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Kapitel 11
Im Vulkan


Schweigend ging es durch die dunkle Nacht. Sie kamen an einer kleinen Kirche vorbei und erreichten schließlich den Ortsausgang.

 

"Hier muss es gleich sein," krächzte der Lord, als sie einen kleinen Fluss passierten.

Drei Meilen später waren sie immer noch nicht am Ziel.

"Wie ihre Westentasche, Sir, nicht wahr, Sir?" knurrte McClown.

Der Lord antwortete nicht, sondern hielt seinen Blick starr nach rechts gerichtet.

"Hier muss es sein, McClown, ich habe es ja gleich gewusst. Ein alter Pfadfinder wie ich findet sein Ziel sogar nachts. Oder im Nebel. Manchmal sogar nachts im Nebel. Folgen sie mir, McClown!"

Der Weg wurde beschwerlicher und es ging steil bergauf.

"Sir, sind sie sicher, dass wir auf einen Berg steigen müssen?"

"Unsinn, McClown, hier gibt es keine Zwerge, das sind alles Märchen!"

"B-e-r-g, Sir!"

"Nein, McClown, auch auf Bergen gibt es keine Zwerge. Aber wissen sie was, McClown? Mingary Castle liegt hinter einer kleinen Anhöhe, also sind wir ganz bestimmt auf dem richtigen Weg."

 

Während der Butler schweigend den Rollstuhl mit den Koffern schob, wachten die Hamster durch die laute Unterhaltung auf. Vorsichtig spähten sie aus der Öffnung des Koffer hinaus in die dunkle Nacht. Direkt vor ihnen sahen sie einen hohen Berg, der sich bis in den Himmel zu erheben schien. Ängstlich verkrochen sie sich wieder zwischen der Unterwäsche, während das Keuchen von Lord und Butler immer lauter wurde.

"Sir, könnte es sein, dass wir uns verlaufen haben?"

"Ausgeschlossen, McClown, ich kenne das Gebiet hier wie meine Westentasche. Wir müssen gleich da sein."



Nach einer weiteren Stunde steilen Anstiegs wurde das Gelände schlagartig flach. Der Himmel war bedeckt, so dass keine Sterne leuchteten und kein Mond ihnen den Weg weisen konnten. Nur Stille und Dunkelheit umgaben sie. Nirgendwo war ein Licht oder sonst ein Zeichen von Häusern zu sehen, geschweige denn, von Mingary Castle. Lord und Butler hielten sich beide am Rollstuhl fest, während sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen.

"Sir, ist es noch weit bis Mingary Castle?"

Es dauerte eine Weile, bis der Lord antwortete.

"Mein lieber McClown, sie sind einfach viel zu ungeduldig. Vielleicht hat sich in den letzten Jahren der Straßenverlauf geringfügig geändert. Allerdings, wenn ich das Gebiet nicht so gut kennen würde, könnte man glatt meinen, wir sind auf dem Ben Hiant."

"Ben Hiant, Sir?"

"Ein alter Vulkan, McClown. Wer da hineinstürzt, sieht das Tageslicht nie wieder."

Lord und Butler blieben plötzlich erschrocken stehen und sahen einander an, so gut es jedenfalls in dieser Dunkelheit ging. Dann kippte der Rollstuhl nach vorne, und schreiend fielen die beiden hinterher. Aus einem der Koffer war ein leises "Uhuj!" zu hören, dann war alles still.

Es dauerte eine Weile, dann war aus dem Dunkeln eine wütende Stimme zu hören.

"Wie ihre Westentasche, Sir? Wie ihre Westentasche, Sir? Waren das ihre Worte?"

"Man kann sich ja mal irren! Hören sie auf mich zu treten, McClown, man tritt keine alten Leute!"

Der Butler versuchte, sich zu beruhigen und klar zu denken. Sie waren abgestürzt, also galt es zunächst, die Schäden und Verletzungen zu überprüfen. Nach einigem Suchen fand er den Koffer mit den Hamstern und stellte fest, dass alle wohlauf waren. Dann half er Lord McShredder auf die Beine.

"Wo mögen wir sein?" überlegte er laut.

"Wir sind im Inneren des Vulkans Ben Hiant," krähte der Lord. "Ich kenne das hier wie meine W...., ich meine, ich bin ziemlich sicher."

"Dann sind wir wohl verloren," murmelte der Butler und setzte sich auf den kalten Boden. Er überlegte lange, dann stand er wieder auf und begann, an den Felswänden zu schnüffeln.

"McClown, sind sie komplett übergeschnappt?"

"Nein, Sir, ich suche Fumarolen."

"Wie können sie jetzt ans Essen denken, während ich hier in der Kälte sitze?"

"Fumarolen sind Öffnungen, Sir, aus denen vulkanische Gase an die Oberfläche dringen. Das habe ich mal in einem Buch gelesen. Meine Überlegung, Sir, ist die folgende: wenn wir solch eine Gasquelle anzünden, wird es vielleicht weithin sichtbar sein. Dann wird man uns finden. Solange es dunkel ist, kann man selbst ein Streichholz über weite Strecken erkennen, also müssen wir schnell handeln."

Der Lord holte seine Pfeife heraus, und nachdem er sie umständlich gereinigt und neu gestopft hatte, zündete er sie an. Er lauschte dem klagenden Fiepen der Hamster, die schon wieder hungrig waren. Währenddessen war der Butler fündig geworden.

"Gas, eindeutig Gas," rief er und lief zu den Koffern und begann, einen nach dem anderen zu durchwühlen. Zwischendurch durchsuchte er seine Hosentaschen, dann wieder die Koffer, und schließlich gab er entnervt auf.

"Wir haben die Streichhölzer an Bord gelassen, Sir."

Er sah Lord McShredder hoffnungsvoll an.

"Oder haben sie, Sir, Streichhölzer dabei?"

"Nein, McClown, ich habe auch keine Streichhölzer."



Die Antwort des Lords schien den Butler in tiefe Ratlosigkeit zu stürzen. Er begann, den Boden zu untersuchen. Stein für Stein hob er auf und schlug sie aneinander, doch nach einigen Versuchen gab er enttäuscht auf und setzte sich hin.

"Wenn wir wenigstens Feuersteine hätten, Sir, dann könnten wir damit Funken machen und das Gas entzünden."

Der Lord nickte verständnisvoll und zog an seiner Pfeife. Dann setzte tiefes Schweigen ein, nur das Scharren der hungrigen Hamster auf der Suche nach Nahrung war zu hören. Nach etwa einer halben Stunde Schweigen ertönte eine krächzende Stimme:

"Ich verstehe ja nichts von diesen Formularen, oder wie die heißen, McClown, aber könnten wir vielleicht mein Feuerzeug nehmen? He, McClown, warum rammen sie ihren Kopf gegen die Felswand?"

Nachdem der Butler sich wieder beruhigt hatte, nahm er das Feuerzeug und untersuchte die Felswände noch einmal. Dann holte der aus einem der Koffer eine alte Zeitung, zerknüllte sie und überlegte.



"Sir, es ist besser, wenn sie und die Hamster sich im hinteren Teil dieser Höhle verstecken. Es könnte recht heiß werden."

Tatsächlich wirkte der Schlund des Vulkans wie eine runde Höhle. Es war, als säße man in einem umgedrehten Eimer, nur dass oben eine Öffnung war. Hin und wieder war das Funkeln der Sterne zu sehen, anscheinend war Wind aufgekommen und hatte die Wolken vertrieben. An einer Stelle der Höhle jedoch war eine große Nische in der Wand, und dort hatten die Hamster es sich bereits gemütlich gemacht.

McClown untersuchte den Rollstuhl und zu seiner großen Freude war er zwar zerkratzt, ansonsten aber völlig intakt. Der Butler nahm die Hamster und setzte sie vorsichtig in ihren Übernachtungskoffer. Dann legte er die Koffer wieder auf den Rollstuhl, schob ihn vor die Nische und ging dorthin, wo die zerknüllte Zeitung lag. Mit dem Feuerzeug zündete er nun das Papier an, legte es dorthin, wo das Gas aus der Wand trat und ging mit schnellen Schritten zur Nische zurück. Dort setzte er sich neben den Lord. Gespannt verfolgten sie, wie die Flammen immer höher stiegen. Mit einem Fauchen entzündete sich das Gas und es wurde taghell in der Höhle. Es war ein phantastischer Anblick, und der Plan des Butler schien zu funktionieren, doch dann geschah etwas Unerwartetes. Mit einem weiteren Fauchen schoss eine zweite Feuersäule aus der Wand, dann eine dritte.. , eine vierte, bis die ganze Höhle in Flammen zu stehen schien.

"Recht heiß, McClown, was?" tönte die ängstliche Stimme des Lords. "Wir werden gekocht wie Porridge!"

"Sir, da waren mehr Fumarolen als ich dachte. Wir müssen hier raus!"

Verzweifelt hämmerte der Butler mit den Fäusten an die Wand, die sich hinter ihnen befand. Allerdings schien die Wand nicht sonderlich dick zu sein, denn es klang, als wäre sie an dieser Stelle nur wenige Zentimeter dick. Auch der Lord hatte das bemerkt und half dem Butler, gegen die Wand zu treten oder mit den Fäusten zu schlagen. Es wurde immer heißer und die Luft dünner, Gesteinsbrocken fielen aus dem Vulkankegel herab; der ganze Vulkan schien zu brennen. Lord und Butler schwitzen und keuchten und trommelten verzweifelt gegen die Wand. Dann gab die Wand nach, und ein schwarzes Loch gähnte sie an. McClown packte den Lord und legte ihn auf die Koffer. Dann gab der dem Rollstuhl einen Tritt und sprang in die Dunkelheit. Hinter sich hörte er noch das Brüllen der Flammen und das Zusammenstürzen des Vulkans. Dann hörte er gar nichts mehr.


 

 

Kapitel 12

MacLean’s Nose

 

"McClown, wo haben sie mein Feuerzeug gelassen?"

 

Die Stimme schien von weit aus der Ferne zu kommen. Langsam öffnete der Butler die Augen und setzte sich aufrecht hin. Sein Kopf dröhnte und seine Kehle schien wie zugeschnürt. Er hustete und rang nach Luft. Dann sah er Lord McShredder und den Rollstuhl mit den Koffern. Aus einem der Koffer schauten zu seiner grenzenlosen Freude die Hamster neugierig heraus. Ihre Barthaare zitterten und sie schienen nach wie vor hungrig zu sein. Aber warum war es so hell? Dort, wo der Lord saß, war deutlich ein Gang zu sehen, der steil nach unten führte. Der Butler drehte sich um und erschrak. Nicht weit von ihnen entfernt sah er eine Feuersbrunst, die den Vulkan zu verbrennen schien. Genau dort, wo sie sich eben noch befunden hatten! Dann war da noch etwas.... Seine Hose! Seine Hose brannte! Frido McClown sprang auf und klopfte schreiend die Flammen an seinem Hintern aus.

"McClown, hören sie endlich mit ihrem blöden Herumgehopse auf. Ich habe ihnen eine Frage gestellt!"



Der Butler griff in die angesengelte Hosentasche, zog das Feuerzeug hervor und schleuderte es in Richtung Lord. Der kreischte laut auf und fiel rückwärts in den dunklen Gang. Erschrocken sah McClown auf, starrte ins Dunkle und lauschte. Er hörte Jammern und Klagen, Poltern und Rumpeln und immer wieder laute Hilfeschreie. Nach und nach erstarben die Geräusche, und Minuten später war nichts mehr zu hören außer dem den Fauchen des nahen Feuers. Ein paar Hamster waren aus dem Koffer gestiegen und guckten neugierig in den dunklen Gang.

"Nun, meine lieben Freunde," wandte sich der Butler an die Hamster, "wie gut, dass Lord McShredder schon vorgegangen ist, um den Gang zu erkunden. Scheinbar geht es recht steil abwärts, wir müssen uns also gut festhalten."

Begeistert kletterten die Tierchen wieder in den Koffer.

"Alles festhalten," grölte Goldi, "jetzt kommt 'ne Achterbahn!"

Es wurde höchste Zeit, denn langsam näherte sich von der Feuerseite her ein Rinnsal aus geschmolzenen Gestein.

"Festhalten!" schrie der Butler und sprang auf den Rollstuhl. Dann schossen Hamster und Butler auf ihrem Gefährt durch eine enge Höhle. Hin und wieder prallten sie links und rechts an eine Wand, Funken sprühten, McClown schrie, und die Hamster jubelten. Der Rollstuhl schoss steil abwärts, raste durch eine lang gestreckte Linkskurve und ging in eine scharfe Rechtskurve über. Plötzlich ging es steil nach oben, kurz darauf war alles still, keine Poltern der Räder war zu hören, und sie schienen für einen Moment zu schweben.

"Festhalten!" schrie McClown wieder, dann setzte der Rollstuhl krachend auf und schoss durch die Finsternis. Die Jubelschreie der begeisterten Hamster waren auf einmal lauter geworden, und als McClown sich verwundert umdrehte, erkannte er den Grund. Sie hatten bei der rasenden Fahrt eines der Räder verloren und zogen nun eine Funken sprühende Spur hinter sich her.

"Ihr kleinen Schwachköpfe," schimpfte der Butler, "das ist überhaupt nicht lustig! Wir werden alle draufgehen!"

Es wäre besser gewesen, Frido McClown hätte seine Augen nach vorne gerichtet. Flecki jedenfalls hatte die Gefahr erkannt, fuchtelte mit ihren Pfoten und zeigte nach vorne, auf etwas, was sich sehr schnell näherte.

"Nichts da," rief ihr der Butler zu, "es gibt nichts zu Fressen, da kannst du noch so lange betteln, du kleines, verfressenes..."

Weiter kam McClown nicht. Ein herab hängender Tropfstein, auch Stalaktit genannt, erwischte ihn am Kopf und ließ denselben auf einen der Koffer klatschen. Die Hamster sahen mit großen Augen, wie der Butler stöhnend den Kopf hob. Er hatte Glück gehabt. Sehr großes Glück sogar, denn er war weich in der Schmutzwäsche gelandet. Dann fing Tuffi an, laut zu lachen und zeigte auf den Butler. Der begriff überhaupt nichts mehr. Sein Kopf schmerzte, ihm war schwindelig und er sah keckernde Hamster vor sich. Dann nahm er einen merkwürdigen,ekelhaften Geruch wahr und übergab sich fast. Er befühlte seinen Kopf und stellte fest, dass er sich eine dicke Beule eingehandelt hatte. Die Hamster kugelten sich vor Lachen und Frido McClown tastete weiter vom Hinterkopf bis hin zu seiner Stirn. Er fühlte Stoff und griff danach. Verschwommen erkannte er die stinkende Unterhose von Lord McShredder, drehte sich schnell von den Hamster weg und erbrach sich in Fahrtrichtung. Das war dumm, sehr dumm sogar, denn durch den starken Fahrtwind bekam er die ganze Ladung wieder ins Gesicht. Angewidert warf er die ekelige Unterhose weg und hielt sich krampfhaft am Rahmen des Rollstuhls fest, denn nun folgte erneut eine scharfe Kurve. Dann krachte es, Staub wirbelte auf und sowohl Hamster, als auch Koffer und Butler flogen in hohem Bogen durch die Luft. Es klatschte laut, und die wilde Fahrt war zu Ende.

"Schön, dass sie endlich kommen, McClown", tönte eine krächzende Stimme aus der Dunkelheit. "Holen sie doch gleich einmal eine Kerze aus dem Gepäck!"



Wenige Minuten später saßen sie im Schein der Kerze beisammen und überprüften ihre Lage. Der Gang hatte sich zu einem kleinen Saal verbreitert. Sie hatten zwar nichts zu essen, doch wenigstens hatten sie genug zu trinken, denn durch das herabtropfende Wasser hatte sich ein kleiner See gebildet. Nicht weit von der Stelle, an der sie saßen, führte der Gang weiter. Der Rollstuhl war jedoch beschädigt und das bedeutete, dass sie die Koffer nun selber tragen mussten. Keiner hatte auch nur eine entfernte Ahnung, wie weit es noch bis an die Erdoberfläche war. Falls sie überhaupt jemals wieder ans Tageslicht kommen würden. Plötzlich hob der Butler den Kopf und lauschte.

"Sir, ich höre ein Geräusch aus der Richtung, aus der wir gekommen sind. Rettung ist nah!"

Er lief zurück zum Gang und begann zu rufen. Niemand antwortete, doch das Geräusch wurde lauter. Sogar Lord McShredder hörte es jetzt.

"Hierher," brüllte McClown, "hier sind wir!"

"Irgendwie erinnert mich das Geräusch an etwas," krähte der Lord, "ich komme bloß nicht mehr darauf..."

Der Butler rief und rief, das Geräusch wurde lauter und lauter. Die Hamster hatten sich wieder in ihrem Koffer verkrochen, so, als ahnten sie die nächste Katastrophe. Dann knallte es laut, ein Schmerzensschrei und ein Gurgeln war zu hören, dann war alles still.

"Nun ist es mir wieder eingefallen, McClown. Das klang wie ein Rad von meinem Rollstuhl. Schön, dass jetzt alle Räder wieder beisammen sind, nicht wahr?"



Nach über einer Stunde war das Rad wieder am Rollstuhl befestigt, und die Reise konnte weitergehen. Auch McClown ging es nun wieder besser und konnte schmerzfrei atmen, nachdem ihm das verloren gegangene Rad mit voller Wucht in den Magen geflogen war. Alle waren froh, dass der weitere Verlauf des Weges nur wenig abschüssig war, so dass sie gefahrlos vorwärts kamen.

"Wo führen die uns jetzt bloß wieder hin?" schimpfte Flecki und warf einen Blick auf den Bürgermeister. Doch der sagte nichts. Überhaupt hatte er schon sehr lange nichts mehr gesagt. Nach seiner Bekanntschaft mit der Telefonzelle wusste er nicht mehr, was eigentlich los war. Ein paar Male hatten jemand ihn mit "Erleuchteter" angeredet, doch er hatte keine Ahnung, wieso und warum. Als Flecki ihn nun anblickte, hatte er das Gefühl, als müsse er eine Erklärung abgeben.

"Nun, äh," begann er unsicher. "Aufgrund der gegebenen Tatsachen hinsichtlich der mir vorhandenen Erkenntnisse kann ich diese Frage nur eindeutig dahingehend beantworten, dass die näheren Umstände nicht außer acht gelassen werden sollten. Dieses ist ein unumstößliche Tatsache, auf die von mir schon mehrfach hingewiesen wurde. Des weiteren..."

"Hurra," rief Flecki und stupste Goldi an. "Er ist wieder der alte!"

Nach und nach hatte es auch der letzte Hamster mitbekommen, und vor lauter Aufregung merkten die kleinen Tierchen gar nicht, dass es inzwischen heller geworden war.

"Prächtig, prächtig, mein lieber McClown. Wir sind in MacLean’s Nose angekommen. Ich kenne dieses Gebiet wie meine Westentasche!"


 

 

Kapitel 13

Die Küche ist geschlossen

 

Auf ihrem Weg in östlicher Richtung kamen unsere Freunde gut voran. Die Sonne hatte inzwischen die Nacht verscheucht, und sogar der Butler pfiff fröhlich ein Lied. Sie befanden sich auf einer schmalen Straße, die links und rechts durch eine meterhohe Mauer begrenzt war.

"Wissen sie, McClown, es ist wirklich schade, dass wir Mingary Castle nicht gesehen haben. Es ist ein imposantes Bauwerk. Ah, sehen sie dort vorne den großen roten Stein? Das ist Cladh Chirain, hier wurde der heilige St. Chiarain begraben."

"Oh, Sir, geschah das kürzlich? In den Zeitungen stand nichts davon."

"Nun, McClown, das war im Jahre 549. Vielleicht sollten sie sich in Glenmore ein wenig bilden, dort ist ein Museum für Naturgeschichte. Übrigens werden wir schon in wenigen Minuten dort sein."

Neben dem Monument machten sie eine kurze Pause. Der Butler holte eine trockene Scheibe Brot aus der Tasche, zerbröselte sie und verteilte alles unter die Hamster. Bis auf eine kleinere Klopperei teilten sich die Tierchen die Brosamen friedlich und zogen sich auf einen Verdauungsschlaf in den Koffer zurück. Der Lord hatte in der Zwischenzeit die Gegend genau betrachtet und sich entschieden, dem Straßenverlauf zur linken Seite zu folgen, um den kürzesten Weg in die nächste Stadt zu nehmen.

Einige Stunden später befanden sie sich mitten in einem Wald.



"Sir, könnte es sein, dass wir wieder im Landesinneren sind?"

Der Lord sagte nichts, sondern betrachtete ein paar Pilze am Waldboden. Der kleine Weg, dem sie bisher gefolgt waren, war in den letzten Minuten immer schmaler geworden und endete an dieser Stelle. Vorsichtig schob McClown den Rollstuhl durch matschiges, unwegsames Gelände. Links und rechts von ihnen befanden sich ein paar kleinere Seen. Mühsam überquerten sie einen winzigen Fluss und kurz darauf hatten sie den Wald wieder hinter sich gelassen.

"Netter Wald, Sir, da kommen einem die wenigen Minuten doch fast wie einige Stunden vor."

Der Lord sagte immer noch nichts, sondern blickte stur geradeaus. Es war eine wunderschöne Gegend, die sie durchwanderten, jedoch wollte bei keinem der beiden eine echte Begeisterung darüber aufkommen. Ein unwegsames, steiniges Gelände lag vor ihnen. Wenigstens blieb der Rollstuhl nun nicht mehr stecken und es ging etwas schneller voran. Zwischendurch konnten sie von einer Anhöhe aus das Meer sehen. Stunden später kamen ein paar Häuser in Sicht.

"Sir, ein Ortsschild, irgendetwas mit einem G am Anfang.."

"Glenmore, mein lieber McClown, Glenmore. Wie ich schon sagte, es konnte nicht mehr weit sein. Ein alter Pfadfinder findet eben immer sein Ziel"

Nach einigen weiteren Minuten stand der Butler vor dem Ortsschild.

"Das ist Gortenfern, Sir Pfadfinder. Vielleicht sollten wir uns eine Karte besorgen."

"Reden sie keinen Unsinn, McClown, wir sollten uns jetzt eine Unterkunft für die Nacht suchen."

Der Lord hatte Recht, denn die Sonne versank langsam am Horizont. Schweren Schrittes näherten sie sich einem Gasthaus. Der Butler nahm den Koffer mit den Hamstern, öffnete die Tür und ließ Lord McShredder den Vortritt. Das Gasthaus war leer, und sie setzten sich an den nächstbesten Tisch.

"Willkommen im Hause McPhee, meine Herren," ertönte eine tiefe Stimme. Schlurfend näherte sich ein alter Mann. Sein langer Bart gab ihm ein recht wildes Aussehen, und seine Augen blitzen sie interessiert und neugierig an. Er nahm einen Stuhl und schob ihn an den Tisch. Dann setzte er sich umständlich und sprach:

"Willkommen in Gortenfern, was so viel wie das 'Kornfeld der Ähren' bedeutet."


"Wir hätten gerne etwas zu essen," begann der Butler.

"Natürlich," sprach Mr McPhee. "Sicherlich kommt ihr aus Kilmory, nicht wahr? Kilmory bedeutet übrigens Kirche der heiligen Mary, interessant, wie?"

"Nein, Sir," entgegnete McClown, "wir kommen aus Killichonan und sind am Verhungern."

"Hochinteressant, hochinteressant," entgegnete McPhee und kratzte sich aufgeregt am Kopf. "Das klingt so ähnlich wie Kilchoan, findet ihr nicht auch? Übrigens bedeutet Kilchoan so viel wie Kirche von St. Congan."

"Sir, wir haben seit unserer Landung in Sanna Bay kaum etwas gegessen und würden wirklich gerne..."

"Sanna Bay?" unterbrach McPhee ihn. "Sanna bedeutet sandig, hättet ihr das gedacht? Bei uns in Gortenfern gibt es sogar singenden Sand, ist das nicht interessant?"

"Sicher Sir, doch zunächst würden wir gerne etwas essen, denn..."

"Wart ihr schon in Ockle oder in Swordle?"

"Nein, Sir, wir würden gerne etwas essen!"

Die Stimme des Butlers war nun lauter geworden. Im Hintergrund war das klagende Fiepen der hungrigen Hamster zu hören. Selbst der Lord rutschte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her.

"Nun, Ockle bedeutet hoch, und Swordle bedeutet Feld voller Gräser..."

"Essen, essen! Wir wollen was zu essen haben!" grölte McClown den Wirt an.

"Moment, Sir," entgegnete der, "wussten sie schon, was Acharacle bedeutet? Das heißt eigentlich Ath Tharachail und bedeutet ..."

Weiter kam Mr McPhee nicht, denn Frido McClown hatte sich auf ihn gestürzt. Polternd stürzten sie mit dem Stuhl nach hinten. Der Butler hatte den Wirt am Bart gepackt und brüllte ihn an, dass er endlich etwas zu essen haben wolle.

"Essen, Sir," ächzte Mr McPhee und versuchte, sich zu befreien, "Essen gibt es Heute nicht. Mittwochs ist die Küche geschlossen."

Butler und Lord sahen einander an. Die Hamster, die eben noch jubelnd McClown angefeuert hatten, waren verstummt. Die Worte des Wirts lagen schwer wie Blei in der Luft. Es war still in dem kleinen Gasthaus. Eine Fliege zog einsam ihre Kreise durch den Raum. Ganz langsam erhob sich Frido McClown. Das Blut hämmerte durch seine Schläfen und sein Magen knurrte. Sein Blick fiel auf den Tresen. Säuberlich nebeneinander standen dort ein paar Gläser. Davor standen mehrere Barhocker in Reih und Glied. Hinter dem Tresen befand sich eine Vitrine mit Flaschen. Daneben war eine Tür mit der Aufschrift "Küche". Die Buchstaben schienen vor seinen Augen zu tanzen und er glaubte zu sehen, dass der Buchstabe 'K' ihn hämisch angrinste.

Schreiend rannte der Butler zum Tresen, ergriff den nächsten besten Barhocker, und drosch auf das Schild ein.

"Dir wird dein blödes Grinsen schon vergehen," brüllte er und hieb weiter auf das Schild ein. Schon zeigte sich die ersten Risse in der Tür, als der Hocker zerbrach. Wütend lief McClown um den Tresen herum und nahm den nächsten Barhocker. Schon war er wieder auf dem Weg zur Küchentür, als sein Blick auf die Gläser fiel.

"Euch werde ich es zeigen, was es heißt, einen Frido McClown dämlich anzugrinsen," keuchte er und fegte mit einem gezielten Schlag sämtliche Gläser vom Tresen. Dann machte er sich wieder über die Tür her.

"Haben sie ihren Butler schon lange?" fragte Mr McPhee den Lord.


"Bange? Nein mir ist nicht bange," antwortete McShredder. "Dieser McClown benimmt sich manchmal wie ein Bauer, aber ansonsten ist er ein liebenswerter Mensch."

Der liebenswerte Mensch hatte inzwischen die Küchentür zu Kleinholz verarbeitet und stand schwer atmend neben den Resten des Türrahmens. Dann sprach er leise mit flackernden Augen:

"Sir, die Küche hat soeben geöffnet..."


 

 

Kapitel 14

Am singenden Strand

 

"Das war ein teures Essen, mein lieber McClown", sagte der Lord und zählte das verbliebene Geld in seiner Brieftasche. "Es war sicherlich nicht verkehrt, auf eine Übernachtung bei diesem McPhee verzichtet zu haben. Wer weiß, was sonst noch alles passiert wäre."

Der Butler antwortete nicht, sondern schob den Rollstuhl über die holperige Straße. Ihm war nicht nach Unterhaltung zumute, dazu war sein Bauch viel zu voll. Es war schon erstaunlich, wie viel ein Mensch in so kurzer Zeit in sich hinein stopfen kann. Und erst die Hamster! Aus einem der Koffer drangen ihre leisen Verdauungsgeräusche an sein Ohr. Nun galt es, einen halbwegs gemütlichen Ort zum Übernachten zu finden, und für diesen Zweck hatten sie den Strand vorgesehen. Kurz bevor sie einen kleinen Wald erreichten, bogen sie deshalb links zum Strand ab. Schnell fanden sie einen Platz, der ihren Vorstellungen entsprach und bauten ihr karges Nachtlager auf. Da der Strand von Gortenfern tief in einer Bucht liegt, waren sie vor Sturm und böigem Wind geschützt.

"Mein lieber McClown," begann der Lord und drehte sich langsam zu seinem Butler um. "Es wäre wohl nicht verkehrt, wenn sie ihre kleinen, äh, Freunde ein wenig von uns entfernt nächtigen lassen. Wir wollten doch eine ruhige Nacht verbringen, oder?"

McClown seufzte und stellte den Koffer mit den Hamstern ein paar Meter weiter weg. Dann holte er aus einem der anderen Koffer für sich und für den Lord ein Handtuch als Bettdecke für die Nacht. Noch lange betrachtete er den Sternenhimmel, während zu seiner linken Seite der Lord bereits schnarchte. Dann fielen auch ihm die Augen zu.

"Das kann doch wohl nicht wahr sein," schimpfte Flecki. "Hier ist ja absolut nichts los! Wie sollen wir jetzt Disco machen?"

"Wir könnten eine Sandburg bauen und sie wieder kaputt kloppen," schlug Goldi vor.

"Der Sand ist viel zu fein, hier lassen sich nicht einmal Tunnel graben," stellte Bauleiter Murksel enttäuscht fest.

"Vielleicht hat der Erleuchtete eine Idee?" fragte Tuffi hoffnungsvoll.




Der Bürgermeister wirkte ratlos. Warum sollte ausgerechnet ihm etwas einfallen? Schließlich war er für die Reden und nicht für Ideen zuständig. Dass er allerdings mit Erleuchteter angesprochen wurde, tat ihm gut.

"Nun, es ist eine unumschränkte Tatsache, dass wir alle hier und jetzt und überhaupt uns in einer Situation befinden, die strategisches Handeln und Entschlossenheit verlangt. Das sind die Tatsachen, liebe Hamsterfreunde! Nur durch eine gemeinsame, individuelle Initiative, die nicht nur von jedem Einzelnen ausgehen sollte, sondern auch muss - ich wiederhole: muss - kann diese Situation dahingehend gemeistert werden..."

Der Bürgermeister unterbrach seine geistreiche Rede. Sein Fell sträubte sich. Auch die anderen Hamster hatten es gehört. Da war ein Geräusch! Ein Geräusch, dass ihnen das Fell zu Berge stehen ließ. Es war stockdunkle Nacht und irgendwo sang jemand! Das war kein fröhliches Lied, es klang gleichmäßig und klagend und schien von allen Seiten zu kommen.

"Los, tu was, Bürgermeister, handel strategisch," rief Goldi.

Der Bürgermeister glotzte nur mit riesengroßen Knopfaugen. Er blähte seine Hamsterbacken vor Angst auf und begann zu zittern.

"Da," rief Tuffi, "gleich hat er wieder eine Erleuchtung!"

Flecki wollte gerade bemerken, dass er wahrscheinlich nur Schiss hatte, da rief der Bürgermeister: "Kinap, bringt euch in Sicherheit!"

Sofort begannen alle Hamster mit einer wohl überlegten Rettungsaktion, die sich schon oft in Gefahrensituationen bewährt hatte: sie rannten schreiend im Kreis herum. Nachdem sie eine halbe Stunde lang laut "Eflih" schreiend im Kreis herum getobt waren, fielen sie erschöpft in den Sand. Das unheimliche Singen war noch immer da!

Die armen kleinen Tierchen waren jetzt viel zu erschöpft, um weiter zu fliehen, und so versuchten sie, sich in den Sand einzugraben. Auch das funktionierte nicht so richtig.

"Vielleicht sollten wir uns einfach ergeben," jammerte Dodo.

"Oder verhandeln," schlug Flecki vor. "Los, Bürgermeister, verhandel mal!"

Der Bürgermeister war inzwischen grün vor Angst, als Goldi ihn mit einem Tritt nach vorne schickte. Da stand er nun, und hinter ihm waren seine Hamsterfreunde gespannt, wie der Erleuchtete diese Situation meistern würde.

"Äh, Dongs, äh, Dings, äh, liebes Dings, wir alle wissen, eine Situation in der gemeistert, äh gedongst, ich meine, gedingsverhandelt werden sollte. Wenn du dingst, äh dongs was ich meine, äh, gesagt zu haben."



Nach diesen Worten drehte sich der Bürgermeister blitzschnell um und verschwand in der Gruppe der Hamster.

"Großartig, wirklich ergreifend. Jetzt sind wir bestimmt gerettet," spottete Flecki.

"Vielleicht hilft uns der nette Butler?" meinte Tuffi und zeigte auf den schlafenden Frido McClown.

Ihre Hamsterfreunde nickten begeistert. Unter der Decke des netten Butlers war bestimmt noch Platz für ein paar verängstigte, kleine Hamster. Mit einem lauten "Arruh!"1 liefen sie auf den schlafenden Frido McClown zu.

1 (Hamstisch: Hurra)


 

 

Kapitel 15

Kentra Bay

 

"McClown, sehen sie mal zu, dass sie ein Feuer in Gang kriegen! Mir ist kalt!"

 

Die Sonne war soeben aufgegangen, und es schien ein wunderschöner Tag zu werden. Hätte es zumindest werden können, dachte der Butler, als er langsam die Augen öffnete. Es war herrlich warm unter dem Handtuch, viel zu kuschelig um aufzustehen. Langsam drehte er sich um und hörte zu seiner großen Verwunderung ein empörtes Fiepen. Er drehte sich zur anderen Seite um - wieder ein empörtes Fiepen. Ganz vorsichtig hob er das Handtuch hoch und siehe da: die Hamster blinzelten ihn verschlafen an.

 

"Ha, McClown", lachte der Lord in diesem Moment. "Singender Strand, welch ein Blödsinn, den dieser McPhee erzählt hat. Ich habe prächtig geschlafen. Wer mag nur diesen Unsinn glauben?"

"Nun, Sir, da wüsste ich schon jemanden," antwortete McClown und zeigte auf die Hamster.

"Sie glauben doch nicht, McClown, dass es Tiere gibt, die so blöd sind, dass sie sich vor solch einem Quatsch fürchten?"

"Nun, Sir, ich denke, es gibt tatsächlich solche Tiere."



Der Butler deckte die frierenden Tiere wieder zu und machte sich daran, Feuerholz zu suchen. Er brauchte auch nicht weit zu laufen, denn der angrenzende Wald bot genug für ein üppiges Lagerfeuer. Nach kurzer Zeit saßen Mensch und Tier am lodernden Feuer und wärmten sich auf. Was allerdings fehlte, war ein Frühstück, und so machten sie sich auf den Weg. Über einen schmalen, aber gut befestigten Fußweg kamen sie in den kleinen Ort Arivegaig. Ein Blick genügte, um festzustellen, dass es hier kein Frühstück geben würde, also zogen sie enttäuscht weiter. In den letzten beiden Stunden war die Sonne höher am Himmel gestiegen und verbreitete ihre wärmende Kraft über die kleine Schar. Inzwischen waren sie auf eine größere Straße gelangt und kamen an eine Brücke.

"Sir, sehen sie! Ist das nicht ein wunderschöner Anblick?"

"McClown, mein Magen hat keine Augen für so etwas! Sehen sie, dort hinten ist eine Gaststätte!"

Sie passierten die Brücke und erreichten die Gaststätte "Shiel Bridge Inn". Der Butler schob den Rollstuhl samt Koffern in eine Ecke neben den Tresen und setzte sich mit dem Lord an einen Tisch am Fenster. Als das Essen kam, nahm er einen Teil davon beiseite, legte es auf einen kleinen Teller und stellte es neben den Koffer mit den Hamstern, die sich sofort laut fiepend und hungrig darüber hermachten. Dann setzte sich McClown wieder zum Lord an den Tisch und ließ es sich schmecken.

"Was ist denn das für ein Fraß?" schimpfte Flecki und beäugte argwöhnisch das, was der Butler ihnen gebracht hatte.

"Porridge mit gebackenen Bohnen," antwortete Goldi mit vollen Backen, "einfach lecker."

Bauleiter Murksel war mit Dodo und Purzel zusammen aus dem Koffer gestiegen, um am Frühstück teilzunehmen, als ihm vor Schreck das Blut in den Adern gefror.

"Eine Ka-Ka-ka.....!"

Weiter kam er nicht, und weiter brauchte er auch nicht zu sprechen, denn seine Hamsterfreunde hatten die Gefahr erkannt. Eine große, schwarze Katze näherte sich langsam. Tuffi und Tati kletterten als letzte in den schützenden Koffer. Zwar waren sie nun erst einmal in Sicherheit, doch da der Deckel nicht ganz geschlossen war, konnten sie sehen, wie die Katze auf den Sitz des Rollstuhls gesprungen war. Mit klopfenden Herzen und ohnmächtiger Wut mussten sie nun beobachten, wie ihr Frühstück in kurzer Zeit aufgeschlabbert wurde.

"Du mieses, fieses Katzenvieh, ich mach dich fertig!" schrie Goldi und wollte sich auf die Katze stürzen, doch Flecki und der Bürgermeister hielten ihn zurück.



"So wird das doch nichts, wir müssen strategisch vorgehen," schimpfte Flecki.

"Gut," fauchte Goldi, "dann haue ich dem Vieh strategisch eine rein, es hat unser Essen gestohlen! Wenn wir bloß eine Rakete hätten..."

"Wir sollten uns auf unsere eigenen Stärken besinnen, denn wie ich schon früher bereits mehrfach gesagt habe..."

"Ach," unterbrach Flecki den Bürgermeister. "Welche Stärken wären das denn?"

Als dem Bürgermeister daraufhin nichts einfiel, setzten sich die Hamster zu einer Beratung zusammen. Wie immer kam dabei nicht viel heraus, lediglich Dodo und Murksel waren der Ansicht, dass dieser übermächtige Feind nur eine Schwachstelle hatte: Wasser. Wo sollten die Hamster Wasser her kriegen? Tuffi und Tati riefen aufgeregt, dass sie beim Hereinkommen in das Gasthaus gesehen hatten, dass auf dem Tresen neben ihnen mehrere Flaschen standen.

"Das ist ein Fall für Superhamster," stellte Dodo fest.

Goldi fühlte sich auf einmal gar nicht mehr wohl in seinem Fell. Verlegen sortierte er seine Barthaare und starrte mit großen Augen auf die große, schwarze Katze, die es sich auf einem der anderen Koffer bequem gemacht hatte.

"Superhamster, Superhamster, Superhamster!" riefen nun alle im Chor, während es Goldi unter seinem Fell immer heißer wurde.

"Nun kannst du mal zeigen, ob du außer Fressen auch etwas Nützliches kannst," spottete Flecki und die anderen fingen wieder mit ihren Superhamster-Gesängen an.

Goldi stellte sich auf die Kante des Kofferrands und spähte hinaus. Dann drehte er sich langsam um und wollte gerade sagen, dass Superhamster seinen Rücktritt erklärt, als er von der Leiste abrutschte und mit einem gellenden Schrei verschwand.

"Welch ein Held!" rief Tati. Alle Hamster sahen mit großen Knopfaugen schweigend zu. Auch die Katze war für einen Moment verwirrt und zögerte, doch dann ging sie zum Angriff über. Den kleinen Moment ihrer Verwirrung hatte Goldi genutzt und war auf den Tresen geflüchtet. Es war sehr glatt dort und er hatte Mühe, auf seinen kleinen Beinen zu bleiben. Mit einem mächtigen Satz schoss die Katze hinterher, landete vor Goldi, kam jedoch ins Rutschen, schoss an ihm vorbei und über den Tresen hinweg direkt in eine Batterie von Whiskyflaschen hinein. Es klirrte und schepperte und die Katze lag in einer Whiskypfütze.

"Ole!" klang es aus dem Koffer.




Wütend nahm die Katze erneut Anlauf, doch Goldi sprang zur Seite, und sie schlidderte wieder über den gesamten Tresen, während aus dem Koffer ein erneutes "Ole!" zu hören war. Diesmal knallte sie gegen eine Flasche mit Cidre, die daraufhin mit einem Knall zersprang, während im Hintergrund das nächste "Ole" der begeisterten Hamster zu hören war. Goldi wartete mit zitternden Barthaaren auf den nächsten Angriff, doch sein Gegner schien verwirrt zu sein. Die Siegesgewissheit schien einen starken Knacks bekommen zu haben, hinzu kamen leichte Anzeichen von Trunkenheit. Ungebrochen jedoch war der Jagdinstinkt, und die Katze stürzte sich fauchend und torkelnd auf ihre Beute. Die Beute dachte jedoch nicht daran, sich fangen zu lassen sondern flüchtete durch eine offene Klappe in der Wand zur Küche.

"Superhamster, mach sie fertig!" tönte es aus dem Koffer, während ein lautes Scheppern in der Küche nun die Ankunft der Katze verkündete. Goldi war auf dem hinteren Rand eines Eimers mit flüssiger Seife gelandet und sah etwas Großes, Schwarzes auf sich zu fliegen. Vor Schreck blieb er wie gelähmt sitzen, doch der Sprung war zu kurz, es platschte und der Eimer fiel samt Angreifer um. Während der kleine Hamster sich schnell auf die Spüle rettete, sah er hinter sich seinen Gegner, der nun ein weiteres Problem bekommen hatte und sich kaum noch auf den Pfoten halten konnte. Die Katze sah blind vor Wut den kleinen Hamster, wie er an einem Geschirrhandtuch hochkletterte. Ein mächtiger Sprung folgte, Goldi quiekte vor Schreck laut auf und sah knapp neben sich seinen Gegner mit dem Kopf an die Kachelwand knallen und bewusstlos auf der Spüle liegen bleiben.

"Daneben, daneben, das Katzenvieh springt immer daneben!" sang Goldi und sah sich bereits als Sieger. Dann hob er den kleinen Kopf und schnüffelte. Gut roch das hier, sogar sehr gut. Er lief zum Herd und sah sich um. Mehrere Töpfe standen dort und aus dem größten strömte ein wunderbarer Geruch. Der Hamster sprang auf einen kleineren Topf und dann auf den Rand des größten. All seine Wünsche waren soeben wahr geworden: ein ganzer Topf mit Gemüse nur für ihn alleine! Gierig schaufelte er mit seiner Pfote eine Ladung nach der anderen in sich, als es plötzlich über ihm dunkel wurde. Im nächsten Moment flog die Katze dicht über ihn hinweg in die heiße Gemüsesuppe. Voller Panik sprang Goldi hinunter, kletterte über die Spüle und hechtete durch die offene Klappe hinaus. Dann machte er, dass er zurück zum Koffer kam, wo er von seinen Hamsterfreunden jubelnd begrüßt wurde.

Lord McShredder und sein Butler hatten sich während des Essens mehrfach über den Lärm in der angrenzenden Küche gewundert. Selbstverständlich hatten sie keinen Moment daran gedacht, dass die Hamster daran beteiligt gewesen sein könnten. Der Lord zahlte die Rechnung, während McClown den Rollstuhl mit den Koffern zur Ausgangstür der Gaststätte schob. Während der Butler nun an der Tür wartete, hatte McShredder etwas entdeckt. Er sah in der Ecke eine große, schwarze Katze liegen, die sich mit glasigen Augen das schmutzige Fell leckte. Sie sah erbärmlich aus. Der Lord schüttelte den Kopf und rief dem Besitzer der Gaststätte zu:




"Hey, Barkeeper, sie sollten der armen Katze mal etwas Bewegung und frische Luft gönnen!"

Dann ging er hinter seinem Butler zur Tür hinaus, und sie setzten ihre Reise fort.

 

Die Rückkehr (nach Schottland) - Kapitel 16-20