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Kapitel 26

Corran

 

 

 

 

 

 

 

"Sir, ich wiederhole meine Frage nur ungern, aber was ist mit dem Müllwagen?"

"McClown, ich sagte doch, die fahren nach Glasgow."

"Das sagten sie, Sir."

"Und wir fahren jetzt nach Corran, McClown."

"Das weiß ich, Sir."

"Dort hin muss man eine Fähre nehmen."

"Auch das weiß ich, Sir."

"Es gibt nur diesen Weg nach Glasgow."

"Das wusste ich nicht, Sir."

"Sehen sie, McClown, das sind die feinen Unterschiede zwischen Lord und Butler. Wir werden den Müllwagen spätestens auf der Fähre eingeholt haben, und dann können sie die Koffer aus dem Müll heraus holen."

"Warum ich, Sir? Vom Müllgeruch wird mir immer schlecht."

"Wegen der feinen Unterschiede, McClown. Sie sind eben nur ein Butler, also werden sie den Müll durchwühlen."



Mürrisch sah der Butler aus dem Fenster. Selbst die wunderschöne Landschaft entlang des Glen Tarbert konnte ihn nicht aufheitern. Sie erreichten Inversanda und der Blick auf die Bucht war gigantisch. Der Butler wartete ungeduldig auf die Weiterfahrt des Busses, denn bisher war der Müllwagen noch immer nicht in Sicht gekommen. Durch jeden Stopp verlieren wir wertvolle Minuten, dachte er. Die Fähren gingen alle 20 Minuten über den Loch Linnhe, so viel war klar. Was aber, wenn der Müllwagen mit den Koffern schon auf der Fähre war, und sie selbst erst die nächste erwischen würden. McClown begann zu schwitzen bei dem Gedanken, dass seine lieben, kleinen Hamsterfreunde in einer Müllverbrennungs-anlage enden würden. Sie erreichten Gearradh und zu seinem Entsetzen hielt der Bus für ein paar Minuten an. Entlang des Lochs ging es nun zügig weiter, und der Butler schöpfte wieder Mut. Dann folgte ein weiterer Stopp an einem Schild mit der Aufschrift Sallachan und er merkte, dass er anfing zu zittern. Endlich ging die Fahrt weiter und als der Bus ein letztes Mal bei Clovullin anhielt, verlor er die Nerven, als er im Geiste Flammen und Hamster vor sich sah.

"Nein!" schrie er und warf sich auf den Boden des Busses.

Der Fahrer dreht sich entsetzt um und starrte, wie alle anderen Fahrgäste auch, auf den am Boden liegenden Butler und rief: "Ist ihnen nicht gut, Sir? Brauchen sie einen Arzt?

"Fahren sie," stöhnte McClown, "fahren sie schnell zur Fähre, es geht um Leben und Tod!"

Fahrer und Fahrgäste starrten ihn mit großen Augen ungläubig an.

"Er braucht Seeluft," krähte in diesem Moment Lord McShredder. "Ein bisschen frische Luft, dann geht es ihm wieder besser."

Der Fahrer nickte und gab Gas.

"Danke, Sir, das war eine gute Idee mit der Seeluft."

 

"Da gibt es nichts zu danken, McClown. Wollen sie denn, dass die Leute denken, ich hätte einen Idioten als Butler?"

"Nein, Sir, sicherlich nicht."

McClown stand auf und flog im selben Moment mit einem Schrei wieder auf den Boden, denn der Fahrer hatte das Ziel erreicht und bremste scharf.

"Wir sind da, Sir!" rief er laut und sprang nach hinten, um den beiden zu helfen, den Rollstuhl aus dem Bus zu tragen. Dann schob der Butler im Laufschritt den Rollstuhl in Fahrtrichtung weiter, bis ein Schild mit der Aufschrift Ardgour Ferry zu sehen war. Die Fähre lag am Ende eines langes Bootsstegs und der Butler verdoppelte seine Anstrengungen, doch es war zu spät. Die Leinen waren bereits losgemacht worden, und das kleine Fährschiff entfernte sich.

"Nein!" schrie der Butler und warf sich auf die Holzplanken des Anlegers und trommelte mit den Fäusten.

 

 

"Das hatten wir schon mal, McClown. Sie sind etwas launisch in letzter Zeit. Sie müssen lernen, sich zu beherrschen, McClown."

"Aber, Sir, die Hamster, die Hamster..."

"Ja, und, McClown? Die sind im Müllwagen, und der Müllwagen ist auf der Fähre. Schreie ich deswegen herum, McClown?"



Der Lord holte seine Pfeife hervor, zündete sie an und zeigte auf den Anleger.

"Wussten sie, McClown, dass diese Art von Bootssteg auch Jetty genannt wird?"

 

Der Butler schwieg. Ihm war nicht nach Gesprächen zumute. Er sah, dass die Fähre inzwischen wieder auf dem Rückweg war. Er wusste auch, dass nun fast alles verloren war, insbesondere die Hamster waren verloren. Diese unschuldigen Tiere! Bei lebendigen Leib im Feuer verbrannt! Er dachte an all die Abenteuer mit seinen kleinen Freunde und dass es so grausam enden sollte.

 

"Nein!" schrie er und warf sich schluchzend aufs Neue auf die Holzplanken des Anlegers.

"McClown, das wird allmählich langweilig, ständig wiederholen sie sich! Stehen sie lieber auf und reißen sie sich zusammen, die nächste Fähre ist da!"

In der Tat dauerte die Überfahrt an dieser Stelle nur wenige Minuten. Die kleine Fähre legte an, eine Rampe wurde herunter gelassen, und die beiden stiegen ein. Während der Butler auf der Überfahrt trübsinnig ins Wasser starrte, stritt sich Lord McShredder mit einem der Bediensteten um den Fahrpreis. Erst, nachdem der Lord gedroht hatte, die Fähre zu kaufen und alle an die Luft zu setzten, kehrte Ruhe ein. Sie verließen die Fähre und setzten sich auf eine Bank neben einem Schild mit der Aufschrift "Corran Ferry". Der Lord aber hatte sich noch immer nicht beruhigt.

"Geld wollte er, hören sie, McClown? Dieser Halsabschneider! Fußgänger und Fahrräder sind kostenlos, das weiß ich genau. Und was sagt dieser Pirat? Ein Rollstuhl hat vier Räder und ist kein Fahrrad, hat er gesagt, McClown! Na, dem habe ich es aber gegeben."

"Sie sind etwas launisch in letzter Zeit. Sie müssen lernen, sich zu beherrschen, Sir," murmelte McClown.

"Häh, haben sie etwas von Daunen gesagt, McClown?"

"Nein, Sir, ich habe nur an die Hamster gedacht."

Den misstrauischen Blick des Lords ignorierte Frido McClown und betrachtete trübsinnig die Landschaft. Plötzlich hellte sich seine Mine auf. Mit einem Satz war er hochgesprungen und stand vor dem Lord.

"Welcher Tag ist Heute, Sir?"

"McClown, ich weiß, dass sie fertig sind und Urlaub brauchen, aber..."

"Sonnabend. Es ist Sonnabend, Sir!"

McShredder sah seinen Butler verwirrt an, doch dann dämmerte ihm, worauf er hinaus wollte.

"Stimmt, McClown. Die Hamster landen also erst am Montag im Feuer, denn am Wochenende ist alles geschlossen."

"Das haben sie wirklich schön gesagt, Sir," knurrte der Butler und fuhr fort. "Also wird der Müllwagen unterwegs bestimmt eine Pause einlegen. Sir, wir müssen weiter nach Glasgow!"

Er packte den Rollstuhl und schob so schnell er konnte. Kurz darauf hörte er in weiter Ferne hinter sich eine ihm gut bekannte Stimme: "McClown! Sie haben mich vergessen!"

 

 

 


 

 

Kapitel 27

Die Gaststätte

 

Auf ihrem Weg in südlicher Richtung auf der A82 hatten sie gerade einen kleinen Fluss überquert, als der Butler keuchend stehen blieb.

"Ob die Polizei schon hinter uns her ist, Sir? Ich meine, wenn der Hoteldirektor merkt, dass wir verschwunden sind, wird er bestimmt die Polizei rufen."

"Typisch, McClown, sie können einfach nicht nachdenken!"

"Sir?"

"Natürlich wird die Polizei auf der Strecke nach Killichonan suchen, McClown. Na und? Wir sind auf den Weg nach Glasgow, oder? Außerdem, McClown, denke ich nicht, dass dieser Hoteldirektor einen Lord anzeigen wird."

Der Butler war nun etwas beruhigt, denn wenn die Polizei sie verhaften würde, dann hätte das das Ende der Hamster bedeutet. Nach einer weiteren Meile erreichten sie den kleinen Ort Onich. Es war ein Ort wie viele andere, wenn da nicht etwas gewesen wäre, was ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ. Am Ende dieses Ortes befand sich eine Gaststätte, in der man offensichtlich auch übernachten konnte, zumindest wies ein Schild darauf hin. Einige Buchstaben an diesem Schild waren im Laufe der Jahre schon etwas blass geworden, doch es war nicht das Schild, das Lord und Butler erstarren ließ. Neben dem Schild stand ein großer Wagen - der Müllwagen!



Mit einem heiseren Schrei rannte der Butler auf den Müllwagen zu und versuchte, die hintere Luke zu öffnen.

"Abgeschlossen, Sir," stöhnte er enttäuscht. "Wir müssen die Müllmänner suchen. Bestimmt sind sie in dem Gasthaus abgestiegen."

"Moment, McClown," warf der Lord ein. "Nicht so vorschnell. Warum sollte jemand die Luke zu einem Müllwagen abschließen? Wenn sie mich fragen, die Sache stinkt. Wir müssen vorsichtig zu Werke gehen."

Langsam näherten sich die beiden der Gaststätte. Es war ein flacher Bau und das Mauerwerk wies viele rissige Stellen auf. Die Fenster waren schon lange nicht mehr geputzt und die Gardinen vergilbt. An der Eingangstür hingen ein paar alte, halb abgerissene Zettel, die vor langer Zeit einmal eine Bedeutung besaßen. Vorsichtig drückte der Butler die Türklinke herunter und öffnete die schwere Eingangstür. Der Lord folgte ihm vorsichtig. Sie betraten einen dunklen Raum, in dem mehrere runde Tische standen. An einem Tisch im hinteren Teil des Raumes saßen die beiden Müllmänner und unterhielten sich lautstark. Hinter der Theke war niemand zu sehen, und auch ansonsten befand kein weiterer Gast in diesem ungemütlichen Raum. Auf dem Tisch der beiden Männer lag Besteck, also war der Wirt offensichtlich in der Küche und bereitete ein Essen für sie vor. Gerade als Lord und Butler sich an einen Tisch setzten wollten, lauschten sie unwillkürlich dem Gespräch der beiden Männer und schon die ersten Worte versetzten sie in totale Panik.

"Tja, da wurde ich ja echt sauer, weissu? Voll zugetreten habe ich und er flog durch die Luft klatschte voll gegen das Holz. Dann blieb er liegen und ich hinterher, weissu? Dann hab' ich nochmal zugetreten und das wars dann."

Er haute mit seiner riesigen Faust auf den Tisch und brüllte: "Ich kanns nu' mal nicht ab, wenn man mich ausspielt, weissu? Wenn mir einer dämlich kommt und nervt, dann ticke ich aus!"



"Völlig richtig," stimmte ihm sein Kumpel zu.

"Du hättest mal hören soll, wie das klatschte, als er gegen das Holz flog! Ich dachte, gleich platzt er wie eine reife Melone, weissu?"

Der Lord und sein Butler schauten einander mit bleichen Gesichtern an.

"Raus hier, McClown," keuchte McShredder und lief zur Tür hinaus.

Der Butler warf einen letzten Blick auf die beiden Männer und zu seinem Schreck sah ihn einer der beiden an. Es war der mit der riesigen Faust.

"He, du," rief er quer durch den Raum. "Soll ich dir auch mal..."

Doch der Butler war schon in Windeseile dem Lord durch die Tür gefolgt und konnte den Rest der Worte nicht mehr hören. Der Müllmann mit der riesigen Faust drehte sich zu seinem Kumpel um und sagte: "Schade, ich hätte dem gerne auch erzählt, wie ich am letzten Wochenende das entscheidende Tor geschossen habe, weissu?"

Während in der Gaststätte weiter über Fußball gesprochen wurde, herrschte vor der Gaststätte Ratlosigkeit und blankes Entsetzen.

"Das sind Tiere, Sir, wenn wir die fragen, ob wir den Müllwagen durchwühlen dürfen, bringen die uns um!"



"Sie haben recht, McClown, das sind keine Menschen. Ich fürchte, wir müssen auf die Koffer verzichten."

"Nein, Sir, nein. Denken sie doch mal an die armen, kleinen, wehrlosen Hamster. Sollen die denn im Feuer sterben?"

"McClown, sie können nicht mehr klar denken. Überlegen sie doch mal, die Hamster sind vielleicht schon erstickt."

Der Blick des Butler fiel auf den Müllwagen und er sah, dass das Fenster der Fahrerseite halb geöffnet war. Vorsichtig näherte er sich der Fahrertür, obwohl die Gaststätte sich nun auf der anderen Seite des Wagens befand und keine Gefahr bestand, von den beiden Müllmännern gesehen zu werden. McClown kletterte auf die Türschwelle des schweren Wagens und sein Herz jubelte: die Wagenschlüssel steckten!

"Sir, schnell, kommen sie!" rief er mit gedämpfter Stimme dem Lord zu, der sich nun neugierig näherte. Der Butler zeigte ihm, was er entdeckt hatte und flüsterte ihm zu, er solle einsteigen.



"McClown, ohne meinen Rollstuhl können sie das vergessen! Ein guter Butler lässt den Besitz seines Herren nicht zurück, also lassen sie sich etwas einfallen, oder wir bleiben hier!"

Der Butler überlegte angestrengt. Im Fahrerraum war nicht genügend Platz und die Luke für den Transportraum war verschlossen. McClown fackelte jedoch nicht lange, sondern schob den Rollstuhl hinter den Müllwagen, hob ihn etwas hoch und hängte ihn an den Griff der Transportluke.

"Das sollte reichen. Bitte steigen sie ein, Sir."

Lord McShredder stieg nur zögernd ein, denn ihm war nicht wohl bei dieser Sache. Einen Müllwagen zu entführen war bestimmt nicht eines Lords würdig. Ebenso wenig würdig wäre es aber auch, von der Polizei wegen Zechprellerei verhaftet zu werden. Dieses Fahrzeug bot die Chance, so schnell wie möglich aus der Gegend zu verschwinden, bevor die Polizei sie fand. Bestimmt würden die beiden Besitzer noch eine ganze Weile brauchen, bis sie merkten, dass ihr Wagen fort war. Vielleicht würden es sie erst am nächsten Tag merken, falls sie in der Gaststätte übernachteten.

"Fahren sie, McClown!"

Vorsichtig setzte der Butler den schweren Wagen zurück auf die Straße und folgte dann hoppelnd dem Schild in Richtung Glencoe.


 

 

Kapitel 28

Glencoe

 

"Ich ertrag das nicht mehr. Ich will hier raus!" Flecki hatte sich schmollend in die äußerste Ecke des Koffers zurückgezogen und eine Socke über die empfindliche Nase gestülpt.

"Es ist eine Schande," pflichtete ihr Tati bei. "Wir waren so schön sauber und glänzend nach dem Bad. Jetzt sehen wir aus wie die Schweine!"

"In der Tat, liebe Hamsterfreunde, wir sollten eine Abordnung bilden und uns bei der Reiseleitung beschweren. Nur das direkte Gespräch kann eine Besserung bringen, denn wie ich schon mehrfach darauf hingewiesen habe..."

"Eye, die Banane hier ist noch recht frisch," unterbrach Goldi den Bürgermeister. "Möchte jemand ein Stück?"

Keiner antwortete und der Grund war offensichtlich. In einem Müllwagen gibt es Abfall jeder Art, und so mancher Hamster sah seine Chance gekommen. Überall waren kleine Stände eröffnet worden, und es wurden vielerlei Sachen angeboten. Neben einem Stand mit Ersatzteilen gab es einen Stand mit Antiquitäten und etwas weiter weg war eine Imbissbude, in der es Essensreste gab. Doch leider war dieser kleine Markt recht schnell beendet, denn als der Müllwagen sich in Bewegung gesetzt hatte und losfuhr, purzelten alle Stände durcheinander. Daraufhin entstand eine große Streiterei darum, wem denn nun welche Sachen gehören und es kam zu den ersten Schlägereien. Bauleiter Murksel versuchte zu schlichten, doch nachdem ihn eine Zitronenschale am Kopf traf, machte er, dass er davon kam. Nun sah der Bürgermeister seine Stunde gekommen, kletterte auf den höchsten Müllberg und rief:



"Liebe Hamsterfreunde, ich denke, es ist an der Zeit, dass wir innehalten und uns besinnen. Toleranz und Nächstenliebe, meine lieben Freunde ist nicht nur das Maß aller Dinge, sondern auch..."

Weiter kam er nicht. Hatte ihn der Kaffeefilter am Anfang seiner Rede noch verfehlt, so traf ihn nun eine halb verfaulte Tomate mitten im Gesicht. Tapfer stand er auf und wollte seine Rede fortführen, doch das verhinderte ein gezielter Apfel, der ihn endgültig von den Pfoten haute. Nun gab es kein Halten mehr, und eine wilde Schlacht begann; es flogen Lebensmittel, kleinere Möbel und alles, was sich sonst noch zum Werfen eignete. Alle Hamster waren außer Rand und Band, das heißt natürlich, fast alle Hamster, denn Flecki und Tati saßen noch im Koffer und beäugten kopfschüttelnd das Geschehen.

"Ungeheuerlich, einfach unfassbar," schimpfte Flecki. "Schau mal," sagte sie zu Tati, "jetzt macht sogar der Bürgermeister mit. Es ist eine Schande!".

Sie wandte sich zu Tati um, doch die war verschwunden. Wenig später jedoch konnte Flecki genau beobachten, wie Tati von hinten Bauleiter Murksel eine vergammelte Mohrrübe an den Hinterkopf warf, woraufhin der vorwärts den Müllhaufen hinunterrollte. Flecki war entsetzt, steckte den Kopf aus der Kofferöffnung und schrie, so laut es ging: "Ihr solltet euch alle schämen! So benimmt sich ein Hamster nicht!"



Im nächsten Moment traf sie eine Bananenschale am Kopf und sie flog kopfüber aus dem Koffer. Das war Goldis Geschoss. Voller Rachegedanken griff sie nach einem alten Bleistift und versuchte, Goldi in den Hintern zu pieken, als plötzlich der Müllwagen scharf bremste, alle Hamster durcheinander purzelten und die Schlacht beendet war.

"McClown, warum bremsen sie wie ein Idiot, wollen sie, dass mir das Gebiss herausfällt?"

"Entschuldigung, Sir, ich kenne doch den Weg nicht."

Sie hatten vor wenigen Minuten den Loch Leven überquert, waren nach einer langen Linkskurve der A82 gefolgt und hatten nun den Ort Glencoe erreicht.

"Links, rechts oder geradeaus, Sir?" fragte der Butler.

McShredder überlegte.

"Wir bleiben links, McClown. Die Polizei wird glauben, dass wir auf der Hauptstraße bleiben, um schneller vorwärts zu kommen."

"Welche Polizei, Sir," entgegnete der Butler grinsend. "Die Polizei, die uns wegen Zechprellerei sucht, oder die, die uns wegen Autodiebstahl sucht?"

Lord McShredder hielt es für überflüssig, auf diese Frage zu antworten. Sie waren nun auf eine kleine Nebenstraße gekommen und der Loch Leven begleitete sie zu ihrer linken Seite.

"Sir, ich habe vorhin ein Schild gesehen, auf dem stand: Hunde und Campbells müssen draußen bleiben. Was ist ein Campbell, Sir?"

Der Lord sah den Butler an, als habe er etwas sehr, sehr Dummes gesagt.

"McClown, sie wissen nicht, wer die Campbells waren?"

"Nein, Sir, sollte ich?"

"McClown, sie sind ein Bauer und werden immer ein Bauer bleiben. Also, vor kurzem, es war 1692, fand hier das berühmt-berüchtigte "Glencoe Massacre" statt, von dem jedes zweite Volkslied in Schottland handelt. Die Anhänger des Campbell-Clans hatten den halben MacDonald-Clan unter Ausnutzung deren Gastfreundschaft abgemurkst. Haben sie davon noch nie gehört, McClown?"

"Nein, Sir, zu der Zeit habe ich jedenfalls noch nicht gelebt."

Plötzlich stoppte der Butler und sah erstaunt auf die Straße.

"Sir, wenn wir hier der Straße weiter folgen, fahren wir auf der anderen Seite des Lochs wieder zurück!"

 

Der Lord überlegte und holte seine Pfeife heraus. Während er sie anzündete, zeigte er auf einen nahe gelegenen Waldweg und wies den Butler an, den Müllwagen dort zu parken. Dann stiegen die beiden aus und betrachteten die Luke des LKWs. Wie sollten sie die schwere Luke ohne Werkzeug öffnen? Zwar hatten sie unter dem Beifahrersitz einen Werkzeugkasten gefunden, der jedoch war abgeschlossen.




Niedergeschlagen und ratlos setzten sich beide wieder in das Fahrerhäuschen. Langsam senkte sich die Sonne über den Bergen und während der Lord seine Schuhe auszog, um sich für die Nacht vorzubereiten, fiel McClowns Blick auf die Wagenschlüssel, die noch im Anlasser steckten. Schlagartig wurde ihm klar, dass sie sich einiges hätten sparen können, wenn sie ein kleines bisschen schlauer gewesen wären.


 

 

Kapitel 29

Kinlochleven

 

Während Lord McShredder seine Schuhe wieder anzog, hatte sein Butler die Wagenschlüssel an sich genommen und war zur Heckluke des Müllwagens gelaufen. Er war so aufgeregt, dass er mehrere Versuche benötigte, die verschiedenen Schlüssel auszuprobieren. Er stieß einen heiseren Freudenschrei aus, als sich einer der Schlüssel mühelos in das Schloss schieben ließ. Mit klopfendem Herzen drehte er den Griff herum und drückte die Luke nach oben. Müll und Unrat fielen ihm vor die Füße, und als die Luke ganz geöffnet war, hielt er den Atem an und blickte in das Innere des Müllwagens. Jede Menge Müll und Unrat befanden sich dort, genau, wie er es erwartet hatte

Sein Blick huschte nervös hin und her, doch dann atmete er tief durch, als er seine kleinen Hamsterfreunde sah. Sie blinzelten neugierig ins Helle und sahen recht verkommen aus, denn ihr Fell war verschmutzt und mit Dreck verklebt. Nun sah er auch die Koffer, die sich offensichtlich während der Fahrt geöffnet hatten, und deren Inhalt sich irgendwo verstreut im Müll befand. Der Butler nahm zunächst den Koffer der Hamster und untersuchte ihn. Er schien noch heil zu sein, und so nahm McClown ein Taschentuch und säuberte ihn, so gut es ging. Dann stellte er ihn auf den Boden und hob einen Hamster nach den anderen aus dem Müll und setzte sie zurück in ihre Behausung.



Die ganze Zeit über hatte er nicht gemerkt, dass Lord McShredder dicht neben ihm stand, den Hals streckte und in den Müll guckte, als suche er etwas. Erst, als der Lord sich fluchend am Lukendeckel festhielt, weil er sonst in den Dreck gefallen wäre, bemerkte McClown ihn.

"Sir, ist alles in Ordnung?"

"Sicher, McClown, aber sicher. Alles klar."

Der Butler wandte sich wieder den Hamstern zu und versuchte, ihr Fell vom gröbsten Unrat zu befreien. Gerade wollte er vorsichtig einen alten Kaugummi aus dem Fell eines seiner kleinen Freunde entfernen, als ein kaputter Karton aus dem Wagen fiel und neben ihm landete. Er drehte sich um und sah den Lord im Müll wühlen.

"Sir, kann ich ihnen helfen?"

"Nein, nein, McClown, ich, äh, gucke nur."

Kopfschüttelnd wandte sich der Butler dem sich heftig wehrenden Hamster zu und befreite ihn von der klebrigen Masse. Zufrieden stellte er den Koffer beiseite, als er leise Schritte hörte. Verwundert sah er sich um. Wo war der Lord? McClown stand auf und ging zur rechten Seite des Müllwagens. Dort sah er ihn kniend über einen der anderen Koffer gebeugt. Langsam schlich der Butler näher, bis er ihm über die Schulter blicken konnte. Da war die Brieftasche, die der Lord angeblich im Hotel verloren hatte!

"Sir, sie sind ein elender Gauner!" brüllte McClown und wollte sich auf den Alten stürzen. Leider lag der geöffnete Koffer im Weg und der Butler fiel der Länge nach vor die Füße des Lords. Wütend biss er ihm in den Fuß und McShredder gab ein lautes Geheul von sich.

Die Hamster waren durch den Lärm neugierig geworden, standen wenige Meter von den beiden entfernt und feuerten den Butler wie üblich an.

Der Lord hüpfte jammernd auf einem Bein und versuchte zu fliehen, doch Frido McClown war schneller. Mit einen Hechtsprung flog er hinterher, packte den Fuß den Lords und biss ihn ein zweites Mal. Wimmernd brach der alte Gauner zusammen, während die Hamster begeistert nach einer Zugabe verlangten.

"McClown", jammerte McShredder, "es ist nicht so, wie sie glauben!"

"Was, Sir, glaube ich denn? Dass wir hungern und leiden mussten, weil sie zu geizig waren, Essen zu kaufen? Dass wir im Hotel schuften mussten, damit sie ihr Geld sparen? Dass die Polizei hinter uns her ist, weil sie nur an ihr Geld denken? Ihretwegen wären die armen, unschuldigen Hamster fast im Feuer gelandet!"

Der Butler schlich um den am Boden liegenden Lord wie ein Tiger um die Beute herum, bereit, im nächsten Moment zuzustoßen.

"McClown, ich habe das Geld nur für den Notfall gespart, für uns alle!"

"Vielleicht auch für Begräbnisfeier der Hamster, Sir, sozusagen eine Feuerbestattung, Sir?"

"McClown, mein guter, ich verspreche, dass wir von nun an in Hotels übernachten. Oder Bed and Breakfast, das ist vielleicht doch etwas günstiger," fügte er den letzten Satz schnell hinzu.

"Na, schön, Sir," keuchte McClown, "und was ist nun mit dem Wagen? Die beiden Typen werden uns umbringen, falls uns die Polizei nicht vorher erwischt."

Der Lord zuckte mit den Schultern.

"Dann werde ich ihnen sagen, was zu tun ist, Sir. Ich möchte nicht der Rache dieser brutalen Typen ausgeliefert sein. Stecken sie genug Geld unter den Sitz, dass wird die beruhigen, und rufen sie in der Gaststätte an."



"Äh, McClown, die werden meine Stimme erkennen und uns alle umbringen!"

"Ihre Stimme, Sir? Die haben die doch noch nie gehört! Zufällig war ich bereits einmal in Kinlochleven und daher weiß ich, dass sich am Ortseingang eine Telefonzelle befindet. Dort parke ich den Wagen und wir suchen die Telefonnummer der Gaststätte in Onich. Dann rufen sie den Wirt an und erzählen ihm irgend etwas von einem Notfall. Das Geld unter dem Sitz wird die beiden Brutalotypen schon beruhigen."

"Schön, McClown, aber was ist, wenn die Polizei schon auf uns wartet?"

"In Kinlochleven gibt es keine Polizeistation, Sir. Es ist eine kleine, ruhige Stadt am Ende des Loch Leven, deshalb heißt es auch 'Kopf vom Loch Leven'. Wussten sie übrigens, dass dort die Eröffnungsszene von dem Film 'Rob Roy' gedreht wurde? Und dass König Edward VII dort 1909 in dem Hotel Marmore Lodge übernachtet hat?"

Lord McShredder schüttelte den Kopf. Er wirkte nun recht niedergeschlagen, doch dem Butler war das ziemlich egal. Sie gingen nun zurück zum Müllwagen, wobei der Lord wehleidig humpelte und suchten nach ihren Koffern und Kleidungsstücken. Leider waren ihre Sachen dermaßen verdreckt, dass sie bis auf den Koffer der Hamster nichts mehr gebrauchen konnten. Als das erledigt war, fuhren sie an den Ortsanfang von Kinlochleven, fanden die besagte Telefonzelle und parkten dort den Wagen.

Sie hatten Glück und fanden schnell die Nummer der Gaststätte in Onich, woraufhin McShredder wie versprochen sofort anrief und dem Wirt eine haarsträubende Geschichte erzählte. Der Butler hatte große Mühe, nicht laut loszulachen, als der Lord erzählte, dass der Müllwagen im Interesse der nationalen Sicherheit vom Geheimdienst entführt worden war. Es handelte sich um eine Mission auf höchster Geheimhaltungsstufe, über die er am Telefon nichts Weiteres sagen könne und dürfe. Weiterhin erklärte er dem völlig verstörten Wirt, er solle das den beiden Fahrern erklären und ihnen mitteilen, wo sie ihr Fahrzeug gegen eine Entschädigung abholen könnten.

McClown war nun sicher, dass die beiden Müllmänner für sie keine Gefahr mehr darstellten, und so setzten sie ihre Reise fort.


 

 

Kapitel 30

Die Treppe des Teufels

 

Sie hatten die Telefonzelle bereits weit hinter sich gelassen und kamen an ein Informationsbüro für Touristen. Leider hatte es schon geschlossen, doch ein Schild mit der Aufschrift "West Highland Way" erweckte die Aufmerksamkeit Lord McShredders.

"McClown, trödeln sie nicht, hier müssen wir entlang!"

Der Butler fluchte, denn der Rollstuhl ließ sich nur noch schwer schieben, da die Räder verbogen waren. Die Fahrt mit dem Müllwagen war ihm nicht bekommen.

"Sir, das blöde Ding lässt sich nicht mehr rollen!"

"Unsinn, McClown, schieben sie mal etwas flotter, dann geht das wieder."

Fluchend mühte sich der Butler ab, das bockige Gefährt über eine kleine Straße zu wuchten, als der Lord plötzlich stehen blieb und auf einen breiten Fußweg deutete.

"Darf ich vorstellen, McClown, das ist der berühmte West Highland Way!"

Keuchend blieb Frido McClown stehen und blickte auf den steinigen, etwa zwei Meter breiten Weg.

"Berühmt?" schnaufte der Butler. "Dieser Trampelpfad?"

"Geschichte, McClown, dieser Weg hat Geschichte geschrieben. Es ist ein alter Handelspfad, der natürlich auch für militärische Zwecke genutzt wurde."

"Die üblichen Kloppereien zwischen den Clans, vermute ich, Sir?"

"McClown, sie reden, wie sie es verstehen! Dieser Weg ist 152 Kilometer lang und reicht von Fort Williams bis Glasgow. Der Film 'Braveheart' wurde übrigens auch hier gedreht. Jedes Jahr gibt es hier im Juni das West-Highland-Rennen. Man muss die gesamte Strecke in einer bestimmten Zeit schaffen."

"Und wie steht der Rekord, Sir?" fragte McClown mit gelangweilter Miene.

"Bei 16 1/2 Stunden. Wussten sie, McClown, dass Taschenlampe, Kompass, Karte, Trillerpfeife und Regenzeug mitgenommen werden müssen? Nur wer das dabei hat, darf mitlaufen. Natürlich empfiehlt es sich auch, Klopapier mitzunehmen."

"Natürlich, Sir, auch Essen und Trinken?"



"Selbstverständlich McClown, aber ein echter Sportler darf sich auf solch einer Strecke nicht vollfressen, falls sie daran denken. Jedenfalls, die Regeln besagen, dass man die Strecke innerhalb von 35 Stunden geschafft haben muss, egal, ob man läuft, geht oder hüpft. Notfalls kann auch gekrochen werden."

"Prima, Sir," grinste der Butler, "das wäre doch etwas für sie!"

Der Lord drehte sich beleidigt um und sah auf das majestätische Tal namens Glencoe.

"Sir, auf diesem Holperweg kann ich den Rollstuhl nicht mehr schieben. Ich fürchte, wir müssen ihn hier stehen lassen."

 

Da der Lord immer noch beleidigt war und nicht antwortete, schob er den Rollstuhl bis dicht an den West Highland Way und malte sich das Gesicht der Leute aus, die das Gefährt finden würden. Ein Rollstuhlfahrer, der zu Fuß solch einen langen Weg weitergegangen war! Grinsend folgte er dem Lord in die Abendsonne, während die Hamster in dem Koffer, den er nun in der Hand trug, tief und fest eingeschlafen waren.

Es war eine fantastische Landschaft, durch die sie nun wanderten, vielleicht sogar der schönste Teil ihrer Reise. So liefen sie fast zwei Stunden, bis die Sonne langsam hinter den hohen Bergen verschwand. Plötzlich wurde der Weg sehr steil. Mühsam kletterten die beiden bergauf, während die Berge in der anbrechenden Nacht um sie herum einen unheimlichen Eindruck machten.

"Das, McClown," keuchte Lord McShredder, "ist 'die Treppe des Teufels', oder auch 'Devils Starcase' genannt. Vielleicht haben sie es schon bemerkt, dass hier keine Vögel mehr singen. Es ist ein unheimlicher Ort und niemand hält sich hier lange auf."

"Aber Sir," lachte der Butler, "ich sehe aber ein paar Vögel herumfliegen, vielleicht haben die nur ihre Melodie vergessen."

"McClown, das sind keine Vögel. Das sind Fledermäuse."

"Sir, die Hamster mögen keine Fledermäuse."



"Dann wird es eben heute eine Ausgangssperre für ihre Tiere geben, McClown. Wir wollten uns jetzt aber eine geschützte Ecke zum Schlafen suchen."

Der Butler sah sich um. Nackter Felsen wohin er auch sah. Die Berge um sie herum wirkten unheimlich und selbst der Himmel hatte etwas Bedrohliches an sich. Wind war aufgekommen, und das war ungewöhnlich. Sogar die Hamster verhielten sich auffallend still, da war kein Kratzen am Kofferdeckel und kein ungeduldiges Fiepen zu hören. Selbst Lord McShredder wirkte besorgt und blickte sich ständig um. Immer wieder schaute er ängstlich nach links und rechts, so, als erwarte er jeden Moment, dass sich etwas aus den Felswänden lösen und auf sie stürzen würde. Da! Ein Geräusch, direkt vor ihnen! Lord und Butler blieben eng aneinander gedrängt stehen.

 

"G-ganz ruhig, McClown, d-das war nur ein Stein, der von der Felswand heruntergekullert ist."

"G-gewiss, Sir, alles klar."

"K-kein Grund zur Panik, McClown."

In diesem Moment huschte etwas Großes, Schwarzes ganz dicht über ihre Köpfe.

"Aaaaah, McClown, der Teufel will uns holen, laufen sie!" schrie der Lord und rannte mit einer Geschwindigkeit los, die der Butler ihm niemals zugetraut hätte.

"Warten sie, Sir," kreischte McClown, "lassen sie mich nicht alleine mit diesem Ungeheuer!"

Kreischend liefen die beiden Männer die letzten Stufen der 'Treppe des Teufels' hinauf. Als sie die Kuppe des Berges erreicht hatten, rannten sie mit noch höherer Geschwindigkeit den Berg hinunter und blieben erst nach einem Kilometer auf einem Parkplatz völlig erschöpft stehen. Wenige Meter vor ihnen war eine breite Straße, die A82.

"Sir," keuchte der Butler, noch immer schwer atmend nach ihrer Flucht, "könnte es sein, dass das gar kein Ungeheuer war?"



"Eine Fledermaus," keuchte McShredder, "eine verdammte Fledermaus war das, McClown!"

 

Die Rückkehr (nach Schottland) - Kapitel 31-35