Beitragsseiten

 

Kapitel 02

Noch dümmer gelaufen



Es dauerte nicht lange, und der Bürgermeister schreckte aus seinem lange ersehntes Nickerchen hoch. Das Knallen einer Tür hatte ihn geweckt. Er blinzelte vorsichtig und erkannte Bauleiter Murksel, der soeben ohne zu klopfen sein Büro betreten hatte.


"Was fr..., äh, was ist?"


"Nix", entgegnete Murksel. "Wo ist mein Reparaturteam?"


"Öhm, wegen wichtiger, äh, Termiten, äh, Termine, treffen wir uns morgen um 10.00 Uhr wieder hier in meinem Büro, um die weitere Vergehens-, äh, Vorgehenslage zu bedingsen..."


"Schön, wirklich sehr schön, vielen Dank", knurrte Murksel und schaute aus dem Fenster. "Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass ich auch nur einen von denen wieder an die Arbeit zurück kriege. Wenn die was von 'machen wir morgen' hören, sind die nämlich spurlos verschwunden."


Während der Bürgermeister schuldbewusst schluckte, deutete der Bauleiter auf einen Punkt in der Ferne und sprach: "Immerhin ist einer noch am aufräumen, und den werde ich jetzt mal ein wenig kontrollieren."

In Erwartung eines baldigen Verschwindens dieser Störung und der Hoffnung auf eine Fortsetzung seiner Ruhepause nickte der Bürgermeister. "Das riecht hier wie im Rennmauskäfig, ich mache mal das Fenster auf, Herr Bürgermeister!"


Als Bestätigung kam ein erneutes Nicken. Im nächsten Moment war der Bauleiter verschwunden; der Bürgermeister atmete tief ein und setzte seinen Büroschlaf fort. Weit weg trieb ihn sein Traum, weit zurück in die eigene Schulzeit.


"Ich habe das Fenster aufgemacht, Frau Lehrerin, darf ich jetzt meinen Vortrag halten?"


Die Philosophielehrerin nickte. "Komme bitte nach vorne, Heinz-Georg, damit dich alle Schüler gut verstehen!"


"Selbst versemmelt, äh, selbstverständlich, liebe Frau Lehrerin!"


Das allgemeine Kichern hielt nur eine kurze Zeit an, und schon nach 5 Minuten hatte gähnende Langeweile sowohl Schüler als auch Lehrerin erfasst, während der kleine Heinz-Georg das tat, was er am besten konnte: lange Vorträge halten.


"Frau Lehrerin, wie war das?"


Frau Fuschnisch schreckte hoch. Wieder einmal war sie eingenickt, und wieder einmal hatte sie nur den Anfang des Vortrages über das "Wieso und Warum - über den Sinn der Philosophie" mitbekommen. So unauffällig wie möglich schaute sie auf ihre Uhr und stellte erschrocken fest, dass seit Beginn des Vortrages ihres kleinen Musterschülers eine halbe Stunde vergangen war.


"Äh, sehr gut. Hat noch jemand Fragen zu dem Vortrag, oder hat jemand etwas nicht verstanden?" wandte sie sich an die Klasse und verfluchte zugleich ihre eigene Unachtsamkeit. Natürlich würden gewisse Schüler noch Fragen haben und zwar genau die, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatten. Wie erwartet meldete sich sofort Friedbert.


Philosophielehrerin Fuschnisch nickte ihm zu, obwohl sie Friedbert Murksel lieber den schmutzigen Hals umgedreht hätte. Es war klar, dass nun der Unterricht solange verzögert werden würde, bis die Pausenglocke ertönte und die Kontrolle der Hausaufgaben für heute geknickt werden konnte.


"Und wofür, du Uhu, kann man so was brauchen?"


"Friedbert, würdest du bitte Heinz-Georg mit seinem Vornamen anreden?"


"Gut", kam es geknurrt zurück, "also, Heinz-Georg, du Uhu, wozu braucht man diesen Mist?"


Während Frau Fuschnisch lautlos an ihrem Pult in sich zusammensackte, folgte nun eine langatmige Erklärung, die immer wieder von Zwischenrufen ein und desselben Schülers begleitet wurde.


"Hohlmöhre, ich mach dich platt - bleib stehen, du Flasche! Nennst du das aufräumen? Ich werde dir zeigen, was aufräumen bedeutet, jetzt räume ich mal mit dir auf!"


Im dritten Stock des Rauhauses schreckte der Bürgermeister an seinem Schreibtisch hoch. Wo war seine Lehrerin? Langsam wurde ihm klar, dass er nur geträumt hatte, zumindest befand er sich nicht mehr im Philosophieunterricht. Etwas aber war kein Traum gewesen und tatsächlich, da war es wieder!


"Bleib stehen und schau mir ins Gesicht, wenn ich mit dir spreche! Ich krieg' dich, und wenn du bis ans Ende von Hamsterhausen läufst!"


Langsam, ganz langsam erhob sich der Bürgermeister und schleppte seinen müden Körper ans Fenster. Der Schuttberg auf dem Marktplatz lag noch immer friedlich dort, wo er bisher gelegen hatte. Dodo war zu erkennen, dicht gefolgt vom Bauleiter. Beide rannten wieder und wieder um den Schutthügel herum. Dann weiteten sich die Augen des Bürgermeisters und er zwang sich, seinen Blick auf das große Plakat zu richten. Offenbar hatte Dodo es wieder aufgerichtet, und unter der Überschrift 'Hamstische Messe' standen nun die Worte 'Wir sind die allerdämlichste Reparaturtruppe der Welt', und darunter stand in leuchtend weißer Schrift: 'Leitung Bauleiter Murksel'.


Mit einem leisen Seufzer schloss der Bürgermeister das Fenster, und die Hilfeschreie Dodos verschwanden. Dann setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch, legte den Kopf auf die Tischplatte und schloss die Augen. Es dauerte nicht lange, bis die nächste Störung auftrat und es an der Tür klopfte.


"Raaah", fauchte der Bürgermeister und blinzelte mit einem Auge. Es klopfte erneut. "Dings, öhm, herein", grunzte der Bürgermeister und richtete sich auf. Sein Blick fiel auf die Tischlampe, die nach wie vor zerschmettert in der Ecke des Raumes lag, dann glitt sein Blick abwartend zur Tür. Langsam öffnete sie sich, und das Gesicht seiner Sekretärin erschien.


"Herr Bürgermeister, sie haben in 30 Minuten einen Termin mit dem Leiter des Bauamtes..."


"Öhm, ja, sehr schön, liebe Frau Fuschnisch, sagen Sie mir dann Bescheid. Ich meine natürlich, wenn er, äh, da ist, denn wenn er nicht da ist..."


"Kann ich ihn natürlich auch noch nicht anmelden, völlig klar, Herr Bürgermeister", entgegnete die Sekretärin ein wenig verdutzt, denn mit dem Namen Fuschnisch konnte sie überhaupt nichts anfangen und war sich auch nicht bewusst, so zu heißen "Ich sage Ihnen also Bescheid, wenn er da ist." Sie warf einen Blick auf die zerschmetterte Tischlanpe. "War der Herr Bauleiter zu Besuch? Nun ja, zurzeit scheint er ja auf dem Markplatz mit seinem Mitarbeiter zu spielen."


Noch 30 Minuten, oder zumindest 25 Minuten, bis diese Flachpfeife kommt, dachte Bürgermeister Heinz-Georg und gähnte herzhaft, nachdem die Sekretärin den Raum verlassen hatte. Immerhin wäre noch Zeit für ein kleines Nickerchen, und das wäre schon mal besser als gar nichts. Er warf einen Blick durch das geschlossene Fenster, denn auf dem Marktplatz war es unterdessen ungewöhnlich ruhig geworden. Mit einem Hechtsprung war es Murksel gelungen, den winselnden Dodo am Fell zu packen und festzuhalten. Zu mehr langte es aber nicht, denn nun lagen beide am Boden und waren am Rande der totalen Erschöpfung. Die lange Verfolgungsjagd hatte beiden alles abverlangt. Beruhigt trabte der Bürgermeister zu seinem Sessel zurück, gähnte erneut laut und herzhaft und legte seinen Kopf erneut auf den Schreibtisch.


Kaum hatte er jedoch die Augen geschlossen und glitt in das Land der Träume ab, als es wieder an der Tür klopfte, dieses Mal recht kräftig.


"Ja?" krähte der Bürgermeister gequält und hob seinen Kopf vom Schreibtisch.


Die Tür flog auf.


"Maaaahlzeit, alles klar? Nun geht das voll ab, Herr Bürgermeister, wo ist die Lampe?"


"Lampe? Wie, Lampe?"


"Hier soll eine Lampe kaputt sein, Herr Bürgermeister - vermutlich eine TF22-G!"


"Öhm, nein, nur eine alte Tischlampe. Wer sind Sie und was wollen Sie?"


"Der Hausmeister - Sie wissen schon, Herr Bürgermeister, der gute Geist, der unermüdliche Hauself, allzeit breit, äh, bereit ist mein Motto..."


"Schön, schön", knurrte der Bürgermeister, "und wo war dieser Dings, äh, breite Hauself letzte Woche, als mein Klo verstopft war?"


"Urlaub, Herr Bürgermeister!"


"Und die Woche davor, als das Fenster sich nicht mehr schließen ließ?"


"Da hatte ich frei!"


"Und die Woche davor, als der Wasserhahn den ganzen Tag tropfte, und ich nicht schlafen, äh, arbeiten konnte?"


"Sonderurlaub, ich habe zu Hause renoviert!"


"Und letzten Monat?" krähte der Bürgermeister. "Als die Heizung ausgefallen war?"


"Da war ich krank! Sie wissen schon, dieses kalte Wetter..."


"Und den Dingsmonat davor? Als der Fahrstuhl kaputt war und ich nicht zur Arbeit konnte?"


"Auf einem Seminar der Hamstischen Fortbildungs-Gesellschaft. Drei Wochen, Herr Bürgermeister! Von morgens bis abends habe ich den Kursus 'Origami leicht gemacht' besucht!"


"Origami?" keuchte der Bürgermeister fassunglos.


"Genau so isses - Origami! Das muss man Papier falten, aber so ganz habe ich das noch nicht verstanden, deshalb werde ich nächsten Monat einen Ergänzungskurs nehmen. Man kann ja nie wissen, ob diese Technik nicht eines Tages Standard wird, und deshalb sollte sich jeder Arbeitnehmer auf dem Laufenden halten, finden Sie nicht auch, Herr Bürgermeister?"


Der Bürgermeister antwortete nicht, jedenfalls nicht sofort. Er war aufgestanden und blickte auf den Marktplatz, wo sich ein Teil des Reparaturteams noch immer in einem ungewöhnlichen Einsatz befand. Dodo schien sich schneller als der Bauleiter erholt zu haben und versuchte, mit letzter Kraft wegzukrabbeln, doch mit einem Hechtsprung hatte ihn Murksel wieder erreicht und am Schwanz gepackt. Das Gejaule Dodos war daraufhin weit zu hören, und der Bürgermeister schloss sofort wieder das soeben geöffnete Fenster. Er drehte sich um. Wer war dieser struppige kleine Hamster in blauem Overall, der ihn fragend anschaute? Ach ja, der Hausmeister, schoss es dem Bürgermeister durch den Kopf.


"Öhm, tja, nehmen Sie die Dingslampe, und sehen Sie zu, ob Sie die hinkriegen!"


"Aber, Herr Bürgermeister, die ist doch schon hin! Aber ich kann sie mitnehmen und sehen, was sich machen lässt." Der Hausmeister hob die zerschmetterte Tischlampe vom Fußboden auf, stellte sie auf den Schreibtisch und betrachtete sie nachdenklich. "Tja, wenn ich mir das genau überlege, ist das keine TF22-G sondern eine TF22-F."


Der Bürgermeister glotzte den Hausmeister an, ohne auch nur im Geringsten zu verstehen, welche Konsequenzen diese Erkenntnis haben würde.


Der Hausmeister drehte die Lampe hin und her und klopfte ein paar Mal dagegen. Beim letzten Klopfen verabschiedete sich die Glühbirne und hinterließ ein hässliches Klirren, als sie auf dem Boden aufkam.


"Hatten Sie, öhm, sozusagen Ihre Ausbildung bei Baureiter, ähm, Bauleiter Murksel?"


"Genau!" strahlte der Hausmeister. “Als ich meine Umschulung gemacht hatte, war der Herr Murksel mein Ausbilder! Ein echter Typ ist das, sage ich Ihnen, ein richtiges Vorbild!"


Der Bürgermeister seufzte gequält und blickte auf den Markplatz, wo dieser echte Typ, dieses Vorbild, gerade mit Dodo durch eine tiefe Schlammpfütze robbte und wilde Flüche ausstieß.


"Vorher war ich bei der Behörde, aber das was mir zu stressig, wissen Sie?" fuhr der Hausmeister erbarmungslos fort. "Diese festen Arbeitszeiten und der ganze Papierkram..."


Es klopfte an der Tür. Erleichtert atmete der Bürgermeister auf und wollte gerade 'Herein' rufen, als der Hausmeister mit der kaputten Tischlampe unter dem Arm zur Tür ging und rief: "Es kann ein wenig dauern, denn eine TF22-F ist nun mal keine TF22-G, da muss ich wohl noch Ersatzteile bestellen. Nächste Woche allerdings wird es nichts, denn da habe ich frei und übernächste Woche habe ich Origami. Vielleicht nächsten Monat, ach nein, da habe ich Urlaub, aber eventuell im übernächsten Monat..."


"Herein!" unterbrach der Bürgermeister den Hausmeister und gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er sich mit der TF22-G, oder was auch immer es war, schnellstens verabschieden sollte.


Die Tür öffnete sich, und der Kopf seiner Sekretärin erschien: "Herr Bürgermeister, Herr Fussel, der Herr Leiter des Bauamtes ist da..."


"Soll reinkommen", ertönte die Antwort, die wie ein Grunzen klang.


Die Tür wurde ganz geöffnet, der Leiter des Bauamtes trat ein, und der Hausmeister mit der Tischlampe unter dem Arm wollte hinaus. Zwischen den Türpfosten trafen sie einander, und klirrend flog die Tischlampe auf den Boden.


Nachdenklich betrachteten nun alle die TF22-F, bzw. die TF22-G, die inzwischen kaum noch Ähnlichkeit mit einer Tischlampe hatte.


"Hatten Sie eine Auseinandersetzung?" fragte Fussel und sah erst den Bürgermeister, dann den Hausmeister und schließlich die Einzelteile der am Boden liegenden Lampe nachdenklich an.


"Eine Dings, äh, Tee-Lampe, ich meine eine TF-sowieso Lampe - die muss in Reparatur, alles in bester Ordnung", beeilte sich der Bürgermeister, die Dinge richtigzustellen.


"Tja, ich geh dann mal", tönte nun der Hausmeister vom Flur her "Wie schon erwähnt, das kann ein wenig dauern. Wahrscheinlich in der 25. Kalenderwoche, eher später, denn da ist ja die Urlaubszeit und..."

Es knallte kurz und laut. Das war die Tür, die der Bürgermeister wütend zugetreten hatte.


"Darf ich den Herren etwas zu essen oder zu trinken bringen?" fragte nun die Sekretärin, um die peinliche Stille zu beenden.


"Öhm, nein, Frau Fuschnisch, äh, Fräulein Pinki, es wird nicht lange dauern", entgegnete der Bürgermeister und warf einen verstohlenen Blick auf die Wanduhr, die ihm mitteilte, dass der rettende Feierabend unmittelbar bevorstand. "Sie können jetzt Feierabend machen."


Pinki, die Sekretärin, verließ erleichtert und nahezu geräuschlos den Raum.


"Gerne hätte ich ihren Bauleiter bei unserer Unterredung dabei gehabt", säuselte der Bauamtsleiter, "doch offensichtlich übt Herr Murksel zurzeit Schlamm-Catchen mit seinem Mitarbeiter."


"Öhm, dann sollten wir diese Unterredung vielleicht morgen fortsetzen", warf der Bürgermeister in der Hoffnung ein, seinen mehrfach unterbrochenen Büroschlaf auf schnellstem Wege zu Hause fortsetzen zu können.


"Nicht notwendig, wirklich nicht notwendig, lieber Herr Bürgermeister", flötete Fussel, "denn das, was ich Ihnen zu sagen habe, kann er auch später erfahren."


"Öh, ja." Der Bürgermeister sah schlechte Nachrichten auf sich zukommen und setzte sich in seinen Sessel, nachdem er dem Bauamtsleiter mit einer Handbewegung einen Stuhl angeboten hatte.


"Danke", entgegnete der Leiter des Bauamtes, ließ sich nieder und blickte nachdenklich an die Zimmerdecke. Nachdem er sie ausgiebig bewundert hatte, wanderte sein Blick zum Bürgermeister, der es gerade tief bedauerte, seine Sekretärin nach Hause geschickt zu haben, denn nun spürte er, dass sich sein Magen erbarmungslos meldete. Er hatte Hunger, und wenn er Hunger hatte, konnte er nicht denken. Na gut, das Denken war zwar noch nie seine Sache gewesen, aber wenn er hungrig war, dann war das Denken am allerwenigsten seine Sache. Hinzu kam der fehlende Mittagsschlaf, der zusätzlich seine Denkfähigkeit drastisch reduzierte. Er warf einen verstohlenen Blick auf die Wanduhr und stellte mit leichter Panik fest, dass sein Feierabend vor 5 Minuten begonnen hatte.


"Sicherlich ist Ihnen klar, dass eine Messe in Hamsterhausen vom Zeitfaktor abhängig ist."


Der Bürgermeister glotzte den Bauamtsleiter verständnislos an, dann hörte er sich selbst sagen:


"Öhm, der Zeitfaktor, sozusagen zeitlich gesehen."


"Zeitfaktor und Organisation."


"Öhm, gut organisierte Oranisation sozusagen."


"Ohne die geht es nicht", resümierte Fussel. "Und Planung. Mit der Planung steht und fällt alles, denn wenn die Planung nicht stimmt, dann stimmt auch der Rest nicht."


"Klar, ohne Dings-Planung und den Rest geht es natürlich nicht und selbstverständlich, mein lieber Fusel, äh, Fussel, und dazu stehe ich..."


Der Bürgermeister unterbrach seinen Satz und starrte seinen Gegenüber irritiert an, denn er konnte den fragenden Blick des Leiters des Hamstischen Bauamts nicht deuten. So saßen sie beide eine ganze Weile und schauten einander an. Der eine verwirrt, der andere fragend. Ein heftiges Magenknurren wies den Bürgermeister darauf hin, diese Angelegenheit zu beschleunigen, um endlich die dringend benötigte Nahrungsaufnahme beginnen zu können.


"Öh, wie?"


"Nun", gab Fussel zu bedenken, "Sie sitzen, Herr Bürgermeister!"


Es dauerte eine Weile, bis er begriff, doch dann erhob sich der Bürgermeister und fuhr fort:


"Nun, dazu stehe ich, ohne wie auch immer, gewissermaßen ohne wenn und aber."


"Bravo, Herr Bürgermeister, ich bin sicher, die erste Hamstische Messe wird ein voller Erfolg. Haben Sie denn schon eine ungefähre Vorstellung, welche Firmen dort vertreten sein werden? Gibt es schon die ersten Pläne, was alles an Ständen aufgebaut wird?"


Der Bürgermeister rieb sich die Augen und schielte erneut zur Wanduhr, die ihm verriet, dass nach seinen Planungen er schon längst nicht mehr hier wäre.


"Fressen", keuchte er und erstarrte für einen Moment, als er das entsetzte Gesicht des Bauamtsleiters sah.


"Ich meine, hä, hä, 'Fressen und Wohnen' ist von meinen Mitarbeitern bereits vorgeschlagen worden. Flecki und Goldi wollen sich das teilen, öhm, wobei Flecki die Abteilung Wohnen übernimmt und Goldi..."


"Wunderbar!" jubelte Fussel und schlug sich begeistert auf die Schenkel. "Der Anfang ist gemacht! Und weiter, wie weiter? Erzählen Sie mir alles, was es schon an Planungen gibt!"


"Die Fresse, äh, ich meine, die Presse wird in den nächsten Tagen informiert und..."


"Aber Herr Bürgermeister", bettelte Fussel, "Sie werden doch sicherlich das eine oder das andere schon vorab erzählen können, oder? Wenn nicht Sie, wer denn dann? Gibt es Spezialitäten-Stände aus aller Hamsterwelt?"


"Hä, ja", röhrte der hungrige Bürgermeister begeistert, dessen Mundwinkel bereits erste verdächtige feuchte Spuren aufwiesen. "Jede Menge! Getoastete, äh, geröstete Kürbiskerne, Pfannkuchen nach Hamsterhausener Art, Käse, ja, Käse, jede Menge..."


"Herr Bürgermeister?"


Der Angesprochene unterbrach seinen recht lauten Vortrag und sah den Bauamtsleiter verwirrt an.


"Was frisst denn, äh, was ist denn los?"


"Herr Bürgermeister, Ihr Schreibtisch ist völlig nass und halb überflutet!"


"Hä hä, gewissermaßen die sozusagen Vorfressfreude", entgegnete der Bürgermeister mit hochrotem Kopf und suchte verzweifelt in seiner Schublade nach etwas Geeignetem, um den Schreibtisch wieder trockenzulegen. Wahllos griff er nach einigen Papieren und reinigte den Tisch, so gut es ging. "Alles wieder bestens, Herr Furzel, äh, Fussel, alles, hä hä, in bester Ordnung. Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, beim Essen. Wir sollten das nicht überverwerten, mein lieber Dings, denn Essen ist nicht alles, auch wenn es das Wichtigste der Welt ist, sozusagen geht es zwar nicht ohne, aber mit geht es genauso gut."


"Nun, Herr Bürgermeister, ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen folgen kann..."


"Ach, mein lieber Pussel, das, öhm, brauchen Sie nicht, ich finde den Weg nach Hause zu meiner Speisekammer, äh, Arbeitskammer, selber..."


"Sie wollen mich doch wohl nicht rausschmeißen?" scherzte der Bauamtsleiter, doch im nächsten Moment war er sich da nicht mehr so ganz sicher, als der Bürgermeister neben ihm stand und seinen Stuhl in Richtung Tür schob. Was Fussel besonders ängstigte, waren die Augen des Bürgermeisters, die seit ein paar Minuten blutunterlaufen und leer wirkten. "Na ja, vie-vielleicht haben Sie recht, denn morgen ist auch noch ein Tag", stotterte der Bauamtleiter und erhob sich von seinem Stuhl. "Allerdings ist da noch ein letzter Punkt..."


In diesem Moment klopfte es laut und kräftig an der Tür.


"Ja?" brüllte der Bürgermeister gereizt und gleich darauf öffnete sich langsam die Tür. Dodo trat ein. Sein Fell war schlammverschmiert von oben bis unten, doch ansonsten waren keinerlei Hinweise darauf zu erkennen, dass er ein längeres Gespräch mit Bauleiter Murksel hinter sich hatte.


"Ich wollte nur mal fragen - ich meine, weil ich noch Licht in Ihrem Zimmer gesehen habe - ob ich mich mal kurz in Ihrem Badezimmer ein wenig frisch machen darf..."


"Zwei Minuten", röhrte der Bürgermeister und sein Magenknurren war mittlerweile nicht mehr zu überhören. "Zwei Minuten, dann bist du wieder verschwunden, du Riesennervensäge!"


Vielleicht hätte er Dodo ein wenig mehr Zeit einräumen sollen, doch nun war es zu spät. Statt langsam und vorsichtig zu gehen rannte der große, mit Schlamm bedeckte Hamster quer durch das Zimmer, riss eine Nebentür auf und verschwand. Dann waren Geräusche von fließendem Wasser zu hören, es knallte laut und die Wassergeräusche waren verstummt. Die Tür wurde wieder aufgerissen und ein Dodo, der immerhin nur noch teilweise mit Schlamm bedeckt war, rannte wieder durch das Zimmer des Bürgermeister hin zur Ausgangstür. Bevor er zur Tür hinausging, drehte er sich noch einmal um und rief: "Vielen Dank, Herr Bürgermeister. Warum man das runterreißen sollte, habe ich aber nicht ganz verstanden..."

Dann war er verschwunden.


Der Bürgermeister sah nachdenklich auf den Fußboden, der nun merkwürdig schwarz gesprenkelt war.


"Was mag er damit gemeint haben? Runterreißen? Was runterreißen?"


Neugierig gingen die beiden Hamster in das angrenzende Badezimmer. Es war schon erstaunlich, wie sich ein einzelner Raum innerhalb weniger Sekunden verändern konnte, dachte der Bürgermeister, hoffentlich kriegen das die Putzhamster wieder sauber. Dann fiel sein Blick auf den Handtuchspender oder, besser gesagt, auf das, was noch davon übrig war.


"Was hat dieser hirnlose Riesenidiot denn mit meinem schönen Handtuchspender gemacht?" jammerte der Bürgermeister und schlug die Pfoten vor das Gesicht. Dann griff er gedankenverloren nach einem Stück Seife und biss gierig hinein.


"Er hat ihn aus der Wand gerissen...", staunte Bauamtsleiter Fussel und trat näher.


"Warum? Warum?" heulte der Bürgermeister.


"Ich glaube, ich weiß, warum", rief Fussel nachdenklich. "Es ist dieses Schild, das neben dem Handtuchspender angebracht ist."


Der Bürgermeister trat näher und stand nun direkt neben dem Bauamtsleiter. Gemeinsam lasen sie den Hinweis für die Benutzung des ehemaligen Handtuchspenders: 'Bitte seitlich ziehen und herunterreißen'.


"Schön, dass das geklärt ist", knurrte der Bürgermeister und wischte sich ein wenig Schaum vom Mund, "es ist schließlich sozusagen witzig, äh, wichtig, seine Mitarbeiter zu verstehen. Welchen letzten Punkt meinten Sie, lieber Dussel, äh, Dings?"


"Fussel, Herr Bürgermeister, Fussel."


"Nein, nein, lieber Bauchtanzleiter, das ist nur Seife gewissermaßen, kein Grund zur Veranlassung, wenn Sie wissen, was ich meine. Ach so, ja, natürlich, das ist ja Ihr Name, hi, kleiner Scherz. Am Rande sozusagen, der Scherz natürlich", fügte der Bürgermeister hastig hinzu.


Das Gesicht des Bauamtsleiters Fussel entspannte sich allmählich wieder, und er ließ sich in seinem Stuhl nieder. Mit einer Handbewegung deutete er dem Bürgermeister an, sich ebenfalls zu setzen, dann erklärte er mit leiser Stimme, was es mit diesem letzten Punkt auf sich hatte.


"Natürlich wissen Sie, lieber Herr Bürgermeister, dass es auch Leute gibt, die dem Projekt 'Erste Hamstische Messe' kritisch gegenüberstehen, wenn Sie wissen, was ich meine."


Der Bürgermeister verstand nichts, denn sein Magen war nach wie vor genauso leer wie sein Kopf. Dafür brannte seine Speiseröhre höllisch nach dem Genuss von parfumierte Seife. Dennoch nickte er zustimmend.


"Genau", fuhr sein Gegenüber fort, "wir meinen beide den Oberamtsleiter. Natürlich darf niemand darüber etwas sagen, was seine Pläne sind, aber", Fussel drehte sich kurz zur Tür um und versicherte sich, dass sie sich alleine im Raum befanden, "ein paar kleine Hinweise kann ich Ihnen geben. Allerdings bin ich auf Ihre Verschwiegenheit angewiesen."


Der Bürgermeister nickte erneut.


"Natürlich", fuhr Fussel fort, "hat das nichts damit zu tun, dass ich meinen Job nur deshalb bekommen habe, weil ich der angeheiratete Cousin Ihrer Schwester bin, Herr Bürgermeister. Es hat auch nichts damit zu tun, dass demnächst der Job des Ober-Bauamtsleiters frei wird, nein, nein, es ist eine reine Gefälligkeit Ihnen gegenüber."


"Öh?" entgegnete der Bürgermeister, der mittlerweile mit zwei Arten von Magenschmerzen zu kämpfen hatte, nämlich dem nach wie vor bohrenden Hunger und der beginnenden Übelkeit, hervorgerufen durch die unverdauliche Seife.


"Danke, ich wusste, ich kann Ihnen vertrauen. Also, der Oberamtsleiter hat mich hergeschickt, um nach dem Stand der Dinge zu fragen. Insbesondere soll ich fragen, wer denn die Oberaufsicht über das Projekt übernimmt. Er meint nämlich, wenn Sie wieder ihre schwachsinnigen Kompentenzteams unter Leitung von Katastrophen-Murksel einsetzen, dann, nun dann wird er das Projekt 'Erste Hamstische Messe' niemals genehmigen."


Fussel machte eine Pause und sah den Bürgermeister abwartend an, doch der rülpste nur, und kurz darauf schwebten ein paar bunt schillernde Seifenblasen durch den Raum. Fasziniert sah der Bauamtsleiter zu, wie eine Seifenblase nach der anderen auf dem Boden oder auf dem Tisch zerplatzte, dann fuhr er fort.


"Er will also, dass die Hamstische Messe richtig organisieret wird und zwar von einem Profi, wie er sagte."


Der Bürgermeister rülpste erneut und versuchte zu überlegen, doch außer Profihaartrockner fiel ihm nichts, aber auch gar nichts ein. Warum musste dieser Oberamtsleiter sich bloß wieder einmischen? Na schön, in der Vergangenheit war nicht alles so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Eigentlich war es ein Wunder, dass bei den letzten Projekten alle überlebt hatten. Er wollte etwas entgegnen, doch ein erneuter Rülpser hinderte ihn daran, und so fuhr Fussel fort.


"Er hat zu mir gesagt, in der Vergangenheit war nicht alles so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Eigentlich war es ein Wunder, dass bei den letzten Projekten alle überlebten."


"Tatsächlich?" gurgelte der Bürgermeister und vertrieb ein paar Seifenblasen, die die Sicht auf seinen Gesprächspartner versperrten. "Und was nun?"


"Sie müssen einen Profi finden, der die Hamstische Messe organisiert!"


Die Besprechung war beendet und der Leiter des Bauamtes gegangen. Der Bürgermeister saß in seinem Sessel und rang mit seinen Gedanken und seiner Übelkeit. Wo sollte er einen Profi hernehmen? Wo um alles in der Welt sollte er in Hamsterhausen einen Profi finden? Er grübelte und betrachtete die Seifenblasen, die durch das Zimmer tanzten, dann schlug er mit der Pfote auf den Tisch. Das war es! Gleich morgen früh würde er sich darum kümmern, doch nun galt es erst einmal, nach Hause zu gehen und sich auszuruhen. Er watschelte zu Tür, öffnete sie und atmete tief durch. Das war ein Fehler, denn sofort löste sich ein lauter Rülpser, der durch das gesamte Treppenhaus hallte. Peinlich berührt, schlich der Bürgermeister zum Fahrstuhl und hätte fast vor Wut laut aufgeschrieen. Dort hing ein Schild mit der Aufschrift 'Wegen Inspektion vorübergehend außer Betrieb - der Hausmeister'. Vorübergehend! Bestimmt würde es wieder Monate dauern, bis diese 4-pfotige Katastrophe von Hausmeister damit fertig wäre! Es half nichts, tapfer watschelte der Bürgermeister Treppe für Treppe nach unten, dem Ausgang entgegen. Als er auf der Treppe zum Erdgeschoss war, übergab er sich.