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Kapitel 9
Das Rennmaus-Raumschiff



"Wo?" riefen die Hamster wie aus einem Munde.


Es war dem großen Hamster ein wenig unangenehm, so plötzlich im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stehen.


"Ich glaube", begann er mit leiser Stimme, "ich habe da übernachtet."


"Im Rennmaus-Raumschiff? Du hast im Rennmaus-Raumschiff übernachtet, Dodo? Wo?"


Dodo sah Hamstilidamst verlegen an. "Na, neulich. Als ich noch eine Robbe war. Im Dorfteich."


"Da ist das Ding also untergegangen. Alles klar, Leute, sobald es dunkel ist, werden wir das Raumschiff bergen. Einen Kran borgen wir uns hier von der Baustelle aus. Dann bringen wir das Schiff hierher und machen es flott. Sobald die Sonne aufgeht, sind wir verschwunden. Ja, Bürgermeister?"


"Öhm, ich hätte da sozusagen eine Bitte. Darf ich ein letztes Mal Kormoran, äh, ich meine, Commander sein? Ich, öhm, verspreche, auch nichts zu sagen, ich hätte so gerne noch einmal auf dem Sessel des Capt'n gefressen, äh, gegessen ... ich meine natürlich gesessen. Selbstversendlich, öhm, können wir abstimmen oder so..."


Traurig blickte der Bürgermeister in die Runde, und mit einem Nicken stimmte der Bauleiter einer sofortigen Abstimmung zu. Zettel wurden an alle 14 Hamster verteilt, und nach wenigen Minuten gab Flecki das Ergebnis bekannt:


Ja-Stimmen: 1

Nein-Stimmen: keine

Enthaltungen: 10

Ungültige Stimmen: eine, da die Aussage: 'Ich will in den Dorfteich zurück' total daneben war, wie Flecki abschließend feststellte.


Da Finchen und Emmi lediglich Praktikanten waren, durften sie noch nicht mit abstimmen. Von Bauleiter Murksel erhielten sie den Auftrag, sich um die Baustelle zu kümmern und schon mal 'ein wenig aufzuräumen'. Trampel atmete übrigens in diesem Moment tief durch und war froh, dass es so etwas wie Praktikanten gab.


Nun galt es, die Vorbereitungen einzuleiten und das hieß in erster Linie, ein wenig Proviant und das notwendigste mitzunehmen. Es dauerte eine Weile, Goldi klarzumachen, dass 3 Koffer mit Lebensmitteln ein wenig überdimensioniert waren und ohnehin zuviel Gewicht für das kleine Rennmaus-Raumschiff bedeuten würden. Als die Sonne unterging, machte sich die Hamster-Truppe auf den Weg zum Dorfteich. Tuffi fuhr mit einem kleinen Kranwagen vorweg, und der Rest trottete hinterher. Die Stimmung war bestens, lediglich der Bürgermeister ging allen ein wenig auf den Keks mit seinem ständigen Gebrabbel, wie 'glücklich und öhm, geehrt' er sein, einstimmig gewählt worden zu sein. Ständig schaute er in den Abendhimmel und faselte etwas von 'Unendlichen Weiten'. Fleckis Hinweis, dass es äußerst unwahrscheinlich sei, auf dem Weg nach Ullapool am Weltall vorbeizukommen, quittierte er nur mit einem schwachsinnigen Grinsen. Nachdem er kurz nach dem Abmarsch beim Überqueren der Baustelle mehrfach in einen der vielen Schächte gefallen war, beruhigte er sich ein wenig und hielt zur allgemeinen Erleichterung vorläufig den Mund.


Das Bergen des kleinen Raumschiffes erwies sich als ein wenig problematisch, da der Kran samt Tuffi gleich beim ersten Versuch von Uferrand abrutschte und im Teich landete. Nach einigem Hin und Her musste ein weiterer Kran herbeigeholt werden, der von Goldi gesteuert wurde. Flecki und Bauleiter Murksel bekamen einen mittleren Wutanfall, nachdem Goldi auf der Anfahrt 8 Laternenpfähle abgeräumt hatte, da er, wie er sagte 'nur ein wenig für die Bergung üben wollte'. Nachdem kurz darauf auch dieser Kran im Dorfteich sein Ende fand, schien die Operation zunächst gescheitert. Um Mitternacht wurde beschlossen, einen Taucher einzusetzen und tatsächlich gelang es dem Bauleiter, in den Beständen der Werkzeugkammer einige alte Taucheranzüge zu finden. Nach kurzer Prüfung wurde festgestellt, dass nur einer von ihnen, nämlich der kleinste, noch einsatzfähig war. Nach noch kürzerer Prüfung wurde festgestellt, dass dieser Anzug nur einem kleinen Hamster, nämlich Trampel passen würde. Somit konnte auf eine Abstimmung verzichtet werden, und der jammernde Trampel wurde in hohem Bogen in den Dorfteich geworfen, damit er die notwendige Tiefe beim Eintauchen erreichen konnte, wie Goldi betonte.


Nach mehreren Tauchvorgängen stellte Trampel fest, dass das Raumschiff auf die Springbrunnenanlage gefallen war und mit dem Bug tief im Schlamm feststeckte.


"Aha, das war also der Grund, weshalb der Springbrunnen nicht mehr funktionierte", staunte Bauleiter Murksel. In der Tat hatte er schon vor Monaten den Auftrag der städtischen Gärtnerei erhalten, den Springbrunnen zu reparieren, nachdem dieser urplötzlich den Dienst versagt hatte, oder besser formuliert: verschwunden war. Somit war klar, dass das Raumschiff auf der Springbrunnenanlage lag und sie somit mit auf den Grund des Teiches gedrückt hatte. Nachdem Trampel Tuffi und Goldi an Land geholfen hatte, war seine Aufgabe erfüllt, und Bauleiter Murksel war auch sofort klar, was zu tun war.


"Tuffi, dreh mal die Wasserzufuhr für den Springbrunnen höher, so hoch wie es geht!"


Kurz darauf war ein deutliches Blubbern in der Mitte des Dorfteiches zu sehen, und nach einer knappen Stunde tauchte langsam das Rennmaus-Raumschiff an der Wasseroberfläche auf.


"Tuffi, dreh jetzt wieder auf normal. Haben wir den Auftrag der städtischen Gärtnerei noch irgendwo rumliegen? Ja? Gut, dann können wir denen eine gesalzene Rechnung schicken, und die können auch gleich die Rechnung für die Bergung von zwei Kränen übernehmen."


Da die Kräne nicht mehr zur Verfügung standen, wurde nun ein Lastwagen zur Bergung des Raumschiffes benötigt. Dieses Mal setzte sich Bauleiter Murksel persönlich ans Steuer, nachdem er dem Bitten und Betteln des Bürgermeisters nicht nachgegeben hatte, neben ihm auf dem Beifahrerplatz zu sitzen. Es ging zunächst auch alles gut, und der Bauleiter zog das Raumschiff langsam auf die benachbarte Grünfläche. Leider hatte ihm niemand gesagt, dass da ja noch ein Geländer um den Teich war, und als das Raumschiff an eben diesem Geländer festhing, passierte es. Nachdem es ja fast geschafft war, ging es nicht mehr vorwärts, obwohl der Bauleiter zunächst noch vorsichtig mehr Gas gab. Die verzweifelten Schreie Tuffis, dass da ein Geländer war, konnte der Bauleiter in seiner Fahrerkabine nicht hören, und so mussten die Hamster tatenlos zusehen, wie Bauleiter Murksel unter lautem Wutgebrüll den höchsten Gang einlegte und Vollgas gab. Es gab einen lauten, hässlichen Ton, dann schepperte es laut und der Motor des Lastwagens erstarb. Fluchend arbeitete sich der Bauleiter aus der zerstörten Fahrerkabine hervor und besah sich mit seiner Reparaturtruppe den Schaden. Das Raumschiff war wie mit einem Katapult von hinten auf den Lastwagen geschossen. Zum Glück war das Raumschiff heil geblieben, der Wagen jedoch hatte einen Totalschaden.


"Tuffi, setze den Lastwagen mal mit auf die Rechnung. Der ist beim Bergen der beiden Kräne leider etwas beschädigt worden!"


Eine kurze Überprüfung des Raumschiffes ergab, dass es sich in einem guten Zustand befand und einem Start nur noch ein paar Dinge im Wege standen, und zwar betraf das zunächst einmal die Startbahnlänge. Würde die Strecke quer durch die Hamstischen Schrebergärten und den dahinter befindlichen Erholungspark ausreichen? Bauleiter Murksel gab zu, dass er nur ungern das neue Fußballstadion des FC Hamsterhausen durchpflügen würde, schließlich war er an dem Bau beteiligt und hing ein wenig an dem schönen, neuen Stadion. Die nächste Frage betraf die Navigation des Raumschiffes, fest stand zunächst nur, dass Goldi sie nicht übernehmen durfte, da die Mehrheit der Hamster sich sonst geweigert hätte, das Raumschiff zu betreten. Goldis Alternativvorschlag, wieder die Waffen des Schiffes zu übernehmen, wurde mit dem Hinweis auf den friedlichen Charakter der Mission ebenfalls abgelehnt. Da Flecki sich ebenfalls weigerte, die von Rennmauspfoten kontaminierten Steuerelemente zu berühren, blieb es schließlich Bauleiter Murksel überlassen, das Schiff zu lenken und natürlich zunächst einmal zu starten.


"Und wie kommen wir da hin?" stellte Flecki die berechtigte Frage. "Kennt jemand den Weg? Erzählt mir bloß nichts von Hamstilidamst und seinen schottischen Vorfahren, sonst fange ich an zu krähen!"


"Machst du doch sowieso immer", brummte Goldi und musste sich sofort die Frage gefallen lassen, ob er denn, bitteschön wisse, wie man nach Schottland käme.


"Ist doch ganz einfach", antwortete er. "Karte und Kompass."


"Wunderbar, sozusagen ausgezeichnet", jubelte der Bürgermeister, "lasst uns ableben, äh, abheben!"


Jubelnd stürmten die Hamstertruppe nun hinein. Im nächsten Moment befanden sich alle im Inneren des Schiffes und sahen sich um. Der Schein einer Straßenlaterne gab ihnen wenigstens etwas Licht, so dass die Armaturen und die wenigen Schalter der kleinen Brücke gut zu erkennen waren.


"Dodo", rief Tati, "sag doch mal was!"


Der große Hamster starrte auf die Brücke, dann auf Tati und dann wieder auf die Brücke: "Und nun? Was machen wir nun?"


"Ausgezeichnet, das wollten wir hören!" jubelte Teeblättchen und stupste seinen Bruder an.


Der Bauleiter beäugte die Schalter, klopfte mal hier, mal dort, legte den Kopf schief und betrachtete mehrere Minuten lang die Armaturen eingehend.


"Schon eine Idee, verehrter Herr Murksel?"


"Nun, mein lieber Bürgermeister, der echte Profi prüft unbekannte Technik zunächst einmal eingehend, bevor er schnelle und falsche Urteile fällt. Nur ein blutiger Amateur würde in solcher Situation vorschnelle Schlüsse ziehen."


Zwei Stunden später machte sich leichte Unruhe bereit, als Murksel immer noch auf den Armaturen und Schaltern der kleinen Brücke herumklopfte, inzwischen allerdings etwas heftiger. Sogar in dem schwachen Licht der Straßenlaterne war zu erkennen, dass sein Kopf mittlerweile die Farbe einer überreifen Tomate angenommen hatte."


"Nun, öhm, Herr...."


"Wir soll ich mich bei dem Gesabbel konzentrieren?" unterbrach er den Bürgermeister, der nach Stunden des Schweigens die Frage aller Frage stellen wollte. "Wie soll ich außerirdische Technologie analysieren, wenn mir ständig jemand dazwischenquatscht?" Wütend trat er gegen die Wand des Raumschiffes und schlug mit seiner kleinen Faust auf eine der Armaturen. In diesem Moment gingen flackernd die Bordlichter an, und der Bauleiter sprang erschrocken zurück.


"Ein Hoch auf den Herrn Bauleiter!" rief Tuffi und der Rest der Hamstertruppe stimmte lachend ein.


"Na also", grölte der Bauleiter und stemmte seine viel zu kleinen Pfoten in seine viel zu fetten Hüften. Nun war auch sein Selbstvertrauen wiederhergestellt und er stand breitbeinig vor der Hauptkonsole – oder zumindest schien es die Hauptkonsole des Schiffes zu sein. "Gehen wir doch einmal logisch und analytisch vor", rief er und blickte auf die Schriftzeichen an den Armaturen. "Die Aufschrift 'Vorwärts' könnte ein Hinweis darauf sein, dass das Schiff sich in Richtung des Bugs bewegt, analog dazu wäre 'Rückwärts' das Gegenteil. 'Links' und 'Rechts' dürften der Steuerung dienen, 'Hoch' und 'Runter' wohl auch... und 'Start'? Nun, ich werde es einfach einmal testen."


Die Pfote des Bauleiters näherte sich zitternd dem Hebel mit der Aufschrift 'Start', doch bevor er drücken konnte, stand Flecki neben ihm und hielt seine Pfote fest. Er blickte sie erstaunt an und Flecki flötete:


"Wie wäre es, wenn der Profi vorher noch den Knopf 'Türen schießen' betätigen würde, damit unterwegs nicht die halbe Mannschaft verloren geht?"


Unter dem Gegacker einiger Hamster tat der Bauleiter ein solches und scheppernd schloss sich die Einstiegsluke. "Ist ein wenig eingerostet", knurrte Murksel und sah sich ein letztes Mal fragend zu seiner Truppe um. Ihm war sichtlich unwohl zumute, und er überlegte, ob er nicht jemandem den Vortritt lassen sollte.


"Geht das nun los?" fragte Goldi und gähnte gelangweilt.


"Du siehst doch, dass er Schiss hat..."


"Was habe ich?" brüllte Murksel und drehte sich um. "Sofort melden, wer das gesagt hat! Ich und Schiss haben? Ihr habt doch keine Ahnung, so etwas mache ich jeden Tag. Festhalten, ihr Weicheier, euch werde ich das zeigen!"


Mit hochrotem Kopf und reichlich Wut um Bauch drückte der Bauleiter den Hebel. Er drückte ihn nicht langsam und vorsichtig, nein, er drückte ihn bis zum Anschlag durch. Die Triebwerke zündeten sofort. "Na also, das haaaaaaaa....."


Der enorme Schub ließ ihm die Worte im Halse stecken bleiben und drückte ihn zusammen mit dem Rest der Truppe gegen die Wand des hinteren Teils der Brücke. Von hier aus hatten die Hamster eine hervorragende Sich auf das, was sich vor ihnen in Fahrtrichtung tat. Tatsächlich nahm das Rennmaus-Raumschiff Fahrt auf... sehr viel Fahrt, und es ließ sich auch nicht durch kleinere Hindernisse wie Zäune und Parkbänke aufhalten. Übrigens auch durch Bäume nicht. So durchquerte die Reisegesellschaft schnell den kleinen Park und näherte sich den Hamstischen Schrebergärten. Der äußere Begrenzungszaun war schnell überwunden und auch das neue Vereinshaus. Gebannt verfolgten die Hamster, wie nun ein Schrebergarten nebst Schreberhäuschen durchpflügt wurde. Als das Raumschiff gerade wieder durch eines dieser wunderschönen, kleinen Häuschen fuhr, erkannte Trampel seine neue Einrichtung wieder, die er gerade letzte Woche gekauft und in seinem Schreberhäuschen liebevoll untergebracht hatte.


Weiter ging es durch ein paar frisch gepflanzte Hecken und abschließend über die Vereinsfahne in den dahinter befindlichen Erholungspark. Der neue Pavillon, den der Bürgermeister vor wenigen Wochen persönlich und mit vielen Worten eingeweiht hatte, verschwand mit einem lauten, hässlichen Geräusch genauso die frisch angepflanzte Botanik. Weiter ging es über die große Freizeitwiese, ein paar Kastanienbäume und durch mehrere Hecken. Das Wimmern des Bürgermeisters war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu überhören, und auch dem Bauleiter wurde langsam klar, dass sein Handeln gefragt war.


"Ein bisschen viel Schub, wie?" rief Flecki Goldi zu, der begeistert aus dem vorderen Fenster sah, wie sich das rasende Schiff ungebremst dem großen Parkplatz vor dem neuen Fußballstadion des FC Hamsterhausen näherte. Das Pförtnerhäuschen war kein echter Gegner für das Raumschiff, auch die erste Reihe der parkenden Autos nicht, die von schlauen Hamstischen Bürgern hier abgestellt wurden, um Parkgebühren in der Innenstadt zu sparen. Das große Eingangstor zum Stadion war schnell geöffnet, lediglich die Haupttribüne bremste die Geschwindigkeit ein wenig und von der hinteren Wand im Inneren des Schiffes war ein gequältes 'NEIN!' zu hören. Im nächsten Moment krabbelte der Bauleiter verzweifelt gegen die enorme Fliehkraft an und riss den Hebel mit der Aufschrift 'Hoch' mit letzter Kraft nach oben. Dann folgte ein mehrfaches, lautes Scheppern, begleitet von dem Geheul eines gewissen Bauleiters, der mit ansehen musste, wie sämtliche Sitzreihen, die er in vielen Überstunden und überhöhten Rechnungen angebracht hatte, sich in die Luft verabschiedeten. Als Abschluss wurde der riesige Flutlichtmast halbiert, dann war das Rennmaus-Raumschiff endlich in der Luft.


"Sind wir jetzt im Weltraum?"


Niemand antwortete Dodo. Alle waren erschöpft und heilfroh, noch am Leben zu sein. Der Bürgermeister saß inzwischen auf dem Kommandosessel und tätschelte den Bauleiter, der schluchzend neben ihm am Boden lag und mit den Pfoten auf den Boden der Brücke trommelte.