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Kapitel 5

Auf See

 

Das Schiff legte ab. Der Kapitän klopfte McClown auf die Schulter und sagte ihm, dass er die Koffer zum Trocknen auf die Heckseite des Schiffes bringen sollte. Der Butler verließ die Kajüte und schleppte einen Koffer nach dem anderen zum hinteren Teil des Schiffes.

"McClown, sind sie endlich fertig? Geht das nicht schneller? Schieben sie mich mal nach vorne, ich sehe nichts!"

In der Tat konnte der Lord recht wenig sehen. In der Eile hatte McClown den Rollstuhl gegen die Wand der Kajüte geschoben, so dass der Lord eben nur noch diese Wand vor sich sah.

"Eine kräftige Brise, was, Sir?" sagte der Butler, als er den Lord zum Bug schob. Dann sicherte er den Rollstuhl mit einem Hebel, damit er nicht wegrollen konnte. Beide schauten nachdenklich auf das Meer.

"Saftiges Gemüse? Was reden sie da, McClown?"



"Sir, ich meinte...," doch weiter kam der Butler nicht. Der heftige Wind blies ihm so stark in Gesicht, dass er glaubte, ersticken zu müssen. McClown hustete und hustete, während er kaum Luft bekam. Röchelnd ließ er sich auf die Schiffsplanken fallen und rang nach Luft.

"Stottern sie nicht herum, McClown, antworten sie endlich! Wo ist das Gemüse?"

"Bri...., Brise ...," weiter kam McClown nicht. Inzwischen hatten sie die Bucht von Biskaya verlassen, und die See war rauer geworden. Der Wind war nun so heftig, dass man kaum noch stehen konnte. Die Wellen waren ebenfalls höher geworden, und gerade, als McClown sich wieder aufgerappelt hatte, ergoss sich eine Woge Wasser über die Reling und warf ihn wieder um. Verzweifelt versuchte der arme Butler, sich an einem Fender festzuhalten, rutschte jedoch ab und prallte gegen den Mast. Tapfer kämpfte er gegen Wind und Wellen an, während er versuchte, den Bug zu erreichen, doch ein Tampen lag im Weg, und McClown klatschte auf die Schiffsplanken, direkt neben dem Rollstuhl des Lords.

"Hören sie auf mit ihren albernen Spielchen, McClown. Ein Butler ihres Formats spielt nicht auf dem Fußboden herum. Wenn sie schon nichts zu tun haben, könnten sie...."

Weiter kam der alte Lord nicht. Voller Wut hatte der Butler nach dem Rollstuhl getreten und traf den Hebel, der den Rollstuhl vor dem Wegrollen sicherte. Kreischend schoss Lord McShredder quer über das Schiff auf die Kabinentür zu. Dann krachte es laut und durch das Heulen des Sturms hörte McClown die laute Stimme des Kapitäns:

"Na, Durchlaucht, is' ihnen das draußen zu kalt geworden?"

An diesem Nachmittag sprachen der Lord und sein Butler nicht mehr miteinander. Dem Kapitän war es egal, denn so konnte er in Ruhe das Schiff durch die raue See steuern. Er hatte seine Pfeife angezündet und blickte hinaus aufs Meer. Dem Lord war übrigens die Tabakspfeife abhanden gekommen. Das kam dadurch, dass er sich durch den Aufenthalt an Deck einen Schnupfen zugezogen hatte, und ihm beim Niesen die Pfeife quer durch die Kajüte geflogen war. Da er mit seinem Butler aber nicht mehr sprechen wollte, konnte er ihm auch nicht sagen, dass er ihm die Pfeife aufheben sollte.

"Wusstet ihr, dass der Golf von Biskaya an einigen Stellen 5.000 Meter tief ist?" versuchte der Kapitän, die beiden aufzumuntern.

McClown schüttelte den Kopf, und der Lord krächzte: "Tatsächlich? Wir sollten McClown mal nachmessen lassen. Wann sind wir endlich da?"

"Tja," brummte der Kapitän, "das kommt darauf an, wie wir um die Scilly-Inseln herum kommen."



"Was ist denn das wieder für ein neumodischer Kram?" schimpfte McShredder.

Der Kapitän zog an seiner Pfeife, nahm sie in die Hand und erklärte:

"Die Scilly-Inseln liegen an der südwestlichen Spitze von Großbritannien. Tja, und die bestehen aus ca. 55 größeren Inseln und mehr als 90 Inselchen, insgesamt aus mehr als 140 Inseln und Felsenriffen. Nur die fünf größten sind bewohnt. Die Inselgruppe liegt ungefähr 45 km südwestlich von Land's End. Der Name "Scilly" bedeutet soviel wie "Sunny Isles". Das heißt soviel wie „sonnige Inseln“. Wegen des Golfstroms haben die Inseln sehr mildes, beinahe subtropisches Klima mit vielen Sonnentagen. Es wachsen da sogar subtropische Bäume. Da könnt ihr Kokosnüsse futtern."

"Und? Wird das gefährlich?" fragte McClown mit großen Augen.

"Also, die Kokosnüsse wohl nicht," lachte der Kapitän. "Die Scilly Inseln sind nun mal wegen der vielen Klippen und Unterwasserfelsen schon immer ein schwieriges Gewässer für die Seefahrt gewesen. Trotz der Leuchttürme, die im 19. Jahrhundert errichtet wurden, sind sie so manchem Schiff zum Verhängnis geworden. Unter ihnen war eines der größten Segelschiffe, und der Welt einziger Siebenmastschoner, die Thomas W. Lawson. Sie sank nach Strandung, Auseinanderbrechen und Kentern im Sturm im Dezember 1907. Nur zwei Mann der Besatzung überlebten. Das Schiffsunglück verursachte eine der ersten Ölkatastrophen, denn der olle Schoner fuhr als Segeltanker."

"Um Gottes Willen!" McClown war vor Schreck aufgesprungen und wollte einen Schritt auf den Kapitän zu gehen, doch da knackte es laut und verdächtig unter seinem Fuß. Die Pfeife des Lords!

Langsam kreuzten sich die Blicke von Lord und Butler, dann schrie der wütende Lord:

"Mit diesem ungehobelten Flegel von Butler will ich keine Minute länger in einem Raum sein. Kapitän, der Mann fliegt sofort über Bord oder ich verlasse die Kajüte!"

"Tja," grinste der Kapitän, "dann wünsche ich ihnen eine angenehme Nacht auf dem Deck, Durchlaucht!"

Wenig später saßen der Kapitän und McClown alleine im Ruderhaus und unterhielten sich bei Tee und Kaffee. Der Butler erklärte dem Kapitän, dass der Lord im Grunde genommen gar kein schlechter Kerl sei. Nur eben reichlich schwerhörig und halsstarrig. Die See war inzwischen ruhiger geworden, doch der Kapitän behielt seine Instrumente genau im Auge, denn sie waren nun unmittelbar bei den Scilly Inseln.

"Wat'n Glück, dat dat nich' pusten deit, mien Jung. Wenn das so bleibt, sind wir fix durch die Inselgruppen durch."

McClown nickte und beobachtete den Kapitän, wie er bedächtig das Steuerrad in den Händen hielt. Hin und wieder musste er den Kurs korrigieren, und das Schiff neigte sich dabei leicht nach Backbord oder nach Steuerbord. Bei jeder Kurskorrektur war ein merkwürdiges Poltern an Deck zu hören.

"Sach' mal, Frido," begann der Kapitän und nahm seine Pfeife aus dem Mund: "Hassu deinen Lord an Deck festgemacht?"

Hastig rannte McClown zur Tür und lief an Deck.

"Sir," hörte der Kapitän ihn rufen, "soll ich ihnen helfen?"

"Verschwinden sie, McClown, ich komme sehr gut alleine klar!"

Nachdem Lord McShredder das gerufen hatte, raste er mit seinem Rollstuhl von Backbord quer über das Schiff nach Steuerbord, denn der Kapitän hatte wieder den Kurs leicht geändert. Der Butler beobachtete mit bangem Gesicht, wie der Lord laut kreischend über das Deck schoss und gegen die Bordwand knallte.

"Sir, soll ich ihnen wirklich nicht helfen, vielleicht...."

"Verschwinden sie, McClown, ich bin kein kleines Kind, das.... aaaaah!"

 

Wieder machte das Schiff eine leichten Schlenker und wieder raste der Lord kreischend mit dem Rollstuhl auf die gegenüberliegende Bordwand zu. McClown ging kopfschüttelnd zurück zum Kapitän.

"Is 'n Dickschädel, dein Chef, was?" fragte der Kapitän und McClown nickte.

Plötzlich hellte sich das Gesicht des Butlers auf, und er grinste den Kapitän an.

"Käpt'n, darf ich auch mal steuern?"

 

 

Die Rückkehr (nach Schottland) - Kapitel 06-10