fernseher herumturnen sah, war das Maß voll. Er nahm ein schweres Sofakissen und warf es nach dem Hamster, doch leider traf er den Fernseher. Es krachte und schepperte als der Fernseher umfiel, doch der Hamster konnte sich hinter die Blumen auf der Fensterbank retten. Ein zweites Kissen räumte die Blumen ab und ein drittes Kissen zerschmetterte die alte Wanduhr.

 

„Papa, merkst du nicht, dass man mit Gewalt nichts erreicht?“

 

Schwer atmend stand Bommel mitten im Wohnzimmer. Der Hamster rannte um sein Leben und verschwand im Hausflur. Bommel rannte mit der Fernbedienung des kaputten Fernsehers hinterher.

 

Ein lautes Krachen, gefolgt von dem Klirren einer Scheibe, kündigte an, dass er etwas getroffen hatte. Richtig, als Elfriede in den Hausflur trat, sah sie den großen Spiegel in Scherben auf dem Boden liegen. Es war ein Geschenk von Tante Ottilie gewesen.

 

 

 

„Diesen blöden Spiegel habe ich sowieso noch nie leiden können,“ brummte Bommel.

 

Er ging in die Küche, um Schaufel und Besen zu holen. Erschöpft setzte er sich auf einen Küchenstuhl, sprang jedoch sofort wieder auf, als er ein lautes Quieken unter sich hörte.

 

„Es reicht, du miese kleine Ratte...“

 

„Hamster, Papi, es ist ein Hamster,“ verbesserte Elfriede ihren wütenden Vater.

 

„Mir egal, den greif ich mir jetzt!“

 

Bommel ging auf den ängstlichen Hamster zu und sah ihn an. Das kleine Nagetier saß auf seinen Hinterpfoten und hielt die Vorderpfoten abgewinkelt nach unten. Seine Barthaare zitterten, als er Bommel traurig ansah. Bommel legte die Schaufel beiseite und nahm den kleinen Kerl in beide Hände.

 

„Du brauchst keine Angst zu haben, ich tu dir nichts.“

 

„Ich glaube, er mag dich, Papi.“

 

„So ein lieber, netter Kerl.“ Bommel war auf einmal völlig fasziniert von dem Hamster. Jetzt sah Elfriede ihre Stunde gekommen.

 

„Papi, wir wissen nicht, was wir mit ihm und seinen kleinen Freunden im Winter machen sollen. Sie werden draußen erfrieren und wir haben nicht genug Platz für alle.“

 

Ihr Vater sah erst den Hamster und dann Elfriede an. Er überlegte und schließlich sagte er mit fester Stimme:

 

„Ich werde sie nach Hause bringen, in die Wüste Südamerikas!“

 

„Syriens, in der Nähe von Aleppo,“ korrigierte Jennie.

 

„Ale- was?“

 

„Aleppo. Ihr lateinischer Name ist übrigens Mesocricetus auratus. Auratus heißt vergoldet.“

 

„Wie auch immer,“ grummelte Bommel, „ich glaube, ich habe da eine Idee.“

 

 

 

Bommel ging zum Telefon und nachdem er ein paar Hamster verscheucht hatte, konnte er auch den Hörer abheben und eine Nummer wählen.

 

 

 

„Hallo Fred, wie geht’s? Wir waren gerade bei der alten Puhvogel, aber leider ging es ihrer Katze nicht so gut, deshalb dauerte unser Besuch bei ihr zum Glück nicht so lange. Was macht dein Flugzeug, fliegt es noch? Ich habe da nämlich ein Problem... “

 

 

 

Elfriede rannte, so schnell es ging, die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Sie musste aufpassen, nicht auf einen der vielen Hamster zu treten. Als sie in ihr Zimmer stürzte, übersah sie einen und traf ihn mit dem Fuß. Laut quiekend protestierte das kleine Pelzbündel, als es durch die Luft flog und genau in dem Puppenhaus landete.

 

Das Tierchen schüttelte sich kurz und sah sich schnuppernd um. Unsere Freunde atmeten auf, als sie sahen, dass es unverletzt geblieben war. Nun aber fing es an, den Teppich im Puppenhaus anzuknabbern. Elfriede schnappte sich das Tier und setzte es zu den anderen, dann sagte sie: „Ich glaube, mein Papi hat gerade eine Lösung gefunden.“

 

Alle sahen sie gespannt an.

 

„Er telefoniert gerade mit seinem Freund Fred, ihr wisst ja, der mit dem Flugzeug.“

 

„Du meinst,“ warf Rosie ein, „wir sollten alle weit wegfliegen?“

 

„Wir doch nicht, Rosie, die Hamster natürlich!“ Berta warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

 

„Liebste Berta,“ erwiderte Rosie, „glaubst du denn, die Hamster können ein Flugzeug steuern?“

 

„Natürlich nicht, das weiß doch jedes Schwein.“

 

„Siehst du, also müssen wir mitfliegen. Ich freue mich schon darauf, endlich mal wieder am Steuer zu sitzen.“

 

„Du? Am Steuer? Die armen Hamster.“

 

Berta rümpfte ihre Nase.

 

„Jawohl, am Steuer, wenn du Angst hast, kannst du ja hier bleiben!“

 

„Ich, liebste Rosie, habe keine Angst, aber lebensmüde bin ich auch nicht.“

 

„Ach, ja, liebste Berta? Soll ich dir mal sagen, wie gut ich fliegen kann? Nur weil dir immer schlecht wird beim Fliegen, jammerst du rum!“

 

„Wenn du, meine liebe Rosie, dir schon beim Starten den Bauch mit Schokolade zustopfst, muss einem ja schlecht werden.“

 

„Wenn ich fliege, dann...“

 

Berta unterbrach ihren Wortschwall, denn Bommel kam gerade zur Tür herein. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, um ja nicht auf einen der kleinen Hausbewohner zu treten. Allen fiel auf, dass sein Rüssel in letzter Zeit recht entzündet und rot aussah. Es wurde wirklich Zeit, dass etwas geschah, denn das Rüsseljucken wurde immer schlimmer. Bommel schnupfte vorsichtig in sein Taschentuch. Diesmal war es so leise, dass kein Hamster in Panik geriet.

 

„Alles klar, Fred erwartet uns morgen früh am Abflugort. Wir starten auf einem kleinen, stillgelegten Flugplatz am Waldrand, dort gibt es keinen Zoll, der uns Ärger wegen der Hamster machen könnte, sagt Fred.“

 

„Was hat denn, bitte schön, der Zoll mit unseren Tieren zu tun?“

 

„Weißt du, Berta,“ erklärte Bommel, „der Zoll passt eben auf, dass keine Tiere in ein Land ein- oder ausgeführt werden. Es könnten ja auch Krankheiten mitgebracht werden. Meistens müssen sie erst in Quarantäne.“

 

„Was sollen wir denn in Quaran... Dingsda? Wir wollen doch nach Aleppo?“ fragte nun Rosie.

 

„Da sieht man wieder, dass du überhaupt keine Ahnung hast, meine liebe Rosie,“ meldete sich prompt Berta. „Ein Quarantän ist ein Rechteck.“

 

Bommels Augen wurden immer größer.

 

„Wieso Rechteck?“ fragte er erstaunt.

 

„Äh, oder hieß das Quadrant...“ Berta war sich da nicht so sicher.

 

„Quarantäne bedeutet, dass die Tiere in einen Extrakäfig kommen. Dort muss ein Tierarzt dann feststellen, ob sie gesund sind. Oft kann das Wochen dauern und soviel Zeit haben wir nicht.“

 

Rosie prustet vor Lachen. Elfriede klatschte in die Hände, sie konnte es gar nicht abwarten, dass es endlich losging und sprach:

 

„Noch jemand irgendwelche klugen Fragen? Wenn nicht, sollten wir anfangen, unsere Sachen zu packen. Die Hamster müssen alle in große Kisten, aber vergesst die Luftlöcher nicht. Macht sie nicht zu groß, sonst kommen unsere kleinen Freunde raus und knabbern das Flugzeug an.“

 

„Oder noch schlimmer: sie knabbern irgendwelche Leitungen an.“ Fügte Bernie hinzu.

 

 

 

Nun begannen die Vorbereitungen. Daisy und Susi liefen nach Hause, um mehr Kisten zu besorgen. Elfriede hatte bereits aus dem Keller welche geholt und nun wurde begonnen, die Hamster einzufangen. Es war ein mühsames Unterfangen, all die kleinen Ausreißer zu erwischen. Als Marie den letzten Hamster gefunden hatte, war es schon dunkel geworden. Nun war alles für den nächsten Tag vorbereitet. Erschöpft legte sich Elfriede ins Bett, nachdem ihre Freunde sich verabschiedet hatten. Ein bisschen traurig war sie schon, wenn sie daran dachte, dass all die lieben, kleinen Hamster nun fortgebracht werden sollten. Sie wusste natürlich, dass es besser war, die Hamster in ihr Heimatland zu bringen. Doch das, was man möchte und das, was richtig ist, sind meistens zwei verschiedene Dinge. Seufzend nahm sie Pupsi in den Arm und legte sich auf die Seite.