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Kapitel 07 - 14

Durcheinander



Die nächsten Tage bescherten Hamsterhausen noch nie dagewesene Ereignisse. In der Tat war es Puttchen Brammel gelungen, die Hamstische Polizei, die Feuerwehr und alle anderen wieder an ihre Arbeitsplätze zu bewegen, da ein Passus in der Hamstischen Verordnung besagte, dass Streiks ohne Verhandlungen nicht länger als eine Woche dauern dürfen. Da die Verhandlungen von Puttchen und dem Bürgermeister geleitet wurden, gaben die Streikenden nach kurzer Zeit entnervt auf und nahmen mürrisch und widerwillig ihre Arbeit wieder auf. Diebe und miese Gestalten hatten in der Tat weiterhin ein leichtes Spiel, und auch der Verkehr brach immer wieder durch Unfälle zusammen. Es wurde mehrfach berichtet, dass die Verkehrshamster zwar den Verkehr hin und wieder leiteten, aber zwischendurch den Verkehr Verkehr sein ließen und des Öfteren Pausen einlegten.


Der Öffentliche Dienst war schlichtweg überfordert, da die vorgeschriebene Einhaltung des spirituellen Karmas die neuen Mitarbeiter dermaßen beschäftigte, dass für ihre eigentliche Arbeit keine Zeit mehr war. Anträge blieben liegen, Beschwerden wurden nie beantwortet.


Auch Beschwerden oder Anzeigen bei der HAMPO waren zwecklos. Die kommissarische Leiterin der Obersten Behörde Hamsterhausens hatte mehrere Verordnungen über die Pflege und Vorbereitung eines inneren Karmas zur zweckdienlichen spirituellen Versorgung der Hamsterhausener Bürger erlassen. Daraufhin waren die Beamten entweder mit der Neugestaltung ihrer Dienststellen beschäftigt, oder schlichtweg mit der Pflege ihres inneren Karmas beschäftigt, wie Trampel feststellen musste.


"Ich war auf der Polizeiwache, um mich zu beschweren", erklärte er seinen Freunden, während sie die ersten Versuche der Hilfskräfte Puttchen Brammels betrachteten, das große Zelt für die Hamstische Messe aufzustellen.


"Und?" gähnte der wachhabende Beamte und nahm seine Hinterpfoten langsam vom Schreibtisch.

"Ich soll 500 Sickel Parkgebühren zahlen, und ich habe keine Geld!" jammerte ich.

"Wieso?" kam die Gegenfrage, während der Beamte desinteressiert in einer Illustrierte blätterte.

"Also, das war so", erzählte ich ihm. "Ich hatte mir ein paar Gebrauchtwagen angesehen und blieb vor einem verbeulten Porsche stehen. Der Wagen hatte kürzlich einen Unfall gehabt und sah schlimm aus, aber immerhin: ein Porsche!"

"Aha, ein Porsche", gähnte der Beamte, während er die Illustrierte beiseite legte und sein Frühstück auspackte. "Hätte ich auch gerne. Und weiter?"

"Na ja, ich stehe da und träume, als der Besitzer des Geschäftes plötzlich neben mir steht und mich ansprach", schluchzte ich nun.

"Du kannst den Wagen haben, ich sehe ja wie sehr er dir gefällt, mein Freund!"

"Aber ich habe keine Geld..."

"Aber ich habe ein großes Herz, mein Hamstischer Freund, der Wagen gehört dir. Sei glücklich damit!"

"Oh, danke, vielen Dank!" rief ich und betrachtete glücklich den roten Sportwagen, der nun meiner war.

Der Wagenhändler ging langsam zu seinem Verkaufsshop zurück, doch dann drehte er sich um und brüllte: "Und jetzt sieh zu, dass du den Schrott von meinem Grundstück schaffst. Wenn die Mistkarre noch in einer Stunde auf meinem Hof steht, hole ich die Polizei!"

"In der Tat haben wir hier eine Anzeige gegen Sie vorliegen, Herr Trampel..."


"Dumm gelaufen", grinste Murksel während er betrachtete, wie ein Halteseil löste und ein Hamster durch dir Luft flog.


"Ja", bestätigte Trampel, "also bin ich zum Ortsamt gegangen, um Rechtshilfe zu bekommen."


"Die sind einfach zu blöde", lachte Goldi, während ein Seitenteil drei Hamster unter sich begrub.


"Ja, das auch", knurrte Trampel, "aber die waren alle damit beschäftigt, ihre Topfpflanzen umzustellen..."


"Echt, total abgefahren!" jubelten Tati und Teeblättchen, als sich das Hauptzelt selbstständig machte und in der Ferne verschwand.


"Ja, wirklich", bestätigte Trampel, "die haben sogar mit den blöden Pflanzen geredet!"


"Amateure", grunzte Bauleiter Murksel. "Aber nun erzähl mal, Trampel, was hatte der Polizist gesagt?"


"Trampel?" rief Flecki. "Warum klopfst du deinen Kopf auf den Boden?"


"Bestimmt sucht er sein Karma", wunderte sich Dodo. "Oh, schaut mal, der Wind hat gedreht und bringt das Zelt zurück!"


"Die haben echt Glück gehabt", stellte Murksel fest, als der Wind das riesige Zelt zurück auf den Bauplatz trieb, dabei scheppernd den gesamten Gerüstaufbau wegfegte und die Aushilfshamster schreiend versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. "So ein Zelt ist teuer!"


Interessiert betrachtete die Hamstertruppe, wie sich nun mit Blaulicht und Sirenengeheul die ersten Rettungswagen näherten, um das Karma der Hilfskräfte Puttchen Brammels zu retten.


"Bestimmt haben die wieder die falschen Schrauben genommen", lästerte Goldi und warf einen Seitenblick auf Murksel, der sofort antwortete:


"Schrauben? Ha, das sind simple Steckverbindungen mit einer 5 1/2 Sicherungsschelle, das baue ich euch in einer halben Stunde auf."


"Seht mal, das Zelt hat sich am Rettungswagen verhakt...", staunte Tuffi.


Die Reparaturtruppe sah begeistert zu, wie der Rettungswagen Richtung Hamsterhausener Krankenhaus losfuhr und dabei das riesige Hauptzelt hinter sich her schleppte. Mit lautem Scheppern sammelte es dabei Gerüstteile, Werkzeug und zwei verbliebene Hilfshamster ein und zog alles hinter sich her. Dann fuhr der Wagen mit hoher Geschwindigkeit durch den Hamsterhausener Verkehr, das Zelt und seinen Inhalt im Schlepptau. Nach zwei Minuten war das Spektakel beendet und der Platz, an dem eben noch die Aufbauten für die Hamstische Messe standen, leergefegt.


"Ein gutes Karma braucht eine aufgeräumte Umgebung", stellte Flecki fest. "Das haben die wirklich prima hingekriegt."


"Ich bin nur gespannt, was die noch alles abräumen, wenn die auf die Hamsterhausener Hauptstraße kommen", grinste Goldi. "Der Verkehr ist um diese Zeit dort recht dicht."


"Nun, sicherlich wird es am Anfang ein wenig schmerzhaft für einige, aber für die Verkehrsberuhigung sollte jeder ein paar kleine Opfer bringen", spottete Teeblättchen und Tati klopfte sich begeistert auf die Schenkel und rief:


"Und das schafft jede Menge Parkplätze!"


"Da wir gerade bei Autos und Verkehr sind", rief Goldi. "Treffen sich zwei Zapfsäulen. Sagt die eine: 'Na wie geht’s?' Sagt die andere: 'Normal, und Dir?' - 'Ey, echt Super!'


Die Reparaturhamster schüttelten sich vor Lachen und betrachteten die kommissarische Leiterin der Obersten Hamstischen Behörde, die in diesem Moment aus dem Rathaus gestürmt kam und nun auf einer leeren Fläche stand, wo sich eben noch eine Baustelle befunden hatte. Sie wandte sich an einen Polizeibeamten, der gerade in sein Fahrzeug steigen wollte, nachdem er ein paar Notizen zum Unfallhergang gemacht hatte. Puttchen Brammel schien mit irgendetwas nicht zufrieden zu sein und die Reparaturtruppe lauschte gebannt. Puttchen rief etwas von der 'Symmetrie der Dinge' und machte sich an den Rückspiegeln seines Fahrzeugs zu schaffen. Sie drehte eine Weile an den Spiegeln hin und her, bis beide Rückspiegel in selben Winkel zueinander standen. “45 Grad, das ist die magische Zahl der Symmetrie“, erscholl ihre Stimme. Dann setzt sich das Polizeifahrzeug in Gang. Als es auf die Hauptstraße abbog, schepperte es, und das Kreischen von Bremen, Quietschen von Reifen und erneutes Scheppern war zu hören.


"Anscheinend hat der Fahrer den nachfolgenden Verkehr nicht gesehen", keuchte Hamstilidamst.


"Falsch eingestellt Rückspiegel sind eine häufige Unfallursache", grinste Goldi.


"Wir sollten Urlaub machen, Leute", sprach Flecki nachdenklich, "möglichst weit weg von hier."


In diesem Moment bekam der Bürgermeister Besuch, auf den er erstens nicht scharf und zweitens völlig unvorbereitet war, da er gerade sämtliche Bilder und Topfpflanzen in seinem Büro versuchte, symmetrisch anzuordnen oder zumindest in einen 45°-Winkel zu bringen. Leider war ihm gerade der Hibiskus umgestürzt, als ein modisch gekleideter Hamster eintrat, der sich als Agent des Sängers Hamsterquallo vorstellte.


"Oh, komme ich ungelegen, Herr Bürgermeister? Ich möchte Sie nicht beim Dekorieren stören, aber es handelt sich um etwas Brisantes."


"Öhm, nein, Sie stören, äh, ich meine ja, Sie stören nicht. Um welche Brise handelt es sich denn?


"Nun, Herr Bürgermeister, meinem Klienten - Herrn Hamsterquallo - ist ja nun ein Unglück bei der Ankündigung zur 1. Hamstischen Messe widerfahren. Sicherlich ist Ihnen bekannt, dass er in ein Krankenhaus eingeliefert wurde und das..." Der Agent machte eine bedeutungsschwere Pause. "Nun, dass führte dazu dass Herr Hamsterquallo Konzerte absagen musste, und nun fordern die Veranstalter natürlich Geld von ihm zurück."


"Tja, öhm, also ich habe davon gehört..."


"Herr Bürgermeister, Sie befanden sich in unmittelbarer Nähe!"


"Ja, natürlich. Ich erinnere mich sozusagen. Aber sein Sie verdingst, äh, sichert, dass Hamsterhausen kein Geld von ihm fordern wird. Wir sind gewissermaßen froh und glücklich, dass Herr Qualle in einem unserer schönen Krankenhäuser endete, öhm, ich meine, sich aufhalten durfte."


"Hamsterquallo ist sein Name, Herr Bürgermeister, und weder mein Klient noch ich sind froh über die Tatsache, dass er im Krankenhaus endete. Wer soll nun die ausgefallenen Konzerte bezahlen?" wurde der Agent nun ein wenig deutlicher.


"Öhm, tja, wer soll das bezahlen?" überlegte der Bürgermeister. "Vielleicht fragen sie Frau Gammel, äh, Brammel, sozusagen die Verantwortliche hier. Wer ist übrigens dieser Herr Klient von dem Sie da sprachen?"


Kaum hatte der Agent das Zimmer des Bürgermeisters angewidert verlassen, da klopfte es erneut und eine vornehm aussehende Hamsterdame trat ein, stieg vorsichtig über die Reste der Hibiskuspflanze und stellte sich als Agentin der Sängerin Agnelia von Hamsterqualle vor. Auch hier folgte eine längere Unterredung, die von Telefonanrufen seiner Nichte unterbrochen wurde, die von ihrem Bürgermeister-Onkel wissen wollte, wer für Barauszahlungen von größeren Summen im Rathaus verantwortlich sei. Nachdem auch diese Besucherin an die kommissarische Leiterin weitergeleitet wurde, klopfte es erneut an der Tür seines Büros, und so ging es den ganzen Tag weiter. Eine Menge Leute hatten Schadensersatzforderungen an Hamsterhausen, und am Abend stellte sich heraus, dass Hamsterhausen sozusagen pleite war. Wieder einmal.


Somit konnte Hamsterhausen seinen vielen Angestellten das Gehalt nicht mehr bezahlen. Am nächsten Tag streikte die Müllabfuhr, danach die Verkehrsbetriebe. Puttchen Brammel wurde, nachdem die Verhandlungen des Bürgermeisters grandios gescheitert waren, zur Wortführerin, um der Müllabfuhr und den Verkehrsbetrieben klarzumachen, warum sie nicht streiken sollten. Auch die Verhandlungen mit seiner organisatorischen Leiterin scheiterten, da die Mitarbeiter der Müllabfuhr mit Karma nichts zu tun haben wollten. Ebenso die Verkehrsbetriebe. Nach und nach schlossen sich die übrigen Einrichtungen Hamsterhausen an.


Einzig und alleine im Rathaus herrschte hektisches Treiben. Sogar der Bürgermeister versuchte telefonisch zu retten, was noch zu retten war. Nachdem aber auch die Telefongesellschaft Hamsterhausen mangels Bezahlung in den Streik trat, gab es nichts mehr zu telefonieren und so watschelte der Bürgermeister von Mitarbeiter zu Mitarbeiter, ohne jedoch irgendetwas Sinnvolles dabei zu erreichen. In einer einberufenen Krisensitzung wurde beschlossen, unverzüglich ein Zeichen zu setzten und den Bau der Ersten Hamstischen Messe fortzusetzen.


"Sagt mal Leute", wunderte sich Goldi am nächsten Morgen, als die Reparaturtruppe ihren Streik auf dem Bauplatz vor dem Rathaus fortsetzte, "haben die den noch nicht genug aufs Maul gekriegt? Was machen die denn da?"


"Ich würde sagen, die bauen weiter", entgegnete Hamstilidamst verwundert.


"Unfachmännisch", knurrte der Bauleiter, "und wenn ich sehe, dass sogar der Bürgermeister mitmacht, müssen die wirklich arm dran sein."


"Klasse", rief Goldi und packte sein zweites Frühstück aus, "jetzt gibt es Katastrophe pur!"


Die Hamster machten es sich so bequem es ging und betrachteten begeistert, wie die Hilfskräfte Dumpf und Backe unter einem umfallenden Gerüst begraben wurden, woraufhin die kommissarische Leiterin der Ersten Hamstischen Messe einen Tobsuchtsanfall bekam und ihnen mangelnde spirituelle Grundeinstellung vorwarf.


"Die haben vergessen, die Seitenstreben festzulaschen", frohlockte Bauleiter Murksel. "Ein typischer Anfängerfehler!"


"Ja, ja, die typischen Anfängerfehler kennt unser Bauleiter alle", ertönte es aus der Hamsterschar, doch Murksel schien es nicht gehört zu haben, denn seine Aufmerksamkeit galt nun dem Bürgermeister, der kreischend in einem Bauschacht verschwand.


"Also bei dem Tempo wird das wohl die letzte Hamstische Messe bleiben", stellte Flecki bedauernd fest und betrachtete fasziniert, wie Puttchen Brammel verzweifelt versuchte, einem umstürzenden Werbeplakat zu entkommen.


Nach einer Stunde war der Spuk vorüber und sehr zum Bedauern der Reparaturtruppe wurden die Ausbauarbeiten beendet. Lediglich der Bürgermeister befand sich noch an der Baustelle, nachdem er mühselig aus dem Bauschacht wieder herausgekrochen war.


"Wir sollten ihnen helfen!" entfuhr es Flecki, und alle sahen sie entgeistert an.


"Aber warum denn", fragte Goldi, "die kommen doch auch wunderbar ohne uns klar..."


"Sie hat Recht", riefen Emmi und Dasie im Chor.


"Sie sind unsere Freunde und Brüder und Schwestern, na ja, vielleicht mehr Brüder und Schwestern, aber wenn wir nicht bald was machen, gibt es kein Hamsterhausen mehr."


In diesem Moment näherte sich torkelnd der Bürgermeister. Sein Weg zurück ins Rathaus führte ihn dicht an der Reparaturtruppe vorbei.


"Gut", brummte Bauleiter Murksel und erhob sich. "Aber nur, weil es um Hamsterhausen geht."