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Kapitel 28

Glencoe

 

"Ich ertrag das nicht mehr. Ich will hier raus!" Flecki hatte sich schmollend in die äußerste Ecke des Koffers zurückgezogen und eine Socke über die empfindliche Nase gestülpt.

"Es ist eine Schande," pflichtete ihr Tati bei. "Wir waren so schön sauber und glänzend nach dem Bad. Jetzt sehen wir aus wie die Schweine!"

"In der Tat, liebe Hamsterfreunde, wir sollten eine Abordnung bilden und uns bei der Reiseleitung beschweren. Nur das direkte Gespräch kann eine Besserung bringen, denn wie ich schon mehrfach darauf hingewiesen habe..."

"Eye, die Banane hier ist noch recht frisch," unterbrach Goldi den Bürgermeister. "Möchte jemand ein Stück?"

Keiner antwortete und der Grund war offensichtlich. In einem Müllwagen gibt es Abfall jeder Art, und so mancher Hamster sah seine Chance gekommen. Überall waren kleine Stände eröffnet worden, und es wurden vielerlei Sachen angeboten. Neben einem Stand mit Ersatzteilen gab es einen Stand mit Antiquitäten und etwas weiter weg war eine Imbissbude, in der es Essensreste gab. Doch leider war dieser kleine Markt recht schnell beendet, denn als der Müllwagen sich in Bewegung gesetzt hatte und losfuhr, purzelten alle Stände durcheinander. Daraufhin entstand eine große Streiterei darum, wem denn nun welche Sachen gehören und es kam zu den ersten Schlägereien. Bauleiter Murksel versuchte zu schlichten, doch nachdem ihn eine Zitronenschale am Kopf traf, machte er, dass er davon kam. Nun sah der Bürgermeister seine Stunde gekommen, kletterte auf den höchsten Müllberg und rief:



"Liebe Hamsterfreunde, ich denke, es ist an der Zeit, dass wir innehalten und uns besinnen. Toleranz und Nächstenliebe, meine lieben Freunde ist nicht nur das Maß aller Dinge, sondern auch..."

Weiter kam er nicht. Hatte ihn der Kaffeefilter am Anfang seiner Rede noch verfehlt, so traf ihn nun eine halb verfaulte Tomate mitten im Gesicht. Tapfer stand er auf und wollte seine Rede fortführen, doch das verhinderte ein gezielter Apfel, der ihn endgültig von den Pfoten haute. Nun gab es kein Halten mehr, und eine wilde Schlacht begann; es flogen Lebensmittel, kleinere Möbel und alles, was sich sonst noch zum Werfen eignete. Alle Hamster waren außer Rand und Band, das heißt natürlich, fast alle Hamster, denn Flecki und Tati saßen noch im Koffer und beäugten kopfschüttelnd das Geschehen.

"Ungeheuerlich, einfach unfassbar," schimpfte Flecki. "Schau mal," sagte sie zu Tati, "jetzt macht sogar der Bürgermeister mit. Es ist eine Schande!".

Sie wandte sich zu Tati um, doch die war verschwunden. Wenig später jedoch konnte Flecki genau beobachten, wie Tati von hinten Bauleiter Murksel eine vergammelte Mohrrübe an den Hinterkopf warf, woraufhin der vorwärts den Müllhaufen hinunterrollte. Flecki war entsetzt, steckte den Kopf aus der Kofferöffnung und schrie, so laut es ging: "Ihr solltet euch alle schämen! So benimmt sich ein Hamster nicht!"



Im nächsten Moment traf sie eine Bananenschale am Kopf und sie flog kopfüber aus dem Koffer. Das war Goldis Geschoss. Voller Rachegedanken griff sie nach einem alten Bleistift und versuchte, Goldi in den Hintern zu pieken, als plötzlich der Müllwagen scharf bremste, alle Hamster durcheinander purzelten und die Schlacht beendet war.

"McClown, warum bremsen sie wie ein Idiot, wollen sie, dass mir das Gebiss herausfällt?"

"Entschuldigung, Sir, ich kenne doch den Weg nicht."

Sie hatten vor wenigen Minuten den Loch Leven überquert, waren nach einer langen Linkskurve der A82 gefolgt und hatten nun den Ort Glencoe erreicht.

"Links, rechts oder geradeaus, Sir?" fragte der Butler.

McShredder überlegte.

"Wir bleiben links, McClown. Die Polizei wird glauben, dass wir auf der Hauptstraße bleiben, um schneller vorwärts zu kommen."

"Welche Polizei, Sir," entgegnete der Butler grinsend. "Die Polizei, die uns wegen Zechprellerei sucht, oder die, die uns wegen Autodiebstahl sucht?"

Lord McShredder hielt es für überflüssig, auf diese Frage zu antworten. Sie waren nun auf eine kleine Nebenstraße gekommen und der Loch Leven begleitete sie zu ihrer linken Seite.

"Sir, ich habe vorhin ein Schild gesehen, auf dem stand: Hunde und Campbells müssen draußen bleiben. Was ist ein Campbell, Sir?"

Der Lord sah den Butler an, als habe er etwas sehr, sehr Dummes gesagt.

"McClown, sie wissen nicht, wer die Campbells waren?"

"Nein, Sir, sollte ich?"

"McClown, sie sind ein Bauer und werden immer ein Bauer bleiben. Also, vor kurzem, es war 1692, fand hier das berühmt-berüchtigte "Glencoe Massacre" statt, von dem jedes zweite Volkslied in Schottland handelt. Die Anhänger des Campbell-Clans hatten den halben MacDonald-Clan unter Ausnutzung deren Gastfreundschaft abgemurkst. Haben sie davon noch nie gehört, McClown?"

"Nein, Sir, zu der Zeit habe ich jedenfalls noch nicht gelebt."

Plötzlich stoppte der Butler und sah erstaunt auf die Straße.

"Sir, wenn wir hier der Straße weiter folgen, fahren wir auf der anderen Seite des Lochs wieder zurück!"

 

Der Lord überlegte und holte seine Pfeife heraus. Während er sie anzündete, zeigte er auf einen nahe gelegenen Waldweg und wies den Butler an, den Müllwagen dort zu parken. Dann stiegen die beiden aus und betrachteten die Luke des LKWs. Wie sollten sie die schwere Luke ohne Werkzeug öffnen? Zwar hatten sie unter dem Beifahrersitz einen Werkzeugkasten gefunden, der jedoch war abgeschlossen.




Niedergeschlagen und ratlos setzten sich beide wieder in das Fahrerhäuschen. Langsam senkte sich die Sonne über den Bergen und während der Lord seine Schuhe auszog, um sich für die Nacht vorzubereiten, fiel McClowns Blick auf die Wagenschlüssel, die noch im Anlasser steckten. Schlagartig wurde ihm klar, dass sie sich einiges hätten sparen können, wenn sie ein kleines bisschen schlauer gewesen wären.