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Kapitel 6

Im Hamster-Express

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Eisenbahn mit den Hamstern an Bord fuhr durch eine traumhaft schöne Landschaft. Hohe Berge und grüne Täler wechselten einander ab. Hin und wieder begleitete ein kleiner Fluss den stampfenden Zug. Es ging über eine hohe Brücke hinweg durch eine Moorlandschaft, und die Hamster saßen an den Fenstern und staunten.

 



"Wir nehmen den Wagen...." sagte der Bürgermeister lächelnd.

Flecki nahm seine Pfote, seufzte und antwortete:

"Ist ja schon gut, Herr Bürgermeister, wir sind ja im Wagen. Schauen sie ein bisschen aus dem Fenster, es ist sehr schön da draußen."

Während der Bürgermeister die vorbeihuschende Landschaft dämlich angrinste, begannen die ersten Hamster, sich zu langweilen. Goldi hatte aus einem Nachbarwaggon eine ganze Packung Ingwerkekse geklaut, während Bauleiter Murksel zusammen mit dem Reparaturhamster Tuffi eine große Flasche über den Boden rollte.

"Das haben wir gefunden!" rief er stolz. "Das scheint irgendein Apfelsaft zu sein, jedenfalls ist da ein Apfel drauf!"

Nun war Party angesagt. Es gab die schon erwähnten Kekse und dazu das lecker schmeckende Getränk. Schade war eigentlich nur, dass die Hamster nicht wussten, dass das Getränk gar kein richtiger Apfelsaft war. Das Wort "Cidre" hatte sie auch noch nie gehört. Natürlich wusste jeder in Schottland, dass dieser Cidre ein leckeres Getränk war. Nur eben ein alkoholisches, doch das wussten die kleinen Hamster nicht. Jedenfalls noch nicht.

Eine Hamsterparty findet immer nach dem gleichen Muster statt, und das lautet: fressen, abhängen, tanzen und nochmal fressen. Der Zug hatte inzwischen Fort William weit hinter sich gelassen, und auf der linken Seite war Loch Eil in Sicht gekommen.

Ein phantastisches Bild bot sich hier dem Betrachter, doch leider bekamen die Hamster von der schönen Aussicht überhaupt nichts mit. Purzel und Tuffi versuchten, auf der leeren Cidreflasche zu tanzen und überrollten mehrere Hamster, die sich zu einem Nickerchen hingelegt hatten. Flecki knapperte an einem Ingwerkeks und sah zu, wie Goldi an der Notbremse herumturnte und zum wiederholten Male rief:

"Achtung, hier kommt Superhamster!"

Dann ließ er sich mit einem lauten Schrei fallen. Diesmal landete er jedoch nicht auf dem weichen Polster der Sitzbank, sondern es krachte laut.

"Wo is'n Superhamster geblieben?" lallte Bauleiter Murksel und hatte dabei erhebliche Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten.

"Ach, der," antwortete Flecki gelangweilt. "Superhamster ist im Aschenbecher gelandet und steckt fest."



Während der Zug weiter durch eine wunderschöne Landschaft fuhr, war es einigen Hamster gelungen, die Heizung so weit aufzudrehen, dass in dem Zugabteil fast tropische Temperaturen herrschten. Der Bürgermeister saß auf dem Gitterrost der Heizung und sang schon wieder Lieder vom heißen Strand und vom Meer. Ein paar Hamster verspürten nun Lust aufs Meer und begannen, die Klospülung der Toilette des Abteils umzuleiten. Schon nach wenigen Minuten hatte der begeisterte Bürgermeister das Meer, von dem er sang, direkt vor sich.

"Wir sind am Ziel!" rief er freudig und wollte vorsichtig eine Pfote in das Wasser tauchen. Leider kam ihm jedoch Superhamster, der sich aus dem Aschenbecher befreit hatte, dazwischen. Der Bürgermeister beugte sich gerade ein Stück vor und sah den von oben kommenden Goldi nicht. Gemeinsam klatschten sie in das Klowasser.

Nun gab es kein Halten mehr für die durchgeknallten Hamster. Einer nach dem anderen kletterte auf die Notbremse und sprang in das lauwarme Klowasser hinein. Während Flecki der kleinen Tati und dem Reparaturhamster Tuffi beibrachte, wie man aus einer Klopapierrolle ganz viele kleine Papierschnipsel macht, kam es zu einem abrupten Ende der Party.

Inzwischen waren nämlich recht viele Hamster auf die Notbremse geklettert und schaukelten dort vergnügt hin und her. Durch das Gewicht wurde nun die Notbremse ausgelöst, die Lokomotive fuhr plötzlich langsamer, und die Luft war erfüllt vom grässlichen Kreischen der Ränder. Da der Zug sich gerade in einer großen Linkskurve befand und sich somit nur mit mäßiger Geschwindigkeit bewegt hatte, kam er nach kurzer Zeit zum Stehen. Jeder Hamster, der sich nicht festhalten konnte, wurde nun entweder ins Wasser oder auf eine der Sitzbänke geschleudert. Dann war alles still. Ängstlich kletterten die Hamster auf die Fensterbänke. In der Ferne sahen sie eine große Brücke, die aus Steinen gebaut zu sein schien. Doch dann hörten sie etwas, was ihnen einen Riesenschreck einjagte: laute Stimmen, Rufen und das Getrampel von Füßen.

Nachdem die kleinen Nagetiere eine Weile im Kreis gelaufen waren und voller Panik geschrien hatten, kamen sie endlich auf die Idee, zu flüchten. Es war schließlich nicht auszudenken, was wohl passieren würde, wenn der Schaffner sie hier erwischte.

"Schnell, wir müssen aus dem Zug bevor die uns erwischen!" rief Flecki.

"Wie denn?" jammerte Tuffi. "Wo ist der Bürgermeister?"

Der Bürgermeister hatte gerade ein kleines Nickerchen gehalten und war durch den Ruck des bremsenden Zuges von der Sitzbank gefallen. Nun trieb er halb benommen im Wasser direkt auf die Toilette zu. Als er dort angekommen war, beschloss er, auch einmal aus dem Fenster zu gucken, um zu sehen, ob sie schon am Meer waren. Dabei verlor er jedoch das Gleichgewicht und fiel ins Klo. Fragend standen die anderen Hamster um die Klomuschel herum und wussten nicht so recht, was sie mit dieser Botschaft des Erleuchteten anfangen sollten.

"Das ist genial!" rief Goldi plötzlich.

Alle sahen ihn verwundert an.

"Das ist doch klar," fuhr Goldi fort. "Toiletten in Eisenbahnen haben immer eine große Öffnung nach draußen. Ich glaube, das ist so eine Art Notausgang. Man muss nur den großen Hebel dort oben drücken, und schon öffnet sich die Ausstiegsluke nach unten."

Mit Jubelgeschrei sprangen die Hamster nun einer nach dem anderen ins Klo - dem Bürgermeister hinterher. Als alle seine Freunde in der Klomuschel gelandet waren, sprang Goldi auf den großen Hebel. Dann sprang auch er seinen Freunden hinterher.

Es wurde ein sehr, sehr langer Sprung. Die Hamster hatten das Gefühl, ihr Sturz würde nie ein Ende nehmen. Sie stürzten in einen kleinen Fluss, der sich von Norden her durch ein Tal namens Glen Finnan schlängelte.



Halbtot vor Angst waren sie in das Wasser gestürzt, doch das eiskalte Wasser machte sie sofort wieder hellwach. Sie waren nun wirklich keine guten Schwimmer, doch sie hatten Glück. Da es in den letzten Tagen viel geregnet hatte, trieben viele Baumreste in dem Fluss, und somit konnten sich die Hamster an dem Treibholz festhalten.

Sie trieben Richtung Westen, durch das Loch Shiel, immer weiter, bis sie in dunkler Nacht Shiel Bridge erreichten. Dort kletterten sie völlig ausgemergelt und halb verhungert aus dem Wasser und schauten auf eine lang gestreckte, flache Brücke.

"Sehr toll, das hat Spaß gemacht, Erleuchteter," schimpfte Flecki, "und was nun?"

"Wir nehmen den Wagen...." sagte der Bürgermeister lächelnd.


 

Kapitel 7

Auf See II

 

Der Kutter mit dem Kapitän und seinen Passagieren hatte vor wenigen Stunden die Insel mit dem Namen Isle of Man passiert. Ein wunderschöner Anblick, wenn da nicht das ständige Gemecker des Lords gewesen wäre. Inzwischen hatte er sich jedoch etwas beruhigt, denn die letzte Nacht hatte bei ihm Spuren hinterlassen. Er verfluchte seine Dickköpfigkeit, die ihm eine äußerst ungemütliche Nacht auf dem Deck beschert hatte. Wenigstens hatte sein Butler die Tabakspfeife notdürftig zusammengeklebt und Lord McShredder genoss die Aussicht auf dem Deck. In der Ferne kam Land in Sicht.

"He, ist das da vorne Land? Sind wir endlich da?" rief er und stieg aus seinem Rollstuhl, um besser sehen zu können.

"Noch nicht ganz," antwortete der Kapitän, "das ist Islay.1 Es ist die südlichste Insel der Inneren Hebriden. Gleich dahinter kommt Jura. Tja, Herrschaften, da würde ich gerne wohnen."

"Wieso?" riefen Lord und Butler wie aus einem Munde.




Der Kapitän nahm die Pfeife aus dem Mund.

"Wisst ihr, Jungs, für so'n ollen Schipper ist dat n' scheunen Platz. Abseits aller Touristenpfade. Wusstet ihr, dass diese beiden Inseln nur 5 Minuten mit dem Schiff voneinander entfernt liegen und dabei doch total unterschiedlich sind? Jura ist eine wilde, ungezähmte Insel. Nur 200 Menschen leben dort - ansonsten ist die Insel völlig unbewohnt. Dort gibt es nur eine Straße, aber dafür einen schneeweißen Sandstrand. Wusstet ihr beiden, dass George Orwell dort sein Meisterwerk, das berühmte Buch "1984" geschrieben hat?"

Lord und Butler schüttelten die Köpfe und so fuhr der Kapitän fort.

"Die Insel Islay ist dagegen vergleichsweise lieblich und war einst die wichtigste aller schottischen Inseln. Von hier aus herrschten die Häuptlinge von Clan Donald über ein Königreich, das die Hebriden und das gesamte westliche Hochland einschloss. Islay war auch ein wichtiges Zentrum des frühen Christentums, davon habt ihr doch bestimmt schon gehört, oder?"

Lord und Butler schüttelten wieder die Köpfe, und so fuhr der Kapitän fort.

"Tja, und danach werden wir uns Mull nähern, das ist die größte der Inneren Hebriden. Sie liegt unmittelbar vor der schottischen Westküste. Dabei fahren wir dicht an der Insel Staffa vorbei. Da sind kleine Quarzitberge und die Zeichen früherer vulkanischer Aktivität zu sehen. Basaltsäulen gibt es dort und die prachtvolle Höhle Fingal's Cave gilt als geologisches Weltwunder. Und auch hier ist ein Meisterwerk geschrieben worden, nämlich der Komponist Mendelssohn Bartholdy2 hat hier die Idee zu seiner Hebriden Ouvertüre bekommen, die kennt ihr doch, oder?"

Lord und Butler schüttelten erneut die Köpfe und Lord McShredder krächzte leise:

"Mit leeren Magen kann man ja nicht denken, und wenn man nicht denken kann, dann kann man auch nichts wissen."

"Sir, wir haben gebackene Bohnen, die werde ich lecker zubereiten," schlug der Butler vor und rannte zur Kajüte.

"Häh," grübelte der Lord, "nacktes Wohnen wird er beim Bäcker zureiten? Dieser McClown wird immer verrückter."

Wenig später saßen alle in der Kombüse und schaufelten halb verhungert die Bohnen in sich hinein. Seeluft macht Appetit, doch Frido McClown hatte ein Problem. Während er noch vor wenigen Minuten die Bohnen zubereitet hatte, hatte er wieder an seine kleinen, niedlichen Freunde gedacht. Er erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem die Hamster das erste Mal Bohnen gegessen hatten, und wie anschließend die Luft im Schloss nicht mehr zum Atmen taugte. Während er diesen Gedanken nachhing, vermisste er seinen Lappen, mit dem er den schmutzigen Herd gereinigt hatte. Seitdem war nun dieser dreckige Lappen nicht mehr aufgetaucht, und der Butler befürchtete das Schlimmste, als der Lord plötzlich während des Essens hustete und ihn ansah:



"Köstlich McClown, wirklich köstlich. Das war eine gute Idee mit der Frikadelle. Allerdings finde ich sie etwas zu scharf gewürzt!"

Der Kapitän konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und als das Essen beendet war, sprach er:

"Nu' sünd wi an Mull vo'bi, weet ji dat?"

Lord und Butler schüttelten die Köpfe und der Kapitän ergriff das Wort:

"Der kleine Fleck da Achtern war Staffa, das bedeutet, wir nähern uns dem Ende der Reise. Wenn wir ans Festland wollen, bleibt uns nur noch die Möglichkeit, auf der Halbinsel Ardnamurchan zu landen. Das liegt auf der gleichen Höhe wie Killichonan, und es ist nicht weit entfernt von eurem Schloss."

"Dann werden wir zu Fuß weiter gehen?" fragte McClown entsetzt und dachte daran, dass er den meckernden Lord schieben und die Koffer auch noch irgendwie befördern musste.

"Tja, dichter ran kann ich mit meinem Kutter nicht gehen, da sind zu viele Fähren und ich kenne deren Fahrpläne nicht. Deshalb werden wir an der Nordspitze landen. Aber die Halbinsel wird euch gefallen, denn dieser abgelegene Teil der Highlands hat eine Fülle spannender Landschaften. Da gibt es den 'Singenden Sand' von Gortenfern, es gibt uralte Ruinen von Schlössern wie Castle Tioram, und..."

Der Kapitän machte ein bedeutungsschwere Pause.

"Es gibt dort Vulkane."

Der Lord und sein Butler starrten den Kapitän mit offenen Mündern an.

"Jawohl, meine Herrschaften, Vulkane. Ben Hiant, den man über das Landesinnere umrunden muss, ist so ein alter Vulkan. MacLean's Nase, die Klippe bei Kilchoan ist sozusagen nur noch das Innere des Vulkans, der Kegel selbst ist mit der Zeit erodiert. Hier und da wird das vulkanische Gestein durchzogen von Mineralien, von Blei, Kupfer, Strontium und Halbedelsteinen. Edelsteine, meine Herren! Tja, Autos gibt es da kaum, aber Fähren gibt es jede Menge, auch nach Mull. Im Sommer gibt es sogar eine Autofähre zwischen Kilchoan und Tobermory."

Während nun alle schweigend dasaßen, sah McClown etwas Helles in Fahrtrichtung.

"Käpt'n," rief er aufgeregt, "das sieht ja aus wie der Strand von Bettyhill!"

 

Der Kapitän nahm seine Pfeife aus dem Mund und lachte.

"Tja, aber nur fast, lieber Frido. Dieser ist eine ganze Ecke größer und schöner. Meine Herrschaften, wir sind am Ziel. Willkommen in Sanna Bay!"

1 (ausgesprochen: Eila)

2 (geboren in Hamburg, lebte von 1809-1847)


 

Kapitel 8

Kilchoan

 

"Wir nehmen den Wagen?" Flecki war kurz davor, durchzudrehen.

"Herr Bürgermeister, darf ich sie darauf aufmerksam machen, dass weit und breit keine Straße, geschweige denn irgend ein Wagen vorhanden ist? Es ist stockdunkle Nacht und alle Menschen schlafen jetzt! Also, Herr Bürgermeister?"

Der Bürgermeister grinste und guckte die Sterne an.

"Wir nehmen den Wagen..."


"Argrrrr, ich haue ihm die Glocke vom Hals! Der ist doch komplett durchgeknallt!" schrie Flecki und wollte sich über den grinsenden Bürgermeister hermachen, doch Bauleiter Murksel und Reparaturhamster Tuffi konnten die tobende Flecki festhalten.

"Vielleicht verstehen wir ihn falsch," überlegte Tuffi. "Er denkt bestimmt auf einer ganz anderen Ebene als wir."

"Das stimmt," lachte Goldi. "Erinnert ihr euch noch an seine Weihnachtsrede, nachdem er den Weihnachtsbaum an die Birne bekommen hatte?"

"Hi, hi, " gluckste Flecki, "und als die Gulaschkanone ihn in die Erde versenkt hatte..."

Der Bürgermeister glotzte weiterhin die Sterne an und grinste dämlich.

"Möchte wissen, was der da oben so toll findet," wunderte sich Purzel. "Da ist doch bestimmt kein Wagen."

"Höchstens der große Wagen," sagte Goldi und lachte wieder. "Vielleicht können wir ihn mit einer Rakete dorthin schicken."

"Der große Wagen?" rief Tuffi aufgeregt. "Aber das ist es doch! Wir müssen dem großen Wagen folgen. Der Erleuchtete nennt uns die Himmelsrichtung, in die wir gehen müssen!"

 



Nun folgte eine kurze Diskussion innerhalb der Hamsterschar. Es wurde beschlossen, lieber einem blöden Plan zu folgen, als gar keinen Plan zu haben.

Auf ihrem Weg in westlicher Richtung waren die Hamster froh, endlich wieder auf trockenem Gelände zu sein. Es war recht angenehm, auf dieser Strecke zu laufen, denn sie war wenig befahren. Die Hauptstraße verlief nun in südlicher Richtung, und der große Wagen leuchtete am westlichen Teil des Himmels.

"Wenn die Straße nicht bald eine Rechtskurve macht, landen wir nie am Meer," jammerte Dodo.

"Stimmt," sagte Flecki, "jedenfalls folgen wir auf diesem Weg nicht dem bekloppten Wagen. Wo sind wir überhaupt?"

"Ich glaube, auf dem Ortschild stand etwas wie El Caracha,1 oder so ähnlich," meinte Dodo.

Es war recht kühl in dieser Nacht, und zu allem Übel gesellte sich ein feiner Regen dazu. Die Hauptstraße machte noch immer keine Anstalten, endlich nach rechts abzubiegen, also bogen die Hamster an der nächsten Seitenstraße rechts ab, und nach ein paar Hundert Metern sahen sie ein Gebäude auf der rechten Seite des Weges. Beim Näherkommen entpuppte es sich als eine Kirche. 4 Fenster und ein winziger Turm, nicht viel größer als ein Schornstein, das war alles, was diese kleine, graue Kirche zu bieten hatte. Den Hamstern war es egal, sie fanden schnell einen kleinen Eingang und waren froh, im Trockenen zu sein. Es war kalt und unheimlich, doch draußen war es noch kälter und unheimlicher.



Die Nacht war kurz und wenig erholsam, denn der Bürgermeister hatte mehrfach Lieder von Sonne und Strand angestimmt.

"Wenn wir nicht bald am Strand sind, drehe ich durch." Doch nicht nur Flecki war sauer auf den Bürgermeister. Alle hatten Ränder unter den Augen und hätten den Bürgermeister am liebsten mit einer Kanone in Richtung Meer geschossen.

"Wir brauchen dringend etwas zum Essen," bemerkte Goldi, "wir haben seit einer Stunde nichts mehr gegessen."

"Weil du Vielfraß alles aufgesogen hast, was noch da war," schimpfte Flecki. "Nun können wir zusehen, wo wir bleiben."

Die Lage war ernst. Außer Torfmoos und Wellengräsern gab es nichts, und Heather, wie das schottische Heidekraut genannt wird, mochten die Hamster überhaupt nicht.

Guter Rat war nun teuer, und nach einer kurzen Besprechung fassten die Hamster den Entschluss, zurück zur Hauptstraße zu gehen. Schließlich war da ja eine kleine Stadt, und wo eine Stadt ist, gibt es auch etwas zu fressen. Nur dem Bürgermeister passte dieser Plan nicht, er schrie laut, dass er ans Meer wolle. Schließlich packten ihn Murksel und Dodo bei den Hinterpfoten und schleiften ihn mit. Dadurch dauerte es natürlich etwas länger, bis sie den Ort erreicht hatten.

"Und nun?" Flecki sah sich um. "Da vorne sind ein paar kleine Geschäfte, doch Geld haben wir nicht."

"Wir könnten einen Überfall machen," schlug Goldi vor. "Das ist nur Mundraub und wird nicht so hart bestraft."



"Wirklich toll," spottete Flecki, "und wie wollen wir mit unseren kurzen Pfoten so schnell wegkommen?"

"Wir nehmen den Wagen..."

"Klappe, Bürgermeister!" schrie Flecki und rannte kreischend im Kreis herum. "Ich drehe gleich durch, wenn der Kerl noch ein Wort sagt."

"Na ja," meldete sich Purzel, "da vorne steht ein Lieferwagen, aber einen Raubüberfall mache auch ich nicht mit."

"Wie wäre es, wir arbeiten mal zur Abwechselung?" meldete sich nun Reparaturhamster Tuffi.

Dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung angenommen, obwohl keiner der Hamster auch nur die geringste Ahnung davon hatte, wie sie mit Arbeit Geld oder Futter verdienen sollten. Nun musste eine Entscheidung getroffen werden, in welchem der Geschäfte sie ihre Arbeitskraft anbieten sollten. Bauleiter Murksel schlug vor, es in dem kleinen Laden für Ersatzteile zu versuchen. Flecki und Tuffi waren für den Blumenladen, Goldi für den Bäcker und der Bürgermeister für Sonne, Meer und Strand. Die Mehrheit war für Goldis Vorschlag, und da er den Vorschlag gemacht hatte, sollte er auch das Bewerbungsgespräch führen.

"Wenn es nicht klappt, dann nehmen wir Plan B." sagte Goldi mit fester Stimme.

"Plan B?" fragte Flecki.

"Plan B," bestätigte Goldi. "Wir klauen ein Stück Kuchen und verschwinden.“

So betraten sie den Bäckerladen, während sie den immer noch heftig protestierenden Bürgermeister hinter sich herschleiften. Es war nicht einfach, die schwere Eingangstür mit vereinten Kräften aufzuschieben. Als sie auch das geschafft hatten, erklang das helle Geräusch einer Glocke, und eine ältere Dame trat hinter den Verkaufstresen. Zunächst blickte sie verwundert auf die Tür, die sich wie von Geisterhand öffnete, doch dann fiel ihr Blick auf den Boden. Erstaunt richtete sie ihre Brille zurecht und betrachtete die Hamster.

"Ach, wie niedlich! Was wollt ihr denn hier?"

Flecki schubste Goldi vor den Verkaufstresen.

Da stand Goldi nun vor der Verkäuferin und versuchte sich an die Worte erinnern, die Elfriede2 ihm vor langer Zeit einmal beigebracht hatte. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft. Was, wenn die nette Verkäuferin ihn fragte, welche Arbeit die Hamster denn machen könnten? Nix, würde er zugeben müssen. Also, gleich Plan B? Nein, es war unmöglich, auf den Tresen zu springen und den Kuchen zu nehmen. Da hatte Goldi die rettende Idee. Mit riesig großen Kulleraugen trat er dicht vor die Verkäuferin und zeigte auf seinen Bauch. Dazu gab er ein leises, klagendes Fiepen von sich und zeigte immer wieder auf seinen hungrigen Magen. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten.



"Oh je, du armes, armes, kleines, süßes Tierchen! Hunger hast du also! Komm her, ich gebe dir etwas."

Der Verkäuferin standen die Tränen in den Augen. Sie nahm ein paar Stücke Kuchen und verteilte sie großzügig unter die Hamster, wobei Goldi natürlich das größte Stück erhielt. Dann kraulte sie den kauenden Goldi und hielt anschließend die Tür ihres Ladens auf, als die Hamster mit dem Kuchen das Weite suchten.

"Alle Achtung, wenn es ums Fressen geht, bist du unschlagbar," sagte Flecki zu Goldi, als sie wieder auf der Hauptstraße waren.

Somit hatten die Hamster wieder ein Problem glänzend gelöst, doch da tauchte schon das nächste auf. Der Himmel war in der letzten Stunde recht dunkel geworden, und nun fielen die ersten dicken Regentropfen.

"Wollen wir jetzt in den Wagen?" fragte Tuffi.

Dieses Mal gab es keine langen Diskussionen, und einer nach dem anderen kletterte schnell auf die überdachte Ladefläche. Der Regen prasselte auf die Plane des Lieferwagens, während die Hamster im Trockenen saßen und Kuchen futterten. Es war urgemütlich hier drinnen, und als auch der letzte Krümel vertilgt war, fiel ein Hamster nach dem anderen in den Schlaf.

Das Prasseln des Regen hatte schon lange aufgehört, als die schlafenden Hamster unsanft aus dem Schlaf gerissen wurden.

"Eflih, ein Erdbeben, Kinap!" tönten die Schreie der Hamster,

"Ruhe bewahren," rief Bauleiter Murksel, "ihr wisst doch, was ihr bei Gefahr zu tun habt!"

Sofort begannen die Hamster kreischend im Kreis zu laufen. Was das Laufen betrifft, hatten sie allerdings beträchtliche Schwierigkeiten, denn der Boden unter ihren kleinen Pfoten rüttelte und bewegte sich heftig. Immer wieder fielen die kleinen Tiere kreuz und quer übereinander, bis sie endlich auf die Idee kamen, herauszufinden, was denn überhaupt los war.

"Der Lieferwagen ist einfach losgefahren!" rief Tuffi entsetzt.

"Hö, hö," grinste der Bürgermeister, "wir nehmen den Wagen... Sommer, Sonne, Strand, da wo ich die Sonnenblumenkerne fand..."

"Wo mögen wir hinfahren?" fragte Tuffi und spähte durch einen Riss in der Plane nach draußen. "He, da ist ein Schild. Ich glaube da steht Kilchoan drauf."

Jetzt waren die Hamster nicht mehr zu halten, und jeder versuchte, einen kleinen Riss in der Plane zu finden um hinaus zu schauen. Eine phantastische Landschaft war dort draußen. In der Ferne war ein hoher Berg zu sehen, der wie ein Vulkan aussah. Zur anderen Seite war das Meer zu sehen. Rumpelnd und polternd fuhr der Lastwagen an einem Schild vorbei, auf dem der Name Sanna stand, bis er urplötzlich zum Stehen kam.

 



Vorsichtig lugten die Hamster unter der Plane hervor. Sie befanden sich auf einem kleinen Parkplatz. Der Fahrer stieg aus und lief in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Dort befand sich eine Telefonzelle. Ein kleiner Fluss war zu erkennen, er schien direkt zum Meer zu führen. Dünen und Seegras waren zu sehen. Nun gab es kein Halten mehr für die Hamster, sie liefen, so schnell ihre kleinen Pfoten sie trugen, durch die Dünen. Als letzter folgte der grinsende Bürgermeister, der mal wieder ein Lied vom Meeresstrand grölte. Als sie den Strand erreichten, ließen sie sich erschöpft in den warmen, sauberen Strand fallen und guckten neugierig auf das Meer. In der Ferne näherte sich ein Schiff.

1 (Acharacle)

2 (siehe Band II, Hamster, Hexen und Australien)


 

Kapitel 9

McClown dreht durch

 

Lord McShredder war außer sich vor Wut, während McClown versuchte, ihn zu beruhigen.

 

"Sir, darf ich sie darauf hinweisen, dass es nicht meine Schuld war, dass ihre Pfeife ins Wasser gefallen ist?“ rief McClown und hatte erhebliche Mühe, dem Fender auszuweichen, den der Lord nach ihm geschleudert hatte.

 

Der Kapitän stand hinter dem Steuerrad und schüttelte den Kopf. Noch vor wenigen Minuten hatte der Lord aufgeregt am Bug gestanden und Anweisungen gegeben, wie das Schiff zu steuern sei. Der Kapitän hatte die Anweisungen einer solchen Landratte schlichtweg ignoriert, und als McClown dem Lord zurief, er solle den Kapitän bei der Landung nicht stören, pöbelte McShredder los. Dabei war ihm allerdings die Pfeife aus dem Mund gefallen.

"Es ist alles ihre Schuld McClown, also holen sie gefälligst meine Pfeife aus dem Wasser!“

"Aber, Sir, hier gibt es vielleicht Ungeheuer!“ jammerte der Butler.

"Ach was,“ lachte der Kapitän, "hier gibt es höchstens Wale, Delphine oder Orkas. Doch nun, Herrschaften, festhalten. Wir legen an!"

 

Die Hamster waren auf das, was sich da auf dem näherkommenden Schiff abspielte, aufmerksam geworden. Sie standen auf ihren kleinen Hinterpfoten und reckten ihre Hälse, so weit es ging, in die Luft. Ihre Barthaare zitterten vor Aufregung und ihre Knopfaugen starrten auf das, was sich dort abspielte. Sie sahen zwei Männer, einen jüngeren und einen älteren, die beide bis zu den Hüften im Wasser standen. Der ältere versuchte, den jüngeren zu verprügeln, was allerdings misslang, da der jüngere zum Strand hin flüchtete. Das Schiff ankerte etwa 30 Meter vor dem Strand, und der Kapitän setzte ein kleines Beiboot aus, in das er die mitgenommenen Koffer warf.

Der Butler Frido McClown erreichte keuchend den Strand von Sanna Bay, ließ sich erschöpft in den Sand fallen und schloss die Augen. Er empfand ein tiefes Glücksgefühl, endlich wieder in Schottland zu sein. Ganz, ganz weit in der Ferne hörte er die zeternde Stimme seines Herren und ahnte, dass sich nun der Lord mit dem Kapitän über die Höhe der Fahrtkosten unterhielt.

"Du kanns' dien Kuffer in Scilly Islands afholen, wenn du mi nich betolst!" hörte der Butler die feste Stimme des Kapitäns und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Bestimmt würde der Kapitän mit dem knauserigen Lord spielend fertig werden, und ..."

"Ollah!"1



McClown riss die Augen auf und drehte seinen Kopf ganz, ganz langsam zur Seite. Es dauerte einige Sekunden, bis er begriff. Hamster? Aber wie und woher, wieso waren hier Hamster am Strand? Noch dazu ganz gewisse Hamster, die doch eigentlich gar nicht hier sein durften? Alles um den Butler herum schien sich zu drehen, das Meer, der Strand, die Dünen und irgendwo ein Lord, der neben einem Beiboot im Wasser stand und seinen Namen rief. Der überglückliche Butler nahm sich den ersten besten Hamster, hob ihn hoch und tanzte mit ihm über den feinen Sand, während sein Herz jubelte. Dann setzte er den Hamster ab.

 

"Ich komme gleich wieder," sagte er und lief zum Lord, um ihm zu helfen, das Boot mit den Koffern an Land zu ziehen.

"Und ich könnte kotzen," schimpfte Flecki, "mir ist ganz schlecht von diesem blöden Karussell fahren."

"Und ich fürchte, wir haben ein Problem," meinte Goldi. "Die kommen aus dem Urlaub zurück oder so. Die wissen noch nicht, dass ihr Schloss zu einer Tiefgarage umgebaut wurde."

"Der alte Lord wird uns das Fell über die Ohren ziehen, wenn er das raus kriegt," fürchtete Purzel.

"Am besten, wir stellen uns doof," schlug Goldi vor.

"Oder noch besser wäre," meldete sich Flecki, "wir lassen den Bürgermeister für uns sprechen. Wozu ist er denn Bürgermeister?"

 

Dieser Vorschlag wurde begeistert angenommen. Natürlich würde Lord McShredder die Hamster nicht selber fragen, dazu war er zu schwerhörig. Außerdem beherrschte er die hamstische Sprache nicht, also würde sein Butler für beide Seiten den Übersetzer spielen. Im schlimmsten Falle würde daher der Butler die Schläge kriegen, und der war es ja schließlich gewohnt. Nun waren die Hamster etwas erleichterter, und es dauerte nicht lange, bis Lord McShredder den Strand erreicht hatte und sie entdeckte.

 

"McClown, hier sind Ratten am Strand!"

"Sir, mit Verlaub, das sind Hamster!"

"Na, schön, McClown. Sehen sie mal zu, dass sie die Koffer und meinen Rollstuhl an Land kriegen, und dann hätte ich gerne eine Tasse Tee," krächzte der Lord und setzt sich mitten zwischen die Hamster. Dann nahm er seine Pfeife heraus, warf sie in den Sand und begann, umständlich nach seinem Feuerzeug zu suchen.

"Toidi!"2 schrie Goldi und sprang schnell zur Seite, bevor die Pfeife ihn erwischte.



"Das schreit nach Rache," schimpfte Dodo. Goldi nickte, lief ein Stück auf die Dünen zu und riss ein paar Gräser aus. Dann lief er um den Lord herum, der noch immer sein Feuerzeug suchte, und stopfte die feuchten Gräser in die Tabakspfeife. Zu guter Letzt setzte er sich auf den Kopf der Tabakspfeife und ließ den Gräsern noch schnell ein paar Hamsterködel folgen.

Inzwischen hatte der Butler alle Koffer auf den Rollstuhl gelegt und an Land geschoben. Nun legte er sich erschöpft in den Sand. Der Lord hatte mittlerweile sein Feuerzeug gefunden und wollte gerade nach seiner Pfeife greifen, als er die ersten Tropfen eines beginnenden Regens auf seinem Gesicht spürte.

 

"Sir, wir sollten zusehen, dass wir ins Trockene kommen," gab sein Butler zu bedenken und zeigte auf den Himmel. "Dort braut sich ein Gewitter zusammen."

"Selbstverständlich, McClown. Also setzen sie mich in meinen Rollstuhl und sehen sie zu, dass sie Land gewinnen!"

"Sir, wie sollen wir die Koffer..." begann der Butler, doch der Lord unterbrach ihn.

"Schnick-Schnack, McClown, sie sind immer nur am Jammern. Selbstverständlich helfe ich ihnen beim Tragen der Koffer. Ich nehme einen Koffer auf den Schoß und sie den Rest. So schwer kann das doch nicht sein."

Verärgert klemmte der Butler sich 4 Koffer - jeweils zwei auf jeder Seite - unter die Arme und schob so gut es ging den Lord durch den tiefen Sand.

"Geht das nicht etwas schneller, McClown? Wollen sie, dass ich nass werde?"

"Nun, Sir," ächzte McClown, der unter der Last der Koffer und der Schwierigkeit, einen beladenen Rollstuhl durch den Sand zu schieben, fast zusammenbrach, "wenn sie bitte kurz einmal aufstehen würden, Sir, dann ginge es besser."

"Aufstehen? Ich? McClown, sie sind ein fauler Sack. Sie geben sich keine Mühe!"

Die Hamster, die der Unterhaltung interessiert zugehört hatten, waren stehen geblieben. So, wie auch der Butler jetzt stehen geblieben war. Sein Gesicht war knallrot vor Wut und Anstrengung, und seine Augen waren weit geöffnet.

"Ich glaube, jetzt geht es los," sagte Flecki. "Wir sollten es uns gemütlich machen und zugucken."

 

Dann ging alles blitzschnell. Der Rollstuhl mit dem Lord schien plötzlich über den riefen Sand zu fliegen. Mit aller Kraft schob der wütende Butler den Lord samt seinem Gefährt hinauf auf die nächste Düne. Auf der Kuppe stoppte er abrupt, und der Lord flog kreischend durch die Luft. Dann nahm Frido McClown einen Koffer und schleuderte ihn nach seinem Herrn. Der erste Koffer ging noch knapp an dessen Kopf vorbei, doch schon der nächste traf den flüchtenden Lord an der Schulter. Laut kreischend und ohne eine Spur von adeligem Benehmen rannte Lord McShredder um sein Leben.

 

"Ich gebe mir Mühe, Sir," brüllte Frido McClown, "sehen sie nicht, wie ich mir Mühe geben, ihre dämliche Birne zu treffen?" und rannte hinter dem Lord her.

Die Hamster ihrerseits gaben sich Mühe, mit ihren kleinen Beinen dem rasenden Tempo zu folgen. Begeistert verfolgten sie, wie der Butler fast mühelos die schweren Koffer nach dem Lord warf.

"Schnell, auf die Düne, da können wir besser zugucken," rief Flecki, während sich der Lord in seiner Not in der Telefonzelle beim Parkplatz versteckte.

"Kommen sie raus und kämpfen sie wie ein Mann," brüllte der Butler und schleuderte weiterhin einen Koffer nach dem anderen auf die Telefonzelle. Bei jedem Treffer wackelte sie bedenklich, während sich der Lord mit ängstlichem Gesicht von Innen gegen die Tür stemmte und sie zudrückte.

"Komm raus, du Feigling," grölte McClown, doch der Lord dachte nicht daran.



Die Hamster genossen das Schauspiel von der Düne aus. Sie beobachteten, wie der Butler sich auf einen der Koffer setzte, um einen Moment nach Luft zu schnappen.

"Können wir dem netten Mann nicht helfen?" fragte Tuffi.

"Genau," sagte Goldi, "schließlich hat uns dieser Butler schon oft Futter gegeben. Aber wie können wir helfen?"

"Wir nehmen den Wagen..."

Die Hamster sahen den grinsenden Bürgermeister an und befürchteten, dass er nun ganz durchgeknallt war.

"Den Wagen? Aber natürlich," rief Tuffi, "der Erleuchtete hat Recht. Seht doch, da steht der Wagen!"

Nun begriffen auch die restlichen Hamster. Der Rollstuhl! Mit lautem "Uhuj"3 kletterten sie alle auf den Rollstuhl und schaukelten hin und her. Ganz langsam neigte sich der Stuhl. Genau in diesem Moment nutzte Lord McShredder die Waffenpause dazu, sich mit zitternden Händen seine Pfeife anzuzünden. Eine kleine Beruhigung würde ihm gut tun, so dachte er. Hastig sog er an dem Mundstück der Pfeife, während er beobachtete, wie sein Butler Frido McClown die Koffer einsammelte, um einen neuen Angriff gegen ihn und die Telefonzelle zu starten. Dann sah er noch etwas. Etwas, was ihn noch mehr beunruhigte. Sein Rollstuhl kam wie von Geisterhand gesteuert die Düne herabgeschossen - genau auf seine Telefonzelle zu! Auch der Butler sah, was als Nächstes kommen würde und grinste. Das fröhliche Fiepen der Hamster war inzwischen in Panik umgeschlagen, als sie die Telefonzelle samt McShredder auf sich zukommen sahen.

 

"Abspringen, schnell abspringen!" schrie Bauleiter Murksel, und ein Hamster nach dem anderen hüpfte vom rasenden Rollstuhl herunter und landete im weichen Dünensand. Nur der Bürgermeister blieb gemütlich auf dem gepolsterten Sitz des dahinrasenden Fahrzeugs und grölte ein Lied vom 'Strand und Meer'.

 

Inzwischen hatte Lord McShredder ein weiteres gewaltiges Problem: sein Magen spielte verrückt und alles in seinem Kopf schien sich zu drehen. Ihm war, als kreisten Tausende von Koffern um seinen Kopf, und seine Knie waren weich wie Pudding. Ob sein Tabak schlecht geworden war? Er spukte die Pfeife aus, stützte sich mit beiden Händen an der Glasscheibe der Telefonzelle ab und sah den rasenden Rollstuhl auf sich zu kommen. Dann geschahen zwei Dinge kurz hintereinander. Als erstes übergab sich der Lord, und die Innenseite der Glastür wurde mit einem Schwall grünen Schleims bedeckt. Dann knallte der Rollstuhl an die Telefonzelle, der Bürgermeister flog vom Sitz und klatschte gegen die Außenseite der Glastür. Ganz langsam rutschte er nun die Glasscheibe hinunter, während sich McShredder auf der anderen Seite der Scheibe wieder und wieder übergab. Schließlich brach mit einem lauten Scheppern die Telefonzelle in sich zusammen. Unter dem Jubel der Hamster setzte Frido McClown nun seinen Beschuss mit den Koffern fort. Der Bürgermeister hatte sich inzwischen unter den Rollstuhl gerettet. Sein dümmliches Grinsen war nach dem Klatscher an die Scheibe verschwunden, und er jammerte leise. Gerade hatte der Butler unter dem Jubel der Hamster einen besonders guten Treffer in den Nacken des sich übergebenden Lords gelandet, als dieser mit gurgelnder Stimme rief:

"Gnade, McClown, Gnade!" Der Lord übergab sich erneut. "Sie können die Koffer auf dem Rollstuhl befördern, ich gehe zu Fuß!"

"Schön, Sir, dass das geklärt ist," erwiderte der Butler und ging zur zerschmetterten Telefonzelle. Dann hob er den Türgriff mit dem Rest dessen, was einst eine Tür war, hoch und sprach:

"Bitte, Sir, nach ihnen".

1 (Hamstisch: Hallo)

2 (Hamstisch: Idiot)

3 (Hamstisch: Juhu)


 

Kapitel 10

Übernachtung

 

Der Regen war inzwischen heftiger geworden. Mensch und Tier sehnten sich nach einem trockenen, warmen Plätzchen. Besonders Lord McShredder sehnte sich nach einer Dusche und einer Tasse Tee. Letzteres, um seinen Magen zu beruhigen. Das ungewohnte Gehen bereitete ihm zusätzliche Probleme. Auf ihrem Weg entlang der Küste erreichten sie den kleinen Ort Portuairk. Zu ihrer großen Freude fanden sie eine kleine Teestube, ein gemütliches, kleines Häuschen mit Schieferdach und einem recht großen Schornstein. Drinnen war es urgemütlich und durch das Fenster war das Meer zu sehen.

"Willkommen im Hause McHubble," begrüßte sie ein alter Mann. Er trug einen Kilt, stützte sich auf einen Stock und sah die Neuankömmlinge scharf an. Besonders genau musterte er Lord McShredder, der wirklich keinen vorteilhaften Anblick bot.

"Hat hier jemand den Namen McHubble erwähnt?" krähte der Lord.

"Sir, wenn ich etwas sagen dürfte," mischte sich der Butler ein.

"Ruhe, McClown, das ist meine Sache!" fauchte der Lord und wandte sich dem Wirt zu.

Die Hamster waren in der Zwischenzeit auf einen der Tische gesprungen. Dort lagen ein paar Reste alter Brotkrumen, und nachdem sich jeder etwas genommen hatte, machten sie es sich bequem und betrachteten neugierig, was nun passierte. Lord McShredder hatte sich von seinem Stuhl erhoben. Reste von grünen Schleim tropften von seinen Kleidern auf den Holzfußboden, sein Gesicht war blass und die Haare total zerzaust, doch seine Streitlust schien wieder geweckt worden zu sein. Er trat vor den Wirt.

"Wo ist mein Schaf, das du mir neulich gestohlen hast, du Lump?"1

"Sir, wenn ich zu bedenken geben dürfte, das war 1935, und das Schaf ist bestimmt schon lange..."



"McClown, ich weiß, wann das war! Das ändert nichts an der Tatsache, dass McHubble ein elender Dieb ist!"

Der Lord wandte sich wieder an den Wirt.

"Also, McHubble, du Lump, wo ist es?"

"Ein Dieb? Du wagst es, einen McHubble einen Dieb zu nennen? Es war mein Schaf und es hat sich auf deinem Grund und Boden verlaufen. Ich habe es mir nur wiedergeholt!"

"Wiedergeholt? Gestohlen hast du es, du elender Schurke!" kreischte McShredder.

Sein Butler hatte es sich inzwischen gemütlich gemacht, saß zusammen mit den Hamstern am Tisch und lauschte der Diskussion zwischen McShredder und McHubble. Zwischendurch gelang es dem Butler, beim Wirt eine Tasse Kakao und recht viele Kekse für sich und die Hamster zu bestellen. Während McHubble in die Küche ging und das Gewünschte brachte, stritt er sich lautstark mit dem Lord. Frido McClown und die Hamster waren begeistert, denn sie hatten zu essen, zu trinken und dazu lautstarke Unterhaltung. Nachdem es nach einer halben Stunde immer noch keine Ergebnisse innerhalb der Diskussion gab, rief der Lord: "McClown, wir gehen! In diesem Haus bleibe ich keine Minute länger!"

"In Ordnung, Sir," entgegnete der Butler kauend und steckte schnell die letzten Kekse ein, die die Hamster übrig gelassen hatten. Dann wandte er sich an McHubble.

"Was schulden wir ihnen, Sir?"

"Nichts! Ich nehme kein Geld, das aus dem Hause McShredder stammt!"

Somit verließen sie das kleine Haus und machten sich auf den Weg. Frido McClown und die Hamster waren satt und guter Dinge, lediglich Lord McShredder wirkte müde und hungrig.

"McClown, wir sollten irgendwo einkehren, wir könnten eine Kleinigkeit gebrauchen."

"Sir, wenn ich zu bedenken geben dürfte," antwortete der immer noch kauende Butler, "dass wir erstens nicht sonderlich hungrig sind, und zweitens der nächste Stopp in Kilchoan vorgesehen ist."

"Ist das noch weit?" stöhnte der Lord.

"Nicht sehr weit," antwortete der Butler, und sein Blick fiel auf die schlafenden Hamster. Er hatte die müden Tierchen in einen der Koffer auf dem Rollstuhl gesetzt und zwar in den mit der sauberen Unterwäsche des Lords. Zwischen Kofferklappe und Koffer hatte er eine Socke des Lords gesteckt, damit die Hamster genug Luft bekamen. Zufrieden betrachtete Frido McClown, wie seine kleinen Freunde sich unter die Wäsche kuschelten und schliefen.

 


Sie hatten den kleinen Ort Archnaha schon lange hinter sich gelassen und erreichten eine kleine Brücke. Zu ihrer linken war eine Bergkette und ihrer rechten Seite befand sich ein Wald. Nach drei weiteren Meilen hatten sie Kilchoan erreicht und steuerten direkt auf eine Herberge zu, in der sie übernachten wollten. Der Lord war auf den letzten Metern leider zusammengebrochen und daher hatte McClown ihn ausnahmsweise auf die Koffer gelegt. Er schob den Rollstuhl vor die Rezeption und drückte auf eine Klingel, die sich dort auf dem Tresen befand. Nach einer Minute erschien eine recht energisch aussehende, dicke Frau und musterte erst den Butler und dann das, was sich auf dem Rollstuhl befand.

"Das ist hier keine Müllabfuhr, Sir. Wenn sie ein Zimmer möchten, müssen sie das da vor der Tür lassen."

"Das da, gnädige Frau," sagte der Butler mit ruhiger Stimme, "ist der Lord McShredder von Killichonan, der Bezwinger des Seeungeheuers von Loch Ness und zugleich Herzog von Spanien."

"Was sie nicht sagen," entgegnete die dicke Frau, "wann hat er denn mit dem Seeungeheuer gekämpft? Gerade eben?"

Die dicke Frau stellte sich als Mrs McMyer vor und zeigte dem Butler den Weg zur Unterkunft. Sie erklärte ihm, dass es um diese späte Uhrzeit kein warmes Essen gäbe, bot ihm aber an, ein paar belegte Brote zu schmieren. Dankend nahm der Butler an und brachte erst die Hamster samt Koffer und dann den Lord in das Zimmer. Wenig später erschien Mrs McMyer und brachte die versprochenen Brote. Nachdem er eines der Brote gegessen hatte, legte er den Hamstern ebenfalls ein belegtes Brot in den Koffer und ein weiteres neben den schlafenden Lord. Dann legt auch er sich schlafen, doch schon nach kurzer Zeit wurde er aus seinen Träumen gerissen.

"McClown, was ist das für ein Lärm?" Der Lord stand neben seinem Bett und schaute fragend auf die Koffer.

"Nun, Sir, das, äh, sind die Hamster. Es sind Nachttiere, wissen sie, sozusagen nachtaktiv,äh, besonders in der Nacht."

"Das höre ich, McClown. Schieben sie diese Partygesellschaft bitte umgehend vor die Tür!"

Seufzend nahm McClown den Koffer und trug ihn vor die Tür ihres Zimmers. In der Zwischenzeit nahm der Lord endlich ein Duschbad. Der Butler legte sich auf das Bett und aß ein belegtes Brot. Zu allem Überfluss fing der Lord unter der Dusche an zu singen, während die Hamster lautstark ihre Party vor der Zimmertür feierten. Einige der Partyteilnehmer waren aus dem Koffer geklettert und sahen sich in der kleinen Pension um. Unten, in der Eingangshalle, befand sich ein Kamin. Flecki und Tuffi stellten fest, dass sich aus den Brennholz eine prima Wippe machen ließ. Goldi und Bauleiter Murksel hingegen bauten eine Rampe, mit der man prima Holzscheite durch die Eingangshalle schießen konnte. Es war ganz einfach: auf die eine Seite der Rampe wurde ein Holzscheit gelegt, auf die andere wurde zu zweit aufgesprungen, und schon flog der Holzscheit in hohem Bogen durch den Raum. Natürlich erwischte es hin und wieder einen der anderen Hamster, aber das tat der guten Stimmung keine Abbruch. Dodo und Purzel war es sogar gelungen, die Tür der großen Pendeluhr zu öffnen, und nun schaukelten sie fröhlich am Pendel hin und her. Der Bürgermeister, der noch immer nicht ganz klar im Kopfe war, stand neben der Klingel auf dem Empfangstresen. Er war von Goldi als Schiedsrichter eingesetzt worden. Seine Aufgabe bestand darin, jedes Mal eine Pfote in die Luft zu heben, wenn ein Holzscheit die Klingel traf.

"Wozu soll denn der Bürgermeister jedes Mal anzeigen, wenn Du getroffen hast? Das hörst du doch!" fragte Flecki.



"Na ja," druckste Goldi, "aber es quiekt immer so nett, wenn ich den Bürgermeister treffe."

Der Butler bekam von all dem nichts mit. Er schnarchte zufrieden vor sich hin. Währenddessen beschloss der Lord, mangels Seife seine Duschsitzung zu beenden. Zwei Stück Seife waren ihm bereits abhanden gekommen, wobei das eine im Abfluss feststeckte und dafür sorgte, dass das Wasser mittlerweile über den Rand der Duschwanne geschwappt war. Das wäre alles nicht passiert, wenn sein Butler seine verzweifelten Rufe gehört hätte. Doch der schlief tief und fest. Inzwischen lief das übergeschwappte Wasser bereits unter der Zimmertür hindurch bis auf den Flur. Von dort aus fand es weiter seinen Weg die Treppe hinunter, wo es von den feiernden Hamstern jubelnd als neue Abwechselung begrüßt wurde. Nun war Wildwasserfahrt angesagt, wobei jeder Hamster einen kleinen Holzscheit nahm und sich in die Fluten stürzte.

Mrs McMyer schlief unruhig. Das tat sie immer, wenn sich neue Gäste in ihrem Hause befanden. Schon mehrfach hatte sie in dieser Nacht merkwürdige Geräusche gehört, und ein paar Mal war ihr, als hätte jemand die Klingel an der Rezeption betätigt. Zudem war da noch ein plätscherndes Geräusch, das sie sich nicht erklären konnte. Da sie ohnehin nicht mehr einschlafen konnte, beschloss sie, nach dem Rechten zu sehen.

Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken, als sie sich der kleinen Eingangshalle näherte, und die merkwürdigen Geräusche lauter wurden. Es klang wie leises "Uhuj!"; zwischendurch war Quieken und das Geräusch der Klingel zu hören. Mit klopfenden Herzen und unbändiger Wut im Bauch blieb sie stehen. Sie hörte das Plätschern des Wassers direkt vor sich - doch da war plötzlich noch ein Geräusch. Es war ein lautes Geräusch, dass alle anderen übertönte. Ein lautes "Hilfe, McClown!" war zu hören, gefolgt von einem noch lauteren Krachen.

Was Mrs McMyer natürlich nicht wissen konnte, war, dass Lord McShredder soeben das zweite verlorene Stück Seife wiedergefunden hatte. Als er nämlich aus der Dusche stieg, trat er genau auf eben dieses Stück Seife und schoss mit dem eben erwähnten Hilfeschrei durch die Tür. Die Tür gab zwangsläufig nach, und der Lord setzte seine Reise über die Treppe bis nach unten fort. Mrs McMyer erreicht in diesem Moment den Ort des Geschehens und traute ihren Augen nicht. Badende Hamster! Ein nackter Lord kam mit einem Schwall Wasser die Treppe herunter gerutscht! Eben flog auch noch ein Holzscheit dicht an ihrem Kopf vorbei! Mrs McMyer holte tief Luft. Dann schrie sie so laut, dass sogar Frido McClown aus dem Schlaf gerissen wurde.

"Raus! Sofort!"

Wenige Minuten später standen Lord McShredder mit seinem Butler samt Gepäck auf der Straße. Aus den Koffern drang das leise Schnarchen der Hamster. Lord McShredder atmete die klare Nachtluft ein und reckte seine Glieder.



"Ausgezeichnet, mein lieber McClown, die herrliche Nachtluft wird uns gut tun. Wir werden auch nicht weit laufen müssen, denn dieses Gebiet kenne ich wie meine Westentasche. In dieser Richtung liegt Mingary Castle, dort werden wir übernachten."

 

1 (siehe Band III "Hamster in Gefahr“)

 

Die Rückkehr (nach Schottland) - Kapitel 11-15