Beitragsseiten

 

Kapitel 12

Je nun



Neben dem Lagerhaus am Hafen von Ullapool landete ein kleines Raumschiff, in dem sich eine johlende Gruppe von Hamstern vor Lachen nicht mehr einkriegen konnte. Hätte ein zufällig vorbeikommender Mensch das beobachtet, so hätte er nur mit Kopfschütteln auf die Frage geantwortet: "Gibt es intelligentes Leben im Weltraum?". Immerhin kennen wir die Wahrheit.


"He, Dodo, der war echt gut", keckerte Goldi. "Guck mal, da vorne ist die Fähre nach Helgoland!"


Nachdenklich betrachtete der große Hamster die Fähre nach Stornoway, und irgendwie dämmerte ihm, dass sie vor einiger Zeit schon einmal hier gewesen waren. Dann hieß es Aussteigen, und während der Bürgermeister in seinem kleinen Kopf eine Rede vorbereitete, ging Bauleiter Murksel auf die Wand der Lagerhalle zu. Als er an der Stelle stand, an der sie das erste Mal Dabi und ihre Leute von BANTACH getroffen hatten, winkte er Dodo zu sich.


"Jetzt ist Kopfarbeit angesagt, mein.... äh....lieber Navigator. Beug dich mal vor!"


"Ich kann da nicht hingucken", keuchte Flecki.


"Ja", bestätigte Goldi. "Hammerhart! Er benutzt Dodos Birne als Rammbock um die Mauer aufzustemmen; auch eine nette Art sich für seine Navigationsdienste zu bedanken."


"Schnorkhausen!" hörten sie Murksel brüllen. "Cuxhaven! Ich zeig dir jetzt mal Wandhausen, du Gimpel, du Navi-Null!"


"Aber da wollen wir doch gar nicht hin, Chef... AU!"


"Aber meine Herren", mischte sich nun der Bürgermeister ein, "so geht es doch nicht!"


"Sie haben Recht, Herr Bürgermeister", schnaufte der Bauleiter, "fassen Sie doch bitte mal mit an!"


In diesen Moment bewegte sich der Mauerstein, gegen den Murksel den Kopf von Dodo gehämmert hatte. Alle traten einen Schritt zurück. Dann wurde der Stein nach drinnen gezogen und zwei Schaschlikspieße wurden durch die Öffnung gehalten.


"Das Passwort, bitte!" schnarrte ihnen eine Stimme entgegen.


Der Bürgermeister trat vor. "Nun, wir sind gerissenermaßen die Delegation aus Hamsterhausen und würden gerne den Präsidenten sprechen, er ist sozusagen, wenn ich das mal erwähnen darf, mein leidlicher Bruder...."


"Oh, ja", ertönte es jetzt aus dem Loch in der Mauer. "Wir erkennen Sie wieder!"


"Das kann nichts Gutes bedeuten", rief Tati seinem Bruder zu.


"Ihr Bruder befindet sich allerdings nicht hier, wie Sie vielleicht wissen sollten. Sie können aber mit unserer Präsidentin Dabi sprechen..."


"Bunderwar.. äh, wunderbar!" rief der Bürgermeister. "Diesbezüglich sind wir hier!"


Im nächsten Moment wurde die Hamstertruppe durch das Loch in der Wand gelassen, und alle sahen sich um. Nichts hatte sich hier verändert, zumindest nicht äußerlich. Dann wurden sie von den beiden Wachposten in den Karton der BANTACH-Filiale geführt. Es ging mal links, mal rechts herum bis sie schließlich zu der Stelle kamen, an der sie schon einmal auf Einlass gewartet hatten.


Einer der Wachposten hieß die Hamster stehen bleiben, dann klopfte er an die große Tür des Büros der Präsidentin Dabi.


"Nicht jetzt!" rief es von drinnen. "Ich bin im vorletzten Level und muss noch 5 Bubbles und 2 Sterne abschießen! Lasst mich in Ruhe. Verschwindet!"


"Eine Delegation aus Hamsterhausen ist soeben eingetroffen, Frau Präsidentin!"


Im nächsten Moment war deutlich ein Fluchen und die Schlussmelodie eines herunterfahrenden Computers zu hören. Dann waren ein Poltern und das Klackern von herunterfallenden CD-Hüllen - wie Goldi fachmännisch bemerkte - zu hören.


"Moment, ich muss eben noch geheime Unterlagen beseitigen!" kam es aus dem Büro der Präsidentin zurück.


"Hoffentlich gibt es bald was zu Essen", bemerkte Goldi, "es soll hier ja prima Restaurants geben. Die Lage wird nämlich langsam kritisch, wir haben nicht einmal einen Notvorrat mitgenommen..."


"Unter Notvorrat verstehst du doch nur Kühlschrank!" fauchte Flecki, und in diesem Moment öffnete sich die Tür.


"Je nun, euch habe ich ja nun überhaupt nicht erwartet. Das ist ja eine Überraschung! Kommt herein, was kann ich euch anbieten?"


"Oh, da gibt es einiges..."


"Dessen bin ich mir sicher, mein lieber Goldi. Aber eines nach dem anderen. Erstmal möchte ich wissen, wie ihr dieses Mal hergekommen seit!"


"Je nun, meine liebe Dabi, das unterliegt strengster Geheimhaltung, denn wir möchten nicht, dass das Morgen in jeder Zeitung steht...."


"Verständlich", entgegnete Dabi, "auch ich möchte nichts über den Ort unserer Vorräte..."


"Allerdings bin ich für absolute Offenheit!" rief Goldi rasch, "und wir sollten in gegenseitigem Interesse..."


"Schon verstanden", grinste Präsidentin Dabi und gab den Wachen ein Zeichen.


Nun ging es zum gemütlichen Teil über, und als die Wachen nach einiger Zeit mit reichlich Futter zurück kamen, folgten mehrere Stunden des Erzählens, Fressens und Faulenzens. Somit hatte auch diese Reise der Hamster ein glückliches Ende genommen. Zumindest bis nach Ullapool, denn nun stand harte Arbeit an, wie Dabi betonte. Ganz genau ließ sich die Präsidentin alle noch so kleinen Kleinigkeiten erzählen, um sich ein genaues Bild der Lage zu machen.


"Also, diesen faulen Hausmeister und diesen schleimigen Fussel würde ich schon mal nach Hause schicken", begann Dabi nachdenklich. “Der Oberamtsleiter scheint ganz brauchbar zu sein.... Äh, Herr Murksel, macht es Ihnen etwas aus, damit aufzuhören, an der Stuhllehne herumzubeißen?"


"Ich kann diesen schwachsinnigen Dummschwätzer nicht ausstehen", brüllte Murksel, "dem haue ich die Zwiebel aus dem Gesicht, wenn er mich noch einmal schikaniert!"


"Eben deswegen werden wir ihn mit einbinden, mein lieber Bauleiter! Dann kann er nicht mehr stören, sondern ist uns nützlich."


"Nun, aber", begann der Bürgermeister umständlich, "wir, äh, schätzen Ihre Bemühungen, Frau Präsidentin, jedoch im monetären Bereich der sozusagen defizitären Haushaltslage...."


"Ja, ich weiß. Ihr seid pleite, aber so was von pleite", warf Dabi ein. "Da helfen nur drastische Massnahmen."


"Fressen kürzen?"


"Nein, Goldi, aber ähnlich. Bleibt noch eine Person, die ich für fähig halte, die Durchführung der Maßnahmen rechnerisch zu kontrollieren und die Gelder für den Aufbau der Messe zu verwalten: der Oberbuchhalter, dieser Zahlenhamster."


"Öhm.... nicht meine Nichte?”


"Puttchen Brammel?" erwiderte die Präsidentin. "Die hat lange keinen Urlaub gemacht, ja? Sie ist überarbeitet und sollte sofortigen Sonderurlaub kriegen. Wenn wir Glück haben, kommt sie ohnehin nicht wieder."


"Öhm... ist das nicht sozusagen etwas sehr drastisch, meine liebe Präsidings?"


"Je nun, mein lieber Bürgermeister, wollt ihr raus aus der Schuldenfalle oder was? Ich packe jetzt meine Koffer und dann fliegen wir nach Hamsterhausen!"


"Und was ist mit dem Bürgermeister? Irgendwelche drastische Massnahmen?" grinste Teeblättchen, während das kleine Raumschiff wenig später über dem Loch Broom schwebte und langsam Fahrt aufnahm.


"Wenn ich das richtig verstanden habe, steht das gesamte Rathaus doch ohnehin leer, oder?" Der Bürgermeister zuckte bei diesen Worten Dabis zusammen. "Je nun, damit ist doch wohl klar, wo die geplante Messe stattfindet. Räumlichkeiten, Möbel und sogar Steckdosen sind reichlich vorhanden. Die Produkte können dort vorgeführt werden, und alles ist vor Wind und Wetter geschützt."


"Und... mein Büro?" krächzte der Bürgermeister und wischte sich die ersten auftretenden Schweissperlen aus dem Gesicht.


"Das wird eine Kommunikationszentrale, Bürgermeister. Das kannst du doch! Du wirst die vielen Besucher begrüßen und darfst ein paar schöne, nette Reden halten. Da kannst du nicht viel falsch machen!" entgegnete Dabi mit einem Anflug von Grinsen in ihrem Gesicht.


Unter ihnen tauchte jetzt das majestätische Loch Ness auf, und das Raumschiff bewegte sich auf direktem Kurs auf Dundee zu. Als sie die kleine Hafenstadt am Firth of Tay erreichten und Dodo darauf beharrte, dass sie soeben Bremerhaven erreicht hatten, ließ Dabi ihn Landkarten sortieren. Damit war der große Hamster mehr als überfordert, und der Bauleiter konnte nun in Ruhe den Kurs der Schiffsautomatik anpassen.


Mitten auf der Hamsterhauser Hauptstrasse ging das Rennmausschiff nieder, und mit hoher Geschwindigkeit raste die Hamstertruppe durch Hamsterhausen. Durch eine massive Polizeisperre wurden sie gestoppt. Statt des erhofften herzlichen Willkommens sahen sie sich von Polizeihamstern umstellt, und als Bauleiter Murksel aus dem Schiff stieg, wurde er sogleich angebrüllt:


"Haben Sie das Schild mit der Geschwindigkeitsbegrenzung denn nicht gelesen?"


"Was denn, auch noch lesen bei dem Tempo?" brüllte der Bauleiter zurück, und als dann der Bürgermeister in der Ausstiegluke auftauchte, wurde den Polizisten klar, dass sie es doch nicht mit irgendwelchen Hooligans zu tun hatten.


In der Tat sahen eher die Polizisten aus wie die Hooligans: unmotiviert, da sie seit Wochen ohne Bezahlung arbeiteten, trugen einige bunte Stirnbänder, andere trugen Aufkleber mit der Aufschrift: 'Geld her, deine Polizei!' und wiederum andere trugen Äxte, da ihnen die Munition ausgegangen war, oder aber Steinschleudern. Nachdenklich betrachtete die BANTACH-Präsidentin dieses wüsten Haufen an Ordnungshütern, dann winkte sie Flecki zu sich:


"So ganz nach den Vorschriften sind die ja nun nicht gekleidet. Könntest du dich bitte darum kümmern, dass die in Zukunft etwas 'repräsentativer' aussehen?"


"Ich wüsste nicht, was ich lieber machen würde", grinste Flecki und nahm sofort ihre Arbeit auf.


"Herr Bauleiter", wandte sich Dabi nun an Murksel, "ist es möglich, das Rathaus in einen Messepalast umzubauen, ohne dass es dem Erdboden gleich gemacht wird?"


"Präsidentin, da verlangen Sie zu viel, das erfordert ja völlig neue Techniken!" lachten Tati und Teeblättchen, und auch Dabi konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.


"Tja", grummelte Murksel und kratzte sich am Kopf, "da brauche ich natürlich vernünftige Leute..."


"Hast du doch, Chef, oder?"


Murksel glotze Dodo an, schüttelte den Kopf und sagte nichts mehr.


"So, Herr Bürgermeister, jetzt fehlt nur noch eines: der Oberbuchhalter. Wir wollen uns jetzt mit ihm zusammen setzen und die Finanzierung besprechen!"


Der Bürgermeister öffnete den Mund, wollte etwas Geistreiches sagen, aber dann klappte er seinen Mund wieder zu und trottete brav hinter der Präsidentin her, hinein in das Rathaus.


"Tja, nun geht die große Schau los, was? Nun gibt es was tun tun, was meinst du, Dodo?" grinste Teeblättchen.


"Tun? Öh, also da fällt mir ein...."


"Bitte nicht!" stöhnte Hamstilidamst.


"Ach, komm, gib ihm doch eine Chance", gackerte Tati, "also was fällt dir zum Thema 'tun' ein?"


"Ja, da war mal ein Thunfisch", begann Dodo - Teeblättchen wälzte sich bereits auf dem Boden vor Lachen - und fuhr langsam fort. "und ein Wal. Das fragte der Wal den Thunfisch: 'Was wollen wir tun, Fisch?' und der Thunfisch hat gesagt: 'Du hast die Wahl, Wal'".