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Auf der Insel Eilean Fhionnain

 

 

Vorwort

Dieses Buch ist für Flecki und Goldi geschrieben, ohne sie würde es keine Hamster und kein Hamsterhausen geben.

Ein besonderer Dank gilt Mamsi, die sich Abend für Abend geduldig die Geschichten anhörte und gegen das Einschlafen kämpfte.

Das Korrigieren eines Buches und die Überprüfung seiner historischen Hintergründe sind das Schwerste. Hier möchte ich mich herzlich für die Mitarbeit einer keltischen Hexe bedanken, ohne die es das letzte Kapitel wohl nicht gegeben hätte.

 

 

1. Kapitel

Heimweh

 

Es war Mittagszeit auf dem abgelegenen Landhaus irgendwo im fernen Spanien. Die hoch am spanischen Himmel stehende Sonne brannte unbarmherzig auf Mensch und Tier. Eine bleierne Schwere lag in der Luft. In der Ferne zogen ein paar Vögel ihre Kreise, und hin und wieder war in der Ferne der stotternde Motor eines Treckers zu hören.

Es war ein friedliches Bild, das sich dem Betrachter bot, doch plötzlich wurde der Frieden von einer lauten Stimme zerrissen. Es war eine Stimme die klang, als wenn ein Reibeisen über raues Metall gezogen würde.

"McClown, sie nichtsnutziger Kerl, wo treiben sie sich wieder herum?"

Das Einzige, was ihm antwortete, war das Tuckern des Treckers in der Ferne.

"MCCLOWN!" brüllte der alte Lord, und seine Stimme überschlug sich.

 

In der Ferne verstarb das Geräusch des tuckernden Motors. Nach wenigen Minuten war ein kleiner Punkt am Horizont zu sehen, der sich, umgeben von einer Staubwolke, mit rasender Geschwindigkeit näherte.

 

"Ging das nicht etwas schneller, McClown?" krächzte Lord McShredder und sah seinen Butler vorwurfsvoll an.

"Nun, Sir, ich, äh..."

Der Butler wurde von einem Hustenanfall unterbrochen und stütze sich auf den Zaun, der das Landhaus umgab. Schweiß lief ihm über die Stirn, und er rang nach seinem schnellen Lauf durch die Mittagshitze nach Luft.

"Sie sind völlig außer Form, McClown," fuhr der Lord fort. "Schauen sie doch bloß mal in den Spiegel! Als wir aus Schottland weg fuhren, waren sie schlank. Und nun? Sie sind fett und bequem geworden, McClown!"

"Sir," entgegnete empört der Butler, "als wir Schottland verließen, hatte ich seit Wochen nichts mehr gegessen!

"Häh?" rief McShredder empört. "Sie waren beim Schrott gießen und haben Knochen gefressen?"

McClowns Gesicht lief rot an.

"Sir," brüllte er, "nachdem ich die Hamster aus Hamsterhausen entführt hatte, war ich total abgemagert und halb verhungert!"

"Halb verhungert?" krähte McShredder. "Da sieht man es doch wieder, sie denken nur ans Essen. Meine Leiden interessieren sie doch überhaupt nicht, sie undankbarer Kerl!"

Er hatte zwar einiges unter seinem Lord zu leiden, doch Frido McClown war ein Butler durch und durch und die Bedürfnisse seines Herren gingen ihm über alles. Sein Herr litt? McClown sah den alten Lord entsetzt an und fragte:

"Sir, welcher Art ist ihr Leiden?"

"Der Bart soll bleiben? McClown, sie reden irre. Die verdammte Sonne bekommt ihnen nicht, sehen sie sich doch einmal an, sie haben einen Kopf wie eine Tomate und sind total verschwitzt!"

"Aber Sir, ich habe den ganzen Tag mit dem Trecker den Acker gepflügt!"

 

"Was?" krähte der Lord entrüstet, "Sie haben den ganzen Tag Gekecker und Gegacker geübt? Mensch, McClown, sie sind ja nur noch ein Schatten ihrer selbst. Fett und fertig sozusagen!"

Der Butler Frido McClown verdrehte seine Augen im Kopf und stöhnte. Die Schwerhörigkeit seiner Lordschaft hatte im fernen Spanien eher noch zugenommen. Wenigstens war sein Rheuma verschwunden, denn das war ja auch ein Grund dafür gewesen, dass sie Schottland verlassen hatten. Der andere Grund war bekanntlich ja der, dass das alte Schloss nach einer Gasexplosion nicht mehr so richtig bewohnbar gewesen war.

 


McClown dachte an seine kleinen Freunde, die Hamster. Er seufzte wieder und dachte mit Wehmut an all die Abenteuer, die er mit den kleinen Pelzträgern erlebt hatte. Ob sich die kleinen, niedlichen Tierchen noch an ihn erinnern würden? Ob sie noch an ihre Landung bei Strathy Point oder an die Übernachtung in den Smoo Caves dachten? Wieder seufzte McClown laut und bemerkte nicht, dass der alte Lord ihn beobachtete.

 

"Mein lieber McClown", riss ihn plötzlich eine bekannte Stimme aus seinen Träumen, "wissen sie, was ihnen fehlt? Sie haben Heimweh!"

Der Butler wusste nicht, was er sagen sollte und außer einem Stammeln brachte er nichts Intelligentes hervor.

"Und wissen sie was, McClown?" sagte Lord McShredder und richtete sich in seinem neuen Rollstuhl auf.

"Auch ich habe Heimweh."


Lord und Butler standen nebeneinander und schauten auf den Horizont. Der Butler dachte an die Hamster, während der Lord sich nachdenklich in seinem Rollstuhl zurücklehnte. Übrigens benötigte er diesen Rollstuhl nicht wirklich, doch er fand es recht praktisch, seine täglichen Fahrten damit zu erledigen. Tatsächlich jedoch bestanden diese täglichen Fahrten darin, dass er dreimal am Tag zum Esstisch fuhr und ebenso oft auf Klo. Gemächlich zündete McShredder seine Pfeife an, blies den Rauch in die Hitze der Mittagssonne und sprach:

 

"Wissen sie was, mein lieber McClown? Ich habe es satt. Sonne, Sonne und noch mal Sonne. Ich kann sie nicht mehr sehen, ich will Regen! Tagelang Regen, ich will mit meinem Rollstuhl vom Craig Farr oder von mir aus auch von jedem anderen Berg im strömenden Regen heruntergespült werden. Berge! Wo sind die Berge und Täler, die Bens und Glens, wo die Flüsse und Lochs? Nichts gibt es hier. Nur Sonne und Langeweile."

 

McClown nickte. Die Idee, dass der Lord samt seinem Rollstuhl von einem Berg heruntergespült werden würde, gefiel ihm ausgesprochen gut. Das einzig Unangenehme an der Idee war nur, dass er, Frido McClown, vorher den Lord in seinem Rollstuhl erst einmal den ganzen Berg hinaufschieben musste. Aber dann, ja dann würde er den alten Sack mit Freuden nach unten befördern.

"Ja, Sir, das ist eine sehr gute Idee!" rief er.

"Nicht wahr, McClown! Also sehen sie zu, dass sie die Sachen packen, ein Schiff besorgen, ein paar Brote schmieren, das Landhaus verkaufen und dann ab. In einer Stunde fahren wir!"

Kopfschüttelnd macht sich Frido McClown an die Arbeit.


 

Kapitel 2

 

Im alten Schloss

 


Während Lord McShredder und sein Butler unter der heißen Sonne Spaniens litten, regnete es in Schottland. Nebel hing über den majestätischen Bergen, Mensch und Tier hatten es sich in Hütten und Häusern bequem gemacht. Nur die Schafe und die Hochlandrinder standen auf den saftigen Wiesen und ließen gleichmütig den Regen über sich ergehen.

Alles schien friedlich und still. Fast alles, denn in der Nähe von Killichonan war die Hölle los. Dort befand sich nämlich das alte Schloss des Lord McShredder, genauer gesagt, das, was davon übrig geblieben war. Eigentlich war es auch kein richtiges Schloss, sondern eine ehemalige Kirche, die McGregor dem Lord vermacht hatte, nachdem dieser das Monster von Loch Ness durch den kaledonischen Kanal in den Atlantik vertrieben hatte.

Aber was war in der alten Ruine los? Warum flog dort eine Rakete steil in die Luft, drehte sich auf dem höchsten Punkt ihrer Flugbahn und stürzte in die Ruine zurück, genau dorthin, wo sie hergekommen war? Warum waren Schreie zu hören, die nach Panik und Schmerzen klangen? Wer war so blöd, sich selber mit Raketen abzuschießen? Kein Mensch würde so etwas tun, und ein Tier erst recht nicht. Doch Halt, eine Art von Tier würde so etwas tatsächlich fertig kriegen: Hamster. Aber wieso Hamster? Um das zu erklären, müssen wir einen kleinen Blick zurück werfen.

 

Nachdem Elfriede1 und ihre Freunde die entführten Hamster im Schloss wiedergefunden hatten, schien ja alles wieder in bester Ordnung zu sein. Die Hamster wurden nach Hamsterhausen zurückgebracht, der Lord und sein Butler zogen nach Spanien, und alle waren zufrieden. Jedoch fiel in Hamsterhausen nach einiger Zeit auf, dass einige Bewohner den Rückweg nicht geschafft hatten, genauer gesagt: sie waren wohl vergessen worden. Nun fiel dieser Verlust nicht sofort auf, weil die Pelztiere sich auf ihrem ungewollten Ausflug nach Schottland vermehrt hatten, und damit war auch ihre Anzahl eher mehr als weniger geworden. Doch ein paar Dinge fielen ganz gewaltig auf, oder sollte man sagen, es fielauf, dass etwas nicht mehr da war, auf das man gut und gerne verzichten konnte?

 

Die Hamster überlegten lange, was das denn nun war, was ihnen eigentlich nicht fehlte, aber wie immer kamen sie auf kein Ergebnis. Sie bildeten Planungsgruppen und Ausschüsse, die sich mit dem Problem auseinandersetzen sollten, doch es kam immer dasselbe dabei heraus, nämlich nichts.

Als das Jahr zu Ende ging, und Weihnachten kam, fiel ihnen plötzlich auf, dass keine langweiligen Reden gehalten wurde. Da kapierten die Hamster auf Anhieb, dass der Bürgermeister in Schottland vergessen worden war. Als das Fest ungewöhnlich friedlich verlief, und es zu keinen Katastrophen kam, wurde klar, dass Goldi, Flecki, Bauleiter Murksel, Reparaturhamster Tuffi und einige andere wohl ebenfalls nicht mitgekommen waren.

Nun war große Not und Wehklagen in Hamsterhausen. Sofort setzten sich die Hamster zusammen und berieten, was zu machen wäre. Nach einer Woche wurde ein Beschluss gefasst:

 

 




1. Wir haben keine Ahnung, was zu tun ist

2. Es muss weitergehen

3. Wir warten ab

4. Jetzt erst recht

5. So nicht

6. Es werden 3 Wochen Trauer angeordnet

 


Die Punkte 1., 3. und 6. wurden sofort einstimmig angenommen, und viele Hamster begannen sofort mit Urlaubsplänen und Reisevorbereitungen. Die Punkte 2., 4. und 5. wurden noch lange diskutiert und dann mit knapper Mehrheit ebenfalls angenommen.

In der alten Ruine, die an einem wunderschönen See vor sich hin gammelte, herrschte zur gleichen Zeit helle Aufregung, und es war die wütende Stimme von Flecki zu hören:

"Ich habe es dir doch gleich gesagt, du Idiot, dass es keinen Sinn macht, bei diesem Regen eine Signalrakete abzuschießen! Du hättest außerdem das ganze Schloss in Brand stecken können!"

"Auch ich habe bereits mehrfach auf diese nicht unerhebliche Tatsache hinweisen mögen, wobei sich Goldi durchaus der Tragweite seines Tuns hätte bewusst sein sollen, dass es keinerlei..."

 

Der Bürgermeister verstummte, als er die bösen Blicke von Flecki, Goldi, Murksel, Tuffi und den anderen Hamstern sah. Ihm war inzwischen klar, dass seine Reden von Tag zu Tag immer unbeliebter wurden, und er gerade gestern kurz davor stand, im nächsten Loch versenkt zu werden. Er nahm sich insgeheim vor, keine langen Reden mehr zu halten. Doch was sollte so ein Bürgermeister denn sonst machen? Er konnte doch nur Reden halten und die Arbeit den anderen Hamstern überlassen.

 

Er setzte sich auf einen Mauerstein nahe dem Kamin und überlegte. Mensch, Heinz-Georg, sprach er leise zu sich, du hast doch so viel Talent, also mache etwas daraus und bringe uns alle wieder nach Hause. Dann kannst du eine Rede halten und die ganze Geschichte erzählen. Ja, das wäre es - die längste Rede seines Lebens. Und so träumte der Bürgermeister von tollen Reden, Goldi von Raketen und Essen, Murksel davon, das Schloss zu reparieren und Flecki träumte davon, Goldi kräftig in den Hintern zu treten.

Seit vielen Tagen waren diese zurückgelassenen Hamster damit beschäftigt, Ordnung in das Schloss zu bringen und zugleich eine Möglichkeit zu finden, wieder nach Hamsterhausen zurückzukommen. Nachdem jedoch Goldi im Keller ein paar uralte Sylvesterraketen gefunden hatte, war er nicht mehr zu halten, und niemand mehr sicher. Ständig erzählte er davon, dass er Notsignale für die einzige Möglichkeit hielt, Hilfe aus Hamsterhausen zu holen.

 

"Aber Hamsterhausen ist doch viel zu weit weg", versuchten ihm Flecki und Dodo klar zu machen. "Die Raketen können unsere Freunde doch nicht sehen!"

Goldi jedoch hörte nicht auf sie, das heißt, er wollte nicht auf sie hören. Sein Tagesablauf bestand darin, an Raketentriebwerken herumzufummeln, und die anderen Hamster in Angst und Schrecken zu versetzen. Hauptsache es knallte, und Goldi hatte seinen Spaß. Natürlich ging das allen gehörig auf den Keks und so fasste Flecki den Entschluss, dieser Knallerei ein Ende zu bereiten. Wütend nahm sie eine Kanne Tee aus der Küche, ging zu Goldis Raketensammlung und goss den Tee darüber.

"Hoppla, Goldi, mir ist etwas Dummes passiert, nein, wie ungeschickt. Tut mir das aber leid!"

Mit großen Augen starrte Goldi auf die durchnässten Raketen, und ihm schossen die Tränen in die Augen. In diesem Moment kam der Bürgermeister um die Ecke und sah den traurigen Goldi. Endlich konnte er mal jemanden helfen, und so rief er:

"Kein Problem, das haben wir schnell getrocknet!"

 

Dann nahm er den gesamten Stapel an durchnässten Raketen und trug ihn in die Küche. Als er wenige Minuten später wieder in den großen Saal zurück kam, in dem sich die Hamster tagsüber aufhielten, schauten ihn alle gespannt an. Der Bürgermeister genoss den Moment, endlich einmal wieder im Mittelpunkt aller Hamster zu stehen. Er räusperte sich und strahlte in die Runde. Dann begann er zu reden:

"Nun, schnelle Entscheidungen erfordern schnelle Taten, nicht wahr, meine lieben Hamster? Als ich das nasse Bündel sah, und als ich den unglücklichen Hamsterfreund Goldi sah, da wusste ich sofort: hier wird Hilfe gebraucht. Sofort griff ich mit der mir angeborenen Entschlussfreude zu und tat das Richtige. Ja, ich tat das Richtige und half diesem Hamsterfreund. Mir wurde schlagartig klar, dass diesem unglücklichen Wesen und seinem nassen Bündel nur durch äußerste Entschluss..."

 

 

"Ja, ja, ist ja gut", rief Flecki. "Und wo sind die Raketen nun?"

"D... d.... d.... die Ra-Ra-Ra-Raketen?" ächzte der Bürgermeister.

"Ja, die Ra-Ra-Ra-Raketen! Wo sind die nun?" riefen die Hamster wie aus einem Munde.

"I-i-i-m Ba-ba-ba-ba..." Dem Bürgermeister versagte die Stimme.

"Badewanne?" fragte Flecki hoffnungsvoll.

"N-n-nein, im Ba-ba-ba-back, im Ba-ba-back..." stammelte der Bürgermeister.

"Buckingham Palast?" fragte Tuffi mit großen Augen.

"Ofen", stöhnte schwitzend der Bürgermeister, "im Backofen".

 

 

Es war mit einem Schlag still im alten Schloss. Man konnte den eigenen Atem hören. Aus der Küche drang Geruch von angesengeltem Papier. Mit großen Knopfaugen und zitternden Barthaaren standen die Hamster in der großen Eingangshalle und bewegten sich nicht. Dann ein Schrei: "Kinap, Eflih!"2 und die Hamster taten das, was sie am besten können, nämlich voller Panik in Kreise rennen und schreien. Nachdem sie ein paar Minuten rennend und schreiend im Kreise gerannt waren, passierte noch immer nichts. Kein Knall, keine Explosion, nur Ratlosigkeit. Schließlich jammerte Dodo laut:

"Warum macht denn keiner was? Jemand muss den Backofen ausmachen!"

Alle sahen jetzt den Bürgermeister an. Der Bürgermeister guckte ängstlich zurück. Ihm war klar, dass alle Welt nun von ihm erwartete, etwas zu unternehmen. Entschlusskraft und Führungsstärke wurden nun von ihm erwartet, doch am liebsten wäre er schreiend geflüchtet. Mit einem dümmlichen Grinsen bewegte er sich zitternd auf die Küche zu:

"Hä, hä, der Backofen. Nun, dann will ich ihn mal ausschalten!"

Er hatte gerade den Backofen erreicht, da gab es eine gewaltige Explosion.


1 (siehe Band III, Hamster in Gefahr)

2 (Hamstisch: Panik! Hilfe!)


 

Kapitel 3

Die Rückreise

 

"McClown, sind sie endlich fertig? Geht das nicht schneller? Muss ich denn immer alles alleine machen?

Lord McShredder war so verärgert, dass er beinahe aus seinem bequemen Rollstuhl aufgestanden wäre, um seinen Butler zu suchen. Verärgert griff er in seine Hosentasche, um etwas Tabak hervor zu holen. Bis auf ein paar Krümel Tabak und Reste von einem Taschentuch fand er nichts, doch was er fand, stopfte er hastig in seine Pfeife.

"McClown! Es ist dringend!"

Hechelnd und keuchend kam der arme Butler angerannt und lief auf den Lord zu.

"Sir, die Käufer für das Landhaus warten!"

"Häh? Die Koffer sollen im Pfandhaus warten? McClown, was erzählen sie wieder für einen Quatsch! Ich habe kaum noch Tabak, und sie machen blöde Witze. Nun gehen sie schon Tabak holen, und stehen sie hier nicht so untätig rum!"



Frido McClown rannte, so schnell er konnte. Weit kam er jedoch nicht, dann hörte er wieder die schnarrende Stimme seines Herrn.

"McClown!"

Er drehte auf dem Absatz um und rannte zurück zu der Stelle, an der er gerade eben noch gestanden hatte. Mit funkelnden Augen lauschte er, was der Lord ihm zu sagen hatte.

"Wenn sie ohnehin schon einen Spaziergang in die Stadt machen, dann bringen sie mir gleich Tee mit. Eine gute Tasse Tee dient nämlich der Beruhigung. Am besten, sie kochen sich danach auch eine Tasse, mein Lieber. Sie wirken schon wieder etwas nervös.

He, McClown, hören sie auf, gegen den Zaun zu treten!"

In der Tat hatte der Butler schon längst die Grenzen seiner Geduld überschritten. Die Koffer waren gepackt, allerdings nicht vollständig. So fehlte beispielsweise die beträchtliche Sammlung von Tabakpfeifen, die sich der Lord zugelegt hatte. Es waren fast 600 Stück. Auch die unzähligen Zeitungen und Illustrierten, die der Lord seit Jahren gesammelt hatte, traten den Rückweg in die Heimat nicht mehr an. Frido McClown hatte ein Brett aus dem Fußboden im Esszimmer herausgenommen und Pfeifen samt Zeitschriften hinein geschoben. Dann nagelte er das Brett wieder fest und war froh, dass er all das Gelumpe nun nicht auch noch nach Hause schleppen musste.

Inzwischen hatte er den kleinen Ort erreicht, der sich nur wenige Minuten zu Fuß vom Landhaus befand. Kurz darauf rannte er zurück, setzte Tee auf, verhandelte mit einem ehemaligen Stierkämpfer, der sich zur Ruhe gesetzt hatte, und verkaufte dem das Landhaus. Dann brachte er Lord McShredder den Tabak, goss den Tee ab und telefonierte. Noch während er die Nummer wählte, hörte er ein krächzendes "McClown, wo bleibt der Tee?" doch das interessierte ihn nun nicht.

Er rief seinen alten Freund, den Kapitän, an. Es war derjenige, der ihn damals nach Reykjavik als blinden Passagier mitgenommen hat. Niemals würde der Butler vergessen können, dass dieser Seemann die Hamster vor dem sicheren Tod gerettet hatte, damals im Sturm, als McClown über einen Tampen gestolpert war. Ach, die lieben, niedlichen Hamster! Die Tränen schossen ihm in die Augen, und er dachte an die stürmische Landung mit dem Heißluftballon in Strathy Point. Immerhin hatte der Kapitän ihm soeben am Telefon zugesagt, sie nach Schottland zurück zu fahren. Im Hafen von Vivero würde er sie in 2 Tagen abholen. Während der Butler noch überlegte, wie sie nach Vivero kommen würden, ging er zu seiner Lordschaft zurück.

 

"McClown, sie pennen ja am helllichten Tag! Jetzt haben sie den Tee vergessen. Wenn man nicht alles selber macht..."



"Häh, Sir, ich habe Schnee gefressen? Was sie nicht sagen..." äffte der Butler die Schwerhörigkeit des Lords nach und wich geschickt der Tabakspfeife aus, die McShredder nach ihm geworfen hatte. Dann machte er sich daran, die Koffer fertig zu packen.

Das wüste Geschimpfe des Lords interessierte ihn nicht, und zufrieden beobachtete der Butler, wie der Lord sich fluchend aus seinem Rollstuhl quälte, um die brennende Pfeife aufzuheben, bevor der Teppich in Flammen aufging. Das Packen der Koffer war schnell beendet, und der Butler hörte den Lord schon wieder krähen:

 

"McClown, wo bleibt das Schiff?"

"Sir," rief McClown, "das Schiff bleibt im Hafen, mit Verlaub."

"In welchen Hafen?" krächzte der Lord.

"In Vivero, Sir."

"Wo liegt das?"

"Hinter Magazos, Sir."

"Aha, und wo liegt Magazos?"

"Hinter Fonterova, Sir."

"Aha, und Fonterova?"

"Ein paar Kilometer westlich, Sir. In Spanien, Sir. Auf der Erde, Sir."

"Aha, und wo liegt..., McClown, ich bin nicht blöd! Natürlich weiß ich, dass wir uns in Spanien befinden. Dann überlegen sie sich mal ganz schnell, wie ich dorthin kommen soll. Es ist nicht sehr gemütlich für mich, wenn sie mich den ganzen holperigen Weg schieben."

"Selbstverständlich nicht, Sir, ich werde mich sofort nach einer Fahrgelegenheit umsehen."

 

 

Die wenigen Einwohner des kleinen Dorfes Fonterova verbrachten ihr Leben in gemütlicher Langeweile. In diesem verlassenen Nest passierte nie etwas, doch an diesem Nachmittag sollte sich das ändern. Während Dorf und Bewohner vor sich hin dösten, näherte sich ein Mann aus östlicher Richtung ihrem Dorf. Er zog einen kleinen Esel hinter sich her. Dieser Esel wiederum zog einen alten Holzkarren. Auf diesem Holzkarren war ein Rollstuhl befestigt. In diesem Rollstuhl saß ein alter Mann. Er rauchte eine Pfeife und schien verärgert zu sein. Ganz deutlich hörten die verschlafenen Dorfbewohner, wie der alte Mann den anderen, der den Esel zog, beschimpfte.

 

 

"McClown, sie hirnrissiger Trottel, warum haben sie kein Taxi bestellt?"

"Sir, es gibt hier keine Taxis, und den Trecker haben wir verkauft!"

"McClown, ich will einen Tee!"

"Es gibt hier keinen Tee, Sir, und bitte hören sie auf zu schreien, der Esel dreht gleich durch!"

"Kein Tee? Sie undankbarer Kerl, McClown!"

 

Die erstaunten Bewohner dieses friedlichen spanischen Dorfes schauten zu, wie der wütende alte Mann, der wie auf einem Thron auf dem Holzkarren saß, seine Pfeife nach dem jüngeren Mann warf. Die Pfeife traf jedoch den völlig unbeteiligten Esel, und die heiße Asche kokelte die Mähne seines Rücken an. Der Esel tat das, was jedes Tier machen würde, wenn es angekokelt wird: es gab einen lauten Schmerzensschrei von sich und rannte los, so schnell es konnte. Begeistert beobachteten die Dorfbewohner das, was sich auf der Dorfstraße tat. Ein Esel, an dessen Mähne ein kleine Rauchfahne zu sehen war, zog mit rasender Geschwindigkeit einen Holzkarren über die holperige Straße hinter sich her. Auf diesem Holzkarren saß noch immer der alte Mann in dem Rollstuhl, doch nun hüpfte er auf und ab und hatte große Mühe, sich festzuhalten. Zu guter Letzt war da noch der Mann , der vorher den Esel gezogen hatte. Er ruderte wild mit den Armen und rannte schreiend hinter dem Holzkarren her.

Die Bewohner des verschlafenen Dorfes sahen der merkwürdigen Reisegruppe noch lange hinterher, solange, bis nur noch eine kleine Staubwolke in der untergehenden Sonne zu sehen war. Einer der Bewohner, ein alter Mann mit wenigen Zähnen, schüttelte den Kopf und sagte zu seinem Nebenmann:

"Gringos!"1



Der Nebenmann, der sich gerade wieder zu einem Nickerchen hinlegen wollte, öffnete kurz die Augen und antwortete:

"Ja, immer in Hektik. Diese Gringos, sie kennen keine Ruhe und Beschaulichkeit."

 

Es dauerte nun nicht mehr lange, bis Lord McShredder und sein Butler Frido McClown am Hafen von Vivero ankamen. Der arme Esel, dem schon die halbe Mähne verglüht war, sprang laut "iaahhhhh" rufend in das Wasser des Hafenbeckens. Der Butler versuchte verzweifelt, den Rollstuhl samt Lord festzuhalten, doch mit einem lauten Platscher fielen alle ins Wasser.

"Dascha ja prima, Jungs, dat ihr schon da seid, dann könn' wir gleich losfahren!"

Der Kapitän lachte, er stand an der Reling seines Schiffes und warf McShredder eine Leine zu. Es dauerte eine Weile, bis der schimpfende Lord an Bord gezogen war. Der Esel schwamm an Land zurück, denn der Holzkarren samt Rollstuhl waren in Einzelteile zerlegt und trieben im Wasser. McClown betrat als letzter das Schiff, denn er hatte die undankbare Aufgabe, die Koffer im Wasser einzusammeln. Nun waren alle an Bord und die Heimreise nach Schottland konnte beginnen.

Das Schiff legte ab, und bald würden sie das alte Schloss wiedersehen.


1 (verächtlich: Jemand, der kein Spanier ist)


 

Kapitel 4

Im alten Schloss 2.Teil

 

Das alte Schloss, das im Herzen Schottlands in der Nähe von Killichonan lag, bot einen jämmerlichen Anblick. Den hatte es zwar schon all die Jahre über geboten, doch nun sah es ganz besonders jämmerlich aus. Da, wo einst das geflickte Dach war, an dem eine große Glocke hing, war nun gar kein Dach mehr. Und auch keine Glocke. Schließlich kann sich ein Dach ohne Wände nicht halten, denn Wände hatte das alte Schloss nun auch nicht mehr. Die Hamster hatten wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Jammernd und stöhnend lagen sie inmitten von Trümmerresten auf dem Fußboden der ehemaligen Eingangshalle.

"Herr Bürgermeister?" rief Flecki, die als erste die Lage begriffen hatte. "Los, Goldi, bewege deinen faulen Hintern, wir müssen den Bürgermeister aus den Trümmern befreien!"

Stöhnend erhob sich Goldi, während Bauleiter Murksel einen Teelöffel vom Boden aufhob. Es war übrigens der Lieblingsteelöffel des alten Lords gewesen, mit dem er sich so manches Mal aus reiner Vergesslichkeit den Tabak gestopft hatte. Mit diesem Löffel begannen Murksel und Goldi, einen Weg durch Schutt und Steine zu graben. Tuffi versuchte auch zu helfen, doch der kleine Reparaturhamster richtete wie immer mehr Schaden als Nutzen an. Mehrfach musste Bauleiter Murksel sie unter einem umgekippten Schutthaufen hervorholen. Schließlich fanden sie den Bürgermeister, er hatte eine riesige Beule auf dem Kopf und blinzelte schwach mit den Augen.



Dodo, der ihn als erster entdeckt hatte, rief laut: "Er lebt!" und sofort fingen die Hamster an, zu jubeln und im Kreis zu laufen. In der Mitte saß der Bürgermeister und grinste vor sich hin.

"Alles klar, Herr Bürgermeister?" fragte Flecki und näherte sich vorsichtig dem immer noch grinsenden Bürgermeister. Es dauerte, bis er den Kopf in Richtung Flecki wandte. Die Beule auf seinem Kopf war wirklich nicht zu übersehen, doch er versuchte aufzustehen. Es dauerte eine Weile, bis er wieder auf seinen kleinen Beinen stand. Dann grinste er und fiel kopfüber mitten in einen Schutthaufen hinein.

"Nö," meinte Goldi, "so richtig fit ist der aber noch nicht."

 

Der Bürgermeister wurde aus dem Schutthaufen gezogen und zunächst einmal in eine Ecke gelegt. Dann machten sich die Hamster daran, den gröbsten Schutt beiseite zu räumen und die sonstigen Schäden zu beseitigen. Alles rannte geschäftig hin und her, doch am Abend waren sie noch kein Stück weiter gekommen.

Als die Nacht hereinbrach, fing es zu allem Übel auch noch an zu regnen und zu stürmen, so dass die armen Tiere froren und eine ungemütliche Nacht unter dem Sessel des Lord McShredder verbrachten. Es war so ungemütlich, dass die Hamster auf eine nächtliche Party verzichteten und statt dessen die ganze Nacht in der Ruine nach Decken oder ähnlichem suchten. Schließlich gelang es Murksel, aus einem alten Teppich ein paar Decken zu machen. Doch auch dann kehrte keine Ruhe ein, denn der Bürgermeister wanderte ständig in den Resten des alten Schlosses herum und erzählte etwas von einer Reise in den Süden. Zwischendurch fiel er in eines der zahlreichen Löcher im Fußboden und musste befreit werden. Endlich, nach einer langen und anstrengenden Nacht brach der Tag an. Als die ersten, wärmenden Sonnenstrahlen in das alte Gemäuer schienen, wurden die Hamster auch wieder munter und berieten, was zu tun sei. Es war klar, dass sie nicht noch eine Nacht in dieser ungemütlichen Umgebung bleiben wollten. Der Zustand des Bürgermeisters hatte sich noch nicht gebessert, und es ging allen Hamstern inzwischen gehörig auf die Nerven, dass er ständig etwas von Sommer, Sonne, Strand faselte und jeden nach dem nächsten Reisebüro fragte. Die Nerven aller Hamster waren inzwischen reichlich strapaziert.

 

"Wenn der mich noch einmal nach dem Weg zum nächsten Reisebüro fragt, dann bekommt er eine zweite Beule!" schimpfte Flecki.

"Vielleicht würde das seinen Zustand ja bessern," antwortete Goldi, "wir könnten ja eine winzig kleine Explosion..."



Doch weiter kam er nicht. Von allen Seiten trafen ihn wütende Blicke und somit hielt Goldi es für besser, die Klappe zu halten.

"Hier bleiben können wir auch nicht," jammerte Tuffi, "ich mag nicht in Schutt und Asche leben. Das ist so ungemütlich."

"Tja," meldete sich Bauleiter Murksel, "ohne neues Baumaterial können wir nichts machen."

Betretenes Schweigen. Die Hamster zogen sich zu einer Beratung neben den Resten des Kamins zurück. Allerdings fiel ihnen wie so oft rein gar nichts ein. Schweigend standen sie nebeneinander und guckten auf den Boden. Nur der Bürgermeister war bester Laune und sang Lieder vom "weißen Strand am blauem Meer". Es musste etwas geschehen, doch was? Schließlich war es Goldi, der meinte:

"Irgendwie hat der Bürgermeister Recht!"

"Genau," stimmte Muffel zu, "der hat so einen Schaden, der findet alles gut."

"Nein," widersprach Goldi, "wir sollten uns einen wärmeren Ort suchen, denkt doch mal an den Strand von Bettyhill!"

"Genau," jubelte Tuffi, "der Bürgermeister hat bestimmt eine Eingebung und vielleicht sollten wir ihm folgen! Bestimmt ist er jetzt erleuchtet."

Alle jubelten, nur Flecki traute der Sache überhaupt nicht.

"Das ist die blödeste Idee seit Goldis Pfannkuchenmaschine. Wir werden mit diesem Erleuchteten garantiert in der Hölle landen. Oder direkt im Moor. Oder in beidem."

 

Schließlich wurde abgestimmt. Nachdem die Stimmen mehrmals ausgezählt worden waren, stand das Ergebnis fest:

14 Stimmen dafür,

2 Stimmen dagegen und

9 Stimmzettel waren aufgefressen.

 

Somit war die Sache entschieden. Es dauerte einen halben Tag, bis der Bürgermeister verstanden hatte, dass es nun ans Meer gehen sollte. Die Hamster beschlossen, ihn einfach vorweg gehen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass er den Weg finden würde. Tatsächlich marschierte der Bürgermeister fröhlich vorweg. Als sie die Straße erreichten, bliebt er stehen, sah nach links, nach rechts und dann auf den großen See vor ihnen. Dann wandte er sich nach rechts, die Hamster folgten ihm, und die Stelle, wo einst ein Schloss stand, blieb hinter ihnen zurück.

Es würde ein langer Marsch werden, da waren sich die Hamster ausnahmsweise einmal einig. Dennoch waren alle guten Mutes und sogar Flecki gab zu, dass die Entscheidung des Bürgermeisters richtig gewesen war, rechts herum zu gehen. Sie hatte sich vorher eine alte Karte, die im Schloss herumlag, genau angesehen und wusste daher, dass dieses der schnellste Weg zum Meer war. Aber ob der bescheuerte Bürgermeister nun wirklich ein Erleuchteter war, das bezweifelte sie.



Die Hamster waren bereits mehrere Stunden gelaufen, als sie vor sich ein großes, rotes Auto sahen. Es stand mitten auf dem Weg, den sie gehen wollten. Alle schauten auf den Bürgermeister und warteten, was er entscheiden würde. Doch der Erleuchtete stand nur da und grinste dämlich. Goldi stupste ihn an und flüsterte ihm leise zu:

"He, wir wäre es, wir nehmen den Wagen? Ich kann kaum noch laufen,"

"Wir nehmen den Wagen..." wiederholte der Bürgermeister grinsend, ohne dass er überhaupt begriff, was Goldi meinte. Die Hamster waren begeistert. Welch ein Anführer! Ja, das musste ein Erleuchteter sein. Jubelnd stürmten sie durch eine offene Wagentür und machten es sich bequem. Unter dem Beifahrersitz lagen ein paar Ingwerkekse. Nun war Party angesagt. Als nach wenigen Minuten jemand in den Wagen einstieg und den Motor anließ, hielten sich alle ängstlich fest, denn nun begann eine wilde Fahrt. Mit hoher Geschwindigkeit ging es über die schmale Landstraße, die Hamster purzelten kreischend durcheinander und hatten jede Menge Spaß. Nur auf der Stirn des Fahrers bildeten sich Sorgenfalten, denn die Geräusche, die sein Wagen machte, gefielen ihm nicht. "Ich muss den Wagen nächste Woche mal in die Werkstatt bringen", dachte er, "etwas ist mit der Federung nicht in Ordnung. Da quietscht etwas."

Während der Fahrer sich Sorgen machte, und die Hamster fröhlich Purzelbäume schlugen, erreichten sie einen einsamen Bahnhof. Hier war die wilde Fahrt zu Ende. Der Fahrer verließ den Wagen, und für die Hamster bedeutete es nun, weiter zu laufen. Es war inzwischen dunkel geworden und mühsam ging es hinweg über einige Bahngleise. Doch schon nach wenigen Metern legte sich der Bürgermeister einfach hin, gähnte und begann, ein Nickerchen zu machen.

"Der Erleuchtete will, dass wir hier übernachten," rief Tuffi. "Wollen wir ein Lager aufschlagen?"

Bauleiter Murksel sah sich um und sagte zufrieden:

"Unser Standort ist ideal. Wir sind genau zwischen 2 großen Stahlmauern - ich glaube, das nennt man Schienen. Da sind wir prima vor dem Wind geschützt. Auf diesen Holzbrettern, die diese Schienen verbinden, können wir es uns bequem machen. Da wird unser Fell nicht nass."

Alles schien friedlich und ruhig zu sein. Das Wetter war besser geworden und sogar die ersten Sterne waren am Abendhimmel zu sehen. Die Hamster holten ihre Decken heraus, machten es sich bequem und ruhten sich und ihre müden, kleinen Füße aus.

Ihre nächtliche Feier fiel recht kurz aus, denn der lange Weg hatte sie doch sehr erschöpft. Ihr Schlaf wurde jedoch in den frühen Morgenstunden durch ein grässliches Geräusch unterbrochen. Es klang, als würde alles um sie herum zusammenbrechen.



"Ein Ungeheuer, es will uns fressen!" schrien die Hamster und rannten auf den Holzbohlen schreiend im Kreis herum. Ein lautes Zischen und Schnaufen war überall zu hören, dann Stimmen und Kreischen von Metall. Ängstlich scharrten sich die Hamster um den immer noch grinsenden Bürgermeister und jammerten:

 

"Hilf uns, Erleuchteter, ein Ungeheuer will uns fressen!"

 

Der Bürgermeister schien zu bemerken, dass ihn alle ansahen. Für einen Moment war sein dämliches Grinsen verschwunden, dann guckte er in die Runde der verängstigen Hamster und grinste wieder breit. Die Spannung stieg, und alle warteten auf die Worte des Erleuchteten. Nachdem er 5 Minuten vor sich hin gelächelt hatte, sprach er:

 

"Wir nehmen den Wagen..."

"Ich sag es ja, komplett bescheuert ist der," rief Flecki, "wo sollen wir denn nun einen Wagen hernehmen?"

Auch die anderen Hamster wurden unruhig, doch plötzlich rief Tuffi:

"Seht doch mal, das Ungeheuer hat ja Räder!"

 

Nun bemerkten es auch die restlichen Hamster. Tatsächlich, auf den Stahlmauern standen ganz viele Räder hintereinander. Allmählich begriffen die kleinen Nager, dass über ihnen wohl doch kein Ungeheuer war. Goldi erklärte, dass es sich vielleicht um eine Eisenbahn handelte. Nun schöpften die kleinen Tiere wieder Mut. Dodo und Murksel kletterten als erste an einem der Räder hinauf. Als sie oben waren, winkten sie den anderen, ihnen zu folgen. Nach und nach kletterten sie höher und erreichten eine Plattform. Es ging noch höher auf eine weitere Plattform, und schließlich gelangten sie in ein großes Zimmer mit vielen Sitzbänken. Zwischen den Sitzbänken befand sich ein Gang.

"Der Erleuchtete hat uns richtig geführt! Er hat es gewusst!" rief Tuffi entzückt. Dann setzte sich die Eisenbahn in Bewegung.


 

Kapitel 5

Auf See

 

Das Schiff legte ab. Der Kapitän klopfte McClown auf die Schulter und sagte ihm, dass er die Koffer zum Trocknen auf die Heckseite des Schiffes bringen sollte. Der Butler verließ die Kajüte und schleppte einen Koffer nach dem anderen zum hinteren Teil des Schiffes.

"McClown, sind sie endlich fertig? Geht das nicht schneller? Schieben sie mich mal nach vorne, ich sehe nichts!"

In der Tat konnte der Lord recht wenig sehen. In der Eile hatte McClown den Rollstuhl gegen die Wand der Kajüte geschoben, so dass der Lord eben nur noch diese Wand vor sich sah.

"Eine kräftige Brise, was, Sir?" sagte der Butler, als er den Lord zum Bug schob. Dann sicherte er den Rollstuhl mit einem Hebel, damit er nicht wegrollen konnte. Beide schauten nachdenklich auf das Meer.

"Saftiges Gemüse? Was reden sie da, McClown?"



"Sir, ich meinte...," doch weiter kam der Butler nicht. Der heftige Wind blies ihm so stark in Gesicht, dass er glaubte, ersticken zu müssen. McClown hustete und hustete, während er kaum Luft bekam. Röchelnd ließ er sich auf die Schiffsplanken fallen und rang nach Luft.

"Stottern sie nicht herum, McClown, antworten sie endlich! Wo ist das Gemüse?"

"Bri...., Brise ...," weiter kam McClown nicht. Inzwischen hatten sie die Bucht von Biskaya verlassen, und die See war rauer geworden. Der Wind war nun so heftig, dass man kaum noch stehen konnte. Die Wellen waren ebenfalls höher geworden, und gerade, als McClown sich wieder aufgerappelt hatte, ergoss sich eine Woge Wasser über die Reling und warf ihn wieder um. Verzweifelt versuchte der arme Butler, sich an einem Fender festzuhalten, rutschte jedoch ab und prallte gegen den Mast. Tapfer kämpfte er gegen Wind und Wellen an, während er versuchte, den Bug zu erreichen, doch ein Tampen lag im Weg, und McClown klatschte auf die Schiffsplanken, direkt neben dem Rollstuhl des Lords.

"Hören sie auf mit ihren albernen Spielchen, McClown. Ein Butler ihres Formats spielt nicht auf dem Fußboden herum. Wenn sie schon nichts zu tun haben, könnten sie...."

Weiter kam der alte Lord nicht. Voller Wut hatte der Butler nach dem Rollstuhl getreten und traf den Hebel, der den Rollstuhl vor dem Wegrollen sicherte. Kreischend schoss Lord McShredder quer über das Schiff auf die Kabinentür zu. Dann krachte es laut und durch das Heulen des Sturms hörte McClown die laute Stimme des Kapitäns:

"Na, Durchlaucht, is' ihnen das draußen zu kalt geworden?"

An diesem Nachmittag sprachen der Lord und sein Butler nicht mehr miteinander. Dem Kapitän war es egal, denn so konnte er in Ruhe das Schiff durch die raue See steuern. Er hatte seine Pfeife angezündet und blickte hinaus aufs Meer. Dem Lord war übrigens die Tabakspfeife abhanden gekommen. Das kam dadurch, dass er sich durch den Aufenthalt an Deck einen Schnupfen zugezogen hatte, und ihm beim Niesen die Pfeife quer durch die Kajüte geflogen war. Da er mit seinem Butler aber nicht mehr sprechen wollte, konnte er ihm auch nicht sagen, dass er ihm die Pfeife aufheben sollte.

"Wusstet ihr, dass der Golf von Biskaya an einigen Stellen 5.000 Meter tief ist?" versuchte der Kapitän, die beiden aufzumuntern.

McClown schüttelte den Kopf, und der Lord krächzte: "Tatsächlich? Wir sollten McClown mal nachmessen lassen. Wann sind wir endlich da?"

"Tja," brummte der Kapitän, "das kommt darauf an, wie wir um die Scilly-Inseln herum kommen."



"Was ist denn das wieder für ein neumodischer Kram?" schimpfte McShredder.

Der Kapitän zog an seiner Pfeife, nahm sie in die Hand und erklärte:

"Die Scilly-Inseln liegen an der südwestlichen Spitze von Großbritannien. Tja, und die bestehen aus ca. 55 größeren Inseln und mehr als 90 Inselchen, insgesamt aus mehr als 140 Inseln und Felsenriffen. Nur die fünf größten sind bewohnt. Die Inselgruppe liegt ungefähr 45 km südwestlich von Land's End. Der Name "Scilly" bedeutet soviel wie "Sunny Isles". Das heißt soviel wie „sonnige Inseln“. Wegen des Golfstroms haben die Inseln sehr mildes, beinahe subtropisches Klima mit vielen Sonnentagen. Es wachsen da sogar subtropische Bäume. Da könnt ihr Kokosnüsse futtern."

"Und? Wird das gefährlich?" fragte McClown mit großen Augen.

"Also, die Kokosnüsse wohl nicht," lachte der Kapitän. "Die Scilly Inseln sind nun mal wegen der vielen Klippen und Unterwasserfelsen schon immer ein schwieriges Gewässer für die Seefahrt gewesen. Trotz der Leuchttürme, die im 19. Jahrhundert errichtet wurden, sind sie so manchem Schiff zum Verhängnis geworden. Unter ihnen war eines der größten Segelschiffe, und der Welt einziger Siebenmastschoner, die Thomas W. Lawson. Sie sank nach Strandung, Auseinanderbrechen und Kentern im Sturm im Dezember 1907. Nur zwei Mann der Besatzung überlebten. Das Schiffsunglück verursachte eine der ersten Ölkatastrophen, denn der olle Schoner fuhr als Segeltanker."

"Um Gottes Willen!" McClown war vor Schreck aufgesprungen und wollte einen Schritt auf den Kapitän zu gehen, doch da knackte es laut und verdächtig unter seinem Fuß. Die Pfeife des Lords!

Langsam kreuzten sich die Blicke von Lord und Butler, dann schrie der wütende Lord:

"Mit diesem ungehobelten Flegel von Butler will ich keine Minute länger in einem Raum sein. Kapitän, der Mann fliegt sofort über Bord oder ich verlasse die Kajüte!"

"Tja," grinste der Kapitän, "dann wünsche ich ihnen eine angenehme Nacht auf dem Deck, Durchlaucht!"

Wenig später saßen der Kapitän und McClown alleine im Ruderhaus und unterhielten sich bei Tee und Kaffee. Der Butler erklärte dem Kapitän, dass der Lord im Grunde genommen gar kein schlechter Kerl sei. Nur eben reichlich schwerhörig und halsstarrig. Die See war inzwischen ruhiger geworden, doch der Kapitän behielt seine Instrumente genau im Auge, denn sie waren nun unmittelbar bei den Scilly Inseln.

"Wat'n Glück, dat dat nich' pusten deit, mien Jung. Wenn das so bleibt, sind wir fix durch die Inselgruppen durch."

McClown nickte und beobachtete den Kapitän, wie er bedächtig das Steuerrad in den Händen hielt. Hin und wieder musste er den Kurs korrigieren, und das Schiff neigte sich dabei leicht nach Backbord oder nach Steuerbord. Bei jeder Kurskorrektur war ein merkwürdiges Poltern an Deck zu hören.

"Sach' mal, Frido," begann der Kapitän und nahm seine Pfeife aus dem Mund: "Hassu deinen Lord an Deck festgemacht?"

Hastig rannte McClown zur Tür und lief an Deck.

"Sir," hörte der Kapitän ihn rufen, "soll ich ihnen helfen?"

"Verschwinden sie, McClown, ich komme sehr gut alleine klar!"

Nachdem Lord McShredder das gerufen hatte, raste er mit seinem Rollstuhl von Backbord quer über das Schiff nach Steuerbord, denn der Kapitän hatte wieder den Kurs leicht geändert. Der Butler beobachtete mit bangem Gesicht, wie der Lord laut kreischend über das Deck schoss und gegen die Bordwand knallte.

"Sir, soll ich ihnen wirklich nicht helfen, vielleicht...."

"Verschwinden sie, McClown, ich bin kein kleines Kind, das.... aaaaah!"

 

Wieder machte das Schiff eine leichten Schlenker und wieder raste der Lord kreischend mit dem Rollstuhl auf die gegenüberliegende Bordwand zu. McClown ging kopfschüttelnd zurück zum Kapitän.

"Is 'n Dickschädel, dein Chef, was?" fragte der Kapitän und McClown nickte.

Plötzlich hellte sich das Gesicht des Butlers auf, und er grinste den Kapitän an.

"Käpt'n, darf ich auch mal steuern?"

 

 

Die Rückkehr (nach Schottland) - Kapitel 06-10