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Kapitel 4

Im alten Schloss 2.Teil

 

Das alte Schloss, das im Herzen Schottlands in der Nähe von Killichonan lag, bot einen jämmerlichen Anblick. Den hatte es zwar schon all die Jahre über geboten, doch nun sah es ganz besonders jämmerlich aus. Da, wo einst das geflickte Dach war, an dem eine große Glocke hing, war nun gar kein Dach mehr. Und auch keine Glocke. Schließlich kann sich ein Dach ohne Wände nicht halten, denn Wände hatte das alte Schloss nun auch nicht mehr. Die Hamster hatten wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Jammernd und stöhnend lagen sie inmitten von Trümmerresten auf dem Fußboden der ehemaligen Eingangshalle.

"Herr Bürgermeister?" rief Flecki, die als erste die Lage begriffen hatte. "Los, Goldi, bewege deinen faulen Hintern, wir müssen den Bürgermeister aus den Trümmern befreien!"

Stöhnend erhob sich Goldi, während Bauleiter Murksel einen Teelöffel vom Boden aufhob. Es war übrigens der Lieblingsteelöffel des alten Lords gewesen, mit dem er sich so manches Mal aus reiner Vergesslichkeit den Tabak gestopft hatte. Mit diesem Löffel begannen Murksel und Goldi, einen Weg durch Schutt und Steine zu graben. Tuffi versuchte auch zu helfen, doch der kleine Reparaturhamster richtete wie immer mehr Schaden als Nutzen an. Mehrfach musste Bauleiter Murksel sie unter einem umgekippten Schutthaufen hervorholen. Schließlich fanden sie den Bürgermeister, er hatte eine riesige Beule auf dem Kopf und blinzelte schwach mit den Augen.



Dodo, der ihn als erster entdeckt hatte, rief laut: "Er lebt!" und sofort fingen die Hamster an, zu jubeln und im Kreis zu laufen. In der Mitte saß der Bürgermeister und grinste vor sich hin.

"Alles klar, Herr Bürgermeister?" fragte Flecki und näherte sich vorsichtig dem immer noch grinsenden Bürgermeister. Es dauerte, bis er den Kopf in Richtung Flecki wandte. Die Beule auf seinem Kopf war wirklich nicht zu übersehen, doch er versuchte aufzustehen. Es dauerte eine Weile, bis er wieder auf seinen kleinen Beinen stand. Dann grinste er und fiel kopfüber mitten in einen Schutthaufen hinein.

"Nö," meinte Goldi, "so richtig fit ist der aber noch nicht."

 

Der Bürgermeister wurde aus dem Schutthaufen gezogen und zunächst einmal in eine Ecke gelegt. Dann machten sich die Hamster daran, den gröbsten Schutt beiseite zu räumen und die sonstigen Schäden zu beseitigen. Alles rannte geschäftig hin und her, doch am Abend waren sie noch kein Stück weiter gekommen.

Als die Nacht hereinbrach, fing es zu allem Übel auch noch an zu regnen und zu stürmen, so dass die armen Tiere froren und eine ungemütliche Nacht unter dem Sessel des Lord McShredder verbrachten. Es war so ungemütlich, dass die Hamster auf eine nächtliche Party verzichteten und statt dessen die ganze Nacht in der Ruine nach Decken oder ähnlichem suchten. Schließlich gelang es Murksel, aus einem alten Teppich ein paar Decken zu machen. Doch auch dann kehrte keine Ruhe ein, denn der Bürgermeister wanderte ständig in den Resten des alten Schlosses herum und erzählte etwas von einer Reise in den Süden. Zwischendurch fiel er in eines der zahlreichen Löcher im Fußboden und musste befreit werden. Endlich, nach einer langen und anstrengenden Nacht brach der Tag an. Als die ersten, wärmenden Sonnenstrahlen in das alte Gemäuer schienen, wurden die Hamster auch wieder munter und berieten, was zu tun sei. Es war klar, dass sie nicht noch eine Nacht in dieser ungemütlichen Umgebung bleiben wollten. Der Zustand des Bürgermeisters hatte sich noch nicht gebessert, und es ging allen Hamstern inzwischen gehörig auf die Nerven, dass er ständig etwas von Sommer, Sonne, Strand faselte und jeden nach dem nächsten Reisebüro fragte. Die Nerven aller Hamster waren inzwischen reichlich strapaziert.

 

"Wenn der mich noch einmal nach dem Weg zum nächsten Reisebüro fragt, dann bekommt er eine zweite Beule!" schimpfte Flecki.

"Vielleicht würde das seinen Zustand ja bessern," antwortete Goldi, "wir könnten ja eine winzig kleine Explosion..."



Doch weiter kam er nicht. Von allen Seiten trafen ihn wütende Blicke und somit hielt Goldi es für besser, die Klappe zu halten.

"Hier bleiben können wir auch nicht," jammerte Tuffi, "ich mag nicht in Schutt und Asche leben. Das ist so ungemütlich."

"Tja," meldete sich Bauleiter Murksel, "ohne neues Baumaterial können wir nichts machen."

Betretenes Schweigen. Die Hamster zogen sich zu einer Beratung neben den Resten des Kamins zurück. Allerdings fiel ihnen wie so oft rein gar nichts ein. Schweigend standen sie nebeneinander und guckten auf den Boden. Nur der Bürgermeister war bester Laune und sang Lieder vom "weißen Strand am blauem Meer". Es musste etwas geschehen, doch was? Schließlich war es Goldi, der meinte:

"Irgendwie hat der Bürgermeister Recht!"

"Genau," stimmte Muffel zu, "der hat so einen Schaden, der findet alles gut."

"Nein," widersprach Goldi, "wir sollten uns einen wärmeren Ort suchen, denkt doch mal an den Strand von Bettyhill!"

"Genau," jubelte Tuffi, "der Bürgermeister hat bestimmt eine Eingebung und vielleicht sollten wir ihm folgen! Bestimmt ist er jetzt erleuchtet."

Alle jubelten, nur Flecki traute der Sache überhaupt nicht.

"Das ist die blödeste Idee seit Goldis Pfannkuchenmaschine. Wir werden mit diesem Erleuchteten garantiert in der Hölle landen. Oder direkt im Moor. Oder in beidem."

 

Schließlich wurde abgestimmt. Nachdem die Stimmen mehrmals ausgezählt worden waren, stand das Ergebnis fest:

14 Stimmen dafür,

2 Stimmen dagegen und

9 Stimmzettel waren aufgefressen.

 

Somit war die Sache entschieden. Es dauerte einen halben Tag, bis der Bürgermeister verstanden hatte, dass es nun ans Meer gehen sollte. Die Hamster beschlossen, ihn einfach vorweg gehen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass er den Weg finden würde. Tatsächlich marschierte der Bürgermeister fröhlich vorweg. Als sie die Straße erreichten, bliebt er stehen, sah nach links, nach rechts und dann auf den großen See vor ihnen. Dann wandte er sich nach rechts, die Hamster folgten ihm, und die Stelle, wo einst ein Schloss stand, blieb hinter ihnen zurück.

Es würde ein langer Marsch werden, da waren sich die Hamster ausnahmsweise einmal einig. Dennoch waren alle guten Mutes und sogar Flecki gab zu, dass die Entscheidung des Bürgermeisters richtig gewesen war, rechts herum zu gehen. Sie hatte sich vorher eine alte Karte, die im Schloss herumlag, genau angesehen und wusste daher, dass dieses der schnellste Weg zum Meer war. Aber ob der bescheuerte Bürgermeister nun wirklich ein Erleuchteter war, das bezweifelte sie.



Die Hamster waren bereits mehrere Stunden gelaufen, als sie vor sich ein großes, rotes Auto sahen. Es stand mitten auf dem Weg, den sie gehen wollten. Alle schauten auf den Bürgermeister und warteten, was er entscheiden würde. Doch der Erleuchtete stand nur da und grinste dämlich. Goldi stupste ihn an und flüsterte ihm leise zu:

"He, wir wäre es, wir nehmen den Wagen? Ich kann kaum noch laufen,"

"Wir nehmen den Wagen..." wiederholte der Bürgermeister grinsend, ohne dass er überhaupt begriff, was Goldi meinte. Die Hamster waren begeistert. Welch ein Anführer! Ja, das musste ein Erleuchteter sein. Jubelnd stürmten sie durch eine offene Wagentür und machten es sich bequem. Unter dem Beifahrersitz lagen ein paar Ingwerkekse. Nun war Party angesagt. Als nach wenigen Minuten jemand in den Wagen einstieg und den Motor anließ, hielten sich alle ängstlich fest, denn nun begann eine wilde Fahrt. Mit hoher Geschwindigkeit ging es über die schmale Landstraße, die Hamster purzelten kreischend durcheinander und hatten jede Menge Spaß. Nur auf der Stirn des Fahrers bildeten sich Sorgenfalten, denn die Geräusche, die sein Wagen machte, gefielen ihm nicht. "Ich muss den Wagen nächste Woche mal in die Werkstatt bringen", dachte er, "etwas ist mit der Federung nicht in Ordnung. Da quietscht etwas."

Während der Fahrer sich Sorgen machte, und die Hamster fröhlich Purzelbäume schlugen, erreichten sie einen einsamen Bahnhof. Hier war die wilde Fahrt zu Ende. Der Fahrer verließ den Wagen, und für die Hamster bedeutete es nun, weiter zu laufen. Es war inzwischen dunkel geworden und mühsam ging es hinweg über einige Bahngleise. Doch schon nach wenigen Metern legte sich der Bürgermeister einfach hin, gähnte und begann, ein Nickerchen zu machen.

"Der Erleuchtete will, dass wir hier übernachten," rief Tuffi. "Wollen wir ein Lager aufschlagen?"

Bauleiter Murksel sah sich um und sagte zufrieden:

"Unser Standort ist ideal. Wir sind genau zwischen 2 großen Stahlmauern - ich glaube, das nennt man Schienen. Da sind wir prima vor dem Wind geschützt. Auf diesen Holzbrettern, die diese Schienen verbinden, können wir es uns bequem machen. Da wird unser Fell nicht nass."

Alles schien friedlich und ruhig zu sein. Das Wetter war besser geworden und sogar die ersten Sterne waren am Abendhimmel zu sehen. Die Hamster holten ihre Decken heraus, machten es sich bequem und ruhten sich und ihre müden, kleinen Füße aus.

Ihre nächtliche Feier fiel recht kurz aus, denn der lange Weg hatte sie doch sehr erschöpft. Ihr Schlaf wurde jedoch in den frühen Morgenstunden durch ein grässliches Geräusch unterbrochen. Es klang, als würde alles um sie herum zusammenbrechen.



"Ein Ungeheuer, es will uns fressen!" schrien die Hamster und rannten auf den Holzbohlen schreiend im Kreis herum. Ein lautes Zischen und Schnaufen war überall zu hören, dann Stimmen und Kreischen von Metall. Ängstlich scharrten sich die Hamster um den immer noch grinsenden Bürgermeister und jammerten:

 

"Hilf uns, Erleuchteter, ein Ungeheuer will uns fressen!"

 

Der Bürgermeister schien zu bemerken, dass ihn alle ansahen. Für einen Moment war sein dämliches Grinsen verschwunden, dann guckte er in die Runde der verängstigen Hamster und grinste wieder breit. Die Spannung stieg, und alle warteten auf die Worte des Erleuchteten. Nachdem er 5 Minuten vor sich hin gelächelt hatte, sprach er:

 

"Wir nehmen den Wagen..."

"Ich sag es ja, komplett bescheuert ist der," rief Flecki, "wo sollen wir denn nun einen Wagen hernehmen?"

Auch die anderen Hamster wurden unruhig, doch plötzlich rief Tuffi:

"Seht doch mal, das Ungeheuer hat ja Räder!"

 

Nun bemerkten es auch die restlichen Hamster. Tatsächlich, auf den Stahlmauern standen ganz viele Räder hintereinander. Allmählich begriffen die kleinen Nager, dass über ihnen wohl doch kein Ungeheuer war. Goldi erklärte, dass es sich vielleicht um eine Eisenbahn handelte. Nun schöpften die kleinen Tiere wieder Mut. Dodo und Murksel kletterten als erste an einem der Räder hinauf. Als sie oben waren, winkten sie den anderen, ihnen zu folgen. Nach und nach kletterten sie höher und erreichten eine Plattform. Es ging noch höher auf eine weitere Plattform, und schließlich gelangten sie in ein großes Zimmer mit vielen Sitzbänken. Zwischen den Sitzbänken befand sich ein Gang.

"Der Erleuchtete hat uns richtig geführt! Er hat es gewusst!" rief Tuffi entzückt. Dann setzte sich die Eisenbahn in Bewegung.