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Kapitel 03

Profi gesucht



"Du solltest das Plakat auffressen?" Flecki glaubte nicht, was sie soeben gehört hatte.


"Ja", bestätigte Dodo, "der Herr Bauleiter hat gesagt, wenn ich das nicht mache, dann macht er was - und zwar mich fertig."


"Hat’s denn wenigstens geschmeckt? Mit Ketchup wäre das doch genießbar, oder?”


"Für dich ist alles genießbar, wenn nur genug Ketchup drauf ist, Goldi!" fauchte Flecki.


"Ha, er ist eben ein echter Genießer, unser Goldi!"


"Emmi, wo kommst du denn her, und überhaupt, wo hast du gestern gesteckt?"


"Du weißt doch, Flecki, dass ich wirklich keine Lust auf Bürgermeisterreden habe. Ich hatte außerdem etwas Wichtigeres vor."


"Shoppen, wie?"


Emmi nickte. "Stimmt Goldi." Sie deutete auf die Trümmerteile, die auf dem Marktplatz herumlagen. "Hattet ihr eine nette Feier?"


"Hervorragend, sozusagen vorzüglich", grinste Tati, "sämtliche Ehrengäste liegen im Krankenhaus, und wir haben gleich ein 'Planungsgespräch' mit dem Bürgermeister."


"Wie man die restlichen Einwohner Hamsterhausens auch ins Krankenhaus bringt, ohne dass es auffällt, oder was?"


Fröhliches Hamsterkeckern erfüllte den Marktplatz, doch im nächsten Moment hatte der Spaß ein Ende.


"Habt ihr nichts zu tun, oder was? Der Bürgermeister wartet bestimmt schon."


"Rate mal, auf wen wir gewartet haben!"


Bauleiter Murksel schaute grimmig von einem zum anderen, doch alle blickten ihn nur mit unschuldiger Miene an. Wohl wissend, dass es keinen Zweck hatte, nach dem Urheber, oder besser gesagt, nach der Urheberin dieser Worte zu forschen, deutete er auf die Reste des zerschmetterten Plakats.


"Wieso ist das noch nicht beseitigt?"


"Ich war noch restlos satt vom Frühstück, Chef, aber bestimmt versuche ich es später noch mal."


Statt zu antworten, glotzte der Bauleiter Dodo nur an, schüttelte den Kopf und setzte sich in Bewegung. Die Hamstertruppe folgte ihm in Richtung Rathaus und schon von weitem war zu erkennen, dass dort etwas vorgefallen war. Mehrere Krankenwagen standen dort.


"Hatten wir heute schon etwas im Rathaus repariert?" fragte Murksel nachdenklich.


"Nö", entgegnete Finchen. Für einen Moment blieben alle stehen und sahen, dass mehrere Rettungshamster offenbar damit beschäftigt waren, Mitarbeiter des Rathauses zu behandeln. Der Bürgermeister stand daneben und unterhielt sich mit dem Einsatzleiter. Kurz darauf hatte die Reparaturtruppe das Rathaus erreicht und Murksel ging auf den Bürgermeister zu.


"Was'n hier los?"


"Öhm, ich bin sozusagen auch eben erst gekommen, und dieser Dings, äh, Fettungshamster, äh, Rettungshamster meint, dass meine armen Mitarbeiter auf der Treppe ausgelutscht, äh, -gerutscht sind, sozusagen geflutscht. Über die Hälfte dieser armen Hamster hat sich verfetzt, äh, verletzt."


"Ausgerutscht?" tönte es im Chor zurück.


"Ja, öhm, da war was auf der Dings, äh, Treppe..."


"Weiß man schon, was das war und wer das da hin getan hat?" fragte Sasie mit großen, neugierigen Augen.


Dem Bürgermeister wurde plötzlich recht heiß, doch er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen und grinste nur schräg.


"Ach, irgendjemand hat etwas Seife auf die Kufen, äh, Stufen gespuckt, äh gekippt. Keine Ahnung, wer so etwas macht, bestimmt irgendein Lötbann, äh, Blödmann."


In diesem Moment kam der Hausmeister vorbeigehumpelt, seine linke Pfote war mit einem leichten Verband verziert, und er verzog schmerzhaft sein Gesicht.


"Na, mein Guter", rief der Bürgermeister, "Sie haben ja Glück gehabt, wie? Na, dann können Sie sicherlich den Dings, äh, Fahrstuhl wieder einschalten."


"Maaaahlzeit zusammen", grölte der Hausmeister. "Nö, das wird wohl nix, Herr Bürgermeister. Ich muss erst einmal für 3 Wochen die Pfote ruhig halten, besser ist besser. Danach gehe ich auf Reha für 6 Wochen, dann muss ich zur Aufbaukur, und das dauert bestimmt auch 6 Wochen. Besser ist besser, wie? Tja, ich geh dann mal nach Hause, schönen Tag noch!"


Fröhlich pfeifend trollte sich der Hausmeister von dannen.


"Weichei", brummte Murksel, und die Reparaturhamster nickten zustimmend. "Den Fahrstuhl können

meine Leute auch reparieren, das ist 'ne Lachnummer!"


Dem Bürgermeister entging, dass bei dem Wort 'Lachnummer' einige Reparaturhamster verschreckt zusammenzuckten. Er war erleichtert, dass nun wenigstens die Aussicht bestand, bald wieder bequem mit dem Fahrstuhl fahren zu können. Er lächelte dankbar und zeigte auf die Krankenwagen.


"Öhm, tja, ich muss noch mit den Polidings, äh, Polizeihamstern sprechen, wegen der Versicherung, dieser kranken, äh, sozusagen versicherten Kranken, äh, Krankenversicherung."


"Vielleicht war das ein Attentat?" keuchte Finchen und blickte ihre Freundin Flecki entsetzt an. "Vielleicht will jemand den Bürgermeister umbringen?"


"Ja, wirklich", rief Teeblättchen, während er sich vor Lachen bog, "wer sollte denn so etwas machen wollen?"


"Genau", keckerte Tati, "niemand natürlich. Abgesehen von halb Hamsterhausen..."


Der Bürgermeister grunzte verstimmt. "Natürlich hat ein Dings in meiner Position nicht nur Freunde..."

Nun bogen sich alle Hamster vor Lachen, ausgenommen Murksel, der ein Stück abseits stand und angestrengt den Abtransport einiger Verletzter verfolgte. "... sozusagen auch Feinde, die einem nach der Leber treten, öh, nach dem Leben trachten, gewissermaßen in feindlicher Absicht..."


"’tschuldigung, darf ich mal durch, ich habe mein Pausenbrot auf der Treppe liegengelassen!"


Der Hausmeister war zurückgekehrt und humpelte zwischen den Reparaturhamstern hindurch.

Der Bürgermeister blickte dem Störenfried verärgert hinterher und fuhr fort.


"Wie ich schon vertönte, äh, erwähnte, muss ich gleich mit dieser aufgeblasenen Mistgu..., ähä, mit dem Herrn Oberhamsterpolizei sprechen. Danach, äh, habe ich noch ein sehr, sehr, sehr wichtiges, sozusagen äußerst geheimes Vorhaben vor.."


"Das Sie uns nachher in allen Einzelheiten schildern werden?" fragte Goldi mit treuherzigem Augenaufschlag.


"Nun, da kann ich zum diesem Dings, äh, Zeitpunkt..."


Ein lauter, gellender Schrei unterbrach seinen Redefluss. Alle blickten zum Eingang des Rathauses, von dem her der Schrei gekommen war. Vorsichtig näherte sich die Truppe und erkannte den Hausmeister, der jammernd auf den untersten Stufen des Eingangs lag. Neben ihm befand sich die Dose mit dem Pausenbrot, und um ihn herum scharten sich m nächsten Moment die Rettungshamster. Es dauerte nicht lange, und der Hausmeister wurde in einem der verbliebenen Krankenwagen befördert und später unter Blaulicht und Sirenengeheul abtransportiert.


"Was 'n mit dem passiert?" fragte Murksel neugierig einen herumstehenden Rettungshamster.


"Tja, er ist über eine Trage gestolpert, der Idiot. Der hätte mal gleich nach Hause gehen sollen, statt hier herumzugeistern. Erst hatte er nur eine leichte Verstauchung, nun hat’s ihn richtig erwischt. Das bedeutet für 3 Wochen die Pfote ruhig halten, besser ist besser. Danach auf Reha für 6 Wochen, dann zur Aufbaukur, und das dauert bestimmt auch 6 Wochen. Ganz schön blöd, wenn Sie mich fragen. Mit seiner Verstauchung hätte er nämlich morgen wieder arbeiten können."


"Haben wir denn jetzt frei, Herr Bürgermeister?"


Der Angesprochene schaute Tuffi verwirrt an, dann wanderte sein Blick fragend zum Bauleiter. Der zuckte mit den Schultern und sprach: "Hängt davon ab, wann dieses geheime Vorhaben... Äh, was war das noch, Herr Bürgermeister?"


"Ein Teledings, äh -fonat, öhm wegen dieses Profis, den der Oberamtspurzel haben will..."


Der Bürgermeister biss sich auf die Zunge.


"Profi? Was für ein Profi?" rief Flecki empört. "Soll das heißen, dieser Mistvogel traut uns nichts zu? Soll das heißen, dass wir unfähige, durchgeknallte Schwachköpfe sind?" Sie drehte sich wütend zu ihren Kollegen um, als ihr Blick auf Dodo fiel, der gerade am Plakat knabberte, und fügte leise seufzend hinzu:

"Na ja, einige schon - aber nicht alle!"


"Öhm, ja, das heißt nein, also - wie auch immer, ich, öhm, denke sozusagen, wir treffen uns nachher. In zwei Stunden?"


"Für zwei Stunden lohnt es sich nicht, mit Aufräumarbeiten anzufangen", überlegte Murksel. "Wir sollten so lange etwas essen gehen, was haltet ihr davon?"


"Och, ich bin aber nicht mehr hungrig", rief Dodo enttäuscht und wischte sich ein Stück Pappe vom Mund.


"Aber ich", rief Emmi.


"Und ich erst!" rief Goldi.


"Äh, ja, bis später dann", rief der Bürgermeister, "und bitte dran dingsen: Diese Informationen sind sozusagen strengstens geheim."


"Geht klar", rief die Hamstertruppe im Chor, während der Bürgermeister sich umdrehte und Richtung Rathaus wackelte. Nach wenigen Minuten war er außer Hörweite.


"Mensch", rief Finchen aufgeregt, "ich kann kaum erwarten, das meinen Eltern und meinen Brüdern Toni und Luca zu erzählen..."


"Und ich muss das unbedingt meinen Schwestern Ava und Dari erzählen, und meinen Klassenkameraden, und...."


"Streng geheim, wie?" fauchte Murksel. "Wie wäre es, wir schreiben das auf das Plakat, damit das alle mitkriegen?"


"Welches Plakat, Herr Bauleiter?" fragte Dodo. "Hier ist kein Plakat mehr..."


Während der Bürgermeister und der oberste Polizeihamster im Zimmer des Bürgermeister über den heutigen Vorfall diskutierten, machte sich die Reparaturtruppe auf den Weg zu einem Restaurant.


"Wohin gehen wir?" fragte Hamstilidamst und rieb sich den Bauch in Erwartung eines leckeren Essens.


"Irgend etwas Schnelles", brummte der Bauleiter. "Ich für meinen Teil gehe immer ins 'Husch-Husch', das ist schnell und preiswert."


"Sieht man", fauchte Flecki.


"Ich sage nur: Wampe!" warf Emmi mit einem empörten Blick auf den recht umfangreichen Bauch des Bauleiters ein.


"Kann man im 'Wampe' denn auch gut essen?" fragte Dodo treuherzig.


"Billiges Fastfood, total ungesund!" knurrte Dasie.


"Außerdem ist das 'Husch-Husch' nicht gerade das, was man 'in' nennt", gab Sasie zu bedenken.


"Ach ja?" Bauleiter Murksel hatte die kleinen Pfoten in die großen Hüften gestemmt und stand nun kampflustig da. "Und was, bitteschön, ist nach euer Meinung 'in'?"


"Ganz klar", erklärte Flecki, "natürlich 'Die Kalorienbombe'. Individuelle Bedienung, kultivierte Speisen, gehobener Service, angenehmes Ambiente..."


"Und essen kann man da auch", fügte Goldi hinzu, während er sich in Erwartung eines leckeren Essen bereits die Pfoten rieb.


"Also, ich bin für 'Die Kalorienbombe', flüsterte Finchen.


"Ich aber nicht", knurrte der Bauleiter. "Und Tuffi auch nicht, wir waren nämlich schon einmal dort. Also?"


"Abstimmung!" schlug Hamstilidamst vor.


Nach wenigen Minuten war die Auszählung der Stimmen beendet. Es wurden 12 Stimmen abgegeben, und im einzelnen entfielen auf:


- 'Die Kalorienbombe' 10 Stimmen, auf das

- 'Husch-Husch' - 1 Stimme und auf

- 'Die Wampe' - 1 Stimme. "


Mit sichtlich verärgerter Stimme knurrte Bauleiter Murksel: "Danke, Tuffi, bei der Vergabe der nächsten Sonderarbeiten - und die werden kommen - denke ich gerne an dich. Welcher Hirntote hat eigentlich für 'Wampe' gestimmt?"


Bis auf Dodo und den Bauleiter pfiffen alle Hamster fröhlich vor sich hin, denn der Weg war nicht mehr weit und das Futter nicht mehr fern. Zudem war es noch recht früh am Tage, so dass es kein Problem werden würde, einen guten Platz in dem beliebten Restaurant zu finden.


Zur selben Zeit trug der Bürgermeister in seinem Büro einen schweren Kampf aus. Einen Kampf mit sich selber, denn es ging um die Verantwortung für Hamsterhausen im Allgemeinen und insbesondere um sein Fell.


"Sie müssen einen Profi finden, der die Hamstische Messe organisiert!"


Die Worte des Leiters des Bauamtes klangen ihm noch immer in den Ohren. Wo, um alles in der Welt, sollte er einen Profi in Hamsterhausen finden? Noch dazu einen, den der verdammte Oberamtsleiter als Profi akzeptieren würde? Er begann, in seinen Schubladen herumzuwühlen, um wenigstens auf ein paar andere Gedanken zu kommen. Immerhin fand er das Frühstück wieder, dass er vor einigen Wochen vermisst hatte. Vorsichtig biss er in die Brotscheibe, spuckte sie aber gleich darauf wieder aus. Hart und ungenießbar. Dann fiel sein Blick auf den Stapel mit den Bewerbungsunterlagen verschiedener Praktikanten. Er nahm den Stapel in die Pfoten und blätterte ein wenig, in der Hoffnung, vielleicht doch einen geeigneten Kandidaten zu finden. Ja, ich bin genial, dachte der Bürgermeister, warum in die Schweife fernen, wenn doch die Lösung so nahe liegt?


Er nahm wahllos eines der Bewerbungsschreiben in die Pfote, und seine Glubschaugen weiteten sich, als er las, was ein gewisser 'Fibbes aus Hamsterqualle' geschrieben hatte:


‘Ich will mich bewerben.
Ich brauche einen separaten Arbeitsplatz, und ich hoffe auf einen eigenen Computer mit Brenner, um auch Daten mit nach Hause nehmen zu können. Vergessen Sie auch bitte nicht die schnelle Flatrate fürs Musik-Runterladen, MP3s und so.

Kommen wir aber zu meinem Gehalt...’

Angewidert warf der Bürgermeister das Schreiben beiseite und wandte sich dem zu, das eine gewisse 'Lisa aus Hamsterhusen' geschrieben hatte:


‘Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich will 'ne Praktikantenstelle!
Meine Mama sagt immer, ich soll das im Rathaus versuchen, weil ich später dann da arbeiten und viel Geld fürs Nichtstun kriegen kann...’


Auch dieses Schreiben flog dorthin, wo das erste gelandet war. Dann las er, was 'Kalli aus Hamsteriran' mitzuteilen hatte:


‘Tach auch!

Ich brauche dringend Kohle und bin bereit, sofort anzufangen. Womit ist egal, Hauptsache, ich kriege Kohle, denn wenn ich nicht bald Kohle kriege, fange ich wieder an zu klauen und muss in den Knast zurück...’


Das klang nicht nach der Art von Profi, den der Bürgermeister dringend benötigte. Er seufzte tief und nahm sich das nächste Schreiben vor. Ein Fräulein Brammel aus Hamsterhügel teilte ihm mit:


‘Lieber Onkel!

Sicherlich erinnerst du dich noch daran, dass du mir vor langer Zeit versprochen hast, mir einen Job zu besorgen.’ – Puttchen! Dem Bürgermeister stellten sich die Nackenhaare hoch. Seine Nichte Puttchen! Wie konnte er das vergessen? Mit zitternden Pfoten las er weiter: ‘Meine Malerei habe ich leider aufgegeben und mich fernöstlicher Meditation hingegeben, aber dann musste ich in ein kleinere Wohnung ziehen, weil ich nicht mehr genug Geld hatte. Dann habe ich mit dem Studium der 'sozialpädagogischen Kommunikation' begonnen. Ach, wie gerne wäre ich Journalistin geworden, aber das 'Hamstische Tagesblatt' hat mich nicht genommen. Kurz darauf habe ich ein neues Studium angefangen und zwar 'Projektmanagement im Haushalt', das ich jedoch abgebrochen hatte, weil das 'Hamstische Tagesblatt' doch ein Stelle für mich frei hatte. Leider nur als Putzkraft mit einem befristeten Vertrag, so dass ich jetzt jederzeit etwas Anderes anfangen könnte.’


"Bin ich hier 'ne Vermittlungsstelle für aussichtlose Fälle, oder was?" schnaufte der Bürgermeister und warf das Schreiben beiseite. In diesem Moment klingelte sein Telefon, und seine Sekretärin meldete sich.


"Fräulein Fusch-, äh, Pinki, ich bin beschäftigt! Jetzt nicht!"


"Ich weiß, Herr Bürgermeister - aber es ist Frau Brammel, Ihre Schwägerin! Sie hat gesagt, wenn Sie nicht mit ihr sprechen, kommt sie persönlich vorbei und reißt Ihnen das Fell auf. Das hat sie so gesagt!"


Der Bürgermeister erstarrte. Oje, Fellina wollte etwas von ihm, und er ahnte schon, was es war.


"Öhm, ja, ich, äh.... stellen Sie bitte durch!"


Es knackte kurz in der Leitung.


"Heinz-Georg, ich frage es nur einmal, und ich akzeptiere keine Ausreden! Hast du das Bewerbungsschreiben von Puttchen gelesen?" brüllte es aus der Telefonleitung.


"Ähä". Der Bürgermeister räusperte sich umständlich. "Na klar, liebste Fell-Tina, äh, Fellina, tanürlich, äh, lalürnich, äh, natürlich! Gerade eben sozusagen habe ich mich noch einmal mit dem Fell, äh, Fall..."


"Rede nicht herum, Heinz-Georg, ich kenne dich!" brüllte es erneut aus dem Hörer. "Hast du nun einen Job für meine Tochter, oder muss ich mal eben bei dir vorbeikommen und dir mal kräftig das Fell bügeln?"


"Sie kriegt einen Dings, äh, Job", keuchte der Bürgermeister.


"Aber nicht so einen Hiwi-Hilfshamster-Job, ja? Sie ist nämlich etwas Besseres, mehr ein Führungshamster. Ist dir das klar, Heinz-Georg, oder muss ich das etwas ausführlicher erklären?"


"Völlig klar", japste der Bürgermeister, "völlig klar."


Es knackte erneut kurz und energisch in der Leitung, dann war das unangenehme Gespräch beendet. Der Bürgermeister tippte mit seiner Pfote auf dem Schreibtisch herum und atmete tief durch. Er überlegte angestrengt, ohne jedoch auch nur die geringste Idee zu haben, was zu tun sei. Gerade, als ihm die Zusammenhänge ein wenig klarer wurden, klingelte erneut das Telefon und wieder meldete sich seine Sekretärin.


"Herr Bürgermeister, der Herr Oberamtsleiter möchte Sie sprechen!"


"Öhm, braucht er auch einen Dings, äh, Job?"


Fräulein Pinki atmete tief durch, dann antwortete sie mit ruhiger Stimme:


"Eher nicht, Herr Bürgermeister. Es geht um das Messe-Projekt. Er will wissen, ob Sie schon eine Entscheidung gefällt haben."


Es knackte in der Leitung und der Oberamtsleiter meldete sich, während auf der anderen Seite der Bürgermeister in sich zusammensackte.


"Ich hatte eigentlich Ihren Rückruf erwartet, Bürgermeister!"


"Öhm, ja, der, hä, hä, Rückruf, ja, wo ist er denn?" stammelte der Bürgermeister und versuchte, cool zu wirken. Sein Hirn arbeitete verzweifelt, und ihm war klar, dass dieses Gespräch nicht nur für Hamsterhausen, sondern auch für ihn und seinen erbärmlichen Job entscheidend war. Welch eine Blamage, wenn die 'Erste Hamstische Messe' ausfallen würde, weil er, der Bürgermeister nicht fähig wäre, die Dinge zu organisieren.


"Und? Haben Sie einen Profi" ertönte es aus dem Telefonhörer.


Der Bürgermeister starrte vor sich hin, sein Blick fiel auf ein Blatt Papier, 'Projektmanagement im Haushalt' tanzte dort in Buchstabenform vor seinen Augen. Projektmanagement! Das war es!


"Projektmanagement ist eine Dingsvoraussetzung für einen Profi, sozusagen", keuchte der Bürgermeister.


"Sicher", entgegnete der Oberamtsleiter, " und Geschick im Umgang mit der Presse..."


Erneut fiel der Blick des Bürgermeisters auf das Blatt Papier. 'Hamstisches Tagesblatt', 'Journalistin' las er dort und hauchte ins Telefon:


"Ja, war bei der Presse..."


Für einen Moment schien die Leitung tot zu sein, dann war wieder die Stimme des Oberamtsleiters zu vernehmen, diesmal jedoch war jeglicher Spott aus seinen Worten verschwunden.


"Sie haben jemanden? Sie haben einen Profi gefunden, der Hamsterhausen aus dem Dilemma heraushelfen kann? Einen echten Profi? Sie wissen, Herr Bürgermeister, er muss auch überzeugend sein und geschickt reden können!"


Wieder starrte der Bürgermeister auf das vor ihm liegenden Stück Papier. 'Studium der sozialpädagogischen Kommunikation' tanzte da vor seinen Augen.


"Sozusagen ein studierter Kommunikator, Herr Oberamtsleuchter, äh, -leiter."


"Ein was?"


"Öhm, hat Kommunen, äh, Kommunikation studiert."


Schweigen. Dann war die jubelnde Stimme des Oberamtsleiters zu hören:


"Ausgezeichnet, sehr schön. Wann werden Sie mir diesen Herrn Profi vorstellen?"


"Nun, äh", kam die gedehnte Antwort, "demnächst. Es ist gewissermaßen eine Dings, äh, Dame. Eine Profi-Dame aus Hamsterhügel."


Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch keiner aus der Reparaturtruppe, dass sie demnächst unter einem neuen Oberkommando stehen würden. Am allerwenigsten Bauleiter Murksel, der gemeinsam mit seiner Truppe im gut gefüllten Restaurant 'Die Kalorienbombe' saß und darauf wartete, seine Bestellung abgeben zu können.


"Gibt das hier auch 'ne Bedienung, oder was?” knurrte er nach einer Weile.


"Das ist eben das Schicke an diesem Restaurant", rief Dasie, "hier trifft sich eben jeder!"


"Es ist voll 'in'", bestätigte Flecki, "da wartet man doch gerne ein wenig, wenn man dazu gehören möchte."


"Meinem Magen ist das aber so was von egal! Der will nicht 'in' sein, der will voll sein!" brüllte der

Bauleiter.


Im nächsten Moment jedoch weiteten sich seine Augen, als er die Worte "Hach, wie ordinär!" vernahm. Er drehte sich langsam zum Nachbartisch um. Drei modisch gekleidete Hamstermädchen saßen dort und zeigten gerade einander ihre neuen Handys. Dem Bauleiter stieg sofort der aufdringliche Geruch von Parfum in die Nase.


"Haben die Damen ein Problem, bei dem ich behilflich sein kann?"


Statt einer Antwort kam nur verlegenes Gekicher, und so wandte sich Murksel wieder seiner Reparaturtruppe zu.


"Das war nicht nett..." kam Tuffis Kommentar.


"Nicht nett?" brüllte es zurück. "Ich lass mich doch nicht von irgendwelchen aufgedonnerten Schnepfen anlabern, es reicht schon, wenn man hier nichts zu essen...."



"Haben die Herrschaften schon gewählt?" flötete es in diesem Moment von der Seite.


"Ich hätte gerne den Salat Nummer 3!" riefen Flecki, Finchen und Tuffi im Chor.


Es dauerte ein paar Minuten bis alle Mitglieder des Reparaturteams ihre Entscheidung gefällt hatten, und der Kellner mit den aufgenommenen Bestellungen verschwunden war.


"Was ist eigentlich, wenn der Bürgermeister keinen Profi findet?" wollte Emmi wissen.


"Dann war’s das mit der Messe und wir haben unsere Ruhe", grinste Goldi, während er ungeduldig in der Speisekarte blätterte.


"Das wäre aber verflucht schlecht für Hamsterhausens Image", spottete Teeblättchen.


"Das wäre eine Katastrophe, Leute", fauchte Bauleiter Murksel und warf einen wütenden Blick auf Tati und Teeblättchen, die sich vor Lachen bogen. "Ihr habt ja keine Ahnung, wie sehr wir dann zum Gespött von allen umliegenden Hamsterländern würden. Nein, ich sage euch: Egal wie, aber wir brauchen jemanden. Notfalls verkleide ich mich und stelle mich als Profi vor."


"Meinst du nicht, Chef, das würde ganz schnell auffliegen?"


"Quatsch, Tuffi, ich verkleide mich so, dass mich keiner erkennt."


"Tuffi meint ja wohl eher, dass man dich an deinem Arbeitsstil erkennen wird", lachte Emmi und spürte sofort den scharfen Blick des Bauleiters auf ihr, der nun grübelte, wie er diese Bemerkung zu verstehen habe.


"Ich sage euch mal eines, Kinder..."


"Das Essen, meine Herrschaften", unterbrach der Kellner den Bauleiter und stellte ein paar Salate auf den Tisch.


"Ich habe kein Grünfutter bestellt!" fauchte Murksel.


"Geduld, mein Herr", kam es höflich zurück, "Ihr Monsterburger ist noch in Arbeit!" Mit diesen Worten verschwand der Kellner durch eine Seitentür und kehrte nach kurzer Zeit mit Tellern beladen zurück. "Wer hatte gegrillten Kürbis?"


"Ich nehm’s! Ich nehm’s!"


Mit einem Kopfnicken stellte er den gerillten Kürbis vor Dodo, dem vor Gier und Appetit fast die Augen herausfielen und verteilte die restlichen Teller.


"He, wo bleibt mein..."


"Ihr Monsterburger ist noch in Arbeit!"


Grimmig schaute der Bauleiter seinem Reparaturteam zu, wie es sich genüsslich über das Essen hermachte. Während es sich alle gut schmecken ließen, stocherte Goldi ins einem Essen herum.


"Herr Ober, da sind ja Gurkenscheiben dran!"


Der Kellner zuckte mit den Schultern. "Zu gegrillten Kürbis reichen wir immer Salat."


"Wieso magst du keine Gurke?" fauchte Flecki. "Du haust doch sonst immer jeden Abend eine ganze Gurke weg!"


"Ja, ganze Gurken mag ich auch, aber keine in Scheiben."


"Äh, was machen wir denn nun mit Ihrem Essen?"


"Ich nehm’s! Ich nehm’s!"


Goldi schob den Teller zu Dodo rüber und schaute den Kellner an: "Bitte gegrillten Kürbis ohne diese Gurkenscheiben!"


Der Kellner nickte und wollte verschwinden, als er vom Bauleiter festgehalten wurde.


"He, wo bleibt mein..."


"Ihr Monsterburger ist noch in Arbeit!"


Der Kellner verschwand und kehrte nach wenigen Minuten zurück.


"Bitte sehr, der Herr, Ihr gegrillter Kürbis ohne Gurkenscheiben!"


Er drehte sich kurz zu Murksel um, sagte freundlich "Ihr Monsterburger ist noch in Arbeit!" und wollte verschwinden, als er von Goldi festgehalten wurde.


"Da ist eine Tomatenscheibe in meinem Essen. Ich mag keine Tomatenscheiben!"


"Nun hör mal zu, Goldi", fauchte Flecki erneut, "du haust doch täglich jede Menge Ketschup weg und da sind auch Tomaten drin. Was ist denn an dieser Tomatenscheibe verkehrt?"


"Es ist eine Tomatenscheibe, und Tomatenscheiben mag ich nicht!"


"Entschuldigung", meldete sich der Kellner, "was machen wir denn nun mit ihrem Essen?"


"Ich nehm’s! Ich nehm’s!"


Erneut schob Goldi seinen Teller zu Dodo rüber und schaute den Kellner an: "Bitte gegrillten Kürbis ohne Tomatenscheiben!"


"In Ordnung", bestätigte der Kellner, "und ohne Gurkenscheiben."


"Verdammt, wo bleibt mein..."


"Ihr Monsterburger ist noch in Arbeit!" stöhnte der Kellner. "Kann aber nicht mehr lange dauern."


In erstaunlich kurzer Zeit erschien der inzwischen schwer atmende Kellner wieder und stellte vor Goldi und vor Murksel einen Teller Salat hin.


"Mit den besten Empfehlungen des Hauses!"


"Die haben hier echt Stil", rief Flecki, "in keinem anderen Restaurant..."


"Ich mag keinen Salat!"


"Und was soll ich mit Karnickelfutter?"


Der Kellner blickte ratlos erst auf Goldi und danach auf Bauleiter Murksel. Dann keuchte er: "Es ist doch nur eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses, meine Herren?"


"Ich will keinen Salat, ich will gegrillten Kürbis ohne Tomatenscheiben und ohne Gurken in Scheiben!"


"Und ich will meinen Monsterburger!"


"Und was soll ich jetzt mit dem Salat machen?" winselte der Kellner.


"Ich nehm’s! Ich nehm’s!" tönte es aus dem Hintergrund.


Während am Tische der Reparaturhamster peinlich-berührtes Schweigen herrschte, näherte sich erneut der sichtlich angeschlagene Kellner. Mit zitternden Pfoten stellte einen Teller vor Goldi und einen Teller vor den Bauleiter.


"Bitte sehr", krächzte er, "einmal gegrillten Kürbis ohne Tomatenscheiben und ohne Gurken in Scheiben und einmal den Monsterburger. Guten Appetit!" Dann machte er, dass er fort kam. Weit jedoch war er noch nicht gekommen, als er hinter sich die Stimme Goldis hörte:


"Ist das Rote auf dem Teller etwa Paprika?"


"Ich nehm’s! Ich nehm’s!"


Während Dodo sich die nächste Portion hinter die Hamsterbacken stopfte, kroch der sichtlich genervte Kellner fort, um Goldi eine neue Portion gegrillten Kürbis zu holen. Bis auf den Bauleiter, der es sich hörbar schmecken ließ, hatte alle anderen bereits ihre Mahlzeit beendet. Dennoch herrschte weiterhin peinliches Schweigen, als der Kellner mit völlig versteinerter Mine erschien.


"Bitte, der Herr. Ihr gegrillter Kürbis ohne Tomatenscheiben, ohne Gurken in Scheiben und ohne Mini-Paprika!"


Dann schlich er leise schluchzend mit gesenktem Kopf von dannen. Weit kam er jedoch nicht, denn hinter ihm ertönte die nachdenkliche Stimme Goldis:


"Wenn ich es mir recht überlege, mag ich eigentlich gar keinen Kürbis..."