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Kapitel 19

Am Lagerfeuer

 

Ihre Lage war alles andere als beneidenswert. Noch vor wenigen Minuten waren sie frohen Mutes gewesen, als sie Kinlochan erreichten. Dort angekommen, stellten sie zu ihrer großen Enttäuschung fest, dass es hier genauso viel wie in dem Dorf Polloch gab: nämlich nichts. Keine Gaststätte, kein Geschäft, um etwas einzukaufen, rein gar nichts. Wenigstens besaßen sie nun ein paar Kartoffeln, die der Butler einem Bauern abgekauft hatte.

"Sir, wir hätten fragen sollen, ob wir in seiner Scheune übernachten können!"

"McClown, glauben sie, ein Lord schläft in einer Scheune? Bei den Schweinen? Nein, wir werden unter freiem Himmel übernachten."

Der Butler schwieg und gab dem Lord insgeheim Recht. Er dachte an sein Abenteuer mit den Hamstern,1 als sie zunächst in Bettyhill und dann in einem Schweinestall gelandet waren. Nein, nie wieder in einer Scheune übernachten, dachte er im Stillen und folgte Lord McShredder über einen Waldweg entlang einem kleinen Fluss. Nachdem der Fluss einen Knick nach rechts gemacht hatte, blieb der Lord stehen.

"Hier werden wir übernachten, McClown. Als alter Pfadfinder weiß ich, dass so ein Fluss genau das Richtige ist. Der gibt nämlich nachts die Wärme ab, die er am Tag gespeichert hat. Nachdem ich jetzt für alles gesorgt habe, könnten sie sich auch mal nützlich machen, McClown. Machen sie ein Feuer und bereiten sie die Kartoffeln zu, ich kann ja nicht alles machen!"



Murrend machte sich McClown an die Arbeit, während der Lord sich hinsetzte und seine Pfeife stopfte. Neben ihm in einem der Koffer auf dem Rollstuhl warteten die Hamster ungeduldig auf Futter.

"Hoffentlich beeilt der sich mit dem Essen machen," knurrte Goldi, "der Futterservice lässt wirklich sehr zu wünschen übrig in letzter Zeit."

"Und jetzt fängt der Alte auch noch wieder an zu qualmen," jammerte Flecki. "Gerade jetzt, als mir nach der blöden Bootsfahrt endlich besser wurde."

Dodo und Tati waren aus dem Koffer gestiegen, den Rollstuhl hinunter geklettert und sahen sich um. Außer Gras, Bäumen und ein paar Steinen war hier nichts Interessantes zu sehen. Ein kleiner Brombeerstrauch lud zum Naschen ein, doch ein kurzer Test ergab, dass die Früchte entsetzlich sauer schmeckten. Wenigstens gelang es ihnen, eine Kartoffel zu stibitzen, und sie kletterten mit ihrer Beute in den Koffer zurück. Rohe Kartoffeln waren aber auch nicht das Maß aller Dinge und so saßen die Hamster an der Kofferöffnung, schauten hungrig hinaus und warteten auf bessere Zeiten.

"Ach, wenn wir doch wenigstens in der Schule wären," jammerte Tati, "dann gäbe es wenigstens etwas zu essen."

"Sogar den Unterricht bei der blöden Frau Fabsney2 würde ich jetzt mitmachen," ergänzte Flecki und fuhr fort. "Die grinst nämlich immer so blöd und stellt so viele doofe Fragen."



"Aber die Sache mit dem Leim war doch klasse, oder?" mischte sich Goldi ein.

"Das war ganz schön fies von dir," meinte Tuffi. "Aber immerhin hast du uns dadurch vor einer Klassenarbeit gerettet. Das war echt witzig, als sie sich auf das Pult gesetzt hatte, auf das du vorher den Leim geschmiert hattest."

"Hi, hi," gackerte jetzt Flecki, "als sie dann wieder aufstehen wollte, hörte sie schlagartig auf zu grinsen. Dann geriet sie in Panik und hat laut nach dem Direktor gerufen, als sie merkte, dass sie am Pult festhing und nicht mehr los kam."

Die Hamster keckerten vergnügt vor sich hin, und Flecki fuhr fort.

"Und dann wollte sie zum Direktor und hat das ganze Pult hinter sich hergezogen. Im Türrahmen ist sie dann stecken geblieben und hat gekreischt wie eine blöde Rennmaus!"

"Dann, hi, hi," Goldi konnte sich vor Lachen nicht mehr halten, "dann kam der Direktor und wollte sie befreien. Leider ist er dann auch am Leim hängen geblieben und kam auch nicht mehr frei."

"Aber das Schärfste war," lachte Tati, "dass wir dann nach Hause gegangen sind, weil wir dachten, wir hätten jetzt schulfrei. Aber immerhin haben wir die HAMFE3 informiert."

"Das hättet ihr besser nicht gemacht," warf Bauleiter Murksel ein. "Diese Idioten haben nämlich die halbe Schule unter Wasser gesetzt und eine tragende Wand eingerissen. Mein Reparaturteam und ich brauchten eine Woche, um die Schäden zu reparieren."

Währenddessen beobachtete der Lord die Versuche seines Butlers, das Essen am Lagerfeuer zuzubereiten.



"McClown, warum haben wir eigentlich kein Zelt?"

"Nun, Sir, das liegt wohl daran, dass uns noch keines zugelaufen ist," antwortete der Butler ärgerlich und pustete kräftig auf seine Hand, die er sich soeben an einem heißen Stein verbrannt hatte. Immerhin lagen die Kartoffeln nun schon seit einer Stunde zwischen heißen Steinen, die er ins Feuer gelegt hatte.

"Sir, ich denke, die Kartoffeln sind gar und wir können mit dem Essen..."

Frido McClown unterbrach seinen Satz und sah sich verwundert um. Noch bevor er das Wort "Essen" ausgesprochen hatte, waren die Hamster in Windeseile angelaufen gekommen und standen nun mit großen Augen vor ihm. Auch der Lord legte seine Tabakspfeife zur Seite und setzte sich näher ans Feuer. McClown piekste nun eine heiße Kartoffel nach der anderen mit einem sauberen Stock auf, und schälte sie mit seinem Taschenmesser. Damit die halb verhungerten Hamster nicht zu lange warten mussten, bis die heißen Erdfrüchte abgekühlt waren, trug der Butler eine Handvoll Kartoffeln zum Fluss und hielt sie ein paar Minuten in das kalte, klare Wasser.

"McClown, das sind die köstlichsten Kartoffeln, die ich je gegessen habe!"

McShredder hatte eine dicke Kartoffel mit dem Mundstück seiner Tabakspfeife aufgespießt und ließ es sich schmecken.

"Übrigens sollten sie nun daran denken, ein Nachtlager herzurichten."

"Äh, Sir, wie soll ich das ohne Betten oder Matratzen machen?"



"Ganz einfach, McClown. Wie ein alter Pfadfinder. Sie suchen einen geeigneten Platz. Es dürfen keine Baumwurzeln aus der Erde gucken und der Boden muss trocken sein. Dann säubern den Boden von Steinen und pflücken Blätter und kleine Zweige. Das wird die Unterlage. Je mehr sie pflücken, desto weicher und bequemer werden sie schlafen, McClown. Nun fangen sie schon an, ich werde mich derweilen um das Lagerfeuer kümmern."

Der Butler zog murrend ab, während der Lord sich am Feuer wärmte und in die Flammen schaute. Die Hamster waren satt, sehr satt sogar, und der eine oder andere hatte erhebliche Mühe, wieder in den Koffer zum Schlafen zu klettern. Wenig später hatte der Butler zwei Lager zum Schlafen vorbereitet. Lord und Butler machten es sich bequem und deckten sich jeder mit einem Handtuch zu. Dann war alles ruhig bis auf das laute Schnarchen von Lord McShredder.

1 (Buch III: Hamster in Gefahr)

2 (Lehrerin an der Tabsi-Husen-Schule von Hamsterhausen)

3 (Hamstische Feuerwehr)