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5. Kapitel

 

 

Die Hamster

 

 

 

„Aber Papi, das ist doch ein winziges, süßes Tier. Das frisst kaum etwas und ist ganz lieb, bitte, bitte, Papi!“

 

Bommel legte seine Zeitung beiseite, nahm seine Zigarre aus dem Mund und antwortete: „Das haben wir doch nun schon oft genug durchgesprochen! Ein Tier kommt mir nicht ins Haus!“

 

„Na gut, Papi, dann werde ich jetzt traurig in mein Zimmer gehen. Mach dir keine Sorgen, wenn du mich weinen hörst. Ich werde schon irgendwie darüber hinwegkommen.“

 

Bommel sah ihr nach, als sie langsam die Treppe hinauf in ihr Zimmer gehen wollte. Er überlegte kurz und dann rief er: „Wie viel soll so ein Tier denn kosten?“

Hamsti

„Fast nichts, Papi, ich bezahle es auch von dem Geld, das ich zum Geburtstag bekommen habe! Ich sorge auch für das kleine Tier! Ich mache auch immer meine Hausarbeiten und mein Zimmer werde ich auch in Ordnung halten, dann werde ich jeden Tag...“

 

„Mein Auto waschen, ich weiß,“ lachte Bommel. „Geh schon los und hol es dir!“

 

Elfriede drückte ihrem Papa einen dicken Kuss auf, lief zu ihrer Mama und sagte: „Papi möchte auch einen Hamster haben, jetzt musst nur noch du zustimmen!“

 

Gertrude Bommel seufzte. Da sie nicht gerne den schwarzen Peter hatte, stimmte sie zu und Elfriede rannte in ihr Zimmer, plünderte den Spartopf und stürmte zur Haustür hinaus.

 

 

 

„Und deine Eltern hatten nichts dagegen?“

 

Daisy war begeistert. Sie war bereits seit gestern die stolze Besitzerin eines niedlichen, kleinen Goldhamster. Dodo hieß er und war ein Geschenk von ihrer Oma. Nachdem alle Freunde und Freundinnen von Daisy den kleinen Dodo gesehen hatten, gab es in den jeweiligen Elternhäusern Stress. Jedes Kind hatte nur eines im Kopf: ein Hamster musste her! Nun hatte auch Elfriede einen, und der hieß Strubbel. Strubbel schlief gerne und viel, und wenn er nicht schlief, hatte er nichts als Unsinn im Kopf. Unsere Freunde saßen alle in Elfriedes Zimmer und sahen den beiden Hamstern zu. Sie beschnüffelten einander und begannen, das Zimmer zu inspizieren. Jede Ecke wurde genau betrachtet und beschnüffelt. Jedes Stofftier, das auf dem Boden lag, wurde angestupst.

 

„Ach, so etwas Goldiges hätte ich auch gerne,“ bemerkte Rosie mit verklärtem Blick.

 

„Meine Mami sagt immer, Hamster machen nichts als Dreck, ich glaube, so etwas wäre nichts für mich.“

 

Berta war sich da ganz sicher.

 

„Das wäre auch besser für den Hamster, liebe Berta, der stirbt ja sonst an Putzmittelvergiftung.“

 

„Nur kein Neid, liebste Rosie, bei uns ist es nun einmal alles sauber und ordentlich.“

 

„Das sind Hamster doch auch, ich glaube das kann jeder.“

 

„Sauberkeit und Ordnung, liebe Rosie, sind nicht angeboren, man muss es sich hart erarbeiten.“

 

„Aber wenn Hamster das schon können, meine liebe Berta, dann kann das jeder Doofe.“

 

„Können Hamster aufräumen oder schrubben? Können sie sich waschen? Können sie... “

 

„Sieh doch einmal, sie putzen sich!“ rief auf einmal Jennie ganz begeistert.

 

Rosie nahm ein Stück Keks und hielt ihn Strubbel hin. Das kleine Tier schnupperte, stellte sich auf seine kleinen Hinterbeine und nahm die Leckerei in seine Vorderpfoten. Alle erwarteten nun, dass auch Dodo kommen und sich die beiden das Stück teilen würden. Strubbel aber schob den ganzen Keks einfach in sein kleines Maul. Deutlich war zu sehen, wie sich nun seine Hamsterbacken wölbten.

 

„Wie schrecklich,“ sagte Berta und rümpfte ihre Nase. „So ein unappetitlicher Vielfraß!“

 

„Er hat es doch noch gar nicht gegessen,“ belehrte sie Jennie. „Er hat es nur in seine Hamstertasche geschoben. Später, in seinem Käfig, kommt der Keks in seine Vorratskammer. Hamster machen das immer so.“

 

Rosie guckte ungläubig, sah Jennie an und fragte: „Haben die denn nicht Schwierigkeiten mit dem Trinken?“

 

„Wieso denn das?“

 

„Na, ich habe gedacht, wenn die sich das Trinken erst hinter die Backen kippen und dann...“

 

Alle lachten. Dann ging sie ins Badezimmer und holte ein mit Wasser gefülltes Schälchen. Sie stellte es in die Nähe der beiden Hamster und alle sahen gespannt zu, wie sich die beiden kleinen Tiere neugierig näherten.

 

Von jeder Seite kam nun eines dieser kleinen, pelzigen Tiere, setzte seine Vorderpfoten vorsichtig auf den Rand der Untertasse und schnupperte. Dann fingen beide an, mit ihren kleinen Zungen das Wasser zu schlecken. Es sah einfach putzig aus, wie die kleinen Zungen immer wieder ins Wasser fuhren. Es ging auch alles gut, bis Dodo genug getrunken hatte und seine Pfoten vom Tellerrand nahm. Jetzt war der Teller nicht mehr im Gleichgewicht und Strubbel drückte ihn mit seinen Pfoten herunter und bekam eine Dusche ab. Der arme Hamster war nun klitschnass und wusste nicht, wie ihm geschah. Lachend rannte Elfriede ins Badezimmer, um ein Handtuch für den armen, kleinen Kerl zu holen. Strubbel ließ sich das Abtrocknen gefallen, doch mittendrin begann er, sich einen Zipfel des Handtuchs hinter die Backen zu schieben.

 

„He, Strubbel, was soll denn das? Ein Handtuch schmeckt doch

 

nicht.“ Elfriede zog den Zipfel wieder zurück. Jennie lachte laut und erklärte: „Er hat bestimmt Nistmaterial gesucht, das machen Hamster immer so.“

 

„Hat jemand meinen Dodo gesehen?“ meldete sich nun Daisy.

 

Alle sahen sich um und jeder war darauf bedacht, sich vorsichtig zu bewegen. Strubbel saß in einer Ecke und schien irgendetwas gefunden zu haben, doch Dodo blieb verschwunden. Überall wurde nun gesucht: unter dem Schreibtisch, in der Puppenstube, hinter der Heizung und unter Elfriedes Bett, doch der kleine Hamster war nicht aufzutreiben. Schließlich war ein lauter Schrei zu hören. Es war Rosie, die gerade ins Badezimmer gegangen war.

 

„Ein Geist! Hilfe, ein Geist!“

 

Unsere Freunde stürmten ins Bad und sahen Rosie, die ängstlich auf die Toilettenbürste zeigte.

 

Tatsächlich, die Toilettenbürste bewegte sich wie von Geisterhand. Bernie ging auf die Bürste zu, nahm sie vom Halter und... ein Hamster kam zum Vorschein. Lachend hob Daisy ihn hoch und trug ihn zurück in Elfriedes Zimmer. Dort hatte sich inzwischen die nächste Katastrophe angebahnt.

 

Wieder war Rosies Schrei zu hören: „Meine Kekse! Das Vieh frisst meine schönen Kekse auf!“

 

Strubbel hatte sich auf die Hinterpfoten gesetzt und sah nun Rosie auf sich zugelaufen kommen. Sofort packte der Hamster einen von Rosies Keksen und lief aus dem Zimmer.

 

Rosie rannte schimpfend hinterher. Strubbel lief um sein Leben. Rosie war ihm dicht auf den Fersen, doch immer wieder konnte der kleine Hamster durch flinkes Hakenschlagen dem wütenden Schwein entwischen. Doch es half ihm nichts. Schließlich stellte Rosie ihn in einer Ecke des Hausflurs.

 

Mit großen Augen guckte der kleine Hamster Rosie an und wartete. Verwundert sah Rosie, dass der Keks verschwunden war. Diesen Moment nutzte Strubbel aus; er rannte zwischen ihren Beinen hindurch zurück auf den Flur. Schnell schnappte er sich das Stück, das er dort liegen gelassen hatte, und versteckte sich unter Elfriedes Bett.

 

„Tja, meine liebe Rosie, der Hamster war schlauer als du,“ stellte Berta grinsend fest.

 

Alle blickten schweigend auf das Bett. Ein leises Knabbern war zu hören.

 

„Was macht ihr denn da?“ Elfriedes Mutter kam ins Zimmer und sah sich verwundert um.

 

„Och, das sind nur Strubbel und Dodo, Mama,“ entgegnete Elfriede.

 

„Ich glaube, Papa ist allergisch gegen Hamster, er hat Rüsseljucken seitdem Strubbel hier ist.

 

Am besten passt ihr auf, dass sie ihm nicht über den Weg laufen!“

 

„Ist gut, Mami, wir passen auf.“

 

Schweigend saßen nun unsere Freunde und sahen zu, wie die Hamster unter dem Bett den Keks restlos vertilgten.

 

„Ich, äh, muss noch etwas erledigen,“ begann Susi. „Wir sehen uns dann morgen!“

 

„Ich muss jetzt auch los,“ verabschiedete sich Marie.

 

„Und ich, äh, wollte meiner Mutter noch beim Aufräumen helfen,“ sagte Berta.

 

 

 

Nun war Elfriedes Zimmer leer und sie saß alleine mit Strubbel im Zimmer. Aber egal, es war ohnehin Zeit, Schularbeiten zu machen. Wenn Elfriede etwas für unnötig hielt, waren es Hausaufgaben. Gerade gestern erst hatte Bommel ihr einen Vortrag gehalten, wie wichtig so etwas sei, aber nachdem Mama darauf hingewiesen hatte, was für ein mieser Schüler Bommel gewesen war, hatte Bommel nichts mehr gesagt.

 

Inzwischen wurde es Zeit, den kleinen Hamster ins Bett zu bringen.

 

„Komm, Strubbel, Feierabend, jetzt geht es in die Heia.“

 

Doch Strubbel dachte gar nicht daran, er versuchte sich aus Elfriedes Fingern zu winden, aber es half ihm nichts. Er wurde in den Käfig gesetzt und der Käfig zugemacht. Strubbels Schlafzimmer war eine alte Zigarrenschachtel aus Holz, die Papa Bommel gestiftet hatte.

 

Zufrieden streckte sich Elfriede, gähnte, nahm ihre Puppe Pupsi in den Arm und schloss die Augen. Gerade sank die bleierne Schwere des Schlafes auf sie herab, als sie durch ein lautes „Rump, Rump“ hochgeschreckt wurde. Strubbel! schoss es ihr durch den Kopf. Sie machte das Licht an und stand auf um nachzusehen. Es war nichts zu sehen oder zu hören. Seufzend legte sich sie sich wieder ins Bett und machte das Licht aus. “Rump, Rump“ – da war es wieder! Elfriede schaltete das Licht ein und das Geräusch war verschwunden. Wieder löschte sie das Licht und wieder ging es „Rump, Rump“. Licht an, Geräusch weg. Licht aus, Geräusch da. Schließlich kam Elfriede zu der Überzeugung, dass es besser sei, in dieser Nacht das Licht anzulassen. Schon nach kurzer Zeit war sie eingenickt und träumte vom Zauberwald. Sie träumte, sie war gerade auf dem Weg zu einem Zirkus, als ihr ein riesiger Trecker entgegenkam. „Rump, Rump“, bollerte er über den Waldboden und näherte sich Elfriede. Sie versuchte fortzulaufen, doch der Trecker folgte ihr. „Rump, Rump“, kam er immer näher und sie wollte schon schreien, als sie die Augen öffnete und sah, dass sie in ihrem Bett lag. Das Licht war an und Strubbel war in sein Laufrad gestiegen und lief so schnell er konnte. „Rump, Rump“, das war es also! Für den Rest der Nacht wurde Strubbel samt Käfig auf den Flur gestellt.

 

 

 

Am nächsten Tag trafen sich unsere Freunde wieder bei Elfriede. Eigentlich war für heute ein Ausflug auf den Spielplatz geplant, doch leider goss es in Strömen. Es stellte sich heraus, dass Dodo und Strubbel nicht mehr die einzigen Hamster waren. Rosie zeigte stolz ihren Berti (wobei Berta sich sehr über diesen Namen aufregte) und Bernie hatte den kleinen Muffel dabei.

 

„Noch jemand ohne Hamster?“ fragte Daisy lachend.

 

Nun holten auch Susi und Marie ihre Pappschachteln hervor, die sie geheimnisvoll hinter ihren Rücken versteckt hatten.

 

„Darf ich vorstellen,“ begann Susi. „Das ist Flecki.“

 

„Und meiner heißt Goldi,“ sagte Marie stolz. „Wir haben sie beide zusammen gekauft.“

 

Alle Augen waren nun auf Berta gerichtet.

 

„Na,“ begann Rosie, „hat deine Mami es dir nicht erlaubt, ein Haustier zu halten? Das macht ja auch Schmutz, nicht wahr, liebste Berta? Aber keine Sorge, du darfst meinen Berti auch einmal streicheln.“

 

Bertas Wangen waren schon leicht gerötet, aber sie sagte nichts. Sie holte eine kleine Holzschachtel hervor, öffnete sie und hob einen Hamster hervor.

 

„Darf ich dir vorstellen, allerliebste Rosie, das ist Robert.“

 

„Robert?“

 

Alle sahen erstaunt zu Berta.

 

„Ja, Robert. Meine Mama sagt, er braucht einen vernünftigen Namen. Schnuffel und Wuschel heißt ja jeder. Zuerst wollten wir ihn Jean Pascal nennen, aber den gibt es ja schon, also haben wir ihn Robert Luis Carlo Schwarte genannt.“

 

„Ein sehr, äh, seltener Name,“ stellte Jennie fest.

 

Daisy und Rosie konnten sich vor Lachen nicht mehr halten.

 

„Und wenn es ein Mädchen ist, Berta?“ fragte Bernie.

 

„Nun, ja, dann nennen wir es Roberta Luisa Carla.“

 

„Auch sehr, hä, hä, schön!“ gackerte Jennie.

 

Beleidigt drehte sich Berta zu Seite und begann, das Fell von Robert Luis Carlo mit einer kleinen Bürste zu säubern.

 

„Meine Mama sagt, Hamster sind noch zu klein, um sich selber richtig zu putzen,“ erklärte sie.

 

 

 

Es wurde ein lustiger Nachmittag und unsere Freunde beschlossen, sich bis auf weiteres immer bei Elfriede zu treffen. Jedenfalls solange, bis alle Hamster groß genug waren, um mit in den Zauberwald genommen zu werden. Später brachte Frau Bommel noch Kakao und Kekse vorbei und auch die Hamster kamen aus allen Ecken und bettelten. Doch leider stritten sich zwei Hamster so sehr um einen Keks, dass sie sich dabei verletzten. Nachdem die beiden Kampfhähne getrennt worden waren, sahen unsere Freunde die Bescherung. Beide Tiere hatten sich dabei verletzt. Elfriede rannte die Treppe hinunter in die Stube, wo ihr Vater gemütlich im Sessel saß und Zeitung las.