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11. Kapitel

 

 Die Aborigines

 

 

„Wie seid ihr überhaupt in die Wüste gekommen?“ fragte Professor Hurry während er sich einen Maiskolben in den Mund schob.

 

„Mit einem Zauberfläschchen,“ grinste Elfriede.

 

„I understand - ich verstehe, mein Bruder hat mir davon geschrieben. Wisst ihr denn auch, wie ihr wieder nach Hause kommt?“

 

„Nein, wir haben ja noch Probleme mit den Hexen im Zauberwald.“

 

“What - wie bitte? Hexen, Zauberwald? Bei euch gibt es auch Hexen? Die Aborigines - die Eingeborenen hier erzählen oft von schwarzen Gestalten, die auf einem Besen durch die Nacht reiten.“

 

„Wo wohnen denn diese Auberginen“ fragte Rosie neugierig.

Moderne Hexe

„Aborigines, dear pig – liebes Schwein, leben im Busch. Das heißt, sie leben in Hütten. Draussen in den Outbacks.“

 

Nun war Elfriede hellhörig geworden.

 

„Können wir die mal besuchen, Profdok?“

 

„Wir müssen mit meinem Jeep dorthin fahren, aber das wird wohl erst einmal nichts. Ich habe mir die Hand bei der Notlandung verstaucht. Vielleicht geht es in ein paar Tagen.“

 

„Dann könnte es zu spät sein.“

 

 

 

„Ich könnte fahren, bitte, bitte, lasst mich fahren!“ Rosie war vom Stuhl aufgesprungen.

 

„Why not - warum nicht, dann lasst uns losfahren.“

 

Der Professor überlegte einen Moment und ging in sein Labor. Nach wenigen Minuten kam er mit ein paar Metallbändern in der Hand wieder.

 

„Take this – nehmt das. Es ist meine neueste Erfindung. Wenn ihr diese Armbänder tragt, könnt ihr euch mit den Eingeborenen verständigen. Es ist ein Übersetzer.”

 

Nachdem alle die Armbänder angelegt hatten, erhoben sich unsere Freunde und stürmten nach draußen auf den Hof. Dort stand ein grüner Jeep und Rosie begutachtete ihn von allen Seiten. Dann stieg sie auf den Fahrersitz und ließ sich von Professor Hurry die Bedienung erklären. Neugierig kamen die Tiere, die auf der Ranch lebten herbei und sahen zu.

 

„Uih, Allradantrieb mit Einzelradaufhängung und Servolenkung!“ Rosie war begeistert. Nachdem alle eingestiegen waren, ging es los. Die Strecke war sehr holperig, doch der Wagen war gut gefedert. Es war ein Vergnügen, bei diesem warmen Wetter mit einem offenen Jeep zu fahren. Rosie gab Gas.

 

 

 

Sie schossen regelrecht über den Sand und so manches Mal hob der Wagen ein Stückchen ab, wenn sie über eine Bodenwelle fuhren. Hin und wieder sahen sie neugierige Kängurus vorbeihoppeln. Plötzlich schrie Rosie laut auf und riss das Steuerrad herum; mitten auf der Straße lag eine riesige Schlange. Der Wagen brach aus und kam vom Weg ab. Schlingernd ging es in rasender Fahrt auf einen Baum zu und unsere Freunde kreischten um die Wette. Im letzten Moment riss Rosie den Jeep herum, er drehte sich einmal um die eigene Achse und knallte mit dem Hinterteil gegen den Baum. Es raschelte und knackte im Baum und ein merkwürdiger Laut war zu hören. Es klang wie Uuuugs und kurz darauf schrie Berta in den höchsten Tönen. Ein Tier war auf ihren Schoß gefallen, es hatte ein Blatt im Mund und sah unsere Freunde verstört an.

 

 

 

„Oh, ein Eukalyptusfresser“, lachte Professor Hurry. „Das ist ein Koalabär. Rosie, du hast einen Eukalyptusbaum getroffen!“

 

„Kommen da die Hustenbonbons her?“ fragte sie erstaunt.

 

„Nicht direkt, aber jetzt schmeißt den Koala raus, damit wir weiterkönnen!“

 

„Ohhh“, sagte Bernie enttäuscht, „können wir den nicht mitnehmen?“

 

„No - nein, du müsstest schon den Baum mitnehmen, sonst verhungert er.“

 

Nachdem das Tier wieder auf seinen heimischen Baum geklettert war, ging es weiter.

 

„Diese snake - diese Schlange“, begann Professor Hurry, „war eine gefährliche Python.“

 

„ich will nach Hause,“ stöhnte Berta, doch die wilde Fahrt ging weiter.

 

Allmählich wurde die Landschaft grüner, denn sie erreichten eine Gegend, in der viele Büsche und Bäume wuchsen.

 

 

 

„Wo sind denn nun die Auberginen?“

 

„Be patient - sei geduldig, Rosie. Ich bin sicher, dass sie uns beobachten.“

 

Rosie und ihre Freunde sahen sich nach allen Seiten um.

 

„You cannot see them - ihr könnt sie nicht sehen, sie haben sich gut versteckt.“

 

Rosie, die sich ebenfalls nach allen Seiten umguckte, verriss dabei das Lenkrad, der Wagen schlingerte und fuhr in ein großes Gebüsch.

 

Als der Jeep stand, stiegen die Freunde aus und betrachteten die Gegend, als merkwürdige Gestalten stöhnend aus dem Gebüsch hervorgekrabbelt kamen. Sie waren etwas größer als die Kinder, hatten eine dunkle Hautfarbe und trugen einen Lendenschurz.

 

„Woher wusstet ihr, dass wir uns im Gebüsch versteckt hatten?“ stöhnte der größte von ihnen. Der Profdok ging lachend auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. Offensichtlich kannten die beiden einander.

 

 

 

„Hi, Pooku, das sind Freunde aus Germany, sie sind auf Hexenjagd! Erzähl ihnen doch einmal, was ihr gesehen habt.“

 

Pooku legte seine Lanze beiseite und trat auf die Kinder zu. Nachdem er sich kurz vor ihnen verneigt hatte, begann er mit tiefer Stimme zu erzählen. Gespannt lauschten alle, wie Pooku von sternklaren Nächten berichtete, an denen er und sein Stamm den Mond betrachtet hatten.

 

 

 

„Als vor Tagen der Mond so gross wie die Sonne war, kamen sie. Es waren etwa 20 dunkle Gestalten, die auf einer Lanze durch die Nacht ritten. Wir beobachteten sie, doch wir kamen ihnen nicht zu nahe. Einmal zeigte eine von ihnen mit einem Stab auf ein Känguru. Das Känguru war danach verschwunden und wir fanden ein Tier, das wir noch nie gesehen haben.“

 

 

 

Pooku wies die Freunde an, ihm zu folgen. Er führte sie durch viele dichte Gebüsche hin zu einem kleinen Dorf, das aus mehreren Hütten bestand. Vor einer dieser Hütten stand eine Holzkiste. Er öffnete die Holzkiste und Jennie sah als erste hinein.

 

„Eine Kröte!“ rief sie entsetzt. „Die miesen Hexen haben das arme Känguru in eine hässliche Kröte verwandelt! Trotzdem, Herr Pooku, die Kröte braucht Wasser, sonst geht sie ein.“

 

 

 

Der Häuptling nickte und gab die Kiste einem seiner Stammeskollegen. Der ging mit der Kiste zu einer nahe gelegenen Wasserstelle.

 

„Wir haben das Orakel unserer Vorfahren befragt“, fuhr Pooku fort. „Es sagte uns, dass die schwarzen Wesen eine Verbindung durch die große Kugel machen wollen.“

 

Rosie räusperte sich.

 

„Wieso sagte der Onkel was von einer Kugel?“

 

„Orakel heißt das. Es kann in die Vergangenheit und in die Zukunft schauen.....“

 

„...und die große Kugel könnte die Erde sein!“ unterbrach Bernie den Häuptling.

 

„Stimmt“, warf Elfriede ein. „Jetzt ergibt das alles einen Sinn. Sie wollen eine Verbindung von hier bis zum Zauberwald schaffen, deshalb muss der Zauberwald weg!“

 

„Wozu soll das gut sein?“

 

„Ganz klar, Rosie, sie wollen die Herrschaft über die Welt übernehmen!“

 

Nun waren alle wie vor den Kopf gestoßen und keiner sagte etwas. Lähmendes Entsetzten machte sich breit und sie sahen einander ratlos an.

 

„Wir müssen das verhindern!“ Elfriede wirkte entschlossen und auch ihre Freunde fassten wieder Mut.

 

„Zunächst sollten wir herausfinden, wo das andere Loch ist. Es muss sich hier irgendwo befinden“, schlug Bernie vor.

 

„Dr. Einstein-fliegt!“ krächzte der Wellensittich laut, breitete die Flügel aus und flog über das Gebüsch hinweg auf die Wüste zu.

 

 

 

Pooku sprang vor Schreck ein paar Schritte zurück und Professor Hurry lachte.

 

„Einstein, well - gut, das war doch ein berühmter Wissen-schaftler bei euch, oder?“

 

„Ja“, genau und weil der Vogel so schlau ist, haben wir ihn so genannt,“ erklärte Elfriede stolz.

 

Während Dr. Einstein auf Erkundungsflug war, zeigte Pooku den Kinder das Dorf. Sie sahen, in welch einfachen Verhältnissen diese Naturmenschen lebten, doch sie waren sehr glücklich.

 

„Kein Fernsehen, kein Strom und kein Telefon?“ fragte Daisy erstaunt. Pooku antwortete, dass es viel interessanter sei, mit der Natur im Einklang zu leben.

 

„Kein Fernseher kann uns die wirkliche Schönheit dieser Welt zeigen“, erklärte er. „Es gibt keine Diebe und keine Gewalt bei uns.“

 

Schweigend sahen unsere Freunde, wie ein kleines Kind lachend um die Ecke gelaufen kam. Hinter ihm lief ein merkwürdiges Tier.

 

„Oh, es gibt hier Enten?“

 

„No, Rosie, das ist ein Schnabeltier“, lachte Professor Hurry. „Es ist ein Säugetier, obwohl es Eier legt.“

 

 

 

Plötzlich war ein Rascheln über ihren Köpfen zu hören und unsere Freunde sahen erstaunt nach oben. Etwas fiel durch die Zweige des Eukalyptusbaums und landete vor ihren Füßen.

 

„Dr. Einstein! Oh je, wie siehst du denn aus?“

 

Elfriede nahm den völlig verschmutzen Vogel in die Hand, während Jennie etwas Wasser besorgte.

 

„Kann-nicht-mehr, viel-zu-heiß...“ Der erschöpfte Wellensittich schloss die Augen und atmete schwer.

 

„Die Hitze hat ihn fertig gemacht“, bemerkte Jennie, als sie ihn mit Wasser beträufelte. „Gleich geht es ihm wieder besser.“

 

Es dauerte tatsächlich nur ein paar Minuten und der Vogel begann zu erzählen:

 

„Viele-Hexen, viele-Felsen, lange Schatten!“

 

„Dass es viele Hexen sind wissen wir, Felsen gibt es auch überall, aber was ist mit den langen Schatten?“ Bernie zuckte mit den Schultern und sah Pooku fragend an.

 

„Lange Schatten bedeutet hohe Felsen. Die längsten Schatten gibt es in der Teufelsschlucht.“

 

 

 

„Der Name passt gut zu den Hexen“, sagte Bernie, „aber wie kommen wir da hin?“

 

„Niemand geht freiwillig in die Teufelsschlucht“, sagte Pooku. „Es ist ein Ort der Verdammten. Es soll dort böse Geister geben.“

 

„Vor allem gibt es dort reichlich Schlangen“, fügte Professor Hurry hinzu. „Wir sollten auch genug Wasser mitnehmen. Wir fahren am besten zurück zu meiner Ranch. Dort werden wir etwas schlafen und heute Nacht losfahren. Bei dieser Hitze werden wir in der Teufelsschlucht gegrillt.“

 

„Warum bleibt ihr nicht bei uns, Hurry? Ihr würdet den ganzen Weg zur deinem Haus sparen.“

 

Professor Hurry sah die Kinder fragend an. Elfriede nickte und er fuhr fort: „Okay, Pooku, dann zeige uns mal euer Gästezimmer.“

 

 

 

Wenige Minuten später war Berta empört.

 

„Ich soll auf dem Boden schlafen? Auf einem schmutzigen Boden, wo mich Würmer und Käfer anknabbern? Ich will sofort zur Ranch zurück, ich bleibe keine Minute länger hier!“

 

„Weißt du eigentlich, my dear pig - mein liebes Schwein, dass die meisten Menschen auf dieser Welt immer auf dem nackten Boden schlafen? Es ist viel gesünder, als auf einer weichen Matratze. Okay, vielleicht nicht so gemütlich, aber wir sind im Busch und werden uns anpassen.“

 

„Aber Herr Profdok, es ist sehr schmutzig hier, das mag ich nicht.“

 

„Schmutz? Ich sehe keinen Schmutz, Berta, ich sehe Natur. Die Natur ist nicht schmutzig, nur was manche Menschen daraus machen ist Schmutz. Siehst du hier leere Dosen oder Papier herumliegen?“

 

 

 

Berta blickte betroffen zu Boden.

 

„Sie haben Recht, Herr Profdok, so habe ich das noch nicht betrachtet.“

 

„Wann gibt es Essen?“ meldete sich Rosie.

 

„Wie kannst du in dieser schönen Natur ans Essen denken?“

 

„Weil, allerliebste Berta, mein Bauch davon nicht satt wird.“

 

Nachdem Rosie das gesagt hatte, wurde sie von einem kleinen Mädchen angestoßen. Die Kleine hielt Rosie ein Stück Brot hin.

 

„Maisbrot“, erklärte Professor Hurry. „Very good - sehr gut!“

 

Rosie ließ sich nicht zweimal bitten und griff zu.

 

 

 

„Köstlich, wie heißt du?“

 

„Pajima! Möchtest du mit mir spielen?“

 

„Gleich, erst einmal muss ich futtern, sonst falle ich beim Spielen um.“

 

Während alle mit dem Essen beschäftigt waren, blickte Berta auf und sah einen Vogel, den sie noch nie gesehen hatte.

 

„He, was bist du denn für ein komischer Vogel?” rief sie.

 

Der Vogel äugte zu ihr herab und gab ein lautes Lachen von sich.

 

Berta stand auf: „Suchst du Streit?”

 

Der Vogel lachte wieder, diesmal etwas lauter.

 

Berta wurde wütend und versuchte den Baum hinaufzuklettern, doch Pajima zog sie zurück.

 

„Das ist ein Kookaburra, der klingt immer so!”

 

„Das ist aber ein komischer Name,” warf Rosie ein, „also ich möchte nicht Kokosberger heißen.”

 

„Da sieht man wieder, dass du überhaupt keine Ahnung hast, liebste Rosie, Kokosberger, so ein Quatsch. Das Viech heißt Kugelberger!”

 

Jennie war vor Lachen das Maisbrot heruntergefallen.

 

„Mensch, das ist doch ein Kookaburra, bei uns nennt so etwas den lachenden Hans, schon mal davon gehört?”

 

Rosie schüttelte den Kopf und Berta murmelte, dass sie das wohl erst in der nächsten Klasse kriegen würden.

 

 

 

Nachdem auch die anderen gegessen hatten, sah Berta die Kinder des Dorfes nachdenklich an. Sie hatten nicht all die Spielzeuge, die sonst jedes Kind besitzt. Manche hatten nur ein selbstgenähtes Känguru oder einen Koalabären aus Stoff. Ein paar Kinder spielten mit einem Ball, der aus Pflanzenfasern gemacht worden war.

 

„Es geht uns viel zu gut, deshalb sind wir oft unzufrieden,“ murmelte sie vor sich hin.

 

„Wie meinst du das?“ fragte Daisy, die neben ihr saß.

 

„Überleg mal, zu Hause kriegen wir alles. Wir haben soviel Spielzeug, dass unser Zimmer überquillt und trotzdem langweilen wir uns. Schau dir diese Kinder an, sie haben nichts und sind trotzdem glücklich.“

 

„Vielleicht sind sie gerade deswegen glücklich...“

 

„Genau, wir sind übersättigt, wir haben alles. Es gibt nichts mehr, was wir uns wünschen können, genau das ist unser Problem.“

 

Daisy dachte lange über Bertas Worte nach.

 

„Weißt du was? Wenn wir wieder zu Hause sind, werde ich all die Spielsachen, mit denen ich sowieso nicht spiele, in einen Karton packen. Dann habe ich nur noch 3 oder 4 Sachen und habe viel mehr Spaß.“

 

„Ich mache mit“, meldete sich nun Elfriede. „Pupsi behalte ich natürlich, mein Puppenhaus und ein paar Stofftiere auch. Dann bitte ich meinen Papi, die anderen Sachen in den Keller oder auf den Dachboden zu bringen - der wird sich freuen! Wenn ich Lust habe, kann ich immer wieder die anderen Sachen besuchen.“

 

„Stell dir mal vor, wie viel Platz wir dann wieder haben,“ rief Susi begeistert, „das blöde Aufräumen dauert nur noch 5 Minuten!“

 

„Ich mach' auch mit“, meinte Bernie, „aber meine Autos behalte ich. Die ganzen ollen Stofftiere ziehen um. Dann baue ich mir eine Autobahn durch das ganze Zimmer.“