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Kapitel 20

Scotstown

 

Nach einer recht kühlen Nacht wachten Lord und Butler wie gerädert auf. Nicht nur, dass das Rascheln ihrer Matratzen sie während der Nacht mehrfach gestört hatte, nein, auch die vielen kleinen Insekten waren ihnen auf die Nerven gegangen.

"Sir, noch eine Nacht im Freien und ich kündige!"

"Häh, was erlauben sie sich, McClown? Wieso wollen sie nackt im Freien sündigen? Reden sie keinen Unsinn, sondern kochen sie lieber einen Tee. Der wird unsere Lebensgeister wieder wecken."

"Sir, wir haben nach wie vor keinen Tee, wenn ich..."

"Sehen sie sich um, McClown, überall blüht und wächst es um uns herum! Sehen sie dort den Brombeerstrauch? Nehmen sie ein paar Blätter, machen sie ein Feuer und kochen sie Wasser! Warum klappt hier eigentlich nichts ohne mich?"

Der Butler machte sich an Werk, doch schon nach ein paar Minuten gab es ein neues Problem.

"Sir, die Blätter habe ich und das Feuer ist an. Worin soll ich das Wasser kochen, Sir? Hä, hä, wir haben nämlich keinen Topf, falls es Euer Unersetzlichkeit entgangen sein sollte."

"Lassen sie dieses anzügliche Grinsen, McClown! Auch dafür weiß ein alter Pfadfinder wie ich einen Rat!"

Der Lord griff umständlich in seine Hosentasche und holte seine Tabaksdose hervor, öffnete sie und schüttete den Inhalt in ein altes Taschentuch. Dann gab er dem Butler mit den Worten "Hier McClown!" die Dose.

Nach ein paar Minuten und nachdem er sich mehrfach die Finger verbrannt hatte, brachte Frido McClown den Tee. Während die Hamster sich weigerten zu probieren, schlürften der Lord und sein Butler nacheinander aus der Tabaksdose etwas, was nach Abfall roch und nach Tee schmeckte.

"Köstlich, McClown," rief der Lord. "Nun können wir frisch und gestärkt den Weg nach Scotstown antreten."

"Scotstown, Sir?"

"Scotstown, McClown. Habe ich ihnen es nie erzählt? Nun, vor nicht allzu langer Zeit war ich auf der Suche nach Gold und Silber. Meine Reise führte mich nach vielen vergeblichen Versuchen an den Fluss Strontian. Dort wurde ich fündig. Ein weißes, silbrig glänzendes Metall fand ich dort."

"Silber, Sir?"

"Das dachte ich zunächst auch, McClown. Dann stellte sich jedoch heraus, dass es Strontium war, nicht ganz so wertvoll, aber immerhin. Ich gründete die blühende Stadt Scotstown. Sie wuchs und wuchs, doch schon bald konnte ich die Stromkosten nicht mehr bezahlen. Also verkaufte ich die Stadt und zog weiter. Scotstown ist eine große, reiche Stadt in der viele Geschäfte und Restaurants sind. Bestimmt kennt man mich heute immer noch und wird uns willkommen heißen. Dadurch können wir das Geld für eine Übernachtung sparen."

Der Butler packte nun alle Sachen ein und hatte erhebliche Mühe, die protestierenden Hamster, die nach Frühstück verlangten, in den Koffer zu sperren. Eines der Tiere biss ihm sogar in den Finger, so dass er fluchend hinter dem Tier her rannte.

"McClown, hören sie auf, mit den Hamstern herumzualbern! Wir müssen weiter."

Lord McShredder kümmerte sich nicht um das Geschimpfe seines Butlers sondern ging langsam voran. Nach einer Weile folgte ihm Frido McClown mit dem Rollstuhl und den Hamstern.



"Dem habe ich es gezeigt, was?" tönte Goldi. "Habt ihr gehört, wie der gejammert hat?"

"Musstest du denn gleich so grob zu ihm sein?" fragte Tati. "Das war genauso fies wie damals, als deinetwegen alle Lehrer für eine Woche mit einem Nervenzusammenbruch zuhause bleiben mussten."

"Ooooch, das war doch nur ein kleiner Scherz," versuchte Goldi, sich herauszureden.

"Scherz?" mischte sich nun Flecki ein. "Die waren gerade mitten in der Zeugniskonferenz. Dann hast du eine Handvoll Knallfrösche durch das offene Fester geworfen! Die waren so etwas von tüttelig und durcheinander, die haben gedacht, es ist Ostern und sie müssen Eier suchen"

"Immerhin hast du in Mathe eine Drei bekommen, weil die Lehrerin anschließend nicht mehr so genau wusste, wer du bist," sagte Goldi mit unschuldigem Gesichtsausdruck zu Flecki.

"Pst, seid mal leise, der Alte erzählt gerade etwas vom Essen!" rief Dodo und alle starrten wie gebannt nach vorne.

"Genau, McClown, wie ich schon sagte: ein blühende Stadt. Natürlich werden wir uns dort auch den Bauch vollschlagen und uns so richtig amüsieren. Ich gebe ihnen sogar einen Tag frei, na, was sagen sie?"

Der Butler schien nicht sonderlich überzeugt zu sein und betrachtete eindringlich das Ortsschild mit der Aufschrift 'Scotstown'. Es sah etwas schief und halb verrottet aus. Die Straße war so holperig, dass er höllisch aufpassen musste, dass der Rollstuhl nicht umkippte. Es standen wenige Bäume in diesem Gebiet, und der böige Wind blies Lord und Butler den Staub ins Gesicht. Hin und wieder sah man zerfallene Häuser oder kaputte Holzhütten am Wegesrand. Kein Mensch, kein Tier war zu sehen. Nachdem sie ein paar Minuten durch diese Einsamkeit gewandert waren, sahen sie ein weiteres Schild mit der Aufschrift: "Sie verlassen jetzt Scotstown - auf Wiedersehen".

"Blühende Stadt, Sir? Amüsieren, den Bauch vollschlagen, Sir?" krähte der Butler, packte den Rollstuhl, nahm Anlauf und schob ihn auf den Lord zu. Laut kreischend drehte der sich um und rannte so schnell er konnte vor dem Rollstuhl weg. Die Hamster waren natürlich von der rasenden Fahrt begeistert und vergaßen für einen Moment ihren Hunger.

"Viele Geschäfte und Restaurants, Sir?" brüllte der Butler dem flüchtenden Lord hinterher. "Man wird sie willkommen heißen, sagten sie das nicht, Sir?"

"Ich gebe zu, McClown," keuchte der Lord, während er so schnell rannte wie er konnte, "es mag sein, dass sich die Struktur des Ortes geringfügig geändert hat. Das ist doch nicht meine Schuld!"

"Ha," erwiderte der Butler keuchend, "einen Tag frei nehmen, Sir? Ja, das mache ich. Und wissen sie, was ich an diesem freien Tag mache? Ich gehe auf die Jagd, und zwar auf die Monsterjagd!"



Der Lord kreischte laut auf und verdoppelte seine Anstrengungen zu fliehen, als der Rollstuhl ihn leicht berührte.

"McClown, so nehmen sie doch Vernunft an," krächzte der Lord erschöpft, als sie eine kleine Stadt erreichten. Die Einwohner dieser Stadt schauten dem merkwürdigen Treiben der Neuankömmlinge verwundert zu. Vorbei ging die wilde Jagd an einem Campingplatz bis hin zu einem großen weißen Haus mit der Aufschrift "Hotel", das direkt hinter einer scharfen Kurve lag. Der Butler war vorsichtig durch diese Kurve gefahren, damit das Gefährt mit den Hamstern nicht umkippte, und diesen kleinen Vorsprung nutzte der Lord, um durch die Eingangstür in das Hotel zu flüchten.

"Kommen sie heraus, Sir," brüllte der Butler keuchend und schwitzend.

Nach einer Weile öffnete sich die Eingangstür und McShredder guckte ängstlich hervor.

"McClown," rief er ebenfalls keuchend, "gehen sie zwei Schritte vom Rollstuhl weg, dann komme ich heraus!"

Der Butler ließ den Rollstuhl lässig los und ging zwei Schritte zur Seite, jedoch ohne den Lord aus den Augen zu lassen.

"Mein freier Tag ist noch nicht zu Ende, Sir," rief er drohend.

"Seien sie doch vernünftig, McClown, es ist doch nicht meine Schuld, dass Scotstown in solch kurzer Zeit heruntergewirtschaftet wurde. 1927 war noch alles bestens!"

"Mir egal, Sir, ich will essen und endlich wieder vernünftig schlafen! Die Hamster hungern auch!"

Ein lautes, zustimmendes Fiepen war aus dem Koffer zu hören. Der Lord überlegte, dann sagte er mit widerstrebender Stimme: "Na schön, McClown, wir werden in diesem Hotel übernachten!"

 

Die Rückkehr (nach Schottland) - Kapitel 21-25