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Kapitel 7

Auf See II

 

Der Kutter mit dem Kapitän und seinen Passagieren hatte vor wenigen Stunden die Insel mit dem Namen Isle of Man passiert. Ein wunderschöner Anblick, wenn da nicht das ständige Gemecker des Lords gewesen wäre. Inzwischen hatte er sich jedoch etwas beruhigt, denn die letzte Nacht hatte bei ihm Spuren hinterlassen. Er verfluchte seine Dickköpfigkeit, die ihm eine äußerst ungemütliche Nacht auf dem Deck beschert hatte. Wenigstens hatte sein Butler die Tabakspfeife notdürftig zusammengeklebt und Lord McShredder genoss die Aussicht auf dem Deck. In der Ferne kam Land in Sicht.

"He, ist das da vorne Land? Sind wir endlich da?" rief er und stieg aus seinem Rollstuhl, um besser sehen zu können.

"Noch nicht ganz," antwortete der Kapitän, "das ist Islay.1 Es ist die südlichste Insel der Inneren Hebriden. Gleich dahinter kommt Jura. Tja, Herrschaften, da würde ich gerne wohnen."

"Wieso?" riefen Lord und Butler wie aus einem Munde.




Der Kapitän nahm die Pfeife aus dem Mund.

"Wisst ihr, Jungs, für so'n ollen Schipper ist dat n' scheunen Platz. Abseits aller Touristenpfade. Wusstet ihr, dass diese beiden Inseln nur 5 Minuten mit dem Schiff voneinander entfernt liegen und dabei doch total unterschiedlich sind? Jura ist eine wilde, ungezähmte Insel. Nur 200 Menschen leben dort - ansonsten ist die Insel völlig unbewohnt. Dort gibt es nur eine Straße, aber dafür einen schneeweißen Sandstrand. Wusstet ihr beiden, dass George Orwell dort sein Meisterwerk, das berühmte Buch "1984" geschrieben hat?"

Lord und Butler schüttelten die Köpfe und so fuhr der Kapitän fort.

"Die Insel Islay ist dagegen vergleichsweise lieblich und war einst die wichtigste aller schottischen Inseln. Von hier aus herrschten die Häuptlinge von Clan Donald über ein Königreich, das die Hebriden und das gesamte westliche Hochland einschloss. Islay war auch ein wichtiges Zentrum des frühen Christentums, davon habt ihr doch bestimmt schon gehört, oder?"

Lord und Butler schüttelten wieder die Köpfe, und so fuhr der Kapitän fort.

"Tja, und danach werden wir uns Mull nähern, das ist die größte der Inneren Hebriden. Sie liegt unmittelbar vor der schottischen Westküste. Dabei fahren wir dicht an der Insel Staffa vorbei. Da sind kleine Quarzitberge und die Zeichen früherer vulkanischer Aktivität zu sehen. Basaltsäulen gibt es dort und die prachtvolle Höhle Fingal's Cave gilt als geologisches Weltwunder. Und auch hier ist ein Meisterwerk geschrieben worden, nämlich der Komponist Mendelssohn Bartholdy2 hat hier die Idee zu seiner Hebriden Ouvertüre bekommen, die kennt ihr doch, oder?"

Lord und Butler schüttelten erneut die Köpfe und Lord McShredder krächzte leise:

"Mit leeren Magen kann man ja nicht denken, und wenn man nicht denken kann, dann kann man auch nichts wissen."

"Sir, wir haben gebackene Bohnen, die werde ich lecker zubereiten," schlug der Butler vor und rannte zur Kajüte.

"Häh," grübelte der Lord, "nacktes Wohnen wird er beim Bäcker zureiten? Dieser McClown wird immer verrückter."

Wenig später saßen alle in der Kombüse und schaufelten halb verhungert die Bohnen in sich hinein. Seeluft macht Appetit, doch Frido McClown hatte ein Problem. Während er noch vor wenigen Minuten die Bohnen zubereitet hatte, hatte er wieder an seine kleinen, niedlichen Freunde gedacht. Er erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem die Hamster das erste Mal Bohnen gegessen hatten, und wie anschließend die Luft im Schloss nicht mehr zum Atmen taugte. Während er diesen Gedanken nachhing, vermisste er seinen Lappen, mit dem er den schmutzigen Herd gereinigt hatte. Seitdem war nun dieser dreckige Lappen nicht mehr aufgetaucht, und der Butler befürchtete das Schlimmste, als der Lord plötzlich während des Essens hustete und ihn ansah:



"Köstlich McClown, wirklich köstlich. Das war eine gute Idee mit der Frikadelle. Allerdings finde ich sie etwas zu scharf gewürzt!"

Der Kapitän konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und als das Essen beendet war, sprach er:

"Nu' sünd wi an Mull vo'bi, weet ji dat?"

Lord und Butler schüttelten die Köpfe und der Kapitän ergriff das Wort:

"Der kleine Fleck da Achtern war Staffa, das bedeutet, wir nähern uns dem Ende der Reise. Wenn wir ans Festland wollen, bleibt uns nur noch die Möglichkeit, auf der Halbinsel Ardnamurchan zu landen. Das liegt auf der gleichen Höhe wie Killichonan, und es ist nicht weit entfernt von eurem Schloss."

"Dann werden wir zu Fuß weiter gehen?" fragte McClown entsetzt und dachte daran, dass er den meckernden Lord schieben und die Koffer auch noch irgendwie befördern musste.

"Tja, dichter ran kann ich mit meinem Kutter nicht gehen, da sind zu viele Fähren und ich kenne deren Fahrpläne nicht. Deshalb werden wir an der Nordspitze landen. Aber die Halbinsel wird euch gefallen, denn dieser abgelegene Teil der Highlands hat eine Fülle spannender Landschaften. Da gibt es den 'Singenden Sand' von Gortenfern, es gibt uralte Ruinen von Schlössern wie Castle Tioram, und..."

Der Kapitän machte ein bedeutungsschwere Pause.

"Es gibt dort Vulkane."

Der Lord und sein Butler starrten den Kapitän mit offenen Mündern an.

"Jawohl, meine Herrschaften, Vulkane. Ben Hiant, den man über das Landesinnere umrunden muss, ist so ein alter Vulkan. MacLean's Nase, die Klippe bei Kilchoan ist sozusagen nur noch das Innere des Vulkans, der Kegel selbst ist mit der Zeit erodiert. Hier und da wird das vulkanische Gestein durchzogen von Mineralien, von Blei, Kupfer, Strontium und Halbedelsteinen. Edelsteine, meine Herren! Tja, Autos gibt es da kaum, aber Fähren gibt es jede Menge, auch nach Mull. Im Sommer gibt es sogar eine Autofähre zwischen Kilchoan und Tobermory."

Während nun alle schweigend dasaßen, sah McClown etwas Helles in Fahrtrichtung.

"Käpt'n," rief er aufgeregt, "das sieht ja aus wie der Strand von Bettyhill!"

 

Der Kapitän nahm seine Pfeife aus dem Mund und lachte.

"Tja, aber nur fast, lieber Frido. Dieser ist eine ganze Ecke größer und schöner. Meine Herrschaften, wir sind am Ziel. Willkommen in Sanna Bay!"

1 (ausgesprochen: Eila)

2 (geboren in Hamburg, lebte von 1809-1847)