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Kapitel 14

Die Messe




Als am nächsten Morgen die Hamsterhausener Bürger ihre Tageszeitung aufschlugen, bekamen sie einen dermaßen großen Schock, dass die meisten sich gleich wieder ins Bett legten und dort den Tag verbrachten.


"Hamsterhausen ist pleite! Müssen wir alle verhungern?" bellte es ihnen auf der Titelseite entgegen. Bilder der 48-stündigen Hungersnot aus längst vergangenen Tagen wurden als grausige Untermalung beigefügt. Dann folgte ein Artikel, der den Hamstern, die sich nicht gleich wieder ins Bett gelegt hatten, das Blut in den Adern gefrieren ließ. In maßloser Übertreibung wurde ein Szenario beschrieben, das den Eindruck vermittelte, als habe Hamsterhausens letztes Stündchen geschlagen. Dann, am Ende der ersten Seite kam für den Leser etwas Hoffnung. Von Rettungsmaßnahmen wurde geschrieben. Noch völlig benebelt von der grausigen Vorstellung eines entsetzlichen Hungertodes, lasen die Hamster, dass es noch Hoffnung gab. Von einer vorübergehenden Reduzierung der Internetgeschwindigkeit war die Rede, von sofortigen Sondersteuern auf sämtliche Computerspiele war die Rede. Na und? Was war das schon? Hauptsache, keine Hungersnot.


So kam es, dass in sämtlichen Haushalten plötzlich gähnende Langeweile herrschte. Sicherlich, die Internetverbindungen waren aktiv, sofern man bei einer Übertragungsgeschwindigkeit von einem Wort pro Minute überhaupt von aktiv sprechen konnte. In einer sofortigen Polizeimaßnahme wurden sämtliche Computerspiele eingesammelt. Eine Quittung und ein paar Gutscheine gab es dafür. Neue Computerspiele gab es nur noch zu Mondpreisen, da sie mit einer 1000%-igen Sondersteuer belegt wurden. Dafür gab es an allen Ende und Ecken der Stadt plötzlich lauter nette, kleine Spielhöllen, die vom Hamstischen Senat aufgestellt worden waren und für sprudelnde Steuereinnahmen sorgen.


Selbstverständlich konnten auch die ausgestellte Gutscheine hier eingelöst werden und das geschah umgehend. Die netten, kleinen Spielhöllen erfreuten sich regen Zulaufs und auch die umliegenden Fressbuden und Shops verdienten prächtig. Natürlich waren die Gutscheine schnell aufgebraucht und die Hamster mussten bezahlen. Das war der Moment, von dem an Hamsterhausens Steuerkassen sprudelten und sprudelten. Oberbuchhalter Knolle und ein von ihm aufgestelltes Steuerteam kamen mit dem Geld zählen kaum nach. Als allererstes wurden die Gehälter der Mitarbeiter der Öffentlichen Dienste ausgezahlt, so dass Polizei, Post, Müllabfuhr und so weiter ihren Dienst wieder voll aufnahmen. Natürlich gab es vereinzelte Proteste, doch die wurden umgehend durch Gutscheine für Spielhöllen und Restaurants im Keime erstickt. Wozu protestieren, wenn es Fressen gibt?


Das ganze wurde durch eine gigantische PR-Aktion in der Presse begleitet. Hier war es von großem Nutzen, dass Oberamtsleiter Purzel die Vermarktung der Messe anvertraut wurde, und somit setzte der Oberamtsleiter seine guten Kontakte zum 'Hamsterblatt' ein. Positive Berichterstattung lautete das Schlagwort und selbst als durch ein Missgeschick eine tragende Wand im Rathaus einstürzte, gab es keine negative Schlagzeilen. 'Bauleiter Murksel setzt innovative Techniken ein', ließ das 'Hamsterblatt' seine Leser wissen. Die Bilder von verschütteten und teilweise verletzten Hamstern wurden als 'Katastrophenübung' verkauft, und auf der Titelseite lächelte ein fröhlicher Hamster namens Trampel, der von einer Krankenschwester gestreichelt wurde. Auch sie lächelte freundlich. Dass Trampel auf einer Trage lag und sich gerade auf dem Abtransport ins Krankenhaus befand, wurde nicht erwähnt. Es wurde auch nicht erwähnt, dass der ebenfalls im Hintergrund lächelnde Bauleiter Murksel hinter seinem Rücken einen dicken Stock hielt, mit dem er Konsequenzen für 'Freund Trampel' angekündigt hatte, falls der nicht mitspielte.


"Ist das nicht Manipulation der Öffentlichkeit? Werden hier nicht Falschinformationen gezielt gestreut? Ist das nicht eine gigantische Verarschung der Bevölkerung?" wollte Flecki von Präsidentin Dabi wissen, nachdem sie ihr Bericht über die neue Kleiderordnung der Hamsterhausener Polizei erstattete. "Wird hier nicht ein falsches Bild der Wahrheit gezeigt?"


"Wird es", entgegnete Dabi.


"Und werden hier nicht Mitbürger, die ihre Freizeittätigkeiten ausführen wollen, gnadenlos zur Kasse gebeten und ausgebeutet?"


"Werden sie."


"Und soll das so weitergehen?"


"Ja, zumindest bis die Messe beginnt, und das muss bald sein. Meine Anwesenheit wird in dann hier nicht mehr benötigt. Ohnehin muss ich bald nach Hause zurückkehren."


"Schade eigentlich", grinste Flecki und machte sich wieder auf den Weg. Als sie die Stufen des Rathauses hinunterstieg, kam ihr Goldi entgegen geschlurft.


"Na, eine Stunde Pizza gefressen? Hast du schon telefoniert, oder war noch keine Zeit?"


"Na ja", druckste Goldi, "erstmal brauchte ich ein paar Gutscheine. War auch kein Problem, es stehen ja überall Polizisten mit Gutscheinen herum. Nachdem ich einigen gesagt hatte, dass ich die neue Verordnung total ablehne, haben die mir reichlich Gutscheine gegeben. Tja, und dann bin ich erstmal Essen gegangen und habe dann mit Hamsterhügel gesprochen. Alles klar, diese Esoterik-Tante kommt nicht weit. Und was machst du hier?"


"Ich war bei der Präsidentin und bin jetzt auf den Weg zur Fahrschule."


"Fahrschule? Was zeigt man einer Frau, wenn sie zwei Jahre unfallfrei Auto gefahren ist?" grinste Goldi und wollte schnell an Flecki vorbeihuschen.


"Ja, was zeigt man ihr dann?", knurrte Flecki und stellte sich ihm in den Weg.


"Den 2. Gang! Ha, ha, aaaaaaahhhhh!" Mit einem gellenden Schrei bewegte sich Goldi rückwärts die Treppen hinab. Eine Treppe höher ging eine Tür auf.


"Was ist passiert?" hörte Flecki Dabi rufen.


"Nichts weiter", beruhigte Flecki sie. “Goldi ist nur unglücklicherweise von der Stufe abgerutscht. Nicht weiter schlimm, er bewegt sich noch!"


Dann ging sie die letzten Treppenstufen hinunter, stieg mit einem großen Schritt über den stöhnenden Goldi hinweg und ging zur Hauptür hinaus, die inzwischen vom Reparaturteam wieder instand gesetzt worden war.


Knurrend rappelte sich Goldi wieder auf, warf einen messerscharfen Blick der davon eilenden Flecki hinterher und stieg die Stufen erneut hoch. Dann hörte er schon von weitem das Reparaturteam, das gerade im 2. Stock des Rathauses die letzten Vorbereitungen traf.


"Wieso, du Riesenidiot, hast du nicht mit geholfen, das Zelt auf dem Rathausplatz aufzustellen? Das ist glatte Arbeitsverweigerung!"


"Aber ich wollte doch, Chef, aber ich durfte nicht...", heulte Dodo. "Auf dem Schild stand doch 'Baustelle - betreten verboten'."


"Na schön", brummte Murksel und hatte Mühe, das Keckern der übrigen Hamster zu übertönen, "dafür habe ich auch eine gute Nachricht für dich: du braucht morgen nicht zu arbeiten."


"Danke, Chef!"


"Dafür musst heute aber mit allen Arbeiten fertig werden. Die Räume müssen blitzblank sein, alle Unebenheiten beseitigt werden."


Während Dodo und Trampel sich auf den Weg machten, zunächst einmal sämtliche Zimmer leer zu räumen, begab sich das restliche Reparaturteam auf den Weg zum Rathausplatz, um das Festzelt aufzubauen.


Zur selben Zeit hatte der Bürgermeister ein Gespräch mit Präsidentin Dabi. Oberbuchhalter Knolle war ebenfalls anwesend, denn es galt, eines der letzten verbleibenden Finanzprobleme Hamsterhausens zu lösen.


"Also, diese Dings-Qualle, äh, dieser Herr Quallo ist der einzige, der sozusagen auf seinen Forderungen besteht...."


"Hamsterquallo meinen Sie, Herr Bürgermeister", warf der Oberbuchhalter ein. "Der Rest der durch den Unfall bei der ersten Messeeröffnung zu Schaden gekommenen Personen hat, wie Sie sagen, auf Forderungen verzichtet?"


"Öhm, ja, hat er. Gegen Eintrittskarten für die da Dings..."


"... demnächst stattfindende Neueröffnung der Messe, wollten Sie sagen, Herr Bürgermeister."


"Ja, Dongs, äh, genau!"


"Warum will dieser Hamsterquallo nicht auf seine Forderungen verzichten, Herr Bürgermeister?"


"Öhm, tja, er sagt, seit seinem Unfall vor ein paar Wochen verdingst, äh, dient er nicht mehr..."


"Eine dumme Sache", grübelte der Oberbuchhalter. "Dadurch können wir ihm auch keine Steuern abfordern..."


"Ich habe da mal eine Idee...", grinste Dabi und griff zum Telefonhörer. Sie nahm den Notizblock des Bürgermeisters, blätterte und fand. Dann wählte sie eine Nummer und stellte danach den Telefonlautsprecher an. “Ach, gut, dass ich Sie erreiche! Seit Monaten verfolge ich alle Konzerte von Ihnen!" hörten der Bürgermeister und der Oberbuchhalter die Präsidentin sagen.


"Oh, tatsächlich?" war die erfreute Antwort laut zu hören.


"Man muss schon sagen, die sind ziemlich schlecht besucht, oder?”


“Na, aber hallo, das kann man so nicht sagen. Sind alle ausgebucht!”


“Aber ihre letzte CD lief doch auch nicht so toll, oder?”


“Was? Aber klar - über eine Million verkauft! Aber warum fragen Sie als Fan so komische Sachen?”


“Wieso Fan? Ich diskutiere gerade mit dem Bürgermeister und dem Oberbuchhalter der Steuerverwaltung Ihre Vermögensverhältnisse..."


"Äh, was, wie?" keuchte am anderen Ende ein total verwirrter Hamsterquallo.


"Eine dumme Sache, das mit der Schadensersatzforderung an Hamsterhausen, damit kommen Sie in eine erhöhte Steuerprogression..."


"Ach das, äh, das", keuchte es am anderen Ende. "Ein Missverständnis. Bitte, äh, sagen Sie dem Bürgermeister, äh, ja...."


"Freikonzert", raunte der Bürgermeister Dabi zu.


"Verstehe", entgegnete Dabi gnadenlos. "Sie werden also ihr Konzert zur neuerlichen Eröffnung - natürlich kostenlos - wiederholen?"


"Aber selbstverständlich... ein Anruf des Herrn Bürgermeisters und ich komme, versprochen!"


"Somit wäre das erledigt", stellte Oberbuchhalter Knolle nüchtern fest. “Wie finanzieren wir die Innenausstattung der Messe, und überhaupt, womit soll ausgestattet werden?"


"Computer", stelle die Präsidentin lakonisch fest. "Wir machen eine Spielemesse."


"In diesem Falle wäre auch keine Vergnügungssteuer zu entrichten, da es sich ja um eine städtische Ausstellung handelt", stellte der Oberbuchhalter sachlich fest.


"Genau. Und die Hamsterhausener Bürger werden ihre Computer gerne leihweise zur Verfügung stellen, da sie erstens ohnehin keine Spiele mehr besitzen und zweitens Fressgutscheine erhalten, beziehungsweise drittens sie als un-hamstische Individuen im Hamsterblatt erscheinen werden, wenn sie sich weigern...."


Dabi stand auf und schloss das Fenster, um das Krachen und die Schmerzenschreie draußen zu lassen. Der erste Versuch, das Festzelt aufzubauen, war nämlich gerade fehlgeschlagen... Dafür war nun das Brüllen eines gewissen Bauleiters im benachbarten Treppenhaus weitaus besser zu hören.


"Noch eins, Herr Bürgermeister", seufzte Dabi. "Bitte lassen Sie die Vorbereitungen von Oberamtsleiter Purzel überwachen."


Im Verlaufe des Tages sammelten die Beamten der HAMPO einen großen Teil der privaten Computer der Hamstischen Bevölkerung ein. Auch die Reparaturteams kamen nun zügig voran, da Bauleiter Murksel vollauf damit beschäftigt war, sich mit dem Oberamtsleiter auseinanderzusetzen. Sämtliche Räume wurden gereinigt und nach Anweisungen Fleckis dekoriert, die Computer wurden aufgestellt und die eingesammelten Computerspiele bereitgelegt. Bilder der Geschichte der Hamsterhausener Computer befanden sich an den Wänden, vom ersten Einfachen Rechner, nämlich einem Sonnenblumenkern, bis hin zum High-End-Rechner. Erklärende Tafeln begleiteten den Besucher überall hin, und so erfuhr man beispielsweise, dass eben dieser Sonnenblumenkern die Mutter aller Rechner war, konnte man doch damit die Binärzahlen 1 und 0, also Sonnenblumenkern ist da und Sonnenblumenkern ist gefressen, darstellen.


Am späten Nachmittag kam es zu einem merkwürdigen Unfall. Laut Zeugenaussagen zerplatzte eine Scheibe im 2. Stockwerk und ein laut kreischender Oberamtsleiter landete auf dem Zeltdach auf dem Rathausplatz. Unverletzt. Allerdings waren weder er, noch der Bauleiter - der interessanterweise eine Stunde später ein dickes, blaues Auge hatte - zu irgendeiner Aussage bereit. Gerüchteweise wurde von einer heftigen Schlägerei berichtet.


Am späten Abend waren alle Vorbereitungen für die Messe abgeschlossen und Hamsterhausen verbrachte eine letzte Nacht vor der Öffnung der 'Spiel- und Spaßmesse Hamsterhausen'. So ganz ungestört war diese Nacht nicht, denn mehrfach musste die Hamstische Polizei ausrücken. Das eine Mal konnte in letzter Sekunde verhindert werden, dass ein gestohlener Baukran ein Haus verwüstete. Ein noch Unbekannter hatte den neuen Wagen von Oberamtsleiter Purzel bereits am Haken des Krans und wollte damit offenbar dessen Haus zerschmettern. Kurz darauf rollte eine führerlose Straßenwalze auf das Haus von Bauleiter Murksel zu. Auch hier konnte die Polizei mit Hilfe der Feuerwehr im letzten Moment Schlimmes verhindern.


Am nächsten Morgen folgte die offizielle Eröffnung. Einträchtig standen alle an der Messe beteiligten nebeneinander. Ein kleines Podium war direkt neben dem Fest- und Fresszelt aufgestellt worden. Alle hatte sich vornehm gekleidet, lediglich Bauleiter Murksel und der Oberamstleiter fielen etwas ab, da beide Gipsverbände an Armen und Beinen, sowie einen Kopfverband trugen. Dodo hatte vergessen, sich umzuziehen und sah etwas erbärmlich in seiner Arbeitskleidung aus, ähnlich wie Trampel, dessen einzige Festtagshose geplatzt war und der mit hochrotem Kopf wünschte, irgendwo anders zu sein.


Präsidentin Dabi hielt eine kurze Rede, in der sie sich bei allen - und auch bei der Bevölkerung Hamsterhausens - für die tatkräftige Unterstützung bedankte. Danach berichtete Oberbuchhalter Knolle in einer mit vielen Zahlen gespickten Rede über die finanziell gute Situation Hamsterhausen. Als letztes trat der Burgermeister vor.


"Meine lieben Dingsbügel, äh, Bürger! Obwohl wir uns redliche, öhm, Mühe gegeben haben, werden wir heute die Messe eröffnen, ich meine wir, und damit meine ich alle Beteiligten, haben uns bemüht, sozusagen die Messe am heutigen Tag..."


"Komm zum Thema, Mops!"


"Öhm, ja, deshalb wollen wir - und wir haben keine Mühlen geschleucht, äh, Mühen gedingst..."


"Macht das Fresszelt auf!"


"... eine Messe zu präventieren, die ihre Leichen sucht, öhm, ihresgleichen, sozusagen", fuhr der Bürgermeister trotz der Zwischenrufe der hungrigen Gäste fort. "Wir haben uns nicht beirren lassen..."


"Solltest du aber, du Klops!"


Der Bürgermeister lief knallrot an, fuhr aber fort: "Auch wenn es Läuse, äh, Leute gab, die uns nix zugetraut haben, wir haben es ihnen gezeigt!"


"Ach ja? Großmaul!"


"Wir haben uns von Spinnen, öhm, Spinnern nicht vom Kurs abbringen...."


"Selber Spinner! Macht das Fresszelt auf, du Labermops!" grölte die hungrige Menge.


"Wie ich in meiner Eigenschaft als..... Ihr könnt was in die Fresse kriegen, ihr undankbares Gedings!"


"Herr Bürgermeister, bitte beruhigen Sie sich..." rief Präsidentin Dabi und lief in Richtung Bürgermeister, um Schlimmeres zu verhindern. Leider blieb sie mit ihren hohen Absätzen zwischen den Planken des Bodens stecken.


"Deine dämliche Nichte säuft doch die Reste aus den Leergutautomaten!"


"Lasst Puttchen aus dem Priel, äh, Spiel", brüllte der Bürgermeister die Besuchermasse an. "Wer hat euch eigentlich aus der Zelle gelassen? Wissen eure Pfleger eigentlich, dass ihr hier seid?"


"He, he," brüllte es aus der Menge zurück. "Gleich klatscht es hier, aber keinen Beifall!"


"Und ihr", grölte nun der Bürgermeister hemmungslos, " ihr versteckt euch lieber, die Müllabfuhr kommt gleich!"


"He, Mopsfresse, der der Zoo hat gerade angerufen! Die möchten dich wiederhaben!"


"Um Gottes Willen, wir müssen was machen, Goldi!" keucht Flecki, als die ersten Eier und Tomaten auf den Bürgermeister prasselten.


"Wieso, ist doch alles ganz normal... Ja, ja, ich mach ja schon was", knurrte Goldi, dann drehte er sich zu Dodo um. "He, Dodo. die Präsidentin steckt fest, hebe sie doch bitte mal raus, ja?"


Im nächsten Moment flog eine kreischende Dabi in hohen Bogen über die staunende Menge hinweg. Ihr Flug endete zwar heftig, aber immerhin auf dem weichen Dach des Festzeltes.


"He, Mopsgesicht, heißt das, dass das Fressen eröffnet ist?"


Der Bürgermeister hatte gerade eine dicke Holzplanke aus dem Fußboden des Podiums gerissen und wollte sich auf die Menge stürzen, als Goldi ihm zuflüsterte: "Sag denen mal, das Fressen ist eröffnet!"


Für einen Moment herrschte Stille. Die Aussicht auf Fressen hatte alle wieder geeint. Begierig lauschte die Menge den nächsten Worten des Bürgermeisters.


"Meine lieben Dingsbesucher, unsere Präsidentin hat soeben das Fressen geöffnet, öhm, gedingst, gedongst oder so ähnlich!" keuchte der Bürgermeister, dann biss er herzhaft in die Holzplanke.


"Wir bleiben lieber hier in Sicherheit", schlug Flecki vor, und gemeinsam mit den übrigen Hamstern schauten sie zu, wie die Besuchermassen in das Festzelt strömte, um sich die Bäuche vollzuschlagen.


"Wo steckt Trampel eigentlich?" sah sich Goldi verwundert um.


"Der ist doch schon bei der Essensausgabe", rief Dodo. "Oh, ich glaube da kommt er!"


In der Tag kam Freund Trampel im selben Moment aus dem Festzelt getorkelt. Er war klatschnass und sein Fell von Essensresten verklebt.


"Du solltest mal duschen", bemerkte Flecki und rümpfte das Näschen. "Was ist denn nun schon wieder passiert?"


"Bei der Essensausgaben", jammerte Trampel, "stand so ein dicker, gieriger Hamster, der wollte sofort Nachschlag haben. Ich habe ihm gesagt, dazu muss er sich erst wieder anstellen, damit alle dran kommen."


"Das war völlig richtig", nickte Flecki.


"Das war total falsch", grinste Goldi.


"Dann hat er mich gepackt und in den Suppentopf gestippt..."


"Das war gemein!" knurrte Flecki.


"Das war zu erwarten", grölte Goldi und schnupperte an Trampel. "Riecht aber echt lecker...."


"Pfielleift pfollten pfir aupf phaf Pharmef effen gehen," schlug der Bürgermeister vor, während er erneut in die Holzlatte biss.


"Später, Herr Bürgermeister, die Eröffnung der Spielemesse in der Eingangshalle des Rathauses liegt jetzt an!" keuchte Präsidentin Dabi, die noch ein wenig außer Atem war, nachdem sie vom Zeltdach herunter geklettert war. In der Tat wurde es höchste Zeit, denn der erste Schwung Essen war aufgefressen, so dass nun unbedingt die Hauptattraktion angesagt war. Schließlich würde es nun einige Zeit dauern, bis die Feuerwehr, die sich freiwillig für das Zubereiten der Speisen gemeldet hatte, die nächsten Speisen vorbereitet hatte.


"Lassen Sie mich eine kurze Ansprache halten, Herr Bürgermeister, essen Sie in Ruhe zu Ende!" sagte Dabi, während sie den Balkon des Rathauses betraten.


"Wirf uns mal die Bürgermeisterflasche runter, Süße!" grölten ihr bereits einige aus der Menge entgegen. Dabi ging im Geiste ihren Rückfahrplan durch und freute sich bereits jetzt, bald wieder am ruhigen Loch Broom zu sein.


"Oder mach uns mal die Tanzmaus!" lachte ein anderer, während er auf den Pfoten laut pfiff.


"Willkommen auf der 'Ersten Hamsterhausener Spiel- und Technikmesse' in dieser schönen Stadt", begann sie. "In den Messesälen des Rathauses erwarten Sie vielfältige spannende und interessante Spiele, die Sie selber gerne einmal ausprobieren dürfen. Auch auf die historischen....."


Die Präsidentin unterbrach ihre Rede und betrachtete kopfschüttelnd, wie sich nun tumultartige Szenen in der großen Eingangshalle abspielten. Alles drängte, drückte und schob, um an die Spielkonsolen zu gelangen, es wurde geschimpft, gepöbelt und geschubst. ‘Eine Frage der Zeit, wann die HAMPO einschreiten muss’, schoss es der leicht genervten Präsidentin durch den Kopf und sie verwarf ihren Gedanken sofort, als sie erkannte, dass es sich bei den schlimmsten Schubsern und Rüpeln ohnehin um Beamte der HAMPO handelte.


"Welcher Riesenochse war das? Welcher Hirntote hat das gemacht? Wer hat die Steckdosen rausgerissen und zuzementiert?”


"Aber Chef, du hast doch selbst gesagt, alle Unebenheiten müssen beseitigt werden..."


"Hör auf, meinen Schlägen auszuweichen und lass dich verprügeln wie ein Mann..."


Dann klirrte ein Fenster und ein großer Hamster flüchtete im Hechtsprung auf das Zeltdach. Es folgte ein Knirschen; der Stoff riss. Dann ein Platschen. "Oh, lecker, Graupensuppe.....", war die Stimme Dodos zu hören.


Unter dem Beifall der Messebesucher hechtete Murksel hinterher. Trotz seiner diversen Bandagen mit einer durchaus beachtlichen Körperhaltung. Auch seinem Aufprall folgte ein platschendes Geräusch, dann ein Scheppern. Dann flüchtete ein großer Hamster aus dem Zelt, gefolgt von einem kleineren, dafür aber etwas dickeren, bandagierten Hamster, der eine Suppenkelle in der Hand trug und sie drohend über dem hochroten Kopf schwang. Nach kurzer Zeit waren beide am Horizont verschwunden.


"Es ist noch Suppe da!" rief die Präsidentin mit einem verzweifelten Unterton in der Stimme. Sofort schubste und drängelte die Menge der Messebesucher wieder in die entgegengesetzte Richtung, weg von den zugepappten Steckdosen. "Schnell, Herr Oberamstleiter, schnappen sie sich die Reparaturtruppe and legen sie von den oberen Stockwerken Verlängerungskabel zu den Computern.... sonst hauen die uns hier alles kurz und klein, wenn die mit Fressen fertig sind!"


"Ich muss schon sagen", nickte Goldi anerkennend. "Dabi hat sich recht schnell unserem Lebensstil und unserer Kultur angepasst."


"Ja", bestätigte Flecki, "offenbar eine echte Diplomatin."


Und so beobachteten die Hamster vom sicheren Podium aus, wie die Massen wieder aus dem Zelt strömten, Schutt, Asche und leer gefressene Töpfe und Teller hinter sich lassend. Wildes Gejohle, begeistertes Brüllen und immer wieder kleinere Prügeleien. Hin und wieder flog ein kreischender Hamster aus einem der Stockwerke, sogar einer war dabei, der noch ein Keyboard in den Pfoten hielt, und nach einigen Fensterstürzen brach das Festzelt zusammen. Polizei und Feuerwehr mussten auf Anweisung des schnell herbei gehumpelten Oberamstleiters die Plane zusammenrollten, und das Fresszelt wurde in ein 'Open Air Eating' umgewandelt.


"Ja, jaaaaaaa, diesmal nicht! Dieses Mal hatte ich Glück", hörten die Hamster Freund Trampel jubeln, als die Plane entfernt wurde und er unverletzt zum Vorschein kam.


"Glückwunsch, Trampel!" rief Flecki.


"Danke! Der große Mast hat mich gerettet, ich stand gerade daneben, ich bin ein Glückspilz... Argrrrrrr!"


Bedauerlicherweise fiel der große Mast in diesem Moment um, da er ja nun von keiner Plane mehr gehalten wurde.


"Ach, das Glück ist ein launisches Ding", nickte Goldi während ein Feuerwehrmann den bewusstlosen Trampel unter dem Mast hervorzog.


Und so nahm die 'Erste Hamstische Messe' doch noch ein gutes Ende - für die meisten zumindest. Hamsterhausen war wieder einmal gerettet, auch wenn im Laufe der weiteren Feier das halbe Rathaus einstürzte. Aber das interessierte nun wirklich niemanden mehr. Auch der Bauleiter und Dodo tauchten gegen Abend wieder auf: Dodo war völlig unverletzt, nur der Bauleiter hatte sich beide Pfoten bei dem Versuch gebrochen, Dodos Schädel zu massieren. Präsidentin Dabi war bereits am frühen Morgen des drauffolgenden Tages verschwunden, offenbar hatte sie es sehr eilig, wieder ins ruhige Ullapool zu kommen. Puttchen Brammel kehrte übrigens nicht zurück nach Hamsterhausen. Sie gründete eine Esoterik-Schule in Hamsterhügel, und zum ersten Mal hatte sie ein festes Einkommen. Sehr zur Freude und zum Stolz des Bürgermeisters, der nun wieder alle Amtgeschäfte innehatte. Freuen wir uns also auf weitere Katastrophen....

 

Edne!

 

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