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Kapitel 30

Wieder im Kings House Hotel


Schneller als erwartet erreichten sie den Ort Connel und passierten die Brücke über den Firth of Lorne. Wie Hammerschläge klangen die Hufe der Pferde auf dieser Stahlbrücke. Links war das Meer und rechts das wunderschöne Loch Etive zu sehen. Kurz hinter Benderloch hielten sie eine kurze Rast und ließen die Pferde verschnaufen. Während Frido etwas Wasser für die Pferde besorgte, herrschte bei den Hamstern eine gewaltige Aufregung.

"Nun, öhm, ich denke, meine lieben Hamsterfreunde, die Reise gestaltet sich doch besser als erwartet, und wenn ich einmal bemerken darf..."

"Ist dir schon aufgefallen, Bürgermeister,  dass unser Auto im Lastwagen geblieben ist?" rief Flecki dazwischen. "Das wird jetzt irgendwo durch die Highlands transportiert."

"Na und?" warf Goldi ein. "Dann soll uns doch der Butler tragen. Dann können wir uns nämlich dieses Geblubber von wegen 'wir nehmen den Wagen' ein für alle Mal abschminken."

"Ähem. Da, äh, dieser Punkt auch geklärt ist, liebe Freunde, möchte ich zum nächsten Dings, äh, Punkt der Tagesordnung kommen. Weiß jemand, was mit dem Lord los ist?"

Ratlos schauten die Hamster einander an, nur Goldi stand ein Stück abseits und betrachtete grinsend den blauen Himmel, an dem keine einzige Wolke zu sehen war.

"Na ja", ließ Tuffi vernehmen, "der hat bestimmt von der Explosion irgend etwas abbekommen, so etwas soll es ja geben."

"Vielleicht irgendwelche Spätfolgen", brummte der Bauleiter leise.

"Goldi, wieso grinst du?" fragte nun Flecki argwöhnisch und ging ein paar Schritte auf ihn zu.

"Ich? Äh, haha, ich habe gerade an einen Witz gedacht. Was ist das Gegenteil von Fantasie? Ganz klar, Leute: Cola-du!"

Niemand lachte und Goldi merkte, dass es Zeit wurde, mit den Albernheiten aufzuhören.

"Na schön, Leute, der alte Sack hat uns beleidigt, und dafür habe ich ihm eine von diesen komischen Kirschen in die Pfeife gestopft."

“Öhm, tja, in der Tat eine fragwürdige Bestrafung, meine lieben Hamsterfreunde, und damit sind wir fast am Ende unserer Tagesordnung angekommen und..."

"Ach ja?" protestierte Flecki, "Und was ist, wenn der Kerl wieder normal wird? Das heißt, falls der nach der Tollkirsche überhaupt jemals wieder klar denken kann."

"Ist doch egal. Dann ist er wieder so wie vorher, nur eben noch bescheuerter als jetzt," stellte Goldi fest.

Die Hamster diskutierten einen Punkt der Tagesordnung nach dem anderen durch, bis nur noch zwei Punkte offen waren. Traditionsgemäß handelte es sich um die allgemeine Futterlage und eine eventuelle nächtliche Party. Die Futterlage wurde im großen und ganzen als zufriedenstellend angesehen. Was eine nächtliche Party betraf, so wurde beschlossen, den weiteren Verlauf des Tages abzuwarten. Sollte es tatsächlich eine Übernachtung im Kings House Hotel geben, so wäre dieses ein Grund zu einer Wiedersehensfeier, denn schließlich hatten sie in diesem Hotel bereits einmal übernachtet.1

Gegen Mittag erreichten sie  das Tal von Appin, und kurz darauf hatten sie die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht. In Portnacroist folgte nun eine längere Pause, und gemeinsam genossen sie den Ausblick auf Castle Stalker.

"Nicht schlecht, das Schloss, was meinen Sie, Sir?"

"Tja, Mr. Butler, meine Frau würde sagen..."

"Ich meinte nicht Sie, Finnegan, ich meinte seine Lordschaft."

"Aber, aber, mein lieber Mr. McClown, lassen Sie uns doch einmal hören, was die verehrte Gattin dieses Herren sagen würde!" Der Lord nickte McDudle aufmunternd zu.

"Tja, äh, Mister, äh. Mister..."

"Lord McShredder, mein guter Mann!"

"Ja, also, mein guter Schredder, meine Frau, also, was die sagen würde? Tja, so genau weiß ich das auch nicht, weil die ja nun nicht da ist, Mister."

Verständnisvoll lächelte der Lord und bekam nicht mit, dass Frido McClown mit der Peitsche auf dem Boden herumklopfte und sich die Haare raufte.

"Ein schönes Schloss, in der Tat, mein lieber Mr. McClown", wandte der Lord sich nun an seinen Butler. "Es gehörte ebenfalls den McDougalls. Wir sollten uns hier aber nicht lange aufhalten, denn hier haben sich die Stewarts von Appin herumgetrieben. Das waren allesamt Räuber, Schmuggler und Hühnerdiebe, recht üble Gesellen. Was meinen Sie, mein lieber Finnegan?"

Bei dem Wort Hühnerdieb war McDudle erschrocken zusammengezuckt. Ihm war klar, dass er  unbedingt einen großen Umweg um Polloch und McKill auf seinem Rückweg machen musste, wenn er nicht eine gewaltige Tracht Prügel kassieren wollte.

"Tja, Mr. Lord, das sind wirklich böse Leute, diese Hühnerdiebe. Aber zum Glück werden die meisten Hühner ja schon als Eier in die Pfanne gehauen, oder?"

Der alte Lord nickte und legte seine Pfeife beiseite.

"Lassen Sie uns weiterfahren, mein lieber Mr. McClown. Wir haben alle Hunger, und je früher wir im Hotel sind, desto besser!"

"In Ordnung, Sir", antwortete der Butler, "bitte setzen Sie sich alle bequem hin!"

Es knackte kurz und laut, und Finnegan McDudle stand wieder auf und sah den Lord verlegen an.

"Tja, Mister, das tut mir leid. Soll ich Ihnen die Pfeife bezahlen? Ich meine, sobald ich wieder Geld habe, Mr. Ness, ich meine, sobald ich wieder zur Arbeit gehe. Meine Frau sagt immer..."

"Sir, soll ich den Kerl kurz vor Glencoe rausschmeißen? Von dort aus hat er es nicht mehr weit!"

"Aber mein lieber Mr. McClown, Sie hören doch, dass es ihm leid tut", sprach McShredder. "Also, mein lieber Finnegan, was sagt ihre Frau denn, wenn Sie zur Arbeit gehen?"

"Tja, also, so genau weiß ich das auch nicht, was sie meint, aber sie sagt immer: Die Sonne lacht, die Sonne sticht, der Doofe muss zur Mittagsschicht."

"Reden Sie einfach weiter, McDudle, irgendwann wird schon etwas Sinnvolles dabei sein", rief Frido, dem das Gerede des Friedhofswärters inzwischen mächtig auf den Keks ging. Er setzte sich wieder auf seinen Kutschersitz und trieb die Pferde zum Weitertraben an.

Auch die Hamster hielten sich fest, um nicht durcheinanderzupurzeln.

"He", rief Hamstilidamst, "der Alte raucht nicht mehr, weil seine Pfeife ja kaputt ist!"

"Das wird auch Zeit", schimpfte Flecki, "dieser schreckliche Gestank war ja nicht mehr auszuhalten. Mal sehen, wie lange die Wirkung der Tollkirsche noch anhält. Wenn das mal bloß gutgeht, was du da wieder angestellt hast, Goldi!"

"Man wird doch mal einen kleinen, winzigen Scherz machen dürfen", verteidigte sich Goldi.

"Scherz? Das hätte so etwas von daneben gehen können, ich hoffe, das ist dir eine Lehre!"

"Wir haben bestimmt etwas daraus gelernt", meinte Dodo, "denn man muss ja aus den Fehlern anderer lernen, denn kein Hamster hat so viel Zeit in seinem Leben, alle Fehler selbst zu machen, oder?"

Die Fahrt ging weiter am Loch Linnhe, und nach einer Stunde hatten sie den nördlichsten Punkt ihrer Reise erreicht. In der Ferne war die Fähre, die zwischen Ardgour und Corran fuhr, deutlich zu erkennen. Plötzlich räusperte sich Lord McShredder.

"Sagen Sie mal, McClown, wieso ist meine Pfeife kaputt?"

Der Butler gackerte leise und antwortete: "Das, Sir, fragen Sie wohl besser ihren lieben Finnegan."

"McDudle?"

"Ja, mein lieber Lord Schlecker?"

"Für Sie immer noch Sir Lord McShredder von Killichonan, Sie Bauer! McClown, wessen Idee war es, diese zweibeinige Katastrophe mitzuschleppen?"

"Nun, Sir, es war mit Verlaub die ihrige Idee."

"Unmöglich, McClown! Wer ersetzt mir jetzt meine Pfeife, McDudle?"

"Äh, Mr. Sir Klecker, ich, äh, habe leider kein Geld bei mir."

"McShredder heißt das, Mann! Wieso haben Sie kein Geld?"

"Nun, Mr. McKillichonan, das liegt bei uns in der Familie, wissen Sie? Wenn die Nachkommen der Vorkommen mit dem Einkommen der Vorkommen nicht auskommen, so werden sie alle verkommen, und deshalb habe ich kein Geld, Mister."

"McClown, schmeißen Sie dieses verkommene Subjekt sofort raus!"

"Sir, darf ich vorschlagen, ihn bei der nächsten Abzweigung nach Onich rauszuschmeißen? Dann sind es nur noch wenige Kilometer bis zur Fähre. Sie kennen den Weg sicherlich auch noch, Sir."

"In der Tat, McClown und ich erinnere mich noch gut an diese beiden Tiere, diese brutalen Müllmänner.1 Vielleicht läuft McDudle den beiden ja über den Weg, dann haben sie etwas zum Spielen."

Finnegan McDudles Stimmung sank auf den Nullpunkt. Natürlich musste er damit rechnen, den Heimweg wieder antreten zu müssen, doch er hatte gehofft, wenigstens noch eine warme Mahlzeit abstauben zu können. Andererseits könnte er ja noch einen Abstecher zu seinem Schwager nach Inversanda machen und mit etwas Glück dort noch ein paar Tage bleiben. Es blieb nur zu hoffen, dass seine Frau nicht zufällig bei dem Schwager angerufen hatte, denn in dem Falle wäre es mehr als unwahrscheinlich, dass ihm überhaupt die Tür geöffnet werden würde. Und dann, tja, was wäre dann?

"Äh, Sir, Mister Lord, wie wäre es denn mit einer kleinen Einlage für meine Auslagen? Ich meine, weil ich nun ja mit der Fähre weiter muss und..."

"Sie wissen genauso gut wie ich, dass die Corran-Fähre für Fußgänger kostenlos ist, McDudle. So, ich glaube, dort vorne geht es nach Onich, bitte halten Sie, McClown, und lassen Sie diesen Vogel zu Fuß weitergehen!"

Missmutig stieg Finnegan aus und verabschiedete sich mit einer angedeuteten Verbeugung vom alten Grafen. Dann blickte er noch ein letztes Mal in die Tasche mit den Hamstern und trabte weiter zu McClown, der ihm zum Abschied die Hand hinstreckte.

"Tschüß, Mr. Frodo!"

"Tschüß, Finnegan. Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf:  Vermeiden Sie die Gastwirtschaft in Onich!"

Etwas verdattert zog McDudle seine Hand wieder zurück und stellt mit Freuden fest, dass sich darin ein Geldschein befand. Es war ein großer Teil des Geldes, das der Butler von seinem Einkauf in Oban übrig behalten hatte. Als die Kutsche weiterfuhr, winkte Finnegan McDudle ihr noch lange hinterher, bis sie in der Ferne hinter einer Bergkuppe verschwand. Dann ging er fröhlich pfeifend seines Weges.

"McClown, Sie werden sich doch nicht lange im Hotel aufhalten, oder?"

"Doch, Sir, ich werde dort wie von Ihnen versprochen übernachten."

"Ich, MCclown, habe nichts versprochen!"

"Doch, mit Verlaub, Sir, das haben Sie. Ein Lord ein Wort, wenn ich Sie zitieren darf. Natürlich drehe ich gerne um, und wir befragen Mr. McDudle dazu, denn der...."

"Ist ja schon gut, McClown, fahren Sie weiter!"

Zufrieden wandte sich der Butler wieder nach vorne und blickte auf die vielbefahrene A82, die nun durch das atemberaubende Glencoe führte. Vorbei ging es an der majestätischen Bergkette der Three Sisters bis hin zum Pass of Glencoe. An einer Baustelle mussten sie ein wenig warten und betrachteten beim Weiterfahren belustigt den Beifahrer eines roten Opels, der dem Fahrzeug, in dem sich seine Familie befand, verzweifelt hinterherlief. In seiner Hand trug er eine Kamera, und scheinbar hatte er die Wartepause an der Ampel ein wenig zu ausführlich zum Photographieren genutzt. Nur wenig später passierten sie den Westhighland-Weg, der an dieser Stelle direkt zu 'den Stufen des Teufels' führt. Mit Schaudern dachte der Butler zurück an die Nacht, in der sie diese Stelle passiert hatten. Erleichtert folgte Frido McClown einem kleinen Seitenweg, denn inzwischen waren die Pferde schon recht unruhig von dem lauten und dichten Verkehr geworden.

"Passen Sie auf, McClown, dass Sie da vorne nicht geradeaus fahren", krächzte der Lord. "Sonst landen wir wieder bei diesem bescheuerten McPomm!"1

Aufgeregt lenkte der Butler die Pferde geradeaus weiter, und nun erschien auf der rechten Seite ein langgestrecktes, weißes Gebäude mit einem schwarzen Dach. Sie bogen in eine breite Seitenstraße, überquerten eine kleine Brücke und sahen beim Näherkommen das große, hölzerne Eingangsschild des Hotels. Durch den Hufschlag der Pferde blieb ihre Ankunft natürlich nicht unbemerkt. Kaum hatte McClown die Pferde zum Stehen gebracht, da wurde die Eingangstür des Hotels aufgerissen, und Lisa McGyer kam zur Tür herausgestürmt, das heißt, sie wäre fast herausgestürmt, wenn sie nicht mit ihrer Schürze am Türgriff hängengeblieben wäre. Ein spitzer Schrei, ein lautes Ratschen und sie lief weiter auf den Butler zu und umarmte ihn.

"Frido, was machst du denn hier? Seit wann kannst du eine Kutsche lenken?" Sie drehte sich zum alten Lord um, stemmte ihre Hände in die Hüfte und rief: "Ach, sieh an! Mr. McGeizistgeil ist auch dabei! Na, dann kommt mal herein!"

Frido McClown nahm die Taschen mit den Hamstern, während Lord McShredder die Reste seiner Pfeife einsammelte. Lisa McGyer wies einen der Bediensteten an, sich um Pferde und Kutsche zu kümmern. Dann gingen alle drei in das Kings House Hotel, in dem sie von dem Hoteldirektor, Mr. McGyer, begrüßt wurden. Der alte Herr lächelte Frido freundlich zu, doch den Lord grüßte er nur mit einem matten Kopfnicken. Dann entfernte er sich und überließ seiner Tochter das Feld, wohl wissend, dass sie dem Lord durchaus gewachsen war.

Kurz darauf saßen alle drei in einer gemütlichen Ecke im Empfangsraum, und der Butler erzählte all das, was sich in den letzten 24 Stunden an aufregenden Dingen ereignet hatte. Fasziniert lauschte Lisa der Geschichte, doch weder ihr noch dem Butler war auch nur annähernd klar, was den geizigen Lord dazu gebracht hatte, eine Übernachtung im teuren Kings House Hotel zu spendieren. Noch lange saßen die drei zusammen und diskutierten über die weitere Zukunft und den möglichen Standort eines neuen Schlosses. Zwischendurch lief Lisa in die Küche und schaffte es im zweiten Versuch, etwas Essbares heil auf den Tisch zu bringen. Während ein Bediensteter des Hotels die Reste des ersten Versuches vom Teppichboden entfernte, ließen die drei es sich schmecken und vergaßen auch die Hamster nicht. Die Sonne war inzwischen längst hinter dem Horizont verschwunden, und die Pausen zwischen den Gesprächen wurden immer länger. Nachdem sie sich vom Sturz über einen Treppenabsatz wieder aufgerappelt hatte, zeigte Lisa McGyer dem Lord und seinem Butler die Zimmer, in denen sie die Nacht verbringen sollten. Natürlich bekam Frido das schönste Zimmer.

 

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