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4. Kapitel

 

 

Das Zauberfläschchen ist weg

 

 

 

 

Marie hatte sich als erste am Treffpunkt bei der Bushaltestelle eingefunden. Es war noch recht früh am Tage, die Luft war frisch und Marie fröstelte ein wenig. Sie sah zum Zauberwald. Ein paar Vögel kreisten in der Luft, der Wald wirkte friedlich. Nichts wies darauf hin, dass etwas Schlimmes passieren sollte.

 

Die Krähe - von Katrin BuckBernie und Norbert kamen als nächste. Bernie hatte sein neues Taschenmesser mitgebracht. Schon den ganzen Hinweg über hatte er versucht, Norbert zu zeigen, was man damit alles für tolle Sachen machen konnte. Doch der hatte nur gelangweilt gegähnt und sich dann auch noch in der Nase gebohrt. Marie warf wenigstens einen Blick auf das Messer. Anfassen mochte sie es aber nicht, denn letzte Woche hatte sie sich beim Brot schneiden den Finger verletzt. Bernie war froh, als Jennie und Susi sich dem Treffpunkt näherten, denn die beiden interessierte so ein neues Messer. Während das neue Taschenmesser begutachtet wurde, kamen Berta und Elfriede.

 

Berta war es gelungen, sich aus dem Hause zu schleichen, bevor ihre Mutter sie zum Reinigungsdienst einsetzen konnte. Nachdem auch Daisy eingetroffen war, fehlte nur noch Rosie. Es dauerte noch ein paar Minuten, dann kam sie.

 

„Tut mit leid“, begann sie, „aber ich hatte mir Milch über die Hose gekippt und musste mich erst umziehen.“

 

„Vielleicht hättest du auch duschen sollen,“ sagte Berta und rümpfte die Nase. „Du riechst irgendwie vergoren.“

 

„Verloren?“

 

„Vergoren, wie vergammelte Milch, vergoren heißt das.“

 

„Ach, das geht doch weg in der frischen Luft, Berta.“

 

„Nein, Rosie. Das stinkt eher immer schlimmer, ich weiß nicht, ob ich das ertrage.“

 

„Dann nimm doch eine Wäscheklammer!“

Karl Klammer

„Wasch du dich lieber!“

 

„Ist jetzt mal Schluss?“ Elfriede wurde allmählich sauer. „Wenn wir noch lange hier stehenbleiben, kriege ich Plattfüße.“

 

Nun ging es endlich los. Die beiden Schweine diskutierten zwar noch eine Weile, aber keiner kümmerte sich darum. Elfriede war mit ihren Gedanken ohnehin nur bei dem Zauberfläschchen, das sie am Vortage bei ihrer Flucht vor dem Unwetter liegen gelassen hatte. Sie sagte sich selbst immer wieder, dass bestimmt niemand ihren Zeltplatz finden würde. Außerdem war das Fläschchen zusammen mit ihrer Trinkflasche in einem Beutel mit den Vorräten versteckt, aber sicher war sie sich nicht. Auch Jennie sah immer wieder zu Elfriede hin, denn schließlich war es Jennies Vorschlag gewesen, alle Vorräte in einem Gebüsch zu verstecken. Je dichter sie an den Platz kamen, desto schneller wurden ihre Schritte. Nur Rosie und Berta trödelten hinterher, während Bernie seinen Freund Norbert immer wieder zur Eile antrieb. Sie kamen an den kleinen Tannen vorbei, ließen die große, alte Eiche hinter sich und erreichten die Stelle, an der sie gestern übernachten wollten. Elfriede hatte das Versteck als erste erreicht, sie atmete erleichtert auf, als sie den Beutel im Gebüsch liegen sah. Hastig durchwühlte sie ihn und schrie entsetzt auf: „Es ist weg, oh, nein!“

 

Daisy und Susi kippten den Inhalt des Beutels auf den Waldboden und sahen sich alles genau an. Tatsächlich, außer dem Zauberfläschchen war noch alles da.

 

„Das kann doch nicht angehen!“

 

Daisy wühlte immer wieder in den restlichen Vorräten herum.

 

„Ich begreife nicht, dass nur das Fläschchen fehlt“, meinte Bernie. „Wieso nicht der ganze Beutel?“

 

Elfriede, die bisher auf dem Boden gekniet hatte, stand auf, sah nacheinander alle ihre Freunde an und sprach mit fester Stimme:

 

„Ich kenne nur eine Person, die das machen würde!“

 

 

 

Unsere Freunde sahen einander entsetzt an. Keiner sprach es aus, doch alle dachten dasselbe: die Hexe. Sie waren wie gelähmt und guckten ratlos. Warum hatte die alte Hexe das Zauberfläschchen gestohlen? Das alles ergab doch keinen Sinn, denn wozu sollte sie es brauchen? Sicher, sie konnte nun Reisen in alle Länder und in jede beliebige Zeit machen, doch das war ihr auch durch ihre Hexenkraft möglich. Nein, der Sinn dieses Diebstahls musste einen anderen Grund haben. Elfriede sprach es als erste aus: „Das ist eine Falle!“

 

„Du meinst, die Vorräte sind vergiftet?“

 

„Nein, Rosie, das doch nicht“.

 

Elfriede guckte sie vorwurfsvoll an.

 

„Natürlich weiß sie, dass wir das Fläschchen wiederhaben wollen. Sie weiß auch, dass wir uns das nicht gefallen lassen.

 

Bestimmt wartet sie schon auf uns.“

 

„Dann können wir also die Vorräte noch essen?“ „Fressen, Fressen, du hast nichts als Fressen im Kopf“, mischte sich Berta ein.

 

„Und du, du hast nichts als Putzen im Kopf!“

 

„Nein, meine liebe Rosie, ich habe noch viel mehr im Kopf!“

 

„Ach, ja, liebste Berta, was denn zum Beispiel?“

 

Das laute Krächzen einer Krähe unterbrach ihren Streit. Jennie wiegte den Kopf hin und her. Schließlich wandte sie sich an Elfriede und sagte: „Wenn ich den Vogel richtig verstanden habe, sagte er eben: jetzt wissen sie es.“

 

 

 

Alle sahen Jennie, die ja die Vogelsprache kennt, an.

 

„Bist du ganz sicher?“ fragte Daisy. „Ich meine, weil du ja einmal meintest, dass du die Krähen immer so schlecht verstehst.“

 

„Doch, ich bin mir sicher. Diese Krähe hat nicht so sehr genuschelt wie ihre Artgenossen.“

 

„Vielleicht“, überlegte Daisy laut, „hat sie das gesagt, weil sie nachher zur Hexe fliegt und dort Bescheid sagt. Wenn das wirklich so ist, dann wartet die Hexe bereits auf uns.“

 

Nun wurde beratschlagt, was zu machen sei. Es kam so mancher Vorschlag, doch keiner davon war so richtig brauchbar. Es war klar, dass sie zunächst herausfinden mussten, wozu die Hexe das Zauberfläschchen wirklich benötigte. Bernie brachte es schließlich auf den Punkt:

 

„Das Fläschchen dient nur als Köder.“

 

„Was hat denn ein Hund damit zu tun?“ fragte Rosie mit erstauntem Gesicht.

 

„Wieso Hund?“ Nun blickte Bernie erstaunt.

 

„Na, weil du doch was von Köter gesagt hast.“

 

Bernie hatte Schwierigkeiten zu antworten, weil er vor Lachen kaum sprechen konnte.

 

„Köder heißt das. Ein Köder ist ein Lockmittel, um jemanden zu fangen.“

 

Unsere Freunde lachten so laut, dass es im Wald widerhallte. Die Krähe, die sie noch immer beobachtete, krächzte kurz und verschwand.

 

„Nun fliegt sie zurück zur Hexe.“

 

Jennie sah ihr nachdenklich hinterher.

 

„Aber unser Lachen hat sie verstört und das ist gut so. Jetzt wird sie erzählen, dass wir keine Angst haben und guter Stimmung sind. Danke Rosie, das hast du gut gemacht!“

 

„Dafür ist ein Clown ja auch da,“ bemerkte Berta spöttisch.

 

Rosie sagte nichts mehr, sondern begann, die Vorräte zu untersuchen. Ein großer Teil war vom nächtlichen Regen aufgeweicht, doch der Rest war noch essbar. Während Rosie den essbaren Teil einer genaueren Prüfung unterzog, kratzte sich Bernie am Kinn und sprach:

 

„Wenn wir direkt zur Hexe gehen, laufen wir in eine Falle und wir wissen nicht einmal, wie diese Falle aussieht. Wenn wir zu lange warten, könnte es sein, dass sie irgend etwas mit dem Zauberfläschchen plant. Also brauchen wir einen Spion.“

 

„Einen Vogel!“ rief Marie.

 

„Genau, oder etwas anderes. Vielleicht kann Jennie die Vögel im Wald fragen, ob sie uns helfen.“

 

 

 

Jennie stand auf und ging ein Stück weiter in den Wald hinein. Sie pfiff und trällerte bis sie eine Antwort erhielt. Minute um Minute verstrich, dann kam sie niedergeschlagen wieder und erklärte: „Alle Vögel des Waldes haben Angst. Sie behaupten, es wären ganz viele Hexen bei dem alten Hexenhaus, und kein Vogel traut sich, dorthin zu fliegen. Ich schätze, wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen.“

 

„Gut“, meldete sich nun Elfriede, „dann kaufen wir uns einen Spion“.

 

 

 

Auf dem Rückweg hatte Rosie ausnahmsweise einmal einen Grund zu jammern. Es wurde nämlich fast einstimmig – mit nur einer Gegenstimme – beschlossen, dass sie die Vorräte zurücktragen sollte. Je länger der Weg dauerte, desto leiser wurde ihr Klagen, denn allmählich ging ihr die Luft aus. Aber auch der längste Weg nimmt einmal ein Ende und so wurden die Vorräte zunächst einmal wieder zu Hause verstaut, bevor sich alle in Elfriedes Zimmer zur Lagebesprechung einfanden. Es wurde beschlossen, die Spardosen zu plündern und das nächste Tiergeschäft aufzusuchen.

 

 

 

Nachdem Frau Bommel noch eine Runde heißen Kakao ausgegeben hatte, wurde nun überlegt, welches Tier in Frage käme.

 

„Wisst ihr noch, wie wir das letzte Mal im Tiergeschäft die Hamster gekauft haben?“

 

Elfriedes Augen leuchteten vor Begeisterung. Alle redeten nun durcheinander. Jeder dachte gerne an die Geschichte mit den Hamstern zurück.

 

„Erst wollte dein Papa die Tiere nicht und dann hat er uns doch geholfen,“ sagte Daisy zu Elfriede.

 

„Ja, los, Elfriede,“ riefen nun alle Freunde in Chor. „Erzähle uns noch mal, wie das mit deinem Papa war, wie hattest du ihn herumgekriegt?“

 

Elfriede lachte und antwortete: „Das war eigentlich ganz einfach. Am besten erzähle ich euch die ganze Geschichte noch einmal, bestimmt kriegen wir dann auch wieder gute Laune.“ Sie machte es sich auf dem Boden bequem und begann zu erzählen: