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Kapitel 11
Im Vulkan


Schweigend ging es durch die dunkle Nacht. Sie kamen an einer kleinen Kirche vorbei und erreichten schließlich den Ortsausgang.

 

"Hier muss es gleich sein," krächzte der Lord, als sie einen kleinen Fluss passierten.

Drei Meilen später waren sie immer noch nicht am Ziel.

"Wie ihre Westentasche, Sir, nicht wahr, Sir?" knurrte McClown.

Der Lord antwortete nicht, sondern hielt seinen Blick starr nach rechts gerichtet.

"Hier muss es sein, McClown, ich habe es ja gleich gewusst. Ein alter Pfadfinder wie ich findet sein Ziel sogar nachts. Oder im Nebel. Manchmal sogar nachts im Nebel. Folgen sie mir, McClown!"

Der Weg wurde beschwerlicher und es ging steil bergauf.

"Sir, sind sie sicher, dass wir auf einen Berg steigen müssen?"

"Unsinn, McClown, hier gibt es keine Zwerge, das sind alles Märchen!"

"B-e-r-g, Sir!"

"Nein, McClown, auch auf Bergen gibt es keine Zwerge. Aber wissen sie was, McClown? Mingary Castle liegt hinter einer kleinen Anhöhe, also sind wir ganz bestimmt auf dem richtigen Weg."

 

Während der Butler schweigend den Rollstuhl mit den Koffern schob, wachten die Hamster durch die laute Unterhaltung auf. Vorsichtig spähten sie aus der Öffnung des Koffer hinaus in die dunkle Nacht. Direkt vor ihnen sahen sie einen hohen Berg, der sich bis in den Himmel zu erheben schien. Ängstlich verkrochen sie sich wieder zwischen der Unterwäsche, während das Keuchen von Lord und Butler immer lauter wurde.

"Sir, könnte es sein, dass wir uns verlaufen haben?"

"Ausgeschlossen, McClown, ich kenne das Gebiet hier wie meine Westentasche. Wir müssen gleich da sein."



Nach einer weiteren Stunde steilen Anstiegs wurde das Gelände schlagartig flach. Der Himmel war bedeckt, so dass keine Sterne leuchteten und kein Mond ihnen den Weg weisen konnten. Nur Stille und Dunkelheit umgaben sie. Nirgendwo war ein Licht oder sonst ein Zeichen von Häusern zu sehen, geschweige denn, von Mingary Castle. Lord und Butler hielten sich beide am Rollstuhl fest, während sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen.

"Sir, ist es noch weit bis Mingary Castle?"

Es dauerte eine Weile, bis der Lord antwortete.

"Mein lieber McClown, sie sind einfach viel zu ungeduldig. Vielleicht hat sich in den letzten Jahren der Straßenverlauf geringfügig geändert. Allerdings, wenn ich das Gebiet nicht so gut kennen würde, könnte man glatt meinen, wir sind auf dem Ben Hiant."

"Ben Hiant, Sir?"

"Ein alter Vulkan, McClown. Wer da hineinstürzt, sieht das Tageslicht nie wieder."

Lord und Butler blieben plötzlich erschrocken stehen und sahen einander an, so gut es jedenfalls in dieser Dunkelheit ging. Dann kippte der Rollstuhl nach vorne, und schreiend fielen die beiden hinterher. Aus einem der Koffer war ein leises "Uhuj!" zu hören, dann war alles still.

Es dauerte eine Weile, dann war aus dem Dunkeln eine wütende Stimme zu hören.

"Wie ihre Westentasche, Sir? Wie ihre Westentasche, Sir? Waren das ihre Worte?"

"Man kann sich ja mal irren! Hören sie auf mich zu treten, McClown, man tritt keine alten Leute!"

Der Butler versuchte, sich zu beruhigen und klar zu denken. Sie waren abgestürzt, also galt es zunächst, die Schäden und Verletzungen zu überprüfen. Nach einigem Suchen fand er den Koffer mit den Hamstern und stellte fest, dass alle wohlauf waren. Dann half er Lord McShredder auf die Beine.

"Wo mögen wir sein?" überlegte er laut.

"Wir sind im Inneren des Vulkans Ben Hiant," krähte der Lord. "Ich kenne das hier wie meine W...., ich meine, ich bin ziemlich sicher."

"Dann sind wir wohl verloren," murmelte der Butler und setzte sich auf den kalten Boden. Er überlegte lange, dann stand er wieder auf und begann, an den Felswänden zu schnüffeln.

"McClown, sind sie komplett übergeschnappt?"

"Nein, Sir, ich suche Fumarolen."

"Wie können sie jetzt ans Essen denken, während ich hier in der Kälte sitze?"

"Fumarolen sind Öffnungen, Sir, aus denen vulkanische Gase an die Oberfläche dringen. Das habe ich mal in einem Buch gelesen. Meine Überlegung, Sir, ist die folgende: wenn wir solch eine Gasquelle anzünden, wird es vielleicht weithin sichtbar sein. Dann wird man uns finden. Solange es dunkel ist, kann man selbst ein Streichholz über weite Strecken erkennen, also müssen wir schnell handeln."

Der Lord holte seine Pfeife heraus, und nachdem er sie umständlich gereinigt und neu gestopft hatte, zündete er sie an. Er lauschte dem klagenden Fiepen der Hamster, die schon wieder hungrig waren. Währenddessen war der Butler fündig geworden.

"Gas, eindeutig Gas," rief er und lief zu den Koffern und begann, einen nach dem anderen zu durchwühlen. Zwischendurch durchsuchte er seine Hosentaschen, dann wieder die Koffer, und schließlich gab er entnervt auf.

"Wir haben die Streichhölzer an Bord gelassen, Sir."

Er sah Lord McShredder hoffnungsvoll an.

"Oder haben sie, Sir, Streichhölzer dabei?"

"Nein, McClown, ich habe auch keine Streichhölzer."



Die Antwort des Lords schien den Butler in tiefe Ratlosigkeit zu stürzen. Er begann, den Boden zu untersuchen. Stein für Stein hob er auf und schlug sie aneinander, doch nach einigen Versuchen gab er enttäuscht auf und setzte sich hin.

"Wenn wir wenigstens Feuersteine hätten, Sir, dann könnten wir damit Funken machen und das Gas entzünden."

Der Lord nickte verständnisvoll und zog an seiner Pfeife. Dann setzte tiefes Schweigen ein, nur das Scharren der hungrigen Hamster auf der Suche nach Nahrung war zu hören. Nach etwa einer halben Stunde Schweigen ertönte eine krächzende Stimme:

"Ich verstehe ja nichts von diesen Formularen, oder wie die heißen, McClown, aber könnten wir vielleicht mein Feuerzeug nehmen? He, McClown, warum rammen sie ihren Kopf gegen die Felswand?"

Nachdem der Butler sich wieder beruhigt hatte, nahm er das Feuerzeug und untersuchte die Felswände noch einmal. Dann holte der aus einem der Koffer eine alte Zeitung, zerknüllte sie und überlegte.



"Sir, es ist besser, wenn sie und die Hamster sich im hinteren Teil dieser Höhle verstecken. Es könnte recht heiß werden."

Tatsächlich wirkte der Schlund des Vulkans wie eine runde Höhle. Es war, als säße man in einem umgedrehten Eimer, nur dass oben eine Öffnung war. Hin und wieder war das Funkeln der Sterne zu sehen, anscheinend war Wind aufgekommen und hatte die Wolken vertrieben. An einer Stelle der Höhle jedoch war eine große Nische in der Wand, und dort hatten die Hamster es sich bereits gemütlich gemacht.

McClown untersuchte den Rollstuhl und zu seiner großen Freude war er zwar zerkratzt, ansonsten aber völlig intakt. Der Butler nahm die Hamster und setzte sie vorsichtig in ihren Übernachtungskoffer. Dann legte er die Koffer wieder auf den Rollstuhl, schob ihn vor die Nische und ging dorthin, wo die zerknüllte Zeitung lag. Mit dem Feuerzeug zündete er nun das Papier an, legte es dorthin, wo das Gas aus der Wand trat und ging mit schnellen Schritten zur Nische zurück. Dort setzte er sich neben den Lord. Gespannt verfolgten sie, wie die Flammen immer höher stiegen. Mit einem Fauchen entzündete sich das Gas und es wurde taghell in der Höhle. Es war ein phantastischer Anblick, und der Plan des Butler schien zu funktionieren, doch dann geschah etwas Unerwartetes. Mit einem weiteren Fauchen schoss eine zweite Feuersäule aus der Wand, dann eine dritte.. , eine vierte, bis die ganze Höhle in Flammen zu stehen schien.

"Recht heiß, McClown, was?" tönte die ängstliche Stimme des Lords. "Wir werden gekocht wie Porridge!"

"Sir, da waren mehr Fumarolen als ich dachte. Wir müssen hier raus!"

Verzweifelt hämmerte der Butler mit den Fäusten an die Wand, die sich hinter ihnen befand. Allerdings schien die Wand nicht sonderlich dick zu sein, denn es klang, als wäre sie an dieser Stelle nur wenige Zentimeter dick. Auch der Lord hatte das bemerkt und half dem Butler, gegen die Wand zu treten oder mit den Fäusten zu schlagen. Es wurde immer heißer und die Luft dünner, Gesteinsbrocken fielen aus dem Vulkankegel herab; der ganze Vulkan schien zu brennen. Lord und Butler schwitzen und keuchten und trommelten verzweifelt gegen die Wand. Dann gab die Wand nach, und ein schwarzes Loch gähnte sie an. McClown packte den Lord und legte ihn auf die Koffer. Dann gab der dem Rollstuhl einen Tritt und sprang in die Dunkelheit. Hinter sich hörte er noch das Brüllen der Flammen und das Zusammenstürzen des Vulkans. Dann hörte er gar nichts mehr.