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3. Kapitel

Bruno legt los

 

 

 

 

 

Als sie im Badezimmer waren, fiel den beiden Mädchen plötzlich auf, dass Bruno nicht mitgekommen war. Sie liefen zurück auf den Flur. Von Bruno war nichts zu sehen und auch im Wohnzimmer war nur Frau Schwarte zu sehen, die damit beschäftigt war, den Bildschirm des Fernsehers zu säubern. Dann fiel Elfriedes Blick auf die geöffnete Kellertür. Sie stieß Berta mit dem Ellenbogen an und deutete auf die Tür. Beide nickten und gingen leise die Kellertreppe hinunter. Unten angekommen sahen sie Bruno, der gerade damit beschäftigt war, die Tiefkühltruhe nach Eis zu durchwühlen. Um ihn herum lagen ein paar tiefgefrorene Hähnchen, die ihm beim Suchen im Weg gewesen waren. Gerade nahm er einen Korb Petersilie, um ihn auf den Boden zu werfen, als Berta entsetzt rief:

 

„Bruno, hör auf damit. Du machst ja alles schmutzig!“

 

Elfriedes kleiner Bruder grunzte nur und fuhr fort, nach leckerem Speiseeis zu suchen.

leckeres Eis

„Er hat Hunger“, bemerkte Elfriede. „Ich glaube, er hat zu Hause noch nichts gegessen.“

 

„Und warum, bitte schön, fragt er dann nicht?“

 

„Das tut er nie, er möchte niemanden stören.“

 

In diesem Moment gab Bruno einen Begeisterungsschrei von sich. Er hatte ein Himbeereis gefunden. Er riss das Papier ab und legte es in die Tiefkühltruhe.

 

„Wieso schmeißt dieses Unglückskind das Papier in die Truhe?“ Berta war außer sich vor Entsetzten.

 

„Nun, er wirft nichts auf den Boden, er ist nun einmal ein reinlicher Ottifant, der es gerne sauber hat.“

 

„Aber was ist mit den gefrorenen Hähnchen?“

 

„Die“, grinste Elfriede, „sind doch viel zu schwer für ihn. Da müssen wir ihm helfen.“

 

 

 

In diesem Moment betrat Frau Schwarte den Keller. Sie hatte sich zwar gewundert, dass die Tür offen war, aber da sie in der linken Hand einen Schrubber und in der rechten einen Eimer mit Spülwasser hatte, war ihr eine offene Tür ausnahmsweise recht. Als sie aber die Bescherung sah, bekam sie solch einen Schreck, dass ihr der volle Eimer aus der Hand fiel und sich das schmutzige Wasser über die Kellertreppe ergoss. Bruno saß auf der Tiefkühltruhe und betrachtete gelangweilt, was da so passierte. Dann sprang er von der Truhe herunter und begann, von einem gefrorenen Hähnchen zum nächsten zu springen.

 

„Er mag keine nassen Füße,“ erklärte Elfriede.

 

„So, aber Eis? Um diese Zeit Eis?“ krächzte Frau Schwarte und versuchte, Bruno das Eis wegzunehmen. Der aber sprang weiter von Hähnchen zu Hähnchen, während Frau Schwarte über einen dieser tiefgefrorenen Vögel stolperte und in das Schmutzwasser fiel. Wütend stand sie auf und während sie etwas von Ordnung und Sauberkeit erzählte, rannte sie hinter dem kreischenden Bruno her. An der Kartoffelkiste hatte sie ihn endlich gestellt. Sie griff nach dem Himbeereis, doch Bruno wollte es nicht loslassen. Leider musste er schnell einsehen, dass er der Schwächere war und auf einmal ließ er das Eis los. Nun war Frau Schwarte am Kreischen, denn sie schoss mit einem Mal rückwärts durch den Kellerraum direkt auf die Tiefkühltruhe zu.

 

 

 

Ihr lauter, gellender Schrei verstummte, als sie mit der schweren Truhe krachend an der gegenüberliegen-den Kellerwand zum Stehen kam. Jammernd wollte sie gerade auf den Boden hinabklettern, als hinter der Tiefkühltruhe eine Wasserfontäne hochschoss.

 

„Die Wasserleitung ist getroffen!“ schrie sie, Hochwassersprang auf den überfluteten Kellerboden, landete auf einem der tiefgefrorenen Hähnchen und fiel der Länge nach ins kalte Wasser. Fluchend stand sie wieder auf und watete durch das inzwischen immer höher gestiegene Wasser zur Wasserleitung hin. Der Versuch, das sprudelnde Wasser abzudrehen, endete damit, dass sie den Wasserhahn abbrach.

 

„Soll ich trockene Tücher holen, Mama?“

 

„Später, hol mir lieber eine Rohrzange, ich muss die Leitung zudrehen!“

 

Berta lief los, stolperte über Bruno, der gerade Hähnchen versenken spielte und kam nach kurzer Zeit mit dem gewünschten Werkzeug zurück. Frau Schwarte setzte die Zange an, drückte und drückte, aber nichts geschah. Dann tat sie etwas Folgenschweres: sie warf sich mit ihrem gesamten Gewicht gegen die Zange. Mit einem lauten Knacken gab die Rohrleitung nach, und das Wasser schoss heraus wie aus einer Kanone. Berta, die in diesem Moment mit einem Stapel trockener Tücher die Kellertreppe wieder herab kam, wurde von dem harten Strahl getroffen und flog nun kreischend in Richtung Wohnzimmer. Krachend landete sie auf dem Fernseher, es gab einen lauten Knall und Berta flog weiter. Ihr Flug endete mit einem lauten Scheppern im Küchenschrank.

 

„Eimer, ich brauche Eimer und Tücher!“ kreischte Frau Schwarte.

 

„Ich komme gleich, Mami,“ rief Berta und stand langsam auf. Krachend brach der Küchenschrank mit dem restlichen Geschirr zusammen und begrub das arme Schwein unter sich.

 

„Kommst du endlich?“ rief erneut ihre Mutter.

 

 

 

„Sofort, Mami!“ meldete sich eine Stimme unter dem Gerümpel. Berta wühlte sich unter dem ehemaligen Schrank hervor, griff zwei Eimer und ein paar Lappen und rannte die Kellertreppe hinunter. Entsetzt blieb sie nach den ersten Stufen stehen. Das Wasser war in der Zwischenzeit immer höher gestiegen.

 

Elfriede und Bruno saßen auf der im Wasser treibenden Kühltruhe. Elfriede versuchte, mit den Händen zu paddeln und Bruno wühlte in der Truhe nach Eis. Endlich hatte er eines gefunden und riss gierig das Papier ab.

 

„Wirf das Papier nicht auf den Boden, äh, in das Wasser“, rief ihm Berta zu. „Steck es bitte in deine Tasche!“

 

„Gib mir endlich die Eimer“, gurgelte Frau Schwarte, die inzwischen Mühe hatte, mit dem Kopf über Wasser zu bleiben. Sie warf ihrer Tochter einen verärgerten Blick zu und fuhr fort: „Wie siehst du schon wieder aus! Gehe bitte nach oben und kämm dich!“

 

„Soll ich nicht erst die Küche fegen?“ fragte Berta unsicher.

 

„Wozu, die ist doch sauber“, entgegnete ihre Mutter.

 

„Jetzt nicht mehr.“

 

„Was soll das heißen: jetzt nicht mehr?“

 

„Am besten, du guckst dir das selber an, Mami.“

 

Frau Schwarte wollte noch etwas entgegnen, aber da sie nun Schwierigkeiten hatte, Luft zu bekommen, war außer einem wütenden Blubbern nichts zu hören. Sie merkte, dass sie sich nun einen anderen Platz suchen musste und stieg zu Elfriede und Bruno. Elfriede war es inzwischen gelungen, so zu paddeln, dass die Gefriertruhe nun auf die Kellertreppe zuschwamm. Dort angekommen, war das Wasser mittlerweile so hoch gestiegen, dass die Truhe samt Besatzung gleich weiter in den Flur geschwemmt wurde.

 

 

 

„Berta“, kreischte Frau Schwarte, „wie sieht die Küche denn bloß aus? Um Gottes Willen, wenn wir jetzt Besuch kriegen!“

 

„Also, im Moment wären uns wohl nur Enten willkommen,“ grinste Elfriede und versuchte, weiter zur Haustür zu paddeln.

 

„Berta, nimm einen Besen und fege die Küche! Aber beeil dich, bevor das Geschirr wegschwimmt!“

 

 

 

Während Berta verzweifelt versuchte, mit dem Besen das schwimmende Geschirr einzufangen, war Elfriede mit ihrer Truhe auf dem Weg zur Haustür stecken geblieben. Der Fernseher und ein Sofa blockierten ihren Weg. Mit einem Jauchzen sprang Bruno auf das Sofa, um damit in Richtung Schlafzimmer zu treiben.

 

„Nicht ins Schlafzimmer“, rief Frau Schwarte. „Die Betten sind noch nicht neu bezogen, da darf keiner rein!“

 

Sie stieg von der Truhe ab, um Bruno aufzuhalten. Mittlerweile war das Wasser aber so hoch gestiegen, dass sie sofort unterging. Als sie wieder auftauchte, hatte sie einen Schuh in der Hand und schimpfte: „Wer hat den Schuh hier im Flur liegen lassen? Könnt ihr keine Ordnung halten?“

 

Wütend warf sie den Schuh nach Bruno, doch der duckte sich. Der Schuh traf den Lichtschalter.

 

„Kann mal jemand das Licht anmachen“, ertönte Elfriedes Stimme aus der Dunkelheit. „Ich kann nicht sehen, wohin ich treibe.“

 

Ein lautes Krachen deutete darauf hin, dass die Truhe durch eine geschlossene Tür gefahren war.

 

 

 

„Elfriede, wenn du schon mal in der Küche bist, kannst du gleich nachsehen, ob die Spülmaschine schon fertig ist! Auf dem Küchentisch liegen Streichhölzer, damit kannst du dir Licht machen.“

 

 

 

Noch während sie das sagte, überlegte Frau Schwarte, ob sie den Gasherd abgestellt hatte. Doch bevor sie ihren Gedanken aussprechen konnte, gab es in der Dunkelheit einen lauten Knall, und Elfriede flog mit einer Streichholzschachtel in der Hand durch die Luft. Ein lautes Scheppern ließ auf ihre Landung schließen und als sich wieder zu sich kam, fühlte sich alles kuschelig und weich an. Bin ich jetzt im Himmel? dachte sie, doch nach genauer Prüfung ihrer Lage stellte sie fest, dass sie in der Garderobe gelandet war. Inzwischen hatte Berta den Lichtschalter wiedergefunden und nun wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar.

 

 

 

„Elfriede, was machst du mit meinem Pelzmantel? Würdest du den bitte ausziehen!“

 

Verärgert sah Frau Schwarte Elfriede an und schwamm erst einmal in das Wohnzimmer, um nach dem Rechten zu sehen. Dort war Bruno, um sich vor den Fluten in Sicherheit zu bringen, auf die Deckenbeleuchtung gestiegen. Frau Schwarte stieß einen spitzen Schrei aus und schimpfte: „Komm sofort von dem Kronleuchter herunter, du machst ihn ja kaputt!“

 

Doch Bruno ließ sich nicht beirren und schaukelte fröhlich hin und her. Das Maß war voll und Frau Schwarte stieg, nachdem sie ihre Hausschuhe ausgezogen hatte, auf den Wohn-zimmertisch und versuchte, Bruno herunterzuziehen. Doch der dachte gar nicht daran, seine Schaukel aufzugeben und hielt sich krampfhaft fest. Wieder einmal war Frau Schwarte die Stärkere, doch wieder einmal endete es anders, als sie gedacht hatte. Mit einem kräftigen Ruck riss sie die Deckenbeleuchtung samt dem laut kreischenden Bruno aus der Verankerung. Nun war es um ihr Gleichgewicht geschehen, sie kippte vom Tisch und landete mit Bruno und dem Kronleuchter im Aquarium, das knirschend auseinanderbrach.

 

 

 

„Die Fische! Berta, fang die Fische ein, die machen alles schmutzig.“

 

 

 

Berta jedoch hatte im Moment andere Probleme. Ihr Versuch, das Geschirr einzufangen, war misslungen. Eine große Kaffeekanne hatte das Küchenfenster eingedrückt und das gesamte Geschirr trieb nun durch das kaputte Fenster nach draußen. Wenigstens ein paar Untertassen hatte sie einfangen können, doch der Rest lag nun im Garten. Sie zuckte mit den Schultern und schwamm zum Flur, um nun wenigstens die Fische einzufangen, doch die waren schon längst ins Badezimmer und von dort aus in der Toilette verschwunden.

 

Es klingelte plötzlich an der Tür, gerade als Frau Schwarte ihre Hausschuhe suchte. „Berta, geh mal aufmachen, ich kann ja nicht barfuß an die Tür gehen, oder?“. Berta schwamm so schnell sie konnte. An der Haustür angekommen, drehte sie den Schlüssel um. Durch den Wasserdruck wurde die Tür regelrecht aufgerissen und ein hoher Wasserschwall ergoss sich über den Besucher.

 

 

 

„Papi, da bist du ja wieder!“ Elfriede war außer sich vor Freude. „Hast du dir doch nichts gebrochen?“

 

Bommel wischte sich das Gesicht trocken, nahm einen Teebeutel, der vom Wasserschwall angespült worden war, aus dem Mund und sagte: „Alles in Ordnung, es war nur eine kleine Prellung.“ Er trat ein und grüßte Frau Schwarte: „Guten Abend, Frau Schwarte, darf ich ausnahmsweise einmal die Schuhe anbehalten, ich habe nämlich keine Schwimmflossen dabei?“

 

„Papi, dürfen wir wieder nach Hause? Das ist hier alles zu ungemütlich.“

 

„Gut, dann musst du aber in Brunos Zimmer schlafen.“

 

Elfriede schwamm ins Wohnzimmer zurück, um Bruno zu holen. Dann verabredete sie sich mit Berta für den nächsten Tag und sie stiegen ins Auto und fuhren zurück in ihr Haus. Dort angekommen, trocknete Bommel die beiden erst einmal gründlich ab.

 

 

 

„Sag mal, Elfriede“, begann er, „was war denn da los?“

 

„Ach, Papi, die doofe Frau Schwarte wollte Bruno kein Eis geben.“ Bommel grinste.

 

„Ich verstehe.“

 

 

 

Diesmal war Elfriede so sehr erschöpft, dass es ihr überhaupt nichts ausmachte, mit ihrem kleinen Bruder in einem Zimmer zu schlafen. Im Grunde genommen war sie sogar stolz auf ihn. Natürlich würde Familie Schwarte heute Nacht wohl auf dem Dachboden schlafen müssen, aber ein bisschen Spaß musste ja auch sein, oder?

 

 

 

Inzwischen hatte es sich ihre Freundin Berta auf dem Dachboden zwischen alten Möbeln gemütlich gemacht. Sie war noch ganz erschöpft vom Aufpusten einer alten Luftmatratze. Frau Schwarte war noch damit beschäftigt, den Dachboden erst einmal gründlich mit dem Staubsauger zu bearbeiten.

 

„Morgen werde ich den Keller und die Wohnung so richtig schrubben“, bemerkte sie. „Eingeweicht ist jetzt ja alles.“

 

Berta drehte sich auf die Seite und dachte zufrieden daran, dass ihre Mutter nichts davon erwähnt hatte, dass sie mitmachen solle. Dann würde dem Treffen mit Elfriede und den anderen am nächsten Tag ja nichts im Wege stehen.