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Kapitel 16

Calum Cille


Auf ihrem Weg in östlicher Richtung waren sie bereits viele Stunden gelaufen, als sie den kleinen Ort Dalelia erreichten. Bis auf ein paar kleine Häuser hatte dieser kleine Ort nichts zu bieten, also zogen sie enttäuscht weiter. Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel und alle sehnten eine kleine Rast herbei, als sie zu ihrem Schrecken feststellten, dass plötzlich der Weg zu Ende war. Lord und Butler standen ratlos vor einem großen See und guckten ungläubig in die Fluten.

"Das ist wohl der Loch Shiel, Sir."


"McClown, ich weiß, was ein Loch ist, und schielen tue ich auch nicht! Was erlauben sie sich? Besorgen sie uns gefälligst ein Boot!"

Achselzuckend sah sich der Butler um. Vor ihm war ein kleiner Bootsanleger zu sehen. Vorsichtig betrat er ihn und schaute über das Wasser. Ein paar Hundert Meter weit entfernt war bereits das andere Ufer zu sehen. Fast zum Greifen nahe, dachte er und machte sich auf die Suche nach irgendetwas, was sich zur Überfahrt eignen würde. Weit und breit war kein Wald zu sehen, und so musste McClown sehr weit laufen, bis er zwei kleine Holzstämme gefunden hatte. Nach zwei Stunden stand er völlig erschöpft wieder vor dem Lord.

"Sehr schön, McClown, die Ruder hätten wir also. Fehlen nur noch die Kajüte und der Rest des Bootes."

"Nun, Sir," begann der Butler verlegen, "mehr werden wir nicht bekommen. Wir könnten an jedes Rad des Rollstuhls einen Stamm als Schwimmer befestigen. Sie und die Hamster steigen auf und ich schiebe."

"Ausgezeichnete Idee, McClown," rief der Lord. "Sollte ich jemals zu Geld kommen, kriegen sie das Gehalt für die letzten Jahre! Dann los, worauf warten sie?"

Wenig später hatte der Butler die Stämme seitlich an den Rädern des Rollstuhls befestigt, und das merkwürdige Boot war fertig. Die Reise konnte beginnen. Die Hamster waren neugierig aus ihrem Koffer gekrochen und hatten es sich bequem gemacht, denn eine Seereise mit einem Katamaran wollten sie natürlich an Deck genießen. Flecki hatte die Koffer durchwühlt und Strümpfe gefunden. Die vordersten Spitzen hatte sie abgeschnitten und verteilt. Somit trug jetzt jeder Hamster einen Sonnenhut. Lord McShredder saß halbwegs bequem auf seinem Koffer und betrachtete das nicht weit entfernte Ufer, während sein Butler keuchend das Gefährt ins kalte Wasser schob.

 

"Na, los, McClown, sie Glückspilz, " krähte der Lord. "Wenn ich etwas jünger wäre, würde ich auch gerne baden!"

Ein Knurren war alles, was er als Antwort bekam, denn der Glückspilz hatte beträchtliche Mühe, den Kopf über Wasser zu halten, während er vorsichtig die beiden Holzstämme anschob.

Wider Erwarten erreichten sie das Ufer ohne Probleme, abgesehen davon, dass McClown das eine und andere Mal Wasser schluckte.

"Ich weiß nicht, warum sie sich beschweren, McClown. Es ist klares, gesundes Wasser!"

 

Der Butler antwortete nicht, sondern begann, die beiden Stämme von den Rädern zu lösen. Auch die Hamster sahen sich neugierig um, und ihnen fiel sofort das viele Grün um sie herum auf. Bestimmt würde es hier etwas zu Essen geben. Inzwischen war McShredder ein Stück vorausgegangen und stand vor mehreren merkwürdigen Steinen. Sie hatten die Form von Kreuzen. In der Ferne war ein kleines Haus mit einem kleinen Turm zu sehen.



"Anscheinend eine Kapelle, Sir," bemerkte der Butler, der nun neben dem Lord stand.

"Häh? Eine Forelle, McClown? Ihnen ist wohl zu viel Wasser ins Gehirn gelaufen, das ist eine kleine Kirche! Sehen sie doch mal die vielen steinernen Kreuze, die hier sind."

"Sir," sagte der Butler nun mit lauterer Stimme, "könnte es sein, dass wir uns auf einem Friedhof befinden?"

"Tja," entgegnete McShredder nachdenklich, "das könnte tatsächlich so sein."

Schweigend liefen die beiden auf die kleine Kapelle zu. Vor einer Holztafel mit einer fast verblichenen Inschrift blieben sie stehen. Der Butler trat ganz dicht an die Tafel und las mit lauter Stimme vor:

"Kapelle von Eilean Fhianain. Die älteste Kapelle mit dem ältesten Friedhof von ganz Großbritannien. Sogar der heilige St. Columba, genannt Calum Cille, war hier. Er wurde im Jahre 575 auf der Insel Iona begraben. Noch heute pilgern viele Menschen an sein Grab."

"McClown, wissen sie, was Eilean bedeutet?"

"Natürlich, Sir, das bedeutet soviel wie Insel."

"Nun, McClown, was fällt ihnen denn so auf, wenn sie sich umschauen?"

"Also, Sir, ich sehe die alte Kapelle, viele Steine, alte Kreuze und um uns herum Wasser."

"Wasser, McClown?"

"Ja, Sir, Wasser, äh, Wa.. Wa.. wieso Wasser? Aber Sir, wir sind ja auf einer Insel!"

"Sehr gut, McClown, genau das bedeutet das Wort Eilean."

 

Der Butler setzte sich fassungslos auf einen Stein und vergrub seinen Kopf in den Händen. Sie waren auf einer Insel gelandet! Sein nächster Gedanke galt den Hamstern, und er machte sich auf den Weg zurück zum Rollstuhl. Dort angekommen sah er seine kleinen Freunde gemütlich auf dem steinigen Strand in der Sonne liegen. In der Ferne sah er im Wasser die beiden Baumstämme treiben. Wütend schrie McClown auf und stampfte mit den Füßen. Wie sollten sie nun von der Insel wieder herunterkommen? Die Hamster sahen ihn verwundert an, als er schreiend und stampfend am Ufer tobte und Steine nach den treibenden Holzstämmen warf. Schließlich beruhigte er sich, sammelte alle Hamster ein und setzte sie in den Koffer zurück. Dann schob er den Rollstuhl mühsam über das unwegbare Gelände bis hin zur Kapelle, wo der Lord inzwischen auf einer Bank saß und eine Pfeife rauchte.

 

"Wissen sie was, mein lieber McClown? Wir werden uns hier ausruhen. Das Dach der kleinen Kapelle wird uns vor Wind und möglicherweise Regen schützen."

"Sir, wer oder was ist der Heilige Calum Cille?"

"Sie kennen Calum Cille nicht, McClown?



Lord McShredder zog an seiner Pfeife und betrachtete nachdenklich ein steinernes Kreuz.

"Calum Cille wurde eigentlich St. Columba, oder auch der gutmütige Calum Cille genannt. Er war der berühmteste der keltischen Heiligen. Er war als irischer Missionar über die Halbinsel Ardnamurchan in das heidnische Schottland gekommen. Noch bis in die heutige Zeit, mein lieber McClown, wird er in den Highlands verehrt. Der Donnerstag in der zweiten Juniwoche ist nach ihm benannt und jeder Donnerstag - traditionsgemäß bekannt als Tag Calum Cilles - wird als guter Tag betrachtet. Sehen sie sich weiter um, McClown. Dort hängt eine uralte keltische Bronzeglocke, sehen sie weiter hinten die Grabsteine? Sie haben den Heiligen noch kennengelernt."

Ehrfürchtig schaute der Butler auf die keltischen Überbleibsel der Vergangenheit. Dann fiel sein Blick auf den Lord, dem die Pfeife aus dem Mund gefallen, und der in der angenehmen Wärme der späten Mittagssonne eingeschlafen war. McClown warf einen weiteren Blick auf seine kleinen Hamsterfreunde, doch auch die schnarchten friedlich vor sich hin. Dann fielen auch ihm die Augen zu und er schlief tief und fest ein.


 

 

Kapitel 17

McDudle

 

Die Sonne stand bereits tief am Himmel, als Frido McClown durch laute Geräusche geweckt wurde. Erschrocken sprang er auf und sah einen Mann auf sich zukommen. Nun konnte er sehen, was die lauten Geräusche verursacht hatte. Der Mann hatte in seiner linken Hand einen großen Stock, mit dem er sich bei jedem Schritt abstützte. Neben diesem Stock fiel besonders sein struppiges Aussehen auf.

Instinktiv warf der Butler einen Blick in die Richtung der Hamster. Was er sah, beruhigte ihn, denn ihre neugierigen Näschen gucken aus dem Koffer. Der Mann war inzwischen näher gekommen und hatte den Butler erblickt. Er griff sich an den Kopf und richtete seinen dunklen, schmutzigen Hut. Wenn doch bloß der Lord endlich wach werden würde, dachte McClown, denn ihm war die Sache unheimlich. Dieser merkwürdige, zerlumpte Mann auf einem einsamen Friedhof auf einer ebenso einsamen Insel. Das war bestimmt der Geist der Toten, die hier begraben waren! Einen weiteren Schritt zurück konnte er nicht, denn hinter ihm war ein großes Grabkreuz, stellte der Butler fest. Wenigstens kann ich jetzt nicht vor Schreck umfallen, dachte er.

"Ich habe kein Boot gesehen, wie seid ihr denn hierher gekommen? Oder haben euch die Geister getragen?" sprach der Mann mit einer Stimme, die für einen Geist eigentlich recht angenehm und freundlich klang.

"W-Wir sind mit einem Rollstuhl gekommen," antwortete der Butler wahrheitsgemäß.

"Finnegan McDudle," sagte der Mann und streckte ihm die Hand entgegen. "Ich bin der Friedhofswärter. Weißt du, ich komme recht oft hierher, um nach dem Rechten zu gucken, und heute - also meine Frau - das musst du wissen, mein Freund, die hat mal wieder ihre geschwätzigen Nachbarinnen zu Besuch. Tja, und da habe ich mir gedacht, Finnegan, dachte ich mir, guck' doch mal nach, ob auf dem Friedhof alles klar ist. Wie heißt du denn überhaupt, mein Freund?"

"F-Frido McClown und das ist der Lord McShredder, der..."

"Wunderbar, mein lieber Frido," fuhr McDudle fort. "Also, du weißt ja, wie das so ist, wenn die Frauensleute zusammen sitzen und Tee trinken. Die ziehen über alles her, und weißt du, über wen ganz besonders? Natürlich über mich! Da habe ich mir gedacht, Finnegan, dachte ich mir, hau' bloß ab. Also habe ich gesagt, dass ich noch arbeiten muss. Sag' mal, wie war dein Name?"

"Frido McClown"

"Ja, richtig, Frido. Wie konnte ich das vergessen! Also da habe ich mir das Boot geschnappt und bin ein bisschen herumgefahren. Natürlich bin ich nicht gleich nach Polloch gefahren, Finnegan McDudle ist ja nicht blöd, musst du wissen. Nein, hierher bin ich gefahren. Um sie reinzulegen! Wäre ich direkt nach Polloch gefahren, hätten die Frauen das doch mitgekriegt! Und was meinst du, wie die sich dann mal wieder das Maul zerrissen hätten! Also, mein lieber.... Wie war dein Name noch einmal?"

"Frido McClown," antwortete der Butler ein bisschen genervt.

"Also, mein lieber Frido, in Polloch ist nämlich eine nette Gaststätte und da wollte ich, na, du weißt schon, mir n' paar gemütliche Stunden machen. Das ist doch besser, als wenn du dir zu Hause das Gezeter und Geschludere anhören musst. Tja, schlau muss man sein, deshalb mache ich einen kleinen Umweg über diese Insel und dann, mein lieber.... äh, wie war dein Name noch einmal?"

"Immer noch McClown," stöhnte der Butler.

"Also dann, mein lieber McClown, dann ruder ich rüber nach Polloch. Das ist zwar eine recht lange Strecke, aber auf der Hinfahrt habe ich Rückenwind, weißt du? Aber eines weißt du nicht. Die Rückfahrt ist noch schneller, weil nachts kein Wind mehr da ist. Nur noch Strömung! Ganz fix bin ich wieder zu Hause. Tja, und in Polloch, da mach' ich ein Fass auf. Dann können die mich alle mal. Weißt du, was meine Frau immer sagt, mein lieber, äh, wie war dein Name noch mal?"

"Finnegan McDudle", antwortete der Butler ungerührt.

"Richtig, mein lieber Finnegan, die sagt nämlich immer zur mir, Finnegan, sagt die, du wirst dich noch einmal um den Verstand saufen. Die hat doch keine Ahnung! Als wenn so ein büschen Whisky was ausmacht. Aber wenn ich dann wieder da bin, dann sind auch die ganzen Tratschtanten wieder weg und ich habe meine Ruhe. Aber genug geredet, jetzt erzähl mir mal wer du bist und wie dein Freund da hinten heißt."

 

 

Frido McClown stöhnte hörbar auf. Sein Blick fiel auf den Koffer mit den Hamstern, die alle neugierig aus der Kofferöffnung guckten und sich prächtig amüsierten. Dann ging er zum Lord, klopfte ihm auf die Schulter und rief: "Sir, wir haben Besuch!"

Langsam öffnete der Angesprochene seine Augen, reckte sich und sah verwirrt auf den Neuankömmling.

"McClown, wollen sie keinen Tee für mich und unseren Gast kochen?"

"Sir, wir haben keinen Tee."

"Keinen Tee, schade," seufzte der Lord und ging auf McDudle zu.

 

 

"Mein Name ist Lord Lord McShredder von Killichonan, der Bezwinger des Seeungeheuers von Loch Ness und Herzog von Spanien. Mit wem habe ich die Ehre?"

"Dudle, Sir, Finnegan McDudle."

"Was erlauben sie sich," krähte der Lord. "Wieso reden sie mich mit "du" an?"

"Das ist doch sein Name, Sir," versuchte der Butler zu erklären.

"Er heißt Du, McClown? Seltsam."

"Nicht Du, Sir, sondern Dudle."

"Aha." Langsam verstand der Lord und wandte sich wieder an den Friedhofswärter. "Können sie uns von dieser Insel herunterbringen, Mr Dudle?"

McDudle grinste breit. "Kein Problem, Sir, ich fahre nach Polloch. Es wird höchste Zeit für mich, eine Kleinigkeit zu mir zu nehmen, wenn sie wissen, was ich meine."

"Der Mann hat Recht, McClown. Wir fahren mit und werden auch eine Kleinigkeit zu uns nehmen."

"Sir, ich möchte aber keinen Whisky..."

"Whisky? McClown, was ist mit ihnen los? Sie sollten sich mal ein Beispiel an diesem höflichen und intelligenten Mann nehmen! Los, packen sie unsere Sachen ins Boot!"

Eine halbe Stunde später saßen alle im Boot von Finnegan McDudle und ließen die Insel hinter sich.


 

 

Kapitel 18

Polloch

 

Tatsächlich trieb der Wind wie versprochen das kleine Boot von Finnegan McDudle schnell voran.

"Dort vorne links, das ist die Insel Camas Drollaman," rief McDudle und hörte einen Moment mit dem Rudern auf. "Jetzt wird uns der Wind direkt nach Ceanna Garbh treiben. Von dort aus sind es nur noch 2 Meilen bis Polloch zu laufen."

"Sagen sie, guter Mann," meldete sich nun der Lord, "müssen wir dann etwa zu Fuß weiter gehen?"

"Besser ist das schon, Sir, äh, wie war noch ihr Name?"

"Lord McShredder von Killichonan, der Bezwinger des Seeungeheuers von Loch Ness und Herzog von Spanien, guter Mann."

"Tja, Mr Lord, also meine Frau sagt da immer, also, Finnegan sagt sie, Finnegan, du musst dich mehr bewegen. Sie ist nämlich selber fett wie so 'ne olle Wachtel, wenn sie wissen was ich meine." Er zwinkerte verschwörerisch mit seinem rechten Auge, während Lord McShredder ihn ungläubig ansah.

"Wieso liegt das raue Finnland in Schweden?" fuhr der Lord McDudle an. "Und von welcher Schachtel sprechen sie?"

"Tja, so genau weiß ich das auch nicht, Mr...., äh wie war doch noch ihr Name?"

"Lord McShredder von Killichonan, der Bezwinger des Seeungeheuers von Loch Ness, guter Mann."




"Also, Mr Ness, wir müssen also laufen. Mit dem Boot komme ich nicht über die Sandbänke. Also, meine Frau sagt dann immer, und sie sagt viel, müssen sie wissen, Finnegan, sagt sie, wir müssen uns mehr bewegen. Tja, und deshalb bin ich immer viel unterwegs, mein guter Freund. Immer nach Polloch und zurück."

Der Lord schüttelte verständnislos den Kopf. "Sie haben Brot in den Schränken, sagt ihre Frau? Guter Mann, was meinen sie damit?"

"Tja, keine Ahnung, woher soll ich das wissen, Mr..., wie sagten sie, war ihr Name?"

"Lord McShredder von Killichonan, Mann."

"Richtig," antwortete Finnegan McDudle, "aber das sagten sie bereits, glaube ich. Aber in Polloch, da mache ich ein Fass auf und ihr seid alle eingeladen, wenn sie wissen, was ich meine, Mr. Killichonan."

"Lord McShredder, Mann!" brüllte der Lord und schaute McDudle wütend an.

"Aber nein, Mister, das verwechseln sie. Mein Name ist Finnegan McDudle. Das weiß ich genau, denn ich habe ein sehr gutes Namensgedächtnis. Wissen sie, Finnegan, sagt meine Frau immer..."

Es krachte laut als das Boot plötzlich auf Grund lief. McClown, der am Heck des Bootes gestanden hatte, fiel auf den Rollstuhl. Der Rollstuhl fiel auf den Lord und der wiederum fiel auf McDudle. Es dauerte eine Weile, bis sie begriffen hatten, dass sie ihr Ziel erreicht hatten.

"Ceanna Gharb heißt diese Landspitze. Meine Frau sagt immer..."

"Klappe, McDudle!" brüllte McShredder.

Nachdem Finnegan McDudle das Boot an Land gezogen hatte, kümmerte sich der Butler um die Hamster. Zu seiner großen Freude waren sie wohlauf, das heißt, fast alle. Einer der Hamster war ein bisschen grün um die Nase herum und schien die Seefahrt nicht so gut überstanden zu haben. Der Rest jedoch schaute neugierig zu, wie McClown den Rollstuhl an Land schleppte, und die kleine Schar sich auf den Weg nach Polloch machte. Schweigend gingen sie über einen recht breiten Fußweg, bis ein Schild auftauchte.

"Wir sind da," meldete sich der Friedhofswärter. "Da vorne ist unser Ziel. Rechts geht es übrigens zu den alten Strontiumminen. Wusstet ihr das? Strontium, äh, Finnegan, sagt meine Frau immer..."



"Klappe, McDudle," riefen Lord und Butler im Chor. Noch ein paar Schritte und sie standen in der Ortsmitte.

"Das soll Polloch sein?" fragte der Lord ungläubig. "Zwei Häuser und eine Scheune? Wo sollen wir denn hier etwas Essbares bekommen, McDudle?

"Och," druckste Finnegan McDudle, "mein Kumpel Mc Moonshine hat da so etwas selbst Gemachtes, wenn sie wissen, was ich meine, Mr Schrecker."

"McShredder," verbesserte der Lord. "Nun, gegen selbst gekochtes Essen haben wir nichts einzuwenden, oder McClown?" und sah zu seinem Butler.

"Sir," begann der Butler vorsichtig, "wenn ich das richtig verstehe, wird uns dieser Kumpel Mc Moonshine nichts Essbares vorsetzten."

"Nicht?" entgegnete McShredder entrüstet. "Aber er hat uns doch zum Essen eingeladen, oder McDudle?"

"Essen, Mr Schreck? Nein, nein, ich sagte: ein Fass aufmachen, sie wissen doch. Obwohl meine Frau immer sagt..."

"McClown, wir gehen!"

Wütend drehte sich der Lord um ging schnellen Schrittes in die entgegen gesetzte Richtung.

"Interessant, nicht wahr, Sir?" sagte der Butler, als sie an einem wunderschönen See namens Loch Doilet vorbeigingen. "Ich meine, der Name von diesem Kumpel des Friedhofwärters, Mc Moonshine. Wussten sie, Sir, dass die Leute, die früher heimlich Schnaps brannten, den Spitznamen "Moonshine-Männer" hatten?"


 

 

Kapitel 19

Am Lagerfeuer

 

Ihre Lage war alles andere als beneidenswert. Noch vor wenigen Minuten waren sie frohen Mutes gewesen, als sie Kinlochan erreichten. Dort angekommen, stellten sie zu ihrer großen Enttäuschung fest, dass es hier genauso viel wie in dem Dorf Polloch gab: nämlich nichts. Keine Gaststätte, kein Geschäft, um etwas einzukaufen, rein gar nichts. Wenigstens besaßen sie nun ein paar Kartoffeln, die der Butler einem Bauern abgekauft hatte.

"Sir, wir hätten fragen sollen, ob wir in seiner Scheune übernachten können!"

"McClown, glauben sie, ein Lord schläft in einer Scheune? Bei den Schweinen? Nein, wir werden unter freiem Himmel übernachten."

Der Butler schwieg und gab dem Lord insgeheim Recht. Er dachte an sein Abenteuer mit den Hamstern,1 als sie zunächst in Bettyhill und dann in einem Schweinestall gelandet waren. Nein, nie wieder in einer Scheune übernachten, dachte er im Stillen und folgte Lord McShredder über einen Waldweg entlang einem kleinen Fluss. Nachdem der Fluss einen Knick nach rechts gemacht hatte, blieb der Lord stehen.

"Hier werden wir übernachten, McClown. Als alter Pfadfinder weiß ich, dass so ein Fluss genau das Richtige ist. Der gibt nämlich nachts die Wärme ab, die er am Tag gespeichert hat. Nachdem ich jetzt für alles gesorgt habe, könnten sie sich auch mal nützlich machen, McClown. Machen sie ein Feuer und bereiten sie die Kartoffeln zu, ich kann ja nicht alles machen!"



Murrend machte sich McClown an die Arbeit, während der Lord sich hinsetzte und seine Pfeife stopfte. Neben ihm in einem der Koffer auf dem Rollstuhl warteten die Hamster ungeduldig auf Futter.

"Hoffentlich beeilt der sich mit dem Essen machen," knurrte Goldi, "der Futterservice lässt wirklich sehr zu wünschen übrig in letzter Zeit."

"Und jetzt fängt der Alte auch noch wieder an zu qualmen," jammerte Flecki. "Gerade jetzt, als mir nach der blöden Bootsfahrt endlich besser wurde."

Dodo und Tati waren aus dem Koffer gestiegen, den Rollstuhl hinunter geklettert und sahen sich um. Außer Gras, Bäumen und ein paar Steinen war hier nichts Interessantes zu sehen. Ein kleiner Brombeerstrauch lud zum Naschen ein, doch ein kurzer Test ergab, dass die Früchte entsetzlich sauer schmeckten. Wenigstens gelang es ihnen, eine Kartoffel zu stibitzen, und sie kletterten mit ihrer Beute in den Koffer zurück. Rohe Kartoffeln waren aber auch nicht das Maß aller Dinge und so saßen die Hamster an der Kofferöffnung, schauten hungrig hinaus und warteten auf bessere Zeiten.

"Ach, wenn wir doch wenigstens in der Schule wären," jammerte Tati, "dann gäbe es wenigstens etwas zu essen."

"Sogar den Unterricht bei der blöden Frau Fabsney2 würde ich jetzt mitmachen," ergänzte Flecki und fuhr fort. "Die grinst nämlich immer so blöd und stellt so viele doofe Fragen."



"Aber die Sache mit dem Leim war doch klasse, oder?" mischte sich Goldi ein.

"Das war ganz schön fies von dir," meinte Tuffi. "Aber immerhin hast du uns dadurch vor einer Klassenarbeit gerettet. Das war echt witzig, als sie sich auf das Pult gesetzt hatte, auf das du vorher den Leim geschmiert hattest."

"Hi, hi," gackerte jetzt Flecki, "als sie dann wieder aufstehen wollte, hörte sie schlagartig auf zu grinsen. Dann geriet sie in Panik und hat laut nach dem Direktor gerufen, als sie merkte, dass sie am Pult festhing und nicht mehr los kam."

Die Hamster keckerten vergnügt vor sich hin, und Flecki fuhr fort.

"Und dann wollte sie zum Direktor und hat das ganze Pult hinter sich hergezogen. Im Türrahmen ist sie dann stecken geblieben und hat gekreischt wie eine blöde Rennmaus!"

"Dann, hi, hi," Goldi konnte sich vor Lachen nicht mehr halten, "dann kam der Direktor und wollte sie befreien. Leider ist er dann auch am Leim hängen geblieben und kam auch nicht mehr frei."

"Aber das Schärfste war," lachte Tati, "dass wir dann nach Hause gegangen sind, weil wir dachten, wir hätten jetzt schulfrei. Aber immerhin haben wir die HAMFE3 informiert."

"Das hättet ihr besser nicht gemacht," warf Bauleiter Murksel ein. "Diese Idioten haben nämlich die halbe Schule unter Wasser gesetzt und eine tragende Wand eingerissen. Mein Reparaturteam und ich brauchten eine Woche, um die Schäden zu reparieren."

Währenddessen beobachtete der Lord die Versuche seines Butlers, das Essen am Lagerfeuer zuzubereiten.



"McClown, warum haben wir eigentlich kein Zelt?"

"Nun, Sir, das liegt wohl daran, dass uns noch keines zugelaufen ist," antwortete der Butler ärgerlich und pustete kräftig auf seine Hand, die er sich soeben an einem heißen Stein verbrannt hatte. Immerhin lagen die Kartoffeln nun schon seit einer Stunde zwischen heißen Steinen, die er ins Feuer gelegt hatte.

"Sir, ich denke, die Kartoffeln sind gar und wir können mit dem Essen..."

Frido McClown unterbrach seinen Satz und sah sich verwundert um. Noch bevor er das Wort "Essen" ausgesprochen hatte, waren die Hamster in Windeseile angelaufen gekommen und standen nun mit großen Augen vor ihm. Auch der Lord legte seine Tabakspfeife zur Seite und setzte sich näher ans Feuer. McClown piekste nun eine heiße Kartoffel nach der anderen mit einem sauberen Stock auf, und schälte sie mit seinem Taschenmesser. Damit die halb verhungerten Hamster nicht zu lange warten mussten, bis die heißen Erdfrüchte abgekühlt waren, trug der Butler eine Handvoll Kartoffeln zum Fluss und hielt sie ein paar Minuten in das kalte, klare Wasser.

"McClown, das sind die köstlichsten Kartoffeln, die ich je gegessen habe!"

McShredder hatte eine dicke Kartoffel mit dem Mundstück seiner Tabakspfeife aufgespießt und ließ es sich schmecken.

"Übrigens sollten sie nun daran denken, ein Nachtlager herzurichten."

"Äh, Sir, wie soll ich das ohne Betten oder Matratzen machen?"



"Ganz einfach, McClown. Wie ein alter Pfadfinder. Sie suchen einen geeigneten Platz. Es dürfen keine Baumwurzeln aus der Erde gucken und der Boden muss trocken sein. Dann säubern den Boden von Steinen und pflücken Blätter und kleine Zweige. Das wird die Unterlage. Je mehr sie pflücken, desto weicher und bequemer werden sie schlafen, McClown. Nun fangen sie schon an, ich werde mich derweilen um das Lagerfeuer kümmern."

Der Butler zog murrend ab, während der Lord sich am Feuer wärmte und in die Flammen schaute. Die Hamster waren satt, sehr satt sogar, und der eine oder andere hatte erhebliche Mühe, wieder in den Koffer zum Schlafen zu klettern. Wenig später hatte der Butler zwei Lager zum Schlafen vorbereitet. Lord und Butler machten es sich bequem und deckten sich jeder mit einem Handtuch zu. Dann war alles ruhig bis auf das laute Schnarchen von Lord McShredder.

1 (Buch III: Hamster in Gefahr)

2 (Lehrerin an der Tabsi-Husen-Schule von Hamsterhausen)

3 (Hamstische Feuerwehr)


 

 

Kapitel 20

Scotstown

 

Nach einer recht kühlen Nacht wachten Lord und Butler wie gerädert auf. Nicht nur, dass das Rascheln ihrer Matratzen sie während der Nacht mehrfach gestört hatte, nein, auch die vielen kleinen Insekten waren ihnen auf die Nerven gegangen.

"Sir, noch eine Nacht im Freien und ich kündige!"

"Häh, was erlauben sie sich, McClown? Wieso wollen sie nackt im Freien sündigen? Reden sie keinen Unsinn, sondern kochen sie lieber einen Tee. Der wird unsere Lebensgeister wieder wecken."

"Sir, wir haben nach wie vor keinen Tee, wenn ich..."

"Sehen sie sich um, McClown, überall blüht und wächst es um uns herum! Sehen sie dort den Brombeerstrauch? Nehmen sie ein paar Blätter, machen sie ein Feuer und kochen sie Wasser! Warum klappt hier eigentlich nichts ohne mich?"

Der Butler machte sich an Werk, doch schon nach ein paar Minuten gab es ein neues Problem.

"Sir, die Blätter habe ich und das Feuer ist an. Worin soll ich das Wasser kochen, Sir? Hä, hä, wir haben nämlich keinen Topf, falls es Euer Unersetzlichkeit entgangen sein sollte."

"Lassen sie dieses anzügliche Grinsen, McClown! Auch dafür weiß ein alter Pfadfinder wie ich einen Rat!"

Der Lord griff umständlich in seine Hosentasche und holte seine Tabaksdose hervor, öffnete sie und schüttete den Inhalt in ein altes Taschentuch. Dann gab er dem Butler mit den Worten "Hier McClown!" die Dose.

Nach ein paar Minuten und nachdem er sich mehrfach die Finger verbrannt hatte, brachte Frido McClown den Tee. Während die Hamster sich weigerten zu probieren, schlürften der Lord und sein Butler nacheinander aus der Tabaksdose etwas, was nach Abfall roch und nach Tee schmeckte.

"Köstlich, McClown," rief der Lord. "Nun können wir frisch und gestärkt den Weg nach Scotstown antreten."

"Scotstown, Sir?"

"Scotstown, McClown. Habe ich ihnen es nie erzählt? Nun, vor nicht allzu langer Zeit war ich auf der Suche nach Gold und Silber. Meine Reise führte mich nach vielen vergeblichen Versuchen an den Fluss Strontian. Dort wurde ich fündig. Ein weißes, silbrig glänzendes Metall fand ich dort."

"Silber, Sir?"

"Das dachte ich zunächst auch, McClown. Dann stellte sich jedoch heraus, dass es Strontium war, nicht ganz so wertvoll, aber immerhin. Ich gründete die blühende Stadt Scotstown. Sie wuchs und wuchs, doch schon bald konnte ich die Stromkosten nicht mehr bezahlen. Also verkaufte ich die Stadt und zog weiter. Scotstown ist eine große, reiche Stadt in der viele Geschäfte und Restaurants sind. Bestimmt kennt man mich heute immer noch und wird uns willkommen heißen. Dadurch können wir das Geld für eine Übernachtung sparen."

Der Butler packte nun alle Sachen ein und hatte erhebliche Mühe, die protestierenden Hamster, die nach Frühstück verlangten, in den Koffer zu sperren. Eines der Tiere biss ihm sogar in den Finger, so dass er fluchend hinter dem Tier her rannte.

"McClown, hören sie auf, mit den Hamstern herumzualbern! Wir müssen weiter."

Lord McShredder kümmerte sich nicht um das Geschimpfe seines Butlers sondern ging langsam voran. Nach einer Weile folgte ihm Frido McClown mit dem Rollstuhl und den Hamstern.



"Dem habe ich es gezeigt, was?" tönte Goldi. "Habt ihr gehört, wie der gejammert hat?"

"Musstest du denn gleich so grob zu ihm sein?" fragte Tati. "Das war genauso fies wie damals, als deinetwegen alle Lehrer für eine Woche mit einem Nervenzusammenbruch zuhause bleiben mussten."

"Ooooch, das war doch nur ein kleiner Scherz," versuchte Goldi, sich herauszureden.

"Scherz?" mischte sich nun Flecki ein. "Die waren gerade mitten in der Zeugniskonferenz. Dann hast du eine Handvoll Knallfrösche durch das offene Fester geworfen! Die waren so etwas von tüttelig und durcheinander, die haben gedacht, es ist Ostern und sie müssen Eier suchen"

"Immerhin hast du in Mathe eine Drei bekommen, weil die Lehrerin anschließend nicht mehr so genau wusste, wer du bist," sagte Goldi mit unschuldigem Gesichtsausdruck zu Flecki.

"Pst, seid mal leise, der Alte erzählt gerade etwas vom Essen!" rief Dodo und alle starrten wie gebannt nach vorne.

"Genau, McClown, wie ich schon sagte: ein blühende Stadt. Natürlich werden wir uns dort auch den Bauch vollschlagen und uns so richtig amüsieren. Ich gebe ihnen sogar einen Tag frei, na, was sagen sie?"

Der Butler schien nicht sonderlich überzeugt zu sein und betrachtete eindringlich das Ortsschild mit der Aufschrift 'Scotstown'. Es sah etwas schief und halb verrottet aus. Die Straße war so holperig, dass er höllisch aufpassen musste, dass der Rollstuhl nicht umkippte. Es standen wenige Bäume in diesem Gebiet, und der böige Wind blies Lord und Butler den Staub ins Gesicht. Hin und wieder sah man zerfallene Häuser oder kaputte Holzhütten am Wegesrand. Kein Mensch, kein Tier war zu sehen. Nachdem sie ein paar Minuten durch diese Einsamkeit gewandert waren, sahen sie ein weiteres Schild mit der Aufschrift: "Sie verlassen jetzt Scotstown - auf Wiedersehen".

"Blühende Stadt, Sir? Amüsieren, den Bauch vollschlagen, Sir?" krähte der Butler, packte den Rollstuhl, nahm Anlauf und schob ihn auf den Lord zu. Laut kreischend drehte der sich um und rannte so schnell er konnte vor dem Rollstuhl weg. Die Hamster waren natürlich von der rasenden Fahrt begeistert und vergaßen für einen Moment ihren Hunger.

"Viele Geschäfte und Restaurants, Sir?" brüllte der Butler dem flüchtenden Lord hinterher. "Man wird sie willkommen heißen, sagten sie das nicht, Sir?"

"Ich gebe zu, McClown," keuchte der Lord, während er so schnell rannte wie er konnte, "es mag sein, dass sich die Struktur des Ortes geringfügig geändert hat. Das ist doch nicht meine Schuld!"

"Ha," erwiderte der Butler keuchend, "einen Tag frei nehmen, Sir? Ja, das mache ich. Und wissen sie, was ich an diesem freien Tag mache? Ich gehe auf die Jagd, und zwar auf die Monsterjagd!"



Der Lord kreischte laut auf und verdoppelte seine Anstrengungen zu fliehen, als der Rollstuhl ihn leicht berührte.

"McClown, so nehmen sie doch Vernunft an," krächzte der Lord erschöpft, als sie eine kleine Stadt erreichten. Die Einwohner dieser Stadt schauten dem merkwürdigen Treiben der Neuankömmlinge verwundert zu. Vorbei ging die wilde Jagd an einem Campingplatz bis hin zu einem großen weißen Haus mit der Aufschrift "Hotel", das direkt hinter einer scharfen Kurve lag. Der Butler war vorsichtig durch diese Kurve gefahren, damit das Gefährt mit den Hamstern nicht umkippte, und diesen kleinen Vorsprung nutzte der Lord, um durch die Eingangstür in das Hotel zu flüchten.

"Kommen sie heraus, Sir," brüllte der Butler keuchend und schwitzend.

Nach einer Weile öffnete sich die Eingangstür und McShredder guckte ängstlich hervor.

"McClown," rief er ebenfalls keuchend, "gehen sie zwei Schritte vom Rollstuhl weg, dann komme ich heraus!"

Der Butler ließ den Rollstuhl lässig los und ging zwei Schritte zur Seite, jedoch ohne den Lord aus den Augen zu lassen.

"Mein freier Tag ist noch nicht zu Ende, Sir," rief er drohend.

"Seien sie doch vernünftig, McClown, es ist doch nicht meine Schuld, dass Scotstown in solch kurzer Zeit heruntergewirtschaftet wurde. 1927 war noch alles bestens!"

"Mir egal, Sir, ich will essen und endlich wieder vernünftig schlafen! Die Hamster hungern auch!"

Ein lautes, zustimmendes Fiepen war aus dem Koffer zu hören. Der Lord überlegte, dann sagte er mit widerstrebender Stimme: "Na schön, McClown, wir werden in diesem Hotel übernachten!"

 

Die Rückkehr (nach Schottland) - Kapitel 21-25