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Dunollie Castle

Kapitel 26

Ein freudiges Wiedersehen



Das ehrwürdige Schloss Dunollie, einstiger Sitz der MacDougalls, des Lord of Lourne, dem einst ein Drittel Schottlands gehörte, lag einsam in der Mittagssonne. Es lag auf einem recht hohen Hügel, von dem aus der Hafen von Oban gut zu überblicken war. Dieses Schloss hatte gewiss schon bessere Zeiten gesehen, und dass es sich nun in solch einem schlimmen Zustand befand, war einzig und allein die Schuld seines jetzigen Besitzers. Lord McShredder hasste unnötige Ausgaben, und wozu sollte er teures Geld für irgendwelche teuren Firmen ausgeben, nur um ein paar Steine auszuwechseln? Nein, denn wozu hatte er einen Diener, der konnte das schließlich genauso gut erledigen. Schließlich waren ja überall kostenlos Steine zu finden. Man musste nur die Augen aufmachen. Mit ein bisschen guten Willen...

"Mit einem bisschen guten Willen, mit einem bisschen guten Willen!" grölte Frido McClown nahm einen Stein und schleuderte ihn quer über den Hof des Schlosses. Mit einem 'Klack' setzte der Stein kurz auf dem Boden auf und flog scheppernd gegen das rostige Gitter der Eingangstür zum Hof. Quietschend öffnete sich die Tür, und McClown wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Wenn Sie jeden Tag drei Meter der Schlossmauer reparieren, so klangen ihm die Worte des Lords in den Ohren, dann sind Sie in fünf Monaten fertig. Davon, dass neue Steine herangeschleppt werden mussten, hatte der alte Sack nichts gesagt, dachte der Diener wütend. Statt dessen hatte der geizige Lord die Idee gehabt, den einzigen Hahn, den sie besaßen, zu verkaufen. Schließlich sei es für McClown ja wohl eine Kleinigkeit, das morgendliche Krähen zu übernehmen. Wenn doch bloß Lisa McGyer da wäre, dann würde sie ihm schon die Meinung sagen, doch leider befand sie sich zur Zeit im Kings House Hotel, um ihren Eltern während der Ferienzeit zu helfen. George war ebenfalls so schlau gewesen und war an den Loch Rannoch gefahren, um ein paar Freunde zu besuchen. Schon seit geraumer Zeit hatten sie den alten Lord immer wieder versucht zu überzeugen, das Schloss entweder zu renovieren oder sich etwas Anderes zu suchen. Jedes Mal hatte der alte Geizhals gekräht: "Solange mir das Dach nicht über dem Kopf zusammenbricht, bleiben wir hier!"    

Frido McClown schaute auf seine Armbanduhr. Kurz vor Eins, fluchte er. Zeit, sich um das Mittagessen zu kümmern, denn wenn der alte Sack sein Essen nicht pünktlich um 13.30 Uhr auf dem Tisch hatte, würde es Ärger geben. Schnell räumte er sein Arbeitsgeschirr zusammen und wollte sich gerade auf den Weg zur Küche begeben, als er innehielt und lauschte. In der Ferne war ein Motorengeräusch zu hören, und sein Herz klopfte höher. Das konnte nur George sein... oder vielleicht sogar Lisa! Aufgeregt lief er durch das offene Gittertor und sah nach rechts. In der Ferne war der Hafen von Oban zu erkennen, doch davor versperrten ihm ein paar Bäume die Sicht, und alles, was er erkennen konnte, war eine Staubwolke hinter den Bäumen. Ungeduldig wartete er, bis sich die Ursache dieser Staubwolke hinter der nächsten Kurve zu erkennen gab. Seine Enttäuschung war riesengroß, als er einen großen, blauen Lastwagen erkannte, doch im nächsten Moment stellte sich ihm die Frage: Was wollte ein Lastwagen in dieser einsamen Gegend? Er wartete, bis der Lastwagen direkt vor ihm stand. Die Sonne schien genau auf die Windschutzscheiben, so dass McClown nicht erkennen konnte, wer sich in dem Wagen befand. Dann wurde die Fahrertür geöffnet, er sah einen Mann aussteigen und auf sich zukommen. Der Mann wirkte erschöpft und müde, und als er schließlich vor ihm stand, erkannte Frido, dass dieser Mann die Hölle hinter sich haben musste.

"Guten Tag, Sir, "begann der Mann mit matter Stimme, "ich suche den König vom Loch Ness."

McClown trat vorsichtig einen Schritt zurück. Was war das für ein Wahnsinniger? Was wollte der hier? Fieberhaft überlegte Frido, wie man sich in solch einem Falle am besten zu verhalten habe. Ruhig, genau, nur ruhig bleiben und ihn nicht reizen.

"Ihnen auch guten Tag, Sir. Äh, den König vom Loch Ness suchen Sie? Den, äh, den finden wir ganz bestimmt!"

"Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie mir damit helfen", stöhnte der Lkw-Fahrer und setzte sich auf einen Felsbrocken, der am Rande des staubigen Weges lag. "Durch ganz Schottland haben mich diese kleinen Biester gescheucht. Ich kann einfach nicht mehr!"

"Natürlich, aber natürlich, es wird alles gut", beruhigte ihn McClown, doch langsam kam Panik in ihm auf. Er versuchte, sich zu erinnern, was er jemals über Wahnsinnige gehört oder gelesen hatte. Er erinnerte sich an die Begebenheit in Gortenfern, als die Küche geschlossen war, und er selbst einen Tobsuchtsanfall bekommen hatte. Damals hatte er die Küchentür mit einem Barhocker zertrümmert, doch das war etwas Anderes gewesen. Damals hatte er tagelang nichts zu essen bekommen und war vor Hunger durchgedreht. Natürlich war da noch der kleine Zwischenfall in Sanna Bay, als der Lord vor ihm in eine Telefonzelle flüchten musste. Möglicherweise waren ihm die Nerven wegen McShredder und seinem Gemecker ein klein wenig durchgegangen. Doch wer oder was war dieser Mann? Frido warf einen Blick auf das Nummerschild des Lastwagens.

"Sie kommen aus Holland, Sir?"

Der Lkw-Fahrer nickte schwach. "Vim van der Slampe, ich liefere Holländischen Käse nach Edinburgh."

"McClown, Frido McClown. Edinburgh, Sir? Sie sind ein wenig vom Weg abgekommen, oder?"

"Ja, Mr. McClown. Erst wollten sie nach Oben und ich habe sie ganz nach oben gebracht. Dann fiel ihnen ein, dass sie nach Oban und nicht nach Oben wollten. Scheinbar gehören sie dem König, und den suchen wir jetzt."

Dem Butler schwirrte der Kopf. Käse, Oban und König, große Güte, war dieser Holländer durchgeknallt. Wenn doch bloß Lord McShredder käme. Vorsichtig schaute McClown auf seine Uhr: 13.25 Uhr war es nun, und spätestens in 5 Minuten würde der Lord feststellen, dass das Essen noch nicht fertig war. Nein, der Lord durfte diesen Irren nicht treffen, denn womöglich würde er ihn reizen und es käme zum Blutvergießen. Dieser Verrückte musste schnellstens verschwinden, bevor der Lord kam!

"Ich habe eine Idee, mein lieber Mr. van der Slampe", flötete Frido. "In Oban werden Sie sicherlich herausfinden können, wo dieser König wohnt. Ich kann Ihnen den Weg zur Polizei beschreiben und..."

"Keine Polizei", stöhnte van der Slampe, "nicht schon wieder!"

McClown erschrak und er spürte, wie ihm der Schweiß herunterlief. Wurde dieser Irre womöglich von der Polizei gesucht? Warum sonst hatte er Angst vor der Polizei?

"Nun, Sir, dann würde ich im Rathaus fragen. Mögen Sie dorthin fahren?"

Der Holländer nickte.

"Gut", atmete der Butler tief auf. "Haben Sie eine Autokarte, damit ich Ihnen den Weg zeigen kann?"

Wieder nickte der Lkw-Fahrer, und gemeinsam gingen sie zum Lastwagen. In diesem Moment ertönte eine laute, blecherne Stimme hinter ihnen, und die beiden Männer blieben vor Schreck kurz vor dem Lastwagen stehen.

"McClown, Sie nichtsnutziger Geselle, wo bleibt mein Essen? Was ist das für eine Mistkarre, die unsere Einfahrt blockiert? Schaffen Sie den Schrott weg und dann bringen Sie endlich mein Essen!"

Der Angesprochene drehte sich um und erblickte den Lord, der im Turm des Schlosses stand und, aus dem Fester gelehnt, wütend mit den Händen fuchtelte.

"Einen Moment, euer Lordschaft. Der Mann hat sich nur verfahren. Ihr Essen kommt in wenigen Minuten", grölte McClown und fluchte leise: "Alter Sack!"

Sie gingen weiter, und als sie den blauen Lkw erreicht hatten, öffnete Vim die Fahrertür und rief: "McDudle, geben Sie mir bitte mal den Autoatlas!"

"Ich habe nichts gemacht, Mr. Pamp den Tampen! Ich bin unschuldig!" kreischte es aus dem Wagen.

Frido McClown fiel vor Schreck fast das Herz in die Hose. Noch so ein Irrer! Er warf vorsichtig einen Blick in die Fahrerkabine und traute seinen Augen nicht. Als erstes fielen ihm die kleinen Tiere auf dem erhöhten hinteren Teil der Kabine auf. Das waren Hamster! Dann fiel sein Blick auf den Beifahrer und ihm wurde alles klar.

"Hier, die Straßenkarte, Mr. McClown!"

Der Butler nahm den schweren Atlas und warf ihn vor den verblüfften Augen des Fahrers in die Kabine zurück. Ein lautes Aufheulen ließ darauf schließen, dass er Finnegan getroffen hatte.

"Ich hätte es wissen müssen, Mr. van der Slampe. Wer so zugerichtet und so fertig aussieht, der kann nur auf die Hamster getroffen sein. Ach ja, und auf Mr. McDudle natürlich. War es schlimm?"

Der Holländer nickte. "Grausam, Mr. McClown. Sie kennen meine Beifahrer?"

"Recht gut, die Hamster kenne ich sozusagen sehr gut. Aber was um alles  in der Welt wollen die hier? Es muss einen Grund dafür geben, mein lieber Vim, und am besten kommen Sie erst einmal herein, dann werden wir..."

"McClown, ich verhungere! Schmeißen Sie diesen Mistkerl mit seiner Dreckskarre endlich raus, und bringen Sie mir mein Essen!""

"Euer Lordschaft", brüllte der Butler zurück, "wir haben Besuch bekommen. Ich werde ein paar Gedecke mehr aufstellen!"

"Besuch?" brüllte McShredder zurück. "Was erlauben Sie sich, hier irgendwelche Bettler einzuladen? Wer soll das denn bezahlen?"

"Alles in Ordnung, mein lieber Vim. Sie sind somit herzlich zum Essen bei Lord McShredder eingeladen!"

"Und was ist mit meinen Mitfahrern?"

"Kein Problem, die kommen mit", entgegnete Frido McClown dem verblüfften Lkw-Fahrer. Dann lief er zur geöffneten Beifahrertür und rief in die Kabine hinein: "Alles aussteigen bitte!"

Wenige Sekunden später hatte Frido McClown zwölf kleine, fröhlich fiepende Hamster auf dem Arm, die er einen nach dem anderen vorsichtig an sich drückte und knuddelte. Daneben stand ein verlegen guckender Finnegan McDudle, der angestrengt nachzudenken schien, wo er diesem Mann schon einmal begegnet war, denn dieser Mann hatte ihn mit seinem Namen angeredet. Daraus hatte McDudle nach längerem Überlegen geschlossen, dass er ihm schon einmal begegnet war. Finnegan beschloss,  es unauffällig herauszufinden.

"Mister, äh, haben wir schon mal in Polloch gemeinsam ein Fass geleert und Hühner geklaut?"

"Haben wir nicht", entgegnete Frido und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

"Tja, äh, Mister, wie war noch ihr Name?"

"McClown, nach wie vor Frido McClown."

"Natürlich, natürlich, jetzt fällt es mir wieder ein. Ich vergesse nie einen Namen, fragen Sie Mr. Fransentante, der bestätigt Ihnen das gerne. Mr. Fransentante, das ist der Mann, von dem ich Ihnen erzählt habe!" wandte sich McDudle stolz an den Lkw-Fahrer.

Vim van der Slampe erhob sich langsam von dem Felsen, auf dem er gesessen hatte und ging auf Finnegan zu. "So, mein kleines Vergissmeinnicht, jetzt erzählst du dem Onkel Frido genau das, was du mir erzählt hast!"

"Tja, äh, wie soll ich sagen, Mister, da ist schon recht lange her..."

"Viele lange Monate", warf McClown grinsend ein.

"Tja, und, ich habe diesen Mister und den, äh, die Hoheit vom Loch Ness geführt..."

"Den König vom Loch Ness!" rief van der Slampe.

"Der war nie ein König und wird nie ein König sein", erklärte der Butler. "Es gibt kein Land, dem es so schlecht ginge, als dass es so etwas als König braucht. Er heißt Lord McShredder von Schloss Killichonan, das inzwischen eine Ruine ist. Das Schloss Killichonan hat er bekommen, weil er angeblich das Monster aus dem Loch Ness vertrieben hat."

"Und?" keuchte der Lkw-Fahrer mit weit geöffnetem Mund.

"Immerhin ist es möglich", fuhr McClown lachend fort, "dass sich das Monster ganz einfach in McShredder verwandelt hat."

"McClown, Sie nachlässiger Idiot, wo bleiben Sie?" ertönte in diesem Moment eine keifende Stimme aus dem Turm.

"Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass Monster im allgemeinen so unhöflich sind", ergänzte Frido McClown. "Wie auch immer, wir sollten jetzt ins Schloss gehen und Sie dem Lord vorstellen. Er wird entzückt sein, Mr. McDudle wiederzutreffen.”

Während nun der Butler mit den Hamstern im Arm vorweg ging, folgten Vim van der Slampe und als letzter Finnegan McDudle, der sich ängstlich umsah und dem überhaupt nicht wohl zumute war. Langsam dämmerte ihm, dass der alte Lord wohl noch immer keine allzu gute Meinung über ihn haben würde. Nach wenigen Schritten hatten sie die rostige Gittertür erreicht, und Frido McClown öffnete sie mit einem gezielten Fußtritt. Es schepperte laut, die Tür flog aus den Angeln und krachte auf die Kopfsteinpflaster des Hofs.

"Willkommen auf Dunollie Castle", rief er, "dem Sitz der MacDougalls, des Lord of Lourne, die einst ein Drittel Schottlands besaßen und dem heutigen Sitz von Lord McShredder, der kaum Land, aber eine gewaltige Unverfrorenheit und eine Menge Geiz besitzt."

Unter einem Torbogen hindurch ging es weiter auf einen kleinen, eckigen Innenhof. In Laufrichtung waren zwei Türme, die jeweils eine der Ecken des Innenhofes bildeten. Mehrere Türen und Fenster waren zu sehen, und es fiel sofort auf, dass hier eine gründliche Überholung von Tür- und Fensterrahmen erforderlich war.

"Es ist schade," überlegte van der Slampe laut, "dass all diese schönen Gebäude verfallen, nur weil kein Geld da ist."

"Geld ist genug da", knurrte der Butler, "der alte Sack ist nur zu geizig."

Nachdem sie durch die Eingangstür des linken Turms eingetreten waren, ging es über eine recht steile, steinerne Rundtreppe nach oben. Schwer atmend erreichten sie eine weitere Tür aus Holz, die mit schweren Eisenbeschlägen versehen war. Knarrend ging sie auf und Frido McClown zeigte auf einen Tisch, neben dem sich mehrere Stühle befanden.

"Bitte machen Sie es sich bequem, meine Herren. Ich werde mich um das Essen und Trinken kümmern!"

Mit den Hamstern im Arm verließ McClown das Zimmer durch eine Seitentür und ließ die beiden Männer allein. Er betrat einen gemütlich aussehenden Raum und setzte die Hamster auf einen Tisch, der neben einem Fenster stand. Er warf einen kurzen Blick aus dem Fenster und sah in der Ferne den Hafen von Oban. Eigentlich konnte er sich über die Aussicht nicht beschweren, doch so ganz ohne Hintergedanken hatte ihm der alte Lord das Zimmer mit Blick aufs Wasser nicht überlassen. Schließlich befand es sich direkt unter dem Zimmer von McShredder, sodass der Butler einen recht kurzen Weg hatte, um die diversen Wünsche seines Herrn zu erfüllen. McClown nahm eine Decke und legte sie auf einen gepolsterten Sessel, dann nahm er die Hamster und legte sie dort hinein.

"So, meine lieben Freunde",  sprach er, "bestimmt seid ihr kleinen Nachttiere völlig erschöpft von dieser anstrengenden Tagesreise. Ich werde mich jetzt erstmal um unsere Gäste und den Lord kümmern, wir sehen uns später."

Er nahm einen Apfel aus einer Schale, die sich auf einer schäbigen Kommode befand, und legte ihn zu den Hamster.

"So, das müsste reichen." Dann verließ er das Schlafzimmer.

"Ich fasse es nicht, ich fasse es echt nicht", rief Goldi, " das war der olle McClown! Unser Futter ist gerettet. Wie ich schon immer gepflegt gesagt habe, meine lieben Hamster", äffte er den Bürgermeister nach, "sind wir einsam zu der Überzeugung im allgemeinen gekommen...."

"Hör auf, Goldi", gackerte Flecki, "ich mache mir sonst ins Fell!"

"Öhm, und nun? Fahren wir jetzt wieder nach Hause?" fragte Dodo.

"Nö, bloß nicht, sonst müssen wir doch wieder in die doofe Schule", rief Hamstilidamst. "Ich habe echt keinen Bock auf Bio und Mathe!"

"Mathe und Bio sind doch eierleicht", sagte Goldi, der gerade von dem Apfel probierte. "Mathe ist doch total logisch."

"Logisch? Mathe ist logisch?" keifte Flecki. "Mathe ist unlogischer Blödsinn, Goldi! Stell dir mal vor, zwei Leute gehen in ein leeres Haus, eine Weile später kommen drei Leute wieder heraus. Was sagt dann so ein bekloppter Mathematiker? Der sagt: wenn jetzt noch einer reingeht, ist das Haus wieder leer."

"Wir hatten auch mal so eine bescheuerte Aufgabe", rief Teeblättchen. "Der Briefträger läuft 12 km/h und der Dackel 16 km/h, die Entfernung beträgt 50m. Wann überholt der Dackel den Briefträger? Das Problem sollten wir zeichnerisch lösen, hat die Lehrerin gesagt."

"Und", fragte Goldi kauend, "Hast du das gewusst?"

"Nö", knurrte Teeblättchen. "Die Lehrerin hat mir eine 5 gegeben, weil ich geschrieben hatte, dass ich keinen Dackel zeichnen kann..."

"Wenn ihr dann fertig mit eurem Schulkram seid, könnten wir vielleicht mal überlegen, was wir nun machen", knurrte Bauleiter Murksel und warf einen bösen Seitenblick auf den Bürgermeister, der auf der Fensterbank saß und den Hafen von Oban bewunderte.

"Öh, ja, wir sind nun hier und das ist doch großartig, meine lieben Hamster. Wir haben es sozusagen gewissermaßen geschafft, wenn ich es einmal so formulieren darf, und ich bin stolz darauf..."

"Ja, ja, ist ja gut, aber was nun?"

"Nun, meine liebe Flecki, selbstverständlich werden wir auch dafür eine Lösung finden. Ich, äh, bin offen für Ratschläge. Ja, Goldi?"

"Wir schnappen den alten Sack, klauen den Lkw und düsen zurück!"

"Wir bieten ihm ganz viele Sonnenblumenkerne!"

"Wir hauen ihn k.o. und packen ihn in den Lastwagen und lassen ihn vom Lkw-Fahrer einfach mitnehmen!"

"Wir überreden McClown, dass er uns hilft!"

"Wir drohen ihm, sein Schloss kurz und klein zu hauen, wenn er nicht mitkommt!"

Alle Hamster schrien aufgeregt durcheinander, und jeder hatte so seine eigenen Vorstellungen, wie das Problem gelöst werden konnte. Nach einer ergebnislosen Stunde wurde beschlossen, ein Kompetenz-Team zu bilden, doch bei der namentlichen Zusammensetzung kam es zu den ersten Prügeleien. Nach einer weiteren Stunde wurde endlich ein gemeinsamer, einstimmiger Entschluss verabschiedet: abwarten.

Erschöpft krabbelten die Hamster in die Decke auf dem gepolsterten Sessel und hielten ihren verspäteten Mittagsschlaf.





Kapitel 27

Dunollie Castle

Von all diesen hamstischen Diskussionen und Problemen bekam Frido McClown nicht das Geringste mit. Nachdem er die Küchenvorräte überprüft und festgestellt hatte, dass es außer Nudeln nichts gab, was für vier Personen reichen würde, tat er das Notwendige. Er füllte einen Topf mit Wasser, warf die Nudeln hinein und stellte alles auf den Herd. Dann nahm er eine Karaffe Wasser und vier Gläser und ging ins Esszimmer. Auf dem Weg dorthin musste er wieder durch den Turm, und zu seinem Bedauern lief ihm Lord McShredder über den Weg.

"Sie kommen diese Woche schon zum vierten Mal zu spät, McClown! Was schließen Sie daraus?“

"Es ist Donnerstag, Sir!"

"Ich sage es nur ungern. McClown, ich bin unzufrieden mit Ihnen. Gestern musste ich geschlagene zwei Stunden auf mein Abendessen warten!"

"Sir, gestern war ich beim Reparieren des Daches abgestürzt und..."

"Papperlapapp, McClown, billige Ausreden, die eines guten Butlers unwürdig sind. So ein Sturz dauert doch nur wenige Sekunden!"

Als der Butler nicht antwortete, sprach der alte Lord weiter: "Was sind das für Leute, die Sie mir da ins Haus geschleppt haben?"

"Nun, Sir, das eine ist ein holländischer Lkw-Fahrer, der Käse nach Edinburgh transportiert und der andere, also, den sehen Sie sich besser selbst an."

Der Lord nickte und in diesem Moment hatten sie die Tür zum Esszimmer erreicht. McClown ging vorweg und öffnete die Tür. Der Blick des alten Lords glitt zunächst auf den immer noch leeren Esstisch und dann zu Vim van der Slampe. Argwöhnisch betrachtete er ihn, und ohne einen Gruß glitt sein Blick auf Finnegan McDudle, der den Kopf auf die Hand gestützt hatte und verzweifelt versuchte, dem forschenden Blick des Alten zu entgehen.

Von einer Sekunde auf die andere weiteten sich die Augen McShredders, und er schrie: "McClown, holen Sie sofort mein Jagdgewehr!"

"Sir, das haben wir letzten Monat verkauft!"

Mit schnellen Schritten, die ihm niemand zugetraut hätte, ging der alte Lord auf seinen ehemaligen Berater zu, der langsam von seinem Stuhl rutschte und sich unter dem Tisch verstecken wollte.

"Hallo, äh, Mister, wie geht es Ihnen? Schön, Sie zu sehen!"

"Was? Sie wollen gehen? Nur zu! McClown, schmeißen Sie ihn aus dem Fenster!"

"Sir, wir sind im zweiten Stock und...."

"Wer ist das?" unterbrach der Alte seinen Diener und zeigte nun auf den Holländer. Der stand auf und hielt Lord McShredder die Hand hin.

"Van der Slampe, Sir. Vim van der Slampe!"

"Haben Sie das gehört, McClown? Er beschimpft mich als Schlampe! Schmeißen Sie diesen undankbaren Kerl gleich hinterher!"

"Aber Sir, das ist doch sein Name. Er heißt so!"

"Er heißt Schlampe? Ein merkwürdiger Name, McClown!"

"Vim van der Slampe", brüllte der Butler, "und er kommt aus Holland.”

"Ah", krähte McShredder, "Holland! Wie geht es meiner alten Freundin Wilhelmina?"1

"Wilhelmina?" ächzte der Lkw-Fahrer erstaunt.

"Ja, Wilhelmina", wiederholte der Lord. "Ist sie nicht mehr Königin?"

"Äh, nein, Sir. Unsere Königin heißt Beatrix."

"Schade, schade, Mr. Slampe." Der alte Lord schüttelte enttäuscht den Kopf, schnüffelte kurz und drehte sich zu seinem Butler um.

"Sagen Sie McClown, was riecht hier so grässlich? Haben Sie sich nicht gewaschen?"

"Die Nudeln!" kreischte Frido und rannte aus dem Zimmer.

Kopfschüttelnd sah McShredder seinem Diener nach. Dann wandte er sich an seine Gäste.

"Bitte bedienen Sie sich doch, es ist köstliches Brunnenwasser. Ich persönlich habe es heute Morgen frisch holen lassen."

Schweigend nippten van der Slampe und McDudle von ihren Gläsern, dann fragte der Holländer vorsichtig:

"Sagen Sie, Sir McShredder, haben Sie eigentlich, äh, Haustiere?"

Erstaunt sah ihn der alte Lord an: "Selbstverständlich habe ich meine eigene Haustür, ich habe sogar eine ganze Menge Haustüren. Warum fragen Sie?"

"Haustiere, Sir!"

"Haustiere? Allerdings habe ich Haustiere. Einen unzuverlässigen Hahn und den ebenso unzuverlässigen McClown! Stellen Sie sich vor, Mr Slampe, seit der Umstellung auf die Sommerzeit geht der Hahn eine Stunde nach! Der kapiert das einfach nicht, der dumme Vogel!"

In diesem Moment betrat der Butler mit einigen Tellern unter dem Arm und Besteck in der Hand den Raum. Mit geübter Hand stellte er die Teller auf den Tisch und legte das dazugehörige Besteck daneben. Dann verschwand er und tauchte nach einer weiteren Minute mit einem großen Kochtopf wieder auf.

"Das Mittagessen, meine Herren: gebratene Nudeln!"

Während van der Slampe und McClown vorsichtig in den verbrannten Nudeln stocherten und sich die am wenigsten verbrannten heraussuchten, langten McShredder und McDudle gierig zu.

"Köstlich, McClown, Sie haben sich ausnahmsweise einmal selber übertroffen!" krächzte der Lord und deutete auf den Lkw-Fahrer: "Sagen Sie, Mr. Slampe, warum haben Sie mich nach Haustieren gefragt?"

"Nun, Sir Lord, es ist wegen der Hams..."

"Es ist, weil alle Holländer sehr tierlieb sind und viele Haustiere haben!" unterbrach Frido McClown den erstaunten van der Slampe, zwinkerte ihm zu und machte Zeichen, dass er schweigen solle. Zum Glück hatte Lord McShredder von diesen Heimlichkeiten nichts mitbekommen, da er gerade mit einer sehr robusten Nudel zu kämpfen hatte. Der Butler atmete erleichtert auf, dass der alte Lord nicht weiter fragte, sondern seinen Teller beiseite schob und sich zurücklehnte.

"McClown, der Nachtisch!"

"Sir, wir haben keinen Nachtisch."

"Wieso kriege ich in meinem Schloss keinen Nachtisch?"

"Nun, Sir, das liegt daran, dass Sie mir kein Geld für Einkäufe gegeben haben, weil Sie meinten, dass die Nudeln noch für ein paar Tage reichen würden und..."

"Ich weiß was ich gesagt habe, McClown. Ein guter Butler hätte mich darauf hingewiesen, dass wir Gäste bekommen! Also hüpfen Sie mal in die Stadt und besorgen was!" Lord McShredder griff lässig in die Tasche seines Bademantels und gab seinem erstaunten Butler eine Handvoll Geldscheine. Natürlich hätte der alte Knauser nie im Leben freiwillig so viel Geld für Einkäufe herausgerückt, doch vor einem ausländischen Gast wie diesem van der Slampe wollte er wie ein reicher Adeliger wirken. Außerdem konnte man schließlich ja nie wissen, ob dieser Lastwagenfahrer wirklich der war, für den er sich ausgab. Womöglich war er ein Gesandter der holländischen Königin. Wenn nicht, konnte er seinem Butler immer noch das Geld vom Gehalt abziehen. Für Frido McClown war es natürlich eine willkommene Abwechslung, dass er wenigstens dieses eine Mal nicht stundenlang nach Sonderangeboten suchen musste, sondern endlich einmal aus dem Vollen schöpfen konnte.

"Wenn Sie möchten, kann ich Sie in die Stadt fahren," schlug der Lkw-Fahrer vor.

"Das wäre sehr nett, Vim", entgegnete der Butler, "aber was machen wir solange mit Mr. McDudle?"

"Der macht den Abwasch, oder er landet im Verließ!" krähte McShredder. "Nicht war, Dudle?"

Finnegan McDudle blickte mit fragenden Augen den Lkw-Fahrer an, doch der schüttelte den Kopf. Auf keinen Fall würde er McDudle mit in die Stadt nehmen, das würde er sich nicht antun. Also nickte Finnegan nur stumm und ergab sich seinem Schicksal, während sich die beiden Männer erhoben und den Raum verließen.

"So, mein lieber McDudle, wenn Sie mit dem Abwasch fertig sind, habe ich noch ein paar kleine Aufgaben für Sie, die dieser nachlässige Butler liegengelassen hat..."

Unterdessen waren der Lkw-Fahrer und McClown hinaus auf den Hof gegangen.

"Tut mir leid, mein lieber Vim, aber es ist vielleicht besser, wir sagen dem Alten erst einmal noch nichts von den Hamstern. Wir haben nämlich schon - wie soll ich sagen - so einige Erfahrungen mit ihnen gemacht, und es ist besser, wir bereiten ihn langsam darauf vor."

"Gut Frido, vielleicht ist es wirklich besser so. Von diesen Hamstern kann ich nämlich auch ein Lied singen. Wo wollen wir denn mit dem Einkaufen anfangen?"

"Nun, da wüsste ich schon etwas: der Fischmarkt am Hafen, der ist wirklich einmalig! Allerdings fangen wir in dem Tesco Supermarkt an, denn in der Lynn Road können wir gut parken."

Während die beiden sich nun auf den Einkaufsbummel begaben, musste Finnegan McDudle unter den gestrengen Augen des Lords nicht nur den Abwasch machen, sondern auch die Fenster und Fußböden putzen. Dann war da noch eine dritte Gruppe, die sich durch die lauten Geräusche, insbesondere durch das Geschimpfe eines gewissen McShredders, im Schlaf gestört fühlte. Der Gipfel der Störung war gekommen, als der Lord die Tür aufriss und aus dem Zimmer McClowns eine Schachtel Streichhölzer holte, die neben einem Kerzenständer lag. Noch während er hinausging, zündete er seine Pfeife an. Die Zimmertür allerdings vergaß er zuzumachen.

"Wer kommt mit auf eine Schlossbesichtigung?" schlug Flecki vor.

"Nun, ich denke, ein kleiner Spaziergang wäre nicht verkehrt", stimmte der Bauleiter zu, und im nächsten Moment befanden sich die Hamster bereits im Esszimmer. Nun hieß es vorsichtig sein, denn nur wenige Meter entfernt saß Lord McShredder auf einem Stuhl, rauchte seine Pfeife, sah McDudle beim Schrubben des Fußbodens zu und sparte nicht mit Ratschlägen und Kommentaren.

"So ein armes Schwein", meinte bedauernd Sasie, nur Dodo entgegnete verwundert: "Wieso arm? Ich dachte immer, der alte Lord hat doch viel Geld und ist reich?"

Niemand antwortete Dodo, denn nun hieß es, vorsichtig an der Fußleiste des Raumes entlang zu laufen, bis sie den Zugang zum Turm erreicht hatten. Dann ging es Stufe um Stufe immer weiter nach unten, bis sie vor dem Torbogen standen, der zum Innenhof führte. Zunächst schien der Ausflug an dieser Stelle beendet zu sein, doch dann entdeckte Hamstilidamst, dass eine gegenüberliegende Tür zum Nachbarturm offen stand. Nach einem staubigen Marsch über den Innenhof schlüpften die Hamster hinein und sahen sich um. Ein kleiner Vorraum, von dem aus eine steinerne Treppe nach oben führte und zur linken Seite eine Tür, die zu ihrer Freunde offen stand.

Vorsichtig gingen die Hamster um ein Siel herum, das hier im Boden eingelassen war und liefen in das offene Zimmer. Hier standen mehrere Regale, und schnell wurde der Zweck dieses Raumes klar.

"Toll, die Vorratskammer", jubelte Goldi.

"Ja, wirklich toll", spottete Flecki, "wenn du mit Mehl, Linsen und alten Konservendosen glücklich wirst, dann lange nur zu!"

"Jedenfalls ist klar, warum hier alle Türen offen stehen. Der Butler hat vorhin in aller Eile die Zutaten für das Essen geholt", erklärte Murksel, während sich Dodo und Goldi weiter umsahen. Außer einer halben Zitrone war jedoch nichts zu finden, doch da hatte Goldi eine verhängnisvolle Idee. Er stupste Trampel an und zwinkerte ihm zu: "He, willst du mal die Aufnahmeprüfung zum Superhamster erster Klasse machen?" Als Trampel begeistert nickte, zeigte Goldi auf die halbe Zitrone und fragte: "Schon mal so etwas gesehen?" Trampel verneinte, und Goldi fuhr fort: "Das Ziel der Aufnahmeprüfung zum Superhamster erster Klasse liegt darin, keine Angst vor dem Unbekannten zu haben. Du musst nur an der Innenseite von dem gelben Ding da lutschen!"

Glücklich, bald ein Superhamster erster Klasse zu sein, lief Trampel zu der Zitrone, streckte seine Zunge weit heraus und schleckte kräftig an der sauren Frucht. Dann riss er die Augen weit auf und mit einem ohrenbetäubenden "Üärg!" stürzte er im Zickzack aus dem Zimmer. Entsetzt blickten ihm seine Freunde nach.

"Goldi, was hast du mit dem armen Trampel gemacht?"

"Keine Ahnung Flecki, haha, das kleine Dummerchen muss versehentlich von der Zitrone geschleckt haben..."

"Und warum hast du ihm nicht gesagt, dass das für seinen feinen hamstischen Geschmacksinn gefährlich ist?"

"Es ging alles viel zu schnell...", redete sich Goldi heraus.

"Egal", rief Sasie, "er muss sofort seine Zunge mit Wasser spülen!"

"Zunächst mal müssen wir ihn finden", rief Tuffi, und hastig stürzten die Hamster zur Tür hinaus. Vergeblich suchten sie den Vorraum ab, doch Trampel blieb verschwunden. Viele Möglichkeiten, sich zu verstecken, gab es hier wirklich nicht, und so fielen die Blicke der Hamster schnell auf das Siel, um das sie beim Hereinkommen noch so vorsichtig herumgegangen waren.

"Tja", fasste Bauleiter Murksel die Lage zusammen, "wir haben da ein Problem.

"Den kriegen wir da nicht mehr raus", jammerte Dodo. "Jetzt ist der wirklich ausgestorben!"

"Blödmann", fauchte Flecki. "Erstens ist der kein Moosbiber und zweitens ist der bloß in den Keller geplumpst. Los, Bürgermeister, tu doch auch mal was!"

Dem Bürgermeister war ein wenig unwohl zumute, als er langsam zu dem Siel watschelte. Vorsichtig schaute er durch eine der Öffnungen in die Dunkelheit und rief mit zitternder Stimme: "Trampel, bist du da unten? Brauchst du irgend etwas?"

Bange Sekunden des Wartens folgten. Dann ertönte eine piepsige Stimme aus der Dunkelheit: "Ich will nach Hause, das ist alles so kalt und feucht und dunkel hier! Holt mich raus!"

Ein Aufatmen ging durch die Reihen der Hamster, und der Bürgermeister versuchte, den ängstlichen Trampel zu beruhigen: "Es ist alles, öh, sozusagen in Ordnung, mein Freund. Wir arbeiten gewissermaßen mit Hochdruck an einem Rettungsplan!" Er drehte sich zu den ratlosen Hamstern um. "Und, äh, was machen wir jetzt? Wo kriegen wir einen Plan her?"

"Das ist ein Job für Superhamster!" rief Goldi und rannte in die Vorratskammer zurück. Ein leises Poltern und Rascheln war zu hören, und wenig später erschien Goldi, der eine Klorolle vor sich her rollte."

"Klopapier?" ächzte Flecki. "Was soll denn der Scheiß?"

"Für die einen ist es Klopapier, für die anderen die wahrscheinlich längste Serviette der Welt", grinste Goldi. "Die lassen wir zu Trampel runter und ziehen ihn heraus!"

Gesagt, getan, und nach wenigen Minuten hatte das eine Ende der Klorolle den wimmernden Trampel erreicht. Doch so sehr sich der kleine Hamster auch abmühte, er schaffte es nicht, sich an dem Klopapier hochzuziehen.

"Zwecklos", stellte Murksel fest. "Wir müssen runter und ihm helfen!"

Ein Hamster nach dem anderen rutschte nun vorsichtig an dem Toilettenpapier hinunter. Endlich waren alle wieder vereint, und jeder klopfte nun dem erleichterten Trampel auf die Schulter.

"Ich denke, ich spreche da allen aus der Seele, wenn ich feststelle, dass diese großartige Rettungsaktion in die Geschichte Hamsterhausen eingehen wird", tönte der Bürgermeister. "Wieder einmal haben wir gezeigt, dass..."

"Äh, Verzeihung, Bürgermeister", rief Dodo und tippte dem Bürgermeister auf die Schulter. "Wie geht das denn nun weiter?"

"Öhm, also so weit ist unser Rettungsplan noch nicht fortgeschritten, und es ist etwas zu früh, zu diesem Zeitpunkt eine Festlegung zu treffen."

"Tja, irgendwie war der Plan noch nicht ganz ausgereift", stellte der Bauleiter fest. "Vielleicht sehen wir uns hier erst einmal um!"

Dank der Tatsache, dass sie Nachttiere waren und somit in der Dunkelheit recht gut sehen konnten, fanden die Hamster schnell heraus, dass sie sich in einem ungenutzten Raum des Schlosses tief unter der Erde befanden. Mehrere Kisten standen hier ordentlich nebeneinander gestapelt, und an den Wänden hingen uralte, verrostete Gewehre und Pistolen. Zweifellos hatten sie die bisher unentdeckte Waffenkammer des Schlosses gefunden.

"Wir sollten einen Schuss abfeuern, damit dieser Butler uns rettet!" schlug Goldi vor und untersuchte eine der Pistolen. "He, die scheint geladen zu sein, geht mal beiseite!"

"Wir bringen uns besser ins Sicherheit", schlug Flecki vor, "wer weiß, was du da anrichtest!"

Goldi winkte Dodo und Hamstilidamst zu sich und wies sie an, die Pistole festzuhalten. Dann zog er wieder und wieder am Abzug. Nach mehreren Versuchen gab er auf. "Der Abzug ist eingerostet, wir nehmen eine andere." Es folgte das gleiche Spiel, doch diesmal war scheinbar das Pulver zu feucht. Beim dritten Mal hatten sie Erfolg. Es  blitzte und knallte; das hässliche Sirren eines Querschlägers war zu hören und mit einem Schlag war die Waffenkammer in taghelles Licht getaucht.

"Verdammt, ich habe die Pulvertruhe getroffen!" rief Goldi entsetzt.

Jetzt konnten die Hamster genau sehen, wo sie sich befanden. Der gesamte Raum war recht klein, und auch die Decke war niedriger als bei einem gewöhnlichen Zimmer. Oben war das Gitter zu erkennen, durch das sie gekommen waren, doch es war in unerreichbarer Ferne.

"Da vorne ist eine Öffnung in der Mauer, dort können wir in Deckung gehen",  rief Flecki plötzlich aufgeregt und zeigte auf eine Stelle im hinteren Teil der Waffenkammer. In Windeseile kletterten die Hamster zu der Stelle, auf die Flecki zeigte, und einer nach dem anderen kroch hinein. Immer weiter krochen sie.  Anscheinend waren sie auf einen alten Belüftungsschacht gestoßen. Voller Panik krabbelten die kleinen Tiere um ihr Leben, denn der Geruch von verbrannten Pulver wurde immer stärker. Plötzlich jedoch war der Schacht zu Ende, es wurde taghell und laut fiepend vor Angst fielen die Hamster ins Bodenlose. Nur wenige Sekunden dauerte ihr Sturz, dann prallten sie kurz auf dem steil zum Meer führenden Hügel auf und rollten weiter. Endlich hatte eine Steinmauer Erbarmen mit ihnen und beendete recht schmerzhaft ihre Reise. Dann brach ein Inferno aus, und mit einem mörderischen Knall flog hinter ihnen das Schloss Dunollie in die Luft.





Kapitel 28

Die Erleuchtung

In der malerischen Hafenstadt Oban herrschte strahlender Sonnenschein, als Frido McClown und Vim van der Slampe mit vollen Einkaufstüten bewaffnet den lokalen Supermarkt verließen. Sie legten die eingekauften Sachen in den Lkw und gingen weiter zum Fischmarkt am Hafen. Dort machten sie es sich auf einer Bank bequem und betrachteten das bunte Treiben.

"Was werden Sie als nächstes machen, Vim?", fragte der Butler, während er sich genüsslich reckte und streckte.

Der Holländer zuckte mit den Schultern. "Ich denke, meine Aufgabe hier ist jetzt mehr als erfüllt, und ich werde demnächst ganz gemütlich wieder Richtung Newcastle fahren. In 5 Tagen wird mein Schiff nach Amsterdam ablegen, und bis dahin werde ich mich ausruhen und die wunderschöne Gegend betrachten. Ein bisschen Geld habe ich ja noch". Sein Blick glitt hinüber zu einer Fischbude, an der lautstark Fische angepriesen wurden, dann sprach er mit leiser Stimme weiter: "Was hat denn die ganze Sache mit den Hamstern überhaupt auf sich, Frido?"

Nun zuckte der Butler mit den Schultern, kratzte sich am Kopf und entgegnete schließlich: "So ganz klar ist mir das auch nicht, aber diese kleinen Biester sind sehr anhänglich. Vielleicht hatten sie einfach nur Sehnsucht. Wenn wir zurück sind, werde ich mit ihnen sprechen. Ein wenig Hamstisch kann ich ja."

"Hamstisch?" Vim van der Slampe wäre fast von der Bank gefallen. "Das möchte ich sehen, Frido. Lassen Sie uns zurückfahren!"

Während die beiden langsam und gemütlich am Hafen vorbeischlenderten und keine Ahnung von den Dingen hatten, die sich zur gleichen Zeit im Schloss abspielten, war es im Schloss alles andere als gemütlich.

"Dudle, Sie unfähiger Schwachkopf, ich habe doch gesagt, Sie sollen vorsichtig sein, wenn Sie die Fenster zum Putzen öffnen! Sehen Sie mal, was Sie jetzt mit meinem schönen Schloss angerichtet haben!"

"A-aber Sir Schlepper, das war ich nicht, ehrlich nicht! Es hat 'Bumm' gemacht und die Wand war weg!"

"Ganz von alleine, wie, Dudle? Darüber werden wir noch sprechen! Los, holen Sie erstmal Handfeger und Schaufel aus der Küche!"

Finnegan McDudle machte, dass er zur Tür kam, öffnete sie, tat einen Schritt  und war mit einem gellenden Schrei verschwunden. Kopfschüttelnd ging Lord McShredder hinterher, und als er die Tür erreichte, sah er, dass die Treppe fehlte. Sein Blick wanderte über den Hof, und entsetzt musste er feststellen, dass die Mauern des Innenhofes verschwunden waren. Das Einzige, was von seinem Schloss noch stand, schien der Turm zu sein, in dem er sich befand. Ihm wurde schwindelig, und er zog sich so schnell er konnte ins Esszimmer zurück. Dort ließ er sich in seinen Sessel fallen. Im Hintergrund hörte er McDudle verzweifelt rufen, doch das war dem Lord im Moment völlig egal. Was war passiert? Hätte er vielleicht das Schloss doch rechtzeitig reparieren lassen sollen? War es womöglich ein Erdbeben? Zum Glück war niemandem etwas passiert. Dankbar dachte er daran, dass sein Vermögen in der Bank of Scotland in Sicherheit war. All die Schätze, die sie im Keller seines ehemaligen Schlosses von Killichonan gefunden hatten. Der unfähige McClown hatte Recht gehabt, musste jetzt der alte McShredder zugegeben; es war eine gute Idee gewesen, das gesamte Vermögen in Sicherheit zu bringen. Nun gut, vielleicht sollten sie jetzt alle wirklich in ein neues Zuhause umziehen. Etwas gefasster stand der Lord nun wieder auf und ging vorsichtig zur Tür. "McDudle, liegen Sie da nicht so faul herum! Irgendwo am Eingang muss eine lange Leiter herumliegen, also sehen Sie mal zu, dass Sie die finden!"

Ungeduldig beäugte er Finnegan McDudle, der sich humpelnd und jammernd über den Hof schleppte. Dann wandte er sich wieder seiner Pfeife zu, die auf dem Tisch lag und vor sich hin qualmte. Wie lange war dieser McClown schon fort? McShredder blickte auf die große Wanduhr, doch an der Wand hing nichts mehr, dafür lagen auf dem Fußboden die Einzelteile dessen, was einst eine große Wanduhr gewesen war. Wütend stand er wieder auf und brüllte:

"McDudle, sind Sie endlich fertig?"
"Ja!"
"Ja, was?"
"Ja, Sir!"

Kreischend wich McDudle dem Stuhl aus, den der Lord nach ihm geschleudert hatte, und brachte sich hinter einem Schutthaufen in Sicherheit.

"Wo ist die Leiter, McDudle? Ich habe gesagt, dass Sie die Leiter holen sollen!"

"Haben Sie nicht, Mister, Sie haben nur gesagt, ich soll sie finden!"

Ein erneutes Kreischen, gefolgt von einem klagenden Jammern, war in den Ruinen des ehrwürdigen Schloss Dunollie zu hören. Der alte Lord hatte besser gezielt, und diesmal  hatte Finnegan McDudle dem Stuhl nicht mehr ausweichen können. Ächzend erhob sich Finnegan und schleppte sich über den Hof in Richtung Eingangstor, als in diesem Moment der blaue Lastwagen des Holländers durch den Eingang des Schlosses geschossen kam. Schon aus der Ferne hatten Vim und Frido erkannt, dass in dem Schloss während ihrer Abwesenheit etwas Schlimmes vorgefallen sein musste. So schnell er nur konnte war der Lkw-Fahrer über die holperige, enge Zugangsstraße zum Schloss gerast und vollführte nun eine Vollbremsung vor Finnegan McDudle. Nur wenige Zentimeter vor dessen Brust blieb der Lkw stehen, McDudle verdrehte die Augen, sank rückwärts in den Schutthaufen und blieb besinnungslos vor Schreck liegen.

"Der hat sich wohl erstmal ausgedudelt, wie?" fragte van der Slampe, nachdem er aus dem Lastwagen gestiegen war und vor dem bewusstlosen Finnegan stand.

"Das wundert mich aber", entgegnete McClown. "ich hätte nicht gedacht, dass man auch ohne Gehirn bewusstlos werden kann."

"McDudel, wo bleibt die Leiter?" kreischte es in diesem Moment über ihren Köpfen.

Erschrocken, doch erleichtert zugleich, blickte McClown zum alten Lord hinauf und entgegnete: "Einen Moment, Sir, ich hole die Leiter." Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: "Mr. McDudle ist im Moment offensichtlich nicht dazu in der Lage."

Nach wenigen Minuten war die Leiter geholt und aufgestellt, und kurz darauf saßen die drei Männer schweigend am Esstisch. Es war der Holländer, der die Stille unterbrach. "Kann ich Ihnen noch irgendwie behilflich sein, meine Herren? Vielleicht möchten Sie lieber in eine nahe gelegene Bed and Breakfast-Unterkunft gefahren werden?"

"Wir haben ein Dach über dem Kopf", krächzte der Lord, "und eine wunderbare Aussicht aufs Meer. Vorräte haben wir auch genug. Warum um alles in der Welt sollten wir ausziehen?"

"Vielleicht, weil diese Ruine in den nächsten Tagen einstürzen könnte, Mylord?" grinste der Lkw-Fahrer und zwinkerte McClown verschwörerisch zu.

"Einstürzen? Wenn ich Käse kaufen will, dann frage ich einen Käselieferanten, und wenn ich eine Meinung über mein Schloss haben will, dann frage ich einen Architekten, mein lieber Mr. van der Slampe!" keifte McShredder.

"Er hat aber Recht, Sir", mischte sich nun der Butler ein. "Es ist gefährlich hierzubleiben."

"Schnickschnack, McClown. Es ist immer das Gleiche: Bei der allerkleinsten Schwierigkeit jammern Sie herum! Sehen Sie lieber zu, dass Sie das Abendessen vorbereiten, Vorräte haben Sie nun ja wohl genug!"

"Haben Sie schon einmal einen Blick auf den Nachbarturm geworfen, Sir? Ich meine den, wo sich die Küche befindet?"

"Zu meiner Zeit, McClown, brauchten wir solch einen überflüssigen Schickschnack wie Küche nicht. Ein einfaches Lagerfeuer war alles, was nötig war!"

"Leider, Sir, haben wir auch keinen überflüssigen Schickschnack wie Geschirr und Besteck mehr. Es liegt nämlich unter den Trümmern des Vorratsturms."

"Dann improvisieren Sie, McClown, lassen Sie sich etwas einfallen. Warum muss ich immer alles machen? Ohne mich klappt hier nichts!"

In diesem Moment kam eine völlig verstörte Gestalt die Leiter heraufgekrabbelt und setzte sich verlegen zu den Männern am Esstisch.

"Schön, dass Sie ihre Mittagspause beendet haben, McDudle", rief der Lord. "Es gibt einiges für zu zu reparieren! Sehen Sie zu, dass Sie bis zum Abendessen fertig sind!"

"Aber, aber, Mr. Lord, ich kann da wirklich nichts dafür. Ich habe doch nur ein Fenster geöffnet!"

"Unfachmännisch, McDudle, unfachmännisch und ungeschickt sind Sie vorgegangen! Wie ich schon sagte, sehen Sie zu, dass Sie bis zum Abendessen fertig werden. Wieviel Uhr haben Sie, McDudle?"

"Eine, Mister. Meine Frau sagt immer..."

Es folgte nun eine lange Diskussion, und nachdem Lord McShredder sich die Leiter hinunterbequemt hatte, war auch er überzeugt, dass ein weiterer Verbleib in Dunollie Castle eine unsichere Sache war. Der Vorratsturm war eingestürzt und auch das Nebengebäude war verwüstet. Der Hauptturm war an mehreren Stellen schwer beschädigt, und es war nur eine Frage der Zeit, wann die Decke herunterkommen würde. Der Lord fasste den Entschluss, gleich am nächsten Morgen nach Edinburgh zu reisen und genügend Geld zum Kauf eines neuen Schlosses von der Bank abzuheben. Vim van der Slampe hatte dem Lord angeboten, ihn und McClown mit dem Lastwagen in die schottische Hauptstadt zu fahren, doch McShredder hatte abgelehnt. Es sei eines Lords unwürdig, mit einem stinkenden Käsetransporter zu fahren, denn für einen Adeligen seiner Klasse käme nur ein Pferdegespann in Frage. Frido McClown war zwischendurch in seine Kammer gegangen und hatte einen Riesenschreck bekommen: Die Hamster waren verschwunden! Während er seine Sachen packte, überlegte er fieberhaft, wo die kleinen Nagetiere stecken könnten. Nicht auszudenken, wenn sie sich in der Vorratskammer auf Nahrungssuche befunden hatten! Er musste etwas unternehmen, und so kletterte er die Leiter hinunter in den Hof und sah sich um.  Nach kurzer Zeit hatte er den Hof erfolglos abgesucht, und sein Blick fiel auf das Ausgangstor. Ob die kleinen Tiere die Katastophe vielleicht geahnt hatten? Man erzählt ja soviel davon, dass Tiere Gefahren vorhersehen können. Bei Hamstern war sich McClown zwar nicht sicher, aber ihm war wohler bei dem Gedanken, zunächst einmal vor dem Schloss zu schauen, bevor er unter den Trümmern suchen musste. Eine halbe Stunde später hatte er die immer noch vor Angst zitternden Tiere vor der Gartenmauer des Schlosses gefunden. Überglücklich nahm er einen nach dem anderen auf den Arm.

"Welch ein Glück, dass euch nichts passiert ist! Bestimmt habt ihr das geahnt, dass da ein Erdbeben oder was auch immer kommen würde, ihr kleinen, klugen Tiere! Ich bringe euch jetzt in mein Zimmer zurück und morgen Früh sehen wir weiter." Der Butler hatte inzwischen die Leiter erreicht und stieg nun vorsichtig eine Sprosse nach der anderen hinauf. "Geschafft, meine kleinen Freunde", keuchte er nach der letzten Sprosse, "gleich seid ihr wieder zu Hause, und dann bringt euch Onkel Frido etwas zu essen und dann..."

"Mit wem sprechen Sie, McClown? Und was tragen Sie da in ihr Zimmer?"

Entsetzt blieb der Butler stehen und wagte nicht, sich umzudrehen. Mist, dachte er, der alte Knacker war ja immer noch im Esszimmer. Wenn Frido McClown die Hände frei gehabt hätte, dann hätte er sich selbst geohrfeigt, doch er hatte die Hände voller Hamster und somit nun auch ein Problem.

"Äh, nur alte Wäsche, Sir!"

"Sie sprechen mit alter Wäsche, McClown? Halten Sie mich für bescheuert?"

Die Würde eines Butlers verbot Frido McClown, auf diese Frage zu antworten, und er ging langsam weiter Richtung Zimmer.

"McClown", kreischte der Lord, "kommen Sie her, und stellen Sie das sofort hierher auf den Tisch!"

Der Butler blieb stehen. Was soll’s, dachte er, irgendwann wird er es ohnehin erfahren. Er drehte sich um, ging langsam zurück und setzte die Hamster auf den Esstisch vor den verblüfften Lord McShredder. Es herrschte totale Stille im Zimmer, während Lord und Hamster einander anblickten. Vim van der Slampe und Finnegan McDudle waren ebenfalls nähergekommen und schauten abwechselnd auf die Hamster, auf McClown und auf den Lord. Die Stille im Raum wurde nur durch ein Poltern gestört, als Lord McShredder die Pfeife aus dem Mund fiel. Dann hatte er sich wieder gefasst und krächzte: "Was ist das?"

"Das sind Hamster, Mr. Stecher, die haben wir mitgebracht!"

"Mitgebracht? McDudle, Sie haben die Hamster mitgebracht?"

"Äh, nein. ich eigentlich nicht, Lord Nuss, äh, das war Mr. Wanderlampe."

"Sie müssen irgendwo auf der Strecke nach Amsterdam heimlich zugestiegen sein, vermutlich sogar schon auf einem Rastplatz in Deutschland", erklärte der Lkw-Fahrer.

"Ein Rastplatz an der A9?" keuchte Frido McClown. "Dann sind sind die ganz aus Hamsterhausen gekommen! Sir, ist das nicht wunderbar? Diese lieben, treuen Tierchen..."

"Es ist nur merkwürdig, McClown, dass ich jedesmal ein neues Zuhause brauche, weil jedesmal mein Schloss in die Luft fliegt, wenn diese Tiere in der Nähe sind!"

"Zufall, Sir, reiner Zufall!"

Hätte der alte Lord in diesem Moment auf den Esstisch geguckt, dann hätte er gesehen, wie die Hamster zustimmend mit dem Kopf nickten. Doch er tat es nicht, sondern hob seine Pfeife vom Boden auf und blickte angestrengt auf die Stelle, an der noch vor kurzem eine Wanduhr gehangen hatte. "Also, McClown, Sie werden noch heute nach Ganavan laufen und zum Dunstaffnage Castle gehen. Dort werden Sie vom Baron MacToffee eine Pferdekutsche ausleihen."

"Sir, glauben Sie, dass er uns einfach so eine Kutsche ausleiht?"

"Natürlich, McClown, das muss er. Ein Lord ist etwas Höheres als ein Baron. Erklären Sie ihm, was passiert ist, und dass wir ihm die Kutsche zurückbringen werden."

Während der Butler zustimmend nickte, wanderte der Blick des Alten auf den Esstisch zu den Hamstern. Nachdenklich betrachtete er einen nach dem anderen, als sich blötzlich seine Augen weiteten und ihm erneut die Pfeife aus dem Mund fiel. Mit weit geöffneten Augen starrte er auf Flecki, die sich bereitmachte, notfalls durch einen Sprung vom Tisch zu flüchten. "Die Shu-Münze"1, krähte der Lord, "dieser Hamster hat die Shu-Münze um den Hals gebunden! Gib sie her, mein kleines Tier, komm, gib Papa McShredder die Münze!"

Gierig griff der Lord nach dem Tier, doch Goldi, der direkt neben Flecki stand, hatte die Situation sofort begriffen und biss ihm kräftig in die Hand. Mit einem Schmerzenschrei zog der Alte seine Hand zurück, während die Hamster in das Zimmer des Butlers flüchteten.

"Die Münze, McClown, ich will die Münze!" schrie der Alte während er sich die schmerzende Hand massierte. "Es ist die einzige Münze, die in meiner Sammlung fehlt! Sie ist ein Vermögen wert!"

"Sie sammeln Münzen, Mr. McShredder?" versuchte Vim van der Slampe, die Situation etwas zu beruhigen.

"Ja", stöhnte der Lord, "ich sammele Münzen. Ich bin Numismatiker."

"Das ist aber eine Überraschung, Mr. Killichonan", ließ sich nun McDudle vernehmen. "Ich dachte immer, Sie sind Schotte!"

"Klappe, McDudle", schimpfte der Butler. "Der Lord besitzt eine große Sammlung an Münzen, leider auch solche, die man ausgeben könnte. Sie sind alle im Tresor der Bank of Scotland von Edinburgh."

"Also, ich sammele auch Münzen, Mr. Lord, und meine Frau sagt immer, wenn ich weiter so schön das Geld von den Pfandflaschen sammele, dann..."

"Sir, ich schlage vor, wir lassen die Hamster vorläufig in Ruhe und geben ihnen etwas Futter. Ich werde nun nach Ganavan gehen und die Kutsche besorgen. Später werde ich versuchen, mit den Hamstern zu sprechen."

Der alte Lord nickte zustimmend und hob seine Pfeife vom Boden auf, während sein Butler etwas Brot und Käse aus den mitgebrachten Einkaufstüten holte und es den Hamstern brachte. Dann machte er sich auf den Weg zu dem einen Kilometer entfernten Schloss Dunstaffnage.

"Was wollte der alte Knacker denn mit der Münze?" fragte Bauleiter Murksel und sprach das aus, was alle Hamster im Moment beschäftigte.

"Geldgierig ist der", fauchte Flecki, "der gönnt einem armen Hamster nichts! Übrigens vielen Dank, dass du mich gerettet hast, Goldi!"

"Der tat ja so, als wenn das eine ganz besonders wertvolle Münze ist", rief Teeblättchen.

"Genau, wir sollten sie ihm verkaufen und mal wieder so richtig essen gehen, das würde bestimmt eine fette Nummer werden!"

"Du hast nichts als Fressen im Kopf, Goldi", grinste Flecki, "aber Teeblättchen hat recht. Die Münze von diesen japanischen Touristen scheint wertvoll zu sein."

"Vielleicht sollten wir die Münze verstecken, was meinst du, Bügermeister?" schlug Tuffi vor.

"Öhm, ja, also, da ist ja nun gewissermaßen recht viel passiert in der letzten Zeit. Erst haben wir das Dunollie Dings plattgemacht und nun ist der Lord hinter uns her. Mir schwirrt sozusagen der Kopf, vielleicht sollten wir eine Denkpause einlegen und etwas futtern."

Dieser endlich einmal brauchbare Vorschlag des Bürgermeisters wurde sofort angenommen, und alle stürzten sich auf das Futter. Nur Dodo schien noch zu überlegen.

"Öh, Bürgermeister?"

"Ja, Dodo?"

"Denkpause - heisst das nun: nicht mehr denken oder ausnahmsweise doch mal denken?"

Der Bürgermeister antwortete nicht, sondern starrte nur vor sich hin. Dodo wiederholte seine Frage, doch der Bürgermeister saß weiterhin steif und stumm, hielt ein Stück Brot in der Pfote und starrte ins Unendliche.

"Er macht wirklich 'ne Denkpause", stellte Goldi fest.

"Herr Bürgermeister, huhu, hier sind wir!" rief Dasie und winkte mit ihrer Pfote, doch es folgte keine Reaktion. Ratlos standen die Hamster um den Bürgermeister herum, der unbeweglich wie eine Statue nur dasaß und sich kein bisschen rührte. Mit einem breiten Grinsen trat Goldi hinter ihn und trat ihm kräftig auf den Schwanz. Nichts geschah, und nun begannen die Hamster, sich wirklich Sorgen zu machen. War das eine verspätete Schockreaktion auf die Explosion? War die gesamte Reise zu anstrengend für das Gehirn des Bürgermeisters gewesen? Was war los?

"Wir könnten ihn in kaltes Wasser schmeißen", schlug Hamstilidamst vor.

"Wir müssen behutsam vorgehen, Leute. Gehirnkrankheiten sind eine gefährliche Sache, sogar bei uns Hamstern. Am besten, wir lassen ihn in Ruhe!" entschied der Bauleiter und nahm das Fressen wieder auf. Minute um Minute verging, während die Hamster futterten, und der Bürgermeister starr vor sich hinblickte und sich nicht rührte. Draußen war das Wiehern von Pferden zu hören, und das konnte nur bedeuten, dass es Frido McClown gelungen war, in Ganavan eine Pferdekutsche aufzutreiben. Durch das Fenster war mittlerweile zu sehen, wie die Abendsonne im Meer verschwand, und der Tag langsam zu Ende ging. Die Hamster sprachen kein Wort, alle waren satt, doch ihre Stimmung war gedrückt. Scheinbar waren sie soeben Zeuge geworden, wie es ist, wenn ein hamstisches Gehirn stehenbleibt. Ratlosigkeit füllte den Raum und trübsinnig starrten alle vor sich hin.

"Öhm!"

Schlagartig warfen die Hamster ihre Köpfe herum und blickten in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.

"Ich, äh, liebe Hamsterfreunde, ich freue mich, sagen zu können, die Lösung unserer Probleme präsentieren zu können. Nachdem ich soeben das Für und Wider kurz gegeneinander abgewogen habe, bin ich zu einer Entscheidung gekommen."

Der Bürgermeister lächelte und knabberte ein wenig an dem Brot, das er nach wie vor in der Pfote hielt. Da er von allen Seiten gebannt angestarrt wurde, hielt er es für notwendig, seine Lösung der Probleme ein wenig zu erläutern.

"Nun, äh, meine liebe Freunde, die Sache ist doch ganz einfach: Der Lord will die Dings, äh Münze und wir wollen den Lord. Wenn der Lord die Münze haben will, muss er zu uns nach Hamsterhausen kommen und für einen Tag das McShredder-Monster spielen!"


 

Kapitel 29

Die Abreise

"Na sehen Sie, mein lieber McClown, es war doch überhaupt kein Problem. Wie ich schon erwähnte, ist ein Lord einem Baron weisungsbefugt, und somit habe ich mal wieder für alles gesorgt. Was hat er denn zu der Ehre gesagt, dass er mir helfen durfte, dieser MacToffee?"

"Nun, Sir", entgegnete der Butler und holte tief nach Luft, denn das Lenken einer Kutsche gehörte nicht zu seinen alltäglichen Aufgaben. "Sir MacToffee hat gesagt, dass er froh ist, dass Miss Lisa und George nicht im Schloss waren, als es explodierte, und er ist glücklich, dass ich unverletzt bin. Er bedauert, dass Sie, Sir, keinen Kratzer abbekommen haben, und dass er es weiterhin außerordentlich begrüßt, dass Sie endlich aus der Gegend verschwinden. Ich soll Ihnen weiterhin ausrichten, dass Sie der widerlichste, geizigste..."

"Danke, das genügt, McClown. Die weiteren Worte dieses kleinen Emporkömmlings können Sie sich schenken. Es reicht, wenn Sie jetzt die Pferde versorgen und sich um meine Münze kümmern. Bieten Sie den Hamstern etwas Futter, dann rücken sie bestimmt die Münze heraus!"

"Sir, um die Pferde kümmert sich Vim. Er sagt, dass er in seinem Heimatland schon oft mit Pferden zu tun gehabt hat."

"Prächtig, prächtig, es hat schon Vorteile, einen Käselieferanten im Hause zu haben, der zugleich auch ein Bauer ist. McDudle kann schon mal im Hof ein Lagerfeuer machen, während Sie sich jetzt darum kümmern, dass die Hamster meine wertvolle Münze herausrücken!"

Mit finsterem Blick verließ Frido das Esszimmer und überlegte, wie er die Hamster überzeugen könnte, dem alten Sack die Münze auszuhändigen. Finnegan McDudle aber rührte sich nicht.

"Brauchen Sie eine Sondereinladung, McDudle?" krähte der alte Lord und blickte Finnegan kampflustig an.

"Tja, wenn Sie mich so fragen, Mr. Schlepper, dann hätte ich gerne eine. Was findet denn statt?"

"Ein Lagerfeuer sollen Sie machen", kreischte der Lord und hob drohend seine Pfeife.

"Ach, so, Mister, ich dachte schon, wir feiern ein wenig. Ein Fass aufmachen, Sie wissen schon. Meine Frau sagt zwar immer..."

"Ich will nicht wissen, was ihre Frau meint, McDudle, ich will ein Lagerfeuer haben, klar?"

"Völlig klar, kein Problem, Mister, äh, wie sagten Sie, war ihr Name, Fass oder so?"

"Sir Lord McShredder von Killichonan, Sie Versager. Wenn das Lagerfeuer nicht gleich an ist, stopfe ich Ihnen meine Pfeife in den Hintern!"

"Natürlich, sofort, Mister - äh, womit soll ich denn ein Feuer anmachen?"

"Nehmen Sie diese Stühle!" kreischte der Lord, stand auf, ergriff einen Stuhl und warf ihn nach McDudle. Der jedoch sprang zur Seite und machte, dass er die Leiter hinab kam. Kopfschüttelnd setzte sich der Lord wieder hin und widmete sich seiner Pfeife.

"Was wollt ihr?" Frido McClown hatte sich im Nebenzimmer die Forderungen der Hamster mehrmals angehört und versichert, dass er alles richtig verstanden hatte. Ein Jahrmarkt in Hamsterhausen, einen sogenannten 'Pleasure-Dome', wollten die Hamster bauen. Eine Geisterbahn sollte es ebenfalls geben, und der Lord sollte sich für einen Tag als Gespenst zur Verfügung stellen. Nein, wirklich, was waren diese Hamster abgefahren!

"Das kann ich unmöglich dem Lord McShredder sagen, meine lieben Hamster", seufzte der Butler und blickte in die traurigen Knopfaugen der Hamster. Das tat er eine halbe Minute lang, und dann rief er: "Versuchen werde ich es, meine kleinen Freunde. Für Geld tut der alte Knacker ja gewöhnlich alles."

Es wurde ein gemütlicher Abend am Lagerfeuer, der letzte Abend im Schloss von Dunollie. Essen gab es reichlich, und alle ließen es sich schmecken. Nur Finnegan McDudle hatte einige Probleme mit seinen Fingern, die er sich beim Feuermachen mehrfach verbrannt hatte. Die Hamster saßen ein gutes Stück vom Feuer entfernt, denn keiner hatte Lust, sich das Fell zu verbrennen. Sie diskutierten aufgeregt miteinander. Frido McClown und Vim van der Slampe unterhielten sich angeregt, während Lord McShredder nunmehr schon seit einer Stunde über das nachdachte, was sein Butler ihm erzählt hatte. Einerseits gefiel ihm die Tatsache, als Attraktion einer Geisterbahn aufzutreten, überhaupt nicht. Andererseits würde er die wertvolle japanische Shu-Münze gewissermaßen zu einem Spottpreis erhalten, wenn man lediglich die Fahrtkosten nach Hamsterhausen rechnen würde. Endlich, zu fortgeschrittener Stunde, hatte sich Lord McShredder zu einer Entscheidung durchgerungen.

"Wir werden morgen in aller Frühe nach Hamsterhausen fahren", sagte der Lord leise.

Frido McClown und Vim van der Slampe unterbrachen ihre Unterhaltung und schauten einander bedeutungsvoll an. Die Hamster stoppten ihre inzwischen recht lebhaft gewordene Diskussion und starrten den Lord mit großen Knopfaugen erwartungsvoll an. Finnegan McDudle tat so, als würde ihn das nichts angehen und fischte weiter nach dem Stück Brot, das ihm zum wiederholten Male ins Feuer gefallen war.

"Um das Schloss hier soll sich George kümmern. Ich rufe ihn morgen früh an und sage ihm, dass er alle brauchbaren Sachen in seinen Transporter lädt. McClown, Sie rufen Miss Lisa an und sagen ihr, sie soll bei ihren Eltern bleiben, bis wir ein neues Zuhause gefunden haben. "

"Sir, wenn Sie mir den Hinweis gestatten, das Telefon funktioniert nicht mehr. "

Der Lord seufzte und warf ein Stück Holz ins Feuer. "Dann müssen wir wohl einen Umweg machen und am Kings House Hotel vorbeifahren, McClown. Aber glauben Sie ja nicht, dass ich lange auf Sie warten werde, fünf Minuten werden ja wohl reichen, um Bescheid zu sagen! Und sehen Sie zu, dass Sie die Hamster vernünftig einpacken. Ich habe keine Lust, alle paar Minuten anzuhalten, nur weil eines dieser dummen Tiere aus der Kutsche gefallen ist!"

Finnegan McDudle hatte inzwischen seine Versuche aufgegeben, das Stück Brot aus dem Feuer zu fischen. Gebannt sah er zu, wie es von Minute zu Minute immer schwärzer wurde. Für seine Zukunft sah er ebenfalls schwarz. Sicherlich würde der Lkw-Fahrer ihn ein Stück bis Corran mitnehmen, so dass er problemlos zu Fuß wieder nach Dalelia gehen konnte, doch dann wäre er viel zu früh wieder zu Hause. Ein paar Tage mehr und seine Chancen, dass seine Frau ihm verziehen hatte, würden enorm steigen. "Ah, Mr. Lord", begann er unsicher, "Sie brauchen nicht zufällig einen Führer?"

"Ich kenne dieses Land wie meine Westentasche, McDudle", knurrte der Lord und achtete nicht auf das laute Gackern seines Butlers. "Was sollte ich also mit einem Führer, zudem mit einem, der so blöd ist, dass er nicht einmal in seine eigenen Schuhe findet?"

"Keine Sorge, Mr. McDudle, ich nehme Sie bis nach Corran mit, von dort aus ist es nicht mehr weit für Sie", rief Vim van der Slampe lachend. "Gleich morgen früh fahren wir los. Ich freue mich schon auf die Highlands."

Das Feuer war inzwischen recht weit niedergebrannt und wiederholtes Gähnen der Männer wies darauf hin, dass es nun Zeit wurde, noch ein letztes Mal auszuschlafen, bevor die Reise begann. Während der Lkw-Fahrer das Feuer löschte, trug Frido McClown die Hamster in sein Zimmer. Dort packte er  seine Sachen für den kommenden Tag beiseite, wünschte den Hamstern eine gute Nacht, bevor er seine Nachtischkerze löschte und legte sich schlafen.

"Ich drücke ihm die Pfeife ins Gebiss, ich mache ihn platt wie 'ne Scholle, ich haue ihm..."

"Nun, öh, mein lieber Goldi, vielleicht sollten wir diese Worte nicht so aufnehmen, wie sie abgegeben worden sind. Sicherlich, und mit dieser Meinung stehe ich wohl nicht alleine, ist dem Lord das wohl nur so rausgerutscht, gewissermaßen."

"Mit dieser Meinung stehst du aber alleine, Bürgermeister", mischte sich nun Flecki ein. "Der hat doch tatsächlich gesagt, er habe keine Lust, alle paar Minuten anzuhalten, nur weil eines dieser dummen Tiere aus der Kutsche gefallen ist! Ich protestiere im Namen aller Hamster!"

"Aber, aber, meine lieben Hamsterfreunde, es ist doch von enormer Bedeutung, wenn ich darauf hinweise, dass der Lord ebenfalls erwähnte, dass sein Diener uns vernünftig einpacken soll, damit der wie eben genannte Fall nicht eintritt und..."

Die restlichen Worte des Bürgermeisters gingen im wütenden Protestschrei der Hamster unter. Nun folgte eine laute, stundenlange Debatte, die schließlich zu einer Abstimmung über eine Bestrafung des Lords McShredder führte.

Einstimmig angenommen wurden die Punkte:
- der alte Meckersack hat sich zu entschuldigen
- so geht es nicht
- nicht mit uns.

Mehrheitlich abgelehnt wurden die Punkte:
- wir warten ab
- wir versenken ihn im Meer.

"Und was nun? Machen wir jetzt eine Party?" fragte Dodo, nachdem sich seine Kollegen wieder ein wenig beruhigt hatten.

"Keine Zeit", rief Flecki, "Tati, Teeblättchen, Sasie, Dasie und ich habe nämlich vorhin im Garten ein paar Kräuter und Beeren gepflückt, die wollen wir jetzt sortieren! Davon machen wir uns einen schönen Kräutersalat."

Somit waren die Hamster für diese Nacht beschäftigt, das heißt bis auf einen. Goldi schlich von einem zum anderen und suchte jemanden, der noch ein wenig Lust auf  'einen kleinen Schlossrundgang'  hatte. Leider hatte aber niemand nach diesem Tag Lust auf irgendwelche weitere Katastrophen, und so sah er gelangweilt zu, wie seine Freunde Kräuter und Beeren sortierten.

"Was 'n das für eine?" hörte er Bauleiter Murksel fragen, der sich gerade eine glänzende, schwarze Beere anschaute.

"Schmeiß die lieber weg, das könnte eine Tollkirsche sein", rief Flecki.

"Heißt die so, weil die so toll schmeckt?"

"Quatsch, Dodo, die heißt so, weil man davon ganz toll verrückt wird, wenn man die isst."

Diese Worte Fleckis ließen Goldi aufhorchen, und langsam formte sich eine Idee in seinem Kopf. Der weitere Verlauf der Nacht war nicht sonderlich erwähnenswert, außer der Tatsache, dass irgendwann Goldi und die Tollkirsche verschwunden waren, und irgendwann Goldi wieder auftauchte. Allerdings ohne Tollkirsche, denn die steckte nun unter dem Tabak in der Pfeife des Lords von Killichonan.

"McClown, wo bleibt mein Frühstück? Sind die Sachen schon gepackt? McClown, Sie fauler Geselle, wo bleiben Sie?"

Stöhnend erhob sich der Butler und verfluchte die Tatsache, dass alte Leute weniger Schlaf brauchen. Er warf einen Blick zu den Hamstern und stellte erleichtert fest, dass sie fest schliefen und offensichtlich vollzählig waren. Ihm fiel ein, dass die heutige Prozedur des Frühstücks keine große Angelegenheit werden konnte, denn Geschirr und Besteck waren ja nicht mehr vorhanden.

"Das Brot ist in der Einkaufstasche, und die Butter befindet sich daneben, Sir!" brüllte er so laut, dass die Hamster verwundert aufwachten und sich nach der Ursache der Ruhestörung umsahen.

"Und wo kriege ich einen Kaffee her, McClown? Haben Sie sich darüber schon mal Gedanken gemacht, Sie undankbarer Kerl?"

"Ohne Strom keinen Kaffee, Sir! Wie euer Dreistigkeit bereits festgestellt haben, funktioniert außer dem Telefon auch der Strom nicht mehr!"

Der Butler lauschte angestrengt, doch zu seiner Erleichterung blieb der erwartete Wutausbruch des Alten aus.

"Das ist ja fast wie in Hamsterhausen", lästerte Flecki.

"He, he", protestierte Bauleiter Murksel, "wir reparieren immerhin unsere Stromleitungen selbst!"

"Leute, was ist das:  Es ist schwarz und hängt an der Decke?"

"Keine Ahnung, Goldi, nun sag schon!" entgegnete Flecki.

"Ein schlechter Elektriker!"

Außer dem Bauleiter kringelten sich nun alle Hamster vor Lachen auf dem Boden, als Frido McClown das Zimmer verließ. Sofort folgten ihm die Tiere, denn das konnte nur bedeuten, dass es etwas zu Futtern gab. Bis auf Finnegan McDudle, der noch in einer Ecke lag und schnarchte, saßen bereits der Lord und Vim van der Slampe am Tisch und unterhielten sich.

"Warum sollte das nicht zu schaffen sein, Mr. van der Slampe? Ein Pferd braucht kein Benzin, und Gras gibt es überall! Natürlich wird es ein wenig länger dauern als mit einem Lastwagen. Wir schaffen vielleicht 20 Kilometer in der Stunde und somit bequem 120 Kilometer pro Tag. Bis zur Fähre sind es läppische 450 Kilometer, in vier Tagen sind wie dort. Wo also ist das Problem?"

"Na schön, Lord, aber gönnen Sie den Tieren genügend Ruhepausen."

"Da machen Sie sich mal keine Sorgen, guter Mann, notfalls zieht mein Butler die Kutsche, der hat ohnehin viel zu wenig zu tun."

Frido McClown zwinkerte dem Lkw-Fahrer fröhlich zu, während er es sich ebenfalls am Tisch gemütlich machte und nach dem Brot griff. Nachdem die Hamster ihren Anteil erhalten hatten, aß er selber mit großem Appetit und ließ sich von Vim noch das Eine und Andere über Pferde und ihre Pflege erzählen.

"Frido, Sie müssen das Pferd jeden Abend putzen und zwar beginnen Sie auf der linken Seite des Kopfes und gehen langsam mit langen Bewegungen und leichtem Druck bis zum Schweif."

"Das würde mir auch gefallen", brummte Dodo und seine Freunde grinsten begeistert.

In diesem Moment kam Finnegan McDudle zu sich, stand langsam auf und betrachtete etwas ratlos die am Tisch sitzenden Männer.

"Na, McDudle, Sie glauben nicht, wie froh ich bin, Sie gleich nicht mehr sehen zu müssen", krähte der Lord und zündete sich seine Pfeife an. "Hoffentlich kreuzen sich unsere Wege nicht so schnell wieder", setzte er hinzu und nahm einen kräftigen Zug von seiner Pfeife.

"Tja, äh, Mister", stammelte Finnegan verlegen, "da haben Sie völlig Recht. Meine Frau sagt nämlich immer: Finnegan sagt sie, also, meine Frau sagt das, müssen Sie wissen, die sagt immer..."

"Interessant, mein Lieber, interessant, bitte erzählen Sie weiter!"

In diesem Moment passierten mehrere Dinge gleichzeitig: Der Butler bekam einen Hustenanfall, weil er sich verschluckte,  dem Lkw-Fahrer fiel das Brot aus der Hand, und die Hamster trauten ihren feinen Ohren nicht. Alle starrten in diesem Moment den Lord an, als hätte er soeben etwas Ungeheueres gesagt.

"Tja, Mister, gerne, äh, wie war noch ihr Name?"

"Nennen Sie mich einfach Mr. McShredder, den Lord können Sie weglassen. Wer braucht schon diese alten Adelstitel."

"Ja, also, Mr. Adel, meine Frau, die sagt also immer: Finnegan, auch ein Dummer hat manchmal kluge Gedanken, aber er merkt es nicht."

"Sehr schön, mein lieber McDudle, wirklich sehr schön!"

"Sir, ist Ihnen nicht gut?" fragte besorgt der Butler und näherte sich dem alten Lord.

"Aber mein Guter, mir geht es prächtig. Ich freue mich schon auf die wunderschöne Reise mit Ihnen!"

In dem geräumigen Esszimmer des ehrwürdigen Dunollie Castle herrschte verwundertes Schweigen. Frido McClown starrte den alten Lord an, der genüsslich an seiner Pfeife zog und den Rauch in den Raum blies. Die Hamster standen auf ihren Hinterpfoten, ließen ihre kleinen Vorderpfoten auf typische Hamsterart herunterhängen und glotzen. McDudle betrachtete seine Fingernägel, und Vim van der Slampe suchte seine letzten Sachen zusammen. Dann erhob er sich, klopfte dem Butler auf die Schulter und nickte dem alten Lord zu.

"So, Mr. Shredder, ich wünsche Ihnen alles Gute. Unsere Wege trennen sich jetzt, und ich hoffe, dass Sie ein schönes, neues Zuhause finden werden."

Nachdem er zu den Hamstern gegangen und jeden von ihnen gekrault hatte, gab er Finnegan ein Zeichen, ihm zu folgen.

"Wie schade, dass Sie schon gehen müssen", krähte der gut gelaunte Lord, "warum kommen Sie nicht mit uns?"

"Das geht leider nicht", lachte der Holländer, "die Highlands warten auf mich!"

"Aber ich, Lord Adelstitel, ich könnte mitkommen!" rief McDudle, der nun seine Chance gekommen sah.

"Prächtig, prächtig, mein Guter, ich bin begeistert. Einen so erfahrenen Führer wie Sie können wir sicherlich gut gebrauchen, nicht wahr, mein verehrter Mr. McClown?"

Der Butler wollte etwas antworten, doch die Tatsache, dass der alte Sack ihn zum allerersten Mal mit 'Mister' angeredet hatte, brachte ihn völlig aus der Fassung. Er wollte protestieren und vorschlagen, lieber einen Sack Zecken als diesen Volltrottel mitzunehmen, doch ihm war in diesem Moment der letzte Bissen Brot regelrecht im Halse stecken geblieben. Er hatte sich verschluckt, und statt einer Antwort hustete der Butler in einem fort.

Froh, den unfähigen Führer losgeworden zu sein, winkte Vim van der Slampe ein letztes Mal in die Runde und machte, dass er fortkam. Kurz darauf war zwischen den Hustenanfällen des Butlers das Motorengeräusch des Lkws und ein mehrfaches Hupen zu hören. Dann war bis auf das Husten und Krächzen des Butlers, der sich krampfhaft an der Tischkante festhielt und nach Luft rang, alles still.

"Mein lieber Mr. McClown, Sie haben so ein ungesunde Gesichtsfarbe, eine Reise wird Ihnen gewiss guttun, also lassen Sie uns jetzt aufbrechen! Sie, mein lieber Mr. McDudle, bitte sind Sie so freundlich und bringen Sie die Sachen, die mein Diener netterweise schon zusammengepackt hat, in die Kutsche. Ich rauche eben meine Pfeife zu Ende, und dann helfe ich Ihnen selbstverständlich!"

Finnegan, der sein Glück nicht fassen konnte, beeilte sich, dieser Bitte des Alten nachzukommen und entfernte sich, so schnell er konnte. Der Butler, dessen Gesichtsfarbe in der Tat bereits auf Lila gewechselt war, hatte sich inzwischen ein wenig von seinem Hustenanfall erholt und stürzte auf den Lord zu.

"Sir, bei allem Respekt, aber wollen Sie es sich wirklich antun, diese unfähige zweibeinige Katastrophe mitzuschleppen?"

"Tss, tss, mein lieber Mr. McClown, Menschen muss man doch gut behandeln, wir sind doch alle Brüder, oder? Nun sind Sie doch bitte so freundlich und setzten Sie diese lieben, kleinen Hamster ganz vorsichtig auf einen sicheren Platz in der Kutsche. Es wäre entsetzlich, wenn ihnen etwas geschehen würde. Ich werde die restlichen Gepäckstücke nehmen, damit Sie die Hände frei haben!"

Frido McClown war wie vor den Kopf geschlagen. Was war mit dem alten Sack los? Es mussten die Spätfolgen des Schocks der Explosion sein, dachte er. Womöglich hatte es den Lord doch mehr mitgenommen, als er jemals zugeben würde. Er warf einen Blick auf die Hamster, die offenbar heftig miteinander tuschelten und diskutierten, und überlegte, in welchen Behälter er diesmal die Tierchen setzten sollte. Ohne weiter nachzudenken nahm er eine der Geldtaschen, in denen der Lord vor wenigen Monaten die Wertsachen nach Edinburgh transportiert hatte und setzte die Hamster vorsichtig hinein. Dann warf er einen letzten Blick in alle Räume und stieg die Leiter hinab. Lord McShredder hatte sich ebenfalls erhoben, nahm die restlichen Gepäckstücke und folgte fröhlich pfeifend seinem Diener bis hin zur Kutsche, in der bereits Finnegan McDudle wartete.

Die Kutsche war zwar in die Jahre gekommen, doch Dank der guten Pflege durch Baron MacToffee war sie immer noch in einem respektablen Zustand. Auch die beiden Braunen, die die Kutsche zogen, standen gut im Futter und schienen sich auf die Fahrt zu freuen, wie an ihrem Gewieher deutlich zu hören war. Vorne über der Deichsel befand sich der Bock, der Sitz für den Kutscher, auf dem notfalls zwei Leute Platz fanden. Dahinter war der Hauptteil des Gefährts, eine große Ladefläche, die wie ein großer Kasten aussah. Dort befand sich bereits der selbsternannte Pfadfinder und betrachtete andächtig ein großes Stück Plane, das sich sauber zusammengefaltet auf der Pritsche befand.

"Diese Plane werden wir aufziehen, wenn es dunkel wird oder falls es regnet", erklärte der Butler.

"Nein, wie originell, was es doch alles gibt", rief der Lord begeistert. "Los, mein lieber Mr. McClown, bitte fahren Sie los. Wo möchten Sie auf unserer ersten Reise übernachten?"

Hätte der alte Lord seinem Butler ins Gesicht sehen können, dann wäre ihm nicht entgangen, dass Fridos Augen weit aufgerissen waren, und er über das gesamte Gesicht strahlte."

"Im Kings House Hotel, Sir, wenn es Ihnen nichts ausmacht, Sir!"

"Nun, das wird ein wenig teuer, mein lieber Mr. McClown, aber wenn Sie unbedingt möchten..."

"Versprochen, Sir?"

"Versprochen, mein lieber Mr. McClown! Ein Lord ein Wort!"

Fröhlich schnalzte der Butler mit der Zunge und zog leicht an den Zügeln. Das war das Signal für die Pferde, und sie trabten los. Bereits nach einer halben Stunde hatten sie Dunollie Castle weit hinter sich gelassen. Nachdem sie ein kurzes Stück durch Oban gefahren waren, bogen sie auf eine kleine Seitenstraße ab. Direkt links vor ihnen war nun Mc Caigs Turm, und sie folgten dem Verlauf des Weges durch das Glen Cruitten. Frido McClowns Laune war unbeschreiblich gut, er blickte sich zu seinen Beifahrern um und sah, wie Finnegan interessiert in die Landschaft schaute. Daneben saß der alte Lord, und auf seinem Schoß stand die Tasche mit den Hamstern, die sich aufgeregt unterhielten. 47 Meilen, umgerechnet 75 Kilometer, lagen nun noch vor ihnen bis zu ihrem ersten Ziel.






Kapitel 30

Wieder im Kings House Hotel


Schneller als erwartet erreichten sie den Ort Connel und passierten die Brücke über den Firth of Lorne. Wie Hammerschläge klangen die Hufe der Pferde auf dieser Stahlbrücke. Links war das Meer und rechts das wunderschöne Loch Etive zu sehen. Kurz hinter Benderloch hielten sie eine kurze Rast und ließen die Pferde verschnaufen. Während Frido etwas Wasser für die Pferde besorgte, herrschte bei den Hamstern eine gewaltige Aufregung.

"Nun, öhm, ich denke, meine lieben Hamsterfreunde, die Reise gestaltet sich doch besser als erwartet, und wenn ich einmal bemerken darf..."

"Ist dir schon aufgefallen, Bürgermeister,  dass unser Auto im Lastwagen geblieben ist?" rief Flecki dazwischen. "Das wird jetzt irgendwo durch die Highlands transportiert."

"Na und?" warf Goldi ein. "Dann soll uns doch der Butler tragen. Dann können wir uns nämlich dieses Geblubber von wegen 'wir nehmen den Wagen' ein für alle Mal abschminken."

"Ähem. Da, äh, dieser Punkt auch geklärt ist, liebe Freunde, möchte ich zum nächsten Dings, äh, Punkt der Tagesordnung kommen. Weiß jemand, was mit dem Lord los ist?"

Ratlos schauten die Hamster einander an, nur Goldi stand ein Stück abseits und betrachtete grinsend den blauen Himmel, an dem keine einzige Wolke zu sehen war.

"Na ja", ließ Tuffi vernehmen, "der hat bestimmt von der Explosion irgend etwas abbekommen, so etwas soll es ja geben."

"Vielleicht irgendwelche Spätfolgen", brummte der Bauleiter leise.

"Goldi, wieso grinst du?" fragte nun Flecki argwöhnisch und ging ein paar Schritte auf ihn zu.

"Ich? Äh, haha, ich habe gerade an einen Witz gedacht. Was ist das Gegenteil von Fantasie? Ganz klar, Leute: Cola-du!"

Niemand lachte und Goldi merkte, dass es Zeit wurde, mit den Albernheiten aufzuhören.

"Na schön, Leute, der alte Sack hat uns beleidigt, und dafür habe ich ihm eine von diesen komischen Kirschen in die Pfeife gestopft."

“Öhm, tja, in der Tat eine fragwürdige Bestrafung, meine lieben Hamsterfreunde, und damit sind wir fast am Ende unserer Tagesordnung angekommen und..."

"Ach ja?" protestierte Flecki, "Und was ist, wenn der Kerl wieder normal wird? Das heißt, falls der nach der Tollkirsche überhaupt jemals wieder klar denken kann."

"Ist doch egal. Dann ist er wieder so wie vorher, nur eben noch bescheuerter als jetzt," stellte Goldi fest.

Die Hamster diskutierten einen Punkt der Tagesordnung nach dem anderen durch, bis nur noch zwei Punkte offen waren. Traditionsgemäß handelte es sich um die allgemeine Futterlage und eine eventuelle nächtliche Party. Die Futterlage wurde im großen und ganzen als zufriedenstellend angesehen. Was eine nächtliche Party betraf, so wurde beschlossen, den weiteren Verlauf des Tages abzuwarten. Sollte es tatsächlich eine Übernachtung im Kings House Hotel geben, so wäre dieses ein Grund zu einer Wiedersehensfeier, denn schließlich hatten sie in diesem Hotel bereits einmal übernachtet.1

Gegen Mittag erreichten sie  das Tal von Appin, und kurz darauf hatten sie die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht. In Portnacroist folgte nun eine längere Pause, und gemeinsam genossen sie den Ausblick auf Castle Stalker.

"Nicht schlecht, das Schloss, was meinen Sie, Sir?"

"Tja, Mr. Butler, meine Frau würde sagen..."

"Ich meinte nicht Sie, Finnegan, ich meinte seine Lordschaft."

"Aber, aber, mein lieber Mr. McClown, lassen Sie uns doch einmal hören, was die verehrte Gattin dieses Herren sagen würde!" Der Lord nickte McDudle aufmunternd zu.

"Tja, äh, Mister, äh. Mister..."

"Lord McShredder, mein guter Mann!"

"Ja, also, mein guter Schredder, meine Frau, also, was die sagen würde? Tja, so genau weiß ich das auch nicht, weil die ja nun nicht da ist, Mister."

Verständnisvoll lächelte der Lord und bekam nicht mit, dass Frido McClown mit der Peitsche auf dem Boden herumklopfte und sich die Haare raufte.

"Ein schönes Schloss, in der Tat, mein lieber Mr. McClown", wandte der Lord sich nun an seinen Butler. "Es gehörte ebenfalls den McDougalls. Wir sollten uns hier aber nicht lange aufhalten, denn hier haben sich die Stewarts von Appin herumgetrieben. Das waren allesamt Räuber, Schmuggler und Hühnerdiebe, recht üble Gesellen. Was meinen Sie, mein lieber Finnegan?"

Bei dem Wort Hühnerdieb war McDudle erschrocken zusammengezuckt. Ihm war klar, dass er  unbedingt einen großen Umweg um Polloch und McKill auf seinem Rückweg machen musste, wenn er nicht eine gewaltige Tracht Prügel kassieren wollte.

"Tja, Mr. Lord, das sind wirklich böse Leute, diese Hühnerdiebe. Aber zum Glück werden die meisten Hühner ja schon als Eier in die Pfanne gehauen, oder?"

Der alte Lord nickte und legte seine Pfeife beiseite.

"Lassen Sie uns weiterfahren, mein lieber Mr. McClown. Wir haben alle Hunger, und je früher wir im Hotel sind, desto besser!"

"In Ordnung, Sir", antwortete der Butler, "bitte setzen Sie sich alle bequem hin!"

Es knackte kurz und laut, und Finnegan McDudle stand wieder auf und sah den Lord verlegen an.

"Tja, Mister, das tut mir leid. Soll ich Ihnen die Pfeife bezahlen? Ich meine, sobald ich wieder Geld habe, Mr. Ness, ich meine, sobald ich wieder zur Arbeit gehe. Meine Frau sagt immer..."

"Sir, soll ich den Kerl kurz vor Glencoe rausschmeißen? Von dort aus hat er es nicht mehr weit!"

"Aber mein lieber Mr. McClown, Sie hören doch, dass es ihm leid tut", sprach McShredder. "Also, mein lieber Finnegan, was sagt ihre Frau denn, wenn Sie zur Arbeit gehen?"

"Tja, also, so genau weiß ich das auch nicht, was sie meint, aber sie sagt immer: Die Sonne lacht, die Sonne sticht, der Doofe muss zur Mittagsschicht."

"Reden Sie einfach weiter, McDudle, irgendwann wird schon etwas Sinnvolles dabei sein", rief Frido, dem das Gerede des Friedhofswärters inzwischen mächtig auf den Keks ging. Er setzte sich wieder auf seinen Kutschersitz und trieb die Pferde zum Weitertraben an.

Auch die Hamster hielten sich fest, um nicht durcheinanderzupurzeln.

"He", rief Hamstilidamst, "der Alte raucht nicht mehr, weil seine Pfeife ja kaputt ist!"

"Das wird auch Zeit", schimpfte Flecki, "dieser schreckliche Gestank war ja nicht mehr auszuhalten. Mal sehen, wie lange die Wirkung der Tollkirsche noch anhält. Wenn das mal bloß gutgeht, was du da wieder angestellt hast, Goldi!"

"Man wird doch mal einen kleinen, winzigen Scherz machen dürfen", verteidigte sich Goldi.

"Scherz? Das hätte so etwas von daneben gehen können, ich hoffe, das ist dir eine Lehre!"

"Wir haben bestimmt etwas daraus gelernt", meinte Dodo, "denn man muss ja aus den Fehlern anderer lernen, denn kein Hamster hat so viel Zeit in seinem Leben, alle Fehler selbst zu machen, oder?"

Die Fahrt ging weiter am Loch Linnhe, und nach einer Stunde hatten sie den nördlichsten Punkt ihrer Reise erreicht. In der Ferne war die Fähre, die zwischen Ardgour und Corran fuhr, deutlich zu erkennen. Plötzlich räusperte sich Lord McShredder.

"Sagen Sie mal, McClown, wieso ist meine Pfeife kaputt?"

Der Butler gackerte leise und antwortete: "Das, Sir, fragen Sie wohl besser ihren lieben Finnegan."

"McDudle?"

"Ja, mein lieber Lord Schlecker?"

"Für Sie immer noch Sir Lord McShredder von Killichonan, Sie Bauer! McClown, wessen Idee war es, diese zweibeinige Katastrophe mitzuschleppen?"

"Nun, Sir, es war mit Verlaub die ihrige Idee."

"Unmöglich, McClown! Wer ersetzt mir jetzt meine Pfeife, McDudle?"

"Äh, Mr. Sir Klecker, ich, äh, habe leider kein Geld bei mir."

"McShredder heißt das, Mann! Wieso haben Sie kein Geld?"

"Nun, Mr. McKillichonan, das liegt bei uns in der Familie, wissen Sie? Wenn die Nachkommen der Vorkommen mit dem Einkommen der Vorkommen nicht auskommen, so werden sie alle verkommen, und deshalb habe ich kein Geld, Mister."

"McClown, schmeißen Sie dieses verkommene Subjekt sofort raus!"

"Sir, darf ich vorschlagen, ihn bei der nächsten Abzweigung nach Onich rauszuschmeißen? Dann sind es nur noch wenige Kilometer bis zur Fähre. Sie kennen den Weg sicherlich auch noch, Sir."

"In der Tat, McClown und ich erinnere mich noch gut an diese beiden Tiere, diese brutalen Müllmänner.1 Vielleicht läuft McDudle den beiden ja über den Weg, dann haben sie etwas zum Spielen."

Finnegan McDudles Stimmung sank auf den Nullpunkt. Natürlich musste er damit rechnen, den Heimweg wieder antreten zu müssen, doch er hatte gehofft, wenigstens noch eine warme Mahlzeit abstauben zu können. Andererseits könnte er ja noch einen Abstecher zu seinem Schwager nach Inversanda machen und mit etwas Glück dort noch ein paar Tage bleiben. Es blieb nur zu hoffen, dass seine Frau nicht zufällig bei dem Schwager angerufen hatte, denn in dem Falle wäre es mehr als unwahrscheinlich, dass ihm überhaupt die Tür geöffnet werden würde. Und dann, tja, was wäre dann?

"Äh, Sir, Mister Lord, wie wäre es denn mit einer kleinen Einlage für meine Auslagen? Ich meine, weil ich nun ja mit der Fähre weiter muss und..."

"Sie wissen genauso gut wie ich, dass die Corran-Fähre für Fußgänger kostenlos ist, McDudle. So, ich glaube, dort vorne geht es nach Onich, bitte halten Sie, McClown, und lassen Sie diesen Vogel zu Fuß weitergehen!"

Missmutig stieg Finnegan aus und verabschiedete sich mit einer angedeuteten Verbeugung vom alten Grafen. Dann blickte er noch ein letztes Mal in die Tasche mit den Hamstern und trabte weiter zu McClown, der ihm zum Abschied die Hand hinstreckte.

"Tschüß, Mr. Frodo!"

"Tschüß, Finnegan. Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf:  Vermeiden Sie die Gastwirtschaft in Onich!"

Etwas verdattert zog McDudle seine Hand wieder zurück und stellt mit Freuden fest, dass sich darin ein Geldschein befand. Es war ein großer Teil des Geldes, das der Butler von seinem Einkauf in Oban übrig behalten hatte. Als die Kutsche weiterfuhr, winkte Finnegan McDudle ihr noch lange hinterher, bis sie in der Ferne hinter einer Bergkuppe verschwand. Dann ging er fröhlich pfeifend seines Weges.

"McClown, Sie werden sich doch nicht lange im Hotel aufhalten, oder?"

"Doch, Sir, ich werde dort wie von Ihnen versprochen übernachten."

"Ich, MCclown, habe nichts versprochen!"

"Doch, mit Verlaub, Sir, das haben Sie. Ein Lord ein Wort, wenn ich Sie zitieren darf. Natürlich drehe ich gerne um, und wir befragen Mr. McDudle dazu, denn der...."

"Ist ja schon gut, McClown, fahren Sie weiter!"

Zufrieden wandte sich der Butler wieder nach vorne und blickte auf die vielbefahrene A82, die nun durch das atemberaubende Glencoe führte. Vorbei ging es an der majestätischen Bergkette der Three Sisters bis hin zum Pass of Glencoe. An einer Baustelle mussten sie ein wenig warten und betrachteten beim Weiterfahren belustigt den Beifahrer eines roten Opels, der dem Fahrzeug, in dem sich seine Familie befand, verzweifelt hinterherlief. In seiner Hand trug er eine Kamera, und scheinbar hatte er die Wartepause an der Ampel ein wenig zu ausführlich zum Photographieren genutzt. Nur wenig später passierten sie den Westhighland-Weg, der an dieser Stelle direkt zu 'den Stufen des Teufels' führt. Mit Schaudern dachte der Butler zurück an die Nacht, in der sie diese Stelle passiert hatten. Erleichtert folgte Frido McClown einem kleinen Seitenweg, denn inzwischen waren die Pferde schon recht unruhig von dem lauten und dichten Verkehr geworden.

"Passen Sie auf, McClown, dass Sie da vorne nicht geradeaus fahren", krächzte der Lord. "Sonst landen wir wieder bei diesem bescheuerten McPomm!"1

Aufgeregt lenkte der Butler die Pferde geradeaus weiter, und nun erschien auf der rechten Seite ein langgestrecktes, weißes Gebäude mit einem schwarzen Dach. Sie bogen in eine breite Seitenstraße, überquerten eine kleine Brücke und sahen beim Näherkommen das große, hölzerne Eingangsschild des Hotels. Durch den Hufschlag der Pferde blieb ihre Ankunft natürlich nicht unbemerkt. Kaum hatte McClown die Pferde zum Stehen gebracht, da wurde die Eingangstür des Hotels aufgerissen, und Lisa McGyer kam zur Tür herausgestürmt, das heißt, sie wäre fast herausgestürmt, wenn sie nicht mit ihrer Schürze am Türgriff hängengeblieben wäre. Ein spitzer Schrei, ein lautes Ratschen und sie lief weiter auf den Butler zu und umarmte ihn.

"Frido, was machst du denn hier? Seit wann kannst du eine Kutsche lenken?" Sie drehte sich zum alten Lord um, stemmte ihre Hände in die Hüfte und rief: "Ach, sieh an! Mr. McGeizistgeil ist auch dabei! Na, dann kommt mal herein!"

Frido McClown nahm die Taschen mit den Hamstern, während Lord McShredder die Reste seiner Pfeife einsammelte. Lisa McGyer wies einen der Bediensteten an, sich um Pferde und Kutsche zu kümmern. Dann gingen alle drei in das Kings House Hotel, in dem sie von dem Hoteldirektor, Mr. McGyer, begrüßt wurden. Der alte Herr lächelte Frido freundlich zu, doch den Lord grüßte er nur mit einem matten Kopfnicken. Dann entfernte er sich und überließ seiner Tochter das Feld, wohl wissend, dass sie dem Lord durchaus gewachsen war.

Kurz darauf saßen alle drei in einer gemütlichen Ecke im Empfangsraum, und der Butler erzählte all das, was sich in den letzten 24 Stunden an aufregenden Dingen ereignet hatte. Fasziniert lauschte Lisa der Geschichte, doch weder ihr noch dem Butler war auch nur annähernd klar, was den geizigen Lord dazu gebracht hatte, eine Übernachtung im teuren Kings House Hotel zu spendieren. Noch lange saßen die drei zusammen und diskutierten über die weitere Zukunft und den möglichen Standort eines neuen Schlosses. Zwischendurch lief Lisa in die Küche und schaffte es im zweiten Versuch, etwas Essbares heil auf den Tisch zu bringen. Während ein Bediensteter des Hotels die Reste des ersten Versuches vom Teppichboden entfernte, ließen die drei es sich schmecken und vergaßen auch die Hamster nicht. Die Sonne war inzwischen längst hinter dem Horizont verschwunden, und die Pausen zwischen den Gesprächen wurden immer länger. Nachdem sie sich vom Sturz über einen Treppenabsatz wieder aufgerappelt hatte, zeigte Lisa McGyer dem Lord und seinem Butler die Zimmer, in denen sie die Nacht verbringen sollten. Natürlich bekam Frido das schönste Zimmer.

 

Weiter: Das Projekt Pleasure Dome (Kapitel 31-35)