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Kapitel 12

MacLean’s Nose

 

"McClown, wo haben sie mein Feuerzeug gelassen?"

 

Die Stimme schien von weit aus der Ferne zu kommen. Langsam öffnete der Butler die Augen und setzte sich aufrecht hin. Sein Kopf dröhnte und seine Kehle schien wie zugeschnürt. Er hustete und rang nach Luft. Dann sah er Lord McShredder und den Rollstuhl mit den Koffern. Aus einem der Koffer schauten zu seiner grenzenlosen Freude die Hamster neugierig heraus. Ihre Barthaare zitterten und sie schienen nach wie vor hungrig zu sein. Aber warum war es so hell? Dort, wo der Lord saß, war deutlich ein Gang zu sehen, der steil nach unten führte. Der Butler drehte sich um und erschrak. Nicht weit von ihnen entfernt sah er eine Feuersbrunst, die den Vulkan zu verbrennen schien. Genau dort, wo sie sich eben noch befunden hatten! Dann war da noch etwas.... Seine Hose! Seine Hose brannte! Frido McClown sprang auf und klopfte schreiend die Flammen an seinem Hintern aus.

"McClown, hören sie endlich mit ihrem blöden Herumgehopse auf. Ich habe ihnen eine Frage gestellt!"



Der Butler griff in die angesengelte Hosentasche, zog das Feuerzeug hervor und schleuderte es in Richtung Lord. Der kreischte laut auf und fiel rückwärts in den dunklen Gang. Erschrocken sah McClown auf, starrte ins Dunkle und lauschte. Er hörte Jammern und Klagen, Poltern und Rumpeln und immer wieder laute Hilfeschreie. Nach und nach erstarben die Geräusche, und Minuten später war nichts mehr zu hören außer dem den Fauchen des nahen Feuers. Ein paar Hamster waren aus dem Koffer gestiegen und guckten neugierig in den dunklen Gang.

"Nun, meine lieben Freunde," wandte sich der Butler an die Hamster, "wie gut, dass Lord McShredder schon vorgegangen ist, um den Gang zu erkunden. Scheinbar geht es recht steil abwärts, wir müssen uns also gut festhalten."

Begeistert kletterten die Tierchen wieder in den Koffer.

"Alles festhalten," grölte Goldi, "jetzt kommt 'ne Achterbahn!"

Es wurde höchste Zeit, denn langsam näherte sich von der Feuerseite her ein Rinnsal aus geschmolzenen Gestein.

"Festhalten!" schrie der Butler und sprang auf den Rollstuhl. Dann schossen Hamster und Butler auf ihrem Gefährt durch eine enge Höhle. Hin und wieder prallten sie links und rechts an eine Wand, Funken sprühten, McClown schrie, und die Hamster jubelten. Der Rollstuhl schoss steil abwärts, raste durch eine lang gestreckte Linkskurve und ging in eine scharfe Rechtskurve über. Plötzlich ging es steil nach oben, kurz darauf war alles still, keine Poltern der Räder war zu hören, und sie schienen für einen Moment zu schweben.

"Festhalten!" schrie McClown wieder, dann setzte der Rollstuhl krachend auf und schoss durch die Finsternis. Die Jubelschreie der begeisterten Hamster waren auf einmal lauter geworden, und als McClown sich verwundert umdrehte, erkannte er den Grund. Sie hatten bei der rasenden Fahrt eines der Räder verloren und zogen nun eine Funken sprühende Spur hinter sich her.

"Ihr kleinen Schwachköpfe," schimpfte der Butler, "das ist überhaupt nicht lustig! Wir werden alle draufgehen!"

Es wäre besser gewesen, Frido McClown hätte seine Augen nach vorne gerichtet. Flecki jedenfalls hatte die Gefahr erkannt, fuchtelte mit ihren Pfoten und zeigte nach vorne, auf etwas, was sich sehr schnell näherte.

"Nichts da," rief ihr der Butler zu, "es gibt nichts zu Fressen, da kannst du noch so lange betteln, du kleines, verfressenes..."

Weiter kam McClown nicht. Ein herab hängender Tropfstein, auch Stalaktit genannt, erwischte ihn am Kopf und ließ denselben auf einen der Koffer klatschen. Die Hamster sahen mit großen Augen, wie der Butler stöhnend den Kopf hob. Er hatte Glück gehabt. Sehr großes Glück sogar, denn er war weich in der Schmutzwäsche gelandet. Dann fing Tuffi an, laut zu lachen und zeigte auf den Butler. Der begriff überhaupt nichts mehr. Sein Kopf schmerzte, ihm war schwindelig und er sah keckernde Hamster vor sich. Dann nahm er einen merkwürdigen,ekelhaften Geruch wahr und übergab sich fast. Er befühlte seinen Kopf und stellte fest, dass er sich eine dicke Beule eingehandelt hatte. Die Hamster kugelten sich vor Lachen und Frido McClown tastete weiter vom Hinterkopf bis hin zu seiner Stirn. Er fühlte Stoff und griff danach. Verschwommen erkannte er die stinkende Unterhose von Lord McShredder, drehte sich schnell von den Hamster weg und erbrach sich in Fahrtrichtung. Das war dumm, sehr dumm sogar, denn durch den starken Fahrtwind bekam er die ganze Ladung wieder ins Gesicht. Angewidert warf er die ekelige Unterhose weg und hielt sich krampfhaft am Rahmen des Rollstuhls fest, denn nun folgte erneut eine scharfe Kurve. Dann krachte es, Staub wirbelte auf und sowohl Hamster, als auch Koffer und Butler flogen in hohem Bogen durch die Luft. Es klatschte laut, und die wilde Fahrt war zu Ende.

"Schön, dass sie endlich kommen, McClown", tönte eine krächzende Stimme aus der Dunkelheit. "Holen sie doch gleich einmal eine Kerze aus dem Gepäck!"



Wenige Minuten später saßen sie im Schein der Kerze beisammen und überprüften ihre Lage. Der Gang hatte sich zu einem kleinen Saal verbreitert. Sie hatten zwar nichts zu essen, doch wenigstens hatten sie genug zu trinken, denn durch das herabtropfende Wasser hatte sich ein kleiner See gebildet. Nicht weit von der Stelle, an der sie saßen, führte der Gang weiter. Der Rollstuhl war jedoch beschädigt und das bedeutete, dass sie die Koffer nun selber tragen mussten. Keiner hatte auch nur eine entfernte Ahnung, wie weit es noch bis an die Erdoberfläche war. Falls sie überhaupt jemals wieder ans Tageslicht kommen würden. Plötzlich hob der Butler den Kopf und lauschte.

"Sir, ich höre ein Geräusch aus der Richtung, aus der wir gekommen sind. Rettung ist nah!"

Er lief zurück zum Gang und begann zu rufen. Niemand antwortete, doch das Geräusch wurde lauter. Sogar Lord McShredder hörte es jetzt.

"Hierher," brüllte McClown, "hier sind wir!"

"Irgendwie erinnert mich das Geräusch an etwas," krähte der Lord, "ich komme bloß nicht mehr darauf..."

Der Butler rief und rief, das Geräusch wurde lauter und lauter. Die Hamster hatten sich wieder in ihrem Koffer verkrochen, so, als ahnten sie die nächste Katastrophe. Dann knallte es laut, ein Schmerzensschrei und ein Gurgeln war zu hören, dann war alles still.

"Nun ist es mir wieder eingefallen, McClown. Das klang wie ein Rad von meinem Rollstuhl. Schön, dass jetzt alle Räder wieder beisammen sind, nicht wahr?"



Nach über einer Stunde war das Rad wieder am Rollstuhl befestigt, und die Reise konnte weitergehen. Auch McClown ging es nun wieder besser und konnte schmerzfrei atmen, nachdem ihm das verloren gegangene Rad mit voller Wucht in den Magen geflogen war. Alle waren froh, dass der weitere Verlauf des Weges nur wenig abschüssig war, so dass sie gefahrlos vorwärts kamen.

"Wo führen die uns jetzt bloß wieder hin?" schimpfte Flecki und warf einen Blick auf den Bürgermeister. Doch der sagte nichts. Überhaupt hatte er schon sehr lange nichts mehr gesagt. Nach seiner Bekanntschaft mit der Telefonzelle wusste er nicht mehr, was eigentlich los war. Ein paar Male hatten jemand ihn mit "Erleuchteter" angeredet, doch er hatte keine Ahnung, wieso und warum. Als Flecki ihn nun anblickte, hatte er das Gefühl, als müsse er eine Erklärung abgeben.

"Nun, äh," begann er unsicher. "Aufgrund der gegebenen Tatsachen hinsichtlich der mir vorhandenen Erkenntnisse kann ich diese Frage nur eindeutig dahingehend beantworten, dass die näheren Umstände nicht außer acht gelassen werden sollten. Dieses ist ein unumstößliche Tatsache, auf die von mir schon mehrfach hingewiesen wurde. Des weiteren..."

"Hurra," rief Flecki und stupste Goldi an. "Er ist wieder der alte!"

Nach und nach hatte es auch der letzte Hamster mitbekommen, und vor lauter Aufregung merkten die kleinen Tierchen gar nicht, dass es inzwischen heller geworden war.

"Prächtig, prächtig, mein lieber McClown. Wir sind in MacLean’s Nose angekommen. Ich kenne dieses Gebiet wie meine Westentasche!"