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Kapitel 8

Kilchoan

 

"Wir nehmen den Wagen?" Flecki war kurz davor, durchzudrehen.

"Herr Bürgermeister, darf ich sie darauf aufmerksam machen, dass weit und breit keine Straße, geschweige denn irgend ein Wagen vorhanden ist? Es ist stockdunkle Nacht und alle Menschen schlafen jetzt! Also, Herr Bürgermeister?"

Der Bürgermeister grinste und guckte die Sterne an.

"Wir nehmen den Wagen..."


"Argrrrr, ich haue ihm die Glocke vom Hals! Der ist doch komplett durchgeknallt!" schrie Flecki und wollte sich über den grinsenden Bürgermeister hermachen, doch Bauleiter Murksel und Reparaturhamster Tuffi konnten die tobende Flecki festhalten.

"Vielleicht verstehen wir ihn falsch," überlegte Tuffi. "Er denkt bestimmt auf einer ganz anderen Ebene als wir."

"Das stimmt," lachte Goldi. "Erinnert ihr euch noch an seine Weihnachtsrede, nachdem er den Weihnachtsbaum an die Birne bekommen hatte?"

"Hi, hi, " gluckste Flecki, "und als die Gulaschkanone ihn in die Erde versenkt hatte..."

Der Bürgermeister glotzte weiterhin die Sterne an und grinste dämlich.

"Möchte wissen, was der da oben so toll findet," wunderte sich Purzel. "Da ist doch bestimmt kein Wagen."

"Höchstens der große Wagen," sagte Goldi und lachte wieder. "Vielleicht können wir ihn mit einer Rakete dorthin schicken."

"Der große Wagen?" rief Tuffi aufgeregt. "Aber das ist es doch! Wir müssen dem großen Wagen folgen. Der Erleuchtete nennt uns die Himmelsrichtung, in die wir gehen müssen!"

 



Nun folgte eine kurze Diskussion innerhalb der Hamsterschar. Es wurde beschlossen, lieber einem blöden Plan zu folgen, als gar keinen Plan zu haben.

Auf ihrem Weg in westlicher Richtung waren die Hamster froh, endlich wieder auf trockenem Gelände zu sein. Es war recht angenehm, auf dieser Strecke zu laufen, denn sie war wenig befahren. Die Hauptstraße verlief nun in südlicher Richtung, und der große Wagen leuchtete am westlichen Teil des Himmels.

"Wenn die Straße nicht bald eine Rechtskurve macht, landen wir nie am Meer," jammerte Dodo.

"Stimmt," sagte Flecki, "jedenfalls folgen wir auf diesem Weg nicht dem bekloppten Wagen. Wo sind wir überhaupt?"

"Ich glaube, auf dem Ortschild stand etwas wie El Caracha,1 oder so ähnlich," meinte Dodo.

Es war recht kühl in dieser Nacht, und zu allem Übel gesellte sich ein feiner Regen dazu. Die Hauptstraße machte noch immer keine Anstalten, endlich nach rechts abzubiegen, also bogen die Hamster an der nächsten Seitenstraße rechts ab, und nach ein paar Hundert Metern sahen sie ein Gebäude auf der rechten Seite des Weges. Beim Näherkommen entpuppte es sich als eine Kirche. 4 Fenster und ein winziger Turm, nicht viel größer als ein Schornstein, das war alles, was diese kleine, graue Kirche zu bieten hatte. Den Hamstern war es egal, sie fanden schnell einen kleinen Eingang und waren froh, im Trockenen zu sein. Es war kalt und unheimlich, doch draußen war es noch kälter und unheimlicher.



Die Nacht war kurz und wenig erholsam, denn der Bürgermeister hatte mehrfach Lieder von Sonne und Strand angestimmt.

"Wenn wir nicht bald am Strand sind, drehe ich durch." Doch nicht nur Flecki war sauer auf den Bürgermeister. Alle hatten Ränder unter den Augen und hätten den Bürgermeister am liebsten mit einer Kanone in Richtung Meer geschossen.

"Wir brauchen dringend etwas zum Essen," bemerkte Goldi, "wir haben seit einer Stunde nichts mehr gegessen."

"Weil du Vielfraß alles aufgesogen hast, was noch da war," schimpfte Flecki. "Nun können wir zusehen, wo wir bleiben."

Die Lage war ernst. Außer Torfmoos und Wellengräsern gab es nichts, und Heather, wie das schottische Heidekraut genannt wird, mochten die Hamster überhaupt nicht.

Guter Rat war nun teuer, und nach einer kurzen Besprechung fassten die Hamster den Entschluss, zurück zur Hauptstraße zu gehen. Schließlich war da ja eine kleine Stadt, und wo eine Stadt ist, gibt es auch etwas zu fressen. Nur dem Bürgermeister passte dieser Plan nicht, er schrie laut, dass er ans Meer wolle. Schließlich packten ihn Murksel und Dodo bei den Hinterpfoten und schleiften ihn mit. Dadurch dauerte es natürlich etwas länger, bis sie den Ort erreicht hatten.

"Und nun?" Flecki sah sich um. "Da vorne sind ein paar kleine Geschäfte, doch Geld haben wir nicht."

"Wir könnten einen Überfall machen," schlug Goldi vor. "Das ist nur Mundraub und wird nicht so hart bestraft."



"Wirklich toll," spottete Flecki, "und wie wollen wir mit unseren kurzen Pfoten so schnell wegkommen?"

"Wir nehmen den Wagen..."

"Klappe, Bürgermeister!" schrie Flecki und rannte kreischend im Kreis herum. "Ich drehe gleich durch, wenn der Kerl noch ein Wort sagt."

"Na ja," meldete sich Purzel, "da vorne steht ein Lieferwagen, aber einen Raubüberfall mache auch ich nicht mit."

"Wie wäre es, wir arbeiten mal zur Abwechselung?" meldete sich nun Reparaturhamster Tuffi.

Dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung angenommen, obwohl keiner der Hamster auch nur die geringste Ahnung davon hatte, wie sie mit Arbeit Geld oder Futter verdienen sollten. Nun musste eine Entscheidung getroffen werden, in welchem der Geschäfte sie ihre Arbeitskraft anbieten sollten. Bauleiter Murksel schlug vor, es in dem kleinen Laden für Ersatzteile zu versuchen. Flecki und Tuffi waren für den Blumenladen, Goldi für den Bäcker und der Bürgermeister für Sonne, Meer und Strand. Die Mehrheit war für Goldis Vorschlag, und da er den Vorschlag gemacht hatte, sollte er auch das Bewerbungsgespräch führen.

"Wenn es nicht klappt, dann nehmen wir Plan B." sagte Goldi mit fester Stimme.

"Plan B?" fragte Flecki.

"Plan B," bestätigte Goldi. "Wir klauen ein Stück Kuchen und verschwinden.“

So betraten sie den Bäckerladen, während sie den immer noch heftig protestierenden Bürgermeister hinter sich herschleiften. Es war nicht einfach, die schwere Eingangstür mit vereinten Kräften aufzuschieben. Als sie auch das geschafft hatten, erklang das helle Geräusch einer Glocke, und eine ältere Dame trat hinter den Verkaufstresen. Zunächst blickte sie verwundert auf die Tür, die sich wie von Geisterhand öffnete, doch dann fiel ihr Blick auf den Boden. Erstaunt richtete sie ihre Brille zurecht und betrachtete die Hamster.

"Ach, wie niedlich! Was wollt ihr denn hier?"

Flecki schubste Goldi vor den Verkaufstresen.

Da stand Goldi nun vor der Verkäuferin und versuchte sich an die Worte erinnern, die Elfriede2 ihm vor langer Zeit einmal beigebracht hatte. Sein Gehirn arbeitete fieberhaft. Was, wenn die nette Verkäuferin ihn fragte, welche Arbeit die Hamster denn machen könnten? Nix, würde er zugeben müssen. Also, gleich Plan B? Nein, es war unmöglich, auf den Tresen zu springen und den Kuchen zu nehmen. Da hatte Goldi die rettende Idee. Mit riesig großen Kulleraugen trat er dicht vor die Verkäuferin und zeigte auf seinen Bauch. Dazu gab er ein leises, klagendes Fiepen von sich und zeigte immer wieder auf seinen hungrigen Magen. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten.



"Oh je, du armes, armes, kleines, süßes Tierchen! Hunger hast du also! Komm her, ich gebe dir etwas."

Der Verkäuferin standen die Tränen in den Augen. Sie nahm ein paar Stücke Kuchen und verteilte sie großzügig unter die Hamster, wobei Goldi natürlich das größte Stück erhielt. Dann kraulte sie den kauenden Goldi und hielt anschließend die Tür ihres Ladens auf, als die Hamster mit dem Kuchen das Weite suchten.

"Alle Achtung, wenn es ums Fressen geht, bist du unschlagbar," sagte Flecki zu Goldi, als sie wieder auf der Hauptstraße waren.

Somit hatten die Hamster wieder ein Problem glänzend gelöst, doch da tauchte schon das nächste auf. Der Himmel war in der letzten Stunde recht dunkel geworden, und nun fielen die ersten dicken Regentropfen.

"Wollen wir jetzt in den Wagen?" fragte Tuffi.

Dieses Mal gab es keine langen Diskussionen, und einer nach dem anderen kletterte schnell auf die überdachte Ladefläche. Der Regen prasselte auf die Plane des Lieferwagens, während die Hamster im Trockenen saßen und Kuchen futterten. Es war urgemütlich hier drinnen, und als auch der letzte Krümel vertilgt war, fiel ein Hamster nach dem anderen in den Schlaf.

Das Prasseln des Regen hatte schon lange aufgehört, als die schlafenden Hamster unsanft aus dem Schlaf gerissen wurden.

"Eflih, ein Erdbeben, Kinap!" tönten die Schreie der Hamster,

"Ruhe bewahren," rief Bauleiter Murksel, "ihr wisst doch, was ihr bei Gefahr zu tun habt!"

Sofort begannen die Hamster kreischend im Kreis zu laufen. Was das Laufen betrifft, hatten sie allerdings beträchtliche Schwierigkeiten, denn der Boden unter ihren kleinen Pfoten rüttelte und bewegte sich heftig. Immer wieder fielen die kleinen Tiere kreuz und quer übereinander, bis sie endlich auf die Idee kamen, herauszufinden, was denn überhaupt los war.

"Der Lieferwagen ist einfach losgefahren!" rief Tuffi entsetzt.

"Hö, hö," grinste der Bürgermeister, "wir nehmen den Wagen... Sommer, Sonne, Strand, da wo ich die Sonnenblumenkerne fand..."

"Wo mögen wir hinfahren?" fragte Tuffi und spähte durch einen Riss in der Plane nach draußen. "He, da ist ein Schild. Ich glaube da steht Kilchoan drauf."

Jetzt waren die Hamster nicht mehr zu halten, und jeder versuchte, einen kleinen Riss in der Plane zu finden um hinaus zu schauen. Eine phantastische Landschaft war dort draußen. In der Ferne war ein hoher Berg zu sehen, der wie ein Vulkan aussah. Zur anderen Seite war das Meer zu sehen. Rumpelnd und polternd fuhr der Lastwagen an einem Schild vorbei, auf dem der Name Sanna stand, bis er urplötzlich zum Stehen kam.

 



Vorsichtig lugten die Hamster unter der Plane hervor. Sie befanden sich auf einem kleinen Parkplatz. Der Fahrer stieg aus und lief in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Dort befand sich eine Telefonzelle. Ein kleiner Fluss war zu erkennen, er schien direkt zum Meer zu führen. Dünen und Seegras waren zu sehen. Nun gab es kein Halten mehr für die Hamster, sie liefen, so schnell ihre kleinen Pfoten sie trugen, durch die Dünen. Als letzter folgte der grinsende Bürgermeister, der mal wieder ein Lied vom Meeresstrand grölte. Als sie den Strand erreichten, ließen sie sich erschöpft in den warmen, sauberen Strand fallen und guckten neugierig auf das Meer. In der Ferne näherte sich ein Schiff.

1 (Acharacle)

2 (siehe Band II, Hamster, Hexen und Australien)