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Kapitel 11

Flucht und wieder mal Ullapool



"Ohne Abstimmung? Einfach so? Ohne Drohungen, Gewalt und Erpressung?"


"Ja, Goldi", fauchte Trampel und nahm das Funkgerät, das der Bauleiter ihm reichte. "Ich bin der Freiwillige. Einfach so!"


"Wir sind stolz auf dich, Trampel", erwiderte Goldi und klopfte ihm erneut auf die Schulter. "Aber denke daran: vor dem Flug die Arme hoch heben, Trampel."


"Warum das denn? Fliege ich dann besser?"


"Das vielleicht auch, aber man dir im Krankenhaus besser das Hemd ausziehen......"


Es dauerte ein paar Minuten bis der kreischende Trampel eingefangen und für den optimalen Start positioniert wurde, wie Goldi bemerkte. Dodo hielt Trampels linke Vorder- und Hinterpfote, und der Bauleiter war für die rechte Seite zuständig. Dann zählte Hamstilidamst auf Drei, und wild kreiselnd flog Freund Trampel in die Höhe, dicht am Rand des Kartons vorbei. Steil ging die Reise in die Luft, und da Dodos Starthilfe recht heftig ausgefallen war, wirbelte Trampel nun kreischend rechts herum durch die Luft.


"Eigentlich nicht schlecht", brummte Murksel. "Er sieht zwar aus wie ein bescheuerter Fellkreisel, aber dadurch erhält er mehr Auftrieb."


"Vielleicht sollte er nicht so stark mit den Armen rudern, dadurch fliegt er unrund...."


"Genau", stimmte Tati seinem Bruder Teeblättchen zu, "und statt unnötig zu kreischen, sollte er lieber Ausschau nach einem geeigneten Landeplatz halten..."


In diesem Moment klatschte es auf der anderen Seite des Kartons, und das Gekreische verstummte schlagartig.


"Ich glaube, er hat einen Landeplatz gefunden", rief Tuffi begeistert.


Nun folgten bange Minuten des Wartens und Schweigens. Lediglich der Bürgermeister warf die Frage nach einem 'ehrenvollen Begräbnis' auf, wurde aber durch einige vorwurfsvolle Blicke zum Schweigen gebracht. Dann war auf der anderen Seite des Kartons ein Wimmern und Wehklagen zu hören, das darauf schließen ließ, dass es Freund Trampel relativ gut ging.


"Bist du in Ordnung?" rief Flecki mit besorgtem Unterton in der Stimme.


"Beulen und Prellungen, mein Fell ist aufgeschürft....."


"Das sind gute Neuigkeiten, Trampel. Nun sieh mal zu, wie du uns hier rausholst!"


Ein wütendes Fauchen war zu hören, dann war nichts mehr zu hören. Nun hieß es wieder warten, während sich Trampel durch einen Türspalt zwängte und sich auf dem Weg zum Raumschiff machte.


"Hoffentlich trödelt der nicht solange oder hält sich mit irgendwelchen Wachhunden auf...", knurrte Murksel ungeduldig.


"Oder lässt sich als Moosbiber neu einkleiden", grinste Teeblättchen.


In der Tat hatte Freund Trampel erhebliche Mühe, seinen von der brutalen Landung schmerzenden Körper durch einen langen Flur zu schleppen. Als er den Ausgang erreicht hatte, hielt er vorsichtig Ausschau nach den Wachen. Wider Erwarten hatte er Glück. In der Ferne sah er 4 Gestalten, die auf dem Hof in merkwürdiger Art und Weise aufeinander zugingen und einander Gewehre überreichten. Trampel konnte sich überhaupt keinen Reim auf dieses merkwürdige Verhalten machen. Vorsichtig schlich er weiter und erreichte das Raumschiff. Verdammt! Welchen von den Knöpfen neben der Tür musste er drücken?


Mit leicht zitternden Pfoten drückte Trampel den obersten Knopf. Eine rot leuchtende Schrift erschien nun: "Bitte geben Sie das Passwort ein!"


Trampels Pfoten begannen heftiger zu zittern. Was nun? Verzweifelt drückte er noch einmal auf den Knopf. Dieses Mal erschien in blauer Schrift: "Haben Sie Ihr Passwort vergessen? Dann drücken Sie bitte den 2. Knopf!"


Der kleine Hamster schluckte und begann Hoffnung zu schöpften. Dann drückte er den 2. Knopf. "Passwort vergessen --> bitte geben Sie Ihr Passwort ein!" erschien nun in blinkender Schrift. Trampel spürte, wie seine kleinen Knie weich wurden, sein Magen begann zu schmerzen. Wieder drückte er auf den Knopf und eine erneute Anzeige erschien: "Ohne Passwort wird das nichts. Bitte drücken Sie den 3. Knopf."


Leise fluchend drückte Freund Trampel auf den 3. Knopf. "Ist ihnen das Passwort wieder eingefallen?" lachte ihm nun eine erneute Anzeige entgegen und auf dem Auswahlbild erschien: "Ja - nein - vielleicht". Trampel drückte auf 'nein' und eine neue Laufschrift teilte ihm mit, dass er Knopf 4 zu betätigen habe.


Nachdem Trampel Knopf 4 gedrückt hatte, war er einem Nervenzusammenbruch nahe: "Sie haben offenbar Ihr Passwort vergessen. Wenn Sie die Tür öffnen wollen, fahren Sie bitte mit Auswahlknopf 5 fort."


Nachdem er Auswahlknopf Nummer 5 betätigt hatte, fing Trampel an zu schluchzen, seine Magenschmerzen waren heftiger geworden, und er zitterte am ganzen Körper. "Ohne Passwort kommen Sie hier nicht rein. Bitte fortfahren mit Punkt 1 oder auf abbrechen drücken!" Heulend und mit den Nerven am Ende schlug Trampel mit seiner Pfote auf den Knopf "Abbrechen", denn mit Knopf 1 weiterzumachen wäre ja zwecklos gewesen.


Verschwommen sah der verzweifelte Hamster nun eine neuerliche Laufschrift aufblinken: "Der Zugang ohne Passwort ist nur über den Türgriff möglich!"


Trampel brauchte geschlagene 5 Minuten, um die Tragweite dieser Mitteilung zu verstehen. Er starrte auf den kleinen Hebel und so langsam dämmerte ihm, dass dieses eines der Erlebnisse in seinem Leben war, die er für immer für sich behalten würde. Dann öffnete er die Tür zum Raumschiff.


"Was macht der Kerl bloß so lange?" fauchte der Bauleiter und trat ungeduldig gegen den Karton.


"Vielleicht sind sie noch beim Vorstreichen", keckerte Tati, "oder sie mischen noch seine Farbe zusammen!"


"Auf jeden Fall sollten wir uns schon mal in Deckung begeben", schlug Flecki vor, "Trampel hat doch keine Ahnung vom Fliegen und wer weiß, wo und wie der landet!"


"Ein aufgeweichter, äh... ausgezeichneter Vorschlag!" rief der Bürgermeister. "Wir sollten in diese Dingsecke gehen, denn Freund Trampel kommt bestimmt aus der Richtung, wo die Dingstür ist!"


Dieser Vorschlag wurde, obwohl er vom Bürgermeister kam, für logisch und gut befunden, und somit verkrochen sich die Hamster auf der Seite des Kartons, der zur Eingangstür hin zeigte.


"Hier sind wir sicher", tönte der Bürgermeister. "Wir sind Hamster, wir sind dings, äh, anders. Wir machen es mit Hamstischer Intelligenz, nicht wahr, mein lieber Dose, äh, Dodo?


"Na klar, Herr Bürgermeister", rief der große Hamster, "schließlich haben wir es bis Schnorkhausen geschafft und schaffen noch mehr!"


"Richtig, mein lieber Frodo", lächelte der Bürgermeister stolz. "Hamstische Intelligenz hat uns hier her gedingst und wird uns weiter dingsen! Wie, mein guter Navidings, wie wird es weitergehen? Sag es mir!"


"Öh...." Dodo wirkte ein wenig verunsichert. "Jetzt gleich, Herr Bürgermeister?"


"Aber ja, mein lieber Domo, äh, Dings, lass einfach deine Hamstische Intelligenz sprechen...."


"Dumdideldummdei?"


Während seine Freunde sich nicht mehr vor Lachen halten konnten, hatte der kleine Trampel ganz andere Probleme. Im Rückwärtsgang, den er versehentlich eingelegt hatte, war er in einen Geranientopf geschossen und steckte fest. Also hieß es aussteigen, buddeln, sich das Fell schmutzig machen, einsteigen und noch einmal versuchen. Immerhin endete sein nächster Versuch nicht in einem Geranientopf sondern in einem Rhododendron. 'Rhododendron' stammt aus der Griechischen Sprache, schossen ihm die Worte seiner Lehrerin, Frau Piepnitz, durch den Kopf. Was ihm aber absolut nichts nützte in diesem Moment, und somit hieß es wieder aussteigen, buddeln, sich das Fell schmutzig machen, einsteigen und noch einmal versuchen.


Nach einem wackeligen, ungewollten Rundflug über den Hof des ehrwürdigen Buckingham Palastes endete das Rennmausschiff am Türrahmen des Nebeneingangs. Immerhin war Trampel somit seinem Ziel ein Stückchen näher gekommen, auch wenn es wirklich nicht sehr elegant aussah, als er nun das Raumschiff im Schritttempo durch den Eingang fuhr. Er klopfte sich die letzten Krümel der verräterischen Blumentopferde vom Fell, bevor er wieder einstieg, und atmete tief durch. Dann startete er und, nach zwei unschönen Begegnungen mit dem Türrahmen zum Nebenzimmer, in dem sich seine gefangenen Freunde befanden, setzte er zum Landeanflug auf den Karton an.


Leider kam er viel zu steil herunter, so dass er wieder durchstarten musste. Doch dann hatte er den Bogen heraus, und mit einer geschickten Wende kam er nun im großen Bogen von der anderen Seite! Schon wenige Sekunden später krachte er mitten in den Karton, vergaß Rückschub zu geben, flog gegen die Kartonwand und beförderte den gesamten Karton samt Inhalt hinunter vom Tisch.


"Wir sind gerettet, wir sind gerettet", jammerten Tati und Teeblättchen im Chor unter dem umgekippten Karton. Der befand sich nunmehr auf dem Fußboden. Tati und Teeblättchen waren nicht die einzigen, die jammerten und ihre verbeulten Körper beklagten. Die zittrige Stimme des Bauleiters war nun zu vernehmen:


"Sehr schön gemacht, Trampel, vielen Dank. Hat jemand etwas dagegen, wenn ich nun wieder das Steuer übernehme?"


In der Tat gab es keine Einsprüche, und nach wenigen Minuten waren die Hamster startbereit.


"Du hast das doch wohl mit dem Türhebel geschnallt, oder, Trampel?" meldete sich Murksel, nachdem er es sich auf dem Pilotensessel bequem gemacht hatte. "Mit den Knöpfen für die automatische Türöffnung kommst du nämlich nicht weit..."


"Aber klar doch", tönte Trampel, "ich bin doch kein Anfänger!"


"Da wir gerade von anfangen reden", rief nun Dodo, "wie fangen wir das denn nun an? Ich meine, wir sind doch unter dem Karton und sehen doch gar nicht, wohin wir fliegen. Wie soll ich dann navigieren, wenn ich nichts sehe?"


"Also, ein guter Navigator kann selbst in der Nacht navigieren..."


"Aber da schlafe ich doch, Goldi!"


Mit einem lauten Knurren beendete Bauleiter Murksel die unsinnige Diskussion. Dann startete er die Triebwerke.


"Wir werden", brüllte er, um den Lärm zu übertönen, "immer schön im Karton, ich meine, unter dem Karton bleiben, auch wenn es etwas laut ist. Das ist die beste Deckung. Wir schieben den einfach vor uns her, und wenn wir am Ausgang sind, gebe ich Gas, und das Ding fliegt weg wie nichts!"


"Äh, was, bitteschön, soll soll das mit der Deckung bedeuten?" fragte Flecki mit spöttischer Miene den neben ihr sitzenden Goldi. "Deckung wovor? Vor dem Entdecktwerden? Ist ja auch total unauffällig, wenn sich ein Karton durch den Palast bewegt..."


"Na ja, wir sind vor Regen geschützt", grinste Goldi.


"Festhalten!" brüllte in diesem Moment der Bauleiter. "Wir haben den Ausgang erreicht, gleich fliegt der Karton weg wie nichts!"


Die Triebwerke heulten im nächsten Moment auf, und die Hamster wurden durch die Fliehkraft in die Sitze, oder, falls sie nicht angeschnallt waren - wie gewisse Pechvögel - quer durch das Raumschiff geschleudert.


"Mist!" brüllte Murksel. "Der blöde Karton geht nicht ab!"


Dann folgte ein Aufschrei, der mehr wie ein verwundertes Brüllen klang. Das war einer der Wachleute, gegen dessen Kopf der Bauleiter den Raumschiffkarton gesteuert hatte.... Dann fiel ein Schuss, das war der, der sich aus seinem Gewehr gelöst hatte. Und dann war da noch ein weiteres Geräusch, nämlich das Geräusch einer durch den Schuss zerspringenden Glassscheibe. Abschließend war eine helle, keifende Stimme hinter der zerschossenen Glasscheibe zu hören: "My goodness! I am not amused!" Das war die Königin, die in der Tat nicht erfreut über das Ende ihrer edlen Viktorianischen Teekanne war, die soeben durch eine Gewehrkugel zerlegt worden war.


Niemand bemerkte in der allgemeinen Aufregung, dass sich unterhalb des Kartons ein kleines Raumschiff löste und mit hoher Geschwindigkeit in die Lüfte erhob.


"Bloß weg hier", wimmerte Dodo, "bestimmt kriegen wir wieder die Schuld..."


"Dodo, wir sind schuld!" fauchte Flecki. "Das war echt eine clevere Idee mit der Deckung und so..."


"Die Aufwinde im Hof waren zu schwach", knurrte Murksel, "der Karton war zu schwer und das Raumschiff zu schnell!"


"Unvorhersehbare Ereignisse", witzelte Tati.


"Ja, da ist selbst der beste Navigator machtlos..."


"Das ist mein Spruch, du Klopskalli!" knurrte Murksel. "Hast du dir schon mal Gedanken über unseren weiteren Kurs gemacht?"


Dodo verfiel in Schweigen und blätterte hektisch in den Karten. Wenn der Bauleiter das Schiff in nördliche Richtung lenkte und immer schön über Land blieb, konnte der Weg ja auch nicht falsch sein. Das Raumschiff hatte den Turbo zugeschaltet, raste über die Britische Insel hinweg und bald war deutlich zu erkennen, dass die Landschaft bergig wurde; hier und da tauchte ein See auf. Nun steuerte Murksel leicht nach Westen und schon bald kam die Küste in Sicht. Dann erhob sich ein Raunen an Bord und eine riesige Inselgruppe tauchte im Nordwesten auf.


"Die Hebriden", keuchte Tuffi, "die haben wir neulich in der Schule gehabt.... die inneren und äußeren Hebriden!"


"Genau", rief Hamstilidamst begeistert, "von Ullapool geht ja eine Fähre dorthin.... das heißt..."


"Genau", rief Bauleiter Murksel triumphierend, "welch ein perfekter Flug. Also, Navi-Dodo-Dings, wo sind wir?"


Dodo blätterte noch hektischer in seinen Karten, drehte sie mehrfach und keuchte: "Ich hab’s gleich, ich hab’s gleich!"


"Ich gebe dir mal einen Tipp", sagte Flecki mit ruhiger Stimme. "Dort hinten ist eine Hafenstadt. Die liegt am Loch Broom. Von dort fahren Fähren zu einer Insel.... also?"


"Bei dieser Hektik kann ich nicht arbeiten", heulte Dodo, "man muss mir doch eine Chance geben!"


"Schon klar, Dodo, lass dir ruhig Zeit...", grinste Teeblättchen.


Das Raumschiff flog nun langsamer und der Bauleiter drehte einen großen Bogen um Ullapool. Natürlich wollte er versuchen, direkt am Hafen zu landen, dort, wo sich damals die Filiale von BANTACH befunden hatte. Das Schiff glitt jetzt über das Loch Assynt, und Dasie klopfte Sasie aufgeregt auf die Schulter und deutete auf etwas, was sich in diesem Loch befand: Ardvreck Castle. Nun folgte das kleine Raumschiff dem Verlauf einer Straße in südlicher Richtung. Immer langsamer flog nun das kleine Rennmausschiff, und ein Raunen ging durch die Kabine, als eine Stadt in einem Tal auftauchte.


"Da! Da ist es!" rief der Bürgermeister. "Ich glaube mich erinnern zu können, hier mit meinem Luder, äh, Bruder ein Treffen auf höchster Ebene gehalten zu haben! Nun, mein lieber Navi-Dodo, was sagst du dazu? Sind wir da?"


"Ich hab’s doch gleich", heulte der große Hamster auf, "eine Minute noch, bitte, bitte!"


"Man fühlt sich doch gleich viel sicherer, wenn man von qualifizierten Fachkräften umgeben ist", stellte Teeblättchen trocken fest.


"Ja", erwiderte Tati, "nur schade, dass wir das niemals erleben werden!"


"Ich hab’s, ich hab’s, ich hab’s!" rief in diesem Moment Dodo und schwenkte eine der Karten.


"Und?" brummte Murksel, während das Raumschiff zu Landeanflug ansetzte.


"Cuxhaven!"