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Das letzte Hamsterbuch: Die Messe

 


Kapitel 1.

Dumm gelaufen


"Ihr Schwachköppe, ich hab' gesagt, ihr sollt ziehen! Nicht reißen!"


Stöhnend und fluchend wühlte sich Bauleiter Murksel unter dem Gerüst hervor, an dem bis eben noch das große Plakat befestigt war, das in riesigen Lettern die 'Erste Hamstische Messe' ankündigte. Nun kündigte das Plakat gar nichts mehr an, sondern lag auf dem großen Podium, auf dem bis eben noch die vielen Ehrengäste friedlich in Erwartung einer Rede des Bürgermeisters gesessen hatten. Natürlich saß nun niemand mehr auf dem Podium, und unter dem großen Plakat waren vereinzelte 'Eflih'-Rufe, Jammern und vereinzeltes Gewimmer zu vernehmen.


"Du hast gesagt 'kräftig ziehen', und wenn du Dodo sagst, der soll kräftig ziehen..."


"Tuffi, Klappe! Helft lieber den Ehrengästen, das tut ja nicht Not, dass die zu Plattfischen verarbeitet werden."


Das Reparaturteam beeilte sich, den Anweisungen Murksels Folge zu leisten. Der Bauleiter seufzte leise. Es hatte alles so gut angefangen an diesem Tag, an dem Hamsterhausen einen Vorgeschmack auf das liefern wollte, was in den nächsten Wochen passieren sollte. Alle wichtigen Persönlichkeiten der umliegenden Hamsterländer waren erschienen, um der Eröffnungsrede des Bürgermeisters zu lauschen. Höhepunkt der Veranstaltung sollte der erste gemeinsame Auftritt der berühmten Sängerin Agnelia von Hamsterqualle mit dem nicht minder bekannten Sänger Hamsterquallo sein, aber das hatte sich ja nun erledigt. Während im Hintergrund die Sirenen der Krankenwagen und der Feuerwehr zu hören waren, beobachtete der Bauleiter, wie die bewusstlose Agnelia von Hamsterqualle, der völlig verbeulte Hamsterquallo und mehrere vornehme Ehrengäste unter den Trümmern herausgezogen wurden. Genau genommen sahen diese Ehrengäste nicht mehr sonderlich vornehm aus. Das jedoch war dem Bauleiter im Moment total egal, als er den völlig erfledderten Bürgermeister auf sich zu wanken sah.


"Wir hatten leider kleine technische Schwierigkeiten!" rief ihm der Bauleiter schon vom Weiten zu. "Und das Reparaturteam war leider zu dämlich, sich an meine Anweisungen zu halten!"


Der Bürgermeister antwortete nicht, jedenfalls nicht sofort. Mit betretener Mine beobachtete er den Abtransport der Ehrengäste, die von Rettungshamstern vorsichtig auf Tragen gelegt und mit einem kräftigen Schwung in die bereitstehenden Krankenwagen geschoben wurden.


"Von diesem Hamsterquallo habe ich sogar eine CD", jammerte der Bürgermeister, als der berühmte Sänger an ihnen vorbei getragen wurde

.

"Könnte sein, dass die mal wertvoll wird", entgegnete der Bauleiter, "der sieht nicht so aus, als ob er bald wieder singt."


"Chef, sollen wir das Plakat wieder aufstellen?"


"Sicher, Tuffi, sicher", flötete Murksel und beugte sich zu dem kleinen Reparaturhamster. "Vorher aber solltet ihr den Text auf dem Plakat noch ein wenig abändern. Wie wäre es mit: 'Wir sind die allerdämlichste Reparaturtruppe der Welt'?"


"Schreibt man allerdämlichste in zwei Wörtern oder zusammen?"


"Dodo?"


"Ja, Chef?"


"Halte einfach die Klappe!"


"Nun, mein lieber Murksel", fuhr der Bürgermeister fort, "wir haben, öhm, sozusagen nicht den besten Eindruck bei unseren Gästen hinterlassen..."


"Nee, wirklich nicht", brummte der Bauleiter, "eine erfolgreiche Präsentation sieht anders aus."


"Vielleicht sollte sich der Eine oder Andere in dieser schönen Stadt mal was durch den Kopf gehen lassen", warf Flecki ein, die damit beschäftigt war, ihr total verschmutztes Fell zu reinigen.


"Genau", rief Goldi, "etwas durch den Kopf gehen lassen, so circa 9 mm!"


"Soll das denn nun noch weitergehen, wenn es denn weitergeht?" fragte Hamstilidamst und rieb sich seine schmerzende Pfote, die er sich beim Rettungsversuch von Trampel verstaucht hatte. Als nämlich das Gerüst samt Plakat umfiel, standen Trampel und er nebeneinander. In dem Moment, als eine Gerüststange genau in die Richtung Trampels fiel, hatte Hamstilidamst ihn geistesgegenwärtig zur Seite geschubst. Die heranrauschende Stange verfehlte Trampel glücklicherweise, doch leider fiel der arme Hamster jetzt genau in die Flugbahn des nachfolgenden, schweren Plakats, und das war weitaus unangenehmer.


"Was soll weitergehen?" fragte Flecki ungläubig.


"Nun ja, die Vorbereitungen für die Messe", entgegnete Hamstilidamst ein wenig unsicher, während er den Rettungshamstern hinterher schaute. Es war in der Tat nicht leicht für das Rettungsteam, die schweren Tragen mit den Verletzten über Schutt und Gerümpel zu schleppen. Hamstilidamst verzog schmerzlich das Gesicht, als er sah, wie zwei Rettungshamster mit einer Trage ins Stolpern gerieten, und Freund Trampel laut quiekend herunterfiel, über einen Schuttberg rollte und irgendwohin verschwand. "Wir müssen wohl wieder von vorne anfangen, oder?"


"Vielleicht warten wir noch ein wenig, bis alle von uns wieder gesund sind", keuchte Finchen und schaute mit großen, traurigen Augen zu der Stelle, wo die Sanitätshamster den jammernden Trampel wieder auf die Trage hievten. Als sie beim Weitergehen erneut ins Stolpern gerieten, wandte Finchen ihren Blick schnell ab und schaute Flecki erwartungsvoll an.


"Warum?" knurrte Flecki. "Manche armen Schweine wären im Krankenhaus sicherer aufgehoben."


"Schön, schön", meldete sich der Bürgermeister erneut, während sein Blick in die Ferne schweifte, wo Trampel sich verzweifelt dagegen wehrte, wieder auf die Krankentrage gelegt zu werden. Fast wäre es ihm gelungen, doch im letzten Moment warfen sich die beiden bulligen Krankenpfleger auf Trampel, dem nun jede Fluchmöglichkeit genommen war. Triumphierend warfen ihn die beiden Pfleger nun erneut auf die Trage und schoben sie schwungvoll mit einem lauten 'Arruh!'1 in den wartenden Krankenwagen. Kurz darauf startete der Wagen unter lautem Hupen und mit durchdrehenden Reifen in Richtung Hamsterhausener Krankenhaus.


"Äh, Freund Trampel scheint ja in besten Händen zu sein und wird nach ein paar Tragen, äh, Tagen gewiss wieder zu uns stoßen und sich voller Wut, äh, Mut wieder in die Arbeit stürzen."


"Stürzen ist genau der richtige Ausdruck", grinste Tati und stupste Teeblättchen in die Seite.


"Vielleicht haben wir bis dahin mal einen Plan, wie es weitergehen soll", schlug Flecki vor und warf Tati und Teeblättchen einen warnenden Blick zu.


"Ich habe das jetzt in einem Wort geschrieben, Herr Bauleiter, wollen Sie es sich einmal ansehen?"


Murksel glotzte erst Dodo und dann das Plakat an, das nun einige Meter und halb zerschmettert neben der Ehrentribüne lag, nachdem die Hamstische Feuerwehr es mit einem Kran von den darunter liegenden Ehrengästen weggeschafft hatte. Er seufzte schwer, als feststellen musste, dass Dodo tatsächlich das Plakat mit einer neuen Aufschrift versehen hatte.


"Sehr schön, Dodo, wirklich ausgezeichnet und wir sind alle mächtig stolz auf dich. Allerdings schreibt man 'allerdämlichste Reparaturtruppe' mit einem 'A', denn das heißt Reparaturtruppe und nicht Reperaturtruppe."


Kopfschüttelnd blickte der Bauleiter dem großen Hamster hinterher, der sich mit rotem Kopf eifrig daran machte, seinen Schreibfehler zu korrigieren. Der Bauleiter trat einen Schritt zur Seite, um den verbliebenen Rettungshamstern Platz zu machen, die den letzten der Ehrengäste unter den Trümmern hervorgezogen hatten. Sie schleiften das wimmernde Opfer zum Krankenwagen. Kurz darauf waren sämtliche Rettungskräfte verschwunden.


"Na, das wird wohl ein fettes Nachspiel haben, wie?" unkte Teeblättchen.


Der Bürgermeister blickte ihn verstört an: "Wieso Nachspiel, öhm, warum denn das?"


"Tja, da werden wohl so manche Schadensersatzforderungen kommen, wie, Bürgermeister?" erklärte Tati grinsend.


"Öhm, öhm". Dem Bürgermeister war überhaupt nicht mehr wohl zumute, ihm wurde plötzlich heiß und irgendwie schien alles unter seinem Fell zu jucken. "Tja, also, öhm."


Sofort war er im Mittelpunkt des Interesses. "Also was?" fragte Flecki herausfordernd.


"Nun, öhm, und dazu stehe ich mit meinem Dingswort als Bürgermeister, wir werden jeden einzelnen, äh, Beschädigten gewissermaßen eine großzügige Entschädigung zukommen lassen."


"Freikarten?" lästerte Goldi.


Das Gesicht des Bürgermeisters wechselte von rot auf blass, und er warf einen hilfesuchenden Blick auf den Bauleiter, der gerade ein paar Steine vom Boden aufgehoben hatte und auf das zerschmetterte Plakat zielte. Als er den fragenden Blick des Bürgermeisters auf sich spürte, zuckte er mit den Schultern.


"Freikarten? Wofür? Das neu gebaute Schwimmbad ist zwar fertig, aber niemand geht dort hin. Bei der Planung wurde leider vergessen, dass Hamster niemals baden."


"Ich, äh, öhm." Dem Bürgermeister schienen die Worte zu fehlen, er rang nach Luft und deutete mit zitternder Pfote auf den Schutthügel, neben dem sie standen. "Ich, also, ich dachte, wir könnten, weil wir doch wollten, eine Messe. Ja, Dings das ist das, äh, das ist das Dings, das ich meinte. Was ist denn mit der Messe, lieber Bauleiter?"


"Sollte ich die Rede halten, oder du Klappskalli? Wieso muss ich immer für alles herhalten, wenn es schiefgeht? Wir sollten das Plakat aufstellen und du solltest erzählen, was abgeht. Ich bin nur für den technischen Teil verantwortlich und du für den Ablauf!"


"Tja, nun, lieber Bauleiter, selbstverständlich - und dazu stehe ich auch - ging es ja nur darum, über die Dings-Planungen zu reden, mehr, öhm, eben nicht."


"Er meint damit, dass er vor allen Ehrengästen rumprahlen wollte, dass wir 'ne Messe machen!"


Der Bürgermeister drehte sich empört herum, um den Urheber dieser Worte festzustellen, doch er sah nur unschuldig blickende Hamster des Reparaturteams um sich. Er setzte sich umständlich auf einen Schutthaufen und presste seinen Kopf zwischen die Pfoten. Das, was heute geschehen war, konnte man womöglich als einen unvermeidlichen Unfall darstellen, dessen Hintergründe unergründlich waren und bleiben würden. Natürlich würden die Unfallopfer eine angemessene Entschädigung erhalten, sonst würde das nicht funktionieren. Aber dann? Was dann? Langsam erhob sich der Bürgermeister von Hamsterhausen vom Schutthaufen, klopfte sich das Fell ab und grinste verzweifelt und dümmlich in die Menge der umstehenden Hamster. Niemand grinste zurück, alles glotzte abwartend. So stand die gesamte Truppe zehn Minuten lang, dann brach Dodo das Schweigen:


"Möchte jemand mein 'A' sehen?"


Eine knappe Stunde später hatten sich alle im Büro des Bürgermeisters versammelt, um die weitere Vorgehensweise in Ruhe zu diskutieren. Das heißt, alle, bis auf Dodo, der vom restlos genervten Bauleiter den Auftrag erhalten hatte, den Müll der Eröffnungsveranstaltung zu beseitigen.


"Wir könnten einen Planungsausschuss bilden!" schlug Sasie vor.


"Mit Unterausschüssen für gezielte Planungen!" ergänzte Dasie.


"Und Unter-Unterausschüssen mit exakt umrissenen Kompetenzbereichen für die Nebenausschüsse", grölten Tati und Teeblättchen und konnten sich vor Lachen kaum halten.


"Nicht zu vergessen: die Fressausschüsse für gezielte Ernährung", ergänzte Goldi.


Der Bürgermeister glotzte ratlos, tippte mit seiner Pfote auf dem Schreibtisch herum und warf hilfesuchende Blicke zu Bauleiter Murksel, der auch gleich lustlos brummte: "'n büschen mehr Ernst an der Sache, Leute!"


Nach und nach verstummte das Geplapper der Hamster und der Bürgermeister erhob sich von seinem Platz. In seiner rechten Pfote hielt er einen Zettel. Er räusperte sich mehrfach, dann rief er: "Liebe Hamster! In meiner Eigenschaft als Obstler, äh, oberster Vertreter dieser schönen, äh, Stadt, habe ich in unermüdlicher Arbeit diese List, äh, Liste gemacht. Sozusagen als ein 'Brainstorming', wie die englischen Hamster pflegen, äh, zu sagen flegeln. Ist ja auch egal, ich lese es mal vor, und ihr antwortet sozusagen."


Umständlich nahm er den Zettel von der rechten in die linke Hand, drehte ihn nachdenklich um und nahm ihn wieder in die rechte Hand. "Nun, öhm, die erste Frage lautet: Haben wir genug Leute für die Durchführung?"


Allgemeines Schweigen erfüllte den Raum, dann war Fleckis Stimme zu vernehmen: "Für die Durchführung von was?"


Dem Bürgermeister fiel für einen Moment die Kinnlade herunter und er schluckte. Die Situation wurde kompliziert und er starrte verzweifelt auf seinen Zettel, dann keuchte er erleichtert: "Ach ja, natürlich. Für die Masse, äh, Messe gewissermaßen!"


Für einen Sekundenbruchteil war es muckmäuschenstill im Raum, dann brüllte die gesamte Hamstertruppe: "Jaa, jaa, jaa!"


Der Bürgermeister lächelte triumphierend, blickte erneut auf seinen Zettel und rief: "Haben wir genug Material?"


Alle blickte zu Murksel, und als der leicht mit dem Kopf nickte, brüllte die gesamte Hamstertruppe erneut: "Jaa, jaa, jaa!"


Der Bürgermeister schloss für einen Moment erleichtert die Augen, dann fuhr er fort: "Wollen wir es machen?"


"Jaa, jaa, jaa!" schallte es zurück.


Der Bürgermeister schloss erneut für einen kleinen Moment seine Augen, ein Strom des Glücks durchfloss ihn, er ballte seine linke Faust, reckte sie in die Luft, während er vom Zettel in seiner rechten Hand ablas: "Werden wir es schaffen? Haben wir genug Ideen?"


Schlagartig herrschte Stille im Raum. Irgendwo im Treppenhaus des Rathauses waren Schritte zu hören, vereinzeltes Zetern von Vögeln, die sich auf dem Marktplatz vor dem Rathaus um Futter stritten, doch ansonsten kein Laut. Der Bürgermeister war der Ohnmacht nahe; er setzte sich auf seinen Sessel, denn ihm wurde schwindelig. Dann vernahm er einzelne Wortfetzen, die von der Hamstertruppe kamen:


"Schaffen? Eher nicht!"


"Nö, das geht so was von schief..."


"Dafür riskiere ich doch nicht mein Fell..."


"Blöde Idee!"


"Hat jemand was zu fressen dabei?"


In diesem Moment klopfte es an der Tür.


"Ja?" rief der Bürgermeister und schöpfte neuen Mut, ließ sich aber sofort wieder in seinen Sessel fallen, als er den total verdreckten Dodo hereinkommen sah.


"Hat jemand eine Schaufel?"


"Liegt im Werkzeugschuppen!" knurrte Bauleiter Murksel.


Dodo nickte dankbar und wollte gerade wieder zur Tür hinausgehen, als der Bürgermeister rief: "Dodo, was meinst du, kann Hamsterhausen eine Messe schlaffen, äh, schaffen? Haben wir Hamster genug Dings-, öhm, Ideen dafür?"


Dodo blieb im Türrahmen stehen, drehte sich langsam um und stützte sich nachdenklich mit einer Pfote an den Türpfosten. "Klar, das ist doch eine Lachnummer für uns, oder?"


"Bravo, bravo!" rief der Bürgermeister und reckte erneut die Faust nach oben, da er jedoch nicht aufgestanden war, erwischte er eine Tischlampe, die scheppernd in die Ecke flog.


"Öh, Herr Bürgermeister?"


"Ja, Dodo?"


"Was ist eigentlich eine Messe?"


Der Bürgermeister sackte in sich zusammen, während Bauleiter Murksel vor Lachen brüllte.


"Blödmann!" rief Tuffi. "Das hat was mit dem Vermessen von Straßen zu tun!"


"Wieso ist die Baubehörde dafür nicht zuständig?" fragte Dasie empört.


"Genau, immer müssen wir so etwas machen!" fauchte Sasie.


"Die sitzen hoch und trocken in der vornehmen Baubehörde, und wir müssen uns das Fell aufreißen und die Stadt vermessen!" protestierte Tati.


"Öhm", machte der Bürgermeister und blickte hilflos auf seinen Zettel.


"Also Kinders", mischte sich glücklicherweise der Bauleiter ein, "ich glaube, ihr habt da etwas falsch verstanden. Es ist nämlich so..."


Ein Knallen unterbrach seine Worte. Das Licht im Raum erlosch.


"Goldi", fuhr Murksel fort, "wenn du schon an der kaputten Lampe herumfummeln musst, dann zieh das nächste Mal vorher den Netzstecker! Tuffi, marschier mal los und überprüfe die Sicherungen im Schaltkasten. Wenn die kaputt ist, dann tausch sie aus!"


Der kleine Reparaturhamster wieselte an Dodo vorbei, kam jedoch nach wenigen Sekunden wieder zurück.


"Äh, Herr Bauleiter? Wo sind denn die Sicherungen?"


"Im Keller, wo Sicherungen gewöhnlich sind, Tuffi! Und jetzt marsch und sorge dafür, dass der Bürgermeister endlich wieder Licht hat!"


Nach einigen Minuten Wartezeit ging unter lautem 'Aha!' der Hamstertruppe das Licht im Zimmer wieder an. Kurz darauf kam auch Tuffi zurück.


"Chef, ich wollte nur sagen..."


"Später Tuffi, später, erst einmal will ich euch Dummies mal klar machen, was eine Messe ist. Eine Messe ist eine zeitlich begrenzte Ausstellung dessen, was eine Stadt oder ein Land herstellt. Das kann Essen sein oder auch technische Geräte, einfach alles. Davon habt ihr doch sicherlich schon mal gehört, sicherlich kennt ihr doch die ein oder andere Messe, oder?"


"Klar doch", rief Teeblättchen, "die Mitternachtsmesse!"


"Da wir gerade bei Witzen sind", grinste Goldi, "was haben ein Goldfisch und ein Laserstrahl gemeinsam? Na, weiß das keiner? Ist doch klar, Leute, die können beide nicht pfeifen!"


"Chef, ich wollte..."


"Nun gedulde dich mal noch ein bisschen, Tuffi, wir sind doch gleich fertig. Gut, dann fasse ich mal zusammen und nachdem jeder nun weiß, was ein Messe ist..."


Der Bauleiter unterbrach sich und lauschte den trampelnden Schritte im Treppenhaus, die immer lauter wurden.


"Chef, ich wollte nur schnell sagen..."


"Pst, Tuffi, sei mal ruhig. Da ist irgendwas und ich muss jetzt mal hören was da los ist!"

"Aber Chef..."


Bauleiter Murksel schob Tuffi ungeduldig zur Seite und ging weiter zur Tür, an der immer noch Dodo stand und sich mit seiner dreckigen Pfote am Türpfosten abstützte. Murksel stutzte kurz, deutete auf Dodos Pfote und knurrte: "Nimm mal deine Pfote da weg!"


Es krachte und Dodo lag am Boden. Murksel schüttelte den Kopf und deutete auf den großen Schmutzfleck, den Dodos Pfote hinterlassen hatte. "Wie oft habe ich euch schon gesagt: Ordnung und Sauberkeit bei der Arbeit! Dodo, mach den Fleck am Türpfosten mal weg, und ihr da, hört auf zu lachen!" Damit waren Tati und Teeblättchen gemeint, die zum Thema Ordnung und Sauberkeit bei der Arbeit insbesondere auf Murksel Baustellen ihre Bedenken äußern wollten. Murksel ließ es aber nicht so weit kommen, sondern wies die beiden an, Dodo bei der Suche nach einem Lappen zwecks Türreinigung zu helfen. Dann wandte er sich wieder seinem eigentlichen Vorhaben, nämlich die Ursache des Aufruhrs im Treppenhaus zu erforschen, zu. Kaum hatte er den Raum verlassen, hörten der Bürgermeister und die im Raum verbliebenen Hamster wütende Stimmen im Treppenhaus:


"Sind Sie der Bauleiter?" – "Stecken Sie dahinter?" – "Die Arbeit von Monaten ist zerstört!" – "Es ist eine Schande, das werden Sie ersetzen!".


"Sieht so aus, als wenn die Mitarbeiter dieses Rathauses unseren geschätzten Bauleiter schon recht gut kennen", flötete Goldi.


"Sicherlich schätzen die seine Ordnung und Sauberkeit bei der Arbeit auch so sehr", bemerkte Teeblättchen spöttisch und Tati fügte gackernd hinzu:


"Klar doch, schließlich waren ja damals alle Mitarbeiter des Rathauses zu Einweihung des Parkhauses eingeladen worden."


"Na ja", meldete sich nun Tuffi, die ein wenig verstört wirkte, "schließlich haben wir ja hier auch schon einige Reparaturen gemacht." Sie drehte sich kurz zur Tür um, von der wüste Schreie und Beschimpfungen aus Richtung Treppenhaus kamen und zuckte mit ihren kleinen Schultern. "Aber für das da kann der Bauleiter eigentlich nichts. Er hat gesagt, ich soll die Sicherung austauschen, wenn sie kaputt ist und das habe ich gemacht. Aber da waren keine Ersatzsicherungen und deshalb habe ich einfach irgendeine herausgeschraubt und damit die kaputte ersetzt."


Finchen klopfte ihr auf die Schulter und sprach: "Du hast getan, was du tun konntest. Schließlich hat Herr Murksel ja gesagt, dass du dafür sorgen sollst, dass der Herr Bürgermeister wieder Licht hat."


"Sozusagen gewissermaßen wieder erleuchtet wird", spottete Tati.


"Wenn er rummeckert, dann sagst du ihm einfach, dass er seinen Kram in Zukunft selbst machen soll, weil er ja alles besser weiß, Tuffi!"


Tuffi blickte Goldi dankbar an und nickte.


"Genau", riefen Dasie und Sasie, "lass dir nicht immer alles von diesem alten Meckersack gefallen, der hat doch sowieso ein Rad ab und..."


"Von welchem alten Meckersack sprecht ihr?" fragte Murksel wutschnaubend, als er plötzlich wieder in den Raum geschossen kam. Mit großen Augen schauten die beiden Hamstermädchen den Bauleiter an. Sie waren nicht sicher, wieviel er soeben von der Diskussion mitgekommen hatte.


"Hä, hä, von diesem Oberamtsleiter Purzel, Herr Bauleiter, der, der Sie immer so ungerecht behandelt..."


Murksel grunzte zustimmend, dann wandte er sich Tuffi zu: "Wer hat dir Torfnase eigentlich gesagt, dass du die Sicherung für die Computeranlage rausschrauben solltest, hä? Hast du dir schon mal überlegt, wo die jetzt ihre gesamten Daten wieder herkriegen sollen, die sind nämlich allesamt flöten gegangen bei deiner unüberlegten Aktion!"


"Heißt das, auch die Strafanzeigen für zu schnelles Fahren?" rief Goldi hoffnungsvoll. "Ich meine, mich interessiert das natürlich nicht sonderlich, aber ich kenne da jemanden..."


"Vergiss es", keckerte Flecki, "die Strafanzeigen für zu schnelles Fahren liegen alle bei der Polizeibehörde, und die hat ein eigenes Computersystem. Kratz also schon mal dein Geld zusammen." Sie tätschelte den enttäuschten Goldi. "War aber ein netter Versuch!"


"Tuffi, ich warte auf deine Erklärung, du Riesenhornochse, wieso legst du hier die Computeranlagen flach, ohne dass du einen Auftrag dafür hast? Der Oberbuchhalter will nämlich wissen, wer die Schuld daran hat, dass alle Daten verlustig gegangen sind."


"Du, Bauleiter", piepste Tuffi. "Du hast gesagt, ich soll die Sicherung austauschen, damit der Bürgermeister endlich wieder Licht hat und Austauschen bedeutet 'auswechseln, erneuern, ersetzen, vertauschen, wechseln, tauschen, umtauschen, einen Austausch vornehmen, einen Ersatz schaffen, durcheinanderbringen..."


"Ich weiß was 'austauschen' bedeutet, du Knallhamster!" brüllte Bauleiter Murksel und seine Gesichtsfarbe wechselte ins Dunkelrote. "Ich habe aber nicht gesagt, dass du..."


"Du kannst deinen Kram in Zukunft selbst machen soll, weil du ja sowieso alles besser weißt, Bauleiter!"


Bauleiter Murksel glaubte seinen Ohren nicht zu trauen: "Was?" keuchte er und bewegte sich mit vorgebeugtem Kopf langsam auf den kleinen Reparaturhamster zu.


"Hat Goldi gesagt..."


"Was weiß Goldi schon von Reparaturen?" fauchte Murksel.


"Wenigsten sehe ich nicht aus wie eine brüllende Tomate!" fauchte Goldi zurück.


Es knallte und klatschte heftig. Das war der Bürgermeister, der, um die Streiterei zu schlichten, auf den Tisch klettern wollte, doch dabei leider abrutschte und nun platt auf seinem Schreibtisch lag.


"Öhm, wenn ich dazu mal etwas sagen dürfte, sozusagen als Schlachter, äh, Schlichter", begann er und rieb sich das schmerzende Kinn, mit dem er auf dem harten Tisch gelandet war. Dabei versuchte er tapfer zu lächeln und bewegte sich im Rückwärtsgang auf seinen Sessel zu. Dieses Sitzmöbel jedoch war bei seinem unglücklichen Versuch, auf den Tisch zu klettern zur Seite geschoben worden und somit nicht mehr da, wo es vorher gewesen war. "Wie auch, äh, immer, meine lieben Hamsterfreunde", tönte es kurz darauf vom Fußboden her, "wir müssen den Dingsen ins Auge fassen, äh, sehen, und wir sollten versuchen, gemeinsam die Dinger, äh, anzugehen."


"Haben Sie sich wehgetan, Herr Bürgermeister?" fragte Dodo besorgt. "Soll ich Ihnen hochhelfen?"


"Nein", kreischte es vom Fußboden her, "alles bestens, ich komme..." Es knallte erneut, laut und hässlich.

"Hä, hä, die dumme Tischplatte!", war die Stimme des Bürgermeisters - diesmal unter dem Tisch - zu vernehmen. "Alles in bester Ordnung, kein Problem, sozusagen in allerbester Ordnung. Alles im Lot auf dem Rathausboot..."


"Nichts ist im Lot, Herr Bürgermeister! Sämtliche Computer sind ausgefallen, wir haben einen schlimmen Datenverlust, nur weil dieser unfähige Bauleiter..."


"Sprichst du von mir, du Buchhaltungs-Fuzzie? Muss ich mich von jedem Idioten anpöbeln lassen, der hier reingelatscht kommt, oder was?“


Bauleiter Murksel und der Oberbuchhalter standen einander mit funkelnden Augen und drohenden Mienen gegenüber. Im Raum herrschte eine Spannung, die fast schon knisterte. Der Bürgermeister hatte es gerade wieder geschafft, mühsam und umständlich auf seinen Sessel zu klettern, ein paar Reparaturhamster standen am Fenster und der Rest, nämlich Hamstilidamst und Goldi, hatten es sich in Erwartung einer geilen Keilerei auf dem Boden gemütlich gemacht. Fasziniert beobachteten sie, wie Murksel und Oberbuchhalter nun Kopf an Kopf aneinandergedrückt standen und einander immer wieder drohend anfauchten.


"Wie wäre es, wenn mal jemand die Sicherung für die Computer mal wieder einschraubt?" fragte Flecki, die sichtlich von dem Imponiergehabe der beiden genervt war.


"Das, öhm, ist ein ausgezeichnete Idee, liebe Dings, äh,..."


"Flecki."


"Oh, ja, danke, wie ich noch nicht erwähnte, wäre es vielleicht tatsächlich ratsam, wenn der Herr Bauleiter die Computer wieder einschraubt..."


"Sobald ich mit diesem Fiepenheini fertig bin", knurrte dieser und trat langsam einen Schritt zurück, während er sein Gegenüber nach wie vor fixierte und nicht aus den Augen ließ. Beim Rückwärtsgehen prallte er auf Dodo, der immer noch vor dem Ausgang stand und wartete. "Sag mal, du Spinner", fauchte ihn nun Bauleiter Murksel an, "wolltest du nicht eine Schaufel aus dem Werkzeugschuppen holen und den Schutt beseitigen?"


"Aber ich bin doch noch nicht mit dem Reinigen der Tür fertig, Chef. Wir haben noch keinen Lappen gefunden und Tati und Teeblättchen meinen, ich soll den Bürgermeister fragen, ob ich ein Geschirrhandtuch aus der Küche..."


"Mein allerliebster Dodo", flötete Bauleiter Murksel mit hochrotem Kopf, "bitte sei so gut und beseitige den Schutt. Wenn ich in einer Stunde runterkomme, will ich nichts mehr davon sehen, ja, mein Guter? Tati und Teeblättchen sind sicherlich so nett und machen den Fleck weg, oder wünscht ihr, dass ich das für euch mache?"


Tati und Teeblättchen schüttelten ängstlich lächelnd die Köpfe, denn so blöd waren sie nun wirklich nicht, den gesammelten Zorn ihres Vorgesetzten auf sich ziehen zu wollen.


"Aber für mich könnten Sie das machen, Chef!"


Es dauerte eine Weile, bis es Goldi, Hamstilidamst, Tati und Teeblättchen gelungen war, den tobenden Bauleiter vom jammernden Dodo zu trennen und zu beruhigen. Mit einer ungewohnten Schnelligkeit verschwand der große Hamster durch die Tür.


"Eine bewundernswerte Art besitzen Sie, Ihre Mitarbeiter zu motivieren", nickte anerkennend der Oberbuchhalter.


"Man muss einfühlsam sein, darf sich aber nicht auf der Nase herumtrampeln lassen", bestätigte Murksel.


"Ich könnte Sie gut gebrauchen, Herr Murksel, sozusagen als Motivator für meine Mitarbeiter. Verstehen Sie etwas von der Buchhaltung?"


"Nun ja, ich weiß schon, wie herum man ein Buch halten muss..."


Der Oberbuchhalter verabschiedete sich hastig, und auch der Bauleiter verließ kurz darauf das Zimmer, um im Keller die Sicherungen zu überprüfen.


"Haben Sie diesen Buchhalter schon lange, Herr Bürgermeister?" wollte Flecki wissen.


"Öh, nein, oder vielleicht doch, gewissermaßen sehe ich ihn zum ersten Mal. Schließlich ist es für eine Führungskraft schwer, sich jeden einzelnen Dings, äh, Mitarbeiter zu merken."


"Äußerst schwer", stimmte Teeblättchen grinsend zu, "das müssen ja fast 50 Mitarbeiter sein, einfach unvorstellbar, was Tati?"


Tati nickte. "Stell dir mal vor, wir müssten so viele Namen auswendig lernen. So wie die 100 Vokabeln, die Fräulein Puschdusch2 uns neulich übers Wochenende aufgegeben hatte..."


"Das ist natürlich etwas Anderes", entgegnete Teeblättchen und zwinkerte seinem Bruder zu, "wir sind ja auch keine Führungskraft..."


Der Bürgermeister tippte nervös mit seiner Pfote auf den Boden, während er sich am Tischrand festhielt. Er war sich nicht ganz sicher, ob man sich hier über ihn lustig machte oder seine Arbeit würdigte. Er entschloss sich für letzteres, fegte mit einer Pfote über den Tisch, als wolle er ein paar unsichtbare Krümel entfernen und räusperte sich.


"Ich, öhm, schlage vor, dass wir uns morgen um 10.00 Uhr in meinem Büro, äh, treffen, um die weitere Dingslage zu verraten, äh, beraten, sozusagen. Ich, öhm, habe leider noch wichtige Termine..."


Im nächsten Moment war das Büro leer, der Bürgermeister atmete erleichtert auf und gönnte sich endlich ein lange ersehntes Nickerchen.

 

 


 

Kapitel 02

Noch dümmer gelaufen



Es dauerte nicht lange, und der Bürgermeister schreckte aus seinem lange ersehntes Nickerchen hoch. Das Knallen einer Tür hatte ihn geweckt. Er blinzelte vorsichtig und erkannte Bauleiter Murksel, der soeben ohne zu klopfen sein Büro betreten hatte.


"Was fr..., äh, was ist?"


"Nix", entgegnete Murksel. "Wo ist mein Reparaturteam?"


"Öhm, wegen wichtiger, äh, Termiten, äh, Termine, treffen wir uns morgen um 10.00 Uhr wieder hier in meinem Büro, um die weitere Vergehens-, äh, Vorgehenslage zu bedingsen..."


"Schön, wirklich sehr schön, vielen Dank", knurrte Murksel und schaute aus dem Fenster. "Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass ich auch nur einen von denen wieder an die Arbeit zurück kriege. Wenn die was von 'machen wir morgen' hören, sind die nämlich spurlos verschwunden."


Während der Bürgermeister schuldbewusst schluckte, deutete der Bauleiter auf einen Punkt in der Ferne und sprach: "Immerhin ist einer noch am aufräumen, und den werde ich jetzt mal ein wenig kontrollieren."

In Erwartung eines baldigen Verschwindens dieser Störung und der Hoffnung auf eine Fortsetzung seiner Ruhepause nickte der Bürgermeister. "Das riecht hier wie im Rennmauskäfig, ich mache mal das Fenster auf, Herr Bürgermeister!"


Als Bestätigung kam ein erneutes Nicken. Im nächsten Moment war der Bauleiter verschwunden; der Bürgermeister atmete tief ein und setzte seinen Büroschlaf fort. Weit weg trieb ihn sein Traum, weit zurück in die eigene Schulzeit.


"Ich habe das Fenster aufgemacht, Frau Lehrerin, darf ich jetzt meinen Vortrag halten?"


Die Philosophielehrerin nickte. "Komme bitte nach vorne, Heinz-Georg, damit dich alle Schüler gut verstehen!"


"Selbst versemmelt, äh, selbstverständlich, liebe Frau Lehrerin!"


Das allgemeine Kichern hielt nur eine kurze Zeit an, und schon nach 5 Minuten hatte gähnende Langeweile sowohl Schüler als auch Lehrerin erfasst, während der kleine Heinz-Georg das tat, was er am besten konnte: lange Vorträge halten.


"Frau Lehrerin, wie war das?"


Frau Fuschnisch schreckte hoch. Wieder einmal war sie eingenickt, und wieder einmal hatte sie nur den Anfang des Vortrages über das "Wieso und Warum - über den Sinn der Philosophie" mitbekommen. So unauffällig wie möglich schaute sie auf ihre Uhr und stellte erschrocken fest, dass seit Beginn des Vortrages ihres kleinen Musterschülers eine halbe Stunde vergangen war.


"Äh, sehr gut. Hat noch jemand Fragen zu dem Vortrag, oder hat jemand etwas nicht verstanden?" wandte sie sich an die Klasse und verfluchte zugleich ihre eigene Unachtsamkeit. Natürlich würden gewisse Schüler noch Fragen haben und zwar genau die, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatten. Wie erwartet meldete sich sofort Friedbert.


Philosophielehrerin Fuschnisch nickte ihm zu, obwohl sie Friedbert Murksel lieber den schmutzigen Hals umgedreht hätte. Es war klar, dass nun der Unterricht solange verzögert werden würde, bis die Pausenglocke ertönte und die Kontrolle der Hausaufgaben für heute geknickt werden konnte.


"Und wofür, du Uhu, kann man so was brauchen?"


"Friedbert, würdest du bitte Heinz-Georg mit seinem Vornamen anreden?"


"Gut", kam es geknurrt zurück, "also, Heinz-Georg, du Uhu, wozu braucht man diesen Mist?"


Während Frau Fuschnisch lautlos an ihrem Pult in sich zusammensackte, folgte nun eine langatmige Erklärung, die immer wieder von Zwischenrufen ein und desselben Schülers begleitet wurde.


"Hohlmöhre, ich mach dich platt - bleib stehen, du Flasche! Nennst du das aufräumen? Ich werde dir zeigen, was aufräumen bedeutet, jetzt räume ich mal mit dir auf!"


Im dritten Stock des Rauhauses schreckte der Bürgermeister an seinem Schreibtisch hoch. Wo war seine Lehrerin? Langsam wurde ihm klar, dass er nur geträumt hatte, zumindest befand er sich nicht mehr im Philosophieunterricht. Etwas aber war kein Traum gewesen und tatsächlich, da war es wieder!


"Bleib stehen und schau mir ins Gesicht, wenn ich mit dir spreche! Ich krieg' dich, und wenn du bis ans Ende von Hamsterhausen läufst!"


Langsam, ganz langsam erhob sich der Bürgermeister und schleppte seinen müden Körper ans Fenster. Der Schuttberg auf dem Marktplatz lag noch immer friedlich dort, wo er bisher gelegen hatte. Dodo war zu erkennen, dicht gefolgt vom Bauleiter. Beide rannten wieder und wieder um den Schutthügel herum. Dann weiteten sich die Augen des Bürgermeisters und er zwang sich, seinen Blick auf das große Plakat zu richten. Offenbar hatte Dodo es wieder aufgerichtet, und unter der Überschrift 'Hamstische Messe' standen nun die Worte 'Wir sind die allerdämlichste Reparaturtruppe der Welt', und darunter stand in leuchtend weißer Schrift: 'Leitung Bauleiter Murksel'.


Mit einem leisen Seufzer schloss der Bürgermeister das Fenster, und die Hilfeschreie Dodos verschwanden. Dann setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch, legte den Kopf auf die Tischplatte und schloss die Augen. Es dauerte nicht lange, bis die nächste Störung auftrat und es an der Tür klopfte.


"Raaah", fauchte der Bürgermeister und blinzelte mit einem Auge. Es klopfte erneut. "Dings, öhm, herein", grunzte der Bürgermeister und richtete sich auf. Sein Blick fiel auf die Tischlampe, die nach wie vor zerschmettert in der Ecke des Raumes lag, dann glitt sein Blick abwartend zur Tür. Langsam öffnete sie sich, und das Gesicht seiner Sekretärin erschien.


"Herr Bürgermeister, sie haben in 30 Minuten einen Termin mit dem Leiter des Bauamtes..."


"Öhm, ja, sehr schön, liebe Frau Fuschnisch, sagen Sie mir dann Bescheid. Ich meine natürlich, wenn er, äh, da ist, denn wenn er nicht da ist..."


"Kann ich ihn natürlich auch noch nicht anmelden, völlig klar, Herr Bürgermeister", entgegnete die Sekretärin ein wenig verdutzt, denn mit dem Namen Fuschnisch konnte sie überhaupt nichts anfangen und war sich auch nicht bewusst, so zu heißen "Ich sage Ihnen also Bescheid, wenn er da ist." Sie warf einen Blick auf die zerschmetterte Tischlanpe. "War der Herr Bauleiter zu Besuch? Nun ja, zurzeit scheint er ja auf dem Markplatz mit seinem Mitarbeiter zu spielen."


Noch 30 Minuten, oder zumindest 25 Minuten, bis diese Flachpfeife kommt, dachte Bürgermeister Heinz-Georg und gähnte herzhaft, nachdem die Sekretärin den Raum verlassen hatte. Immerhin wäre noch Zeit für ein kleines Nickerchen, und das wäre schon mal besser als gar nichts. Er warf einen Blick durch das geschlossene Fenster, denn auf dem Marktplatz war es unterdessen ungewöhnlich ruhig geworden. Mit einem Hechtsprung war es Murksel gelungen, den winselnden Dodo am Fell zu packen und festzuhalten. Zu mehr langte es aber nicht, denn nun lagen beide am Boden und waren am Rande der totalen Erschöpfung. Die lange Verfolgungsjagd hatte beiden alles abverlangt. Beruhigt trabte der Bürgermeister zu seinem Sessel zurück, gähnte erneut laut und herzhaft und legte seinen Kopf erneut auf den Schreibtisch.


Kaum hatte er jedoch die Augen geschlossen und glitt in das Land der Träume ab, als es wieder an der Tür klopfte, dieses Mal recht kräftig.


"Ja?" krähte der Bürgermeister gequält und hob seinen Kopf vom Schreibtisch.


Die Tür flog auf.


"Maaaahlzeit, alles klar? Nun geht das voll ab, Herr Bürgermeister, wo ist die Lampe?"


"Lampe? Wie, Lampe?"


"Hier soll eine Lampe kaputt sein, Herr Bürgermeister - vermutlich eine TF22-G!"


"Öhm, nein, nur eine alte Tischlampe. Wer sind Sie und was wollen Sie?"


"Der Hausmeister - Sie wissen schon, Herr Bürgermeister, der gute Geist, der unermüdliche Hauself, allzeit breit, äh, bereit ist mein Motto..."


"Schön, schön", knurrte der Bürgermeister, "und wo war dieser Dings, äh, breite Hauself letzte Woche, als mein Klo verstopft war?"


"Urlaub, Herr Bürgermeister!"


"Und die Woche davor, als das Fenster sich nicht mehr schließen ließ?"


"Da hatte ich frei!"


"Und die Woche davor, als der Wasserhahn den ganzen Tag tropfte, und ich nicht schlafen, äh, arbeiten konnte?"


"Sonderurlaub, ich habe zu Hause renoviert!"


"Und letzten Monat?" krähte der Bürgermeister. "Als die Heizung ausgefallen war?"


"Da war ich krank! Sie wissen schon, dieses kalte Wetter..."


"Und den Dingsmonat davor? Als der Fahrstuhl kaputt war und ich nicht zur Arbeit konnte?"


"Auf einem Seminar der Hamstischen Fortbildungs-Gesellschaft. Drei Wochen, Herr Bürgermeister! Von morgens bis abends habe ich den Kursus 'Origami leicht gemacht' besucht!"


"Origami?" keuchte der Bürgermeister fassunglos.


"Genau so isses - Origami! Das muss man Papier falten, aber so ganz habe ich das noch nicht verstanden, deshalb werde ich nächsten Monat einen Ergänzungskurs nehmen. Man kann ja nie wissen, ob diese Technik nicht eines Tages Standard wird, und deshalb sollte sich jeder Arbeitnehmer auf dem Laufenden halten, finden Sie nicht auch, Herr Bürgermeister?"


Der Bürgermeister antwortete nicht, jedenfalls nicht sofort. Er war aufgestanden und blickte auf den Marktplatz, wo sich ein Teil des Reparaturteams noch immer in einem ungewöhnlichen Einsatz befand. Dodo schien sich schneller als der Bauleiter erholt zu haben und versuchte, mit letzter Kraft wegzukrabbeln, doch mit einem Hechtsprung hatte ihn Murksel wieder erreicht und am Schwanz gepackt. Das Gejaule Dodos war daraufhin weit zu hören, und der Bürgermeister schloss sofort wieder das soeben geöffnete Fenster. Er drehte sich um. Wer war dieser struppige kleine Hamster in blauem Overall, der ihn fragend anschaute? Ach ja, der Hausmeister, schoss es dem Bürgermeister durch den Kopf.


"Öhm, tja, nehmen Sie die Dingslampe, und sehen Sie zu, ob Sie die hinkriegen!"


"Aber, Herr Bürgermeister, die ist doch schon hin! Aber ich kann sie mitnehmen und sehen, was sich machen lässt." Der Hausmeister hob die zerschmetterte Tischlampe vom Fußboden auf, stellte sie auf den Schreibtisch und betrachtete sie nachdenklich. "Tja, wenn ich mir das genau überlege, ist das keine TF22-G sondern eine TF22-F."


Der Bürgermeister glotzte den Hausmeister an, ohne auch nur im Geringsten zu verstehen, welche Konsequenzen diese Erkenntnis haben würde.


Der Hausmeister drehte die Lampe hin und her und klopfte ein paar Mal dagegen. Beim letzten Klopfen verabschiedete sich die Glühbirne und hinterließ ein hässliches Klirren, als sie auf dem Boden aufkam.


"Hatten Sie, öhm, sozusagen Ihre Ausbildung bei Baureiter, ähm, Bauleiter Murksel?"


"Genau!" strahlte der Hausmeister. “Als ich meine Umschulung gemacht hatte, war der Herr Murksel mein Ausbilder! Ein echter Typ ist das, sage ich Ihnen, ein richtiges Vorbild!"


Der Bürgermeister seufzte gequält und blickte auf den Markplatz, wo dieser echte Typ, dieses Vorbild, gerade mit Dodo durch eine tiefe Schlammpfütze robbte und wilde Flüche ausstieß.


"Vorher war ich bei der Behörde, aber das was mir zu stressig, wissen Sie?" fuhr der Hausmeister erbarmungslos fort. "Diese festen Arbeitszeiten und der ganze Papierkram..."


Es klopfte an der Tür. Erleichtert atmete der Bürgermeister auf und wollte gerade 'Herein' rufen, als der Hausmeister mit der kaputten Tischlampe unter dem Arm zur Tür ging und rief: "Es kann ein wenig dauern, denn eine TF22-F ist nun mal keine TF22-G, da muss ich wohl noch Ersatzteile bestellen. Nächste Woche allerdings wird es nichts, denn da habe ich frei und übernächste Woche habe ich Origami. Vielleicht nächsten Monat, ach nein, da habe ich Urlaub, aber eventuell im übernächsten Monat..."


"Herein!" unterbrach der Bürgermeister den Hausmeister und gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er sich mit der TF22-G, oder was auch immer es war, schnellstens verabschieden sollte.


Die Tür öffnete sich, und der Kopf seiner Sekretärin erschien: "Herr Bürgermeister, Herr Fussel, der Herr Leiter des Bauamtes ist da..."


"Soll reinkommen", ertönte die Antwort, die wie ein Grunzen klang.


Die Tür wurde ganz geöffnet, der Leiter des Bauamtes trat ein, und der Hausmeister mit der Tischlampe unter dem Arm wollte hinaus. Zwischen den Türpfosten trafen sie einander, und klirrend flog die Tischlampe auf den Boden.


Nachdenklich betrachteten nun alle die TF22-F, bzw. die TF22-G, die inzwischen kaum noch Ähnlichkeit mit einer Tischlampe hatte.


"Hatten Sie eine Auseinandersetzung?" fragte Fussel und sah erst den Bürgermeister, dann den Hausmeister und schließlich die Einzelteile der am Boden liegenden Lampe nachdenklich an.


"Eine Dings, äh, Tee-Lampe, ich meine eine TF-sowieso Lampe - die muss in Reparatur, alles in bester Ordnung", beeilte sich der Bürgermeister, die Dinge richtigzustellen.


"Tja, ich geh dann mal", tönte nun der Hausmeister vom Flur her "Wie schon erwähnt, das kann ein wenig dauern. Wahrscheinlich in der 25. Kalenderwoche, eher später, denn da ist ja die Urlaubszeit und..."

Es knallte kurz und laut. Das war die Tür, die der Bürgermeister wütend zugetreten hatte.


"Darf ich den Herren etwas zu essen oder zu trinken bringen?" fragte nun die Sekretärin, um die peinliche Stille zu beenden.


"Öhm, nein, Frau Fuschnisch, äh, Fräulein Pinki, es wird nicht lange dauern", entgegnete der Bürgermeister und warf einen verstohlenen Blick auf die Wanduhr, die ihm mitteilte, dass der rettende Feierabend unmittelbar bevorstand. "Sie können jetzt Feierabend machen."


Pinki, die Sekretärin, verließ erleichtert und nahezu geräuschlos den Raum.


"Gerne hätte ich ihren Bauleiter bei unserer Unterredung dabei gehabt", säuselte der Bauamtsleiter, "doch offensichtlich übt Herr Murksel zurzeit Schlamm-Catchen mit seinem Mitarbeiter."


"Öhm, dann sollten wir diese Unterredung vielleicht morgen fortsetzen", warf der Bürgermeister in der Hoffnung ein, seinen mehrfach unterbrochenen Büroschlaf auf schnellstem Wege zu Hause fortsetzen zu können.


"Nicht notwendig, wirklich nicht notwendig, lieber Herr Bürgermeister", flötete Fussel, "denn das, was ich Ihnen zu sagen habe, kann er auch später erfahren."


"Öh, ja." Der Bürgermeister sah schlechte Nachrichten auf sich zukommen und setzte sich in seinen Sessel, nachdem er dem Bauamtsleiter mit einer Handbewegung einen Stuhl angeboten hatte.


"Danke", entgegnete der Leiter des Bauamtes, ließ sich nieder und blickte nachdenklich an die Zimmerdecke. Nachdem er sie ausgiebig bewundert hatte, wanderte sein Blick zum Bürgermeister, der es gerade tief bedauerte, seine Sekretärin nach Hause geschickt zu haben, denn nun spürte er, dass sich sein Magen erbarmungslos meldete. Er hatte Hunger, und wenn er Hunger hatte, konnte er nicht denken. Na gut, das Denken war zwar noch nie seine Sache gewesen, aber wenn er hungrig war, dann war das Denken am allerwenigsten seine Sache. Hinzu kam der fehlende Mittagsschlaf, der zusätzlich seine Denkfähigkeit drastisch reduzierte. Er warf einen verstohlenen Blick auf die Wanduhr und stellte mit leichter Panik fest, dass sein Feierabend vor 5 Minuten begonnen hatte.


"Sicherlich ist Ihnen klar, dass eine Messe in Hamsterhausen vom Zeitfaktor abhängig ist."


Der Bürgermeister glotzte den Bauamtsleiter verständnislos an, dann hörte er sich selbst sagen:


"Öhm, der Zeitfaktor, sozusagen zeitlich gesehen."


"Zeitfaktor und Organisation."


"Öhm, gut organisierte Oranisation sozusagen."


"Ohne die geht es nicht", resümierte Fussel. "Und Planung. Mit der Planung steht und fällt alles, denn wenn die Planung nicht stimmt, dann stimmt auch der Rest nicht."


"Klar, ohne Dings-Planung und den Rest geht es natürlich nicht und selbstverständlich, mein lieber Fusel, äh, Fussel, und dazu stehe ich..."


Der Bürgermeister unterbrach seinen Satz und starrte seinen Gegenüber irritiert an, denn er konnte den fragenden Blick des Leiters des Hamstischen Bauamts nicht deuten. So saßen sie beide eine ganze Weile und schauten einander an. Der eine verwirrt, der andere fragend. Ein heftiges Magenknurren wies den Bürgermeister darauf hin, diese Angelegenheit zu beschleunigen, um endlich die dringend benötigte Nahrungsaufnahme beginnen zu können.


"Öh, wie?"


"Nun", gab Fussel zu bedenken, "Sie sitzen, Herr Bürgermeister!"


Es dauerte eine Weile, bis er begriff, doch dann erhob sich der Bürgermeister und fuhr fort:


"Nun, dazu stehe ich, ohne wie auch immer, gewissermaßen ohne wenn und aber."


"Bravo, Herr Bürgermeister, ich bin sicher, die erste Hamstische Messe wird ein voller Erfolg. Haben Sie denn schon eine ungefähre Vorstellung, welche Firmen dort vertreten sein werden? Gibt es schon die ersten Pläne, was alles an Ständen aufgebaut wird?"


Der Bürgermeister rieb sich die Augen und schielte erneut zur Wanduhr, die ihm verriet, dass nach seinen Planungen er schon längst nicht mehr hier wäre.


"Fressen", keuchte er und erstarrte für einen Moment, als er das entsetzte Gesicht des Bauamtsleiters sah.


"Ich meine, hä, hä, 'Fressen und Wohnen' ist von meinen Mitarbeitern bereits vorgeschlagen worden. Flecki und Goldi wollen sich das teilen, öhm, wobei Flecki die Abteilung Wohnen übernimmt und Goldi..."


"Wunderbar!" jubelte Fussel und schlug sich begeistert auf die Schenkel. "Der Anfang ist gemacht! Und weiter, wie weiter? Erzählen Sie mir alles, was es schon an Planungen gibt!"


"Die Fresse, äh, ich meine, die Presse wird in den nächsten Tagen informiert und..."


"Aber Herr Bürgermeister", bettelte Fussel, "Sie werden doch sicherlich das eine oder das andere schon vorab erzählen können, oder? Wenn nicht Sie, wer denn dann? Gibt es Spezialitäten-Stände aus aller Hamsterwelt?"


"Hä, ja", röhrte der hungrige Bürgermeister begeistert, dessen Mundwinkel bereits erste verdächtige feuchte Spuren aufwiesen. "Jede Menge! Getoastete, äh, geröstete Kürbiskerne, Pfannkuchen nach Hamsterhausener Art, Käse, ja, Käse, jede Menge..."


"Herr Bürgermeister?"


Der Angesprochene unterbrach seinen recht lauten Vortrag und sah den Bauamtsleiter verwirrt an.


"Was frisst denn, äh, was ist denn los?"


"Herr Bürgermeister, Ihr Schreibtisch ist völlig nass und halb überflutet!"


"Hä hä, gewissermaßen die sozusagen Vorfressfreude", entgegnete der Bürgermeister mit hochrotem Kopf und suchte verzweifelt in seiner Schublade nach etwas Geeignetem, um den Schreibtisch wieder trockenzulegen. Wahllos griff er nach einigen Papieren und reinigte den Tisch, so gut es ging. "Alles wieder bestens, Herr Furzel, äh, Fussel, alles, hä hä, in bester Ordnung. Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, beim Essen. Wir sollten das nicht überverwerten, mein lieber Dings, denn Essen ist nicht alles, auch wenn es das Wichtigste der Welt ist, sozusagen geht es zwar nicht ohne, aber mit geht es genauso gut."


"Nun, Herr Bürgermeister, ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen folgen kann..."


"Ach, mein lieber Pussel, das, öhm, brauchen Sie nicht, ich finde den Weg nach Hause zu meiner Speisekammer, äh, Arbeitskammer, selber..."


"Sie wollen mich doch wohl nicht rausschmeißen?" scherzte der Bauamtsleiter, doch im nächsten Moment war er sich da nicht mehr so ganz sicher, als der Bürgermeister neben ihm stand und seinen Stuhl in Richtung Tür schob. Was Fussel besonders ängstigte, waren die Augen des Bürgermeisters, die seit ein paar Minuten blutunterlaufen und leer wirkten. "Na ja, vie-vielleicht haben Sie recht, denn morgen ist auch noch ein Tag", stotterte der Bauamtleiter und erhob sich von seinem Stuhl. "Allerdings ist da noch ein letzter Punkt..."


In diesem Moment klopfte es laut und kräftig an der Tür.


"Ja?" brüllte der Bürgermeister gereizt und gleich darauf öffnete sich langsam die Tür. Dodo trat ein. Sein Fell war schlammverschmiert von oben bis unten, doch ansonsten waren keinerlei Hinweise darauf zu erkennen, dass er ein längeres Gespräch mit Bauleiter Murksel hinter sich hatte.


"Ich wollte nur mal fragen - ich meine, weil ich noch Licht in Ihrem Zimmer gesehen habe - ob ich mich mal kurz in Ihrem Badezimmer ein wenig frisch machen darf..."


"Zwei Minuten", röhrte der Bürgermeister und sein Magenknurren war mittlerweile nicht mehr zu überhören. "Zwei Minuten, dann bist du wieder verschwunden, du Riesennervensäge!"


Vielleicht hätte er Dodo ein wenig mehr Zeit einräumen sollen, doch nun war es zu spät. Statt langsam und vorsichtig zu gehen rannte der große, mit Schlamm bedeckte Hamster quer durch das Zimmer, riss eine Nebentür auf und verschwand. Dann waren Geräusche von fließendem Wasser zu hören, es knallte laut und die Wassergeräusche waren verstummt. Die Tür wurde wieder aufgerissen und ein Dodo, der immerhin nur noch teilweise mit Schlamm bedeckt war, rannte wieder durch das Zimmer des Bürgermeister hin zur Ausgangstür. Bevor er zur Tür hinausging, drehte er sich noch einmal um und rief: "Vielen Dank, Herr Bürgermeister. Warum man das runterreißen sollte, habe ich aber nicht ganz verstanden..."

Dann war er verschwunden.


Der Bürgermeister sah nachdenklich auf den Fußboden, der nun merkwürdig schwarz gesprenkelt war.


"Was mag er damit gemeint haben? Runterreißen? Was runterreißen?"


Neugierig gingen die beiden Hamster in das angrenzende Badezimmer. Es war schon erstaunlich, wie sich ein einzelner Raum innerhalb weniger Sekunden verändern konnte, dachte der Bürgermeister, hoffentlich kriegen das die Putzhamster wieder sauber. Dann fiel sein Blick auf den Handtuchspender oder, besser gesagt, auf das, was noch davon übrig war.


"Was hat dieser hirnlose Riesenidiot denn mit meinem schönen Handtuchspender gemacht?" jammerte der Bürgermeister und schlug die Pfoten vor das Gesicht. Dann griff er gedankenverloren nach einem Stück Seife und biss gierig hinein.


"Er hat ihn aus der Wand gerissen...", staunte Bauamtsleiter Fussel und trat näher.


"Warum? Warum?" heulte der Bürgermeister.


"Ich glaube, ich weiß, warum", rief Fussel nachdenklich. "Es ist dieses Schild, das neben dem Handtuchspender angebracht ist."


Der Bürgermeister trat näher und stand nun direkt neben dem Bauamtsleiter. Gemeinsam lasen sie den Hinweis für die Benutzung des ehemaligen Handtuchspenders: 'Bitte seitlich ziehen und herunterreißen'.


"Schön, dass das geklärt ist", knurrte der Bürgermeister und wischte sich ein wenig Schaum vom Mund, "es ist schließlich sozusagen witzig, äh, wichtig, seine Mitarbeiter zu verstehen. Welchen letzten Punkt meinten Sie, lieber Dussel, äh, Dings?"


"Fussel, Herr Bürgermeister, Fussel."


"Nein, nein, lieber Bauchtanzleiter, das ist nur Seife gewissermaßen, kein Grund zur Veranlassung, wenn Sie wissen, was ich meine. Ach so, ja, natürlich, das ist ja Ihr Name, hi, kleiner Scherz. Am Rande sozusagen, der Scherz natürlich", fügte der Bürgermeister hastig hinzu.


Das Gesicht des Bauamtsleiters Fussel entspannte sich allmählich wieder, und er ließ sich in seinem Stuhl nieder. Mit einer Handbewegung deutete er dem Bürgermeister an, sich ebenfalls zu setzen, dann erklärte er mit leiser Stimme, was es mit diesem letzten Punkt auf sich hatte.


"Natürlich wissen Sie, lieber Herr Bürgermeister, dass es auch Leute gibt, die dem Projekt 'Erste Hamstische Messe' kritisch gegenüberstehen, wenn Sie wissen, was ich meine."


Der Bürgermeister verstand nichts, denn sein Magen war nach wie vor genauso leer wie sein Kopf. Dafür brannte seine Speiseröhre höllisch nach dem Genuss von parfumierte Seife. Dennoch nickte er zustimmend.


"Genau", fuhr sein Gegenüber fort, "wir meinen beide den Oberamtsleiter. Natürlich darf niemand darüber etwas sagen, was seine Pläne sind, aber", Fussel drehte sich kurz zur Tür um und versicherte sich, dass sie sich alleine im Raum befanden, "ein paar kleine Hinweise kann ich Ihnen geben. Allerdings bin ich auf Ihre Verschwiegenheit angewiesen."


Der Bürgermeister nickte erneut.


"Natürlich", fuhr Fussel fort, "hat das nichts damit zu tun, dass ich meinen Job nur deshalb bekommen habe, weil ich der angeheiratete Cousin Ihrer Schwester bin, Herr Bürgermeister. Es hat auch nichts damit zu tun, dass demnächst der Job des Ober-Bauamtsleiters frei wird, nein, nein, es ist eine reine Gefälligkeit Ihnen gegenüber."


"Öh?" entgegnete der Bürgermeister, der mittlerweile mit zwei Arten von Magenschmerzen zu kämpfen hatte, nämlich dem nach wie vor bohrenden Hunger und der beginnenden Übelkeit, hervorgerufen durch die unverdauliche Seife.


"Danke, ich wusste, ich kann Ihnen vertrauen. Also, der Oberamtsleiter hat mich hergeschickt, um nach dem Stand der Dinge zu fragen. Insbesondere soll ich fragen, wer denn die Oberaufsicht über das Projekt übernimmt. Er meint nämlich, wenn Sie wieder ihre schwachsinnigen Kompentenzteams unter Leitung von Katastrophen-Murksel einsetzen, dann, nun dann wird er das Projekt 'Erste Hamstische Messe' niemals genehmigen."


Fussel machte eine Pause und sah den Bürgermeister abwartend an, doch der rülpste nur, und kurz darauf schwebten ein paar bunt schillernde Seifenblasen durch den Raum. Fasziniert sah der Bauamtsleiter zu, wie eine Seifenblase nach der anderen auf dem Boden oder auf dem Tisch zerplatzte, dann fuhr er fort.


"Er will also, dass die Hamstische Messe richtig organisieret wird und zwar von einem Profi, wie er sagte."


Der Bürgermeister rülpste erneut und versuchte zu überlegen, doch außer Profihaartrockner fiel ihm nichts, aber auch gar nichts ein. Warum musste dieser Oberamtsleiter sich bloß wieder einmischen? Na schön, in der Vergangenheit war nicht alles so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Eigentlich war es ein Wunder, dass bei den letzten Projekten alle überlebt hatten. Er wollte etwas entgegnen, doch ein erneuter Rülpser hinderte ihn daran, und so fuhr Fussel fort.


"Er hat zu mir gesagt, in der Vergangenheit war nicht alles so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Eigentlich war es ein Wunder, dass bei den letzten Projekten alle überlebten."


"Tatsächlich?" gurgelte der Bürgermeister und vertrieb ein paar Seifenblasen, die die Sicht auf seinen Gesprächspartner versperrten. "Und was nun?"


"Sie müssen einen Profi finden, der die Hamstische Messe organisiert!"


Die Besprechung war beendet und der Leiter des Bauamtes gegangen. Der Bürgermeister saß in seinem Sessel und rang mit seinen Gedanken und seiner Übelkeit. Wo sollte er einen Profi hernehmen? Wo um alles in der Welt sollte er in Hamsterhausen einen Profi finden? Er grübelte und betrachtete die Seifenblasen, die durch das Zimmer tanzten, dann schlug er mit der Pfote auf den Tisch. Das war es! Gleich morgen früh würde er sich darum kümmern, doch nun galt es erst einmal, nach Hause zu gehen und sich auszuruhen. Er watschelte zu Tür, öffnete sie und atmete tief durch. Das war ein Fehler, denn sofort löste sich ein lauter Rülpser, der durch das gesamte Treppenhaus hallte. Peinlich berührt, schlich der Bürgermeister zum Fahrstuhl und hätte fast vor Wut laut aufgeschrieen. Dort hing ein Schild mit der Aufschrift 'Wegen Inspektion vorübergehend außer Betrieb - der Hausmeister'. Vorübergehend! Bestimmt würde es wieder Monate dauern, bis diese 4-pfotige Katastrophe von Hausmeister damit fertig wäre! Es half nichts, tapfer watschelte der Bürgermeister Treppe für Treppe nach unten, dem Ausgang entgegen. Als er auf der Treppe zum Erdgeschoss war, übergab er sich.

 


 

Kapitel 03

Profi gesucht



"Du solltest das Plakat auffressen?" Flecki glaubte nicht, was sie soeben gehört hatte.


"Ja", bestätigte Dodo, "der Herr Bauleiter hat gesagt, wenn ich das nicht mache, dann macht er was - und zwar mich fertig."


"Hat’s denn wenigstens geschmeckt? Mit Ketchup wäre das doch genießbar, oder?”


"Für dich ist alles genießbar, wenn nur genug Ketchup drauf ist, Goldi!" fauchte Flecki.


"Ha, er ist eben ein echter Genießer, unser Goldi!"


"Emmi, wo kommst du denn her, und überhaupt, wo hast du gestern gesteckt?"


"Du weißt doch, Flecki, dass ich wirklich keine Lust auf Bürgermeisterreden habe. Ich hatte außerdem etwas Wichtigeres vor."


"Shoppen, wie?"


Emmi nickte. "Stimmt Goldi." Sie deutete auf die Trümmerteile, die auf dem Marktplatz herumlagen. "Hattet ihr eine nette Feier?"


"Hervorragend, sozusagen vorzüglich", grinste Tati, "sämtliche Ehrengäste liegen im Krankenhaus, und wir haben gleich ein 'Planungsgespräch' mit dem Bürgermeister."


"Wie man die restlichen Einwohner Hamsterhausens auch ins Krankenhaus bringt, ohne dass es auffällt, oder was?"


Fröhliches Hamsterkeckern erfüllte den Marktplatz, doch im nächsten Moment hatte der Spaß ein Ende.


"Habt ihr nichts zu tun, oder was? Der Bürgermeister wartet bestimmt schon."


"Rate mal, auf wen wir gewartet haben!"


Bauleiter Murksel schaute grimmig von einem zum anderen, doch alle blickten ihn nur mit unschuldiger Miene an. Wohl wissend, dass es keinen Zweck hatte, nach dem Urheber, oder besser gesagt, nach der Urheberin dieser Worte zu forschen, deutete er auf die Reste des zerschmetterten Plakats.


"Wieso ist das noch nicht beseitigt?"


"Ich war noch restlos satt vom Frühstück, Chef, aber bestimmt versuche ich es später noch mal."


Statt zu antworten, glotzte der Bauleiter Dodo nur an, schüttelte den Kopf und setzte sich in Bewegung. Die Hamstertruppe folgte ihm in Richtung Rathaus und schon von weitem war zu erkennen, dass dort etwas vorgefallen war. Mehrere Krankenwagen standen dort.


"Hatten wir heute schon etwas im Rathaus repariert?" fragte Murksel nachdenklich.


"Nö", entgegnete Finchen. Für einen Moment blieben alle stehen und sahen, dass mehrere Rettungshamster offenbar damit beschäftigt waren, Mitarbeiter des Rathauses zu behandeln. Der Bürgermeister stand daneben und unterhielt sich mit dem Einsatzleiter. Kurz darauf hatte die Reparaturtruppe das Rathaus erreicht und Murksel ging auf den Bürgermeister zu.


"Was'n hier los?"


"Öhm, ich bin sozusagen auch eben erst gekommen, und dieser Dings, äh, Fettungshamster, äh, Rettungshamster meint, dass meine armen Mitarbeiter auf der Treppe ausgelutscht, äh, -gerutscht sind, sozusagen geflutscht. Über die Hälfte dieser armen Hamster hat sich verfetzt, äh, verletzt."


"Ausgerutscht?" tönte es im Chor zurück.


"Ja, öhm, da war was auf der Dings, äh, Treppe..."


"Weiß man schon, was das war und wer das da hin getan hat?" fragte Sasie mit großen, neugierigen Augen.


Dem Bürgermeister wurde plötzlich recht heiß, doch er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und grinste nur schräg.


"Ach, irgendjemand hat etwas Seife auf die Kufen, äh, Stufen gespuckt, äh gekippt. Keine Ahnung, wer so etwas macht, bestimmt irgendein Lötbann, äh, Blödmann."


In diesem Moment kam der Hausmeister vorbeigehumpelt, seine linke Pfote war mit einem leichten Verband verziert, und er verzog schmerzhaft sein Gesicht.


"Na, mein Guter", rief der Bürgermeister, "Sie haben ja Glück gehabt, wie? Na, dann können Sie sicherlich den Dings, äh, Fahrstuhl wieder einschalten."


"Maaaahlzeit zusammen", grölte der Hausmeister. "Nö, das wird wohl nix, Herr Bürgermeister. Ich muss erst einmal für 3 Wochen die Pfote ruhig halten, besser ist besser. Danach gehe ich auf Reha für 6 Wochen, dann muss ich zur Aufbaukur, und das dauert bestimmt auch 6 Wochen. Besser ist besser, wie? Tja, ich geh dann mal nach Hause, schönen Tag noch!"


Fröhlich pfeifend trollte sich der Hausmeister von dannen.


"Weichei", brummte Murksel, und die Reparaturhamster nickten zustimmend. "Den Fahrstuhl können

meine Leute auch reparieren, das ist 'ne Lachnummer!"


Dem Bürgermeister entging, dass bei dem Wort 'Lachnummer' einige Reparaturhamster verschreckt zusammenzuckten. Er war erleichtert, dass nun wenigstens die Aussicht bestand, bald wieder bequem mit dem Fahrstuhl fahren zu können. Er lächelte dankbar und zeigte auf die Krankenwagen.


"Öhm, tja, ich muss noch mit den Polidings, äh, Polizeihamstern sprechen, wegen der Versicherung, dieser kranken, äh, sozusagen versicherten Kranken, äh, Krankenversicherung."


"Vielleicht war das ein Attentat?" keuchte Finchen und blickte ihre Freundin Flecki entsetzt an. "Vielleicht will jemand den Bürgermeister umbringen?"


"Ja, wirklich", rief Teeblättchen, während er sich vor Lachen bog, "wer sollte denn so etwas machen wollen?"


"Genau", keckerte Tati, "niemand natürlich. Abgesehen von halb Hamsterhausen..."


Der Bürgermeister grunzte verstimmt. "Natürlich hat ein Dings in meiner Position nicht nur Freunde..."

Nun bogen sich alle Hamster vor Lachen, ausgenommen Murksel, der ein Stück abseits stand und angestrengt den Abtransport einiger Verletzter verfolgte. "... sozusagen auch Feinde, die einem nach der Leber treten, öh, nach dem Leben trachten, gewissermaßen in feindlicher Absicht..."


"’tschuldigung, darf ich mal durch, ich habe mein Pausenbrot auf der Treppe liegengelassen!"


Der Hausmeister war zurückgekehrt und humpelte zwischen den Reparaturhamstern hindurch.

Der Bürgermeister blickte dem Störenfried verärgert hinterher und fuhr fort.


"Wie ich schon vertönte, äh, erwähnte, muss ich gleich mit dieser aufgeblasenen Mistgu..., ähä, mit dem Herrn Oberhamsterpolizei sprechen. Danach, äh, habe ich noch ein sehr, sehr, sehr wichtiges, sozusagen äußerst geheimes Vorhaben vor.."


"Das Sie uns nachher in allen Einzelheiten schildern werden?" fragte Goldi mit treuherzigem Augenaufschlag.


"Nun, da kann ich zum diesem Dings, äh, Zeitpunkt..."


Ein lauter, gellender Schrei unterbrach seinen Redefluss. Alle blickten zum Eingang des Rathauses, von dem her der Schrei gekommen war. Vorsichtig näherte sich die Truppe und erkannte den Hausmeister, der jammernd auf den untersten Stufen des Eingangs lag. Neben ihm befand sich die Dose mit dem Pausenbrot, und um ihn herum scharten sich m nächsten Moment die Rettungshamster. Es dauerte nicht lange, und der Hausmeister wurde in einem der verbliebenen Krankenwagen befördert und später unter Blaulicht und Sirenengeheul abtransportiert.


"Was 'n mit dem passiert?" fragte Murksel neugierig einen herumstehenden Rettungshamster.


"Tja, er ist über eine Trage gestolpert, der Idiot. Der hätte mal gleich nach Hause gehen sollen, statt hier herumzugeistern. Erst hatte er nur eine leichte Verstauchung, nun hat’s ihn richtig erwischt. Das bedeutet für 3 Wochen die Pfote ruhig halten, besser ist besser. Danach auf Reha für 6 Wochen, dann zur Aufbaukur, und das dauert bestimmt auch 6 Wochen. Ganz schön blöd, wenn Sie mich fragen. Mit seiner Verstauchung hätte er nämlich morgen wieder arbeiten können."


"Haben wir denn jetzt frei, Herr Bürgermeister?"


Der Angesprochene schaute Tuffi verwirrt an, dann wanderte sein Blick fragend zum Bauleiter. Der zuckte mit den Schultern und sprach: "Hängt davon ab, wann dieses geheime Vorhaben... Äh, was war das noch, Herr Bürgermeister?"


"Ein Teledings, äh -fonat, öhm wegen dieses Profis, den der Oberamtspurzel haben will..."


Der Bürgermeister biss sich auf die Zunge.


"Profi? Was für ein Profi?" rief Flecki empört. "Soll das heißen, dieser Mistvogel traut uns nichts zu? Soll das heißen, dass wir unfähige, durchgeknallte Schwachköpfe sind?" Sie drehte sich wütend zu ihren Kollegen um, als ihr Blick auf Dodo fiel, der gerade am Plakat knabberte, und fügte leise seufzend hinzu:

"Na ja, einige schon - aber nicht alle!"


"Öhm, ja, das heißt nein, also - wie auch immer, ich, öhm, denke sozusagen, wir treffen uns nachher. In zwei Stunden?"


"Für zwei Stunden lohnt es sich nicht, mit Aufräumarbeiten anzufangen", überlegte Murksel. "Wir sollten so lange etwas essen gehen, was haltet ihr davon?"


"Och, ich bin aber nicht mehr hungrig", rief Dodo enttäuscht und wischte sich ein Stück Pappe vom Mund.


"Aber ich", rief Emmi.


"Und ich erst!" rief Goldi.


"Äh, ja, bis später dann", rief der Bürgermeister, "und bitte dran dingsen: Diese Informationen sind sozusagen strengstens geheim."


"Geht klar", rief die Hamstertruppe im Chor, während der Bürgermeister sich umdrehte und Richtung Rathaus wackelte. Nach wenigen Minuten war er außer Hörweite.


"Mensch", rief Finchen aufgeregt, "ich kann kaum erwarten, das meinen Eltern und meinen Brüdern Toni und Luca zu erzählen..."


"Und ich muss das unbedingt meinen Schwestern Ava und Dari erzählen, und meinen Klassenkameraden, und...."


"Streng geheim, wie?" fauchte Murksel. "Wie wäre es, wir schreiben das auf das Plakat, damit das alle mitkriegen?"


"Welches Plakat, Herr Bauleiter?" fragte Dodo. "Hier ist kein Plakat mehr..."


Während der Bürgermeister und der oberste Polizeihamster im Zimmer des Bürgermeister über den heutigen Vorfall diskutierten, machte sich die Reparaturtruppe auf den Weg zu einem Restaurant.


"Wohin gehen wir?" fragte Hamstilidamst und rieb sich den Bauch in Erwartung eines leckeren Essens.


"Irgend etwas Schnelles", brummte der Bauleiter. "Ich für meinen Teil gehe immer ins 'Husch-Husch', das ist schnell und preiswert."


"Sieht man", fauchte Flecki.


"Ich sage nur: Wampe!" warf Emmi mit einem empörten Blick auf den recht umfangreichen Bauch des Bauleiters ein.


"Kann man im 'Wampe' denn auch gut essen?" fragte Dodo treuherzig.


"Billiges Fastfood, total ungesund!" knurrte Dasie.


"Außerdem ist das 'Husch-Husch' nicht gerade das, was man 'in' nennt", gab Sasie zu bedenken.


"Ach ja?" Bauleiter Murksel hatte die kleinen Pfoten in die großen Hüften gestemmt und stand nun kampflustig da. "Und was, bitteschön, ist nach euer Meinung 'in'?"


"Ganz klar", erklärte Flecki, "natürlich 'Die Kalorienbombe'. Individuelle Bedienung, kultivierte Speisen, gehobener Service, angenehmes Ambiente..."


"Und essen kann man da auch", fügte Goldi hinzu, während er sich in Erwartung eines leckeren Essen bereits die Pfoten rieb.


"Also, ich bin für 'Die Kalorienbombe', flüsterte Finchen.


"Ich aber nicht", knurrte der Bauleiter. "Und Tuffi auch nicht, wir waren nämlich schon einmal dort. Also?"


"Abstimmung!" schlug Hamstilidamst vor.


Nach wenigen Minuten war die Auszählung der Stimmen beendet. Es wurden 12 Stimmen abgegeben, und im einzelnen entfielen auf:


- 'Die Kalorienbombe' 10 Stimmen, auf das

- 'Husch-Husch' - 1 Stimme und auf

- 'Die Wampe' - 1 Stimme. "


Mit sichtlich verärgerter Stimme knurrte Bauleiter Murksel: "Danke, Tuffi, bei der Vergabe der nächsten Sonderarbeiten - und die werden kommen - denke ich gerne an dich. Welcher Hirntote hat eigentlich für 'Wampe' gestimmt?"


Bis auf Dodo und den Bauleiter pfiffen alle Hamster fröhlich vor sich hin, denn der Weg war nicht mehr weit und das Futter nicht mehr fern. Zudem war es noch recht früh am Tage, so dass es kein Problem werden würde, einen guten Platz in dem beliebten Restaurant zu finden.


Zur selben Zeit trug der Bürgermeister in seinem Büro einen schweren Kampf aus. Einen Kampf mit sich selber, denn es ging um die Verantwortung für Hamsterhausen im Allgemeinen und insbesondere um sein Fell.


"Sie müssen einen Profi finden, der die Hamstische Messe organisiert!"


Die Worte des Leiters des Bauamtes klangen ihm noch immer in den Ohren. Wo, um alles in der Welt, sollte er einen Profi in Hamsterhausen finden? Noch dazu einen, den der verdammte Oberamtsleiter als Profi akzeptieren würde? Er begann, in seinen Schubladen herumzuwühlen, um wenigstens auf ein paar andere Gedanken zu kommen. Immerhin fand er das Frühstück wieder, dass er vor einigen Wochen vermisst hatte. Vorsichtig biss er in die Brotscheibe, spuckte sie aber gleich darauf wieder aus. Hart und ungenießbar. Dann fiel sein Blick auf den Stapel mit den Bewerbungsunterlagen verschiedener Praktikanten. Er nahm den Stapel in die Pfoten und blätterte ein wenig, in der Hoffnung, vielleicht doch einen geeigneten Kandidaten zu finden. Ja, ich bin genial, dachte der Bürgermeister, warum in die Schweife fernen, wenn doch die Lösung so nahe liegt?


Er nahm wahllos eines der Bewerbungsschreiben in die Pfote, und seine Glubschaugen weiteten sich, als er las, was ein gewisser 'Fibbes aus Hamsterqualle' geschrieben hatte:


‘Ich will mich bewerben.
Ich brauche einen separaten Arbeitsplatz, und ich hoffe auf einen eigenen Computer mit Brenner, um auch Daten mit nach Hause nehmen zu können. Vergessen Sie auch bitte nicht die schnelle Flatrate fürs Musik-Runterladen, MP3s und so.

Kommen wir aber zu meinem Gehalt...’

Angewidert warf der Bürgermeister das Schreiben beiseite und wandte sich dem zu, das eine gewisse 'Lisa aus Hamsterhusen' geschrieben hatte:


‘Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich will 'ne Praktikantenstelle!
Meine Mama sagt immer, ich soll das im Rathaus versuchen, weil ich später dann da arbeiten und viel Geld fürs Nichtstun kriegen kann...’


Auch dieses Schreiben flog dorthin, wo das erste gelandet war. Dann las er, was 'Kalli aus Hamsteriran' mitzuteilen hatte:


‘Tach auch!

Ich brauche dringend Kohle und bin bereit, sofort anzufangen. Womit ist egal, Hauptsache, ich kriege Kohle, denn wenn ich nicht bald Kohle kriege, fange ich wieder an zu klauen und muss in den Knast zurück...’


Das klang nicht nach der Art von Profi, den der Bürgermeister dringend benötigte. Er seufzte tief und nahm sich das nächste Schreiben vor. Ein Fräulein Brammel aus Hamsterhügel teilte ihm mit:


‘Lieber Onkel!

Sicherlich erinnerst du dich noch daran, dass du mir vor langer Zeit versprochen hast, mir einen Job zu besorgen.’ – Puttchen! Dem Bürgermeister stellten sich die Nackenhaare hoch. Seine Nichte Puttchen! Wie konnte er das vergessen? Mit zitternden Pfoten las er weiter: ‘Meine Malerei habe ich leider aufgegeben und mich fernöstlicher Meditation hingegeben, aber dann musste ich in ein kleinere Wohnung ziehen, weil ich nicht mehr genug Geld hatte. Dann habe ich mit dem Studium der 'sozialpädagogischen Kommunikation' begonnen. Ach, wie gerne wäre ich Journalistin geworden, aber das 'Hamstische Tagesblatt' hat mich nicht genommen. Kurz darauf habe ich ein neues Studium angefangen und zwar 'Projektmanagement im Haushalt', das ich jedoch abgebrochen hatte, weil das 'Hamstische Tagesblatt' doch ein Stelle für mich frei hatte. Leider nur als Putzkraft mit einem befristeten Vertrag, so dass ich jetzt jederzeit etwas Anderes anfangen könnte.’


"Bin ich hier 'ne Vermittlungsstelle für aussichtlose Fälle, oder was?" schnaufte der Bürgermeister und warf das Schreiben beiseite. In diesem Moment klingelte sein Telefon, und seine Sekretärin meldete sich.


"Fräulein Fusch-, äh, Pinki, ich bin beschäftigt! Jetzt nicht!"


"Ich weiß, Herr Bürgermeister - aber es ist Frau Brammel, Ihre Schwägerin! Sie hat gesagt, wenn Sie nicht mit ihr sprechen, kommt sie persönlich vorbei und reißt Ihnen das Fell auf. Das hat sie so gesagt!"


Der Bürgermeister erstarrte. Oje, Fellina wollte etwas von ihm, und er ahnte schon, was es war.


"Öhm, ja, ich, äh.... stellen Sie bitte durch!"


Es knackte kurz in der Leitung.


"Heinz-Georg, ich frage es nur einmal, und ich akzeptiere keine Ausreden! Hast du das Bewerbungsschreiben von Puttchen gelesen?" brüllte es aus der Telefonleitung.


"Ähä". Der Bürgermeister räusperte sich umständlich. "Na klar, liebste Fell-Tina, äh, Fellina, tanürlich, äh, lalürnich, äh, natürlich! Gerade eben sozusagen habe ich mich noch einmal mit dem Fell, äh, Fall..."


"Rede nicht herum, Heinz-Georg, ich kenne dich!" brüllte es erneut aus dem Hörer. "Hast du nun einen Job für meine Tochter, oder muss ich mal eben bei dir vorbeikommen und dir mal kräftig das Fell bügeln?"


"Sie kriegt einen Dings, äh, Job", keuchte der Bürgermeister.


"Aber nicht so einen Hiwi-Hilfshamster-Job, ja? Sie ist nämlich etwas Besseres, mehr ein Führungshamster. Ist dir das klar, Heinz-Georg, oder muss ich das etwas ausführlicher erklären?"


"Völlig klar", japste der Bürgermeister, "völlig klar."


Es knackte erneut kurz und energisch in der Leitung, dann war das unangenehme Gespräch beendet. Der Bürgermeister tippte mit seiner Pfote auf dem Schreibtisch herum und atmete tief durch. Er überlegte angestrengt, ohne jedoch auch nur die geringste Idee zu haben, was zu tun sei. Gerade, als ihm die Zusammenhänge ein wenig klarer wurden, klingelte erneut das Telefon und wieder meldete sich seine Sekretärin.


"Herr Bürgermeister, der Herr Oberamtsleiter möchte Sie sprechen!"


"Öhm, braucht er auch einen Dings, äh, Job?"


Fräulein Pinki atmete tief durch, dann antwortete sie mit ruhiger Stimme:


"Eher nicht, Herr Bürgermeister. Es geht um das Messe-Projekt. Er will wissen, ob Sie schon eine Entscheidung gefällt haben."


Es knackte in der Leitung und der Oberamtsleiter meldete sich, während auf der anderen Seite der Bürgermeister in sich zusammensackte.


"Ich hatte eigentlich Ihren Rückruf erwartet, Bürgermeister!"


"Öhm, ja, der, hä, hä, Rückruf, ja, wo ist er denn?" stammelte der Bürgermeister und versuchte, cool zu wirken. Sein Hirn arbeitete verzweifelt, und ihm war klar, dass dieses Gespräch nicht nur für Hamsterhausen, sondern auch für ihn und seinen erbärmlichen Job entscheidend war. Welch eine Blamage, wenn die 'Erste Hamstische Messe' ausfallen würde, weil er, der Bürgermeister nicht fähig wäre, die Dinge zu organisieren.


"Und? Haben Sie einen Profi" ertönte es aus dem Telefonhörer.


Der Bürgermeister starrte vor sich hin, sein Blick fiel auf ein Blatt Papier, 'Projektmanagement im Haushalt' tanzte dort in Buchstabenform vor seinen Augen. Projektmanagement! Das war es!


"Projektmanagement ist eine Dingsvoraussetzung für einen Profi, sozusagen", keuchte der Bürgermeister.


"Sicher", entgegnete der Oberamtsleiter, " und Geschick im Umgang mit der Presse..."


Erneut fiel der Blick des Bürgermeisters auf das Blatt Papier. 'Hamstisches Tagesblatt', 'Journalistin' las er dort und hauchte ins Telefon:


"Ja, war bei der Presse..."


Für einen Moment schien die Leitung tot zu sein, dann war wieder die Stimme des Oberamtsleiters zu vernehmen, diesmal jedoch war jeglicher Spott aus seinen Worten verschwunden.


"Sie haben jemanden? Sie haben einen Profi gefunden, der Hamsterhausen aus dem Dilemma heraushelfen kann? Einen echten Profi? Sie wissen, Herr Bürgermeister, er muss auch überzeugend sein und geschickt reden können!"


Wieder starrte der Bürgermeister auf das vor ihm liegenden Stück Papier. 'Studium der sozialpädagogischen Kommunikation' tanzte da vor seinen Augen.


"Sozusagen ein studierter Kommunikator, Herr Oberamtsleuchter, äh, -leiter."


"Ein was?"


"Öhm, hat Kommunen, äh, Kommunikation studiert."


Schweigen. Dann war die jubelnde Stimme des Oberamtsleiters zu hören:


"Ausgezeichnet, sehr schön. Wann werden Sie mir diesen Herrn Profi vorstellen?"


"Nun, äh", kam die gedehnte Antwort, "demnächst. Es ist gewissermaßen eine Dings, äh, Dame. Eine Profi-Dame aus Hamsterhügel."


Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch keiner aus der Reparaturtruppe, dass sie demnächst unter einem neuen Oberkommando stehen würden. Am allerwenigsten Bauleiter Murksel, der gemeinsam mit seiner Truppe im gut gefüllten Restaurant 'Die Kalorienbombe' saß und darauf wartete, seine Bestellung abgeben zu können.


"Gibt das hier auch 'ne Bedienung, oder was?” knurrte er nach einer Weile.


"Das ist eben das Schicke an diesem Restaurant", rief Dasie, "hier trifft sich eben jeder!"


"Es ist voll 'in'", bestätigte Flecki, "da wartet man doch gerne ein wenig, wenn man dazu gehören möchte."


"Meinem Magen ist das aber so was von egal! Der will nicht 'in' sein, der will voll sein!" brüllte der

Bauleiter.


Im nächsten Moment jedoch weiteten sich seine Augen, als er die Worte "Hach, wie ordinär!" vernahm. Er drehte sich langsam zum Nachbartisch um. Drei modisch gekleidete Hamstermädchen saßen dort und zeigten gerade einander ihre neuen Handys. Dem Bauleiter stieg sofort der aufdringliche Geruch von Parfum in die Nase.


"Haben die Damen ein Problem, bei dem ich behilflich sein kann?"


Statt einer Antwort kam nur verlegenes Gekicher, und so wandte sich Murksel wieder seiner Reparaturtruppe zu.


"Das war nicht nett..." kam Tuffis Kommentar.


"Nicht nett?" brüllte es zurück. "Ich lass mich doch nicht von irgendwelchen aufgedonnerten Schnepfen anlabern, es reicht schon, wenn man hier nichts zu essen...."



"Haben die Herrschaften schon gewählt?" flötete es in diesem Moment von der Seite.


"Ich hätte gerne den Salat Nummer 3!" riefen Flecki, Finchen und Tuffi im Chor.


Es dauerte ein paar Minuten bis alle Mitglieder des Reparaturteams ihre Entscheidung gefällt hatten, und der Kellner mit den aufgenommenen Bestellungen verschwunden war.


"Was ist eigentlich, wenn der Bürgermeister keinen Profi findet?" wollte Emmi wissen.


"Dann war’s das mit der Messe und wir haben unsere Ruhe", grinste Goldi, während er ungeduldig in der Speisekarte blätterte.


"Das wäre aber verflucht schlecht für Hamsterhausens Image", spottete Teeblättchen.


"Das wäre eine Katastrophe, Leute", fauchte Bauleiter Murksel und warf einen wütenden Blick auf Tati und Teeblättchen, die sich vor Lachen bogen. "Ihr habt ja keine Ahnung, wie sehr wir dann zum Gespött von allen umliegenden Hamsterländern würden. Nein, ich sage euch: Egal wie, aber wir brauchen jemanden. Notfalls verkleide ich mich und stelle mich als Profi vor."


"Meinst du nicht, Chef, das würde ganz schnell auffliegen?"


"Quatsch, Tuffi, ich verkleide mich so, dass mich keiner erkennt."


"Tuffi meint ja wohl eher, dass man dich an deinem Arbeitsstil erkennen wird", lachte Emmi und spürte sofort den scharfen Blick des Bauleiters auf ihr, der nun grübelte, wie er diese Bemerkung zu verstehen habe.


"Ich sage euch mal eines, Kinder..."


"Das Essen, meine Herrschaften", unterbrach der Kellner den Bauleiter und stellte ein paar Salate auf den Tisch.


"Ich habe kein Grünfutter bestellt!" fauchte Murksel.


"Geduld, mein Herr", kam es höflich zurück, "Ihr Monsterburger ist noch in Arbeit!" Mit diesen Worten verschwand der Kellner durch eine Seitentür und kehrte nach kurzer Zeit mit Tellern beladen zurück. "Wer hatte gegrillten Kürbis?"


"Ich nehm’s! Ich nehm’s!"


Mit einem Kopfnicken stellte er den gerillten Kürbis vor Dodo, dem vor Gier und Appetit fast die Augen herausfielen und verteilte die restlichen Teller.


"He, wo bleibt mein..."


"Ihr Monsterburger ist noch in Arbeit!"


Grimmig schaute der Bauleiter seinem Reparaturteam zu, wie es sich genüsslich über das Essen hermachte. Während es sich alle gut schmecken ließen, stocherte Goldi ins einem Essen herum.


"Herr Ober, da sind ja Gurkenscheiben dran!"


Der Kellner zuckte mit den Schultern. "Zu gegrillten Kürbis reichen wir immer Salat."


"Wieso magst du keine Gurke?" fauchte Flecki. "Du haust doch sonst immer jeden Abend eine ganze Gurke weg!"


"Ja, ganze Gurken mag ich auch, aber keine in Scheiben."


"Äh, was machen wir denn nun mit Ihrem Essen?"


"Ich nehm’s! Ich nehm’s!"


Goldi schob den Teller zu Dodo rüber und schaute den Kellner an: "Bitte gegrillten Kürbis ohne diese Gurkenscheiben!"


Der Kellner nickte und wollte verschwinden, als er vom Bauleiter festgehalten wurde.


"He, wo bleibt mein..."


"Ihr Monsterburger ist noch in Arbeit!"


Der Kellner verschwand und kehrte nach wenigen Minuten zurück.


"Bitte sehr, der Herr, Ihr gegrillter Kürbis ohne Gurkenscheiben!"


Er drehte sich kurz zu Murksel um, sagte freundlich "Ihr Monsterburger ist noch in Arbeit!" und wollte verschwinden, als er von Goldi festgehalten wurde.


"Da ist eine Tomatenscheibe in meinem Essen. Ich mag keine Tomatenscheiben!"


"Nun hör mal zu, Goldi", fauchte Flecki erneut, "du haust doch täglich jede Menge Ketschup weg und da sind auch Tomaten drin. Was ist denn an dieser Tomatenscheibe verkehrt?"


"Es ist eine Tomatenscheibe, und Tomatenscheiben mag ich nicht!"


"Entschuldigung", meldete sich der Kellner, "was machen wir denn nun mit ihrem Essen?"


"Ich nehm’s! Ich nehm’s!"


Erneut schob Goldi seinen Teller zu Dodo rüber und schaute den Kellner an: "Bitte gegrillten Kürbis ohne Tomatenscheiben!"


"In Ordnung", bestätigte der Kellner, "und ohne Gurkenscheiben."


"Verdammt, wo bleibt mein..."


"Ihr Monsterburger ist noch in Arbeit!" stöhnte der Kellner. "Kann aber nicht mehr lange dauern."


In erstaunlich kurzer Zeit erschien der inzwischen schwer atmende Kellner wieder und stellte vor Goldi und vor Murksel einen Teller Salat hin.


"Mit den besten Empfehlungen des Hauses!"


"Die haben hier echt Stil", rief Flecki, "in keinem anderen Restaurant..."


"Ich mag keinen Salat!"


"Und was soll ich mit Karnickelfutter?"


Der Kellner blickte ratlos erst auf Goldi und danach auf Bauleiter Murksel. Dann keuchte er: "Es ist doch nur eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses, meine Herren?"


"Ich will keinen Salat, ich will gegrillten Kürbis ohne Tomatenscheiben und ohne Gurken in Scheiben!"


"Und ich will meinen Monsterburger!"


"Und was soll ich jetzt mit dem Salat machen?" winselte der Kellner.


"Ich nehm’s! Ich nehm’s!" tönte es aus dem Hintergrund.


Während am Tische der Reparaturhamster peinlich-berührtes Schweigen herrschte, näherte sich erneut der sichtlich angeschlagene Kellner. Mit zitternden Pfoten stellte einen Teller vor Goldi und einen Teller vor den Bauleiter.


"Bitte sehr", krächzte er, "einmal gegrillten Kürbis ohne Tomatenscheiben und ohne Gurken in Scheiben und einmal den Monsterburger. Guten Appetit!" Dann machte er, dass er fort kam. Weit jedoch war er noch nicht gekommen, als er hinter sich die Stimme Goldis hörte:


"Ist das Rote auf dem Teller etwa Paprika?"


"Ich nehm’s! Ich nehm’s!"


Während Dodo sich die nächste Portion hinter die Hamsterbacken stopfte, kroch der sichtlich genervte Kellner fort, um Goldi eine neue Portion gegrillten Kürbis zu holen. Bis auf den Bauleiter, der es sich hörbar schmecken ließ, hatte alle anderen bereits ihre Mahlzeit beendet. Dennoch herrschte weiterhin peinliches Schweigen, als der Kellner mit völlig versteinerter Mine erschien.


"Bitte, der Herr. Ihr gegrillter Kürbis ohne Tomatenscheiben, ohne Gurken in Scheiben und ohne Mini-Paprika!"


Dann schlich er leise schluchzend mit gesenktem Kopf von dannen. Weit kam er jedoch nicht, denn hinter ihm ertönte die nachdenkliche Stimme Goldis:


"Wenn ich es mir recht überlege, mag ich eigentlich gar keinen Kürbis..."

 

 


 

Kapitel 04

Ein Profi kommt

"Ein bisschen mehr Salz hätte an dem Monsterburger gerne sein können", sagte Bauleiter Murksel, als die gesamte Truppe wieder vor dem Restaurant stand. "Ansonsten hat der aber recht gut geschmeckt, wenn man bedenkt, wie lange ich warten musste."


"Das war alles total peinlich, besonders du, Goldi!" schimpfte Flecki.


"Da können wir uns so schnell nicht mehr blicken lassen", stimmte Finchen traurig zu.


"Kerle!" fauchte Finchen und Flecki nickte.


"Es ist kaum zu glauben, dass die ihr Niveau noch senken können, aber sie schaffen es dann doch immer wieder."


"Aber das Oberpeinlichste finde ich, dass der Herr Bauleiter dem armen Kellner gesagt hat, sie sollen die Rechnung dem Bürgermeister schicken."


"He, he, Emmi", warf Murksel ein, "der Bürgermeister hat uns schließlich gesagt, wir sollen in zwei Stunden wiederkommen, und ich habe gesagt, wir gehen dann essen. Also sind wir essen gegangen."


Der Bauleiter drehte sich um und runzelte die Stirn.


"Wo steckt eigentlich Dodo?"


"Der, na ja, äh, der wollte noch aufs Klo gehen", erklärte Hamstilidamst. "Er hat gesagt, er kommt nach."


"Na schön, Leute, dann lasst uns mal hören, was der Bürgermeister zu erzählen hat, aber seid vorsichtig auf der Treppe!"


"Die Treppe ist doch bestimmt schon wieder gereinigt worden, oder?


"Träum weiter, Finchen", lachte Flecki. "Von wem denn? Der Bürgermeister hat doch 'wichtige' Telefonate zu führen, die Rettungshamster sind für so etwas nicht zuständig, und der Hausmeister ist außer Gefecht."


Tatsächlich befand sich die Treppe nach wie vor in einem grauenhaften Zustand. Vorsichtig liefen sie hinauf und stießen auf den Oberbuchhalter.


"Ah, der Herr Murksel und seine Leute", rief er. "Ist es nicht eine Sauerei, dass niemand sich verantwortlich fühlt, die Treppe zu säubern?"


"Habt ihr denn keine Putzhamster?" knurrte Murksel. "Da kann man sich ja alle Knochen brechen!"


Der Oberbuchhalter nickte und wirkte plötzlich sehr nachdenklich.


"Stimmt, genau wie dieser junge Mann vorhin. Er ist gerade eben abtransportiert worden. Ach ja, Fräulein Pinki erwähnte, dass er einen Verband trug und nach Ihnen, Herr Murksel, gefragt hat. Gehörte der zu Ihnen?"


"Tja", brummte Murksel, "das war wohl Trampel. Wir sollten ihn mal besuchen."


"Der Arme", schnüffte Sasi, "nun haben wir ihn nicht einmal wiedergesehen! Aber immerhin haben wir etwas von ihm gehört, und das ist doch schön, oder?"


"Scheinbar fühlt er sich ja recht wohl im Krankenhaus, denn er landet da ja immer wieder!"


Flecki warf einen vernichtenden Blick auf Tati, der diese respektlose Bemerkung gemacht hatte, doch bevor sie etwas sagen konnte, rief Finchen:


"Wir bringen ihm Blumen mit, das wird ihn aufheitern!"


"Eine Ritterrüstung wäre zweckmäßiger", grinste Goldi und handelte sich einen Tritt von Flecki ein.


"Und Kekse", rief Tuffi, "die mag er besonders gerne!"


"Haselnusskekse!" wusste Emmi ganz genau.


"Später, Leute, später. Jetzt höre wir uns mal an, was der Bürgermeister zu berichten hat. Trampel werden wir später besuchen."


Nachdem er das gesagt hatte, wollte Bauleiter Murksel weitergehen, stoppte jedoch, als er eine wohlbekannte Stimme hörte.


"Wartet auf mich, hallo!"


"Vorsicht, Dodo, die Treppe!" kreischte Tuffi, doch die Warnung kam zu spät. Dodo vollführte auf dem mittleren Teil der Treppe eine Pirouette, schoss einen Salto rückwärts und kullerte die Treppen hinunter.


"Sieht so aus, als wenn wir nachher zwei liebe Kollegen besuchen können", meinte Teeblättchen mitfühlend.


"Ich muss jetzt weiter", warf der Oberbuchhalter ein, "wir sind total mit Arbeit eingedeckt, weil fast alle Mitarbeiter im Krankenhaus sind. Ach, Herr Murksel, das Angebot gilt natürlich. Falls Sie sich einmal beruflich verändern wollen..." Im nächsten Moment war er ein Stockwerk höher und außer Sichtweite.


"Ich schaff’s nicht..."


Die Blicke der Reparaturtruppe wanderten zu Dodo, der wirklich keine gute Figur abgab, als er verzweifelt versuchte, die rutschige Treppe hinaufzuklettern. Eine Stufe vor und zwei Stufen zurück.


"Na", lästerte Teeblättchen, "heute nicht in Form?"


"Nun mach mal zu, wir haben hier nicht den ganzen Tag Zeit!" brüllte Bauleiter Murksel und winkte hektisch mit seinen kurzen Armen.


"Ich schaffe es nicht!" kam es heulend zurück, und der Bauleiter schlug einen etwas ruhigeren Ton an.


"Du musst Stufe für Stufe nehmen, Dodo, versuche mal, wie eine Robbe vorwärts zu gleiten!"


Schluchzend folgte Dodo dem Rat seines Vorgesetzten und versuchte nun, auf dem Bauch liegend eine Stufe nach der anderen zu nehmen.


"Oh, nee, sieht das bescheuert aus, kein Wunder, dass es so wenig Robben gibt."


"Robben sind süße Tiere!" fauchte Flecki und warf einen wütenden Blick auf Goldi.


"Los, du schaffst das!" riefen Emmi und Sasie im Chor. Nun begannen auch die übrigen Reparaturhamster, den verzweifelt Stufe um Stufe nach oben glitschenden Dodo anzufeuern.


"Robbie-Dodo, Robbie-Dodo!" hallte es durchs Treppenhaus und tatsächlich, Dodo hatte die letzte Stufe erreicht, doch dann geschah es. Er klatschte mit dem Kinn auf die harte Kannte der Stufe und glitschte die Treppe wieder hinunter. Unten angekommen, blieb er benommen liegen.


Aufgeschreckt durch den Lärm im Treppenhaus, kamen nun der Oberbuchhalter und die verbliebenen seiner Angestellten angelaufen.


"Ich sag’s ja, es ist lebensgefährlich. Wir fordern eine Gefahrenzulage!" rief ein kleiner Hamster, der eine Schirmmütze trug und ein paar Akten mit sich herumschleppte.


"Da muss doch was gemacht werden", rief der Oberbuchhalter. "Herr Murksel, Sie sind doch ein tatkräftiger Mensch..."


Der Bauleiter zuckte mit den Schultern.


"Das is' wohl Seife, ja? Tuffi, was wissen wir über Seife?"


"Seife ist eine Mischung verschiedener, längerkettiger Alkalisalze der Fettsäuren und zählen zu den Tensiden, genauer zu den anionischen Tensiden. Wird hingegen mit Kalilaugen und Kaliumsalzen gearbeitet, bilden sich Kaliumsalze der Fettsäuren, die im Gegensatz zu den Natriumsalzen weich bis schmierig und hygroskopisch sind. Man erhält Schmierseifen, und... "


"Tuffi!"


"Ja, Chef?"


"Noch ein Wort und du leckst die Treppe sauber. Ich will nicht wissen, was Seife ist, sondern wie man Seife wegkriegt!"


"Da haben wir in der Berufsschule noch nicht gelernt, Chef."


"Wusste ich es doch", triumphierte Murksel, "nichts lernt ihr da!"


"Und was lernen wir daraus?" spottete Tati.


"Dass Murksel mal wieder nicht weiter weiß", trompetete Goldi.


"Ach ja? Wieso muss ich immer alles wissen?" schäumte der Bauleiter. "Soll sich doch Herr Goldi mal was einfallen lassen!"


Bevor Flecki 'lieber nicht' rufen konnte, war Goldi schon in eine Ecke des Treppenhauses gelaufen, in der ein Feuerlöscher hing. Er riss ihn von der Wand und stellte sich auf die oberste Stufe. Dann zischte es laut und unter den begeisterten Anfeuerungsrufen Tatis und Teeblättchens wurde der gesamte Teil des unteren Treppenhauses in eine Schneelandschaft verwandelt, während der Rest der Truppe entsetzt aufschrie. Im nächsten Moment jedoch war begeistertes 'Ah' und 'Oh' zu hören, als Goldi lässig den Feuerlöscher beiseite legte, auf die Winterlandschaft zeigte und sagte:


"Schätze mal, heute sehen wir niemanden mehr ausrutschen."


"Sie und ihr Reparaturteam sind ein Segen, Herr Bauleiter", rief der Oberbuchhalter begeistert und ging ein paar Schritte vor, bis er auf der obersten Stufe des Treppenabsatzes stand. Vorsichtig hielt er eine Pfote in den Schaum und verlagerte sein Gewicht ein wenig nach vorne. Dann stieß er einen gellenden Schrei aus und war verschwunden.


"Tuffi, was wissen wir über Löschschaum?"


"Löschschaum ist spezieller Schaum, bestehend aus Luft, Wasser und Schaummittel. Voraussetzung für die Bildung von Schaum ist eine Seifendoppelschicht, die durch eine dünne Schicht Wasser voneinander getrennt ist, Herr Bauleiter."


"Danke, Tuffi, vielen Dank. Und was bedeutet das?"


"Keine Ahnung, Herr Bauleiter, davon hat uns niemand was gesagt."


"Lernt ihr in der Schule eigentlich nur auswendig?" knurrte Murksel genervt und starrte in die Schaumlandschaft. Etwas schien sich im mittleren Teil zu bewegen.


"Jedenfalls besteht Schaum aus Seife, und wenn Seife auf Seife stößt, wird das dann glitschig oder nicht?"


Tuffi starrte den Bauleiter ratlos an. "Das haben wir noch nicht im Unterricht gehabt..."


"Klasse gemacht, Goldi, wirklich toll", schimpfte Flecki. "Genialer Einfall von dir. Jetzt rutscht und flutscht das noch besser als zuvor!"


Goldi zuckte mit den Schultern. "Hab' ja auch nur gesagt, dass wir heute niemanden mehr ausrutschen sehen!"


"Das stimmt", rief Teeblättchen, "in all dem Schaum kann man niemanden mehr ausrutschen sehen!"


In diesem Moment tauchte eine weiße Gestalt aus der Schaummasse auf.


"Ah, der Herr Oberbuchhalter!" rief Bauleiter Murksel gut gelaunt. "Wir haben Sie gar nicht kommen sehen. Hat sich an der Beschaffenheit der Treppe etwas geändert?"


"Leider nein", keuchte der erschöpfte Oberbuchhalter, "aber ich habe unterwegs etwas gefunden. Gehört diese Robbe zu Ihnen?"


"Robbe?"


Hamstilidamst und Emmi traten dicht an das Schaumpaket, dass der Oberbuchhalter die Treppen hinauf geschleppt hatte und befreiten es, so gut es ging, vom Schaum. Ein freudiges 'Honk, Honk!' schallte ihnen entgegen.


"Alles klar, Dodo?" fragte Emmi vorsichtig.


'Honk, Honk", kam die prompte Antwort.


"Na ja", wandte sich Murksel an den Oberbuchhalter, "das ist eigentlich kein richtiger Mitarbeiter, eher ein freier Mitarbeiter für Sonderaufgaben."


"Verstehe", nickte der zustimmend. "Abflussrohre und so."


"Völlig richtig", bestätigte der Bauleiter, "aber wir sollten wirklich zusehen, dass wir endlich weiterkommen. Der Bürgermeister wartet bestimmt schon auf uns.“ Er winkte seiner Truppe, ihm zu folgen und ging vorweg. Da der Fahrstuhl natürlich noch immer nicht repariert war, dauerte der Aufstieg dementsprechend. Drei Treppen weiter blieb der Bauleiter stehen und drehte sich genervt um. "Kann Dodo endlich mal mit seinem Gehupe aufhören? Das geht mir so was von auf den Keks!"


"Dodo ist eine freie Robbe und hat das Recht auf Meinungsäußerung!" rief Flecki empört.


"Es wäre Tierquälerei, ihm das Bellen zu verbieten!" bestätigte Dasie.


Knurrend schlich Bauleiter Murksel weiter und nahm sich fest vor, so bald wie möglich den Fahrstuhl zu reparieren. Nach zwei weiteren Treppen hatten sie ihr Ziel erreicht und standen vor dem Schild mit der Aufschrift 'Wegen Inspektion vorübergehend außer Betrieb' - der Hausmeister'.


"Da es hier keinen Hausmeister gibt, brauchen wir auch das verdammte Schild nicht!" grölte der Bauleiter, riss das Schild ab und feuerte es ein Stockwerk tiefer.


"Davon wird der Fahrstuhl auch nicht gehen", warf Finchen ein und erntete einen vernichtenden Blick.


"Schade eigentlich", sagte Goldi und spielte an den Knöpfen der Fahrstuhltür herum, "jetzt müssen wir den ganzen Weg wieder über die Treppe gehen und..."


Er unterbrach seinen Satz, denn die Fahrstuhltür öffnete sich wie von Geisterhand.


"So eine Pflaume", rief Flecki, "der faule Hausmeister hat da bloß ein Schild aufgehängt. In Wirklichkeit funktioniert der Fahrstuhl ja!"


"Den knöpfe ich mir vor", knurrte Murksel. "Aber eines nach dem anderen. Erstmal gehen wir uns anhören, was der Bürgermeister zu sagen hat."


Dann betrat er das Bürgermeisterzimmer, ohne anzuklopfen, gefolgt von seiner Reparaturtruppe und einem Seehund, der ein fröhliches 'Honk! Honk' von sich gab.


"Ah, mein allerbester Dings, äh, Murksel", tönte der sichtlich gut gelaunte Bürgermeister. "Kommen Sie doch rein!"


"Ich bin schon drinnen, Herr Bürgermeister!"


"Äh, natürlich, natürlich. Was ist das?" Der Bürgermeister wies auf Dodo, der nach Robbenart platt auf dem Boden lag und nach Robbenart langsam durch die Tür robbte. Dazu stieß er ein fröhliches 'Honk! Honk!’ aus.


"Das? Ach, das ist Robbe Dodo für Spezialeinsätze", grinste der Bauleiter.


"Sehr schön, sehr schön. Damit lässt sich ja heutzutage eine Menge Geld verdienen."


"Mit Spezialeinsätzen, Herr Bürgermeister?"


"Nein, mein lieber Braumeister, äh, Bauleiter, mit diesen Robben! Gerade gestern habe ich es in der

Leitung gezesen, äh, Zeitung gelesen, dass so eine Robbe Millionen verdient!"


"Millionen?"


"Ja, durch Konzerte, mein Biber, äh, Lieber. Da stand, dass die Robbe Williams mit Musik Millionen verdient hat!"


Es dauerte einige Minuten, bis in dem Zimmer des Bürgermeisters wieder Ruhe einkehrte, und sich auch der letzte Reparaturhamster vom Lachanfall erholt hatte. Mit hochrotem Kopf saß der Bürgermeister an seinem Schreibtisch und hörte sich die Erklärungen von Flecki, Emmi und Finchen an, was es mit der Robbe Williams auf sich hatte.


"Ach so, Robbie heißt der", lächelte er verzweifelt und erhob sich aus seinem Sessel, "hab' ich mir sozusagen doch gleich gedacht, hä, hä."


"Wenn wir dann mal anfangen könnten..."


"Selbstverändlich, lieber Baumeister, äh, selbstverständlich. Wie auch immer unermüdlich, so habe ich mir meine Gedanken gedacht, äh, gemacht, wie diese Messe, die dort draußen sein wird, äh, werden wird." Er wanderte ein wenig im Zimmer hin und her, während er mit einer Pfote zum Fenster hinaus auf den Markplatz deutete. "Dort draußen..."


Weiter kam er nicht, denn er war über Dodo gestolpert.


"Öhm, Robbie, äh, Dodo, würde es dir etwas ausmachen, an die Tür zu robben?" keuchte er, nachdem er sich umständlich aufgerappelt und sicherheitshalber wieder in seinen bequemen Sessel gesetzt hatte.


Mit einem fröhlichen 'Honk! Honk' robbte Dodo zur Tür und lag nun zwischen Tür und Bauleiter, der verständnislos den Kopf schüttelte.


"Danke, Honk, äh, Dodo", fuhr der Bürgermeister fort, putzte seinen Schnurrbart und ließ seinen Blick von einem Hamster zum anderen wandern. "Die mir übertrabende, äh, übertragene Aufgabe der Profi-Suche ist selbstredend von mir persönlich abgeschossen, äh, abgeschlossen worden."


"Absolut unnötig, dieser Oberamtsaffe ist ein Volltrottel", grölte es von der Tür her.


"Nun, äh, mein lieber Baudings, da stimme ich Ihnen zu", stammelte der Bürgermeister, "es ist auch nicht so, dass ich Sie für komplett unfähig halte, es ist nur..."


"Was?" fauchte es aus Richtung Tür.


"Ihre Arbeit spricht selbstverständlich sozusagen für Sie..."


"Das ist es ja!" rief eine Stimme aus der Gruppe der Reparaturtruppe.


"Und die kleinen Pannen..."


"Pannen?" unterbrach Murksel den Bürgermeister und lief knallrot an, während er drohend den Kopf hob, "Pannen?"


"…waren niemals Ihre Schuld", fuhr der Bürgermeister hechelnd fort.


"Sag ich doch!" knurrte der Bauleiter und trat einen Schritt zurück, um sich an den Türpfosten zu lehnen. Dann klatschte es laut, denn er hatte den am Boden liegenden Dodo nicht bedacht.


"Kann jemand diese blöde Robbe nicht mal irgendwo hinschieben? Von mir aus in die Badewanne?"


"Es ist ein fühlendes Wesen, Herr Bauleiter", mischte sich die empörte Flecki ein, "das kann man nicht einfach irgendwo hinschieben!"


Ein lautes Heulen, das vom Fußboden herkam, unterstützte diese Worte.


"Was'n das nun für 'n Profi und was soll der machen?" fragte nun Goldi die Frage aller Fragen und im nächsten Moment war es mucksmäuschenstill im Zimmer. Gerade, als diese Frage beantwortet werden sollte, klopfte es an der Tür.


"Öhm, herein!"


Die Tür wurde geöffnet, etwas Weißes trat ein und lag im nächsten Moment auf dem Fußboden, weil es über Dodo gestolpert war.


Ein 'Aua, meine Pfote' und ein 'Honk, Honk, Heul' waren zu hören, dann war alles still.


Langsam erhob sich das weiße Wesen und wischte sich den Schaum vom Gesicht.


"Trampel! Bist du wieder gesund?" riefen seine Freunde im Chor und liefen auf ihn zu, vorsichtig darauf achtend, nicht auf Robbe Dodo zu treten, der mit einem lauten Winseln versuchte, an Trampel hochzuspringen.


"Nun ja", antwortete Trampel, "der Arzt meinte, ich soll mich noch ein wenig schonen..."


"Klar", knurrte Murksel genervt, "da bist du natürlich genau richtig bei uns. Ruhe dich ruhig aus, keiner wird dich hetzen. Aber sag' mal, du Riesenidiot, bist du etwa über die Treppe gekommen?"


Trampel nickte. "Der Fahrstuhl ist doch kaputt, oder?"


"Hier ist einiges kaputt, aber nicht der Fahrstuhl", erklärte Teeblättchen grinsend. "Du kommst aber gerade rechtzeitig, der Bürgermeister will gerade erzählen, welche verkrachte Existenz er als Profi für die Gestaltung der 'Ersten Hamstischen Messe' gefunden hat.


Mit einem Kopfnicken dankte der Bürgermeister Teeblättchen für die Überleitung zu seinem Vortrag. Er räusperte sich und wollte gerade fortfahren, als es erneut an der Tür klopfte.


"Öhm, herein!"


Die Tür wurde geöffnet und der Oberbuchhalter trat ein und klatschte im nächsten Moment auf den Teppich, weil Dodo nach wie vor an der Tür lag. Verärgert rappelte er sich auf und ging auf den Bürgermeister zu.


"Mein lieber Herr Bürgermeister", rief er aufgebracht. "Der Zugang zu unserem Gebäude muss umgehend von Seife gereinigt werden. Das ist aber noch nicht alles. Wie Sie wissen, befinden sich in den 23 Abteilungen in diesem Gebäude mit insgesamt 119 Mitarbeiter. Durch eine Ursache unbekannter Ursache liegen zurzeit 3/4 der Mitarbeiter im Krankenhaus, also 89 1/4. Die restlichen 29 3/4 müssen die gesamte Arbeit erledigen, wobei die Hälfte bereits wegen totaler Erschöpfung nach Hause geschickt werden musste. Somit habe ich zurzeit nur 14 7/8 einsatzbereite Leute zur Verfügung. Von diesen 14 7/8 Mitarbeitern haben noch 5/8 Restansprüche auf den Vorjahresurlaub, so dass..."


"Öhm, ja", unterbrach der Bürgermeister, "ich verstehe. Aber was soll ich machen?"


"Besorgen Sie mir neue Leute, Aushilfen oder so!" rief der Oberbuchhalter.


"Tja, äh, neue Leute", grübelte der Bürgermeister, doch dann dachte er an all die Bewerbungen, die zurzeit in seiner Schublade lagen, und er fasste neuen Mut. "Ich glaube, mein lieber Obertuchfalter, ich kann Ihnen sozusagen helfen. Ich äh, hätte da noch ein paar Dingsleute."


"Gut", entgegnete der Oberbuchhalter und wandte sich zur Tür. "Ich verlasse mich auf Sie!"


Im nächsten Moment wurde er erneut das Opfer der Robbe Dodo, konnte sich jedoch noch aufrecht halten und stolperte zur Tür hinaus. Dann waren ein entsetzter Schrei und das Fallen eines Körpers zu hören. Es polterte, als wenn jemand die Treppe hinunterfiele.


"Tja", grinste Goldi, "das macht jetzt nur noch 13 7/8 Mitarbeiter mit 5/8 minus X Restansprüchen."


"Tuffi", sieh doch bitte mal nach, ob Herrn Knolle etwas passiert ist. Ach ja, pass aber auf, dass du nicht über diese blöde Robbe stolperst!"


Der kleine Hamster nickte und verschwand in den Hausflur, begleitet von 'Honk! Honk!'-Rufen. Ungeduldig trommelte der Bürgermeister mit seiner Pfote auf dem Schreibtisch herum, denn es ging ihm langsam auf die Nerven, dass er seine großartige Verkündigung noch nicht losgeworden war. Schneller als erwartet war Tuffi wieder da und berichtete, dass Oberbuchhalter Knolle fluchend in sein Büro gehumpelt sei.


"Öhm, großartig sozusagen", brummte der Bürgermeister und setzte sich aufrecht hin. Alle Augen waren nun auf ihn gerichtet; er genoss diesen Moment der Aufmerksamkeit um seine Person.


"Die mir übertragene Aufgabe, einen Williams, äh, einen Profi zu besorgen, war eine schwere Aufgabe. Nun, da ich aber vor solchen Schwierigkeit gewissermaßen nicht zurückdingse, äh, schrecke, habe ich, wie es sich für eine verantwortungs-, äh, sozusagen volle Person gehört...."


"Fass dich kürzer, sonst hetze ich die Robbe auf dich!" fauchte Bauleiter Murksel unter dem zustimmenden Gemurmel seiner Reparaturhamster.


Der Bürgermeister unterbrach seine Rede und schaute Murksel verblüfft an. Dann schien ein Ruck durch seinen recht umfangreichen Körper zu gehen, und ihm wurde klar, dass seine Zuhörerschaft ungeduldig wurde. Zeit, auf den Punkt zu kommen. Er stand auf und lächelte dümmlich.


"Meine Damen und Herren, liebe, äh, Robben, Hamsterhausen hat jetzt einen Profi!"


Diese Worte ihres Bürgermeisters sorgten für helle Aufregung bei der Reparaturtruppe. Vereinzelte Wortfetzen waren zu verstehen:


"Hab' ja schon immer gesagt, mit Murksel ist kein Blumentopf zu gewinnen..."


"Jetzt gibt das endlich professionelle Katastrophen!"


"Heißt das, dass wir jetzt mehr Urlaub kriegen?"


"Honk, Honk!"


"Oder wir werden alle arbeitslos!"


"Wir werden verhungern...."


"Honk, Honk!"


"Wir sind zu jung zum sterben!"


"Honk, Honk!"


"Ruhe, verdammt noch mal!" grölte Bauleiter Murksel, um das Geplapper seiner Truppe, das inzwischen zu einem lauten Heulen und Klagen geworden war, zu beenden. "Niemand wird hier seinen Job verlieren, und niemand wird hungern müssen. Schließlich soll dieser komische Profi doch nur die Leitung übernehmen. Solche Typen können doch nur planen und haben keine Ahnung, wie man einen Nagel in die Wand kloppt!"


"Ähem", meldete sich nun der Bürgermeister ein wenig verärgert. Zwar hielt er nicht viel von seiner Nichte Puttchen, im Gegenteil, sie war ihm schon mehrfach komplett auf den Keks gegangen, doch immerhin war es seine Nichte und kein Bauleiter hatte ein Recht, nichts von seiner Nichte Puttchen zu halten! Wenn hier jemand nichts von seiner Nichte zu halten hatte, dann nur er, der Bürgermeister. "Es handelt sich um eine Professionelle, öhm, ich meine, es handelt sich um eine Profiteuse, eine Profine sozusagen."


"Honk?"


"Es ist kein 'Er', sondern eine 'Sie'", fügte der Bürgermeister rasch hinzu, nachdem er die fragenden Gesichter der umstehenden Hamster sah.


"Zum Kaffee kochen, wie?" grölte Goldi und handelte sich einen saftigen Tritt von Flecki ein.


"Und die versteht was von Bauarbeiten?" fragte Bauleiter Murksel verdattert und vergaß, den Mund wieder zu schließen.


"Öh, sozusagen nein, sie wird das Dings koordinieren."


"Bedeutet das das Ende aller unser schönen Planungsausschüsse?" grinste Teeblättchen.


"Gewissermaßen, äh, ja."


"Keine geilen Kompetenzteams mehr?" lästerte Tati.


"Öhm, nein!"


"Wieso kann so eine Schnepfe uns leiten, wenn sich nichts von Bauarbeiten versteht?" wollte Murksel nun genau wissen.


Der Bürgermeister klappte den Mund auf und wieder zu.


"Weil, öhm..." begann er, doch Flecki kam ihm zu Hilfe.


"Goldi versteht auch nichts vom Kochen und frisst trotzdem alles weg!"


"Äh, ja, genau", keuchte der Bürgermeister, "sozusagen wegfressen. Genauso ist das mit der Ko-Dings, äh, Leitung. Sie hat gewissermaßen studiert und kennt die neuesten Tripps, äh, Tricks."


"Ich brauche keine Tricks und so einen neumodischen Mist!" brüllte Bauleiter Murksel und ging dicht auf den Bürgermeister zu. "Solides Handwerk kommt ohne faule Tricks aus!"


Während im Hintergrund einige Hamster lauthals vor sich hin gackerten, schob der Bürgermeister den aufgebrachten Bauleiter ein Stück zurück und lehnte sich erschöpft in seinem Stuhl zurück. Langsam trat auch Murksel einen Schritt zurück.


"Sehen Sie, mein lieber Baukeiler, äh, Bauleiter, es ist ja so, meine Nichte soll ja lediglich....."


"Nichte?" erscholl es ihm Chor.


"Öhm, tja..."


"Hat er Nichte gesagt, Tati?"


"Hat er, Teeblättchen, das riecht ja geradezu nach Vetternwirtschaft!"


"Was ja auch nicht verwunderlich ist, denn wir Hamster sind ja nun mal alle irgendwie miteinander verwandt...."

 


Kapitel 05

Aufruhr - Streik



"Das lass ich nicht mit mir machen, Herr Bürgermeister, ich bin doch kein Hanswurst!"


"Der Bauleiter hat Recht, das ist eine Riesensauerei!" fauchten Tati und Teeblättchen.


"Ohne uns! Das verstößt gegen unsere Hamsterehre!"


"Honk, honk!" stimmte Dodo Flecki zu.


"Wir nehmen seine Bude auseinander", grölte Goldi und stupste Trampel an, um ihn zu irgendwelchen übereilten Aktionen zu ermutigen.


"Soll der doch mit seiner Tussi den Kram selber machen!" kreischte Tuffi, während der Bürgermeister hinter seinem Schreibtisch immer kleiner zu werden schien.


In diesem Moment klopfte es laut und ungeduldig an der Tür, doch in dem allgemeinen Tumult schien es außer dem Bürgermeister niemand wahrzunehmen. Da ihm die Kraft fehlte, 'herein' oder irgendetwas Sinnvolles zu sagen, öffnete sich nach einer Weile die Tür und der Kopf des Oberbuchhalters wurde sichtbar. Sofort erstarb der Lärm im Zimmer, weniger aus Respekt vor dem Oberbuchhalter, sonder eher aus Neugier, welche Neuigkeiten und womöglich Katastrophen es nun wieder gab.


"Herr Bürgermeister", begann er unaufgefordert zu schimpfen, "dieser ständige Lärm ist für meine Leute einfach nicht mehr tragbar! Bitte sorgen sie dafür, dass dieses Geschrei und dieses Geschimpfe endlich aufhört. Im Übrigen brauche ich dringen Verstärkung, da meine Mannschaft durch die ständigen Unfälle im Treppenhaus arg dezimiert ist!"


Der Bürgermeister schaute den Oberbuchhalter ratlos an und zuckte mit den Schultern.


"Wie Sie wissen, befanden sich in den 23 Abteilungen in diesem Gebäude einmal 119 Mitarbeiter. 3/4 der Mitarbeiter befinden sich im Krankenhaus, von dem restlichen Viertel ist die Hälfte wegen totaler Erschöpfung nach Hause geschickt worden. Von der anderen Hälfte des restlichen Viertels soll ich Ihnen bestellen, dass mit sofortiger Wirkung ein Streik ausgerufen wird, wenn sich die Situation nicht augenblicklich bessert."


"Öhm, tja... und was habe ich damit zu tun?" fragte der Bürgermeister gelangweilt und schaute aus dem Fenster.


"Besorgen Sie mir neue Leute, Aushilfen oder so!" rief der Oberbuchhalter.


"Tja, äh, neue Leute", wiederholte der Bürgermeister, "wissen Sie was, Sie Dingshalter? Stopfen Sie sich die Hälfte vom letzten Viertel dahin wo die Sonne Hamsterhausens nie hinkommt! Hier geht es um höhere Dingse, äh, Dinge um die ich mich sozusagen...."


Mit einem heiseren Aufschrei stürmte Oberbuchhalter Knolle wieder Richtung Tür, stolperte jedoch über Robbe Dodo und landete am Türpfosten. Stöhnend erhob er sich, deutete auf den Bürgermeister und keuchte: "Streik, lieber Herr Bürgermeister, ab sofort werden wir streiken! Wenn sich die Sachlage jedoch bessert", schränkte er ein und trat einen Schritt vor, stolperte erneut über Robbe Dodo, taumelte auf den Schreibtisch des Bürgermeisters zu und zog sich mühsam an der Tischkante wieder hoch, "wenn sich die Sachlage jedoch bessert, werden wir unseren Streik beenden. Es liegt bei Ihnen, Herr Bürgermeister!"


Als höflicher Beamter verbeugte er sich noch einmal vor dem Bürgermeister und entfernte sich rückwärts Richtung Tür.


"Dodo, würde es dir etwas ausmachen, den Platz vor der Tür endlich einmal zu räumen?" fauchte Bauleiter Murksel, nachdem der Oberbuchhalter rückwärts zur Tür hinausgestolpert war, und seine Schreie beim Hinunterrollen über die Stufen des Treppenhauses allmählich leiser wurden und verhallten.


"Was hat er denn mit Streik gemeint?" wunderte sich Finchen und warf einen verächtlichen Blick auf den Bürgermeister, der zusammengesackt auf seinem Stuhl saß und versuchte, seinen Kopf in den Schreibtisch zu vergraben.


"Dass er seinen Krempel selbst machen kann!" brüllte Murksel. "Ich habe es satt, mich hier zum Affen zu machen, nicht mit mir - ich streike auch!"


"Heißt das, dass wir jetzt Urlaub haben, Chef?" fragte Tuffi hoffnungsvoll. "Ich meine, so ein paar Tage an die See..."


"Das kannst du getrost vergessen", knurrte Murksel. "Streik bedeutet nicht Urlaub, sondern Streik bedeutet, dass wir weiterhin zur Arbeit erscheinen werden, aber nichts machen."


"Also, dass ist für mich nichts Neues, ich meine, dann brauche ich meinen Arbeitsstil nicht sonderlich zu verändern..."


Flecki drehte sich empört zu Goldi um. "Das war wir schon lange klar. Hast denn überhaupt keine besonderen Fähigkeiten, Goldi?"


"Doch, ich kann 'Alle meine Entchen' furzen!"


Während sich Flecki über gewisse Hamster aufregte, die keinerlei Anstand und Benehmen besaßen, versuchte der Bürgermeister verzweifelt, den Bauleiter umzustimmen, jedoch zwecklos. Nach einigen fruchtlosen Brüllereien drehte sich der Bauleiter mit hochrotem Kopf um.


"Kommt Leute, wir gehen! Mit dieser Bürgermeisterpfeife sind wir fertig!"


Während der Bürgermeister sich fluchend vom Boden erhob, auf den er während der Diskussion mit seinem Stuhl gekippt war, kam Bauleiter Murksel ins Stolpern und verließ den Raum mit einem ängstlichen Aufschrei. Dann war das Geräusch eines schweren Hamsterkörpers, der die Treppe hinunterfiel zu hören. Gebannt starrte alles zur Tür, als nach wenigen Minuten der leicht verbeulte Bauleiter wieder zur Tür hereingehumpelt kam.


"Und wenn diese sch...., diese verdammte Robbe nicht gleich macht, dass sie verschwindet und in irgendeinen Tümpel zieht, dann werde ich einen Robbenpelzhandel aufmachen!"


"Honk?"


"Sieh zu, dass du wieder normal wirst, sonst wirst du definitiv für Sonderaufgaben in der Kanalisation Hamsterhausens eingesetzt!"


Mit einem erneuten 'Honk' verschwand Robbe Dodo im Treppenhaus.


"Wo mag das arme Tier - ich meine Dodo - nun hingehen?" fragte Emmi und stupste Goldi an. "Wollen wir nicht hinterhergehen und nachsehen? Vielleicht können wir ihm helfen."


"Besser nicht", entgegnete Goldi, "man sollte Tiere in ihrer natürlichen Umgebung belassen..." – Emmi nickte.


Gemeinsam trabte die Hamstertruppe nun hinter Bauleiter Murksel her, und sie balancierten schweigend die Stufen des Rathauses hinab. An der Eingangstür halfen sie Oberbuchhalter Knolle wieder auf die Pfoten. Nachdem Tuffi and Flecki ihn von den Splittern der großen Scheibe der Eingangstür befreit hatten, trat der Oberbuchhalter taumelnd seinen Weg zurück in sein Büro an.


"Können wir jetzt nach Hause gehen, Chef?" fragte Tuffi hoffnungsvoll.


"Ich schreibe dir das gerne auf, Tuffi", knurrte Murksel, "du gehst nach Hause, wenn Feierabend ist. Bis dahin streiken wir. Dieser Oberbuchfuzzie Knolle wird nämlich dasselbe machen; Däumchen drehen bis Feierabend, genau wie seine Leute."


Genauso geschah es auch und im Rathaus saß ein schwitzender Bürgermeister, der nach einigen Stunden feststellen musste, dass nichts, aber auch gar nichts in seiner Stadt mehr funktionierte. Sogar die HAMPO war dem Streik beigetreten und zum Entsetzen so mancher Hamsterhausener Bürger gab es nun niemanden mehr, der für Recht und Ordnung sorgte. Besonders Besorgnis erregend waren verschiedene Berichte von Streifenpolizisten, die ihre Streife in den Kneipen Hamsterhausens fortsetzten und sich sogar mit Saufbrüdern und Randalieren verbündet hatten, als die Nacht anbrach. Grölende Horden von betrunkenen Polizisten machten nun die Stadt unsicher, während einige zwielichtige Typen diesen rechtsfreien Raum nun ausnutzten und shoppen gingen. Dass die Geschäfte alle geschlossen waren, interessierte nun niemanden mehr, und wer noch neue Klamotten oder einen schönen, neuen Breitbild-Fernseher brauchte, bediente sich einfach. Damit ist übrigens auch die Frage beantwortet, warum alle Hamsterhausener Polizisten so schmuckvoll ausgestattete Wohnungen besitzen.


Lediglich die HAMFE ging nach wie von ihrem Dienst nach und war jedes Mal vor Ort, wenn irgendwo ein Brand ausgebrochen war. Allerdings wurde aus Solidarität mit der streikenden Mehrheit Hamsterhausens auf den Einsatz von Wasser verzichtet, sozusagen als symbolische Unterstützung der Streikenden. Auf persönliche Intervention des Bürgermeisters hin nahmen die Hamstischen Stromwerke ihren Betrieb wieder auf, nachdem ihnen eine Verdoppelung des Gehaltes zugesagt wurde.


"Es ist eine Schande, was aus unserem schönen Hamsterhausen geworden ist", fauchte Flecki, als sich das Reparaturteam an der gewohnten Baustelle traf.


"Diese unvorstellbare Gier", fauchte Tuffi, "ich habe gesehen wie zwei Hamster ein Geschäft beraubt haben und die Polizei so betrunken war, dass sie nicht mehr eingreifen konnte!"


"Wirklich unvorstellbar", knurrte Goldi, "es gilt nur noch das Recht des Stärkeren! Es ist ein Skandal! Nur weil dieser Brutalohamster größer und stärker war als ich hat er mir im Computershop doch tatsächlich das letzte Spiel von 'Die Hamster IV' vor der Nase geklaut..."


"Wo ist eigentlich Trampel geblieben?"


"Tja, wo steckt der denn?" bekräftigte der Bauleiter Finchens Frage.


"Die Treppe ist er jedenfalls nicht mit uns hinuntergegangen, also muss er den Fahrstuhl genommen haben. Ah, da kommt er ja!" rief Flecki und deutete auf eine humpelnde Gestalt, die sich langsam näherte. Wenige Minuten später stand Trampel vor ihnen; er sah erbärmlich und mitgenommen aus.


"Sag mal, hatte Trampel schon immer blaue Augen?" flüsterte Tati seinem Bruder Teeblättchen zu.


"Nö, eigentlich nicht. Und so dicke Lippen hat er sonst auch nicht."


"Was'n mit dir los?" stellte Murksel die Frage, die alle beschäftigte. "Ist der Fahrstuhl mit dir abgestürzt?"


Trampel schüttelte langsam den Kopf und hielt ihn sich mit einer Pfote, offensichtlich hatte er heftige Kopfschmerzen.


"Ich wollte doch nur einen kleinen Spaß machen", schluchzte er. "Als ich unten mit dem Fahrstuhl ankam, wart ihr noch nicht da, nur dieser Oberbuchhalter lag da rum. Also bin ich wieder rauf und runter gefahren. Als ich gerade wieder losfahren wollte, kamen zwei recht kräftige Hamster und versuchten einzusteigen. Sie rannten aber gegen die Fahrstuhltür, und ich habe laut gelacht, als ich wieder nach oben fuhr. Die waren natürlich sauer und sind über die Treppe hinterhergerannt. Im obersten Stock habe ich dann gewartet, bis sie keuchend die Treppe hoch kamen. Dann habe ich den Knopf nach unten gedrückt und noch einmal 'Bäh, bäh, bäh' gemacht, als die Fahrstuhltür gerade schließen wollte."


"Und?" fragte Goldi. "Was hast du dieses Mal vermasselt?"


Trampel schluchzte laut, dann fuhr er fort: "Als ich ein letztes Mal 'Bäh, bäh, bäh' machte, waren die nur noch wenige Schritte entfernt und dann...." Trampel schluchzte erneut. "Dann habe ich mich zu weit vorgebeugt und bin mit dem Kopf in die Lichtschranke des Fahrstuhls gekommen und die Tür öffnete sich wieder. Dann sind die beiden doch noch eingestiegen und die Fahrt nach unten kam mir sehr lang vor...."


"Sollen wir dich zu einem Arzt bringen?" fragte Emmi mitfühlend.


"Vergiss es", knurrte Flecki, "die sind alle zu einer Streikkundgebung auf dem Golfplatz... Wie soll das bloß alles weitergehen..."


Das fragte sich in der Tat der Bürgermeister ebenfalls. Im Rathaus arbeitete niemand mehr, einmal abgesehen von ihm. Sein Blick fiel auf den Stapel der Bewerbungen und seine Miene erhellte sich. 'Dynamisch aber leider ohne Ausbildung' las er da. 'Brauche Kohle für meinen Urlaub', 'Manager-Typ ohne Erfahrung' und 'Habe das Faulenzen im Moment satt'. Der Bürgermeister warf einen Blick auf den Rathausplatz und sah Murksel und das Reparaturteam diskutieren, dann seufzte er tief, schloss die Augen, zog mehrere Bewerbungen aus dem Stapel und legte sie vor sich hin. Dann nahm er sich die Bewerbungen vor, tätigte ein paar Anrufe mit den Bewerbern, lehnte sich zufrieden zurück und hielt ein kleines Nickerchen.


Lautes Lachen weckte den großen Hamster. Er schüttelte sein nasses Fell und sah sich um. Wieso lag er am Rande des Dorfteiches und wieso standen so viele Leute um ihn herum und hielten sich die Bäuche vor Lachen? Dodo versuchte die Böschung hinaufzuklettern, rutschte ab und landete wieder im Dorfteich. Nach mehreren Versuchen gelang es ihm, wieder festen, trockenen Boden unter die Pfoten zu bekommen und machte, dass er verschwand. Gelächter und 'Honk-honk'-Rufe begleiteten ihn. Sein erster Weg führte ins Rathaus, wo er den Bürgermeister schlafend vorfand. Noch während der große Hamster die Treppen des Gebäudes wieder hinunterging, fielen ihm mehrere merkwürdige Gestalten auf, die ihm entgegenkamen. Unter lautem Jubel seiner Freunde erreichte der große Hamster schließlich die vertraute Baustelle.


"Öhm, ja, also ihr seid Dampf und Backe, sehr schön sozusagen..."


"Dumpf, Herr Bürgermeister, ich heiße Dumpf und mein Kumpel Backe!"


"Dumpf und Backe", notierte der Bürgermeister und blickte anschließend auf den Organisationsplan. "Ihr, öhm, werdet die Leitung des Ordnungsamtes übernehmen und für Sicherheit und Ordnung sorgen! Und du?"


Die angesprochene Hamsterdame glotzte nur und nachdem der Bürgermeister seine Frage wiederholt hatte, antwortete sie langsam: "Also, ich kann tippen, aber eines sage ich Ihnen gleich, meine Mittagspausen halte ich ein und Überstunden - nicht mit mir! Und überhaupt, hetzen lasse ich mich nicht..."


So ging es eine Weile, und nach und nach füllte sich das Rathaus mit mehr oder weniger willigen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Dann klopfte es erneut and der Tür.


"Mpfffff..." knurrte der Bürgermeister, der sich nach diesen harten Bewerbungsgesprächen zu einem kleinen Nickerchen niederlegen wollte.


"Onkel!"


"Pu... Pu... Puttchen!" krächzte der Angesprochene und starrte auf eine kleine Hamsterdame in einem geblümten Kleid. Die lilafarbene Schleife an ihrem linken Ohr war viel zu groß und ihre roten Sandalen passten irgendwie nicht zum Kleid. Dem Bürgermeister fiel das aber ohnehin nicht auf, denn schließlich fiel Mode nicht in seinen Kompetenzbereich.


Die kleine Hamsterdame trat ein und sah sich um. Dann hob sie ihre Pfoten und schloss die Augen, öffnete sie langsam wieder in schüttelte den Kopf, wobei ihre lilafarbene Schleife herunterfiel. Sie hob sie wieder auf und befestigte sie, dann sprach sie: "Du siehst müde aus und das hat seinen Grund, so wie alles seinen Grund hat in diesem Universum. Siehst du es denn nicht, Onkel? Fällt dir nichts auf? Merkst du nicht, was hier falsch ist?"


"Öhm... kein Futter?"


"Onkel! Futter ist sekundär, Leben ist primär, Symmetrie, sympathische Ambivalenz! Du musst dein Leben neu gestalten! "


Puttchen begann, die Stühle im Raum umzustellen, dann bat sie den Bürgermeister, ihr beim Verschieben des Schreibtisches und beim Umstellen der Zimmerpflanzen zu helfen. Nach einer Weile betrachtete sie kritisch ihr Werk und sagte: "Fertig! Nun wird sich dein Leben von Grund auf ändern!"


Etwas umständlich versuchte der Bürgermeister zwischen zwei riesigen Topfpflanzen Platz zu nehmen, doch sein geliebter Sessel stand nun leider neben der Eingangstür, so dass er sich auf den Rand des Topfes einer Yucca-Palme setzte. Es war unbequem, und als er die Palme beiseite rücken wollte, um wieder Platz für seinen Sessel zu schaffen, kreischte seine Nichte: "Nicht! Wenn dir die Reinheit deiner Seele wichtig ist, dann lass es, wie es ist!"


Achselzuckend ließ sich der Bürgermeister wieder auf dem Rand des Topfes nieder und sah zu, wie Puttchen den Organisationsplan studierte. Dann verschwand sie, um ihre Arbeit in diesem Hause aufzunehmen, während der Bürgermeister erschöpft seine Augen schloss, sich langsam nach hinten lehnte und nach und nach im Gestrüpp zwischen Yucca-Palme und einer Hibiskus verschwand.


Während Dumpf und Backe sowie die restlichen neuen Mitarbeiter des Gebäudes nun lernten, dass die Grundvorrausetzung für effektives Arbeiten ein kongruentes Verhältnis zur Umwelt war, beratschlagten die Reparaturhamster was zu tun sei, um wieder Ordnung in Hamsterhausen herzustellen. Während Murksel für eine Verschärfung des Streikes war, forderten Flecki und Emmi ein Ende desselben.


"Wir sind doch alle Brüder und Schwestern. Wir müssen aufeinander zugehen und einander lieb haben!" rief Emmy. Als sie sich umdrehte und sich wieder hinsetzten wollte, wäre sie fast über Goldi gestolpert, der am Boden lag und einen Fressburger nach dem anderen verschlang. "Wenn ich es mir genau überlege, dann vergesst bitte meinen letzten Satz, ja?"


"Wir sind doch keine Hamster-Hübies, die alles mit sich machen lassen", knurrte der Bauleiter. "Das müssen wir klarstellen! Am liebsten würde ich denen die Hütte ein wenig geraderücken und ihnen Feuer unterm Fell machen."


"Ein wohl fundierter, überlegter Plan", stimmte Goldi kauend zu.


"Ja, ganz toll und dann?" fauchte Flecki


"Dann sind sie platt..." grunzte Goldi.


"Und dann, was dann?" ließ Flecki nicht locker.


"Na ja, dann machen wir sie noch platter."


"Also, das ist ja so was von hohl, gibt es denn keinen anderen Weg?" protestierte Finchen.

"Am besten, Leute", knurrte Bauleiter Murksel, "warten wir erst mal ab und sind wachsam.

 


 

 

Kapitel 06

Karma



Wutentbrannt stürmte Oberbuchhalter Knolle aus dem Rathaus, gefolgt von den wenigen Mitarbeitern, die ihm noch zur Verfügung standen. Somit befanden sich in gesamten Gebäude außer dem Bürgermeister eine Handvoll frisch eingestellter Schwachköpfe unter der Leitung einer gewissen Puttchen Brammel, die außer fernöstlicher Meditation und einem Kursus über 'sozialpädagogische Kommunikation' über keinerlei Qualifikation verfügte. Somit durfte man auf die weitere Entwicklung der wichtigsten Behörde Hamsterhausens durchaus gespannt sein.


"Mir reicht’s, Herr Murksel", rief er dem verdutzten Bauleiter schon von weitem entgegen. "Ein negatives Karma! So etwas muss ich mir nicht gefallen lassen!" Dann war er auch schon in der nächsten Seitenstraße verschwunden.


"Also ein Kamel möchte ich auch nicht am Arbeitsplatz haben und dann noch ein negatives!"


"Karma, Dodo, das heißt Karma. Das bedeutet soviel wie schlechte Ausstrahlung...", warf Flecki ein.


"So wie Goldi, wenn er zuviel gegessen hat?"


"Das", grinste Flecki und warf einen Blick auf den immer noch kauende Goldi, "sind ganz einfach nur schlechte Manieren. Und davon hat er eine Menge!"


Am nächsten Tag erschien immerhin noch das 'Hamstische Tagesblatt', wenn auch in geringer Auflage, da sämtliche Geschäfte Hamsterhausen geschlossen blieben. Nach und nach trafen die Mitglieder des Reparaturteams zur Fortsetzung ihres Streiks am Arbeitsplatz ein.


"Gut geschlafen, Trampel?" brüllte Murksel und deutete auf die Uhr des Rathauses.


"Ich kann nichts dafür", wimmerte Trampel, "ohne Strom geht mein Wecker nicht."


Knurrend vertiefte sich der Bauleiter wieder in die Tageszeitung. "Aha", bemerkte er, "verwirrte Robbe im Dorfteich gefunden! Randale in der Innenstadt, macht die HAMPO gemeinsame Sache mit Dieben? Es stinkt zum Himmel: Hamsterhausen ohne heißes Wasser..."


"Was gewisse Bauleiter durchaus bestätigen..."


"Wer hat das gesagt?" brüllte Murksel und warf die Zeitung auf den Boden. "Wozu soll ich mich waschen, wenn ich bei der Arbeit sowieso dreckig werde?"


Niemand entgegnete etwas, und mit einem verächtlichen Schnaufen nahm er die Zeitung wieder auf. "Puttchen Brammel, die neue Leiterin der Planung für die 'Erste Hamstische Messe', hat ihre Tätigkeit als kommissarische Leiterin der Obersten Behörde Hamsterhausen aufgenommen. Sie appelliert an alle streikenden Parteien, aufeinander zuzugehen und sich zu umarmen..."


"Klingt doch nicht schlecht", rief Tati und ging auf Teeblättchen zu. "Komm und umarme mich!" Beide Hamster keckerten vor Vergnügen während Murksel weiterlas: "Wie der Bürgermeister in einem gestrigen Interview unserer Zeitung mitteilte, erwartet er ein baldiges Ende des Streikes. Für die Dauer des Streikes jedoch ist bereits Fachpersonal eingestellt worden, um Ordnung, Versorgung und Weiterbau an der Hamstischen Messe in Hamsterhausen aufrecht zu erhalten."


"Na, klasse", fauchte Flecki, "der wird sich umgucken!"


"Das können nur Fachleute", grölte der Bauleiter, "da kann der nicht irgendwelche Spinner nehmen!"


"Stimmt!" mischte sich nun Goldi ein. "So wie wir das machen, kann das keiner. Wenn das knallt, muss das richtig knallen und nicht nur schön aussehen."


"Find ich auch", meldete sich nun Dodo, "Schönheit ist nur oberflächlich, aber Hässlichkeit geht durch und durch."


"Also das musst du mir bei Gelegenheit mal erklären, Dodo", keuchte Emmi und schüttelte verwundert ihren Kopf.


"Ach, Dodo ist doch immer für einen Bockschuss gut", keckerte Teeblättchen. "Wisst ihr noch, als Finchen ihm ein Puzzlespiel zum Geburtstag geschenkt hat? Nach einem halben Jahr kam Dodo bei Finchen vorbei und hat ihr ganz stolz erzählt, dass er das Puzzle fertig hat. 'Schon?' hat Finchen grinsend gefragt, und dann hat Dodo ganz stolz die Packung hochgehalten und auf den Aufdruck '2-14 Jahre' gezeigt.

'Nicht wahr', bestätigte Dodo, 'dabei hatte ich doch noch so viele Jahre Zeit, das Puzzle fertig zu kriegen!"


"Ja, echt große Klasse, Dodo, du bist ein echtes Vorbild", keckerte Tati und handelte sich einen Tritt von Flecki ein.


"Leute, das gucken wir uns jetzt mal an", beschloss der Bauleiter und erhob sich. Nach und nach erhob sich murrend der Rest der Truppe und folgte Murksel, der sich mit schnellen Schritten dem Rathaus näherte.


"Wo steckt der Bürgermeister, diese geistige Amöbe?" brüllte er den Pförtner an, der ahnungslos von dem Eingang stand.


"Ich bin nur der Aushilfspförtner, ich weiß von nichts, mein Herr..." entgegnete er verdattert.


"Wieso ist dieser Knolle plötzlich abgehauen, oder weißt du das auch nicht, du Pförtnerpfeife?"


"Knolle? Ich kenne keine Knolle. Wie gesagt, ich bin nur der Aushilfspförtner, ich weiß von nichts, mein Herr."


"Und wo", schnaufte der Bauleiter, "steckt diese Tussi Bammel?"


"Sie meinen Brammel, mein Herr? Das weiß ich leider nicht, denn..."


"... denn du bist nur der Aushilfspförtner und weißt ja sowieso von nichts, du Gurkenkasper!" brüllte Bauleiter Murksel und schubste den Aushilfspförtner beiseite.


"He, mein Herr, sie dürfen da nicht rein, Fräulein Brammel hat gesagt..."


"Schnauze, du Suppenmolch, du weißt von nichts, ist das klar? Das weißt du ja schließlich am allerbesten, dass du nichts weißt!"


"Mein Herr", jammerte nun der Aushilfspförtner, "sie strahlen negative Energie aus, sagt Fräulein Brammel, ich darf sie nicht reinlassen!"


"Ich strahle was?" brüllte nun der Bauleiter und begann den armen Pförtner zu schubsen. "Ich bin so was von friedfertig, da hast du keine Ahnung von, du Pförtnerfuzzie, und wenn du das noch mal sagst, dann nagel ich dich an diese blöde Eingangstür, ist das klar?"


"Mein Herr", protestierte nun der Pförtner und zeigte auf seinen Anzug. "Sie haben mich mit ihren unreinen Händen beschmutzt! Sehen Sie, ein Fleck!"


"Das tut mir so was von leid", schnaufte Murksel und drehte sich kurz zu Dodo um. "Dodo, bitte klopfe diesen Herren ab!"


Eine Minute später marschierte die Hamstertruppe in das Rathaus, während der Aushilfspförtner benommen neben der großen Eingangstür lag. Ein paar Treppen später standen sie vor der Eingangstür zum Büro des Bürgermeisters.


"Dodo, was steht da?"


"Anklopfen und Eintreten, Herr Bauleiter!"


"Gut", flötete Bauleiter Murksel, "dann bitte sei so gut, mein lieber Dodo!"


Der große Hamster sah sich unsicher zu Goldi um, doch der nickte nur grinsend. Kurz darauf standen die Hamster im Bürgermeisterbüro.


"Wo steckt der Kerl denn?" wunderte sich Flecki, während sie sich ein paar Holzsplitter von Fell klopfte, die beim Betreten des Büros entstanden waren.


"Pst! Seid mal einen Moment leise", flüsterte Finchen. "Ich glaube ich höre etwas!"


Gebannt lauschte die Truppe, und tatsächlich waren merkwürdige Geräusche zwischen Yucca-Palmen und einer Hibiskus zu hören. Mit einem Satz waren Tati und Teeblättchen im Gestrüpp verschwunden, und kurz darauf hörten ihre Freunde sie keckern: "Der Herr Bürgermeister hält sein Mittagsschläfchen im Grünen, er ist heute sehr umweltbewusst!"


"Dodo", knurrte der Bauleiter, "bitte sei so gut und hilf dem Bürgermeister mal heraus!"


"I-ich, hi, hi, muss eingenickt sein und sozusagen versehentlich in die Dings-Pflanzen gefallen sein", ächzte der Bürgermeister und erhob sich stöhnend vom Boden. Er hielt sich den schmerzenden Hintern nach Landung und kurzem Flug aus den Büropflanzen bis zur Mitte des Raumes. "Außerdem ist es, gewissermaßen gut für das dings, äh, Kamel. Oder war es, öhm, das Karamel?"


"Das Karma, du Flachpfeife", fauchte der Bauleiter und stemmte seinen kleinen Pfoten in die viel zu breiten Hüften. "Und nun erkläre mal, wie du dir das vorstellst. Wer soll hier denn nun die Erste Hamstische Messe aufbauen, hä?"


"Öhm, tja, also diesbezüglich, mein lieber Baureiter, äh, Rauhseifer... ist die Organleiterin, äh, organisatorische Leiterin Puttchen Brammel zuständig sozusagen. Sie nimmt die, öhm, Einseifung, äh, gewissermaßen die Teilung vor. Äh, die Einteilung, um genau zu sein."


"Ich seif' dich auch gleich ein und teile dich, du Wahnsinniger! Seit wann kann hier jeder Amateur machen, was er oder was sie will?"


"Aber, aber, mein lieber Pfaureiter, äh, Baupfeifer", stotterte der Bürgermeister und wich einen Schritt zurück. "Wir sollten der jungen, aufstehenden, öhm, auftreibenden, äh, sozusagen aufstrebenden Dame doch ein faire Chance..."


"Es reicht! Dodo, der Herr Bürgermeister hat Blumenerde am Fell, bitte klopfe ihn mal ab!"


Während der Bürgermeister im nächsten Moment quer durch sein Büro flog, betrat die bereits erwähnte organisatorische Leiterin das Zimmer.


"Oh", rief sie erstaunt und breitete ihre kurzen Pfoten aus. "Der Herr Murxer, wenn ich mich recht erinnere...?"


"Murksel", knurrte der Angesprochene. "Und Sie sind diese Karma-Tante, ja?"


"Nun", entgegnete Puttchen und rückte ihre lilafarbene Schleife gerade, "Karma-Beraterin wäre wohl zutreffender, aber das sollten wir vielleicht einmal eingehend durchdiskutieren, Herr Murksel. Eine oder besser noch mehrer spirituelle Sitzungen könnten Ihr inneres seelisches Gleichgewicht und Ihre Karma-Energie....."


"Ich bin im Gleichgewicht und überhaupt, was verstehst du von Energie? Schon mal eine Reihenschaltung unter Hochspannung verdrahtet?"


"Reihenschaltung? Hochspannung?" erwiderte Puttchen erstaunt.


"Ja, beim Stromwerk", warf Tuffi ein. "Leider hat er aber den Strom zu früh wieder eingeschaltet, aber nach einer Felltransplantation und ein paar Wochen Krankenhaus sah der Herr Bauleiter fast wieder wie vorher aus und.,.."


"Tuffi!"


"Ja, Chef?"


"Noch ein Wort und ich mache eine oder besser noch mehrer spirituelle Sitzungen mit dir um dein inneres seelisches Gleichgewicht und deine verdammte Karma-Energie....."


"Aber Herr Murksel!" warf die organisatorische Leiterin und Karma-Beraterin ein. "Doch nicht solche Energie! Es geht um kreative Energie, lieber Bauleiter, zu lernen, das Innere zu reflektieren, Sie dürfen Ihre negative Energie nicht nach innen richten, richten Sie sie nach außen!


Einen Moment stand der Bauleiter unschlüssig da, doch dann nahm er Anlauf und ließ den Hibiskus mit einem gezielten Tritt an der Zimmerwand zerschellen. "Besser so?"


"Herr Murksel" rief Puttchen und rückte erneut ihre Schleife gerade. "Ich muss Sie bitten, sich bei der wehrlosen Pflanze zu entschuldigen, Sie haben ihr Karma durcheinander gebracht!"


"Auch ich, öhm, komme nicht drum herum dich zu tadeln", mischte sich nun der Bürgermeister ein. "Unser veganischer Freund könnte sich schwer verletzt haben und der Fortbestand des Universums könnte sozusagen gefedert, äh, gefährdet sein und, öhm..."


"Das war im letzten Buch, oder hast du das noch immer nicht gerafft, du Karma-Kamel?"


"Aber, aber, Herr Bauleiter", versuchte nun Puttchen zu beschwichtigen, nachdem sie ihre heruntergefallene Schleife fluchend aufgehoben hatte. "Der Herr Bürgermeister ist ein wenig überarbeitet..."


"Von der Gartenarbeit", grinste Goldi, "sein Schnarchen im Gemüse war nicht zu überhören."


„Die Karma-Beraterin wandte sich nun Goldi zu. "Nun, Pflanzen sorgen für ein seelisches Gleichgewicht. Man muss mit ihnen reden..."


"Mache ich auch immer", bestätige Goldi. "Jedes Mal, bevor ich sie in die Pfanne haue."


"Nun, äh, Goldi, es geht hier um dein spirituelles Wohlfühlen, nicht um Essen."


"Wenn ich nicht genug zu Essen kriege, fühle ich mich aber spirituell unwohl und mein Karma ist hungrig, und wenn ich dann nicht schnellstens einen Beefburger für mein seelisches Gleichgewicht kriege, reflektiert die negative Energie meinen Magen..."


"Du musst dich mit der negativen Energie deines Magen konfrontieren, Goldi, beeinflusse den Hunger mit verstärkter Energie deines Karmas."


Goldi nickte und sah Puttchen an. "Habe ich schon versucht. Nach einer Stunde hat mein Karma versagt und ich bin spirituell zusammengebrochen..."


"Wow", spottete Flecki, "eine ganze Stunde? Welch ein Superhamster!"


"Ha!" knurrte Goldi. "Immerhin breche ich nicht spirituell zusammen, wenn ich an einem blöden Modegeschäft vorbeikomme!"


"Was willst du damit sagen, du verfressener Fellträger?"


"Ruhe, Leute, oder ich rücke euer Karma gerade, ist das klar?" brüllte nun der Bauleiter, dem das ganze langsam, aber sicher auf die Nerven ging. "Was ist nun mit den Planungen und der Umsetzung der Ersten Hamstischen Messe?"


"Das, Herr Murksel, überlassen Sie ruhig mir", entgegnete Puttchen Brammel energisch. "Hamsterhausen wird ein spirituelles Ereignis erleben, wie es noch nie dagewesen ist, das Karma dieses Ereignisses wird die Stadt überfluten..."


"Bei mir überflutet auch gleich was! Kommt, Leute, wir gehen!"


"Diese Klamotten", fauchte Flecki als die Hamstertruppe sich wieder auf dem Rückweg befand, "einfach grässlich! Das geblümten Kleid ist so was von out. Die lilafarbene Schleife an ihrem linken Ohr ist viel zu groß und ihre roten Sandalen passen absolut nicht zum Kleid..."


"So eine Schleife hätte ich auch gerne für mein Karma", rief Dodo und nach einer Pause fügte er hinzu: "Und was machen wir jetzt?"

 

 

Weiter: Die Messe (Kapitel 07-14) - Durcheinander