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Kapitel 10

Übernachtung

 

Der Regen war inzwischen heftiger geworden. Mensch und Tier sehnten sich nach einem trockenen, warmen Plätzchen. Besonders Lord McShredder sehnte sich nach einer Dusche und einer Tasse Tee. Letzteres, um seinen Magen zu beruhigen. Das ungewohnte Gehen bereitete ihm zusätzliche Probleme. Auf ihrem Weg entlang der Küste erreichten sie den kleinen Ort Portuairk. Zu ihrer großen Freude fanden sie eine kleine Teestube, ein gemütliches, kleines Häuschen mit Schieferdach und einem recht großen Schornstein. Drinnen war es urgemütlich und durch das Fenster war das Meer zu sehen.

"Willkommen im Hause McHubble," begrüßte sie ein alter Mann. Er trug einen Kilt, stützte sich auf einen Stock und sah die Neuankömmlinge scharf an. Besonders genau musterte er Lord McShredder, der wirklich keinen vorteilhaften Anblick bot.

"Hat hier jemand den Namen McHubble erwähnt?" krähte der Lord.

"Sir, wenn ich etwas sagen dürfte," mischte sich der Butler ein.

"Ruhe, McClown, das ist meine Sache!" fauchte der Lord und wandte sich dem Wirt zu.

Die Hamster waren in der Zwischenzeit auf einen der Tische gesprungen. Dort lagen ein paar Reste alter Brotkrumen, und nachdem sich jeder etwas genommen hatte, machten sie es sich bequem und betrachteten neugierig, was nun passierte. Lord McShredder hatte sich von seinem Stuhl erhoben. Reste von grünen Schleim tropften von seinen Kleidern auf den Holzfußboden, sein Gesicht war blass und die Haare total zerzaust, doch seine Streitlust schien wieder geweckt worden zu sein. Er trat vor den Wirt.

"Wo ist mein Schaf, das du mir neulich gestohlen hast, du Lump?"1

"Sir, wenn ich zu bedenken geben dürfte, das war 1935, und das Schaf ist bestimmt schon lange..."



"McClown, ich weiß, wann das war! Das ändert nichts an der Tatsache, dass McHubble ein elender Dieb ist!"

Der Lord wandte sich wieder an den Wirt.

"Also, McHubble, du Lump, wo ist es?"

"Ein Dieb? Du wagst es, einen McHubble einen Dieb zu nennen? Es war mein Schaf und es hat sich auf deinem Grund und Boden verlaufen. Ich habe es mir nur wiedergeholt!"

"Wiedergeholt? Gestohlen hast du es, du elender Schurke!" kreischte McShredder.

Sein Butler hatte es sich inzwischen gemütlich gemacht, saß zusammen mit den Hamstern am Tisch und lauschte der Diskussion zwischen McShredder und McHubble. Zwischendurch gelang es dem Butler, beim Wirt eine Tasse Kakao und recht viele Kekse für sich und die Hamster zu bestellen. Während McHubble in die Küche ging und das Gewünschte brachte, stritt er sich lautstark mit dem Lord. Frido McClown und die Hamster waren begeistert, denn sie hatten zu essen, zu trinken und dazu lautstarke Unterhaltung. Nachdem es nach einer halben Stunde immer noch keine Ergebnisse innerhalb der Diskussion gab, rief der Lord: "McClown, wir gehen! In diesem Haus bleibe ich keine Minute länger!"

"In Ordnung, Sir," entgegnete der Butler kauend und steckte schnell die letzten Kekse ein, die die Hamster übrig gelassen hatten. Dann wandte er sich an McHubble.

"Was schulden wir ihnen, Sir?"

"Nichts! Ich nehme kein Geld, das aus dem Hause McShredder stammt!"

Somit verließen sie das kleine Haus und machten sich auf den Weg. Frido McClown und die Hamster waren satt und guter Dinge, lediglich Lord McShredder wirkte müde und hungrig.

"McClown, wir sollten irgendwo einkehren, wir könnten eine Kleinigkeit gebrauchen."

"Sir, wenn ich zu bedenken geben dürfte," antwortete der immer noch kauende Butler, "dass wir erstens nicht sonderlich hungrig sind, und zweitens der nächste Stopp in Kilchoan vorgesehen ist."

"Ist das noch weit?" stöhnte der Lord.

"Nicht sehr weit," antwortete der Butler, und sein Blick fiel auf die schlafenden Hamster. Er hatte die müden Tierchen in einen der Koffer auf dem Rollstuhl gesetzt und zwar in den mit der sauberen Unterwäsche des Lords. Zwischen Kofferklappe und Koffer hatte er eine Socke des Lords gesteckt, damit die Hamster genug Luft bekamen. Zufrieden betrachtete Frido McClown, wie seine kleinen Freunde sich unter die Wäsche kuschelten und schliefen.

 


Sie hatten den kleinen Ort Archnaha schon lange hinter sich gelassen und erreichten eine kleine Brücke. Zu ihrer linken war eine Bergkette und ihrer rechten Seite befand sich ein Wald. Nach drei weiteren Meilen hatten sie Kilchoan erreicht und steuerten direkt auf eine Herberge zu, in der sie übernachten wollten. Der Lord war auf den letzten Metern leider zusammengebrochen und daher hatte McClown ihn ausnahmsweise auf die Koffer gelegt. Er schob den Rollstuhl vor die Rezeption und drückte auf eine Klingel, die sich dort auf dem Tresen befand. Nach einer Minute erschien eine recht energisch aussehende, dicke Frau und musterte erst den Butler und dann das, was sich auf dem Rollstuhl befand.

"Das ist hier keine Müllabfuhr, Sir. Wenn sie ein Zimmer möchten, müssen sie das da vor der Tür lassen."

"Das da, gnädige Frau," sagte der Butler mit ruhiger Stimme, "ist der Lord McShredder von Killichonan, der Bezwinger des Seeungeheuers von Loch Ness und zugleich Herzog von Spanien."

"Was sie nicht sagen," entgegnete die dicke Frau, "wann hat er denn mit dem Seeungeheuer gekämpft? Gerade eben?"

Die dicke Frau stellte sich als Mrs McMyer vor und zeigte dem Butler den Weg zur Unterkunft. Sie erklärte ihm, dass es um diese späte Uhrzeit kein warmes Essen gäbe, bot ihm aber an, ein paar belegte Brote zu schmieren. Dankend nahm der Butler an und brachte erst die Hamster samt Koffer und dann den Lord in das Zimmer. Wenig später erschien Mrs McMyer und brachte die versprochenen Brote. Nachdem er eines der Brote gegessen hatte, legte er den Hamstern ebenfalls ein belegtes Brot in den Koffer und ein weiteres neben den schlafenden Lord. Dann legt auch er sich schlafen, doch schon nach kurzer Zeit wurde er aus seinen Träumen gerissen.

"McClown, was ist das für ein Lärm?" Der Lord stand neben seinem Bett und schaute fragend auf die Koffer.

"Nun, Sir, das, äh, sind die Hamster. Es sind Nachttiere, wissen sie, sozusagen nachtaktiv,äh, besonders in der Nacht."

"Das höre ich, McClown. Schieben sie diese Partygesellschaft bitte umgehend vor die Tür!"

Seufzend nahm McClown den Koffer und trug ihn vor die Tür ihres Zimmers. In der Zwischenzeit nahm der Lord endlich ein Duschbad. Der Butler legte sich auf das Bett und aß ein belegtes Brot. Zu allem Überfluss fing der Lord unter der Dusche an zu singen, während die Hamster lautstark ihre Party vor der Zimmertür feierten. Einige der Partyteilnehmer waren aus dem Koffer geklettert und sahen sich in der kleinen Pension um. Unten, in der Eingangshalle, befand sich ein Kamin. Flecki und Tuffi stellten fest, dass sich aus den Brennholz eine prima Wippe machen ließ. Goldi und Bauleiter Murksel hingegen bauten eine Rampe, mit der man prima Holzscheite durch die Eingangshalle schießen konnte. Es war ganz einfach: auf die eine Seite der Rampe wurde ein Holzscheit gelegt, auf die andere wurde zu zweit aufgesprungen, und schon flog der Holzscheit in hohem Bogen durch den Raum. Natürlich erwischte es hin und wieder einen der anderen Hamster, aber das tat der guten Stimmung keine Abbruch. Dodo und Purzel war es sogar gelungen, die Tür der großen Pendeluhr zu öffnen, und nun schaukelten sie fröhlich am Pendel hin und her. Der Bürgermeister, der noch immer nicht ganz klar im Kopfe war, stand neben der Klingel auf dem Empfangstresen. Er war von Goldi als Schiedsrichter eingesetzt worden. Seine Aufgabe bestand darin, jedes Mal eine Pfote in die Luft zu heben, wenn ein Holzscheit die Klingel traf.

"Wozu soll denn der Bürgermeister jedes Mal anzeigen, wenn Du getroffen hast? Das hörst du doch!" fragte Flecki.



"Na ja," druckste Goldi, "aber es quiekt immer so nett, wenn ich den Bürgermeister treffe."

Der Butler bekam von all dem nichts mit. Er schnarchte zufrieden vor sich hin. Währenddessen beschloss der Lord, mangels Seife seine Duschsitzung zu beenden. Zwei Stück Seife waren ihm bereits abhanden gekommen, wobei das eine im Abfluss feststeckte und dafür sorgte, dass das Wasser mittlerweile über den Rand der Duschwanne geschwappt war. Das wäre alles nicht passiert, wenn sein Butler seine verzweifelten Rufe gehört hätte. Doch der schlief tief und fest. Inzwischen lief das übergeschwappte Wasser bereits unter der Zimmertür hindurch bis auf den Flur. Von dort aus fand es weiter seinen Weg die Treppe hinunter, wo es von den feiernden Hamstern jubelnd als neue Abwechselung begrüßt wurde. Nun war Wildwasserfahrt angesagt, wobei jeder Hamster einen kleinen Holzscheit nahm und sich in die Fluten stürzte.

Mrs McMyer schlief unruhig. Das tat sie immer, wenn sich neue Gäste in ihrem Hause befanden. Schon mehrfach hatte sie in dieser Nacht merkwürdige Geräusche gehört, und ein paar Mal war ihr, als hätte jemand die Klingel an der Rezeption betätigt. Zudem war da noch ein plätscherndes Geräusch, das sie sich nicht erklären konnte. Da sie ohnehin nicht mehr einschlafen konnte, beschloss sie, nach dem Rechten zu sehen.

Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken, als sie sich der kleinen Eingangshalle näherte, und die merkwürdigen Geräusche lauter wurden. Es klang wie leises "Uhuj!"; zwischendurch war Quieken und das Geräusch der Klingel zu hören. Mit klopfenden Herzen und unbändiger Wut im Bauch blieb sie stehen. Sie hörte das Plätschern des Wassers direkt vor sich - doch da war plötzlich noch ein Geräusch. Es war ein lautes Geräusch, dass alle anderen übertönte. Ein lautes "Hilfe, McClown!" war zu hören, gefolgt von einem noch lauteren Krachen.

Was Mrs McMyer natürlich nicht wissen konnte, war, dass Lord McShredder soeben das zweite verlorene Stück Seife wiedergefunden hatte. Als er nämlich aus der Dusche stieg, trat er genau auf eben dieses Stück Seife und schoss mit dem eben erwähnten Hilfeschrei durch die Tür. Die Tür gab zwangsläufig nach, und der Lord setzte seine Reise über die Treppe bis nach unten fort. Mrs McMyer erreicht in diesem Moment den Ort des Geschehens und traute ihren Augen nicht. Badende Hamster! Ein nackter Lord kam mit einem Schwall Wasser die Treppe herunter gerutscht! Eben flog auch noch ein Holzscheit dicht an ihrem Kopf vorbei! Mrs McMyer holte tief Luft. Dann schrie sie so laut, dass sogar Frido McClown aus dem Schlaf gerissen wurde.

"Raus! Sofort!"

Wenige Minuten später standen Lord McShredder mit seinem Butler samt Gepäck auf der Straße. Aus den Koffern drang das leise Schnarchen der Hamster. Lord McShredder atmete die klare Nachtluft ein und reckte seine Glieder.



"Ausgezeichnet, mein lieber McClown, die herrliche Nachtluft wird uns gut tun. Wir werden auch nicht weit laufen müssen, denn dieses Gebiet kenne ich wie meine Westentasche. In dieser Richtung liegt Mingary Castle, dort werden wir übernachten."

 

1 (siehe Band III "Hamster in Gefahr“)

 

Die Rückkehr (nach Schottland) - Kapitel 11-15