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Kapitel 6

Im Hamster-Express

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Eisenbahn mit den Hamstern an Bord fuhr durch eine traumhaft schöne Landschaft. Hohe Berge und grüne Täler wechselten einander ab. Hin und wieder begleitete ein kleiner Fluss den stampfenden Zug. Es ging über eine hohe Brücke hinweg durch eine Moorlandschaft, und die Hamster saßen an den Fenstern und staunten.

 



"Wir nehmen den Wagen...." sagte der Bürgermeister lächelnd.

Flecki nahm seine Pfote, seufzte und antwortete:

"Ist ja schon gut, Herr Bürgermeister, wir sind ja im Wagen. Schauen sie ein bisschen aus dem Fenster, es ist sehr schön da draußen."

Während der Bürgermeister die vorbeihuschende Landschaft dämlich angrinste, begannen die ersten Hamster, sich zu langweilen. Goldi hatte aus einem Nachbarwaggon eine ganze Packung Ingwerkekse geklaut, während Bauleiter Murksel zusammen mit dem Reparaturhamster Tuffi eine große Flasche über den Boden rollte.

"Das haben wir gefunden!" rief er stolz. "Das scheint irgendein Apfelsaft zu sein, jedenfalls ist da ein Apfel drauf!"

Nun war Party angesagt. Es gab die schon erwähnten Kekse und dazu das lecker schmeckende Getränk. Schade war eigentlich nur, dass die Hamster nicht wussten, dass das Getränk gar kein richtiger Apfelsaft war. Das Wort "Cidre" hatte sie auch noch nie gehört. Natürlich wusste jeder in Schottland, dass dieser Cidre ein leckeres Getränk war. Nur eben ein alkoholisches, doch das wussten die kleinen Hamster nicht. Jedenfalls noch nicht.

Eine Hamsterparty findet immer nach dem gleichen Muster statt, und das lautet: fressen, abhängen, tanzen und nochmal fressen. Der Zug hatte inzwischen Fort William weit hinter sich gelassen, und auf der linken Seite war Loch Eil in Sicht gekommen.

Ein phantastisches Bild bot sich hier dem Betrachter, doch leider bekamen die Hamster von der schönen Aussicht überhaupt nichts mit. Purzel und Tuffi versuchten, auf der leeren Cidreflasche zu tanzen und überrollten mehrere Hamster, die sich zu einem Nickerchen hingelegt hatten. Flecki knapperte an einem Ingwerkeks und sah zu, wie Goldi an der Notbremse herumturnte und zum wiederholten Male rief:

"Achtung, hier kommt Superhamster!"

Dann ließ er sich mit einem lauten Schrei fallen. Diesmal landete er jedoch nicht auf dem weichen Polster der Sitzbank, sondern es krachte laut.

"Wo is'n Superhamster geblieben?" lallte Bauleiter Murksel und hatte dabei erhebliche Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten.

"Ach, der," antwortete Flecki gelangweilt. "Superhamster ist im Aschenbecher gelandet und steckt fest."



Während der Zug weiter durch eine wunderschöne Landschaft fuhr, war es einigen Hamster gelungen, die Heizung so weit aufzudrehen, dass in dem Zugabteil fast tropische Temperaturen herrschten. Der Bürgermeister saß auf dem Gitterrost der Heizung und sang schon wieder Lieder vom heißen Strand und vom Meer. Ein paar Hamster verspürten nun Lust aufs Meer und begannen, die Klospülung der Toilette des Abteils umzuleiten. Schon nach wenigen Minuten hatte der begeisterte Bürgermeister das Meer, von dem er sang, direkt vor sich.

"Wir sind am Ziel!" rief er freudig und wollte vorsichtig eine Pfote in das Wasser tauchen. Leider kam ihm jedoch Superhamster, der sich aus dem Aschenbecher befreit hatte, dazwischen. Der Bürgermeister beugte sich gerade ein Stück vor und sah den von oben kommenden Goldi nicht. Gemeinsam klatschten sie in das Klowasser.

Nun gab es kein Halten mehr für die durchgeknallten Hamster. Einer nach dem anderen kletterte auf die Notbremse und sprang in das lauwarme Klowasser hinein. Während Flecki der kleinen Tati und dem Reparaturhamster Tuffi beibrachte, wie man aus einer Klopapierrolle ganz viele kleine Papierschnipsel macht, kam es zu einem abrupten Ende der Party.

Inzwischen waren nämlich recht viele Hamster auf die Notbremse geklettert und schaukelten dort vergnügt hin und her. Durch das Gewicht wurde nun die Notbremse ausgelöst, die Lokomotive fuhr plötzlich langsamer, und die Luft war erfüllt vom grässlichen Kreischen der Ränder. Da der Zug sich gerade in einer großen Linkskurve befand und sich somit nur mit mäßiger Geschwindigkeit bewegt hatte, kam er nach kurzer Zeit zum Stehen. Jeder Hamster, der sich nicht festhalten konnte, wurde nun entweder ins Wasser oder auf eine der Sitzbänke geschleudert. Dann war alles still. Ängstlich kletterten die Hamster auf die Fensterbänke. In der Ferne sahen sie eine große Brücke, die aus Steinen gebaut zu sein schien. Doch dann hörten sie etwas, was ihnen einen Riesenschreck einjagte: laute Stimmen, Rufen und das Getrampel von Füßen.

Nachdem die kleinen Nagetiere eine Weile im Kreis gelaufen waren und voller Panik geschrien hatten, kamen sie endlich auf die Idee, zu flüchten. Es war schließlich nicht auszudenken, was wohl passieren würde, wenn der Schaffner sie hier erwischte.

"Schnell, wir müssen aus dem Zug bevor die uns erwischen!" rief Flecki.

"Wie denn?" jammerte Tuffi. "Wo ist der Bürgermeister?"

Der Bürgermeister hatte gerade ein kleines Nickerchen gehalten und war durch den Ruck des bremsenden Zuges von der Sitzbank gefallen. Nun trieb er halb benommen im Wasser direkt auf die Toilette zu. Als er dort angekommen war, beschloss er, auch einmal aus dem Fenster zu gucken, um zu sehen, ob sie schon am Meer waren. Dabei verlor er jedoch das Gleichgewicht und fiel ins Klo. Fragend standen die anderen Hamster um die Klomuschel herum und wussten nicht so recht, was sie mit dieser Botschaft des Erleuchteten anfangen sollten.

"Das ist genial!" rief Goldi plötzlich.

Alle sahen ihn verwundert an.

"Das ist doch klar," fuhr Goldi fort. "Toiletten in Eisenbahnen haben immer eine große Öffnung nach draußen. Ich glaube, das ist so eine Art Notausgang. Man muss nur den großen Hebel dort oben drücken, und schon öffnet sich die Ausstiegsluke nach unten."

Mit Jubelgeschrei sprangen die Hamster nun einer nach dem anderen ins Klo - dem Bürgermeister hinterher. Als alle seine Freunde in der Klomuschel gelandet waren, sprang Goldi auf den großen Hebel. Dann sprang auch er seinen Freunden hinterher.

Es wurde ein sehr, sehr langer Sprung. Die Hamster hatten das Gefühl, ihr Sturz würde nie ein Ende nehmen. Sie stürzten in einen kleinen Fluss, der sich von Norden her durch ein Tal namens Glen Finnan schlängelte.



Halbtot vor Angst waren sie in das Wasser gestürzt, doch das eiskalte Wasser machte sie sofort wieder hellwach. Sie waren nun wirklich keine guten Schwimmer, doch sie hatten Glück. Da es in den letzten Tagen viel geregnet hatte, trieben viele Baumreste in dem Fluss, und somit konnten sich die Hamster an dem Treibholz festhalten.

Sie trieben Richtung Westen, durch das Loch Shiel, immer weiter, bis sie in dunkler Nacht Shiel Bridge erreichten. Dort kletterten sie völlig ausgemergelt und halb verhungert aus dem Wasser und schauten auf eine lang gestreckte, flache Brücke.

"Sehr toll, das hat Spaß gemacht, Erleuchteter," schimpfte Flecki, "und was nun?"

"Wir nehmen den Wagen...." sagte der Bürgermeister lächelnd.