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Kapitel 29

Kinlochleven

 

Während Lord McShredder seine Schuhe wieder anzog, hatte sein Butler die Wagenschlüssel an sich genommen und war zur Heckluke des Müllwagens gelaufen. Er war so aufgeregt, dass er mehrere Versuche benötigte, die verschiedenen Schlüssel auszuprobieren. Er stieß einen heiseren Freudenschrei aus, als sich einer der Schlüssel mühelos in das Schloss schieben ließ. Mit klopfendem Herzen drehte er den Griff herum und drückte die Luke nach oben. Müll und Unrat fielen ihm vor die Füße, und als die Luke ganz geöffnet war, hielt er den Atem an und blickte in das Innere des Müllwagens. Jede Menge Müll und Unrat befanden sich dort, genau, wie er es erwartet hatte

Sein Blick huschte nervös hin und her, doch dann atmete er tief durch, als er seine kleinen Hamsterfreunde sah. Sie blinzelten neugierig ins Helle und sahen recht verkommen aus, denn ihr Fell war verschmutzt und mit Dreck verklebt. Nun sah er auch die Koffer, die sich offensichtlich während der Fahrt geöffnet hatten, und deren Inhalt sich irgendwo verstreut im Müll befand. Der Butler nahm zunächst den Koffer der Hamster und untersuchte ihn. Er schien noch heil zu sein, und so nahm McClown ein Taschentuch und säuberte ihn, so gut es ging. Dann stellte er ihn auf den Boden und hob einen Hamster nach den anderen aus dem Müll und setzte sie zurück in ihre Behausung.



Die ganze Zeit über hatte er nicht gemerkt, dass Lord McShredder dicht neben ihm stand, den Hals streckte und in den Müll guckte, als suche er etwas. Erst, als der Lord sich fluchend am Lukendeckel festhielt, weil er sonst in den Dreck gefallen wäre, bemerkte McClown ihn.

"Sir, ist alles in Ordnung?"

"Sicher, McClown, aber sicher. Alles klar."

Der Butler wandte sich wieder den Hamstern zu und versuchte, ihr Fell vom gröbsten Unrat zu befreien. Gerade wollte er vorsichtig einen alten Kaugummi aus dem Fell eines seiner kleinen Freunde entfernen, als ein kaputter Karton aus dem Wagen fiel und neben ihm landete. Er drehte sich um und sah den Lord im Müll wühlen.

"Sir, kann ich ihnen helfen?"

"Nein, nein, McClown, ich, äh, gucke nur."

Kopfschüttelnd wandte sich der Butler dem sich heftig wehrenden Hamster zu und befreite ihn von der klebrigen Masse. Zufrieden stellte er den Koffer beiseite, als er leise Schritte hörte. Verwundert sah er sich um. Wo war der Lord? McClown stand auf und ging zur rechten Seite des Müllwagens. Dort sah er ihn kniend über einen der anderen Koffer gebeugt. Langsam schlich der Butler näher, bis er ihm über die Schulter blicken konnte. Da war die Brieftasche, die der Lord angeblich im Hotel verloren hatte!

"Sir, sie sind ein elender Gauner!" brüllte McClown und wollte sich auf den Alten stürzen. Leider lag der geöffnete Koffer im Weg und der Butler fiel der Länge nach vor die Füße des Lords. Wütend biss er ihm in den Fuß und McShredder gab ein lautes Geheul von sich.

Die Hamster waren durch den Lärm neugierig geworden, standen wenige Meter von den beiden entfernt und feuerten den Butler wie üblich an.

Der Lord hüpfte jammernd auf einem Bein und versuchte zu fliehen, doch Frido McClown war schneller. Mit einen Hechtsprung flog er hinterher, packte den Fuß den Lords und biss ihn ein zweites Mal. Wimmernd brach der alte Gauner zusammen, während die Hamster begeistert nach einer Zugabe verlangten.

"McClown", jammerte McShredder, "es ist nicht so, wie sie glauben!"

"Was, Sir, glaube ich denn? Dass wir hungern und leiden mussten, weil sie zu geizig waren, Essen zu kaufen? Dass wir im Hotel schuften mussten, damit sie ihr Geld sparen? Dass die Polizei hinter uns her ist, weil sie nur an ihr Geld denken? Ihretwegen wären die armen, unschuldigen Hamster fast im Feuer gelandet!"

Der Butler schlich um den am Boden liegenden Lord wie ein Tiger um die Beute herum, bereit, im nächsten Moment zuzustoßen.

"McClown, ich habe das Geld nur für den Notfall gespart, für uns alle!"

"Vielleicht auch für Begräbnisfeier der Hamster, Sir, sozusagen eine Feuerbestattung, Sir?"

"McClown, mein guter, ich verspreche, dass wir von nun an in Hotels übernachten. Oder Bed and Breakfast, das ist vielleicht doch etwas günstiger," fügte er den letzten Satz schnell hinzu.

"Na, schön, Sir," keuchte McClown, "und was ist nun mit dem Wagen? Die beiden Typen werden uns umbringen, falls uns die Polizei nicht vorher erwischt."

Der Lord zuckte mit den Schultern.

"Dann werde ich ihnen sagen, was zu tun ist, Sir. Ich möchte nicht der Rache dieser brutalen Typen ausgeliefert sein. Stecken sie genug Geld unter den Sitz, dass wird die beruhigen, und rufen sie in der Gaststätte an."



"Äh, McClown, die werden meine Stimme erkennen und uns alle umbringen!"

"Ihre Stimme, Sir? Die haben die doch noch nie gehört! Zufällig war ich bereits einmal in Kinlochleven und daher weiß ich, dass sich am Ortseingang eine Telefonzelle befindet. Dort parke ich den Wagen und wir suchen die Telefonnummer der Gaststätte in Onich. Dann rufen sie den Wirt an und erzählen ihm irgend etwas von einem Notfall. Das Geld unter dem Sitz wird die beiden Brutalotypen schon beruhigen."

"Schön, McClown, aber was ist, wenn die Polizei schon auf uns wartet?"

"In Kinlochleven gibt es keine Polizeistation, Sir. Es ist eine kleine, ruhige Stadt am Ende des Loch Leven, deshalb heißt es auch 'Kopf vom Loch Leven'. Wussten sie übrigens, dass dort die Eröffnungsszene von dem Film 'Rob Roy' gedreht wurde? Und dass König Edward VII dort 1909 in dem Hotel Marmore Lodge übernachtet hat?"

Lord McShredder schüttelte den Kopf. Er wirkte nun recht niedergeschlagen, doch dem Butler war das ziemlich egal. Sie gingen nun zurück zum Müllwagen, wobei der Lord wehleidig humpelte und suchten nach ihren Koffern und Kleidungsstücken. Leider waren ihre Sachen dermaßen verdreckt, dass sie bis auf den Koffer der Hamster nichts mehr gebrauchen konnten. Als das erledigt war, fuhren sie an den Ortsanfang von Kinlochleven, fanden die besagte Telefonzelle und parkten dort den Wagen.

Sie hatten Glück und fanden schnell die Nummer der Gaststätte in Onich, woraufhin McShredder wie versprochen sofort anrief und dem Wirt eine haarsträubende Geschichte erzählte. Der Butler hatte große Mühe, nicht laut loszulachen, als der Lord erzählte, dass der Müllwagen im Interesse der nationalen Sicherheit vom Geheimdienst entführt worden war. Es handelte sich um eine Mission auf höchster Geheimhaltungsstufe, über die er am Telefon nichts Weiteres sagen könne und dürfe. Weiterhin erklärte er dem völlig verstörten Wirt, er solle das den beiden Fahrern erklären und ihnen mitteilen, wo sie ihr Fahrzeug gegen eine Entschädigung abholen könnten.

McClown war nun sicher, dass die beiden Müllmänner für sie keine Gefahr mehr darstellten, und so setzten sie ihre Reise fort.