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Kapitel 06

Karma



Wutentbrannt stürmte Oberbuchhalter Knolle aus dem Rathaus, gefolgt von den wenigen Mitarbeitern, die ihm noch zur Verfügung standen. Somit befanden sich in gesamten Gebäude außer dem Bürgermeister eine Handvoll frisch eingestellter Schwachköpfe unter der Leitung einer gewissen Puttchen Brammel, die außer fernöstlicher Meditation und einem Kursus über 'sozialpädagogische Kommunikation' über keinerlei Qualifikation verfügte. Somit durfte man auf die weitere Entwicklung der wichtigsten Behörde Hamsterhausens durchaus gespannt sein.


"Mir reicht’s, Herr Murksel", rief er dem verdutzten Bauleiter schon von weitem entgegen. "Ein negatives Karma! So etwas muss ich mir nicht gefallen lassen!" Dann war er auch schon in der nächsten Seitenstraße verschwunden.


"Also ein Kamel möchte ich auch nicht am Arbeitsplatz haben und dann noch ein negatives!"


"Karma, Dodo, das heißt Karma. Das bedeutet soviel wie schlechte Ausstrahlung...", warf Flecki ein.


"So wie Goldi, wenn er zuviel gegessen hat?"


"Das", grinste Flecki und warf einen Blick auf den immer noch kauende Goldi, "sind ganz einfach nur schlechte Manieren. Und davon hat er eine Menge!"


Am nächsten Tag erschien immerhin noch das 'Hamstische Tagesblatt', wenn auch in geringer Auflage, da sämtliche Geschäfte Hamsterhausen geschlossen blieben. Nach und nach trafen die Mitglieder des Reparaturteams zur Fortsetzung ihres Streiks am Arbeitsplatz ein.


"Gut geschlafen, Trampel?" brüllte Murksel und deutete auf die Uhr des Rathauses.


"Ich kann nichts dafür", wimmerte Trampel, "ohne Strom geht mein Wecker nicht."


Knurrend vertiefte sich der Bauleiter wieder in die Tageszeitung. "Aha", bemerkte er, "verwirrte Robbe im Dorfteich gefunden! Randale in der Innenstadt, macht die HAMPO gemeinsame Sache mit Dieben? Es stinkt zum Himmel: Hamsterhausen ohne heißes Wasser..."


"Was gewisse Bauleiter durchaus bestätigen..."


"Wer hat das gesagt?" brüllte Murksel und warf die Zeitung auf den Boden. "Wozu soll ich mich waschen, wenn ich bei der Arbeit sowieso dreckig werde?"


Niemand entgegnete etwas, und mit einem verächtlichen Schnaufen nahm er die Zeitung wieder auf. "Puttchen Brammel, die neue Leiterin der Planung für die 'Erste Hamstische Messe', hat ihre Tätigkeit als kommissarische Leiterin der Obersten Behörde Hamsterhausen aufgenommen. Sie appelliert an alle streikenden Parteien, aufeinander zuzugehen und sich zu umarmen..."


"Klingt doch nicht schlecht", rief Tati und ging auf Teeblättchen zu. "Komm und umarme mich!" Beide Hamster keckerten vor Vergnügen während Murksel weiterlas: "Wie der Bürgermeister in einem gestrigen Interview unserer Zeitung mitteilte, erwartet er ein baldiges Ende des Streikes. Für die Dauer des Streikes jedoch ist bereits Fachpersonal eingestellt worden, um Ordnung, Versorgung und Weiterbau an der Hamstischen Messe in Hamsterhausen aufrecht zu erhalten."


"Na, klasse", fauchte Flecki, "der wird sich umgucken!"


"Das können nur Fachleute", grölte der Bauleiter, "da kann der nicht irgendwelche Spinner nehmen!"


"Stimmt!" mischte sich nun Goldi ein. "So wie wir das machen, kann das keiner. Wenn das knallt, muss das richtig knallen und nicht nur schön aussehen."


"Find ich auch", meldete sich nun Dodo, "Schönheit ist nur oberflächlich, aber Hässlichkeit geht durch und durch."


"Also das musst du mir bei Gelegenheit mal erklären, Dodo", keuchte Emmi und schüttelte verwundert ihren Kopf.


"Ach, Dodo ist doch immer für einen Bockschuss gut", keckerte Teeblättchen. "Wisst ihr noch, als Finchen ihm ein Puzzlespiel zum Geburtstag geschenkt hat? Nach einem halben Jahr kam Dodo bei Finchen vorbei und hat ihr ganz stolz erzählt, dass er das Puzzle fertig hat. 'Schon?' hat Finchen grinsend gefragt, und dann hat Dodo ganz stolz die Packung hochgehalten und auf den Aufdruck '2-14 Jahre' gezeigt.

'Nicht wahr', bestätigte Dodo, 'dabei hatte ich doch noch so viele Jahre Zeit, das Puzzle fertig zu kriegen!"


"Ja, echt große Klasse, Dodo, du bist ein echtes Vorbild", keckerte Tati und handelte sich einen Tritt von Flecki ein.


"Leute, das gucken wir uns jetzt mal an", beschloss der Bauleiter und erhob sich. Nach und nach erhob sich murrend der Rest der Truppe und folgte Murksel, der sich mit schnellen Schritten dem Rathaus näherte.


"Wo steckt der Bürgermeister, diese geistige Amöbe?" brüllte er den Pförtner an, der ahnungslos von dem Eingang stand.


"Ich bin nur der Aushilfspförtner, ich weiß von nichts, mein Herr..." entgegnete er verdattert.


"Wieso ist dieser Knolle plötzlich abgehauen, oder weißt du das auch nicht, du Pförtnerpfeife?"


"Knolle? Ich kenne keine Knolle. Wie gesagt, ich bin nur der Aushilfspförtner, ich weiß von nichts, mein Herr."


"Und wo", schnaufte der Bauleiter, "steckt diese Tussi Bammel?"


"Sie meinen Brammel, mein Herr? Das weiß ich leider nicht, denn..."


"... denn du bist nur der Aushilfspförtner und weißt ja sowieso von nichts, du Gurkenkasper!" brüllte Bauleiter Murksel und schubste den Aushilfspförtner beiseite.


"He, mein Herr, sie dürfen da nicht rein, Fräulein Brammel hat gesagt..."


"Schnauze, du Suppenmolch, du weißt von nichts, ist das klar? Das weißt du ja schließlich am allerbesten, dass du nichts weißt!"


"Mein Herr", jammerte nun der Aushilfspförtner, "sie strahlen negative Energie aus, sagt Fräulein Brammel, ich darf sie nicht reinlassen!"


"Ich strahle was?" brüllte nun der Bauleiter und begann den armen Pförtner zu schubsen. "Ich bin so was von friedfertig, da hast du keine Ahnung von, du Pförtnerfuzzie, und wenn du das noch mal sagst, dann nagel ich dich an diese blöde Eingangstür, ist das klar?"


"Mein Herr", protestierte nun der Pförtner und zeigte auf seinen Anzug. "Sie haben mich mit ihren unreinen Händen beschmutzt! Sehen Sie, ein Fleck!"


"Das tut mir so was von leid", schnaufte Murksel und drehte sich kurz zu Dodo um. "Dodo, bitte klopfe diesen Herren ab!"


Eine Minute später marschierte die Hamstertruppe in das Rathaus, während der Aushilfspförtner benommen neben der großen Eingangstür lag. Ein paar Treppen später standen sie vor der Eingangstür zum Büro des Bürgermeisters.


"Dodo, was steht da?"


"Anklopfen und Eintreten, Herr Bauleiter!"


"Gut", flötete Bauleiter Murksel, "dann bitte sei so gut, mein lieber Dodo!"


Der große Hamster sah sich unsicher zu Goldi um, doch der nickte nur grinsend. Kurz darauf standen die Hamster im Bürgermeisterbüro.


"Wo steckt der Kerl denn?" wunderte sich Flecki, während sie sich ein paar Holzsplitter von Fell klopfte, die beim Betreten des Büros entstanden waren.


"Pst! Seid mal einen Moment leise", flüsterte Finchen. "Ich glaube ich höre etwas!"


Gebannt lauschte die Truppe, und tatsächlich waren merkwürdige Geräusche zwischen Yucca-Palmen und einer Hibiskus zu hören. Mit einem Satz waren Tati und Teeblättchen im Gestrüpp verschwunden, und kurz darauf hörten ihre Freunde sie keckern: "Der Herr Bürgermeister hält sein Mittagsschläfchen im Grünen, er ist heute sehr umweltbewusst!"


"Dodo", knurrte der Bauleiter, "bitte sei so gut und hilf dem Bürgermeister mal heraus!"


"I-ich, hi, hi, muss eingenickt sein und sozusagen versehentlich in die Dings-Pflanzen gefallen sein", ächzte der Bürgermeister und erhob sich stöhnend vom Boden. Er hielt sich den schmerzenden Hintern nach Landung und kurzem Flug aus den Büropflanzen bis zur Mitte des Raumes. "Außerdem ist es, gewissermaßen gut für das dings, äh, Kamel. Oder war es, öhm, das Karamel?"


"Das Karma, du Flachpfeife", fauchte der Bauleiter und stemmte seinen kleinen Pfoten in die viel zu breiten Hüften. "Und nun erkläre mal, wie du dir das vorstellst. Wer soll hier denn nun die Erste Hamstische Messe aufbauen, hä?"


"Öhm, tja, also diesbezüglich, mein lieber Baureiter, äh, Rauhseifer... ist die Organleiterin, äh, organisatorische Leiterin Puttchen Brammel zuständig sozusagen. Sie nimmt die, öhm, Einseifung, äh, gewissermaßen die Teilung vor. Äh, die Einteilung, um genau zu sein."


"Ich seif' dich auch gleich ein und teile dich, du Wahnsinniger! Seit wann kann hier jeder Amateur machen, was er oder was sie will?"


"Aber, aber, mein lieber Pfaureiter, äh, Baupfeifer", stotterte der Bürgermeister und wich einen Schritt zurück. "Wir sollten der jungen, aufstehenden, öhm, auftreibenden, äh, sozusagen aufstrebenden Dame doch ein faire Chance..."


"Es reicht! Dodo, der Herr Bürgermeister hat Blumenerde am Fell, bitte klopfe ihn mal ab!"


Während der Bürgermeister im nächsten Moment quer durch sein Büro flog, betrat die bereits erwähnte organisatorische Leiterin das Zimmer.


"Oh", rief sie erstaunt und breitete ihre kurzen Pfoten aus. "Der Herr Murxer, wenn ich mich recht erinnere...?"


"Murksel", knurrte der Angesprochene. "Und Sie sind diese Karma-Tante, ja?"


"Nun", entgegnete Puttchen und rückte ihre lilafarbene Schleife gerade, "Karma-Beraterin wäre wohl zutreffender, aber das sollten wir vielleicht einmal eingehend durchdiskutieren, Herr Murksel. Eine oder besser noch mehrer spirituelle Sitzungen könnten Ihr inneres seelisches Gleichgewicht und Ihre Karma-Energie....."


"Ich bin im Gleichgewicht und überhaupt, was verstehst du von Energie? Schon mal eine Reihenschaltung unter Hochspannung verdrahtet?"


"Reihenschaltung? Hochspannung?" erwiderte Puttchen erstaunt.


"Ja, beim Stromwerk", warf Tuffi ein. "Leider hat er aber den Strom zu früh wieder eingeschaltet, aber nach einer Felltransplantation und ein paar Wochen Krankenhaus sah der Herr Bauleiter fast wieder wie vorher aus und.,.."


"Tuffi!"


"Ja, Chef?"


"Noch ein Wort und ich mache eine oder besser noch mehrer spirituelle Sitzungen mit dir um dein inneres seelisches Gleichgewicht und deine verdammte Karma-Energie....."


"Aber Herr Murksel!" warf die organisatorische Leiterin und Karma-Beraterin ein. "Doch nicht solche Energie! Es geht um kreative Energie, lieber Bauleiter, zu lernen, das Innere zu reflektieren, Sie dürfen Ihre negative Energie nicht nach innen richten, richten Sie sie nach außen!


Einen Moment stand der Bauleiter unschlüssig da, doch dann nahm er Anlauf und ließ den Hibiskus mit einem gezielten Tritt an der Zimmerwand zerschellen. "Besser so?"


"Herr Murksel" rief Puttchen und rückte erneut ihre Schleife gerade. "Ich muss Sie bitten, sich bei der wehrlosen Pflanze zu entschuldigen, Sie haben ihr Karma durcheinander gebracht!"


"Auch ich, öhm, komme nicht drum herum dich zu tadeln", mischte sich nun der Bürgermeister ein. "Unser veganischer Freund könnte sich schwer verletzt haben und der Fortbestand des Universums könnte sozusagen gefedert, äh, gefährdet sein und, öhm..."


"Das war im letzten Buch, oder hast du das noch immer nicht gerafft, du Karma-Kamel?"


"Aber, aber, Herr Bauleiter", versuchte nun Puttchen zu beschwichtigen, nachdem sie ihre heruntergefallene Schleife fluchend aufgehoben hatte. "Der Herr Bürgermeister ist ein wenig überarbeitet..."


"Von der Gartenarbeit", grinste Goldi, "sein Schnarchen im Gemüse war nicht zu überhören."


„Die Karma-Beraterin wandte sich nun Goldi zu. "Nun, Pflanzen sorgen für ein seelisches Gleichgewicht. Man muss mit ihnen reden..."


"Mache ich auch immer", bestätige Goldi. "Jedes Mal, bevor ich sie in die Pfanne haue."


"Nun, äh, Goldi, es geht hier um dein spirituelles Wohlfühlen, nicht um Essen."


"Wenn ich nicht genug zu Essen kriege, fühle ich mich aber spirituell unwohl und mein Karma ist hungrig, und wenn ich dann nicht schnellstens einen Beefburger für mein seelisches Gleichgewicht kriege, reflektiert die negative Energie meinen Magen..."


"Du musst dich mit der negativen Energie deines Magen konfrontieren, Goldi, beeinflusse den Hunger mit verstärkter Energie deines Karmas."


Goldi nickte und sah Puttchen an. "Habe ich schon versucht. Nach einer Stunde hat mein Karma versagt und ich bin spirituell zusammengebrochen..."


"Wow", spottete Flecki, "eine ganze Stunde? Welch ein Superhamster!"


"Ha!" knurrte Goldi. "Immerhin breche ich nicht spirituell zusammen, wenn ich an einem blöden Modegeschäft vorbeikomme!"


"Was willst du damit sagen, du verfressener Fellträger?"


"Ruhe, Leute, oder ich rücke euer Karma gerade, ist das klar?" brüllte nun der Bauleiter, dem das ganze langsam, aber sicher auf die Nerven ging. "Was ist nun mit den Planungen und der Umsetzung der Ersten Hamstischen Messe?"


"Das, Herr Murksel, überlassen Sie ruhig mir", entgegnete Puttchen Brammel energisch. "Hamsterhausen wird ein spirituelles Ereignis erleben, wie es noch nie dagewesen ist, das Karma dieses Ereignisses wird die Stadt überfluten..."


"Bei mir überflutet auch gleich was! Kommt, Leute, wir gehen!"


"Diese Klamotten", fauchte Flecki als die Hamstertruppe sich wieder auf dem Rückweg befand, "einfach grässlich! Das geblümten Kleid ist so was von out. Die lilafarbene Schleife an ihrem linken Ohr ist viel zu groß und ihre roten Sandalen passen absolut nicht zum Kleid..."


"So eine Schleife hätte ich auch gerne für mein Karma", rief Dodo und nach einer Pause fügte er hinzu: "Und was machen wir jetzt?"

 

 

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