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Kapitel 16

Calum Cille


Auf ihrem Weg in östlicher Richtung waren sie bereits viele Stunden gelaufen, als sie den kleinen Ort Dalelia erreichten. Bis auf ein paar kleine Häuser hatte dieser kleine Ort nichts zu bieten, also zogen sie enttäuscht weiter. Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel und alle sehnten eine kleine Rast herbei, als sie zu ihrem Schrecken feststellten, dass plötzlich der Weg zu Ende war. Lord und Butler standen ratlos vor einem großen See und guckten ungläubig in die Fluten.

"Das ist wohl der Loch Shiel, Sir."


"McClown, ich weiß, was ein Loch ist, und schielen tue ich auch nicht! Was erlauben sie sich? Besorgen sie uns gefälligst ein Boot!"

Achselzuckend sah sich der Butler um. Vor ihm war ein kleiner Bootsanleger zu sehen. Vorsichtig betrat er ihn und schaute über das Wasser. Ein paar Hundert Meter weit entfernt war bereits das andere Ufer zu sehen. Fast zum Greifen nahe, dachte er und machte sich auf die Suche nach irgendetwas, was sich zur Überfahrt eignen würde. Weit und breit war kein Wald zu sehen, und so musste McClown sehr weit laufen, bis er zwei kleine Holzstämme gefunden hatte. Nach zwei Stunden stand er völlig erschöpft wieder vor dem Lord.

"Sehr schön, McClown, die Ruder hätten wir also. Fehlen nur noch die Kajüte und der Rest des Bootes."

"Nun, Sir," begann der Butler verlegen, "mehr werden wir nicht bekommen. Wir könnten an jedes Rad des Rollstuhls einen Stamm als Schwimmer befestigen. Sie und die Hamster steigen auf und ich schiebe."

"Ausgezeichnete Idee, McClown," rief der Lord. "Sollte ich jemals zu Geld kommen, kriegen sie das Gehalt für die letzten Jahre! Dann los, worauf warten sie?"

Wenig später hatte der Butler die Stämme seitlich an den Rädern des Rollstuhls befestigt, und das merkwürdige Boot war fertig. Die Reise konnte beginnen. Die Hamster waren neugierig aus ihrem Koffer gekrochen und hatten es sich bequem gemacht, denn eine Seereise mit einem Katamaran wollten sie natürlich an Deck genießen. Flecki hatte die Koffer durchwühlt und Strümpfe gefunden. Die vordersten Spitzen hatte sie abgeschnitten und verteilt. Somit trug jetzt jeder Hamster einen Sonnenhut. Lord McShredder saß halbwegs bequem auf seinem Koffer und betrachtete das nicht weit entfernte Ufer, während sein Butler keuchend das Gefährt ins kalte Wasser schob.

 

"Na, los, McClown, sie Glückspilz, " krähte der Lord. "Wenn ich etwas jünger wäre, würde ich auch gerne baden!"

Ein Knurren war alles, was er als Antwort bekam, denn der Glückspilz hatte beträchtliche Mühe, den Kopf über Wasser zu halten, während er vorsichtig die beiden Holzstämme anschob.

Wider Erwarten erreichten sie das Ufer ohne Probleme, abgesehen davon, dass McClown das eine und andere Mal Wasser schluckte.

"Ich weiß nicht, warum sie sich beschweren, McClown. Es ist klares, gesundes Wasser!"

 

Der Butler antwortete nicht, sondern begann, die beiden Stämme von den Rädern zu lösen. Auch die Hamster sahen sich neugierig um, und ihnen fiel sofort das viele Grün um sie herum auf. Bestimmt würde es hier etwas zu Essen geben. Inzwischen war McShredder ein Stück vorausgegangen und stand vor mehreren merkwürdigen Steinen. Sie hatten die Form von Kreuzen. In der Ferne war ein kleines Haus mit einem kleinen Turm zu sehen.



"Anscheinend eine Kapelle, Sir," bemerkte der Butler, der nun neben dem Lord stand.

"Häh? Eine Forelle, McClown? Ihnen ist wohl zu viel Wasser ins Gehirn gelaufen, das ist eine kleine Kirche! Sehen sie doch mal die vielen steinernen Kreuze, die hier sind."

"Sir," sagte der Butler nun mit lauterer Stimme, "könnte es sein, dass wir uns auf einem Friedhof befinden?"

"Tja," entgegnete McShredder nachdenklich, "das könnte tatsächlich so sein."

Schweigend liefen die beiden auf die kleine Kapelle zu. Vor einer Holztafel mit einer fast verblichenen Inschrift blieben sie stehen. Der Butler trat ganz dicht an die Tafel und las mit lauter Stimme vor:

"Kapelle von Eilean Fhianain. Die älteste Kapelle mit dem ältesten Friedhof von ganz Großbritannien. Sogar der heilige St. Columba, genannt Calum Cille, war hier. Er wurde im Jahre 575 auf der Insel Iona begraben. Noch heute pilgern viele Menschen an sein Grab."

"McClown, wissen sie, was Eilean bedeutet?"

"Natürlich, Sir, das bedeutet soviel wie Insel."

"Nun, McClown, was fällt ihnen denn so auf, wenn sie sich umschauen?"

"Also, Sir, ich sehe die alte Kapelle, viele Steine, alte Kreuze und um uns herum Wasser."

"Wasser, McClown?"

"Ja, Sir, Wasser, äh, Wa.. Wa.. wieso Wasser? Aber Sir, wir sind ja auf einer Insel!"

"Sehr gut, McClown, genau das bedeutet das Wort Eilean."

 

Der Butler setzte sich fassungslos auf einen Stein und vergrub seinen Kopf in den Händen. Sie waren auf einer Insel gelandet! Sein nächster Gedanke galt den Hamstern, und er machte sich auf den Weg zurück zum Rollstuhl. Dort angekommen sah er seine kleinen Freunde gemütlich auf dem steinigen Strand in der Sonne liegen. In der Ferne sah er im Wasser die beiden Baumstämme treiben. Wütend schrie McClown auf und stampfte mit den Füßen. Wie sollten sie nun von der Insel wieder herunterkommen? Die Hamster sahen ihn verwundert an, als er schreiend und stampfend am Ufer tobte und Steine nach den treibenden Holzstämmen warf. Schließlich beruhigte er sich, sammelte alle Hamster ein und setzte sie in den Koffer zurück. Dann schob er den Rollstuhl mühsam über das unwegbare Gelände bis hin zur Kapelle, wo der Lord inzwischen auf einer Bank saß und eine Pfeife rauchte.

 

"Wissen sie was, mein lieber McClown? Wir werden uns hier ausruhen. Das Dach der kleinen Kapelle wird uns vor Wind und möglicherweise Regen schützen."

"Sir, wer oder was ist der Heilige Calum Cille?"

"Sie kennen Calum Cille nicht, McClown?



Lord McShredder zog an seiner Pfeife und betrachtete nachdenklich ein steinernes Kreuz.

"Calum Cille wurde eigentlich St. Columba, oder auch der gutmütige Calum Cille genannt. Er war der berühmteste der keltischen Heiligen. Er war als irischer Missionar über die Halbinsel Ardnamurchan in das heidnische Schottland gekommen. Noch bis in die heutige Zeit, mein lieber McClown, wird er in den Highlands verehrt. Der Donnerstag in der zweiten Juniwoche ist nach ihm benannt und jeder Donnerstag - traditionsgemäß bekannt als Tag Calum Cilles - wird als guter Tag betrachtet. Sehen sie sich weiter um, McClown. Dort hängt eine uralte keltische Bronzeglocke, sehen sie weiter hinten die Grabsteine? Sie haben den Heiligen noch kennengelernt."

Ehrfürchtig schaute der Butler auf die keltischen Überbleibsel der Vergangenheit. Dann fiel sein Blick auf den Lord, dem die Pfeife aus dem Mund gefallen, und der in der angenehmen Wärme der späten Mittagssonne eingeschlafen war. McClown warf einen weiteren Blick auf seine kleinen Hamsterfreunde, doch auch die schnarchten friedlich vor sich hin. Dann fielen auch ihm die Augen zu und er schlief tief und fest ein.