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Figurprobleme

Kapitel 31

Wasserschäden

Frido McClown war mit sich und der Welt zufrieden. Soeben hatte er sich in sein gemütliches Bett gelegt, nachdem er mit Lisa zu Abend gegessen und anschließend mit ihr einen langen Spaziergang gemacht hatte. Ein paar Kekse für die Hamster hatte er ebenfalls dabei, doch als er einen Blick in die Tasche warf, stellte er fest, dass die kleinen Tiere immer noch friedlich schliefen. Von dem Lord hatte er fürs Erste nichts zu befürchten, denn der lag schon in seinem Zimmer und schnarchte, wie sich McClown bereits versichert hatte. Zuvor allerdings - so berichtete das Hotelpersonal - hatten sich wüste Szenen abgespielt, nachdem der alte Lord festgestellt hatte, dass sein Butler und Lisa ihn so schmählich alleine gelassen hatten. Zufrieden räkelte sich Frido und wollte gerade das Licht löschen, als er hochschreckte und sich umsah. Er sprang aus seinem Bett und lief zu der Tasche, in der sich die Hamster befanden. Erleichtert atmete er auf, nahm die Tasche, ging in das geräumige Badezimmer und stellte sie in die Badewanne. Er warf einen Blick auf die Hamster, die ihn fragend ansahen.

"Nicht, dass ich euch nicht traue, meine kleinen Freunde, es ist nur so, dass in letzter Zeit einige rätselhafte Dinge passiert sind. Wir wollen doch nicht, dass heute Nacht etwas Merkwürdiges passiert. Hier in der Badewanne seid ihr sicher, und kein schottischer Geist kann euch etwas antun."

Er lachte über seinen Witz und legte sich schlafen. Kurz darauf war nur noch sein leises Schnarchen und das aufgeregte Fiepen der Hamster zu hören.

"Was meint der damit, dass merkwürdige Dinge passiert sind?"

"Da mach dir mal keine Gedanken drüber, Tuffi", knurrte Bauleiter Murksel, "wir kriegen doch immer die Schuld, wenn mal was schiefgeht."

"Genau", fauchte Goldi, "immer auf die Kleinen, Wehrlosen!"

"Aber die größte Schweinerei ist ja wohl, dass der uns in die Badewanne gesperrt hat. Das ist Isolationshaft, jawohl! Das ist ein Fall für den Tierschutzverband!"

"Können die uns denn hier rausholen?" fragte Dodo die schimpfende Flecki.

"Und was ist nun mit unserer Party?" riefen Dasie und Sasie enttäuscht.

"Nun, äh, meine lieben Hamster", räusperte sich jetzt der Bürgermeister, der den Zeitpunkt für eine beruhigende Rede gekommen sah. "Unsere Dings, äh, Lage ist doch prima. Wir wissen sozusagen zwar nicht, was wir wollen, aber wir sollten voll und ganz dahinterstehen, wenn ihr wisst was ich meine, äh, meint zu wissen, oder so."

"Wir sollten mal sehen, dass wir hier ganz schnell rauskommen, eine ganze Nacht mit der Bürgermeistersülze ertrage ich wirklich nicht."

"Und was schlägst du vor, Flecki?" fragte Hamstilidamst.

"Woher soll ich das wissen? Bin ich ein Bauleiter, der sich mit Badewannen auskennt?"

Bauleiter Murksel betrachtete die steilen Wände der Badewanne und klopfte fachmännisch dagegen. Dann untersuchte er Zentimeter für Zentimeter die Beschichtung, ließ ein wissendes "Ah, ja!" ertönen, gefolgt von einem "So, so!". Dann untersuchte er den Abfluss, nickte mit dem Kopf und zog mehrfach an dem Stöpsel, wobei er mit strahlender Miene ein "Aha, also doch!" von sich gab. Dann legte er den Kopf auf den Boden der Wanne und klopfte mehrmals mit seiner Pfote an verschiedenen Stellen. Dann lächelte er fröhlich und sagte: "Na also, das habe ich mir doch gleich gedacht!"

"Was?" riefen die Hamster aufgeregt im Chor.

"Wir kommen hier nicht raus."

Ein vielfaches "Ooooh" ertönte nun, und alle ließen sich enttäuscht auf dem Boden nieder.

"Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, hier rauszukommen", rief Flecki. "Was sagt denn Superhamster dazu?"

"Ohne Sprengstoff wird das schwierig, da bleibt nur der Abfluss."

"Der Abfluss?"

"Ja, einer von uns müsste da reinklettern. Irgendwo kommen ja alle Abflüsse zusammen und wenn wir die Stelle verstopfen, dann wird das Wasser wieder hochkommen. Irgendwann ist diese Badewanne voll und wir können herausklettern!"

Nachdem die begeisterten "Superhamster, Superhamster!"-Rufe verstummt waren, hakte Flecki nach: "Und wer soll da reinsteigen?"

"Tja", grinste Goldi, "das muss schon ein Klempner machen.“

Nun sahen alle zum Bauleiter hin, der verlegen an die Wand der Badewanne klopfte und mächtig zu schwitzen begann.

"Öh, wir haben kein Werkzeug zum Öffnen des Abflusses..."

"Die Tasche hat einen Reißverschluss, wenn wir den Schieber abmachen, können wir den als Schraubenzieher nehmen, und die Schraube, die das Abflusssiel hält, einfach abschrauben!"

"Danke, Tuffi, vielen Dank", brummte Murksel genervt. "Wir haben aber nichts zum Verstopfen des Rohres!"

"Doch, Chef, wir rupfen die Tasche auseinander und schieben dir die Fetzen durch das Rohr nach unten. Du brauchst sie dann nur zusammenzuknoten und..."

"Tuffi, ich bin dir sowas von dankbar", knurrte der Bauleiter, "ich könnte dich..."

"Geht das jetzt los, oder was?" rief Flecki, kletterte auf die Tasche und fummelte an dem Schieber des Reißverschlusses. Nachdem ihr Teeblättchen und Hamstilidamst zu Hilfe gekommen waren, gelang es ihnen, das Teil zu lösen. Gemeinsam mit Dodo öffnete nun Bauleiter Murksel den Abfluss. Sasie, Dasie, Flecki und Tati rissen ein paar große Stoffstücke aus der Tasche, während Murksel ängstlich in das Abflussrohr kroch.

"Nur Mut, mein lieber Bauleiter!" rief der Bürgermeister hinterher. "Ganz Hamsterhausen steht hinter dir, wenn ich das einmal so sagen darf."

Ein hohler, dumpfer Ton, der wie ein Fluchen klang, kam als Antwort aus dem Abflussrohr zurück.

"Nur Mut, Bauleiter, Schwimmen macht schlank!"

"Öh, Goldi", kam die nachdenkliche Stimme von Dodo, "Wenn Schwimmen schlank macht, was machen dann Blauwale falsch?"

"Das kommt bestimmt daher, weil die sich vorwiegend im Salzwasser herumtreiben, Dodo, und das hat zuviel Auftrieb. Wenn die nur im Süßwasser schwimmen würden, dann wären die auch schlanker."

Während Dodo zufrieden abzog und den merkwürdigen Tönen aus dem Abfluss lauschte, kletterte Goldi zu Sasie, Dasie, Flecki und Tati, die die Tasche zerrupften und rief: "Wir sollten den Boden der Tasche nachher als Boot benutzen, denn der ist aus Pappe und schwimmt bestimmt gut!"

"Ach, ne, seit wann hast du denn mal eine vernünftige Idee, Goldi?" lästerte Flecki, "irgendwo muss da doch ein Haken sein."

Bevor Goldi antworten konnten, wurden sie auf laute Geräusche, die vom Abfluss her kamen, aufmerksam.

"Ich glaube, der Bauleiter ruft irgendetwas", stellte Tuffi fest, "aber er redet so undeutlich."

"Ich würde sagen, das klingt eher nach dem Blubbern von Wasser", mischte sich Trampel ein, "bestimmt macht er Fortschritte."

"Tja, meine lieben Freunde, wie ich schon immer gesagt zu meinen habe, wir Hamster lassen uns durch nichts und niemanden aufhalten. Wie ich schon in einer meiner früheren Reden immer wieder...." Der Bürgermeister unterbrach seine geistreiche Bemerkung und starrte auf den blubbernden Abfluss, in dem etwas Braunes, Pelziges zu sehen war. Er brachte gerade noch ein "Was 'n das?" hervor, dann folgte ein lautes 'Plopp', und der Bauleiter flog kreischend durch die Luft. Zugleich fegte ein kräftiger Wasserschwall den Bürgermeister mit solcher Wucht in den hinteren Teil der Badewanne, dass es ihm wohl sämtliche Knochen gebrochen hätte, wenn er nicht weich auf Trampel gelandet wäre. Fasziniert folgten nun die Hamster der Flugbahn des Bauleiters Murksel: Fast hätte er die Decke erreicht, dann nahm er Kurs auf den Wasserhahn der Badewanne, klatschte mit einem hässlichen Geräusch und mit lautem Quieken auf und klammerte sich verzweifelt an dem rutschigen Hahn. Einen Moment sah es so aus, als könnte er sich festhalten, doch unter den enttäuschten "Ooooh"-Rufen der Hamster verlor er den Halt und fiel mit einem Klatscher in die Badewanne zurück, die sich inzwischen mehr und mehr mit Wasser füllte.

"Gut aufpassen, Dodo, hier siehst du mal einen echten Klempner bei der Arbeit."

"Ehrlich, Goldi, ich hätte nicht gedacht, dass das so aufregend ist."

"Nicht wahr? Manche behaupten ja, dass jeder Einsatz unseres Bauleiters ein Abenteuer ist", grinste Goldi.

Der Bürgermeister war inzwischen zu Murksel gewatschelt und gratulierte ihm zu seiner erstklassigen Arbeit, doch der war noch nicht wieder so richtig ansprechbar, sondern lag nach wie vor in dem recht schmutzigen Wasser, das nun langsam aus dem Abflussrohr herausquoll.

"Iiiiih", war der Schrei Fleckis zu hören, "seht euch doch mal diese Drecksbrühe an! Mein Fell kriege ich nie wieder richtig sauber!"

"Jammer nicht rum, sondern komm an Bord", rief Goldi, der es sich inzwischen auf dem ehemaligen Boden der Tasche bequem gemacht hatte. Das brauchte er nicht zweimal sagen, denn nun stürmten alle auf den Pappdeckel zu und machten es sich bequem. Als Letzte kamen der Bürgermeister und Tuffi, die dem sichtlich angeschlagen Bauleiter Murksel halfen, an Bord zu steigen. Gespannt verfolgten nun alle, wie das Wasser in der Badewanne ganz langsam höher und höher stieg.

"Meine lieben Hamster, ich freue mich, euch mitteilen zu können, dass alles weiterhin nach Plan läuft. Wieder einmal haben wir Hamster gezeigt, dass wir auch unter schwierigen Bedingungen Lösungen und Probleme finden, äh, lösen, sozusagen."

"Wirklich toll, wir schwimmen auf einer Pappe in einer Drecksbrühe und warten, dass die Party losgeht", flüsterte Teeblättchen und Goldi grölte: "He Leute, da fällt mir ein Witz ein: Was ist gelb und kann nicht schwimmen? Ein Bagger! Und warum kann er nicht schwimmen? Weil er nur einen Arm hat, ha, ha!"

Stunden später war den Hamstern nicht mehr so richtig zum Lachen zumute. Die Badewanne war erst zur Hälfte gefüllt und ihr Boot hatte sich bereits aufgelöst. Jeder Hamster klammerte sich nun verzweifelt an einem kleinen Stück Pappe und schaute fragend zum Rand der Badewanne, der allerdings in unerreichbarer Ferne schien. Inzwischen war es hell im Badezimmer geworden, denn die Sonne war aufgegangen und signalisierte, dass der Tag begann.

"Das war’s wohl mit der Party", schimpfte Flecki und sah den Bürgermeister böse an. "Schwierige Bedingungen und Lösungen finden, ha!"

"Öhm, wir haben getan, was wir konnten, aber mehr war nicht drin, wenn ich das so einmal sagen darf. Lediglich der Bauleiter hätte vielleicht ein bisschen mehr Sorgfalt walten lassen können und..."

"Noch ein Wort von dir, Bürgermeister und ich fresse dein Stück Pappe auf!" brüllte nun Bauleiter Murksel und machte Anstalten, auf den Bürgermeister zuzuschwimmen. In diesem Moment erstarrten die Hamster vor Schreck. Es klopfte an der Tür! Nachdem ein müdes 'Ja' des Butlers als Antwort erklang, war die Stimme von Lisa zu hören:

"Guten Morgen, Frido, das Frühstück wartet auf dich!"

"Ist gut, Lisa, danke. Ich komme in wenigen Minuten!"

Gähnend reckte sich Frido McClown und setzte sich aufrecht hin. Endlich wieder ein richtiges Frühstück! Er freute sich auf diesen Tag, obwohl er natürlich nun wieder für ein paar Tage Abschied von Lisa nehmen musste. Gestern hatte sie ihm noch versprochen, gleich heute Mittag bei George anzurufen und ihm das Neueste mitzuteilen. Bestimmt würde der sich vor Lachen nicht mehr halten können. Grinsend stand der Butler auf und ging ins Badezimmer. Im ersten Moment war er sich nicht ganz sicher, ob er vielleicht doch noch im Bett lag und träumte, als er die Bescherung in der Badewanne sah. Dann kniete er neben der Badewanne nieder, blickte auf die unglücklich im dreckigen Wasser treibenden Hamster und sagte:

"Also wirklich, manchmal habt ihr echt kranke Ideen. Lasst mich raten: Ihr macht ein Wettschwimmen um den Sonnenblumenkernpokal? Nein? Wolltet ihr ein Moorbad und hattet nicht genug Moor gehabt?"

Er lachte laut über sein Wortspiel und ging zum Waschbecken, um sich frisch zu machen. Schnell stellte er fest, dass irgendetwas mit dem Wasserablauf nicht klappte, als es wieder an der Tür klopfte.

"Ja, Lisa, ich komme gleich!" rief er ein wenig verärgert.

"Sir, hier ist der Zimmerservice. Wir haben scheinbar einen Rohrbruch oder etwas Ähnliches, bitte benutzen Sie weder Wasserhähne noch Toiletten. Unter der Treppe zum Eingangsportal befindet sich noch eine intakte Toilette, die können Sie benutzen! Vielen Dank für ihr Verständnis, Sir. Wir bemühen uns, den Schaden schnellstens zu reparieren. Ein guten Tag noch!"

Frido McClown bedankte sich für die Information, nahm ein Handtuch und befreite die Hamster aus ihrer unglücklichen, feuchten Lage. Er setzte sie auf einen flauschigen Teppich und wickelte vorsichtig das Handtuch um sie herum. Große Knopfaugen, die von durchnässtem, struppigem Fell umgeben waren, blickten ihn dankbar an. Dann zog er sich an, nahm seine Waschutensilien und verließ den Raum.

"Tja, das war’s wohl mit der Party. Wenigstens hat uns der nette Butler gerettet", brachte Trampel die Sache auf den Punkt.

"Das war echt nett von ihm", stimmte Dodo zu. "Wir haben heute Nacht zwar viel gemacht, aber was wir gemacht haben, war nicht zu gebrauchen."

"Ich sag mal: Schwamm drüber, Leute. Wenn wir die Klappe halten, erfährt keiner was davon und das ist das Beste“, ergänzte Murksel.

In diesem Moment betrat McClown das Zimmer wieder, packte seine Waschutensilien auf die Badezimmerkonsole und legte ein paar Kekse vor die Hamster.

"Mit schönen Grüßen von Miss Lisa", lachte er. Dann verließ er das Zimmer und ging nach rechts über den Flur bis hin zu dem großen Esszimmer, von dem aus in der Ferne der Berg Buachaille in seiner ganzen Größe zu bewundern war. Der Lord saß bereits am Tisch und trug einen gelangweilten Gesichtsausdruck, während er mit dem Salzstreuer spielte.

"Schön, dass Sie mich auch beehren, McClown, dann wird Miss Lisa vielleicht doch mal darauf aufmerksam, dass ich bereits am Verhungern bin."

"Haben Sie gut geschlafen, Sir?"

McShredder antwortete nicht, sondern nickte nur und spielte weiterhin mit dem Salzstreuer.

"Ist es nicht erstaunlich, McClown, wie die es immer wieder schaffen, das Salz durch die engen Löcher nachzufüllen?"

Diesmal war es der Butler, der nicht antwortete, sondern nur verblüfft den Kopf schüttelte. In diesem Moment trat Lisa McGyer an den Tisch.

"Ich hoffe, Frido", sagte sie lächelnd, "du hattest keine Unannehmlichkeiten wegen des Wasserschadens."

"Wasserschaden?" krähte der Lord, "wieso habe ich davon nichts mitbekommen? Wieso sagt mir keiner etwas?"

"Nun, Sir", antwortete McClown, "das liegt wohl daran, dass Sie nie auf Klo gehen, weil Sie Wasser sparen wollen!"

"Stimmt", rief Lisa, "das habe ich auch schon im Schloss bemerkt. Seine Geizheit geht nämlich immer auf das Nachbargrundstück um zu ..."

"Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie hier keine vertraulichen Interna ausplaudern würden!" fauchte der Lord leicht angesäuert. "Ich mache es eben wie in der guten, alten Zeit, als Wasser knapp war!"

"Es hat aber auch seine Vorteile", grinste der Butler, "wir haben dadurch wenig Fliegen und Midges im Schloss. Sir, stimmt es eigentlich, dass McToffee deswegen neulich mit dem Schrotgewehr auf Sie geschossen hatte, als Sie ..."

"Alles Lügen, McClown. Ich hatte mich versehentlich auf Reißzwecken gesetzt, die Sie haben rumliegen lassen!"

Grinsend schauten Lisa und Frido einander an, dann fragte sie: "Das übliche Frühstück mit Ham and Eggs sowie Kaffee?"

"Gerne, Lisa!"

"Und ich hätte gerne Toast mit Marmelade und Tee!"

"Ich fürchte, euer Hochwohlvergoren, solche ungewöhnlichen Wünsche dauern ein klein wenig länger!" entgegnete Lisa McGyer schnippisch, drehte sich um und landete scheppernd und krachend im Nachbartisch.

"Ist es eigentlich wahr, McClown", flüsterte der Lord, "dass sämtliche Schilder mit der Aufschrift 'ruhige Lage' jedes Mal entfernt werden, sobald Miss Lisa hier arbeitet?"

Nach einer Stunde waren beide mit dem Frühstück fertig, und auch der Lord hatte nach einigen kleineren Hindernissen, wie Teppichfalten und Türpfosten, sein Frühstück erhalten.  

"Sir, soll ich die Kutsche und das Gepäck fertigmachen?"

"In Ordnung, McClown, ich werde mich mal umziehen gehen", entgegnete der Lord und sah betrübt auf seine Kleidung, die nach Lisas letztem Sturz voller Marmelade und Tee war.

"Vergessen Sie nicht zu bezahlen, Sir", rief der Butler und machte, dass er wegkam, denn schon näherte sich Lisa McGyer, legte einen Zettel mit vielen Zahlen vor McShredder hin und sagte: "Wollen Sie erst einen Blick auf die Rechnung werfen, oder soll ich gleich die Polizei rufen, euer Lordschuft?"1

Nach einer weiteren Stunde stand die Kutsche startbereit vor dem Hotel, und Frido McClown nahm von Lisa McGyer Abschied. Dann setzten sich die Pferde in Bewegung, und es ging weiter durch das grandiose Glencoe.

Lord und Butler waren zufrieden, sie hatten eine angenehme und ruhige Nacht verbracht, waren ausgeruht und guter Dinge. Vor ihnen lagen 375 km, und der Lord hatte sich noch nicht entschieden, wo sie die nächste Nacht Station machen würden.

Lisa McGyer fegte gerade in diesem Moment das Geschirr zusammen, dass ihr beim Abwasch über die Tischkante gerutscht war. Sie sah kurz auf den Kalender und stellte fest, dass die Urlaubszeit in 11 Tagen vorbei sein würde. Sie war gespannt, in welches neue Zuhause sie dann mit Frido McClown ziehen würde.

Die Hamster waren nicht so guter Stimmung, insbesondere Bauleiter Murksel hatte eine saumäßige Laune und schimpfte ständig mit Tuffi herum. Wenigstens die Kekse und die Nüsse, die ihnen der Butler vor der Abreise gegeben hatte, hob die Laune der kleinen Tiere etwas an. Allerdings fand sich die Mehrheit der Hamster in ihrer persönlichen Würde gekränkt, dass sie nun in einem ausgedienten Karton leben mussten, in dem bisher Torten transportiert wurden. Leider fand sich im gesamten Hotel nichts Besseres, was sich für einen Hamstertransport eignete. Zudem erwies sich dieser Tortenkarton als ein Problem für gewisse Hamster, die nun fortwährend den leckeren Tortengeruch in der feinen Nase hatten. Besonders Goldi wurde mehrfach von Flecki verwarnt, als er versuchte, den Karton anzuknabbern. Nach kurzer Zeit jedoch herrschte Ruhe im Karton, und die Hamster legten sich nach einer überaus anstrengenden Nacht schlafen.

George war zu diesem Zeitpunkt gerade aufgestanden und genoss es, in aller Ruhe seinen Frühstückstee zu trinken. Er freute sich schon auf die abendliche Kartenrunde mit seinen Freunden Angus und Steve. Noch ahnte er nichts von den Vorkommnissen um Dunollie Castle, und dass Lisa McGyer ihn heute noch anrufen würde.

Auch Vim van der Slampe war zufrieden. Er hatte wunderbar geschlafen in dieser Nacht, die er in einer kleinen Bed & Breakfast-Unterkunft in Melvich verbracht hatte. Er beschloss, den heutigen Tag zu nutzen und eine Fahrt nach Dunnet Head, dem nördlichsten Punkt des schottischen Festlands zu machen. Fünf erholsame Tage ohne Stress lagen noch vor ihm. Er dachte oft an die Hamster und fragte sich etwas traurig, ob er die kleinen, süßen Quälgeister wohl noch einmal wiedersehen würde.

Finnegan McDudle hatte zu dem Zeitpunkt ganz andere Sorgen, von denen er allerdings noch nichts wusste. Der Besuch bei seinem Schwager in Inversanda war leider nicht ganz erfolgreich gewesen, das heißt, zunächst war er willkommen geheißen und auch zum Essen eingeladen worden. Sogar ein paar schöne Flaschen Wein standen schon auf dem Tisch, als, tja, als seine Frau anrief und sich lautstark beklagte, dass ihr miserabler Ehemann seit Tagen verschwunden sei. Leider klingelte es mitten in ihrer Leidensgeschichte an ihrer Haustür, so dass sie zu fragen vergaß, ob der Schwager etwas über den Verbleib ihres Ehegatten wusste.  Trotzdem war der Abend für Finnegan gelaufen und statt Essen, Wein und Gastlichkeit verbrachte er eine unruhige Nacht in dem zugigen, kalten Wartehäuschen einer Bushaltestelle. Als die Sonne aufging, lief er müde die Straße in Richtung Strontian weiter, bis er von einem Lieferwagen mitgenommen wurde. Glücklich und zufrieden war er nun auf dem Beifahrersitz eingeschlafen und bekam nicht mit, dass der Fahrer des Lieferwagens ein Paketbote war, dessen nächstes Ziel ein Kunde namens McKill in dem kleinen Ort Polloch war.





Kapitel 32

Die Trossachs

Nachdem er sich ein letztes Mal in Richtung Kings House Hotel und somit nach Lisa McGyer umgedreht hatte, lenkte Frido McClown die Kutsche auf die Hauptstraße. Wunderbarerweise war die A82 an diesem Morgen nur wenig befahren, doch bald würden sie ohnehin das Gebiet der Trossachs erreichen und somit wieder in beschaulicher Einsamkeit sein.

"Was würden Sie bloß ohne mich machen, McClown", krähte der Lord in die Gedanken des Butlers hinein. "Noch heute erreichen wir Stirling, morgen sind wir durch Edinburgh durch, und dann haben wir schon die Fähre erreicht. Ein Kinderspiel für einen Pfadfinder, der den Weg wie seine Westentasche kennt! Sehen Sie, dort links ist der Loch Ba und dahinter befindet sich Rannoch Moor! Wenn wir Bridge of Orchy erreichen, werden wir auf den West Highland Weg wechseln."

"Sagten Sie etwas von Westentasche, Sir?" gackerte der Butler. "Darf ich Sie erinnern als wir letztes Mal..."

"Schnickschnack, McClown, Schweine und Bauern haben eben immer etwas zu grunzen! Wir werden im Nu in Crianlarich sein und eine Kleinigkeit zu uns nehmen. Ich kenne den Besitzer eines sehr guten Lokals dort persönlich.  Wir werden willkommen sein und eine bevorzugte Behandlung erfahren. Der Name des Lokals war... Rod, oder so ähnlich"

"Sir, mit Verlaub: das letzte Mal als Sie sagten, dass wir willkommen seien, hat man auf uns geschossen!"

"Ein Irrtum, McClown, außerdem war es doch gar nicht schlimm, oder?"

"Nein, Sir, Ein scharfer Schuss zur rechten Zeit schafft Ruhe und Gemütlichkeit."

Sie erreichten Bridge of Orchy und wechselten auf den alten Militärweg namens West Highland Way. Die Pferde hatten nun wieder angenehmeren, weichen Boden unter den Hufen und dankten es durch flottes Traben.

"Habt ihr das gehört, Leute? Eine Kleinigkeit in einem guten Lokal zu uns nehmen?" rief Goldi entzückt.

"Das wird auch Zeit", stimmte Dodo zu. "Alles was nicht Fresspause ist, ist nämlich Stress."

"Ihr sollte euch schämen, immer nur ans Fressen zu denken. Viel wichtiger ist es, ob wir jemals wieder nach Hause kommen!"

"Na, das ist ja wieder toll", knurrte Goldi, "Erst lernst du laufen, dann sprechen, dann hinsetzen und dann darfst du nur noch Maul halten und nichts sagen."

"Aber, aber, meine liebe Flecki", tönte nun der Bürgermeister, "wie ich schon immer betont gesagt habe, wir sind auf dem besten Weg und alles wird gut, die Sonne scheint..."

"Ha!" unterbrach ihn Flecki, "Einem Politiker wie dir glaube ich grundsätzlich nur die Kontonummer!"

In diesem Moment fuhren sie über einen unebenen Weg, die Hamster purzelten durcheinander, und die Diskussion war vorläufig beendet. Als sie sich wieder aufgerappelt hatten und  sich umsahen, stellten sie fest, dass sie von hohen Bergen umgeben waren. Es war ein phantastischer Anblick und gerade in dem Moment, als sie über eine uralte Steinbrücke fuhren, ertönte die krächzende Stimme des Lord McShredder:" Es ist nicht mehr weit bis Crianlarich, McClown, ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie ein wenig langsamer fahren würden. Sie wollen doch nicht, dass ich aus der Kutsche falle?"

Nichts wäre dem Butler lieber gewesen, doch tatsächlich war nun in der Ferne ein Gebäude zu sehen. Vorsichtig zügelte Frido die Pferde, und langsam näherten sie sich einem recht verlassen aussehenden Haus mit der Aufschrift "The Rotten Inn".

"Ha", tönte der alte Lord, "ich wusste zwar nicht mehr den genauen Namen, aber das muss es sein. Machen Sie die Pferde fest, und lassen Sie uns speisen, McClown!"

"Sir, bei allem Respekt, aber finden Sie, dass "verrottete Kneipe" ein Name für ein gutes Lokal ist? Wie das schon von draußen aussieht, so zerfallen..."

"Etwas in die Jahre gekommen, McClown, aber die Qualität bleibt! Äußerlichkeiten zählen nicht! Nehmen Sie unser Gepäck und lassen Sie uns speisen!"

Frido hatte ein ungutes Gefühl, als er Gepäck und Hamster nahm und schwer beladen seinem Herren folgte. Die alte Holztür der Kneipe klemmte, und so dauert es eine Weile, bis McShredder sie schließlich mit einem gezielten Fußtritt öffnen konnte. Es roch ein wenig muffig und nach abgestandenem Bier. Kalter Rauch lag in der Luft des dunklen Raumes, den sie nun betraten. Vier alte Tische mit den dazugehörigen alten Stühlen verteilten sich vor einem Tresen, an dem ein gelangweilter Mann saß, der eine Zeitung las. Lässig ließ sich McShredder auf einen der Stühle fallen, verschränkte die Arme vor der Brust und rief: "Hallo, Ober!" Der Mann senkte kurz die Zeitung, musterte den alten Lord und antwortete: "Hallo, Gast!" Dann nahm er das Studium der Tageszeitung wieder auf.

Während der Butler ein Grinsen nicht verkneifen konnte, hatten sich die Hamster auf ihre Hinterpfoten gestellt und verfolgten die Situation mit großem Interesse. Hier roch es nach Ärger, oder sogar einer Keilerei, wie Goldi frohlockte.

"Ober, wissen Sie, wer ich bin?" krähte McShredder und blickte bedrohlich in die Richtung des Gastwirts.
"Keine Ahnung, aber ich kann ja mal versuchen, es für Sie herauszufinden", kam die prompte Antwort.

Mit einem Satz war der alte Lord aufgesprungen und stand nun direkt vor dem immer noch Zeitung lesenden Mann.

"Ich bin Lord McShredder von Killichonan, der Bezwinger des Loch Ness Monsters und Nachfolger des Lord of Lourne von Dunollie Castle!"

"Na schön, dass es Ihnen wieder eingefallen ist. Mein werter Name ist McDaugh vom Clan der Stewards, der Besitzer des 'Rotten Inn', und der, ohne den es hier nichts zu Essen oder Trinken gibt!"

"Vom Clan der Stewards? Das waren allesamt Wegelagerer! Ich könnte ihren Laden kaufen, Sie Bauer, und Sie an die Luft setzen!"

"Ach, ja, diese Bruchbude?" lachte McDaugh, "Machen Sie sich doch nicht lächerlich!"

Während diese Streiterei noch eine Weile weiterging, saß Frido McClown gelangweilt am Tisch und betrachtete die Hamster, die sich aufgeregt unterhielten.

"Es ist eine Schande, wie die sich benehmen, jawohl", rief Flecki, "wo bleibt da die Toleranz?"

"Ich bin auch für Toleranz, und wem das nicht passt, dem hau' ich aufs Maul", grölte Goldi. "Die denken nur an ihren Spaß, und wir warten aufs Futter!"

"Geduld, liebe Freunde", versuchte der Bürgermeister zu beschwichtigen, "es wird bestimmt alles gut. Wir sollten versuchen, eine Dings, äh, Lösung zu finden, wie wir sozusagen vermittelnd eingreifen können... Ich, äh, bin offen, ich meine für Vorschläge."

"Ich wüßte eine Lösung", meldete sich Dodo, "aber sie paßt leider nicht zum Problem."

Die interessante Diskussion der Hamster wurde durch ein lautes Knallen unterbrochen. Der alte Lord hatte die Speisekarte auf den Tisch geworfen und sich wieder neben seinen Butler gesetzt.

"Die Speisekarte, McClown, ich habe sie vom Tresen dieses Bauern genommen. Suchen Sie sich etwas
Schönes aus, aber seien Sie nicht so gierig, ja?"

"Sir, wollen wir nicht lieber das Restaurant wechseln, ich meine, wer weiß, was der uns jetzt vorsetzt?" fragte Frido mit ängstlicher Miene.

"Unsinn, McClown, das war eine ganz normale Unterhaltung zwischen verschiedenen Clans. Schließlich haben sie bis vor kurzem unsere Wagen überfallen und uns beraubt!"

"Kürzlich, Sir?"

"Genau genommen", entgegnete der Lord und schaute nachdenklich an die Decke, "war es zum letzten Mal im Jahr 1643."

"Gut, Sir", antwortete der Butler grinsend, "ich denke, ich nehme Fisch"

Der Lord blätterte noch eine Weile in der Speisekarte, dann rief er: "McDaugh, warum heißt dieses Gericht denn Räuberspieß?"

"Warten Sie ab, bis Sie die Rechnung dafür sehen, McShredder!" ertönte die Antwort vom Tresen.
Der Lord antwortete zunächst nicht, sondern blätterte weiter in der zerfledderten Speisekarte, bis er etwas gefunden hatte.

"Schnitzel, McDaugh, da können Sie wohl nichts falsch machen. Für meinen Butler Fisch und Sprudelwasser für uns beide."

"Und, Sir, wenn Sie gestatten, Brot und ein wenig Käse für unsere Hamster!" rief McClown.

Der Restaurantbesitzer nickte und verschwand durch eine Tür im hinteren Teil des Hauses. Es dauerte tatsächlich nicht lange,  dann kam er mit einem großen Tablett zurück und stellte 2 Gläser mit Wasser vor seine beiden Gäste. McClown und McShredder schauten gierig auf das Tablett, und was sie sahen, sah sehr, sehr lecker aus: belegte Brötchen, mit Salat, Schlagsahne und Weintrauben garniert. Eine paar Kekse rundeten dieses leckere Bild ab.

"Nicht schlecht, nicht schlecht, das sieht gut aus", grunzte der Lord und wollte nach den leckeren Schnitten greifen.

"Das ist für die Hamster", rief der Wirt, zog das Tablett weg und ging zu dem Karton mit den Hamstern, der auf einem Stuhl auf der anderen Seite des Tisches stand. Vorsichtig legte er nun ein Brötchen nach dem anderen in den Karton. Zufrieden betrachtete er, wie die hungrigen Hamster sich sofort über diese leckere Mahlzeit hermachten. Eines der kleinen Tierchen war sogar in die Schlagsahne hineingesprungen, und man konnte deutlich beobachten, dass sich eines der anderen Tiere über diese Gefräßigkeit sehr aufregte. Der Wirt nahm das leere Tablett und ging in die Küche.

Viele Stunden und Wutausbrüche McShredders später kam er zurück und brachte das bestellte Essen. Ohne ein weiteres Wort setzte er sich wieder hinter seinen Tresen und las Zeitung. Verwundert blickten die beiden hungrigen Gäste auf ihre Teller. Der Butler hatte als erster  die Fassung wiedergewonnen und rief: "Was ist denn das?"

Der Wirt blickte hinter seiner Zeitung hervor und rief: "Karpfen, etwas Anderes gibt es nicht!"

"Der Karpfen sieht aber gar nicht gut aus", stammelte der Butler.
Der Wirt schaute wieder kurz von seiner Zeitung auf und rief zurück: "Kein Wunder - der ist ja auch tot!"

Lord McShredder stocherte mittlerweile lustlos in seinem Essen herum und rief: "Ein ekelhafter Fraß! Da hätten wir genauso gut zu Hause essen können."

Der Butler antwortete nicht, sondern kämpfte mit seinem recht zähen Karpfen.

"Das Schnitzel schmeckt wie ein alter Hauslatschen, den man mit Zwiebeln eingerieben hat!" schimpfte nun der alte Lord und sah mit bösen Blicken zu McDaugh hin, der nun kurz die Zeitung beiseite legte und antwortete: "Donnerwetter! Was Sie nicht schon alles gegessen haben!"

"McClown!" krähte der Lord nahm das Schnitzel und warf es an die Wand. "Mir reicht’s!"

Der Butler lag mittlerweile auf dem Fußboden und kämpfte mit dem zähen Karpfen, der ihm vom Teller gefallen war.

"McClown, hören Sie auf, mit dem Fisch zu spielen! Ein
Butler ihrer Klasse krabbelt nicht auf dem Fußboden herum!"

Der Wirt hatte sich inzwischen mit der Rechnung in der Hand genähert und fragte lächelnd: "Sie sind schon fertig mit dem Essen und möchten zahlen?"

"Ich bin aber noch hungrig", knurrte Frido McClown, "ich brauche etwas zu essen, was können Sie mir empfehlen?"

"Nun, ein paar Stücke alten Kuchen hätte ich noch, und was ich Ihnen empfehlen kann, ist das Restaurant zwei Kilometer westlich von hier, das "Rod and Reel Inn".

Nur wenige Minuten später setzten Lord und Butler ihre Fahrt in südlicher Richtung durch das Gebiet der Trossachs fort.

"Rod, oder so ähnlich, wir werden dort speisen und eine bevorzugte Behandlung erfahren, man kennt und schätzt mich dort..."

"McClown, hören Sie auf, herumzumeckern! Man wird ja wohl mal einen Namen verwechseln dürfen, oder?"
Der Butler antwortete nicht, sondern schaute konzentriert auf den Weg. Sie waren nun, von wilder Schönheit umgeben, im ersten Nationalpark Schottlands. Wunderschöne Flusstäler wechselten sich mit schroffen Gebirgshängen ab. Sie befanden sich in einem ausgedehnten Waldgebiet, murmelnde Bäche begleiteten sie. Hin und wieder passierten sie einen donnernden Wasserfall. Gegen Nachmittag kam etwas Nebel auf und tauchte die Landschaft in eine gespenstische Stimmung. Genauso, wie übrigens auch die Stimmung von Lord McShredder und Frido McClown war, denen allmählich dämmerte, dass sie ein klein wenig von der geplanten Strecke abgekommen waren. Es war dunkel geworden. Das lag in erste Linie daran, dass der Wald immer dichter wurde und der Weg vor ihnen wie ein grüner Tunnel wirkte, so zugewachsen war er. In zweiter Linie lag es daran, dass die Sonne sich langsam dem Horizont näherte und das war eine ausgesprochene Panne.

"Sir, ob es noch weit bis Stirling ist?" fragte der Butler, und der gehässige Unterton in seiner Stimme war auch dem Lord nicht verborgen geblieben.

"Sie sind auch nie zufrieden McClown. Genießen Sie
die Reise und ersparen Sie mir ihre klugen Kommentare."

"Genießen, Sir?" Frido drehte sich verblüfft zu McShredder um. "Sagten Sie genießen? Ich dachte immer, Sie würden nur Geld genießen."

"Geld und Reichtümer sind nicht alles im Leben, McClown. Ein Mann wie ich kann beispielsweise mit 10 Millionen genauso glücklich sein wie mit 8 Millionen, oder sagen wir besser, mit 9 1/2 Millionen."

"Sir, vielleicht sollte ich mal die Gelegenheit wahrnehmen, um eine Erhöhung meines spärlichen Gehaltes..."

Es folgte eine Diskussion, die zu nichts führte. Genauso wie der Weg übrigens, der kein Ende zu nehmen schien. Der Lord tippte ungeduldig mit seinen Fingern auf der Holzbank der Kutsche herum, während Frido McClown die Pferd langsamer traben ließ, denn die Dunkelheit senkte sich nun mehr und mehr über den Wald. Rechts tauchte zwischen den Bäumen schemenhaft ein großer See auf, doch Dickicht und Dunkelheit ließen ihn sofort wieder irgendwohin verschwinden.
"Sir, die Tiere brauchen ein Pause."

"Danach wird es zu dunkel sein, um weiterzufahren", antwortete der Lord mit leiser Stimme. "Machen Sie ein Lager, McClown, wir werden im Freien übernachten, wie in der guten, alten Zeit!"

"Sir, wenn ich zu bedenken geben darf, wir haben keine Decken und nichts zu Essen. Wenn wir zu Fuß gingen und die Tiere schonen...."

"Sie sind verweichlicht, McClown! Ein bisschen Pioniergeist täte Ihnen gut. Wir haben die Kutsche, und wir haben eine Plane, mehr brauchen wir nicht. Das Essen gibt es kostenlos in der Natur, Sie müssen nur mal die Augen aufmachen."

Der Butler seufzte und fügte sich seinem Schicksal. Pioniergeist! Schlichter Geiz war es, dass der Lord nicht bis zu einer gemütlichen Unterkunft - die natürlich etwas kosten würde - weiter wollte. Wie in der guten, geizigen Zeit, dachte Frido, stieg vom Kutschbock und kümmerte sich erst einmal um die Pferde, die für diese Lage natürlich nichts konnten. Er begann, die Pferde so zu striegeln, wie Vim van der Slampe es ihm gesagt hatte, und die Tiere ließen es sich gerne gefallen. Als ihm die Arme anfingen, weh zu tun, ging er zu den Hamstern. Zu seiner Beruhigung schliefen die kleinen Tier noch, doch bevor er sich zu dem Lord auf die Pritsche der Kutsche setzen konnte, zeigte dieser auf das am Wege stehende Gebüsch: "Brombeeren, mein lieber McClown, gesund und nahrhaft. Fangen Sie schon mal an zu sammeln. Ich werde die Augen weiterhin nach etwas Essbarem aufhalten."

Es wurde ein kaltes, wenig abwechslungsreiches Abendessen. Außer Brombeeren hatte Frido McClown nichts Anderes auftreiben können. Das meiste aß gierig der der alte Lord, während Fridos Appetit sich in Grenzen hielt. Einen Teil der Beeren legte der Butler für die Hamster beiseite, und er war sich jetzt schon sicher, dass die Hamster keinesfalls begeistert über Brombeeren als Futter sein würden. Aber es war nun mal nicht zu ändern, und so begann er, das Nachtlager für sich und Lord McShredder herzurichten. Der Lord hatte es sich auf dem Holzboden der Pritsche gemütlich gemacht und sich mit einem Teil der Plane bedeckt. Der Butler nahm den Rest der Plane,  bedeckte sich ebenfalls und schloss die Augen. Im nächsten Moment jedoch schreckte er hoch: die Hamster! Er stand auf und betrachtete den Karton, in dem die Hamster immer noch friedlich vor sich hin schliefen, doch er wusste, dass das nicht von Dauer sein würde. Die Ränder des Kartons schienen hoch genug zu sein, so dass eine Flucht der Tierchen ausgeschlossen war. Selbst wenn sie es irgendwie schaffen würden, überlegte Frido, würden sie nicht über die Seitenbretter des Kutschwagens klettern können. Sein Blick fiel auf den schnarchenden Lord und im nächsten Moment auf den Himmel. Die Wolken zogen schnell vorüber und gaben für kurze Zeit immer wieder den Blick auf die Sterne frei. Der Wind hatte zugenommen, kein Zweifel. Frido McClown dachte daran, dass er auf den letzten Kilometern keine Schafe gesehen oder gehört hatte, und dass die Midges ihn am frühen Morgen bereits zweimal gestochen hatten. Er hob den Kopf und sog die Waldluft tief ein: Ja, der Geruch der Vegetation um ihn herum war recht intensiv. Das alles waren Anzeichnen für ein bevorstehendes Unwetter. Für ein möglicherweise schweres Unwetter.

"Sir, wir sollten die Plane aufstellen und mit der Kutsche Schutz im Gebüsch suchen, ich glaube, es kommt ein Unwetter auf!"

Der Lord grunzte nur kurz, gähnte und öffnete seine
Augen einen Spalt weit. "Unsinn. McClown, mein Rheuma hätte schon längst Bescheid gesagt. Lassen Sie mich jetzt schlafen!"

"Sir, ich..."

"Ruhe, McClown! Ich will schlafen!"

Der Butler zuckte mit den Schultern und warf erneut einen Blick auf den Karton mit den Hamstern. Sie mussten zugedeckt werden, soviel war klar. Er holte aus dem Gepäck ein grünes Handtuch und legte es vorsichtig über die Hamsterbehausung. Dann legte auch er sich schlafen, während hoch über ihnen die Bewölkung immer weiter zunahm, und der Wind immer heftiger wurde. Es schien eine unangenehme Nacht zu werden.





Kapitel 33

Trossachs II

"He, Leute, seht euch das mal an. Die pennen beide, und keiner kümmert sich um uns! Soll das unser Futter sein? Los, sag mal was dazu!" rief Flecki empört und stupste Goldi an, der sich langsam und gemächlich räkelte und gähnend antwortete: "Ich wollt' ich wär ein Teppich. Dann könnt' ich immer liegenbleiben." Er drehte sich zu den Brombeeren um, blinzelte ein paar Mal mit den Knopfaugen und rief: "Das soll Futter sein? Werden wir jetzt zu Karnickeln umerzogen?"

"Brombeeren", erklärte Dasie, die an den Beeren schnüffelte, "die sollen sehr gesund sein."

"Der Bauleiter ist mal beim Reparieren eines Daches in ein Brombeergebüsch gefallen. Der sah ganz schön kaputt danach aus und dann hat er..."

"Danke, Tuffi, aber ich glaube, das interessiert hier niemanden", fauchte Bauleiter Murksel und schubste Tuffi so heftig, dass sie fast umfiel.

"Öhm, unter den gegebenen Umständen", meldete sich nun der Bürgermeister, "denke ich, wir sollten sozusagen eine Besprechung anberaumen, um die Dingslage zu klären."

Nachdem die Hamster ein paar Minuten lang planlos durcheinander geschrieen und heftig diskutiert hatten, wurde die Tagesordnung festgelegt. Entgegen der hamstischen Tradition wurden die sonstigen letzten Punkte, nämlich die allgemeine Futterlage und eine eventuelle nächtliche Party auf Punkt 1 und 2 der Tagesordnung gesetzt. Gerade in dem Moment, als Trampel und Hamstilidamst ihre Abneigung gegen Brombeeren erklären wollten, geschah das, was Frido McClown schon vor einiger Zeit befürchtet hatte: Es begann zu regnen. Auf Antrag von Teeblättchen wurde nun der Zusatzpunkt: 'Es regnet, was machen wir nun?' auf den Plan gesetzt. Ein Zusatzantrag von Sasie erreichte, dass in einer sofortigen Abstimmung dieser Punkt von Platz 3 auf Platz 1 der Tagesordnung aus aktuellem Anlass geschoben wurde. In dem Moment, als Trampel über die Nachteile seines inzwischen recht nassen Fells klagte, kam heftiger Wind auf. Tati brachte den Zusatzantrag, den Punkt 'Es wird kalt, wo kriegen wir Klamotten her?' ebenfalls in die Debatte und stieß auf allgemeine Zustimmung. Nachdem es der Hamsterschaft nicht gelungen war, die neue Reihenfolge der Diskussionspunkte festzulegen, hatte schließlich der Bürgermeister die Idee, die Punkte 'Es regnet, was machen wir nun?' und 'Es wird kalt, wo kriegen wir Klamotten her?'  zu einem Punkt zusammenzufassen. Nach heftigen Diskussionen und einigen Vorschlägen, die jedoch allesamt unbrauchbar waren, tauchte ein neues Problem auf: Der Regen hatte aufgehört. Dodo schlug vor,  den Punkt 'Es regnet, was machen wir nun?'  zu streichen, wurde jedoch von Bauleiter Murksel darauf hingewiesen, dass zusammengelegte Tagesordnungspunkte nicht mehr gestrichen werden können. Der Bürgermeister verwies allerdings auf die Möglichkeit einer Modifizierung anstelle einer Streichung, und nach kurzer Diskussion folgte eine Abstimmung, in der sich die Mehrheit für eine Änderung des ersten Tagesordnungspunktes aussprach. Nachdem nun alle Arbeitspunkte geklärt waren, begann es erneut zu regnen.

"Öh, und was machen wir nun?" wollte Dodo wissen.

Es herrschte allgemeine Ratlosigkeit, denn keiner hatte den Mut, eine erneute Änderung der Tagesordnung vorzuschlagen. So saßen die Hamster in dem Karton, der ehemals eine Torte beherbergt hatte, und waren froh, wenigstens durch ein Handtuch geschützt zu sein. Lord und Butler unterdessen störte der Regen nicht im geringsten, denn die Plane der Kutsche schützte sie vor Wind und Regen. Die beiden Männer schliefen und schnarchten vor sich hin, während die Hamster ratlos zuschauten, wie ihr Karton langsam vom Regen aufweicht wurde.

"Wie wärs, wir machen uns aus dem Stoff ein paar schöne Umhänge?" rief Flecki und zeigte auf das Handtuch. "Grün ist zur Zeit 'in' und der Stoff fühlt sich prima an."

"Das ist es", rief Sasie, "damit wäre der Punkt 'Es wird kalt, wo kriegen wir Klamotten her?' geklärt!"

"Der Punkt, öhm, meine lieben Mithamster, wurde aber soeben geändert, und somit müssen wir neu abstimmen, ob..."

Die restlichen Worte des Bürgermeisters gingen wie schon so oft in einem aufgeregten Geschrei unter. Schnell wurde ihm klar, dass den Hamstern Wärme wichtiger als Abstimmungen war, und somit ging der Bürgermeister schnell zu den verbliebenen beiden Punkten über, während Flecki und einige andere damit begannen, das grüne Handtuch in viele kleine Umhänge zu zerteilen. Die Abstimmung über die Punkte 2 und 3 ging recht schnell über die Bühne, wobei der Punkt 3 von dem Punkt 2, nämlich der allgemeinen Futterlage abhängig gemacht wurde. Da die Verteilung der Umhänge bereits im Gange war, wurde beschlossen, sich sofort auf die Futtersuche zu begeben, da von dem Butler und seinem Chef keinerlei Hilfe zu erwarten war.

Da der Karton schon recht aufgeweicht war,  ließ sich leicht ein großes Loch bohren. Wie allerdings McClown schon erwartet hatte, stellten die Seitenwände der Pritsche für die Hamster ein unüberwindliches Hindernis dar, das von den findigen Tieren jedoch trotzdem schnell überwunden wurde. Da der alte Lord mit seinem Kopf direkt an eine der Seiten gelehnt war, war es kein Problem, über ihn und seinen Kopf hinweg ins Freie zu krabbeln und von der Kutsche herunterzuspringen. Kurz darauf saßen alle Hamster im tiefen Gras und hatten nasse Pfoten.

"Öh, und nun, was machen wir....."

"Ganz klar", unterbrach Goldi Dodo, "wir sind die hamstischen Pfadfinder!"

"Und wie findet man einen Pfad?"

"Also Dodo, schau doch mal, wie wir aussehen. Also, was sind wir?"

"Moosbiber?"

"Das ist ein Tarnanzug, Dodo. Wir sind coole und starke Pfadfinder. Niemand kann uns aufhalten, und wir besorgen uns jetzt etwas zu futtern."

"Ein Regenschirm bei diesem Dreckswetter wäre besser", schimpfte Tuffi.

"Ey Leute, wusste ihr schon: Ein Regenschirm schützt vor Regen, ein Bildschirm kann aber nicht vor Bildern schützen?"

Niemand lachte über Goldis Witz, und so ging es über einen matschigen Weg weiter durch den dunklen Wald. Sie entfernten sich immer mehr von der Kutsche, und schon bald waren sie außer Sichtweite. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, doch Futter war noch immer nicht zu entdecken, als plötzlich ein Licht durch die Bäume schimmerte. Hoffnung keimte bei dem kleinen Trupp auf, und sie beeilten sich, durch das unwegsame Gelände vorwärts zu kommen. Flecki erreichte als Erste einen kleinen Hügel, von dem aus die Lage besser zu überblicken war.

"Ein Haus", rief sie entzückt, "ein richtig vornehmes, großes Haus!"

"Ein Flachdachgebäude", stellte Bauleiter Murksel fachmännisch klar.

"Ja, genau", stimmte Tuffi zu. "Das habe ich in der Berufsschule gelernt: Beim Flachdach ist das Dach flach!"

"Du gehst zur Berufsschule? Das ist mir neu!"

"Doch, Sasie, ich bin sogar schon zweimal dort gewesen. Aber dann hat Bauleiter Murksel gesagt, nur in der Praxis lernt man etwas und hat mich persönlich weiter ausgebildet."

"Und solche Sachen lernst du nun beim Bauleiter?"

"Naja", druckste Tuffi herum, "wir lernen da die Feinheiten. Neulich haben wir Kopfschütteln geübt."

"Kopfschütteln?" fragte Sasie verwundert.

"Ja, das Kopfschütteln in Gegenwart des Kunden, wenn man etwas reparieren soll. Bauleiter Murksel sagt nämlich immer, wir sollen versuchen, dem Kunden etwas Neues anzudrehen...."

"Tuffi!"

"Ja, Bauleiter?"

"Schnauze!"

"He Goldi", flüsterte Flecki, "findest du das nicht merkwürdig? Warum hat der Bauleiter die Tuffi von der Berufsschule wieder runtergenommen?"

"Ist doch klar", brummte Goldi, "die hätte doch sonst mitgekriegt, welchen Murx dieser Murksel fabriziert."

Die Hamster wandten ihre Aufmerksamkeit nun wieder dem hell erleuchteten Haus zu, vor dem sich merkwürdige Dinge abspielten. In der Einfahrt standen mehrere Limousinen, Leute standen herum und schienen zu warten. Vorsichtig krochen die kleinen Tiere näher und versuchten zu lauschen. Dann tat sich etwas, und die Haustür wurde geöffnet. Blitze flammten auf, die Stimmen wurden lauter, als jemand auf die Limousinen und die wartenden Leute zuging. Ein paar Worte wurden gewechselt, und enttäuschte Rufe waren zu hören. Kurz darauf löste sich die wartende Menschenmenge auf und verschwand in den Autos. Motoren wurden angelassen, und ein Wagen nach dem anderen verschwand. Dann war alles still, nur ein merkwürdiges Jaulen war zu hören, das scheinbar aus dem Haus kam.

"Was 'n da los?" fragte der Bürgermeister.

"Ich glaube, ich weiß, was los ist", rief Flecki, die plötzlich wie aus dem Nichts vor dem Bürgermeister auftauchte. "Ich bin ein bisschen dichter herangekrochen und konnte einiges verstehen. Da sind Musiker in dem Haus, und die wollen für ihre Tournee üben. Der eine von denen hat gerade die ganzen Leute weggeschickt, die ein Interview machen wollten. Also der sah vielleicht bescheuert aus!"

"Sind das die Beatles?" fragte Dodo.

"Du hast aber echt null Ahnung, Dodo. Die Beatles spielen doch schon lange nicht mehr. Nein, die hießen anders, irgend etwas mit einem japanischen Hotel oder so. Bestimmt ist das so eine Truppe, die völlig überfordert ist, vernünftige Musik zu machen."

"Meistens haben diese Gruppen auch die Haltbarkeitsdauer eines Joghurts", stimmte Teeblättchen zu.

"Wollen wir uns jetzt über schlechte Musik oder über gutes Futter unterhalten?" fragte Goldi und lief, ohne eine Antwort abzuwarten, auf das Haus zu.

"Und nun, was machen wir nun? Ich meine, jetzt sitzen wir hier und..."

"Klappe, Dodo, ich muss überlegen!" fauchte Bauleiter Murksel. Seit einer halben Stunden saßen die Hamster nun vor dem Gebäude und hatten immer noch keine Idee, wie sie hineinkommen könnten.

"He, Leute, wir könnten durch die Regenrinne nach oben klettern!"

"Dann sitzen wir auf dem Dach, und wie weiter, Goldi?" entgegnete Trampel.

"Naja, dann rutschen wir wieder durch die Dachrinne zurück und überlegen uns etwas Anderes. Das machen wir doch immer so, oder?"

Niemand antwortete. Alle starrten auf die Haustür, überlegten angestrengt und warteten auf ein Wunder. Dann geschah es tatsächlich: Die Haustür wurde geöffnet, ein dicker Mann mit Zigarre im Mund trat heraus, drehte sich um und rief: "Ihr bleibt so lange hier, bis ihr 10 Lieder fehlerfrei spielen könnt, ist das klar!" Irgendeine Antwort kam aus dem Haus zurück, doch die Hamster achteten nicht darauf, sondern machten, dass sie durch die geöffnete Tür ins Innere des Hauses kamen. Kaum waren sie drinnen, da schloss sich die Haustür geräuschvoll. Sie hatten es geschafft!

"Wieder einmal hat sich gezeigt, meine lieben Hamsterfreunde, dass Mut und Entschlossenheit zu den Tugenden unserer Rasse zählen und dass wir..."

"Ist ja gut, Bürgermeister", unterbrach Flecki, "wir sollten uns erst mal verstecken, sonst sind wir bald keine Rasse mehr."

Ein Jaulen, Klirren und Scheppern ließ die Tiere zusammenschrecken. Voller Panik rannten sie in das nächstbeste Zimmer und versteckten sich dort in einer Ecke.

"Das ist ja entsetzlich!" jammerte Teeblättchen. "Was passiert da?"

"Das nennen die Üben", erklärte Tati, "die lernen neue Lieder."

"Warum können die nicht wie Hamsterquallo1 klingen?", jammerte Flecki.  

"Bauleiter Murksel hat einmal versehentlich die Werkzeugkiste in die Kreissäge geschoben, das klang genauso", wusste Tuffi zu berichten, "und dann war er so sauer, dass er die Kreissäge umgetreten hat und dabei ist das halbe Haus...."

"Tuffi?"

"Ja, Chef?"

"Schnauze!"

Die Stimmung unter den Hamstern wurde von Minute zu Minute gereizter. Schließlich waren sie als Nachttiere mit einem empfindlichen Gehör ausgestattet, und das, was sich in diesem Haus abspielte, war für sie kaum zu ertragen. Immerhin war es Goldi gelungen, eine Tüte Chips aufzutreiben, doch nach einem Probebiss mochte niemand mehr etwas davon essen. Hamster mögen kein Essig, und diese Chips schmeckten eindeutig nach Essig.

"Ekelhaft", schimpfte Flecki, "und diese Dinger kann man sich nicht mal in die Ohren stecken. Dieser Krach ist entsetzlich. Bürgermeister, tu gefälligst mal was!"

"Öhm, ja, ich, also meine lieben Hamster, wir sollten zusehen, dass wir Futter finden und verschwinden."

"O.K.", sagte Goldi, "wie wär’s, wir knacken den Kühlschrank? Kannst du den nicht mal reparieren, Bauleiter?"

"Wieso reparieren? Der ist doch nicht kaputt?"

"Doch, Murksel, schau mal genau hin: Das obere Scharnier ist ein bisschen schief."

Der Bauleiter legte den Kopf schief, um die Sache genauer zu betrachteten. Er klopfte gegen die linke Seite des Kühlschranks, dann an die rechte und sprach schließlich: "Ohne Werkzeug kann ich da leider nichts....."

"Doch, doch", unterbrach ihn Goldi, "hier ist ein Besteckfach, da sind Messer und alles Mögliche drin."

Der Bauleiter verschwand wortlos in der Schublade, ein Klappern und Scheppern war zu hören, und er tauchte wieder auf. In der einen Pfote hielt er ein Messer und in der anderen einen Dosenöffner.

"Scharniere", so erklärte er, während er sich am oberen Scharnier mit dem Dosenöffner zu schaffen machte, "sind zwar robust und halten lange, jedoch brauchen sie auch regelmäßiges Justieren. Das wissen nicht viele, und die meisten Leute denken, so ein Scharnier hält ewig. Tut es nur bei guter Pflege und, wie gesagt, bei regelmäßigem Justieren der Scharniereinheit. Ich demonstriere euch das einmal: vorsichtig klopfen und ziehen!"

Da die Musik im Haus für einen Moment aufgehört hatte, war das leise Knacken des Scharniers gut zu hören. Der Bauleiter stieg vom Kühlschrank herab und machte sich am unteren Scharnier zu schaffen.

"Natürlich ist es wichtig, immer beide Scharniere gleichzeitig zu justieren", erklärte er weiter, "damit die Symmetrie des Gerätes erhalten bleibt. Nur ein Anfänger würde sich mit einer halben Sache begnügen."

Goldi und Flecki bestätigten grinsend mit nachdrücklichem Kopfnicken seine Worte, als Baumeister Murksel lässig  Dosenöffner und Messer beiseite schob. "Fertig!" schrie er, denn die Musik im Nebenzimmer hatte wieder eingesetzt. "Das hält nun eine Ewigkeit." Zum Beweis seiner Worte trat er mit seiner Pfote kräftig gegen den Kühlschrank und sprang zurück auf den Fußboden und betrachtete sein Werk. Dann trat er einen Schritt zurück, dann noch einen und dann ganz viele Schritte, denn die Tür des Kühlschranks kam ihm plötzlich entgegen. Kreischend rannten die Hamster in alle Richtungen auseinander, als die schwere Kühlschranktür auf den Boden knallte.

"Da- da- das müssen defekte Bauteile aus der 45er-Reihe sein, die taugen einfach nichts", stotterte der Bauleiter, während Flecki und Goldi verständnisvoll mit breitem Grinsen nickten.

"Alles klar, Leute", schrie Goldi, "fertig machen zum Futterfassen!"

Nach wenigen Minuten lagen die Hamster vollgefressen und schlapp in einer Ecke der Küche. Das Leben hätte schön sein können, wenn nicht die infernalischen Geräusche aus dem Nebenzimmer gewesen wären. Von Minute zu Minute wurden die armen Tiere immer nervöser und aufgeregter, und Dodo wollte sich gerade im Mülleimer verstecken, als die Musik schlagartig aufhörte.

"Noch einmal ertrage ich das nicht", keuchte Teeblättchen.

"Wir müssen was machen, aber was?" jammerte Dodo.

"Also, raus kommen wir hier nicht", grübelte Murksel, "wir kriegen die Tür nicht auf, die ist zu schwer. Die Fester sind zu hoch, das wird nichts."

In diesem Moment erschraken die Hamster, und Panik kam auf. Schritte waren zu hören! Jemand näherte sich der Küche. Schnell versteckten sich die Tiere hinter der Küchentür und warteten. Ein entsetzter Schrei war zu hören, der bestimmt den kaputten Kühlschrank betraf. Kurz darauf waren weitere Schritte zu hören, und vier junge Leute standen verschreckt um die abgestürzte Kühlschranktür herum. Die Hamster hatten schon längst die Situation genutzt und waren ins Nachbarzimmer verschwunden. Etwas ratlos standen sie nun vor elektrischen Gitarren, einer Schlagzeuganlage und mehreren Verstärkern.

"Wie wäre es, wir reparieren ein wenig ihre Instrumente?" fragte Goldi und sah den Bauleiter grinsend an.

"Ich fasse heute nichts mehr an", knurrte der.

"Chef, Chef", meldete sich Tuffi aufgeregt und schnippte mit den Pfoten, "auf der Berufsschule habe ich mal etwas über elektrische Schaltungen gelernt!"

"Ehrlich?" rief Sasie begeistert. "Du kannst so etwas?"

"Na ja", druckste Tuffi, "so ganz genau habe ich das nicht kapiert, aber..."

"Wusste ich es doch", trumpfte der Bauleiter auf. "In der Schule lernt man das alles nicht richtig. Hier spielt das Leben. Los, Tuffi, zeige uns mal eine Parallelschaltung!"

Etwas verlegen trat Tuffi vor und begann, an einigen Kabeln zu ziehen. Sie zog hier ein Kabel und steckte es dort hinein, während aus der Küche laute Klopfgeräusche zu hören waren. Scheinbar wurde dort gerade versucht, die Kühlschranktür wieder einzusetzen.

"Chef, ist die weiße Buchse da in der Wand ein Ausgang oder ein Eingang?"

Bauleiter Murksel erhob sich und lief zu der weißen Buchse. Fachmännisch klopfte er dagegen, räusperte sich und rief: "Das muss ein Eingang sein, und zwar ist das der Emitter für den Verstärkereingang. Höchstwahrscheinlich laufen hier die einzelnen Komponenten zusammen."

Tuffi nickte und fuhr fort mit ihrer Arbeit, während die restlichen Hamster gelangweilt zuschauten. Plötzlich jedoch war es mit Arbeit und Langeweile vorbei, denn nun wurden die Stimmfetzen, die von der Küche her kamen, plötzlich lauter und das konnte nur bedeuten, dass sich jemand näherte.

"Schnell", rief Murksel, "in das kleine Zimmer dort hinten!"

Gesagt, getan, und die Hamster sahen sich in dem Raum um. Sie hatten keine schlechte Wahl getroffen, denn offensichtlich war dies eine Vorratskammer, in der sich neben Konservendosen, Essigchips auch Gemüse und jede Menge Kekse befanden. Bevor nun eine 'Spontan-Steh-Und-Fressparty' abgehalten werden konnte, musste zunächst geklärt werden, was im Musikzimmer vor sich ging. Mit 11 Ja-Stimmen und einer Gegenstimme wurde beschlossen, Trampel als Kundschafter loszuschicken. Nach wenigen Minuten kehrte er atemlos zurück und keuchte: "Fast hätten die mich entdeckt."

"Und?" fragte Dasie, "werden die weiter Krach machen?"

"Scheinbar nicht, die machen wohl eine Pause. Die kritzeln auf einem Zettel herum und essen ekelige Essigchips und trinken braune Soße aus Flaschen!"

"Gut, gut", dröhnte der Bürgermeister, "meine lieben Hamsterfreunde, it’s time to party, wie man hier sagt. Bevor es losgeht, möchte ich abschließend noch einmal den Dank an unseren Trampel richten, der sich durch Mehrheitsbeschluss bereit erklärt hat, alle 5 Minuten nach dem Rechten zu sehen!"

Somit kamen die Hamster nach langer Zeit wieder zu einer Party mit reichlich Futter. Alle waren zufrieden, ausgenommen Trampel, der ständig zwischen Musikraum und Vorratskammer hin- und herrannte und nicht so recht Spaß an der Sache hatte. Da er alle 5 Minuten aufs Neue losrennen musste und der Hin- und Rückweg jeweils 4 Minuten dauerte, war er ständig unterwegs. Nach mehreren Stunden jedoch kam er japsend angestürmt, stellt sich mitten in die Partygesellschaft und rang nach Luft. Er war völlig erschöpft, sein Atem ging schwer, und ein Pfeifen war zu hören, bis Goldi ihn schließlich ungeduldig fragte: "Willst du uns ein Lied vorpfeifen, oder was?"

"Die fangen", keuchte er, "die fangen..."

"Die spielen Fangen?" fragte Dodo ungläubig.

"Nein, nein", krächzte Trampel, "die fangen wieder an...."

"Tja, das war’s wohl mit der Party", sagte Hamstilidamst missmutig, doch Flecki war sich da nicht so sicher: "Kann auch sein, dass es jetzt erst richtig losgeht, wer weiß, was unser Bauleiter der Tuffi so alles beigebracht hat."

Die Hamster schlichen zur Tür der Vorratskammer und lauschten. Außer ein paar undeutlichen Worten war zunächst nichts zu verstehen, doch dann waren klar und deutlich die Worte: 'One-two-three' zu hören. Während Tuffi noch einmal an alles dachte, was sie über Parallelschaltungen wusste, und Bauleiter Murksel überlegte, wo er diese weiße Buchse da in der Wand schon einmal gesehen hatte, brach ein Inferno aus. Es begann mit mehreren lauten Explosionen, Blitze fegten durch das Haus, die Beleuchtung ging aus, und irgendetwas flog durch kreischend durch die Luft. Eine Alarmanlage ging mit einem lauten Gejaule los, und das ganze Haus schien zu wackeln, während von der Decke herab Wasser aus einer Sprinkleranlage schoss.

"Alles in die Boote!" kreischte Flecki und krabbelte in eine große Kiste, in der sich Gemüse befand. Schnell folgte ihr der Rest der Partygesellschaft, und mit angsterfüllten, riesigen Knopfaugen verfolgten sie das Geschehen. Die Luft war von Rauch und Qualm erfüllt, der Boden war inzwischen soweit mit Wasser überflutet, dass die Gemüsekiste aus der Vorratskammer in das nächste Zimmer trieb. An mehreren Stellen in der Wohnung brannte es, doch das von der Decke kommende Wasser tat sein Bestes. Immer schneller trieb nun die Gemüsekiste mit den Hamstern an Bord, und sie erreichten das Musikzimmer, in dem das Chaos seinen Anfang genommen hatte. Hier sah es besonders schlimm aus, und insbesondere die Musiker und ihre Instrumente sahen recht mitgenommen aus.

"He, Leute", rief Goldi, "hat das hier eine Grillparty gegeben? Die Jungs sehen ja aus wie Grillkohle!"

"Heißt das deshalb brandneues Album", fragte Dodo verwundert, "ich meine, weil die alle..."

Erschrocken schauten die Hamster einander an. Draußen ertönten plötzlich Sirenen, bestimmt war die Feuerwehr im Anmarsch! Kurz darauf waren laute Schläge an der Haustür, auf die die Hamster nun zutrieben, zu hören. Dann splitterte das Holz und eine Axt drang durch die Tür. Laute Rufe waren zu hören, und kurz darauf war die Haustür ganz verschwunden. Nun drangen Leute in Uniformen und Helmen in das Haus. Einige stürzten sich sofort auf die am Boden liegenden, jammernden und übel zugerichteten Musiker, während der Rest die anderen Räume durchsuchte. Unbemerkt von allen trieben die Hamster mit ihrer Gemüsekiste durch die zerschmetterte Tür hinaus ins Freie. Auf dem Rasen im Vorgarten des Hauses liefen sie auf Grund, krabbelten aus der Gemüsekiste und machten, dass sie weit, weit wegkamen. In panischer Flucht liefen sie so schnell ihre kleinen Pfoten es zuließen,  bis sie erschöpft und keuchend wieder vor der Kutsche standen. Sie kletterten über die Speichen der Räder bis auf die Kutschbank und über den Kopf des alten Lords zurück in die Pritsche. In den Resten des aufgeweichten Kartons ließen sie sich erschöpft nieder.

"Und noch was, Leute", keuchte Bauleiter Murksel mit erschöpfter Stimme. "Es ist nichts passiert, und wir sind nie weggewesen, klar?"

Alle nickten stumm, und niemand sagte ein Wort. Am Himmel war bereits der erste rote Schein des kommenden Morgens zu sehen. Es dauerte nicht lange, und auf der Pritsche der Kutsche war nun auch das letzte Lebewesen eingeschlafen.





Kapitel 34

Wieder an Bord

"McClown, haben Sie sich schon Gedanken um mein Frühstück gemacht?"

Der Butler schreckte hoch und sah sich um. Er rieb sich die Augen, und so langsam dämmerte es ihm, wo er sich befand.

"Nun, Sir, ich dachte an einen frischen Waldsalat, der ist sehr lecker und preiswert..."

"Machen Sie die Kutsche klar, und überlassen Sie solche Sprüche mir!" fauchte der Lord und drehte sich beleidigt um.

Kurz darauf waren sie startbereit, und Frido McClown warf noch einen Blick auf die schlafenden Hamster.

"Sehen Sie, Sir, wie lieb die schlafen. Es war ihnen bestimmt zu feucht heute Nacht, diese braven Tiere!"

"McClown, wenn ich nicht bald etwas zu Essen bekomme, werde ich zum Tier, also Marsch!"

Wenig später ging die Fahrt weiter, und es schien, als wenn auch die Pferde nach dieser nassen Nacht froh darüber waren, sich wieder bewegen zu dürfen. Sie waren noch nicht weit gefahren, als zu ihrer rechten Seite ein prächtiges Haus auftauchte. Allerdings schien es von seiner Pracht eine Menge eingebüßt zu haben, denn es sah aus, als wenn sich dort etwas Schlimmes ereignet hatte. Auch die Tatsache, dass ein Feuerwehrwagen direkt davor parkte, ließ darauf schließen, dass hier etwas passiert war.

"McClown, schauen Sie mal nach, und fragen Sie, was das zu bedeuten hat!" befahl Lord McShredder.

Wenige Minuten später kam der Butler zurück und erstattete Bericht: "Der Feuerwehrmann sagt, dass hier heute Nacht eine Musikgruppe für ihr nächstes Konzert geübt hat. Scheinbar haben die nicht aufgepasst und die Hütte abgefackelt. Die sollen jetzt ziemlich mitgenommen aussehen. Der Feuerwehrmann hat gemeint, dass der Sänger von denen gesagt hat, dass sie in diesem Land nicht mehr singen wollen. Der Sänger soll auch gesagt haben, dass sie in Zukunft nur noch für Finnland beim Grand Prix antreten wollen."

Gegen Mittag hatte die Reisegruppe das Gebiet der Trossachs verlassen und das ursprünglich geplante Ziel Dunferline kurz vor dem Firth of Forth erreicht. Die Nacht im Wald hatte bei allen ihre Spuren hinterlassen, doch Lord McShredder hatte zum Glück eine preiswerte Übernachtungsmöglichkeit gefunden. Der vierte Tag ihrer Reise verlief soweit problemlos, lediglich in Edinburgh kam es zu einigen unschönen Szenen, als sie mitten in die Hauptverkehrszeit der Hauptstadt gerieten. Es hätte nicht viel gefehlt, und der pöbelnde Lord wäre von den aufgebrachten Autofahrern von der Pritsche geholt worden. Am Ende des Tages erreichten sie Burnmouth und der Lord beschloss, eine letzte Nacht auf schottischen Boden zu verbringen. Frido McClown hatten dem Plan begeistert zugestimmt, war jedoch außer sich, dass der Lord die Übernachtung auf schottischem Boden wortwörtlich nahm. Somit wurde das Geld für eine letzte Übernachtung gespart, und sie nächtigten am Strand von Hilton Bay, nur wenige Kilometer von der englischen Grenze entfernt. Da wieder einmal heftiger Regen einsetzte, verbrachte die Reisetruppe eine ungemütliche Nacht unter der Plane, sehr zum Ärger der Hamster. Erste Stimmen innerhalb der Hamsterschar wurden laut, doch lieber wieder in den sonnigen Norden Schottlands zurückzufahren, denn da sei das Wetter besser. Nur unter großen persönlichen Einsatz des Bürgermeisters, der immer wieder auf die Notwendigkeit des Projekts 'Pleasure Dome' hinwies,  konnte die Lage entschärft werden. Am nächsten Tag traten sie die restlichen 122 Kilometer nach Newcastle an. Das Wetter zeigte sich nun von einer besseren Seite und bei Sonnenschein passierten sie Holy Islands, auch Lindisfarne genannt, und der Butler stellte nun dem Lord die Frage, die ihn schon lange beschäftigte: "Sir, was machen wir mit den Pferden und der Kutsche? Wir werden sie wohl nicht mit an Bord des Schiffes nehmen können, oder?"

Der Lord überlegte lange. Auch er hatte sich schon mit dem Problem beschäftigt. Seine ursprüngliche Idee, die Pferde samt Kutsche zu verkaufen, hatte er wieder verworfen, denn immerhin gehörten sie MacToffee.  Auch die Möglichkeit, die Pferde irgendwo zu parken und ihrem Besitzer eine Postkarte zu schicken, er möge zu abholen, war eines Lords nicht würdig. McShredder seufzte und antwortete: "Wir haben da doch noch einen gewissen George auf der Gehaltsliste, ja? Soll der sich darum kümmern. McClown, suchen Sie im nächsten Ort eine Telefonzelle, ich werde ihn dann anrufen."

In der Nähe von Alnwick fanden sie die gewünschte Telefonzelle und begaben sich anhand des dortigen Telefonbuchs auf die Sache nach der Telefonnummer von George. Es war nicht einfach, die richtige Nummer zu finden, und der Lord wurde langsam ungeduldig, während er eine Nummer nach der anderen ausprobierte.

"McClown, warum ist eigentlich nie besetzt, wenn man eine falsche Nummer wählt?"

Schließlich waren sie dann doch noch erfolgreich, und George saß nun am fernen Loch Rannoch und überlegte angestrengt, wie er mit dem Wagen nach Newcastle zu den Royal Quays fahren und dann mit einer Kutsche samt Pferde zurückkommen sollte. Er beschloss, seine Überlegungen auf der Fahrt weiterzuführen, denn schließlich lagen etwas mehr als 500 Kilometer vor ihm, und er hoffte, in sechs Stunden in Newcastle zu sein.

Am frühen Nachmittag hatten McShredder, McClown und die Hamster Newcastle erreicht. Auch hier kam es zu mehreren peinlichen Szenen, als der Butler die Kutsche mitten durch den Verkehr lenkte. Sicherlich war das Hupen einiger Autofahrer mehr als Spaß gedacht, jedoch als der wütende Lord auf der Pritsche stand und mit den Armen fuchtelnd drohte, sämtliche Engländer in seinen Kerker zu stecken, kam es zu ersten Zwischenfällen. Kurz darauf musste die hiesige Polizei einschreiten und den wütenden Mob daran hindern, Lord McShredder zu verprügeln. Der Butler beschwichtigte die angerückte Hundertschaft der Polizisten und erklärte ihnen, dass der arme Lord kürzlich sein Schloss durch eine Gasexplosion verloren hätte und noch nicht wieder bei klarem Verstand sei. Mit einer Polizeieskorte vorweg wurde die Reisetruppe nun bis zu den Royals Quays geleitet, wo sich McShredder zum Abschluss eine saftige Geldstrafe einhandelte, als er den Leiter des Polizeieinsatzes als englischen Lakaien bezeichnete. Während der Butler nun die Pferde samt Kutsche zu einem abseits gelegenen Park nahe des Hayhole Roads führte, besorgte der Lord die Fahrkarten für die Fähre nach Amsterdam.

"Also, ich glaube, in solch einer großen Stadt möchte ich nicht wohnen", rief Tuffi entsetzt, "dieser Krach und Lärm..."

"Also ich fand das toll, als die den alten Lord aufmischen wollten", grinste Goldi, "schade nur, dass die blöde Polizei dazwischengekommen ist."

"Viel mehr würde mich interessieren, wo wir jetzt bleiben. Der Butler hat die Pferde jetzt fertig gestriegelt. Bestimmt müssen wir nun wieder umziehen."

Flecki sollte Recht behalten, denn nun fiel der Blick McClowns auf die Hamster, die schon seit zwei Tagen in einem ungemütlichen Plastikeimer wohnen mussten, den der Butler unterwegs besorgt hatte. Er hatte den Eimer mit Gras und Teilen seiner Kleidungsstücke ausgestattet, doch  es war unwahrscheinlich, dass er mit einem Eimer voller Hamster auf das Schiff gelassen werden würde. Bedauernd zuckte Frido mit den Schultern, als er seine eigene und die Wäsche des Lords in den einen und die Hamster in den nun frei gewordenen anderen Koffer packte. Dann sah er sich ein letztes Mal nach den Pferden um, die zufrieden grasten und sich von den Strapazen der vergangenen Tage erholten. Dann nahm er die Koffer und ging zum Fährterminal, wo er schon von weitem Lord McShredder sehen konnte, der  neben einem Klohäusschen saß und eine Pfeife rauchte. Der Lord war in sofern von Weitem gut zu erkennen, da er einen weißen Kopfverband trug und sein linker Arm in einer Schlinge hing.

"Schön, Sir, dass Sie eine neue Pfeife gefunden haben", sagte der Butler und stellte keuchend die Koffer auf den Boden.

"Nicht wahr?", krähte McShredder. "Und wenn mir dieser McDudle noch einmal über den Weg laufen sollte, wird er dafür bezahlen müssen! Es ist unvorstellbar, welche Preise hier für eine einfache Pfeife verlangt werden. Von den Kosten für das Fährticket möchte ich gar nicht erst sprechen. Immerhin haben wir nur den halben Preis bezahlen müssen und fahren in der Luxuskabine auf der 'Duke of Scandinavia'."

Frido traute seinen Ohren nicht. "In der Luxuskabine? Sir, ich meine, wieso Luxuskabine, wieso halber Preis und wieso tragen Sie einen Verband?"

"Tja, McClown", entgegnete der Lord und zog genüsslich an seiner Pfeife, "ein Bauer wie Sie kennt sich eben nicht so gut aus in der Welt der Geschäftigkeit. Deshalb sind Sie auch nur ein Butler. Natürlich habe ich vorhin gesehen, dass neben dem Fahrkartenschalter ein Gepäckstück lag, und deshalb habe ich mir auch nicht sonderlich wehgetan, als ich in aller Offentlichkeit darüber gestolpert bin. Sie hätten mal das blasse Gesicht des Terminaldirektors sehen sollen, als er erfuhr, dass ein Mitglied des Adels sich durch seine Unachtsamkeit schwer verletzt hatte. Als ich ihm, vor Schmerzen schreiend und am Boden liegend,  mit der Presse drohte, war er völlig am Ende, McClown. Hier, nehmen Sie mal die Fahrkarten. Bis wir in der Kabine sind, bin ich ein schwerverletzter Mensch!"

Während auf der mehrspurigen Zufahrtsstraße zum Schiff nun die ersten Fahrzeuge langsam vorfuhren, gingen Lord und Butler durch das Gebäude des Terminals direkt zum Schiff. Es wurden peinliche Minuten für Frido McClown, als der Lord laut jammernd und klagend von mehren Bediensteten des Schiffspersonals nun in seine Kabine geleitet wurde. Immerhin hatte die ganze Sache auch ihre gute Seite, denn kein Mensch kam auf die Idee, ihr Gepäck zu kontrollieren. Auch ihre Fahrkarten wurden nur flüchtig kontrolliert, dann hatten sie ihre Luxuskabine erreicht und machten es sich gemütlich. Der Lord nahm seinen Kopfverband und seine Armschlinge ab und feuerte beides in die Ecke. Dann klopfte es an der Tür. Mit einem Satz war der Lord aufgesprungen, holte Kopfverband und Armschlinge zurück, gab seinem Butler ein Zeichen, ihn wieder zu verbinden und krächzte mit matter Stimme in Richtung Tür: "Moment!" Als der Verband wieder befestigt war, ließ sich der Lord auf ein Sofa fallen und rief mit matter Stimme: "Herein!"

Der Steward des Schiffes trat ein und sprach: "Haben die Herren einen Wunsch?"

"Ja", krähte McShredder, "bringen Sie mir eine kräftige Suppe und ein Steak. Ein kranker Mensch wie ich, der durch die Unachtsamkeit ihres Unternehmens schwer verletzt wurde, braucht viel Nahrung. Vergessen Sie den Tee nicht, Sklave!"

"Sehr wohl, Sir", nickte der Steward grimmig und wandte sich dem Butler zu.

"Ich, äh, hätte gerne einen Korb mit Obst und das Gleiche wie Sir Lord McShredder!"

Der Steward nickte wieder und verschwand.

Dieses Mal lies der Lord Kopfbedeckung und Armschlinge dort, wo sie waren. Inzwischen kam über die Bordansage die übliche Begrüßung, verbunden mit dem  Wunsch auf eine angenehme Reise. Dann legte das Schiff ab. In diesem Moment klopfte es erneut an der Tür und Frido rief: "Herein!"

Der Steward betrat die Kabine und zog einen Servierwagen hinter sich her. Mit geschickten Bewegungen servierte er erst dem Lord und dann dem Butler das gewünschte Essen. Den Obstkorb stellte er auf einen kleinen Tisch neben dem Fernsehgerät. Er wünschte einen guten Appetit und verließ schleunigst die Kabine.

"Sagen Sie mal, McClown", fragte nun McShredder kauend und mit vollem Mund, "was soll das ganze Gemüse bedeuten?"

"Nun, Sir, das Gemüse ist Obst, und das ist für die Hamster gedacht."

Schlagartig ließ er im selben Moment sein Besteck auf den Tisch fallen und lief zu den Koffern. Die Hamster - er hatte ganz vergessen, dass die armen Tiere schon seit fast zwei Stunden in dem dunklen Koffer eingesperrt waren! Schnell öffnete er einen der beiden Koffer und wurde von 12 vorwurfsvollen Augenpaaren angestarrt.

"Sir, wo soll ich den Koffer mit den Hamster hinstellen?"

"Aha, im Koffer stecken die, McClown. Ich habe mich schon gewundert, wo Sie die Nager gelassen haben. Stellen Sie die in die Dusche im Klo, da stören die niemanden!"

Frido nickte und trug den Koffer in die Toilettenkabine. Dort zog er den cremefarbenen Duschvorhang auf und stellte die Hamster samt ihrer Behausung dort hin. Nachdem er den Obstkorb ebenfalls in die Duschkabine gestellt hatte, war ihm wohler zumute, und er setzt sich wieder zum Essen neben den Lord nieder. Durch das große Bullauge beobachtete er, wie die Gebäude draußen langsam verbeizugleiten schienen, während sich das Schiff über die Tyne bewegte. Nachdem sie zwischen Nord Shields und South Shields hindurchgefahren waren, befanden sie sich auf der schier grenzenlosen Nordsee.

"Klingeln Sie mal nach diesem faulen Kellner, McClown, der soll gefälligst den Nachtisch bringen!" unterbrach der Lord die Gedanken Fridos. Der Butler tat, wie ihm geheißen, und eine halbe Stunde später lagen er und McShredder satt und schläfrig auf dem Sofa. Die leichten Bewegungen des Schiffes taten ein Übriges dazu, und nach kurzer Zeit waren die beiden Männer eingeschlafen. Selbst das Klappern der offenen Toilettentür störte sie nicht.

"So was Blödes", schimpfte Flecki, "ich wollte doch nicht mehr mit dem Schiff fahren! Bestimmt wird mir gleich wieder schlecht."

"Wo ist das Problem", grinste Goldi, "das Klo ist doch gleich da vorne, aber pass auf, dass du nicht hineinfällst."

"Du bist so etwas von ekelhaft, weißt du das?" fauchte Flecki. "Übrigens habe ich keine Lust, die ganze Fahrt in dieser ungemütlichen Kabine zu verbringen. Was ist, wenn irgendein Idiot die Dusche andreht? Ich will shoppen gehen, wer kommt mit?"

Natürlich wollten alle mit, und nachdem sie vorsichtig an dem schlafenden Lord und seinem Butler vorbeigeschlichen waren, standen sie vor der geschlossenen Kabinentür.

"Tja, Leute", sprach Bauleiter Murksel, "das war es wohl. Ich habe nämlich kein Werkzeug dabei und ohne..."

"Brauchen wir doch überhaupt nicht", rief Goldi. "Wir müssen nur den Türöffner herunterdrücken!"

Begeisterte Hamsterrufe erfüllten den Raum, doch nach einer Stunde war die Stimmung wieder auf dem Nullpunkt. Alle Versuche, an den Türdrücker zu gelangen, waren fehlgeschlagen. Ratlos saßen sie mit dem Rücken an die unüberwindliche Tür gelehnt und betrachteten die andere Seite des Raumes. Dodos Idee, das Fenster zu knacken, wurde einheitlich abgelehnt, da die Risiken nicht zu kalkulieren waren.

"Die Vorhänge...." sagte Flecki und starrte auf die gelben Vorhänge, die links und rechts von dem großen Bullauge hingen.

"Genau!" rief Goldi. "Die klettern wir hinauf und gehen durch die Decke!"

"...passen überhaupt nicht zur Wandfarbe, wollte ich sagen", beendete Flecki ihren Satz. "Aber sag mal, Murksel, was sagst du dazu, kommen wir durch die Decke?"

Fachmännisch betrachtete der Bauleiter die Decke, klopfte auf den Fussboden und an die Wände. Dann stellte er sich in die Mitte des Raumes und legte den Kopf schief. Als er dann einen Schritt rückwärts machte, stolperte er über Tuffi, die direkt hinter ihm stand. "Also, ich würde sagen, das sieht wie Gipsplatten aus, die sollten wir hochdrücken können."

Gesagt, getan. Ein Hamster nach dem anderen marschierte an den beiden schlafenden Männern vorbei, hüpfte auf das Sofa und kletterte von dort aus die Gardine hoch. Dodo, der vorweg kletterte, drückte seinem ganzen Körper gegen eine der Gipsplatten. Tatsächlich ließ sie sich leicht nach oben heben und im Nu befanden sich die Tiere in einem Hohlraum über der Kabine. Viele Kabel und Leitungen befanden sich hier. Nach einer langen Wanderung nahm der feine Geruchssinn der Hamster etwas wahr und Goldi sprach das aus, was alle dachten: "Futter! Hier gibt es irgendwo Futter!"

"Wir müssen über diesem Restaurant sein, erinnert ihr euch noch an das leckere Softeis?" rief Teeblättchen.

"Und die Fritten!" schwärmte Hamstilidamst.

"Moment, Leute", rief Bauleiter Murksel, "dieses Mal sollten wir unauffällig und ohne Risiko vorgehen."

"Ja, öhm, liebe Hamster, Unauffälligkeit sollte unser Ziel sein. Die, äh, dummen Vorkomnisse der Hinfahrt dürfen sich nicht wiederholen!"

Alle stimmten kopfnickend dem Bürgermeister zu. Nachdem sie eine weitere Deckenplatte vorsichtig hochgehoben hatten, kletterten die Hamster über einen langen Vorhang in den Speisesaal. Unter einem großen Buffettisch sammelten sie sich und der Bauleiter fuhr fort: "Sehr gut, das war perfekt. Wir werden nun strategisch und mit Verstand vorgehen. Als erstes nehmen wir uns diesen Softeisautomaten vor. Tuffi und ich werden den Anfang machen und unauffällig etwas Sahne besorgen."

Er gab Tuffi ein Zeichen, und beiden liefen zu dem nur wenige Meter entfernten Sahneautomaten. Dort musterte Murksel kritisch die großen Patronen unter dem Gerät, klopfte hier, drückte da und zeigte auf einen Schlauch: "Der da muss abgenommen und mit der linken Patrone verbunden werden. Den anderen Schlauch werde ich entfernen und einen festen Knoten hineinmachen. Danach muss die linke Patrone ausgeschaltet werden und schon können wir hier etwas Softeis abzapfen. Los, Tuffi, besorg mal eine Schüssel, ich bereite inzwischen alles vor."

Tuffi tat, wie ihr befohlen war und konnte gerade noch rechtzeitig vor mehreren alten Damen flüchten, die sich mit gierigen Blicken im Gänsemarsch dem Softeisautomaten näherten.

"Ich habe die Schüssel, Chef, und da draußen..."

"Nicht jetzt, Tuffi, ich muss mich konzentrieren!"

"Aber Chef...."

"Klappe, Tuffi, der verdammte Schlauch klemmt. Hoffentlich holt sich jetzt bloß keiner Eis.."

"Chef, Chef, da kommen welche!"

"Wer welche, wie welche? Weg hier, Tuffi!" kreischte der Bauleiter und machte, dass er zurück zum Buffettisch kam. Zusammen mit Tuffi stand er nun keuchend vor den anderen Hamstern.

"Und? Wo ist das Softeis?" fragte Dodo enttäuscht.

"Kommt gleich", flüsterte der Bauleiter, und er sollte recht behalten. Eine Explosion, die den Buffettisch umwarf, erschütterte das gesamte Restaurant. Menschen schrieen, kreischten, rannten in Panik durcheinander und ein Schwall Softeis ergoß sich über das Deck.

"Unauffällig und ohne Risiko", gröhlte Goldi und klatschte mit den Pfoten.

"Strategisch und mit Verstand", gackerte Flecki.

"Weg hier!" brüllte der Bauleiter, "Wir müssen sofort den Standort wechseln! Schnell zum Salatbüffet!"

Das war leichter gesagt als getan, denn überall schlidderten kreischende Menschen durch den Saal, die sich auf dem rutschigen Boden nicht auf den Beinen halten konnten. Erste Lautsprecherdurchsagen riefen zur Ruhe auf. Der Weg zum Salatbüffet war versperrt, und so rannten die Hamster so schnell ihre kurzen Beine konnten nach links und versteckten sich in einer kleinen Nische.

"Schnell", rief Sasie, "dort ist eine offene Klappe!" Kurz darauf saßen die Hamster in einer engen, dunklen Kammer und blickten sich ängstlich um.

"Jetzt sind wir in einem Schaltkasten gelandet, wirklich klasse!" schimpfte Flecki, doch Goldi hatte eine Idee: "He, Leute, wenn wir den Strom abschalten, geht das Licht aus, und wir können unauffällig verschwinden!"

"Ja, lasst uns verschwinden, mir ist das alles viel zu laut hier", jammerte Dodo.

In der Tat waren schon wieder Lautsprecheransagen zu hören, und es war deutlich zu vernehmen, wie eine freundliche weibliche Stimme eine 'Unachtsamkeit bei dem Gebrauch eines Gerätes' erwähnte, woraufhin der Bauleiter einen Tobsuchtsanfall bekam.

"Unachtsamkeit? Unachtsamkeit? Ich werde euch zeigen, was Unachtsamkeit ist, ihr habt doch alle keine Ahnung! Der Zulauf war falsch befestigt und das Ventil vergammelt und verrostet! Ich zeig euch, was Unachtsamkeit bei dem Gebrauch eines Gerätes bedeutet!"

Er kletterte an einer Leitung hoch und sprang auf den Sicherungskasten. "Ich drehe euch den Saft ab, ich hau euch die blöde Lautsprecherkiste um die Ohren, ich mach euch platt!" Dann biss er eine Sicherungsplombe nach der anderen durch und drückte die kleinen Sicherungsschalter einen nach dem anderen herunter. "Ihr sollt mich kennenlernen, sage ich", brüllte er unter den Anfeuerungsrufen von Goldi, während der Bürgermeister sich entsetzt die Pfoten vor die Augen hielt. "Los Tuffi, gibt mir mal den Schraubenzieher der dort unten liegt!"

Etwas verunsichert reichte Tuffi dem tobenden Bauleiter den Schraubenzieher. "Hier Tuffi, schau zu, damit du was lernst! Was passiert, wenn wir zwei Hauptstromkreise miteinander verbinden? Ha, so etwas lernt man nicht in der Berufsschule!"

Im nächsten Moment zischte und knallte es; Funken waren zu sehen, und der Bauleiter flog durch die Luft und landete kreischend in der Ecke.

"Chef, ist alles in Ordnung?" Tuffi stand neben dem Bauleiter, dessen Fell ein wenig verbrannt roch.

"Äh, ja, danke. Es geht mir gut. Ich glaube, hä, hä, ich war ein wenig unbeherrscht und habe etwas überreagiert."

"Nicht mehr als sonst", flötete Flecki, während der Bauleiter sich erhob.

"Also, ich habe keine Lust mehr auf Shoppen", fauchte Dasie, und der Bürgermeister stimmte nickend zu.

"Also, meine lieben Hamster, wir sollten die Schiffsbesichtigung ein anderes Mal fortsetzen. Wir sollten die Dings, äh, die Situation nicht übertreiben und verschwinden besser, bevor wir entdeckt werden."

"Genau", stimmte Dodo zu. "Wir kriegen sowieso immer die Schuld!"

Da auf dem gesamten Schiff nun kein Licht mehr brannte, war es für die Hamster kein Problem, unbemerkt zu dem Ausgangspunkt zurückzukehren. Sie kletterten den Vorhang neben den Resten des zerfetzten Softeisautomaten hoch und verschwanden dorthin, wo sie hergekommen waren.

In diesem Moment wurden Lord McShredder und sein Butler Frido McClown durch ein heftiges Klopfen an ihrer Kabinentür geweckt.




Kapitel 35

Die letzte Fahrt der 'Duke of Scandinavia'

Nachdem der Stewart eingetreten war und die Lage erklärt hatte, nickte Lord McShredder ungeduldig und entgegnete: "Sie wollen mir sagen, Sklave, dass es keine warme Mahlzeiten mehr gibt, kein warmes Wasser und kein Fernsehen? Ich soll bei Notbeleuchtung in dieser sogenannten Luxuskabine reisen? Ich will mein Geld zurück!"

"Selbstverständlich werden Sie die Hälfte dessen wiedererhalten, was Sie bezahlt haben, Sir!" antwortete der uniformierte Mann mit hochrotem Kopf und verließ die Kabine so schnell er konnte.

"Haben Sie gehört, Sir?" gackerte Frido McClown, "dann kriegen Sie bloß die Hälfte von der Hälfte wieder, die Sie sich erschlichen haben!"

Der Lord schien die freche Bemerkung seines Butlers überhört zu haben. Er nahm seine Pfeife, betrachtete sie und schien sich zu erinnern, dass in den Kabinen Rauchverbot herrschte. Dann hellte seine Miene ein wenig auf, und er deutete auf die Toilette. "Räumen Sie mal die Hamster da raus, ich werde es mir ein wenig unter der Dusche bequem machen!"

"Aber, Sir, Sie haben doch gehört, dass es kein warmes Wasser gibt."

"Weiß ich, McClown. Glauben Sie etwa, ich will duschen? Ich dusche nie. Räumen Sie endlich das Viehzeug aus der Duschkabine, und stellen Sie mir einen Stuhl hinein. Ich will rauchen!"

Der Butler stutzte einen Moment, doch dann nahm er achselzuckend einen der im Raum stehenden Stühle und ging zur Toilette. Er wusste, dass es keinen Sinn machen würde, dem Lord zu sagen, dass er seine Pfeife ebenso gut an Deck rauchen könnte. In der Toilette war es dunkel, und als der Butler den Duschvorhang beiseite zog, brauchten seine Augen einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, doch dann traf ihn fast der Schlag.

"Die Ha, Ha, die Ha..."

"Albern Sie hier nicht rum, McClown, sondern sehen Sie zu, dass Sie fertig werden!"

"Die Hamster, Sir, die Hamster sind verschwunden!" Mit einem äußerst mulmigen Gefühl im Magen durchsuchte der Butler die Toilettenkabine, hob den Klodeckel hoch und setzte seine Suche in der Wohnkabine fort, während der Lord es sich mit seiner Pfeife in der Duschkabine gemütlich machte. Nach wenigen Minuten gab Frido die Suche auf, denn viele Möglichkeiten für Hamster, sich hier zu verstecken, gab es wirklich nicht. Wo um alles in der Welt waren diese schlauen, kleinen Nager geblieben?

"Sir, ich fürchte, ich werde mich auf die Suche nach den Hamstern begeben müssen!"

Statt einer Antwort kam nur ein Grunzen aus der Duschkabine zurück. Der Butler nahm eine der Karten, die zum Öffnen der Kabinentüren dienen, und machte sich auf den Weg. Nachdem er einen langen, schmalen Gang entlang gelaufen war, erreichte er die Haupttreppe. Es folgte eine lange und erfolglose Suche und sein Magen begann allmählich zu knurren. Da er vom Stewart erfahren hatte, dass das gesamte 'Seven Seas Restaurant' wegen dringender Renovierungsarbeiten geschlossen war, machte er sich auf den Weg in das zwei Stockwerke tiefer befindliche 'Blue Riband'. Zu seiner Überraschung war das Restaurant trotz des Stomausfalls recht gut besucht; Kerzen standen auf dem Tischen, es gab Desserts, Gemüseplatten, belegte Brote und vieles mehr. Nachdem er sich mehrfach bedient und dabei mehr oder weniger unauffällig Ecken inspiziert und unter diverse Tische geguckt hatte, hörte er jemanden seinen Namen rufen.  Erstaunt blickte er sich um und erkannte im nächsten Moment den Lkw-Fahrer, der entspannt an einem der Tische saß und ein Stück Kuchen genoss.

"Frido, was machen Sie denn hier? Ich dachte, Sie wären schon längst wieder auf dem Kontinent!"

Der Butler setzte sich zu Vim van der Slampe und erzählte ihm die ganze Geschichte. In der Tat hatten er und der Lord einen ganzen Tag in den Trossachs verloren und somit erst heute die Fähre erreicht.

Nachdem der Lkw-Fahrer von seiner erholsamen Reise durch die Highlands berichtet hatte, saßen die beiden Männer schweigsam am Tisch und beobachteten eine Familie am Nebentisch. Es war die Familie mit dem roten Opel Astra. Die beiden Kinder waren schwer damit beschäftigt, sich gegenseitig mit Salzstangen und Gurkenscheiben zu bewerfen. Der Vater versuchte verzweifelt, so zu gucken, als würde er nicht dazugehören, während die Mutter energisch einschritt, um die Schweinereien zu unterbinden.

"Natürlich fahre ich Sie gerne zu dem Rastplatz, an dem die Hamster vermutlich zugestiegen sind, Frido, aber wenn wir die nicht wiederfinden..."

"Schade, dass die Lautsprecher ausgefallen sind", stöhnte der Butler, "sonst wüssten wir vielleicht, wo die Tierchen stecken!"

Zwei Stockwerke über den beiden Männern fand im selben Moment eine Hamster-Besprechung statt.

"Wir sollten, liebe Hamsterfreunde", rief der Bürgermeister verzweifelt, "auf irgendwelche wie auch immer gearteten unnötigen Aktionen, die das Projekt "Pleasure-Dome" gefährden, äh, verzichten. Wie ich, äh..."

"Überhaupt und im allgemeinen immer gesagt und gepflegt habe..."

"Öh, ja, äh, danke Goldi", keuchte der Bürgermeister, "genau das wollte ich sagen, wenn ihr versteht."

"Nö", antwortete Flecki, "ich sehe das nicht ein, dass wir eine Seereise machen und nicht ein einziges Mal in den Duty-Free-Shop gehen. Ich will shoppen, ich brauche neue Klamotten und will leckere Sachen haben. Guck mal, Bürgermeister, ein lächerliches Spinatblatt habe ich beim Buffet mitnehmen können, Spinat, igitt, wer isst denn sowas!"

"Spinat schmeckt am besten, wenn man ihn kurz vor dem Verzehr durch ein großes Stück Torte ersetzt", rief Goldi, während der Bürgermeister verzweifelt versuchte, wieder das Wort zu ergreifen.

"Verdammt nochmal, jetzt habe ich aber die Schnauze sowas von voll, das glaubt ihr nicht!" brüllte Bauleiter Murksel. "Wir können uns doch wohl einen Tag von Obst ernähren, oder? Ich brauche schließlich auch nicht jeden Tag neue Klamotten!"

"Schade auch. Dann würdest du nämlich nicht mehr wie ein zerfledderter, dicker Feldhamster aussehen!"

"Wer hat das gesagt?" brüllte Murksel "Wer war das?"

Alles grinsten, keiner antwortete.

"Ähm, da gewissermaßen eine weitere Diskussion unnötig erscheint, schlage ich vor, zurückzugehen und an Ort und Stelle zu bedingsen, äh, beraten..."

Bevor der Bürgermeister ausgeredet hatte, setzten sich die Hamster in Bewegung, doch schon nach wenigen Metern war es Goldi, der innehielt und rief: "Leute, guckt mal durch diesen Spalt nach unten, das ist ja irre! Los Dodo, heb mal die Deckenplatte hoch!"

Dodo tat, wie ihm gesagt wurde, und Goldi kletterte durch die Öffnung in den darunter befindlichen Raum. Ein Getränkeautomat stand hier, und nach wenigen Minuten saßen zwölf staunende Hamster davor.

"Was ist das?" fragten Tati und Teeblättchen im Chor.

"Das nennt sich, glaube ich, Automat. Der spuckt Futter aus", erklärte Tuffi.

Bauleiter Murksel trat näher an das große Gerät, legte den Kopf schief und betrachtete es eingehend. Dann klopfte er mehrfach an das Metallgehäuse, trat einen Schritt zurück und sprach: "Das ist ein Gerät aus der 47er Bauserie, ein sogenannter halbmechanischer Getränkespender. Dort oben ist ein Schlitz, in den wird ein Metallstück, dass sich durch ein bestimmtes Gewicht und Größe auszeichnet, eingeworfen. Das Metallstück landet nun auf einer Waage, die das Metallstück auf Richtigkeit prüft. Entspricht es gewissen Parametern, dann wird ein Hebel freigeschaltet, der das vorher gewählte Getränk in eine dafür gedachte Öffnung schiebt."

Keiner hatte so genau zugehört, sondern alle waren damit beschäftigt, den Getränkeautomaten von allen Seiten zu betrachten. Goldi war inzwischen zum Ausgabefach geklettert und winkte Trampel, ihm zu folgen.

"He, Trampel, wir sind mit deiner Prüfung zum Superhamster noch nicht fertig." Mit großen Augen starrte Trampel Goldi an und lauschte seinen Worten. "Schau mal hier: da ist eine schwarze Tür, und dahinter ist es völlig dunkel. Zeig, dass du keine Angst vor der dunklen Macht hast und trete kräftig dagegen!" Der kleine Hamster nickte aufgeregt und nahm so viel Anlauf, wie es in dem engen Ausgabefach möglich war. Mit einem lauten Schrei rannte er los, stoppte kurz, trat mit voller Wucht gegen die Klappe und blieb erwartungsvoll stehen. Wie es sich für eine Klappe gehört, klappte sie nach innen weg, kam mit hoher Geschwindigkeit wieder zurück und erwischte Trampel. Laut kreischend flog der arme Hamster quer durch den engen Raum und klatschte gegen die gegenüberliegende Wand.

"Ich liebe es, den keltischen Schrei des fliegenden Moosbibers zu hören", rief Goldi und klatschte begeistert. Einen Moment blieb Trampel benommen liegen, dann rappelte er sich auf und blickte erwartungsvoll zu Goldi, der nachdenklich auf die Klappe guckte und murmelte: "Habe ich mir doch gedacht, dass das eine Schwingklappe ist."

"He Goldi, was ist nun mit meiner Prüfiung, war das gut?"

"Nee, Trampel, daran musst du noch arbeiten, die Landung war noch nicht überzeugend."

"Goldi, du bist sowas von unmöglich und gemein, also..."

"Gibt das jetzt was zu trinken?" unterbrach Dodo die tobende Flecki. "Ich meine, wenn das ein Getränkespender ist, dann brauchen wir doch nur noch ein Metallstück, oder?"

"Und Strom", ergänzte Murksel, "und den haben wir nicht."

"Kannst Du da nichts machen, Bauleiter?"

"Ohne Werkzeug, mein lieber Dodo, ist da nichts zu machen. Da sehe ich keine Möglichkeit auch nur irgendwie..."

"Er hat Schiss!"

Der Bauleiter schien für einige Sekunden wie erstarrt zu sein, doch dann brüllte er los: "Wer hat das gesagt? Das muss ich mir nicht bieten lassen! Nicht mit mir, ich habe keinen Schiss, das zeige ich euch jetzt ein für alle Mal! Aus dem Weg!" Er kletterte zum Ausgabefach hoch, drehte sich um und blickte auf die staunenden Hamster. "Er hat Schiss, wie? Ich zeige euch mal, wie das auch ohne Werkzeug geht, wenn man vom Fach ist!"

"Holt er jetzt was zu trinken? Geht das jetzt los, oder was?

"Keine Ahnung, ob es was zu trinken gibt, Dodo, aber los geht es jetzt wirklich", grinste Goldi und lauschte den Geräuschen, die aus dem Automaten drangen. Es klang, als würde Geschirr zerschmettert, Fluchen und Gegröle rundeten das Ganze ab. Fasziniert schauten die Hamster auf den Getränkeautomaten und warteten auf die erhoffte Katastrophe, während der Bürgermeister vor der Ausgabeklappe hin und her watschelte und verzweifelt rief: "Lieber Bauleiter, nehmen Sie doch Vernunft an, denken Sie an unser Projekt". Allerdings hatte er von der Lautstärke her keine Chance gegen die rhytmischen 'sol stheg tztej!'-Rufe der übrigen Hamster.

Nach einer Stunde waren die 'jetzt geht’s los'-Rufe verstummt, doch in dem Automaten waren immer noch merkwürdige Geräusche zu hören, die darauf schließen ließen, dass Metall bearbeitet wurde. Plötzlich war ein Schrei im Inneren des Gerätes zu hören, es polterte, und dann erschien der Kopf des Bauleiters an der Ausgabeklappe.

"Deckung, es kommt!" schrie er und flog im selben Moment wie vorher schon Trampel quer durch den engen Raum und klatschte gegen die Wand. Diesmal allerdings klatschte es gleich mehrfach hintereinander, denn dem Bauleiter folgten Dosen mit Limonade und Cola. "Rennt um euer Leben!" kreischte der Bauleiter und rannte, noch leicht benommen, im Zick-Zack zum Ausgang. Mit lauten 'Eflih!' und 'Kinap!'-Rufen folgte ihm der Rest. Im Flur blieb Murksel keuchend stehen.

"Gibt’s jetzt was zu trinken, Bauleiter?"

"Klappe, Dodo. Das war verdammt knapp. Wenn auch nur eine Dose geplatzt wäre, hätte das eine Kettenreaktion gegeben, die hier alles hätte hochgehen lassen. Anscheinend haben wir Glück gehabt."

Erleichtert atmeten alle laut auf, als aus dem kleinen Zimmer ein gut vernehmbares 'Plopp' zu hören war. Es war deutlich zu sehen, dass der Bauleiter trotz seines hochroten Kopfes plötzlich kreidebleich wurde. "Lauft! Lauft um euer Leben, Hamster!" schrie er und rannte, so schnell ihn seine kleinen Pfoten trugen, über den Flur. "Wir, äh, sollten unbedingt versuchen, in die Dings, äh, Decke zu klettern. Wenn wir erwischt werden, meine lieben Hamster, wird man womöglich uns die Schuld geben!"

"Ach nee, Bürgermeister", lästerte Flecki, "warum sollte man denn das bloß tun?"

"Spielautomaten!" kreischte Goldi plötzlich verzückt und bog in einen Nebenraum ab. Die Hamster blieben stehen und Flecki rief: "Toidi! Ohne Strom kannst du sowieso nichts damit anfangen!"

Mit großen, traurigen Augen stand Goldi vor den bunten Spielautomaten und starrte sie enttäuscht an.

"Wenn wir auf den großen Kasten da klettern, könnten wir die Decke erreichen", rief Tuffi und handelte sich einen empörten Blick von Goldi ein. "Das ist ein Podracer-Rennen und kein Kasten!" Im Nu waren die Hamster auf das Gerät geklettert, und während Dodo  damit beschäftigt war, die Deckenplatte hochzudrücken, schleifte Flecki den immer noch enttäuschten, schluchzenden Goldi, der sich nicht von den Spielautomaten trennen konnte, hinter sich her. Wenige Minuten später befanden sie sich wieder in Sicherheit, und viele Minuten später hatten sie ihren Ausgangspunkt über der Kabine des Lords und seines Butlers wieder erreicht. Zu ihrem Erstaunen befand sich niemand im Zimmer. Ein Kissen lag auf dem Teppich, und die Hamster beschlossen, es sich darunter gemütlich zu machen und sich erst einmal auszuruhen.

"Meine Damen und Herren, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass die kurzfristigen Stromausfälle..." ertönte aus den Lautsprechern und Vim van der Slampe rief: "Na also, Frido, es scheint wieder alles in Ordnung zu sein." McClown nickte, trank seine Selter aus und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. "Vim, ich denke, ich werde mal nach dem alten Sack schauen. Wir treffen uns dann morgen früh wieder hier und fahren mit Ihnen." Nun nickte der Lkw-Fahrer und lachte: "Eine Fahrt mit den Hamstern und dem Lord werde ich wohl noch ertragen..."

Eine erneute Lautsprecherdurchsage ließ ihn verstummen. "...Hat eine Explosion über dem Maschinenraum leichte Schäden angerichtet, so daß mit einer Verspätung von mehreren Stunden zu rechnen sein wird. Bitte verhalten Sie sich ruhig..."

McClown sprang auf. "Vim, ich muss weitersuchen, bevor die das gesamte Schiff in die Luft sprengen! Ich sage dem Lord Bescheid, und dann werde ich die Hamster suchen, auch wenn es die ganze Nacht dauert!"

Nachdem der Butler durch die Flure gelaufen und mit mehreren panischen Passagieren zusammengestoßen war, erreichte er die Kabine. Keuchend trat er ein und schloss die Tür hinter sich. Wo war der Lord? Er riss die Toilettentür auf und atmete erleichtert auf. Der Lord saß mit auf seinem Stuhl unter der Dusche und war eingeschlafen.

"Sir, ist alles in Ordnung?"

"McClown! Schön, dass Sie sich auch mal wieder blicken lassen. Eine Unverschämtheit, einen Verletzten so lange alleine zu lassen!" rief der Lord und zeigte auf seinen Kopfverband und seine Armschlinge.

Knurrend half der Butler ihm aus der Duschkabine heraus. Kurz darauf saßen die beiden Männer auf dem Sofa und Frido erzählte, was er unterwegs erfahren hatte. Beide waren sehr erleichtert, dass Vim van der Slampe ebenfalls an Bord war und sie sich nun eigentlich keine Sorgen um die Weiterfahrt zu machen brauchten, wenn da nicht die verschwundenen Hamster wären. Bevor sich Frido McClown wieder auf die Suche nach den Hamstern begab, besorgte er dem Lord etwas zu Essen aus dem Restaurant. Wie es sich für einen echten Butler gehört, räumte er noch ein wenig das Zimmer auf, als ihn fast der Schlag traf. Da waren sie! Unter einem am Boden liegenden Kissen hatten sie sich versteckt. Erleichtert fiel der Butler auf die Knie und nahm die Hamster einen nach den anderen in den Arm.

"Ihr armen, armen kleinen Tierchen! Onkel Frido hat sich solche Sorgen und Gedanken gemacht! All die schlimmen Dinge, die auf dem Schiff passiert sind".

Die Hamster nickten zustimmend.

"Dabei wart ihr die ganze Zeit hier und habt friedlich geschlafen!"

Wieder nickten die Hamster zustimmend.

"Ich sollte mich bei euch entschuldigen. Wie wäre es mit ein paar leckeren Sachen aus dem Restaurant?"

Erneut nickten die Hamster, und McClown machte sich zum wiederholten Male auf den Weg in das zwei Stockwerke tiefer liegende "Blue Riband". Normalerweise wäre es um diese Zeit bereits geschlossen gewesen, da jedoch der Betrieb im "Seven Seas Restaurant" immer noch eingestellt war, blieb dieses Restaurant ausnahmsweise bis Mitternacht geöffnet. Der Butler erstand neben Salaten, Brot und Keksen auch ungesalzende Nüsse, die eine Delikatesse für jeden Hamster sind. Während er zur Kabine zurücklief, fielen ihm die Stromschwankungen auf, die sich durch wechselnde Helligkeit der Flurbeleuchtung bemerkbar machte. Er fragte sich, ob so ein großes Schiff wohl schnell untergehen würde, doch er verwarf den Gedanken sofort wieder. Hier würde gewiss nichts passieren, denn wenn er jemals mit einem Schiff untergegangen wäre, dann damals auf dem Weg nach Reykjavik1. Vorsichtig öffnete er die Kabinentür und traute seinen Augen nicht: Da hatte sich der Lord auf den Boden neben die Hamster gesetzt und kraulte sogar einen von ihnen. Frido McClown räusperte sich kurz. Der Lord erhob sich erschrocken vom Boden und setzte sich wieder auf das Sofa.

"Die Pfeife, McClown, war mir runtergefallen, und da Sie nicht da waren..."

"Verstehe, Sir, möchten Sie auch ein paar Nüsse?"

Als es Zeit war, Schlafen zu gehen, brachte der Butler die Hamster sicherheitshalber wieder in die Duschkabine. Sie hatten nun genug zu futtern und konnten Party feiern, so viel sie wollten. An nächtliche Spaziergänge allerdings wäre nicht zu denken, doch dass den Tierchen der Sinn danach im Moment nicht stand, konnte der Butler natürlich nicht wissen. Während auf der Brücke des Schiffs in dieser Nacht Schwerarbeit geleistet wurde, um das beschädigte Schiff auf Kurs zu halten, verbrachten Lord McShredder und Frido McClown eine angenehme Nacht in einer gemütlichen Kabine. Am nächsten Morgen gab es auch keine störenden Lautsprecherdurchsagen, die zur Eile aufforderten, denn das Schiff war noch weit von Amsterdam entfernt. Erst am späten Nachmittag erfolgte die Durchsage, dass sich die Passagiere zu ihren Fahrzeugen zu begeben hatten. Noch während sich Lord und Butler samt Koffern auf den Weg zum Restaurant machten, um den Lkw-Fahrer zu treffen, erfolgte eine erneute Durchsage. Nachdem der Kapitän persönlich sich für die Unannehmlichkeiten entschuldigt hatte, wies er darauf hin, dass die 'Duke of Scandinavia' nunmehr in die Werft käme und vorläufig nicht mehr zwischen Amsterdam und Newcastle verkehren würde. Abschließend wünschte er allen eine glückliche Heimreise. Bald darauf erreichten sie den Felisson Quay von Amsterdam.

Tatsächlich fährt die 'Duke of Scandinavia' mittlerweile nicht mehr auf dieser Strecke, und somit wissen wir auch den wahren Grund dafür.


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