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Hamsterpublikum

Kapitel 36

Zurück in Hamsterhausen



Die Verspätung der 'Duke of Scandinavia' erwies sich als Glückfall für die Reisetruppe. Statt einer gründlichen Kontrolle wurden alle Wagen nur hektisch durchgewinkt und durften die Grenze ohne weitere Formalitäten passieren. Vim van der Slampe atmete erleichtert auf, denn es wäre auch dem dümmsten Zöllner aufgefallen, dass die Fahrerkabine mit insgesamt drei Leuten recht überfüllt war. Die Hamster befanden sich wieder in der Schlafkoje und beäugten ihr eigenes kleines Fahrzeug, das der Lkw-Fahrer in den letzten Tagen vollständig repariert hatte.

"He, Leute, ich fahre uns nachher zurück, ok?" rief Goldi hoffnungsvoll.

"Von mir aus", knurrte Flecki, "aber wenn das wieder knallt und du Fahrerflucht begehst, dann war das das letzte Mal!"

"Ich zum Beispiel habe noch nie Fahrerflucht begangen", rief Tuffi empört.

"Ich auch nicht", schaufte Trampel, "Ich habe noch nie Fahrerflucht begangen; im Gegenteil, ich musste immer  weggetragen werden."

"Das ist doch alles egal", knurrte Murksel. "Was mir wirklich Sorgen macht, ist die Frage, ob das 2. und 3. Reparaturteam mit den Bauarbeiten fertig geworden ist. Schließlich war ich ja nicht da und konnte Anweisungen geben."

"Aber Chef", mischte sich Tuffi aufgeregt ein, "als du das letzte Mal mit einer satten Grippe im Bett lagst, weil du fast in der Kanalisation abgesoffen warst, da mussten wir auch alleine weiter machen. Wir sind mit dem Bau sogar schneller als sonst fertig geworden und haben in der halben Zeit..."

"Tuffi!"

"OK, Chef, ich halte die Schnauze!"

"Und was ist, wenn nichts fertig ist?" fragte Dodo mit ängstlichem Gesicht. "Ich meine, Autoscooter und so ist mir sowieso zu gefährlich, aber eine schöne Zuckerwatte wäre nicht schlecht."

Niemand antwortete ihm, denn außer Abwarten und Kekse essen war im Moment nichts zu machen. Der Bürgermeister war besonders nervös und watschelte von einer Ecke der Schlafkoje zur anderen. Von dem Hin- und Hergewatschel genervt, waren die Hamster trotz heftigem Herzklopfen erleichtert, als sie nach einigen Stunden die Worte des Lkw-Fahrers hörten: "Wir sind da, meine Herren, das ist der Parkplatz." Er stieg aus und sah sich um. McShredder und McClown folgten ihm sofort.

"Oh, nein!" fluchte Vim van der Slampe leise.

"Was ist los,Vim?" fragte Frido neugierig, "Stimmt etwas nicht?"

"Äh, nein, es ist alles, äh, in Ordnung", antwortete der Lkw-Fahrer mit leiser Stimme und starrte auf einen riesigen, blauen Lastwagen, der nur wenige Meter entfernt parkte, und der seinem ungeliebten Kumpel Ruud Kloetsack gehörte. "Es ist nur so, dass ich leider den Besitzer des Lkws dort vorne gut kenne und..."

"Na, Vim, du alte Schlampe!" ertönte hinter ihnen eine grölende Stimme, "was hast du denn da für Figuren angeschleppt?"

Ein großer, stämmiger Mann trat näher und warf einen kurzen Blick auf den Butler und einen längeren auf den alten Lord. Vim van der Slampe grinste verlegen und wusste nicht so recht, was er sagen sollte.

"Kriegst du nicht mehr genug Geld für deine armseligen Transporte, oder warum schleppst du hier ein Altersheim mit?" kam die nächste gegrölte Frage.

"Warum haut denn Vim diesem hässlichen Typ nicht einfach was in die Fesse und gut?" fragte Goldi, der zusammen mit seinen Freunden die Szene von der Schlafkoje aus betrachtete. Ihre großen Knopfaugen verfolgten jede Bewegung, die dort draußen auf dem Parkplatz passierte. Es schien für einen Moment, als hätte Ruud Kloetsack seinen Spaß gehabt und würde in seinen Lastwagen steigen, als plötzlich eine wütende, krächzende Stimme hinter ihm her rief: "He, junger Mann!"

Ruud Kloetsack drehte seinen bulligen Kopf samt seinen breiten Schultern in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war.

"Was ist los, Opa Vogelscheuche?" knurrte er und baute sich bedrohlich vor dem alten Lord auf.

"Ich glaube", entgegnete McShredder, "wir sollten hier mal einiges klären. Du, Sklave mit einem Gorillagesicht, wirst dich jetzt mal ganz schnell entschuldigen. Ich bin Lord McShredder, der Bezwinger des Loch Ness Monsters, der Lord von Killichonan und der Nachfahre des Lords of Lourne von Dunollie-Castle!"

"Und der König vom Loch Ness", fügte McClown grinsend hinzu.

Ruud Kloetsack wirkte verunsichert, denn er lebte in einem Land, das noch eine Königin besaß, und deshalb hatte er immer großen Respekt vor dem Adel gehabt.

"Ich meine, ich, äh, das wusste ich doch nicht und..."

"Er wusste es nicht!" schrie der Lord aufgebracht. "Ich könnte dich von meinem Diener verprügeln und niedermetzeln lassen, ist dir das klar, du elender Lakai?"

Frido McClown faltete zitternd seine Hände und betete, dass es nicht dazu käme.

"Aber ich sagte doch, dass ich nichts davon wusste..."

"Er wusste nichts davon", äffte McShredder den bulligen Lkw-Fahrer nach, "er wusste nichts davon. Er hat mich beleidigt, ist ihm das klar?"

"Wem?" fragte Ruud Kloetsack verwundert.

"Nun, dir natürlich, du Ausgeburt der Dummheit und Hässlichkeit!" keifte der Lord. "Ich sollte dich für alle Ewigkeiten in meinem Kerker verrotten lassen! McClown, schnappen Sie sich diese Missgeburt, aber lassen Sie ihn leben. Er soll vorher noch vor Gericht kommen!"

"Sir, ich...", begann McClown, doch der völlig überraschte Ruud Kloetsack trat einen Schritt zurück, warf einen Blick auf den Butler und fragte erstaunt: "Dieser Hänfling?"

"Du hast schon wieder einen Fehler gemacht, Monstergesicht! Du hast meinen Diener wütend gemacht, und das ist schlecht für dich, denn er hat Sawney Bean mit bloßen Händen gefangen!"

"Wen hat er gefangen?" fragte der riesige Lkw-Fahrer ungläubig.

"Du kennst Alexander Sawney Bean nicht? Er war das Monster der Highlands, ein Räuber und Menschenfresser. Eine ganze Armee hat ihn nicht zur Strecke bringen können, also sprich dein letztes Gebet, elender Sklave!"

Der Butler hob seine Hand, um den Lord darauf aufmerksam zu machen, dass Sawney Bean und seine Sippe in der Nähe von Galloway im Südwesten Schottlands gelebt hatten, und dass all das im 15. Jahrhundert stattgefunden hatte, und er, Frido McClown nicht das Geringste damit zu tun hatte. Ruud Kloetsack sah jedoch nur die erhobene Hand des vermeindlichen Monsterjägers und fiel auf die Knie: "Verzeihung, Mijnherr Lord, Verzeihung! Wie kann ich das wieder gutmachen?"

Der Lord trat ganz dicht an den auf dem Boden knienden Mann zu, drehte sich zu seinem Butler um und fragte: "Haben wir in unserem Kerker noch genug Platz, McClown?"

Frido McClown schien einen Moment nachzudenken, dann lächelte er und sprach: "Wir könnten die eine oder andere Hinrichtung vorziehen, Sir, dann hätten wir wieder ein paar Zellen frei."

"Sehr gut", erwiderte der alte Lord, "dann nehmen wir ihn gleich mit, was meinen Sie, Mr. van der Slampe?"

Vim van der Slampe hatte die ganze Zeit schweigend und verblüfft zugesehen, was sich hier so abspielte. Er hatte inzwischen sogar schon Mitleid mit seinem rauen Kumpel und daher sagte er: "Ach, Sir Lord, der Mann dort ist eigentlich kein schlechter Mensch. Er ist nur ein wenig grob und ungehobelt. Bestimmt tut er es nicht wieder."

Der Lord schwieg und holte seine Pfeife hervor, stopfte den darin befindlichen Tabak ein wenig nach und zündete sie an. Er ging langsam ein paar Schritte hin und her, zog an der Pfeife und blies den Rauch nach oben. Fast zehn Minuten ging dieses Spielchen nun, während der immer noch kniende Lkw-Fahrer Blut und Wasser schwitzte. Dann nahm der Alte die Pfeife aus dem Mund, zeigte auf den schwitzenden Lkw-Fahrer und sprach: "Nun gut, Sklave, danke deinem Kollegen, dass er sich für dich eingesetzt hat! Du bist begnadigt - verschwinde!"

Ruud Kloetsack ließ sich das nicht zweimal sagen. Eben noch den sicheren Tod vor den Augen, sprang er auf, lief auf Vim van der Slampe zu und umarmte ihn. "Vim, mein lieber Vim, das werde ich dir nie vergessen, ich werde für immer dein Freund sein!" Dann rannte er, ohne sich noch einmal nach dem Lord oder seinem Butler umzuschauen, zu seinem blauen Lastwagen, sprang hinein, und nach einer weiteren Minute war nur noch ein fernes Motorengeräusch zu hören.

"Tja", sprach der Lord und zog genüßlich an seiner Pfeife, "mit dem werden Sie wohl keinen Ärger mehr haben. Sie waren so freundlich und haben uns hierher gefahren, somit sind wir quitt. Ein Lord vergisst nie eine gute Tat!"

Vim van der Slampe schien wie vom Dommer gerührt zu sein und wusste nicht, was er sagen sollte. Der miese Ruud Kloetsack würde ihn endlich in Ruhe lassen! "Danke", stammelte er, "vielen Dank. In drei Tagen werde ich wieder hier Rast machen, wenn ich Sie dann  mit zurück nach Amsterdam nehmen soll..."

Kurz darauf fuhr der Lkw-Fahrer fröhlich pfeifend wieder Richtung Westen; sein Ziel war nun der Käsemarkt in Alkmaar. Frido McClown hatte den Inhalt der Koffer wieder umgepackt und und folgte keuchend dem Lord. Der widerum regte sich mächtig darüber auf, dass die Hamster mit ihrem Wagen vorwegfuhren, während er, der Lord von vielen Dingen, völlig unangemessen zu Fuß gehen musste. Zu allem Unglück begann es zu regnen, der Himmel verfinsterte sich, und in der Ferne war Donnergrollen zu hören.

"Prächtig, McClown, da fühlt man sich doch gleich heimisch. Geben Sie mir mal einen Regenschirm aus dem Koffer!"

"Sir, wir haben keinen Regenschirm, Sir."

"McClown, Sie sind nutznutzig und nachlässig. Warum haben Sie keinen Regenschirm mitgenommen?"

"Nun, Sir, Sie hielten diesen überflüssigen Schnickschnack bisher für besonders überflüssig und daher haben wir nie einen gekauft."

Der Lord antwortete nicht, sondern folgte dem Hamsterwagen, der erstaunlich geschickt über den unebenen Waldboden gesteuert wurde. Der Regen nahm zu, und zu dem lauter werdenden Donnergrollen gesellten sich die ersten Blitze. Der Weg wurde nun immer schmaler und war bald nur noch ein Trampelpfad, bis er schließlich nicht mehr als ein Pfad zu erkennen war. Das kleine Hamsterauto jedoch fuhr unverdrossen weiter durch das Dickicht, blieb hin und wieder im aufgeweichten Boden stecken, und wurde von zwei Hamstern - einem größeren und einem kleineren - jedesmal angeschoben. Der Regen war nun so heftig geworden, dass die beiden Männer nur noch dem Wagen hinterherliefen, denn sie hatten schon lange die Orientierung verloren. Zwischendurch passierten sie eine Felswand, und McClown erinnerte sich dunkel, dass er hier schon einmal vor langer Zeit gewesen war. Dann war es endlich geschafft, der kleine Wagen stoppte und der Bürgermeister stieg aus.

"Mein Herren, ich darf Sie sozusagen im Namen aller Hamster in unserem wunderschönen Hamsterhausen begrüßen und wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt und möchten bei dieser Gelegenheit einmal darauf hinweisen..."

"Was will der mopsige Nager von uns, McClown?"

"Nun, Sir, er begrüßt uns in Hamsterhausen."

"Fein, fragen Sie ihn nach einer trockenen Unterkunft wo wir übernachten können!"

McClown ging vor dem immer noch redenden Bürgermeister in die Hocke. Als der mit seiner Rede aber immer noch nicht aufhörte, tippte ihm der Butler ein paar Mal mit dem Finger vorsichtig auf den Kopf und teilte ihm die Frage des Lords mit.

Während die beiden Männer nun unter einem Baum ein wenig Schutz vor dem heftigen Regen suchten, zogen sich die Hamster zu einer Beratung in ein nahe gelegenes Häuschen zurück. Es war das Haus mit der Nummer 1 der Hauptstrasse Hamsterhausens, und die Besitzerin, die vornehme Hamsterdame Minzie von Streu, war gerade im Begriff, sich ein wenig zur Ruhe zu begeben, da das Wetter auf jeden anständigen Hamster eine einschläfernde Wirkung hatte. Sie war daher zunächst verärgert, als es heftig an der Tür klopfte, und im nächsten Moment völlig aus der Fassung, als der Bürgermeister und eine ganze Gruppe von Hamstern vor ihr stand und Einlass begehrte. Als sie Bauleiter Murksel erkannte, verfinsterten sich ihre Züge, denn sie erinnerte sich noch gut daran, dass dieser rücksichtslose Hamster kürzlich ihre wunderschönen Brombeerbüsche zerstört hatte, als er bei der Reparatur ihres Daches abgestürzt war. Das Dach leckte übrigens immer noch, wie der Eimer in der Mitte ihrer geräumigen Stube deutlich zeigte.

"Meine liebe Dame", begann der Bürgermeister, "es wäre uns eine besondere Ehre, und damit spreche ich im Namen aller meiner Mitreisenden, für eine kurze Besprechung bei Ihnen Unterschlupf zu finden und ich möchte..."

"Ich möchte jetzt auch einmal etwas sagen, Herr Bürgermeister", unterbrach ihn die vornehme Hamsterdame, "mein Dach leckt immer noch, und wenn der Herr Murksel das nicht sofort repariert, kommt hier niemand rein!"

Zur gleichen Zeit hatte Lord McShredder den Versuch aufgegeben, sich im strömenden Regen unter dem Baum eine Pfeife anzustecken. Er zeigte auf das kleine Häuschen, das am Anfang einer ebenso kleinen Straße stand und rief verwundert: "Sehen Sie mal, McClown, der zerfledderte dicke Hamster mit dem angesengtem Fell sitzt auf dem Dach und klopft herum. Was soll denn das nun schon wieder?"

"Keine Ahnung, Sir, es muss sich um eine hamstische Sitte handeln, vielleicht wollen die damit den Regen vertreiben."

Unterdessen hatten es sich die Hamster gemütlich gemacht und ließen sich von Fräulein Minzie mit einem selbst gebackenen Sonnenblumenkuchen verwöhnen. Wenig später kam der völlig durchnässte Bauleiter dazu, nachdem er das Dach notdürftig geflickt hatte. Der Bürgermeister begann nun, die Tagesordnungspunkte zu bestimmen. Punkt 1 der Tagesordnung war natürlich die Frage, wo McShredder und McClown untergebracht werden sollten. Punkt 2 war allerdings für den Bürgermeister der weitaus wichtigere, nämlich die Frage, wie sah es in Hamsterhausen zur Zeit aus, vor allen Dingen: Was war aus dem Projekt 'Pleasure Dome' geworden? Zu Punkt 2 konnte Fräulein Minzie von Streu etwas sagen, und nachdem der Bürgermeister langatmig und ausführlich die Frage nach dem Stand der Bauarbeiten des neuen Vergnügungsparks gestellt hatte, sagte sie nach kurzem Nachdenken: "Nun, soweit ich weiß, hat der Baulärm der letzten Zeit aufgehört. Ich interessiere mich nicht sonderlich für solche modernen Sachen, aber meine Nachbarin Finchen sagte mir gestern, dass auf dem Rathausplatz etwas Neues gebaut worden ist."

Der Bürgermeister tippte mit seiner linken Pfote auf den Fussboden, Bauleiter Murksel, der ein Handtuch um den Kopf trug, schaute ungläubig Tuffi an. Tuffi zuckte mit den Schultern und sah fragend Trampel an, der sich gerade an einem Stück Kuchen verschluckt hatte und von Dodo so kräftig auf den Rücken geklopft wurde, dass er vom Stuhl flog.

"Hah", rief Flecki, "Hamsterhausen steht noch und es ist etwas Neues gebaut worden. Was sagt uns das, Goldi?"

"Das sagt uns, dass Bauleiter Murksel wohl in Urlaub gewesen ist."

"Da- das kann ich mir alles nicht vorstellen", stammelte Murksel, "da muss etwas schiefgegangen sein."

"Aber, aber, mein lieber Bauleiter, Sie haben doch sozusagen vor unserer Abfahrt genaue Instruktionen, wenn ich mich richtig an ihre Worte zu erinnern pflege, gewissermaßen erteilt, die einen korrekten Arbeitsablauf ermöglichten. War es nicht so, mein lieber Murksel?"

Der Bauleiter nickte stumm und knabberte an seinem Stück Kuchen.

"Hauptsache, mein Dach leckt nicht mehr!" rief  Fräulein Minzie, "Sie hatten gesagt, Sie kommen am nächsten Tag. Das war vor 4 Monaten!"

Der Bauleiter nickte stumm und knabberte weiter an seinem Kuchen.

"Der Chef wollte ja auch kommen, doch dann kam ein Anruf, dass bei den städtischen Gaswerken ein Leck war, und da hat er gemeint, dass da mehr zu verdienen ist, und dann hat er..."

"Tuffi!"

"OK, Chef, alles klar. Ich wollte ja nur..."

"Ohm, vielleicht sollten wir nun zum 1. Tagespunkt kommen", unterbrach der Bürgermeister die peinliche Situation. "Wir brauchen eine Dings, äh, Unterkunft für den Lord und diesen McClown. Ich erwarte Vorschläge, meine lieben Hamsterfreunde!"

"Ich habe eine große Dingsunterkunft, " sagte Dodo.

"Ach hör auf, Dodo", meinte Flecki kopfschüttelnd, die beiden Riesen passen da doch niemals rein. Nach der letzten Fressparty hattest sogar du Schwierigkeiten, durch zu Haustür zu kömmen."

"Und wenn ich im Flur schlafe?"

Flecki schüttelte erneut den Kopf. "Ich sehe das sowieso nicht ein, warum sollen die nicht draußen schlafen? Schließlich mussten wir auch oft draußen schlafen!"

Nun folgte ein ausführliche Diskussion, und nach einer halben Stunde wüster Prügeleien und lautem Geschrei wurde über den ersten Tagesordnungspunkt abgestimmt. Die Abstimmung ergab im einzelnen:

1. Die sollen gefälligst am Strand pennen (8 Stimmen)
2. Wir stellen ein großes Zelt auf (2 Stimmen)
3. Wir sprengen ein Hotel in einen Felsen (1 Stimme)
4. Sie sollen bei Dodo übernachten (1 Stimme)

"Nun, öhm, da dieses Problem zu aller Zufriedenheit gelöst ist, sollten wir nun zum zweiten Tagesordnungspunkt..."

"Zu aller Zufriedenheit, Bürgermeister? Hast du das schon dem Lord mitgeteilt?"

"Nun, öh, liebe Flecki, da ist Diplomatie gefragt, und für das Projekt 'Pleasure Dome' sollte nichts unversucht bleiben, gemacht zu werden. Also, öhm, ich werde dann mit dem Butler sprechen."

Der Bürgermeister watschelte zur Tür. Zu aller Erleichterung hatte der strömende Regen aufgehört, und die Sonne schickte ihre wärmenden Strahlen auf Hamsterhausen hinunter. Nach einigen Minuten kam er mit hochrotem Kopf zurück. "Er ist, ähem, einverstanden."

"Und was hat er genau gesagt?" fragten Dasie und Sasie im Chor. Alle spitzen nun die Ohren, während der Bürgermeister verlegen im Türrahmen stand und mit der linken Pfote auf den Boden tippte. Dann brüllte er los: "Dieser alte Shredder-Sack hat gesagt, dass dieser komische, mopsige Hamster mit seiner Tippelpfote zusehen soll, dass es endlich losgeht!"

Grinsend stiegen die Hamster wieder in ihren Wagen, nachdem sie sich für Unterkunft und Kuchen bei Fräulein Minzie bedankt hatten, und Goldi gab Gas. Schon an der nächsten Kreuzung krachte es. Man brauchte kein Bauleiter oder Kfz-Mechaniker zu sein um zu erkennen, dass der Wagen nicht mehr zu gebrauchen war.

"Aber ich hatte doch freie Fahrt", sagte Goldi, und seine großen Knopfaugen blickten traurig auf den zerschmetterten Wagen, nachdem alle stöhnend aus dem Fahrzeug herausgekrochen waren. "Ich hatte auch freie Fahrt", ertönte eine matte Stimme aus dem rot-gelben Fahrzeug, mit dem sie mitten auf der Kreuzung zusammengestoßen waren. Der Bauleiter, der das gehört hatte, schüttelte den Kopf, ging zu dem Fahrzeug und rief:

"Wieso können beide Autos freie Fahrt haben?"

"Ach, das geht schon seit ein paar Tagen so", keuchte die Stimme aus dem rot-gelben Auto, "seitdem die Ampel abgeschaltet sind."

"Abgeschaltet?"

"Ja, weil es keinen Strom mehr gibt."

"Es gibt keinen Strom mehr?"

"Naja, bis auf eine Ausnahme. Es gibt übrigens auch kein Wasser, keine Schule, keine Verkehrspolizei, kein Fernsehen und  nichts zu essen, weil die Geschäfte geschlossen haben..."

"Was ist hier los? Und was ist das für eine Ausnahme?" brüllte Bauleiter Murksel in das Schrottauto hinein.

"Die Ausnahme ist der Vergnügungspark, der hat Strom. Ansonsten arbeitet keiner mehr. Alle sind zum Karussellfahren und haben frei genommen."

"Ga- ga- ganz Hamsterhausen hat frei?" keuchte der Bürgermeister, der nun neben dem kaputten Wagen stand und kreidebleich geworden war.

"Genau. In der gesamten Stadt arbeitet schon seit Tagen niemand mehr", tönte es aus dem Fahrzeugwrack.

"Wir müssen sofort nach dem Rechten sehen, Leute", grölte Murksel. "Los kommt, wir gehen zu Fuß weiter!"

Die Hamster waren nur wenige Schritte gelaufen, da ertönte noch einmal die matte Stimme aus dem zerschmetterten rot-gelben Schrotthaufen:

"Falls ihr noch einen Moment Zeit habt, könntet ihr mich dann bitte hier rausholen? Es ist so ungemütlich hier drin."

"McClown, sollten Sie irgend eine Idee oder auch nur die entfernteste Vorstellung haben, was hier abgeht, dann lassen Sie es mich bitte sofort wissen, ja?"

"Nun, Sir, wir sind in Hamsterhausen, und da sind die Dinge ein klein wenig anders als bei uns."

Dann folgten sie den Hamstern und setzten ihren Weg zum Marktplatz von Hamsterhausen fort.





Kapitel 37

Der Pleasure Dome

"Sag mal, Bürgermeister, findest du das eine gute Idee, wenn wir die beiden jetzt in die Innenstadt schleppen? Wir sollten erst einmal alles vorbereiten, damit das keine Panik gibt."

Der Bürgermeister bliebt stehen und überdachte Fleckis Vorschlag. Nach einer Weile drehte er sich zu den beiden Männern um und tippelte auf McClown zu.

"Öhm, meine sehr verehrten Herren, in meiner Eigenschaft als Bürgermeister Hamsterhausens schlage ich vor, unter den gegebenen Umständen Sie zu bitten, sich zunächst in unseren, ähm, Empfangsraum zu begeben. Der Dings, äh, der Strand befindet sich nicht weit von hier. Aus Sicherheitsgründen, wenn Sie verstehen..."

"Was will der Mops, McClown?"

"Nun Sir, er sagt, dass wir es uns erstmal am Strand gemütlich machen sollen."

"Fragen Sie ihn nach meiner Münze, ich bin schließlich nicht zum Baden hergekommen!"

Der Butler beugte sich zu dem Hamster hinunter und sprach mit ihm. Nachdem der Bürgermeister mit vielen Worten erklärt hatte, dass er sich sofort persönlich darum kümmern würde, und nachdem er zweimal umgefallen war, weil er beim auf-dem-Boden-tippen mit seiner linken Pfote das Gleichgewicht verloren hatte, wurden McClown und McShredder zum Strand von Hamsterhausen geführt.

Der Lord sah sich missmutig um und setzte sich in den Sand. "Wir werden verrecken wie die Ratten, McClown, ein guter Butler hätte an Essen gedacht!"

"Nun, Sir, zum Glück bin ich das", grinste der Butler spöttisch und öffnete einen der Koffer. "Belegte Brote aus dem 'Blue Riband', Sir, schließlich gab es die ja umsonst."

Die Hamster waren unterdessen weiter in Richtung Marktplatz gegangen. Alle waren sehr aufgeregt, besonders Bauleiter Murksel konnte es nicht erwarten, zu sehen, was sich in seiner Abwesenheit getan hatte. Besonders ungewöhnlich war die Tatsache, dass niemand auf den Straßen zu sehen war; alles schien wie ausgestorben zu sein. Das sollte sich jedoch schnell ändern, denn als sich die Reisetruppe dem Marktplatz näherte, war schon von weitem Lärm zu hören. Musik und Gejohle, wie deutlich zu hören war. Mit vor Aufregung heftig klopfenden Herzen rannten die heimkehrenden Hamster, bis sie den Markplatz erreicht hatten. Dann blieben sie stehen und starrten auf das, was sich vor ihren Augen abbspielte.

Markt- und Rathausplatz waren überfüllt mit Hamstern. Zur linken Seite waren mehrere kleine Fressbuden zu erkennen; der leckere Geruch, der aus dieser Richtung kam, ließ gewissen Hamstern das Wasser im Munde zusammenlaufen. Aus einer kleinen Bude direkt vor ihnen waren Schüsse zu hören. Rechts daneben befand sich ein riesiges Gebäude mit mehreren Balkons, auf denen gefährlich aussehende Katzen aus Pappe standen, die fauchend ihre Pfoten hin- und herbewegten. Eine Tür, die auf den Balkon führte, öffnete sich, und ein Wagen mit kreischenden Hamstern fuhr um die fauchende Katze herum und verschwand wieder durch eine Klapptür. Neben dieser Geisterbahn befand sich ein riesiger Springbrunnen, doch das, was die staunenden Hamster am meisten in Aufregung versetzte, waren die beiden riesigen Konstruktionen in der Mitte des Marktplatzes. Das eine war ein hoher Turm, in dem mehrere Hamster angeschnallt auf Sitzen befestigt waren und katapultartig unter lautem Kreischen in die Luft befördert wurden. Das andere war das dahinter befindliche Karussell, in dem nicht minder kreischende Hamster ihre Runden drehten.

"Die Mondrakete und und der Turbo-Kreisel!" grölte Goldi begeistert.

"Gebackene Sonnenblumenkerne", rief Dodo.

"Ein riesiger Springbrunnen!" kreischte Sasie begeistert.

"Die Ga- ga- ga- Geisterbahn", keuchte der Bürgermeister.

"Plüsch- und Plunderbuden", frohlockte Flecki, "und dahinten sind die Grünanlagen!"

"Ein Schießstand", staunte Trampel.

"Nicht schlecht, was die auf die Beine gestellt haben, was, Herr Bauleiter?" trompetete Tuffi und klatschte begeistert mit ihren kleinen Pfoten.

Bauleiter Murksel stand mit weit geöffneten Augen da, sagte kein Wort und beobachtete, wie ein torkelnder Hamster vom Karussell weggetragen wurde.

"Das ist Mamsi", erklärte Tuffi. "Sie fährt so gerne Karussell, doch leider kann sie es nicht besonders gut ab."

In diesem Moment brachen Jubelschreie aus, als die daheimgebliebenen Hamster ihre zurückgekehrten Freunde entdeckten.

"Herr Bürgermeister, Herr Bürgermeister!"

"Öhm, ja, äh, Nafti?"

Nafti, ein kleines Hamstermädchen, stand völig atemlos vor dem Bürgermeister. Als eine der Rathausassistentinnen war sie mit der Aufgabe der Durchführung der Planungen beauftragt worden. Zweifellos war es ihr recht gut gelungen, wie man auf den ersten Blick sehen konnte.

"Herr Bürgermeister, Sie müssen unbedingt die Eröffnungsrede halten. Es hat sich leider viel zu schnell herumgesprochen, dass die Fertigstellung des Vergnügungsparks..."

"Pleasure Dings, äh, Dome, mein Kind, das heißt Pleasure Dome!"

"...dass der Pleasure Dome bereits geöffnet ist. Die Delegationen von Hamstercity, Hamsterhusen und so weiter sind bereits auf dem Weg hierher und...."

"Öh, äh, jemand muss sofort den alten Sack, äh, den Lord holen, damit das McShredder-Monster da ist!"

"Wo sind die denn jetzt?"

"Äh, Dings, äh, Hamstilidamst und Trampel, lauft schnell los und holt die beiden!"

Wahrend sich die beiden Hamster auf den Weg machten, Lord McShredder zu holen, hatte sich Bauleiter Murksel aus seiner Starre gelöst und deutete auf den riesigen Springbrunnen, der nicht weit entfernt von ihnen stand und riesige Wasserfontänen in die Luft spie.

"Was ist das?"

"Das haben wir nach der Bauanleitung gebaut, Chef", rief Purzel und rückte den Bleistift gerade, den er hinter seinem rechten Ohr trug. "Hier, schau mal, wir haben uns genau an die Vorgaben gehalten!"

Murksel nahm die Papierrolle, die Purzel ihm hinhielt, warf einen Blick darauf und bekam einen roten Kopf.

"Ihr schwachsinnigen Torfköppe, ihr habt die Bauzeichnung auf den Kopf gestellt, das sollte doch eine Wasserbahn werden!"

"Aber die Fressburger sind dafür lecker!" rief Goldi kauend und hielt sie dem Bauleiter hin. "Guck mal, ich habe den ersten Preis beim Schießen gewonnen - einen Dodoburger."

"Dodoburger?"

"Ja, Dodoburger, richtig schön saftig und fett. Übrigens, Bauleiter, der zweite und der dritte Preis ist fast genauso dick."

Murksel glotzte Goldi fragend an.

"Der zweite Preis", fuhr Goldi fort, "ist der Bürgermeisterburger, und der dritte Preis der Murkselburger, das sind leckere Fettklopse."

"Goldi und Flecki, da seid ihr ja wieder!"

"Dabi?" rief Flecki erstaunt. "Was machst du denn hier?"

"Je, nun, das darf ich eigentlich nicht verraten, aber da ihr nun mal hier seid... Euer Bürgermeister hat uns eingeladen."

"Jetzt schon?"

"Jedenfalls hat Balthasar die ganze Sache als dringende Chefsache unter strikter Geheimhaltung erklärt, nachdem euer Bürgermeister gesagt hatte, dass ihr in einer dringenden Mission unterwegs wart. Er sagte weiterhin, dass ihr mittels eines privaten Hochgeschwindigkeitsfahrzeugs, das er eigens besorgt hatte, ein Monster fangen wolltet. Er meinte, dass er sicher sei, die Sache in kurzer Zeit abzuschließen. Deshalb sind wir schon am übernächsten Tag mit Hamsterairlines hierhergeflogen."

"Aha", grinste Flecki spöttisch. "Dringende Mission, eigens besorgtes Hochgeschwindigkeitsfahrzeug, in kurzer Zeit ein Monster fangen. Der Bürgermeister ist so was von hohl.... Aber sag mal, Dabi, da wir von hohl sprechen, wo steckt denn dein Chef überhaupt. Oder ist das geheim?"

Nun grinste Dabi. "Nein, überhaupt nicht geheim, eher peinlich und dämlich. Nachdem mir der Kerl die letzten Tage mit seinen Sonderwünschen auf die Nerven gegangen ist, habe ich ihm einen Job im Rathaus verpasst."

"Im Rathaus?" riefen Goldi und Flecki verwundert.

"Je, nun, ich habe einen Schreibtisch und einen Sessel in den Fahrstuhl gestellt und habe ihm gesagt, das sei sein neues Arbeitszimmer. Er war begeistert. Jetzt fährt er den ganzen Tag rauf und runter, und jedes Mal, wenn die Tür aufgeht und jemand den Fahrstuhl betritt, fragt er: 'Haben Sie sich schon einen Termin bei meiner Sekretärin besorgt?'"

Die drei Hamster keckerten laut, als sich der Bürgermeister näherte.

"Äh, Fräulein Dings-Dabi, wie schön, Sie zu sehen! Bitte holen Sie doch meinen Bruder, den Präsidenten. Die Ansage, öhm, Ansprache wird in wenigen Minuten stattfinden."

"Gerne", brüllte Dabi zurück, denn der Lärm der sich nähernden Fahrzeuge aus den Hamstischen Nachbarländern hatte in den letzten Minuten erheblich zugenommen. "Der dürfte zur Zeit irgendwo zwischen dem 10. und 12. Stock stecken. Dort arbeitet er um diese Zeit gewöhnlich!"

"Gut, äh, Dings-Dodo", rief der aufgeregte Bürgermeister, "lauf doch eben mal zum Rathaus und hole meinen Bruder Balthasar herunter!"

"Ist gut, Herr Bürgermeister", entgegnete Dodo und verschwand Richtung Rathaus.

Öhm, Fräulein Nafti, gibt es irgendwelche Neuigkeiten oder Umfragen, ich, öhm, meine, weil ich so lange fort war, wenn Sie verstehen“, fragte der immer nervöser werdende Bürgermeister.

 Nafti holte einen Notizblock hervor und blätterte. "Nein, nichts Besonderes, außer einer kürzlich erfolgten Umfrage des Verkehrsministeriums. Es wurde versucht, herauszufinden, ob die hamsterhausener Bürger aufgeschlossen gegenüber Touristen sind."

"Und?"

"Nun", entgegnete Naft, "bei der kürzlich erfolgten Umfrage: "Finden Sie, dass wir Hamster in Hamsterhausen freundlich und aufgeschlossen sind?" antworteten 71 Prozent mit 'Ja' und 29 Prozent mit 'Halt's Maul!"

"Öhm, ja, sehr schön. Danke", brummte der Bürgermeister geistesabwesend und wandte sich Dodo zu, der sich mit traurigem Blick näherte.

"Nun, ist mein Bruder bereit, Dodo?"

"Naja, nicht so richtig, ich meine, er muss sich noch ein wenig erholen."

"Erholen? Jetzt?"

"Ja, Bürgermeister, es war ganz schön laut, als der Fahrstuhl herunterkam, aber die HAMFE meint, dass er wohl in ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wird, denn..."

"Der Bürgermeister drehte sich kopfschüttelnd um und vergrub sein Gesicht in seine Pfoten.

"Er hat tatsächlich den Fahrstuhl heruntergeholt", staunte Flecki.

"Genial", grölte Goldi. "Dodo macht eben keine halben Sachen!"

"Tja, heute flott und morgen Schrott", ergänzte Dabi grinsend.

"Wie lautet ein altes Hamstisches Sprichwort?" lachte Flecki. "Es macht nichts, wenn etwas schiefgeht. Hauptsache, du findest einen, der schuld ist."

"Aber das habe ich doch nicht gewollt", heulte Dodo.

Dabi klopfte ihm aufmunternd aufs Fell. "Aber das ist doch nicht so schlimm, Dodo. Hauptsache, ansonsten ist niemanden etwas passiert."

"Vielleicht ist es nicht schlecht", warf Nafti aufgeregt ein, "wenn unsere Gäste auch einmal die Gelegenheit haben, unsere vielfältigen medizinischen Einrichtungen zu bewundern."

"Aber was macht ihr denn ohne diesen Balthasar?" fragte Dodo mit immer noch traurigem Gesicht. "Ich meine, wenn keiner eure geheimen Abteilungen mehr leitet?"

Dabi grinste und entgegnete: "Wer glaubt, daß ein Abteilungsleiter eine Abteilung leiten kann, glaubt sicher auch, dass ein Zitronenfalter Zitronen falten kann."

Inzwischen waren die Delegationen der umliegenden Hamsterländer samt Begleitung eingetroffen. Von allen Seiten ertönten nun die 'Negnafna, negnafna!'0-Rufe der ungeduldigen Besucher, denn der Marktplatz war zum Bersten mit ungeduldigen Hamstern gefüllt. Der Bürgermeister hatte sich inzwischen zu dem großen Podium begeben, wo er zusammen mit Bauleiter Murksel, Dasie, Tuffi, Tati, Teeblättchen, Goldi, Sasie, Flecki und Dodo den tosenden Beifall der Zuschauer entgegennahm. Das Podium war wunderschön geschmückt worden, und überall standen Körbe mit frischem Obst und Schalen mit Sonnenblumenkernen.

"Liebe Bürger Hamsterhausens", begann der Bürgermeister, räusperte sich und wollte fortfahren, als Tuffi ihn auf die Schulter tippte.

"Nicht jetzt, Tuffi", zischte der Bürgermeister verärgert.

"Herr Bürgermeister?"

"Was ist denn, Tuffi?"

"Herr Bürgermeister, Sie sprechen mit einer Honigmelone. Das Mikrophon ist das große Ding da drüben!"

"Öhm, ja, äh, danke", keuchte der Bürgermeister und bewegte sich mit einem verlegenen Lächeln ein Stück nach links.

"Öhm, meine lieben Bürger-Dingse Hamsterhausens..."

"Jetzt sabbelt er mit einer Gurke",  stöhnte Flecki während Tuffi unter dem Gelächter der Zuschauer ihn erneut auf seinen Fehler aufmerksam machte.

Mit knallrotem Kopf stand der Bürgermeister nun völlig durcheinander vor dem johlenden Publikum und sprang kreischend zu Seite, als sich plötzlich der Himmel verdunkelte. Das Johlen verstummte, als zugleich Hamstilidamst und Trampel auf das Podium kletterten, und zwei Menschen vor dem Pleasure Dome standen: Lord McShredder und sein Butler McClown.

"Sind wir nun da, McClown?" ertönte eine krächzende Stimme, die die Hamster vor Schreck erzittern ließ.

"Nun, Sir, es sieht so aus. Da vorne scheint die Geisterbahn zu sein, wenn Sie sich also etwas kleiner machen würden..."

"Ein Lord macht sich niemals klein, merken Sie sich das, McClown! Lassen Sie sich etwas Anderes einfallen!"

"Nun, dann halte ich es für sinnvoll, Sir", grinste McClown, "wenn Sie sich einfach hinter die Geisterbahn legen und hin und wieder 'Buh' machen."

"Ein Lord legt sich nicht einfach hin, McClown!"

"Schade, Sir, dann wird es wohl nichts mit der seltenen Shu-Münze!"

"Wo, sagten Sie, ist die Geisterbahn, McClown?"

Während der Lord es sich nun äußerst schlecht gelaunt hinter der Geisterbahn gemütlich machte, hatte Nafti geistesgegenwärtig das Mikrophon genommen und rief: "Liebe Freunde und Besucher, hier ist es: das McShredder-Monster!" Sie wollte das Mikrophon an den Bürgermeister weiterreichen, doch der war unglücklicherweise in die Weintrauben gefallen und hielt krampfhaft eine Banane in der Hand, der er gerade einige interessante Dinge erzählte.

"Hierher bitte, Herr Bürgermeister", zischte ihm Nafti zu, während Dodo ihm beim Aufstehen half.

Der Bürgermeister wirkte immer noch völlig verwirrt und machte keine Anstalten, auf Nafti und das Mikrophon zuzugehen.

"Schnell, Dodo", rief Nafti, "schiebe den Herrn Bürgermeister zu mir rüber!"

Kurz darauf krachte es laut, und Nafti puzelte samt Bürgermeister über die Brüstung des Podiums in die vor Freude grölende Menge. Es dauerte eine Weile, bis es den hamstischen Sicherheitsteams, die das Podium absichern sollten, gelungen war, den Bürgermeister wieder auf die Bühne zu schieben. Endlich war es geschafft, und sämtliche 12 Hamster, die die aufregende Reise nach Schottland mitgemacht hatten, standen nun vor der jubelnden Menge. Alle genossen den Beifall und waren unendlich stolz in diesem Moment. Zumindest fast alle, denn der Bürgermeister stand mit völlig verwirrtem Blick da und starrte ungläubig auf das Mikrophon in seiner Pfote. Es war Bauleiter Murksel, der sich neben ihn stellte und ihm zuflüsterte: "Nun sagen Sie schon etwas, die Leute warten!"

Der Bürgermeister schien zunächst nichts verstanden zu haben, doch dann grinste er mit wirrem Blick in die Menge, schnupperte kurz am Mikrophon, leckte genüßlich daran und rief: "Wir nehmen den Wagen...!"

"Ich kann nicht mehr", keuchte Flecki, "das ist ja sowas von oberpeinlich!"

"Der Mann ist genial", grölte Goldi, "der hat ein Gefühl für feinsinnige Ansprachen!"

"Wir sollten uns was einfallen lassen", stammelte Bauleiter Murksel.

"Ach ja, und was, bitte schön?" riefen Sasie, Dasie, Tati und Teeblättchen im Chor.

"Natürlich den Wagen nehmen, was, Bauleiter? Los Dodo, schieb die beiden mal in den Turbokreisel!" rief Goldi entzückt, und Dodo schob den protestierenden Bauleiter samt verwirrten Bürgermeister in einen der Wagen des Turbokreisels. Ein Assistenzhamster des Reparaturteams verriegelte den Wagen mit einem Sicherheitsbügel. Dann  gab er ein Zeichen und der Wagen setzte sich in Bewegung. Die Menge auf dem Marktplatz war nicht nicht mehr zu halten, und alles jubelte und grölte durcheinander, als Bürgermeister und Bauleiter sich immer schneller und höher im Kreise drehten. "Haben Sie irgendwo mein Mikrophon gesehen, mein lieber Bauleiter?" fragte der Bürgermeister mit wirrem Blick. "Vielleicht sollte ich ein paar beruhigende Worte sprechen, irgendwie scheinen alle etwas durcheinander zu sein. Sehen Sie mal, wie die alle herumrasen!" Der Bauleiter glotzte verständnislos zurück. "Was mich viel mehr beunruhigt, ist die Tatsache, dass diese Idioten für die Absicherung der Sperre des Sicherheitsbügels 32er Schrauben genommen haben. Jeder Blödmann weiß doch, dass die nichts taugen!" Der Bauleiter fummelte an der Schraube herum. "Sehen Sie mal,  die lässt sich ganz leicht herausdrehen!"

Der Bürgermeister drehte kurz den Kopf herum. glotzte auf die vorbeirasende Umgebung und seufzte mit glücklichem Gesichtsausdruck: "Ach, mein lieber Bauleiter, Sie sind einfach viel zu misstrauisch. Ich jedenfalls habe volles Vertrauen in meine Hamster, auch wenn sie jetzt alle ein wenig durchgedreht sind."

"Vertrauen? In diese Luschen? Hah, sehen Sie doch, Bürgermeister, eine Drehung nach links, und schon ist die Sperre gelöst!"

Was danach folgte, ist bis heute durch die hamstische Untersuchungskommission nie ganz geklärt worden. Jedenfalls flogen Bauleiter und Bürgermeister unter frenetischem Beifall und Jubel der Zuschauer aus dem Turbokreisel heraus und landeten einige Hundert Meter entfernt im städtischen Dorfteich, der praktischerweise nicht weit entfernt vom Allgemeinen Hamstischen Krankenhaus entfernt liegt. Die Feier wurde daraufhin für wenige Minuten unterbrochen und anschließend für die nächsten Wochen wieder aufgenommen. Lord McShredder erhielt von Flecki noch am selben Abend die wertvolle japanische Shu-Münze und kehrte mit Frido McClown zur Raststätte zurück. Es dauerte eine Weile, bis wie versprochen Vim van der Slampe mit seinem Lkw erschien und beide mit  nach Amsterdam nahm. Dort bestiegen Lord und Butler die nächste Fähre nach Newcastle, wobei es dem Lord gelang, sich mit dem gesamten Personal des Schiffes anzulegen und allen eine unvergessliche Überfahrt bescherte. Von Newcastle aus schlugen sie sich bis Edinburgh durch und besuchten die Bank of Scotland, wo der Lord seine seltene Münze in einem Tresor verschließen ließ und zugleich eine beträchtliche Menge an Geld abhob, um ein neues Schloss zu kaufen. George war es übrigens tatsächlich gelungen, die Pferde ihrem Besitzer zurückzubringen, allerdings hatte er fünf ganze Tage dafür gebraucht. Kaum war er wieder zu Hause, da meldete sich Lord McShredder bei ihm und wies ihn an, sofort zum Kings House Hotel zu kommen, um dort solange mit ihm und McClown zu wohnen, bis sie ein passendes Schloss gefunden hatten. Lisa McGyer war natürlich entzückt über diese Tatsache, mal abgesehen davon, dass der Lord ebenfalls anwesend war.

Vim van der Slampe hatte tatsächlich in Ruud Kloetsack einen neuen, treuen Freund gewonnen und war froh, endlich in Frieden leben zu können. Und Finnegan McDudle? Nun, der wurde von seiner Frau wieder aufgenommen, allerdings erst, nachdem er dem Saufen abgeschworen hatte. Danach hatte er sich selbstständig gemacht und arbeitet jetzt als Fremdenführer für Abenteuerreisen.

Die Hamster jedoch feierten die größte Party, die es je in Hamsterhausen gegeben hatte und das zu Recht. Hatten sie doch wieder einmal der ganzen Welt gezeigt, dass nichts und niemand Hamster aufhalten kann, und dass hamstische Intelligenz eben unschlagbar ist.

 

  EDNE

Yeah, Hamster!

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