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Kapitel 9

McClown dreht durch

 

Lord McShredder war außer sich vor Wut, während McClown versuchte, ihn zu beruhigen.

 

"Sir, darf ich sie darauf hinweisen, dass es nicht meine Schuld war, dass ihre Pfeife ins Wasser gefallen ist?“ rief McClown und hatte erhebliche Mühe, dem Fender auszuweichen, den der Lord nach ihm geschleudert hatte.

 

Der Kapitän stand hinter dem Steuerrad und schüttelte den Kopf. Noch vor wenigen Minuten hatte der Lord aufgeregt am Bug gestanden und Anweisungen gegeben, wie das Schiff zu steuern sei. Der Kapitän hatte die Anweisungen einer solchen Landratte schlichtweg ignoriert, und als McClown dem Lord zurief, er solle den Kapitän bei der Landung nicht stören, pöbelte McShredder los. Dabei war ihm allerdings die Pfeife aus dem Mund gefallen.

"Es ist alles ihre Schuld McClown, also holen sie gefälligst meine Pfeife aus dem Wasser!“

"Aber, Sir, hier gibt es vielleicht Ungeheuer!“ jammerte der Butler.

"Ach was,“ lachte der Kapitän, "hier gibt es höchstens Wale, Delphine oder Orkas. Doch nun, Herrschaften, festhalten. Wir legen an!"

 

Die Hamster waren auf das, was sich da auf dem näherkommenden Schiff abspielte, aufmerksam geworden. Sie standen auf ihren kleinen Hinterpfoten und reckten ihre Hälse, so weit es ging, in die Luft. Ihre Barthaare zitterten vor Aufregung und ihre Knopfaugen starrten auf das, was sich dort abspielte. Sie sahen zwei Männer, einen jüngeren und einen älteren, die beide bis zu den Hüften im Wasser standen. Der ältere versuchte, den jüngeren zu verprügeln, was allerdings misslang, da der jüngere zum Strand hin flüchtete. Das Schiff ankerte etwa 30 Meter vor dem Strand, und der Kapitän setzte ein kleines Beiboot aus, in das er die mitgenommenen Koffer warf.

Der Butler Frido McClown erreichte keuchend den Strand von Sanna Bay, ließ sich erschöpft in den Sand fallen und schloss die Augen. Er empfand ein tiefes Glücksgefühl, endlich wieder in Schottland zu sein. Ganz, ganz weit in der Ferne hörte er die zeternde Stimme seines Herren und ahnte, dass sich nun der Lord mit dem Kapitän über die Höhe der Fahrtkosten unterhielt.

"Du kanns' dien Kuffer in Scilly Islands afholen, wenn du mi nich betolst!" hörte der Butler die feste Stimme des Kapitäns und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Bestimmt würde der Kapitän mit dem knauserigen Lord spielend fertig werden, und ..."

"Ollah!"1



McClown riss die Augen auf und drehte seinen Kopf ganz, ganz langsam zur Seite. Es dauerte einige Sekunden, bis er begriff. Hamster? Aber wie und woher, wieso waren hier Hamster am Strand? Noch dazu ganz gewisse Hamster, die doch eigentlich gar nicht hier sein durften? Alles um den Butler herum schien sich zu drehen, das Meer, der Strand, die Dünen und irgendwo ein Lord, der neben einem Beiboot im Wasser stand und seinen Namen rief. Der überglückliche Butler nahm sich den ersten besten Hamster, hob ihn hoch und tanzte mit ihm über den feinen Sand, während sein Herz jubelte. Dann setzte er den Hamster ab.

 

"Ich komme gleich wieder," sagte er und lief zum Lord, um ihm zu helfen, das Boot mit den Koffern an Land zu ziehen.

"Und ich könnte kotzen," schimpfte Flecki, "mir ist ganz schlecht von diesem blöden Karussell fahren."

"Und ich fürchte, wir haben ein Problem," meinte Goldi. "Die kommen aus dem Urlaub zurück oder so. Die wissen noch nicht, dass ihr Schloss zu einer Tiefgarage umgebaut wurde."

"Der alte Lord wird uns das Fell über die Ohren ziehen, wenn er das raus kriegt," fürchtete Purzel.

"Am besten, wir stellen uns doof," schlug Goldi vor.

"Oder noch besser wäre," meldete sich Flecki, "wir lassen den Bürgermeister für uns sprechen. Wozu ist er denn Bürgermeister?"

 

Dieser Vorschlag wurde begeistert angenommen. Natürlich würde Lord McShredder die Hamster nicht selber fragen, dazu war er zu schwerhörig. Außerdem beherrschte er die hamstische Sprache nicht, also würde sein Butler für beide Seiten den Übersetzer spielen. Im schlimmsten Falle würde daher der Butler die Schläge kriegen, und der war es ja schließlich gewohnt. Nun waren die Hamster etwas erleichterter, und es dauerte nicht lange, bis Lord McShredder den Strand erreicht hatte und sie entdeckte.

 

"McClown, hier sind Ratten am Strand!"

"Sir, mit Verlaub, das sind Hamster!"

"Na, schön, McClown. Sehen sie mal zu, dass sie die Koffer und meinen Rollstuhl an Land kriegen, und dann hätte ich gerne eine Tasse Tee," krächzte der Lord und setzt sich mitten zwischen die Hamster. Dann nahm er seine Pfeife heraus, warf sie in den Sand und begann, umständlich nach seinem Feuerzeug zu suchen.

"Toidi!"2 schrie Goldi und sprang schnell zur Seite, bevor die Pfeife ihn erwischte.



"Das schreit nach Rache," schimpfte Dodo. Goldi nickte, lief ein Stück auf die Dünen zu und riss ein paar Gräser aus. Dann lief er um den Lord herum, der noch immer sein Feuerzeug suchte, und stopfte die feuchten Gräser in die Tabakspfeife. Zu guter Letzt setzte er sich auf den Kopf der Tabakspfeife und ließ den Gräsern noch schnell ein paar Hamsterködel folgen.

Inzwischen hatte der Butler alle Koffer auf den Rollstuhl gelegt und an Land geschoben. Nun legte er sich erschöpft in den Sand. Der Lord hatte mittlerweile sein Feuerzeug gefunden und wollte gerade nach seiner Pfeife greifen, als er die ersten Tropfen eines beginnenden Regens auf seinem Gesicht spürte.

 

"Sir, wir sollten zusehen, dass wir ins Trockene kommen," gab sein Butler zu bedenken und zeigte auf den Himmel. "Dort braut sich ein Gewitter zusammen."

"Selbstverständlich, McClown. Also setzen sie mich in meinen Rollstuhl und sehen sie zu, dass sie Land gewinnen!"

"Sir, wie sollen wir die Koffer..." begann der Butler, doch der Lord unterbrach ihn.

"Schnick-Schnack, McClown, sie sind immer nur am Jammern. Selbstverständlich helfe ich ihnen beim Tragen der Koffer. Ich nehme einen Koffer auf den Schoß und sie den Rest. So schwer kann das doch nicht sein."

Verärgert klemmte der Butler sich 4 Koffer - jeweils zwei auf jeder Seite - unter die Arme und schob so gut es ging den Lord durch den tiefen Sand.

"Geht das nicht etwas schneller, McClown? Wollen sie, dass ich nass werde?"

"Nun, Sir," ächzte McClown, der unter der Last der Koffer und der Schwierigkeit, einen beladenen Rollstuhl durch den Sand zu schieben, fast zusammenbrach, "wenn sie bitte kurz einmal aufstehen würden, Sir, dann ginge es besser."

"Aufstehen? Ich? McClown, sie sind ein fauler Sack. Sie geben sich keine Mühe!"

Die Hamster, die der Unterhaltung interessiert zugehört hatten, waren stehen geblieben. So, wie auch der Butler jetzt stehen geblieben war. Sein Gesicht war knallrot vor Wut und Anstrengung, und seine Augen waren weit geöffnet.

"Ich glaube, jetzt geht es los," sagte Flecki. "Wir sollten es uns gemütlich machen und zugucken."

 

Dann ging alles blitzschnell. Der Rollstuhl mit dem Lord schien plötzlich über den riefen Sand zu fliegen. Mit aller Kraft schob der wütende Butler den Lord samt seinem Gefährt hinauf auf die nächste Düne. Auf der Kuppe stoppte er abrupt, und der Lord flog kreischend durch die Luft. Dann nahm Frido McClown einen Koffer und schleuderte ihn nach seinem Herrn. Der erste Koffer ging noch knapp an dessen Kopf vorbei, doch schon der nächste traf den flüchtenden Lord an der Schulter. Laut kreischend und ohne eine Spur von adeligem Benehmen rannte Lord McShredder um sein Leben.

 

"Ich gebe mir Mühe, Sir," brüllte Frido McClown, "sehen sie nicht, wie ich mir Mühe geben, ihre dämliche Birne zu treffen?" und rannte hinter dem Lord her.

Die Hamster ihrerseits gaben sich Mühe, mit ihren kleinen Beinen dem rasenden Tempo zu folgen. Begeistert verfolgten sie, wie der Butler fast mühelos die schweren Koffer nach dem Lord warf.

"Schnell, auf die Düne, da können wir besser zugucken," rief Flecki, während sich der Lord in seiner Not in der Telefonzelle beim Parkplatz versteckte.

"Kommen sie raus und kämpfen sie wie ein Mann," brüllte der Butler und schleuderte weiterhin einen Koffer nach dem anderen auf die Telefonzelle. Bei jedem Treffer wackelte sie bedenklich, während sich der Lord mit ängstlichem Gesicht von Innen gegen die Tür stemmte und sie zudrückte.

"Komm raus, du Feigling," grölte McClown, doch der Lord dachte nicht daran.



Die Hamster genossen das Schauspiel von der Düne aus. Sie beobachteten, wie der Butler sich auf einen der Koffer setzte, um einen Moment nach Luft zu schnappen.

"Können wir dem netten Mann nicht helfen?" fragte Tuffi.

"Genau," sagte Goldi, "schließlich hat uns dieser Butler schon oft Futter gegeben. Aber wie können wir helfen?"

"Wir nehmen den Wagen..."

Die Hamster sahen den grinsenden Bürgermeister an und befürchteten, dass er nun ganz durchgeknallt war.

"Den Wagen? Aber natürlich," rief Tuffi, "der Erleuchtete hat Recht. Seht doch, da steht der Wagen!"

Nun begriffen auch die restlichen Hamster. Der Rollstuhl! Mit lautem "Uhuj"3 kletterten sie alle auf den Rollstuhl und schaukelten hin und her. Ganz langsam neigte sich der Stuhl. Genau in diesem Moment nutzte Lord McShredder die Waffenpause dazu, sich mit zitternden Händen seine Pfeife anzuzünden. Eine kleine Beruhigung würde ihm gut tun, so dachte er. Hastig sog er an dem Mundstück der Pfeife, während er beobachtete, wie sein Butler Frido McClown die Koffer einsammelte, um einen neuen Angriff gegen ihn und die Telefonzelle zu starten. Dann sah er noch etwas. Etwas, was ihn noch mehr beunruhigte. Sein Rollstuhl kam wie von Geisterhand gesteuert die Düne herabgeschossen - genau auf seine Telefonzelle zu! Auch der Butler sah, was als Nächstes kommen würde und grinste. Das fröhliche Fiepen der Hamster war inzwischen in Panik umgeschlagen, als sie die Telefonzelle samt McShredder auf sich zukommen sahen.

 

"Abspringen, schnell abspringen!" schrie Bauleiter Murksel, und ein Hamster nach dem anderen hüpfte vom rasenden Rollstuhl herunter und landete im weichen Dünensand. Nur der Bürgermeister blieb gemütlich auf dem gepolsterten Sitz des dahinrasenden Fahrzeugs und grölte ein Lied vom 'Strand und Meer'.

 

Inzwischen hatte Lord McShredder ein weiteres gewaltiges Problem: sein Magen spielte verrückt und alles in seinem Kopf schien sich zu drehen. Ihm war, als kreisten Tausende von Koffern um seinen Kopf, und seine Knie waren weich wie Pudding. Ob sein Tabak schlecht geworden war? Er spukte die Pfeife aus, stützte sich mit beiden Händen an der Glasscheibe der Telefonzelle ab und sah den rasenden Rollstuhl auf sich zu kommen. Dann geschahen zwei Dinge kurz hintereinander. Als erstes übergab sich der Lord, und die Innenseite der Glastür wurde mit einem Schwall grünen Schleims bedeckt. Dann knallte der Rollstuhl an die Telefonzelle, der Bürgermeister flog vom Sitz und klatschte gegen die Außenseite der Glastür. Ganz langsam rutschte er nun die Glasscheibe hinunter, während sich McShredder auf der anderen Seite der Scheibe wieder und wieder übergab. Schließlich brach mit einem lauten Scheppern die Telefonzelle in sich zusammen. Unter dem Jubel der Hamster setzte Frido McClown nun seinen Beschuss mit den Koffern fort. Der Bürgermeister hatte sich inzwischen unter den Rollstuhl gerettet. Sein dümmliches Grinsen war nach dem Klatscher an die Scheibe verschwunden, und er jammerte leise. Gerade hatte der Butler unter dem Jubel der Hamster einen besonders guten Treffer in den Nacken des sich übergebenden Lords gelandet, als dieser mit gurgelnder Stimme rief:

"Gnade, McClown, Gnade!" Der Lord übergab sich erneut. "Sie können die Koffer auf dem Rollstuhl befördern, ich gehe zu Fuß!"

"Schön, Sir, dass das geklärt ist," erwiderte der Butler und ging zur zerschmetterten Telefonzelle. Dann hob er den Türgriff mit dem Rest dessen, was einst eine Tür war, hoch und sprach:

"Bitte, Sir, nach ihnen".

1 (Hamstisch: Hallo)

2 (Hamstisch: Idiot)

3 (Hamstisch: Juhu)