Beitragsseiten

 

 

Kapitel 13

Die Küche ist geschlossen

 

Auf ihrem Weg in östlicher Richtung kamen unsere Freunde gut voran. Die Sonne hatte inzwischen die Nacht verscheucht, und sogar der Butler pfiff fröhlich ein Lied. Sie befanden sich auf einer schmalen Straße, die links und rechts durch eine meterhohe Mauer begrenzt war.

"Wissen sie, McClown, es ist wirklich schade, dass wir Mingary Castle nicht gesehen haben. Es ist ein imposantes Bauwerk. Ah, sehen sie dort vorne den großen roten Stein? Das ist Cladh Chirain, hier wurde der heilige St. Chiarain begraben."

"Oh, Sir, geschah das kürzlich? In den Zeitungen stand nichts davon."

"Nun, McClown, das war im Jahre 549. Vielleicht sollten sie sich in Glenmore ein wenig bilden, dort ist ein Museum für Naturgeschichte. Übrigens werden wir schon in wenigen Minuten dort sein."

Neben dem Monument machten sie eine kurze Pause. Der Butler holte eine trockene Scheibe Brot aus der Tasche, zerbröselte sie und verteilte alles unter die Hamster. Bis auf eine kleinere Klopperei teilten sich die Tierchen die Brosamen friedlich und zogen sich auf einen Verdauungsschlaf in den Koffer zurück. Der Lord hatte in der Zwischenzeit die Gegend genau betrachtet und sich entschieden, dem Straßenverlauf zur linken Seite zu folgen, um den kürzesten Weg in die nächste Stadt zu nehmen.

Einige Stunden später befanden sie sich mitten in einem Wald.



"Sir, könnte es sein, dass wir wieder im Landesinneren sind?"

Der Lord sagte nichts, sondern betrachtete ein paar Pilze am Waldboden. Der kleine Weg, dem sie bisher gefolgt waren, war in den letzten Minuten immer schmaler geworden und endete an dieser Stelle. Vorsichtig schob McClown den Rollstuhl durch matschiges, unwegsames Gelände. Links und rechts von ihnen befanden sich ein paar kleinere Seen. Mühsam überquerten sie einen winzigen Fluss und kurz darauf hatten sie den Wald wieder hinter sich gelassen.

"Netter Wald, Sir, da kommen einem die wenigen Minuten doch fast wie einige Stunden vor."

Der Lord sagte immer noch nichts, sondern blickte stur geradeaus. Es war eine wunderschöne Gegend, die sie durchwanderten, jedoch wollte bei keinem der beiden eine echte Begeisterung darüber aufkommen. Ein unwegsames, steiniges Gelände lag vor ihnen. Wenigstens blieb der Rollstuhl nun nicht mehr stecken und es ging etwas schneller voran. Zwischendurch konnten sie von einer Anhöhe aus das Meer sehen. Stunden später kamen ein paar Häuser in Sicht.

"Sir, ein Ortsschild, irgendetwas mit einem G am Anfang.."

"Glenmore, mein lieber McClown, Glenmore. Wie ich schon sagte, es konnte nicht mehr weit sein. Ein alter Pfadfinder findet eben immer sein Ziel"

Nach einigen weiteren Minuten stand der Butler vor dem Ortsschild.

"Das ist Gortenfern, Sir Pfadfinder. Vielleicht sollten wir uns eine Karte besorgen."

"Reden sie keinen Unsinn, McClown, wir sollten uns jetzt eine Unterkunft für die Nacht suchen."

Der Lord hatte Recht, denn die Sonne versank langsam am Horizont. Schweren Schrittes näherten sie sich einem Gasthaus. Der Butler nahm den Koffer mit den Hamstern, öffnete die Tür und ließ Lord McShredder den Vortritt. Das Gasthaus war leer, und sie setzten sich an den nächstbesten Tisch.

"Willkommen im Hause McPhee, meine Herren," ertönte eine tiefe Stimme. Schlurfend näherte sich ein alter Mann. Sein langer Bart gab ihm ein recht wildes Aussehen, und seine Augen blitzen sie interessiert und neugierig an. Er nahm einen Stuhl und schob ihn an den Tisch. Dann setzte er sich umständlich und sprach:

"Willkommen in Gortenfern, was so viel wie das 'Kornfeld der Ähren' bedeutet."


"Wir hätten gerne etwas zu essen," begann der Butler.

"Natürlich," sprach Mr McPhee. "Sicherlich kommt ihr aus Kilmory, nicht wahr? Kilmory bedeutet übrigens Kirche der heiligen Mary, interessant, wie?"

"Nein, Sir," entgegnete McClown, "wir kommen aus Killichonan und sind am Verhungern."

"Hochinteressant, hochinteressant," entgegnete McPhee und kratzte sich aufgeregt am Kopf. "Das klingt so ähnlich wie Kilchoan, findet ihr nicht auch? Übrigens bedeutet Kilchoan so viel wie Kirche von St. Congan."

"Sir, wir haben seit unserer Landung in Sanna Bay kaum etwas gegessen und würden wirklich gerne..."

"Sanna Bay?" unterbrach McPhee ihn. "Sanna bedeutet sandig, hättet ihr das gedacht? Bei uns in Gortenfern gibt es sogar singenden Sand, ist das nicht interessant?"

"Sicher Sir, doch zunächst würden wir gerne etwas essen, denn..."

"Wart ihr schon in Ockle oder in Swordle?"

"Nein, Sir, wir würden gerne etwas essen!"

Die Stimme des Butlers war nun lauter geworden. Im Hintergrund war das klagende Fiepen der hungrigen Hamster zu hören. Selbst der Lord rutschte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her.

"Nun, Ockle bedeutet hoch, und Swordle bedeutet Feld voller Gräser..."

"Essen, essen! Wir wollen was zu essen haben!" grölte McClown den Wirt an.

"Moment, Sir," entgegnete der, "wussten sie schon, was Acharacle bedeutet? Das heißt eigentlich Ath Tharachail und bedeutet ..."

Weiter kam Mr McPhee nicht, denn Frido McClown hatte sich auf ihn gestürzt. Polternd stürzten sie mit dem Stuhl nach hinten. Der Butler hatte den Wirt am Bart gepackt und brüllte ihn an, dass er endlich etwas zu essen haben wolle.

"Essen, Sir," ächzte Mr McPhee und versuchte, sich zu befreien, "Essen gibt es Heute nicht. Mittwochs ist die Küche geschlossen."

Butler und Lord sahen einander an. Die Hamster, die eben noch jubelnd McClown angefeuert hatten, waren verstummt. Die Worte des Wirts lagen schwer wie Blei in der Luft. Es war still in dem kleinen Gasthaus. Eine Fliege zog einsam ihre Kreise durch den Raum. Ganz langsam erhob sich Frido McClown. Das Blut hämmerte durch seine Schläfen und sein Magen knurrte. Sein Blick fiel auf den Tresen. Säuberlich nebeneinander standen dort ein paar Gläser. Davor standen mehrere Barhocker in Reih und Glied. Hinter dem Tresen befand sich eine Vitrine mit Flaschen. Daneben war eine Tür mit der Aufschrift "Küche". Die Buchstaben schienen vor seinen Augen zu tanzen und er glaubte zu sehen, dass der Buchstabe 'K' ihn hämisch angrinste.

Schreiend rannte der Butler zum Tresen, ergriff den nächsten besten Barhocker, und drosch auf das Schild ein.

"Dir wird dein blödes Grinsen schon vergehen," brüllte er und hieb weiter auf das Schild ein. Schon zeigte sich die ersten Risse in der Tür, als der Hocker zerbrach. Wütend lief McClown um den Tresen herum und nahm den nächsten Barhocker. Schon war er wieder auf dem Weg zur Küchentür, als sein Blick auf die Gläser fiel.

"Euch werde ich es zeigen, was es heißt, einen Frido McClown dämlich anzugrinsen," keuchte er und fegte mit einem gezielten Schlag sämtliche Gläser vom Tresen. Dann machte er sich wieder über die Tür her.

"Haben sie ihren Butler schon lange?" fragte Mr McPhee den Lord.


"Bange? Nein mir ist nicht bange," antwortete McShredder. "Dieser McClown benimmt sich manchmal wie ein Bauer, aber ansonsten ist er ein liebenswerter Mensch."

Der liebenswerte Mensch hatte inzwischen die Küchentür zu Kleinholz verarbeitet und stand schwer atmend neben den Resten des Türrahmens. Dann sprach er leise mit flackernden Augen:

"Sir, die Küche hat soeben geöffnet..."