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Kapitel 33

Trossachs II

"He, Leute, seht euch das mal an. Die pennen beide, und keiner kümmert sich um uns! Soll das unser Futter sein? Los, sag mal was dazu!" rief Flecki empört und stupste Goldi an, der sich langsam und gemächlich räkelte und gähnend antwortete: "Ich wollt' ich wär ein Teppich. Dann könnt' ich immer liegenbleiben." Er drehte sich zu den Brombeeren um, blinzelte ein paar Mal mit den Knopfaugen und rief: "Das soll Futter sein? Werden wir jetzt zu Karnickeln umerzogen?"

"Brombeeren", erklärte Dasie, die an den Beeren schnüffelte, "die sollen sehr gesund sein."

"Der Bauleiter ist mal beim Reparieren eines Daches in ein Brombeergebüsch gefallen. Der sah ganz schön kaputt danach aus und dann hat er..."

"Danke, Tuffi, aber ich glaube, das interessiert hier niemanden", fauchte Bauleiter Murksel und schubste Tuffi so heftig, dass sie fast umfiel.

"Öhm, unter den gegebenen Umständen", meldete sich nun der Bürgermeister, "denke ich, wir sollten sozusagen eine Besprechung anberaumen, um die Dingslage zu klären."

Nachdem die Hamster ein paar Minuten lang planlos durcheinander geschrieen und heftig diskutiert hatten, wurde die Tagesordnung festgelegt. Entgegen der hamstischen Tradition wurden die sonstigen letzten Punkte, nämlich die allgemeine Futterlage und eine eventuelle nächtliche Party auf Punkt 1 und 2 der Tagesordnung gesetzt. Gerade in dem Moment, als Trampel und Hamstilidamst ihre Abneigung gegen Brombeeren erklären wollten, geschah das, was Frido McClown schon vor einiger Zeit befürchtet hatte: Es begann zu regnen. Auf Antrag von Teeblättchen wurde nun der Zusatzpunkt: 'Es regnet, was machen wir nun?' auf den Plan gesetzt. Ein Zusatzantrag von Sasie erreichte, dass in einer sofortigen Abstimmung dieser Punkt von Platz 3 auf Platz 1 der Tagesordnung aus aktuellem Anlass geschoben wurde. In dem Moment, als Trampel über die Nachteile seines inzwischen recht nassen Fells klagte, kam heftiger Wind auf. Tati brachte den Zusatzantrag, den Punkt 'Es wird kalt, wo kriegen wir Klamotten her?' ebenfalls in die Debatte und stieß auf allgemeine Zustimmung. Nachdem es der Hamsterschaft nicht gelungen war, die neue Reihenfolge der Diskussionspunkte festzulegen, hatte schließlich der Bürgermeister die Idee, die Punkte 'Es regnet, was machen wir nun?' und 'Es wird kalt, wo kriegen wir Klamotten her?'  zu einem Punkt zusammenzufassen. Nach heftigen Diskussionen und einigen Vorschlägen, die jedoch allesamt unbrauchbar waren, tauchte ein neues Problem auf: Der Regen hatte aufgehört. Dodo schlug vor,  den Punkt 'Es regnet, was machen wir nun?'  zu streichen, wurde jedoch von Bauleiter Murksel darauf hingewiesen, dass zusammengelegte Tagesordnungspunkte nicht mehr gestrichen werden können. Der Bürgermeister verwies allerdings auf die Möglichkeit einer Modifizierung anstelle einer Streichung, und nach kurzer Diskussion folgte eine Abstimmung, in der sich die Mehrheit für eine Änderung des ersten Tagesordnungspunktes aussprach. Nachdem nun alle Arbeitspunkte geklärt waren, begann es erneut zu regnen.

"Öh, und was machen wir nun?" wollte Dodo wissen.

Es herrschte allgemeine Ratlosigkeit, denn keiner hatte den Mut, eine erneute Änderung der Tagesordnung vorzuschlagen. So saßen die Hamster in dem Karton, der ehemals eine Torte beherbergt hatte, und waren froh, wenigstens durch ein Handtuch geschützt zu sein. Lord und Butler unterdessen störte der Regen nicht im geringsten, denn die Plane der Kutsche schützte sie vor Wind und Regen. Die beiden Männer schliefen und schnarchten vor sich hin, während die Hamster ratlos zuschauten, wie ihr Karton langsam vom Regen aufweicht wurde.

"Wie wärs, wir machen uns aus dem Stoff ein paar schöne Umhänge?" rief Flecki und zeigte auf das Handtuch. "Grün ist zur Zeit 'in' und der Stoff fühlt sich prima an."

"Das ist es", rief Sasie, "damit wäre der Punkt 'Es wird kalt, wo kriegen wir Klamotten her?' geklärt!"

"Der Punkt, öhm, meine lieben Mithamster, wurde aber soeben geändert, und somit müssen wir neu abstimmen, ob..."

Die restlichen Worte des Bürgermeisters gingen wie schon so oft in einem aufgeregten Geschrei unter. Schnell wurde ihm klar, dass den Hamstern Wärme wichtiger als Abstimmungen war, und somit ging der Bürgermeister schnell zu den verbliebenen beiden Punkten über, während Flecki und einige andere damit begannen, das grüne Handtuch in viele kleine Umhänge zu zerteilen. Die Abstimmung über die Punkte 2 und 3 ging recht schnell über die Bühne, wobei der Punkt 3 von dem Punkt 2, nämlich der allgemeinen Futterlage abhängig gemacht wurde. Da die Verteilung der Umhänge bereits im Gange war, wurde beschlossen, sich sofort auf die Futtersuche zu begeben, da von dem Butler und seinem Chef keinerlei Hilfe zu erwarten war.

Da der Karton schon recht aufgeweicht war,  ließ sich leicht ein großes Loch bohren. Wie allerdings McClown schon erwartet hatte, stellten die Seitenwände der Pritsche für die Hamster ein unüberwindliches Hindernis dar, das von den findigen Tieren jedoch trotzdem schnell überwunden wurde. Da der alte Lord mit seinem Kopf direkt an eine der Seiten gelehnt war, war es kein Problem, über ihn und seinen Kopf hinweg ins Freie zu krabbeln und von der Kutsche herunterzuspringen. Kurz darauf saßen alle Hamster im tiefen Gras und hatten nasse Pfoten.

"Öh, und nun, was machen wir....."

"Ganz klar", unterbrach Goldi Dodo, "wir sind die hamstischen Pfadfinder!"

"Und wie findet man einen Pfad?"

"Also Dodo, schau doch mal, wie wir aussehen. Also, was sind wir?"

"Moosbiber?"

"Das ist ein Tarnanzug, Dodo. Wir sind coole und starke Pfadfinder. Niemand kann uns aufhalten, und wir besorgen uns jetzt etwas zu futtern."

"Ein Regenschirm bei diesem Dreckswetter wäre besser", schimpfte Tuffi.

"Ey Leute, wusste ihr schon: Ein Regenschirm schützt vor Regen, ein Bildschirm kann aber nicht vor Bildern schützen?"

Niemand lachte über Goldis Witz, und so ging es über einen matschigen Weg weiter durch den dunklen Wald. Sie entfernten sich immer mehr von der Kutsche, und schon bald waren sie außer Sichtweite. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, doch Futter war noch immer nicht zu entdecken, als plötzlich ein Licht durch die Bäume schimmerte. Hoffnung keimte bei dem kleinen Trupp auf, und sie beeilten sich, durch das unwegsame Gelände vorwärts zu kommen. Flecki erreichte als Erste einen kleinen Hügel, von dem aus die Lage besser zu überblicken war.

"Ein Haus", rief sie entzückt, "ein richtig vornehmes, großes Haus!"

"Ein Flachdachgebäude", stellte Bauleiter Murksel fachmännisch klar.

"Ja, genau", stimmte Tuffi zu. "Das habe ich in der Berufsschule gelernt: Beim Flachdach ist das Dach flach!"

"Du gehst zur Berufsschule? Das ist mir neu!"

"Doch, Sasie, ich bin sogar schon zweimal dort gewesen. Aber dann hat Bauleiter Murksel gesagt, nur in der Praxis lernt man etwas und hat mich persönlich weiter ausgebildet."

"Und solche Sachen lernst du nun beim Bauleiter?"

"Naja", druckste Tuffi herum, "wir lernen da die Feinheiten. Neulich haben wir Kopfschütteln geübt."

"Kopfschütteln?" fragte Sasie verwundert.

"Ja, das Kopfschütteln in Gegenwart des Kunden, wenn man etwas reparieren soll. Bauleiter Murksel sagt nämlich immer, wir sollen versuchen, dem Kunden etwas Neues anzudrehen...."

"Tuffi!"

"Ja, Bauleiter?"

"Schnauze!"

"He Goldi", flüsterte Flecki, "findest du das nicht merkwürdig? Warum hat der Bauleiter die Tuffi von der Berufsschule wieder runtergenommen?"

"Ist doch klar", brummte Goldi, "die hätte doch sonst mitgekriegt, welchen Murx dieser Murksel fabriziert."

Die Hamster wandten ihre Aufmerksamkeit nun wieder dem hell erleuchteten Haus zu, vor dem sich merkwürdige Dinge abspielten. In der Einfahrt standen mehrere Limousinen, Leute standen herum und schienen zu warten. Vorsichtig krochen die kleinen Tiere näher und versuchten zu lauschen. Dann tat sich etwas, und die Haustür wurde geöffnet. Blitze flammten auf, die Stimmen wurden lauter, als jemand auf die Limousinen und die wartenden Leute zuging. Ein paar Worte wurden gewechselt, und enttäuschte Rufe waren zu hören. Kurz darauf löste sich die wartende Menschenmenge auf und verschwand in den Autos. Motoren wurden angelassen, und ein Wagen nach dem anderen verschwand. Dann war alles still, nur ein merkwürdiges Jaulen war zu hören, das scheinbar aus dem Haus kam.

"Was 'n da los?" fragte der Bürgermeister.

"Ich glaube, ich weiß, was los ist", rief Flecki, die plötzlich wie aus dem Nichts vor dem Bürgermeister auftauchte. "Ich bin ein bisschen dichter herangekrochen und konnte einiges verstehen. Da sind Musiker in dem Haus, und die wollen für ihre Tournee üben. Der eine von denen hat gerade die ganzen Leute weggeschickt, die ein Interview machen wollten. Also der sah vielleicht bescheuert aus!"

"Sind das die Beatles?" fragte Dodo.

"Du hast aber echt null Ahnung, Dodo. Die Beatles spielen doch schon lange nicht mehr. Nein, die hießen anders, irgend etwas mit einem japanischen Hotel oder so. Bestimmt ist das so eine Truppe, die völlig überfordert ist, vernünftige Musik zu machen."

"Meistens haben diese Gruppen auch die Haltbarkeitsdauer eines Joghurts", stimmte Teeblättchen zu.

"Wollen wir uns jetzt über schlechte Musik oder über gutes Futter unterhalten?" fragte Goldi und lief, ohne eine Antwort abzuwarten, auf das Haus zu.

"Und nun, was machen wir nun? Ich meine, jetzt sitzen wir hier und..."

"Klappe, Dodo, ich muss überlegen!" fauchte Bauleiter Murksel. Seit einer halben Stunden saßen die Hamster nun vor dem Gebäude und hatten immer noch keine Idee, wie sie hineinkommen könnten.

"He, Leute, wir könnten durch die Regenrinne nach oben klettern!"

"Dann sitzen wir auf dem Dach, und wie weiter, Goldi?" entgegnete Trampel.

"Naja, dann rutschen wir wieder durch die Dachrinne zurück und überlegen uns etwas Anderes. Das machen wir doch immer so, oder?"

Niemand antwortete. Alle starrten auf die Haustür, überlegten angestrengt und warteten auf ein Wunder. Dann geschah es tatsächlich: Die Haustür wurde geöffnet, ein dicker Mann mit Zigarre im Mund trat heraus, drehte sich um und rief: "Ihr bleibt so lange hier, bis ihr 10 Lieder fehlerfrei spielen könnt, ist das klar!" Irgendeine Antwort kam aus dem Haus zurück, doch die Hamster achteten nicht darauf, sondern machten, dass sie durch die geöffnete Tür ins Innere des Hauses kamen. Kaum waren sie drinnen, da schloss sich die Haustür geräuschvoll. Sie hatten es geschafft!

"Wieder einmal hat sich gezeigt, meine lieben Hamsterfreunde, dass Mut und Entschlossenheit zu den Tugenden unserer Rasse zählen und dass wir..."

"Ist ja gut, Bürgermeister", unterbrach Flecki, "wir sollten uns erst mal verstecken, sonst sind wir bald keine Rasse mehr."

Ein Jaulen, Klirren und Scheppern ließ die Tiere zusammenschrecken. Voller Panik rannten sie in das nächstbeste Zimmer und versteckten sich dort in einer Ecke.

"Das ist ja entsetzlich!" jammerte Teeblättchen. "Was passiert da?"

"Das nennen die Üben", erklärte Tati, "die lernen neue Lieder."

"Warum können die nicht wie Hamsterquallo1 klingen?", jammerte Flecki.  

"Bauleiter Murksel hat einmal versehentlich die Werkzeugkiste in die Kreissäge geschoben, das klang genauso", wusste Tuffi zu berichten, "und dann war er so sauer, dass er die Kreissäge umgetreten hat und dabei ist das halbe Haus...."

"Tuffi?"

"Ja, Chef?"

"Schnauze!"

Die Stimmung unter den Hamstern wurde von Minute zu Minute gereizter. Schließlich waren sie als Nachttiere mit einem empfindlichen Gehör ausgestattet, und das, was sich in diesem Haus abspielte, war für sie kaum zu ertragen. Immerhin war es Goldi gelungen, eine Tüte Chips aufzutreiben, doch nach einem Probebiss mochte niemand mehr etwas davon essen. Hamster mögen kein Essig, und diese Chips schmeckten eindeutig nach Essig.

"Ekelhaft", schimpfte Flecki, "und diese Dinger kann man sich nicht mal in die Ohren stecken. Dieser Krach ist entsetzlich. Bürgermeister, tu gefälligst mal was!"

"Öhm, ja, ich, also meine lieben Hamster, wir sollten zusehen, dass wir Futter finden und verschwinden."

"O.K.", sagte Goldi, "wie wär’s, wir knacken den Kühlschrank? Kannst du den nicht mal reparieren, Bauleiter?"

"Wieso reparieren? Der ist doch nicht kaputt?"

"Doch, Murksel, schau mal genau hin: Das obere Scharnier ist ein bisschen schief."

Der Bauleiter legte den Kopf schief, um die Sache genauer zu betrachteten. Er klopfte gegen die linke Seite des Kühlschranks, dann an die rechte und sprach schließlich: "Ohne Werkzeug kann ich da leider nichts....."

"Doch, doch", unterbrach ihn Goldi, "hier ist ein Besteckfach, da sind Messer und alles Mögliche drin."

Der Bauleiter verschwand wortlos in der Schublade, ein Klappern und Scheppern war zu hören, und er tauchte wieder auf. In der einen Pfote hielt er ein Messer und in der anderen einen Dosenöffner.

"Scharniere", so erklärte er, während er sich am oberen Scharnier mit dem Dosenöffner zu schaffen machte, "sind zwar robust und halten lange, jedoch brauchen sie auch regelmäßiges Justieren. Das wissen nicht viele, und die meisten Leute denken, so ein Scharnier hält ewig. Tut es nur bei guter Pflege und, wie gesagt, bei regelmäßigem Justieren der Scharniereinheit. Ich demonstriere euch das einmal: vorsichtig klopfen und ziehen!"

Da die Musik im Haus für einen Moment aufgehört hatte, war das leise Knacken des Scharniers gut zu hören. Der Bauleiter stieg vom Kühlschrank herab und machte sich am unteren Scharnier zu schaffen.

"Natürlich ist es wichtig, immer beide Scharniere gleichzeitig zu justieren", erklärte er weiter, "damit die Symmetrie des Gerätes erhalten bleibt. Nur ein Anfänger würde sich mit einer halben Sache begnügen."

Goldi und Flecki bestätigten grinsend mit nachdrücklichem Kopfnicken seine Worte, als Baumeister Murksel lässig  Dosenöffner und Messer beiseite schob. "Fertig!" schrie er, denn die Musik im Nebenzimmer hatte wieder eingesetzt. "Das hält nun eine Ewigkeit." Zum Beweis seiner Worte trat er mit seiner Pfote kräftig gegen den Kühlschrank und sprang zurück auf den Fußboden und betrachtete sein Werk. Dann trat er einen Schritt zurück, dann noch einen und dann ganz viele Schritte, denn die Tür des Kühlschranks kam ihm plötzlich entgegen. Kreischend rannten die Hamster in alle Richtungen auseinander, als die schwere Kühlschranktür auf den Boden knallte.

"Da- da- das müssen defekte Bauteile aus der 45er-Reihe sein, die taugen einfach nichts", stotterte der Bauleiter, während Flecki und Goldi verständnisvoll mit breitem Grinsen nickten.

"Alles klar, Leute", schrie Goldi, "fertig machen zum Futterfassen!"

Nach wenigen Minuten lagen die Hamster vollgefressen und schlapp in einer Ecke der Küche. Das Leben hätte schön sein können, wenn nicht die infernalischen Geräusche aus dem Nebenzimmer gewesen wären. Von Minute zu Minute wurden die armen Tiere immer nervöser und aufgeregter, und Dodo wollte sich gerade im Mülleimer verstecken, als die Musik schlagartig aufhörte.

"Noch einmal ertrage ich das nicht", keuchte Teeblättchen.

"Wir müssen was machen, aber was?" jammerte Dodo.

"Also, raus kommen wir hier nicht", grübelte Murksel, "wir kriegen die Tür nicht auf, die ist zu schwer. Die Fester sind zu hoch, das wird nichts."

In diesem Moment erschraken die Hamster, und Panik kam auf. Schritte waren zu hören! Jemand näherte sich der Küche. Schnell versteckten sich die Tiere hinter der Küchentür und warteten. Ein entsetzter Schrei war zu hören, der bestimmt den kaputten Kühlschrank betraf. Kurz darauf waren weitere Schritte zu hören, und vier junge Leute standen verschreckt um die abgestürzte Kühlschranktür herum. Die Hamster hatten schon längst die Situation genutzt und waren ins Nachbarzimmer verschwunden. Etwas ratlos standen sie nun vor elektrischen Gitarren, einer Schlagzeuganlage und mehreren Verstärkern.

"Wie wäre es, wir reparieren ein wenig ihre Instrumente?" fragte Goldi und sah den Bauleiter grinsend an.

"Ich fasse heute nichts mehr an", knurrte der.

"Chef, Chef", meldete sich Tuffi aufgeregt und schnippte mit den Pfoten, "auf der Berufsschule habe ich mal etwas über elektrische Schaltungen gelernt!"

"Ehrlich?" rief Sasie begeistert. "Du kannst so etwas?"

"Na ja", druckste Tuffi, "so ganz genau habe ich das nicht kapiert, aber..."

"Wusste ich es doch", trumpfte der Bauleiter auf. "In der Schule lernt man das alles nicht richtig. Hier spielt das Leben. Los, Tuffi, zeige uns mal eine Parallelschaltung!"

Etwas verlegen trat Tuffi vor und begann, an einigen Kabeln zu ziehen. Sie zog hier ein Kabel und steckte es dort hinein, während aus der Küche laute Klopfgeräusche zu hören waren. Scheinbar wurde dort gerade versucht, die Kühlschranktür wieder einzusetzen.

"Chef, ist die weiße Buchse da in der Wand ein Ausgang oder ein Eingang?"

Bauleiter Murksel erhob sich und lief zu der weißen Buchse. Fachmännisch klopfte er dagegen, räusperte sich und rief: "Das muss ein Eingang sein, und zwar ist das der Emitter für den Verstärkereingang. Höchstwahrscheinlich laufen hier die einzelnen Komponenten zusammen."

Tuffi nickte und fuhr fort mit ihrer Arbeit, während die restlichen Hamster gelangweilt zuschauten. Plötzlich jedoch war es mit Arbeit und Langeweile vorbei, denn nun wurden die Stimmfetzen, die von der Küche her kamen, plötzlich lauter und das konnte nur bedeuten, dass sich jemand näherte.

"Schnell", rief Murksel, "in das kleine Zimmer dort hinten!"

Gesagt, getan, und die Hamster sahen sich in dem Raum um. Sie hatten keine schlechte Wahl getroffen, denn offensichtlich war dies eine Vorratskammer, in der sich neben Konservendosen, Essigchips auch Gemüse und jede Menge Kekse befanden. Bevor nun eine 'Spontan-Steh-Und-Fressparty' abgehalten werden konnte, musste zunächst geklärt werden, was im Musikzimmer vor sich ging. Mit 11 Ja-Stimmen und einer Gegenstimme wurde beschlossen, Trampel als Kundschafter loszuschicken. Nach wenigen Minuten kehrte er atemlos zurück und keuchte: "Fast hätten die mich entdeckt."

"Und?" fragte Dasie, "werden die weiter Krach machen?"

"Scheinbar nicht, die machen wohl eine Pause. Die kritzeln auf einem Zettel herum und essen ekelige Essigchips und trinken braune Soße aus Flaschen!"

"Gut, gut", dröhnte der Bürgermeister, "meine lieben Hamsterfreunde, it’s time to party, wie man hier sagt. Bevor es losgeht, möchte ich abschließend noch einmal den Dank an unseren Trampel richten, der sich durch Mehrheitsbeschluss bereit erklärt hat, alle 5 Minuten nach dem Rechten zu sehen!"

Somit kamen die Hamster nach langer Zeit wieder zu einer Party mit reichlich Futter. Alle waren zufrieden, ausgenommen Trampel, der ständig zwischen Musikraum und Vorratskammer hin- und herrannte und nicht so recht Spaß an der Sache hatte. Da er alle 5 Minuten aufs Neue losrennen musste und der Hin- und Rückweg jeweils 4 Minuten dauerte, war er ständig unterwegs. Nach mehreren Stunden jedoch kam er japsend angestürmt, stellt sich mitten in die Partygesellschaft und rang nach Luft. Er war völlig erschöpft, sein Atem ging schwer, und ein Pfeifen war zu hören, bis Goldi ihn schließlich ungeduldig fragte: "Willst du uns ein Lied vorpfeifen, oder was?"

"Die fangen", keuchte er, "die fangen..."

"Die spielen Fangen?" fragte Dodo ungläubig.

"Nein, nein", krächzte Trampel, "die fangen wieder an...."

"Tja, das war’s wohl mit der Party", sagte Hamstilidamst missmutig, doch Flecki war sich da nicht so sicher: "Kann auch sein, dass es jetzt erst richtig losgeht, wer weiß, was unser Bauleiter der Tuffi so alles beigebracht hat."

Die Hamster schlichen zur Tür der Vorratskammer und lauschten. Außer ein paar undeutlichen Worten war zunächst nichts zu verstehen, doch dann waren klar und deutlich die Worte: 'One-two-three' zu hören. Während Tuffi noch einmal an alles dachte, was sie über Parallelschaltungen wusste, und Bauleiter Murksel überlegte, wo er diese weiße Buchse da in der Wand schon einmal gesehen hatte, brach ein Inferno aus. Es begann mit mehreren lauten Explosionen, Blitze fegten durch das Haus, die Beleuchtung ging aus, und irgendetwas flog durch kreischend durch die Luft. Eine Alarmanlage ging mit einem lauten Gejaule los, und das ganze Haus schien zu wackeln, während von der Decke herab Wasser aus einer Sprinkleranlage schoss.

"Alles in die Boote!" kreischte Flecki und krabbelte in eine große Kiste, in der sich Gemüse befand. Schnell folgte ihr der Rest der Partygesellschaft, und mit angsterfüllten, riesigen Knopfaugen verfolgten sie das Geschehen. Die Luft war von Rauch und Qualm erfüllt, der Boden war inzwischen soweit mit Wasser überflutet, dass die Gemüsekiste aus der Vorratskammer in das nächste Zimmer trieb. An mehreren Stellen in der Wohnung brannte es, doch das von der Decke kommende Wasser tat sein Bestes. Immer schneller trieb nun die Gemüsekiste mit den Hamstern an Bord, und sie erreichten das Musikzimmer, in dem das Chaos seinen Anfang genommen hatte. Hier sah es besonders schlimm aus, und insbesondere die Musiker und ihre Instrumente sahen recht mitgenommen aus.

"He, Leute", rief Goldi, "hat das hier eine Grillparty gegeben? Die Jungs sehen ja aus wie Grillkohle!"

"Heißt das deshalb brandneues Album", fragte Dodo verwundert, "ich meine, weil die alle..."

Erschrocken schauten die Hamster einander an. Draußen ertönten plötzlich Sirenen, bestimmt war die Feuerwehr im Anmarsch! Kurz darauf waren laute Schläge an der Haustür, auf die die Hamster nun zutrieben, zu hören. Dann splitterte das Holz und eine Axt drang durch die Tür. Laute Rufe waren zu hören, und kurz darauf war die Haustür ganz verschwunden. Nun drangen Leute in Uniformen und Helmen in das Haus. Einige stürzten sich sofort auf die am Boden liegenden, jammernden und übel zugerichteten Musiker, während der Rest die anderen Räume durchsuchte. Unbemerkt von allen trieben die Hamster mit ihrer Gemüsekiste durch die zerschmetterte Tür hinaus ins Freie. Auf dem Rasen im Vorgarten des Hauses liefen sie auf Grund, krabbelten aus der Gemüsekiste und machten, dass sie weit, weit wegkamen. In panischer Flucht liefen sie so schnell ihre kleinen Pfoten es zuließen,  bis sie erschöpft und keuchend wieder vor der Kutsche standen. Sie kletterten über die Speichen der Räder bis auf die Kutschbank und über den Kopf des alten Lords zurück in die Pritsche. In den Resten des aufgeweichten Kartons ließen sie sich erschöpft nieder.

"Und noch was, Leute", keuchte Bauleiter Murksel mit erschöpfter Stimme. "Es ist nichts passiert, und wir sind nie weggewesen, klar?"

Alle nickten stumm, und niemand sagte ein Wort. Am Himmel war bereits der erste rote Schein des kommenden Morgens zu sehen. Es dauerte nicht lange, und auf der Pritsche der Kutsche war nun auch das letzte Lebewesen eingeschlafen.