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Kapitel 2

 

Im alten Schloss

 


Während Lord McShredder und sein Butler unter der heißen Sonne Spaniens litten, regnete es in Schottland. Nebel hing über den majestätischen Bergen, Mensch und Tier hatten es sich in Hütten und Häusern bequem gemacht. Nur die Schafe und die Hochlandrinder standen auf den saftigen Wiesen und ließen gleichmütig den Regen über sich ergehen.

Alles schien friedlich und still. Fast alles, denn in der Nähe von Killichonan war die Hölle los. Dort befand sich nämlich das alte Schloss des Lord McShredder, genauer gesagt, das, was davon übrig geblieben war. Eigentlich war es auch kein richtiges Schloss, sondern eine ehemalige Kirche, die McGregor dem Lord vermacht hatte, nachdem dieser das Monster von Loch Ness durch den kaledonischen Kanal in den Atlantik vertrieben hatte.

Aber was war in der alten Ruine los? Warum flog dort eine Rakete steil in die Luft, drehte sich auf dem höchsten Punkt ihrer Flugbahn und stürzte in die Ruine zurück, genau dorthin, wo sie hergekommen war? Warum waren Schreie zu hören, die nach Panik und Schmerzen klangen? Wer war so blöd, sich selber mit Raketen abzuschießen? Kein Mensch würde so etwas tun, und ein Tier erst recht nicht. Doch Halt, eine Art von Tier würde so etwas tatsächlich fertig kriegen: Hamster. Aber wieso Hamster? Um das zu erklären, müssen wir einen kleinen Blick zurück werfen.

 

Nachdem Elfriede1 und ihre Freunde die entführten Hamster im Schloss wiedergefunden hatten, schien ja alles wieder in bester Ordnung zu sein. Die Hamster wurden nach Hamsterhausen zurückgebracht, der Lord und sein Butler zogen nach Spanien, und alle waren zufrieden. Jedoch fiel in Hamsterhausen nach einiger Zeit auf, dass einige Bewohner den Rückweg nicht geschafft hatten, genauer gesagt: sie waren wohl vergessen worden. Nun fiel dieser Verlust nicht sofort auf, weil die Pelztiere sich auf ihrem ungewollten Ausflug nach Schottland vermehrt hatten, und damit war auch ihre Anzahl eher mehr als weniger geworden. Doch ein paar Dinge fielen ganz gewaltig auf, oder sollte man sagen, es fielauf, dass etwas nicht mehr da war, auf das man gut und gerne verzichten konnte?

 

Die Hamster überlegten lange, was das denn nun war, was ihnen eigentlich nicht fehlte, aber wie immer kamen sie auf kein Ergebnis. Sie bildeten Planungsgruppen und Ausschüsse, die sich mit dem Problem auseinandersetzen sollten, doch es kam immer dasselbe dabei heraus, nämlich nichts.

Als das Jahr zu Ende ging, und Weihnachten kam, fiel ihnen plötzlich auf, dass keine langweiligen Reden gehalten wurde. Da kapierten die Hamster auf Anhieb, dass der Bürgermeister in Schottland vergessen worden war. Als das Fest ungewöhnlich friedlich verlief, und es zu keinen Katastrophen kam, wurde klar, dass Goldi, Flecki, Bauleiter Murksel, Reparaturhamster Tuffi und einige andere wohl ebenfalls nicht mitgekommen waren.

Nun war große Not und Wehklagen in Hamsterhausen. Sofort setzten sich die Hamster zusammen und berieten, was zu machen wäre. Nach einer Woche wurde ein Beschluss gefasst:

 

 




1. Wir haben keine Ahnung, was zu tun ist

2. Es muss weitergehen

3. Wir warten ab

4. Jetzt erst recht

5. So nicht

6. Es werden 3 Wochen Trauer angeordnet

 


Die Punkte 1., 3. und 6. wurden sofort einstimmig angenommen, und viele Hamster begannen sofort mit Urlaubsplänen und Reisevorbereitungen. Die Punkte 2., 4. und 5. wurden noch lange diskutiert und dann mit knapper Mehrheit ebenfalls angenommen.

In der alten Ruine, die an einem wunderschönen See vor sich hin gammelte, herrschte zur gleichen Zeit helle Aufregung, und es war die wütende Stimme von Flecki zu hören:

"Ich habe es dir doch gleich gesagt, du Idiot, dass es keinen Sinn macht, bei diesem Regen eine Signalrakete abzuschießen! Du hättest außerdem das ganze Schloss in Brand stecken können!"

"Auch ich habe bereits mehrfach auf diese nicht unerhebliche Tatsache hinweisen mögen, wobei sich Goldi durchaus der Tragweite seines Tuns hätte bewusst sein sollen, dass es keinerlei..."

 

Der Bürgermeister verstummte, als er die bösen Blicke von Flecki, Goldi, Murksel, Tuffi und den anderen Hamstern sah. Ihm war inzwischen klar, dass seine Reden von Tag zu Tag immer unbeliebter wurden, und er gerade gestern kurz davor stand, im nächsten Loch versenkt zu werden. Er nahm sich insgeheim vor, keine langen Reden mehr zu halten. Doch was sollte so ein Bürgermeister denn sonst machen? Er konnte doch nur Reden halten und die Arbeit den anderen Hamstern überlassen.

 

Er setzte sich auf einen Mauerstein nahe dem Kamin und überlegte. Mensch, Heinz-Georg, sprach er leise zu sich, du hast doch so viel Talent, also mache etwas daraus und bringe uns alle wieder nach Hause. Dann kannst du eine Rede halten und die ganze Geschichte erzählen. Ja, das wäre es - die längste Rede seines Lebens. Und so träumte der Bürgermeister von tollen Reden, Goldi von Raketen und Essen, Murksel davon, das Schloss zu reparieren und Flecki träumte davon, Goldi kräftig in den Hintern zu treten.

Seit vielen Tagen waren diese zurückgelassenen Hamster damit beschäftigt, Ordnung in das Schloss zu bringen und zugleich eine Möglichkeit zu finden, wieder nach Hamsterhausen zurückzukommen. Nachdem jedoch Goldi im Keller ein paar uralte Sylvesterraketen gefunden hatte, war er nicht mehr zu halten, und niemand mehr sicher. Ständig erzählte er davon, dass er Notsignale für die einzige Möglichkeit hielt, Hilfe aus Hamsterhausen zu holen.

 

"Aber Hamsterhausen ist doch viel zu weit weg", versuchten ihm Flecki und Dodo klar zu machen. "Die Raketen können unsere Freunde doch nicht sehen!"

Goldi jedoch hörte nicht auf sie, das heißt, er wollte nicht auf sie hören. Sein Tagesablauf bestand darin, an Raketentriebwerken herumzufummeln, und die anderen Hamster in Angst und Schrecken zu versetzen. Hauptsache es knallte, und Goldi hatte seinen Spaß. Natürlich ging das allen gehörig auf den Keks und so fasste Flecki den Entschluss, dieser Knallerei ein Ende zu bereiten. Wütend nahm sie eine Kanne Tee aus der Küche, ging zu Goldis Raketensammlung und goss den Tee darüber.

"Hoppla, Goldi, mir ist etwas Dummes passiert, nein, wie ungeschickt. Tut mir das aber leid!"

Mit großen Augen starrte Goldi auf die durchnässten Raketen, und ihm schossen die Tränen in die Augen. In diesem Moment kam der Bürgermeister um die Ecke und sah den traurigen Goldi. Endlich konnte er mal jemanden helfen, und so rief er:

"Kein Problem, das haben wir schnell getrocknet!"

 

Dann nahm er den gesamten Stapel an durchnässten Raketen und trug ihn in die Küche. Als er wenige Minuten später wieder in den großen Saal zurück kam, in dem sich die Hamster tagsüber aufhielten, schauten ihn alle gespannt an. Der Bürgermeister genoss den Moment, endlich einmal wieder im Mittelpunkt aller Hamster zu stehen. Er räusperte sich und strahlte in die Runde. Dann begann er zu reden:

"Nun, schnelle Entscheidungen erfordern schnelle Taten, nicht wahr, meine lieben Hamster? Als ich das nasse Bündel sah, und als ich den unglücklichen Hamsterfreund Goldi sah, da wusste ich sofort: hier wird Hilfe gebraucht. Sofort griff ich mit der mir angeborenen Entschlussfreude zu und tat das Richtige. Ja, ich tat das Richtige und half diesem Hamsterfreund. Mir wurde schlagartig klar, dass diesem unglücklichen Wesen und seinem nassen Bündel nur durch äußerste Entschluss..."

 

 

"Ja, ja, ist ja gut", rief Flecki. "Und wo sind die Raketen nun?"

"D... d.... d.... die Ra-Ra-Ra-Raketen?" ächzte der Bürgermeister.

"Ja, die Ra-Ra-Ra-Raketen! Wo sind die nun?" riefen die Hamster wie aus einem Munde.

"I-i-i-m Ba-ba-ba-ba..." Dem Bürgermeister versagte die Stimme.

"Badewanne?" fragte Flecki hoffnungsvoll.

"N-n-nein, im Ba-ba-ba-back, im Ba-ba-back..." stammelte der Bürgermeister.

"Buckingham Palast?" fragte Tuffi mit großen Augen.

"Ofen", stöhnte schwitzend der Bürgermeister, "im Backofen".

 

 

Es war mit einem Schlag still im alten Schloss. Man konnte den eigenen Atem hören. Aus der Küche drang Geruch von angesengeltem Papier. Mit großen Knopfaugen und zitternden Barthaaren standen die Hamster in der großen Eingangshalle und bewegten sich nicht. Dann ein Schrei: "Kinap, Eflih!"2 und die Hamster taten das, was sie am besten können, nämlich voller Panik in Kreise rennen und schreien. Nachdem sie ein paar Minuten rennend und schreiend im Kreise gerannt waren, passierte noch immer nichts. Kein Knall, keine Explosion, nur Ratlosigkeit. Schließlich jammerte Dodo laut:

"Warum macht denn keiner was? Jemand muss den Backofen ausmachen!"

Alle sahen jetzt den Bürgermeister an. Der Bürgermeister guckte ängstlich zurück. Ihm war klar, dass alle Welt nun von ihm erwartete, etwas zu unternehmen. Entschlusskraft und Führungsstärke wurden nun von ihm erwartet, doch am liebsten wäre er schreiend geflüchtet. Mit einem dümmlichen Grinsen bewegte er sich zitternd auf die Küche zu:

"Hä, hä, der Backofen. Nun, dann will ich ihn mal ausschalten!"

Er hatte gerade den Backofen erreicht, da gab es eine gewaltige Explosion.


1 (siehe Band III, Hamster in Gefahr)

2 (Hamstisch: Panik! Hilfe!)