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Kapitel 21

Ullapool

Die Hamster warteten ungeduldig und blickten neugierig auf den kleinen Hafen von Ullapool. Fischerboote in verschiedenen Farben boten eine malerische Kulisse auf dem Loch Broom. Zur linken Seite befand sich ein Gebirgshang, auf dem kleine, weiße Wohnhäuser zu erkennen waren. Unterhalb des Hangs befand sich die A835, der sie später in Richtung Süden auf ihrer weiteren Reise folgen würden. Auf dem Pier vor ihnen befand sich ein kleiner Terminal, von dem aus die Fähren nach Stornoway auf der Isle of Lewis abfuhren. Im Laufe der Jahre waren diese Fähren immer größer, aber auch komfortabler geworden. Inzwischen gibt es sogar ein Restaurant und Einkaufsmöglichkeiten auf der rund 90 Kilometer langen Seereise. Der Geruch von Fish 'n Chips kroch verführerisch in die kleinen Nasen der Hamster, und ihre kleinen Bäuche knurrten leise vor sich hin. Dann wurde die Fahrertür aufgerissen, und ein verzweifelt aussehender van der Slampe kroch erschöpft auf den Fahrersitz. In Windeseile waren die Hamster auf das Armaturenbrett geklettert und blickten ihn neugierig an, doch wo war das Futter? Langsam glitt der Blick des Fahrers auf die bettelnde Reisegesellschaft direkt vor ihm.

"Ich habe es satt, wisst ihr das?" grölte er. "Das billigste Zimmer kostet 25 Pfund und wisst ihr, was? Ich habe gerade noch 10 Pfund übrig! Soll ich jetzt den Lastwagen verkaufen oder was?"

"Typisch", schimpfte Flecki, "die allerkleinste Schwierigkeit, und schon tickt er wieder aus!"

"Also, für den Lkw kriegt der nicht viel, aber für eine fette Mahlzeit würde das reichen..."

"Goldi!" unterbracht ihn Flecki und tickte sich mit der Pfote an die Stirn. "Wie sollen wir denn ohne Wagen zum ollen Grafen kommen?"

"Mir reicht’s!" unterbrach sie die müde Stimme eines gewissen Lkw-Fahrers. "Ich lege mich jetzt auf eine Parkbank am Hafen und schlafe eine Runde. Macht doch, was ihr wollt!"

Verwundert schauten die Hamster zu, wie der Fahrer den Lastwagen verließ und sich auf eine nahe gelegene Bank fallen ließ. Er blinzelte noch einmal zum Loch Broom hinüber, dann schloss er seine Augen, und nach kurzer Zeit verriet seine gleichmäßige Atmung, dass er eingeschlafen war.

"Wollen wir nicht mal gucken, ob wir ein paar leckere Fritten auftreiben können?" fragte Tati, und ohne eine Antwort stürzten seine Freunde mit lautem Gefiepe durch das offene Fenster ins Freie. Ihre feinen Nasen lokalisierten sofort den Ursprungsort des leckeren Geruchs, und schon nach wenigen Minuten hatten sie einen kleinen Kiosk vor einer Lagerhalle gefunden.

"Ich werde wahnsinnig, wenn es nicht gleich was zu fressen gibt", rief Goldi und machte Anstalten auf den Imbiss zuzulaufen.

"Pass bloß auf", schrie Flecki, "du bist viel zu ausgehungert und viel zu unvorsichtig, du wirst noch erwischt!" und rannte hinterher.

"Öhm, wir sollten in dieser Stunde unseren Kameraden nicht im Stich lassen, denn nur gemeinsam können wir diese Dingslage, äh..."

Der Bürgermeister schaute sich um und stellte verwirrt fest, dass er alleine war.

"He, wartet auf mich!" rief er und hoppelte den anderen hinterher. Gemeinsam standen sie nun ratlos vor einer glatten, beigefarbenen Wand. Sie befanden sich zwischen der Rückseite des Imbiss'  und der Mauer der Lagerhalle. Es war unmöglich, auf die Vorderseite zu gelangen, ohne entdeckt oder zertrampelt zu werden. Eine aussichtslose Lage.

"In solch einer gefährlichen Situation habe ich mich schon einmal befunden", sagte Goldi und senkte lässig seine Augenlider.

"Und?" hauchte Tuffi.

"Als es Nacht wurde", erklärte Goldi, "war ich vor Hunger und Erschöpfung zusammengebrochen und konnte im Schutz der Dunkelheit wegkriechen."

"Na prächtig", knurrte Flecki, "unsere Zukunft ist somit gesichert."

"Ka- Ka- Ka..." kreischte plötzlich der Bürgermeister, und alle erkannten sofort, dass sie ein weiteres, ungleich gefährlicheres Problem bekamen. Dort, wo ein Fischereihafen ist, gibt es auch Fische, und wo es Fische gibt, sind auch Katzen nicht weit. Eines dieser Exemplare näherte sich von der linken Seite, es war nur eine Frage von Sekunden, bis sie auf diese Beute stoßen würde. Ängstlich drängten die Hamster sich in der Mitte zwischen der Rückwand des Kiosk und der Mauer aneinander.

"Warum sind wir nicht im Lastwagen geblieben", jammerte Dodo, "dann würden wir wenigstens in Frieden verhungern."

"Schnell", rief Bauleiter Murksel, "wir müssen zur anderen Seite fliehen!"

Alles rannte los, doch nach einem halben Meter drehten sie um und standen dicht gedrängt wieder dort, wo sie schon eben gewesen waren. Eine zweite Katze näherte sich von der anderen Seite!

"Ich will noch nicht sterben", jammerte Hamstilidamst, "ich habe noch nicht mal das große Einmaleins gelernt!"

"Wir werden ihnen zeigen, wie ein Hamster kämpft und stirbt!" rief Goldi und ballte seine kleinen Pfoten.

"Jammern und betteln bis zum Schluss?" wimmerte Dodo.

"Wie wäre es, der Bürgermeister verhandelt mal ein bisschen?" rief Flecki.

"Ausgezeichnete Idee", antwortete Goldi, "dann haben wir wenigstens etwas Zeit gewonnen, wenn er zuerst gefressen wird!"

Die Lage war aussichtslos, und die Reise der Hamster schien an dieser Stelle ein grausames Ende zu finden. Die beiden Raubtiere kamen näher und bleckten ihre Zähne, denn diese Mahlzeit kam ihnen gerade recht. Schließlich mögen auch Katzen nicht jeden Tag Fisch. Immer enger rückten die Hamster zusammen, und immer dichter kamen ihre überlegenen Gegner, die sich alle Zeit der Welt nahmen. Die Beute war ihnen sicher, denn es gab keinen Fluchtweg für die kleinen Nager. Es war nur noch eine Frage von wenigen Minuten, bis es zwölf Hamster weniger auf dieser Welt gab.

"Pst!"

"Öhm, hat jemand was gesagt?" fragte der vor Angst schwitzende Bürgermeister.

"Pst, hinter euch!"

Die Hamster drehten sich langsam zu der Mauer um, an die sie sich lehnten.

"He, Dicker, geh doch mal ein Stück vor, dann kann ich die Tür öffnen!"

Dodo erschrak und hüpfte einen Schritt vor. Hinter einer Mauerspalte war ein rosa Näschen zu erkennen. Leises Keuchen und Stöhnen war zu hören, und der unterste Stein der Mauer bewegte sich. Zentimeter um Zentimeter wurde der Mauerstein vorgeschoben bis Bauleiter Murksel rief: "Los, fasst mit an!"

Während von innen weiter geschoben wurde, zogen die Hamster nun von außen. Dann fiel der Mauerstein auf den Boden und die Öffnung war jetzt groß genug, um hineinzuschlüpfen.

"Schnell", ertönte die Stimme aus dem Inneren der Mauer, "schnell, beeilt euch!"

Das ließen sich die Hamster nicht zweimal sagen, und in Windeseile waren sie durch den engen Spalt gekrochen, lediglich Dodo wies ein paar Schürfwunden auf, doch das war besser als das, was sie vor der Mauer erwartet hätte. Ein wütendes, enttäuschtes Fauchen war nun zu hören, und die Katzen versuchten vergeblich, ihrer Beute zu folgen.

"Willkommen in unserem Institut!"

Flecki fand als erste die Sprache wieder.

"In eurem was?"

"Institut. Wenn ihr mir bitte ins Vorzimmer folgen wollt", sagte eine vornehm aussehende Hamsterdame und wies auf einen riesigen Pappkarton, der sich nur wenige Meter vor ihnen befand. Neben dem Pappkarton standen einige alte Körbe, wie sie zum Einlagern für Fische verwendet werden, doch diese Körbe waren zweifellos schon lange nicht mehr benutzt worden. Genauso wenig wie dieser kleine Raum, der zwei Fenster zur Hafenseite aufwies. Auf der gegenüberliegenden Seite war eine rostige Eisentür zu sehen, und daneben befanden sich mehrere elektronische Schaltkästen. Offensichtlich war dieses ein selten benutzter Schaltraum, in dem die Beleuchtungen und Stromanschlüsse des kleinen Hafens verkabelt waren. Es war kein sehr gemütlicher Ort, doch der Karton war in viele kleine Räume eingeteilt, die recht geschmackvoll eingerichtet waren. In einen dieser Räume wurden die Hamster nun geführt.

"Bitte macht es euch bequem. Habt ihr einen Wunsch?"

Der Bürgermeister räusperte sich, und Goldi riss seine Pfote hoch. Sie wurde jedoch von Flecki sofort wieder heruntergezogen.

"Nun, ich, äh, möchte mich im Namen aller Hamster Hamsterhausens und natürlich auch in meinem Namen für die überaus mutige Rettung unserer aller Leben bedanken. Ich bin der Bürgermeister, und das sind meine Freunde Goldi, Flecki, Tuffi, Dasie, Hamstilidamst, Sasie, Dodo, Tati, Teeblättchen und Bauleiter Murksel. Der grüne Dings dort heißt Trampel. Mit wem habe ich die Ehre?"

"Je nun, mein Name ist Dabi, ich bin die Sekretärin unseres überaus überschätzten Präsidenten dieses Institutes.“

"Was is 'n das für 'n Institut, und gibt es hier etwas zu essen?"

"Nun, mein lieber Goldi, natürlich kann ich hier keine genauen Details von mir geben; es ist sozusagen noch alles etwas in der Schwebe und somit äußerst vertraulich. Der Name unseres Instituts jedoch - soviel kann ich guten Gewissens weitergeben - ist der Bund Allgemeiner Neuzeitlicher Terrestrischer Ausgrabungen Celtischer Hamster, auch BANTACH genannt."

"Ihr grabt Hamster aus?" fragte Goldi verwundert.

"Natürlich nicht", gab Dabi leicht verärgert von sich, "die Ausgrabungen werden von Hamstern vorgenommen. Aber bitte: behandelt diese Angaben als streng vertraulich"

"Und das Futter, ist das auch streng vertraulich?"

"Das kann ich in diesem Moment noch nicht sagen, Goldi, dazu muss ich erst Rücksprache mit unserem Präsidenten nehmen."

Dabi wackelte hinaus und hinterließ eine ratlose Hamsterschar.

"Sind wir hier bei einer Geheimorganisation gelandet, oder was?" wunderte sich Hamstilidamst.

Im nächsten Augenblick kam Dabi zurück.

"Wenn ihr wünscht, könnt ihr eine Kleinigkeit im Proviantraum einnehmen. Bitte hier entlang!"

Die Hamsterdame führte die hungrige Schar durch einen langen Flur, dann ging es mal rechts und mal links entlang, und schließlich hielten sie vor einer Tür.

"Bitte sehr, die Küche."

"Sag mal", fragte Goldi kurze Zeit später während er über beide Backen kaute, "warum macht ihr nicht ein paar Türschilder an, damit man sich zurecht findet?"

"Ich kann mit Sicherheit sagen, Goldi, das dieses so beabsichtigt ist. Geheimhaltung hat hier absolute Priorität."

"Und warum?"

"Nur soviel: wenn ich sagen würde, was ich wüsste, dann stünde es Morgen gleich in der Zeitung. Das wäre doch nicht wünschenswert, oder?"

"Warum sollte es in der Zeitung stehen, wo sich eure Küche befindet?"

"Je nun, es ist weitaus komplizierter, und ich würde es auch gerne erklären, aber leider geht es zu diesem Zeitpunkt nicht."

In diesem Moment raschelte es an der Tür. Mit einem Sprung, den ihr keiner zugetraut hatte, war Dabi dorthin gehechtet und hob einen grauen Umschlag auf, der offensichtlich unter der Tür durchgeschoben worden war. Umständlich öffnete sie den Umschlag, blickte hoch und sagte mit gesenkter Stimme: "Bitte entschuldigt mich einen Moment, es ist ein Auftrag höchster Priorität."

"Ist was passiert?" wollte der Bauleiter wissen.

"Nun, ich kann darüber nicht sprechen, aber macht euch keine Sorgen, ich werde bestimmt wiederkommen!"

Sie rannte zur Tür hinaus und verschwand. Die Hamster blickten einander ratlos an, und Goldi rief begeistert: "Sie hat den Umschlag beim Rausgehen verloren!"

Er lief zur Tür und schaute hinaus, dann nahm er dem Umschlag an sich. Die Worte 'Vertraulich - nur von autorisiertem Personal zu öffnen!' schienen ihn anzuspringen. Neugierig starrten alle auf die Worte, dann griff Goldi in den Umschlag.

"Goldi, du kannst doch nicht einfach vertrauliche Post öffnen! Dazu bist du doch nicht autorisiert", fauchte Flecki.

"Aber er ist doch schon offen. Die autorisierte Dabi hat ihn aufgemacht. Vom autorisierten Lesen steht da doch nichts, oder?"

Vorsichtig zog er einen Zettel aus dem Umschlag, dann blickte er in die Runde seiner Hamsterfreunde. Sie nickten ihm zustimmend zu, und so las er laut vor: 'Dabi - dringend. Ich habe keinen Kaffee mehr!'

"Wenn das schon dringend ist", fluchte Flecki, "was schreibt der denn, wenn ihm das Klopapier ausgeht?"

"Da kommt jemand über den Flur!" rief Sasie.  Sofort packte Goldi den Zettel in den Umschlag zurück und legte den Umschlag wieder unter die Tür. Schnell zogen sich die Hamster auf die gegenüberliegende Seite zurück und bewunderten ein Bild, das dort an der Wand hin.

Schwer atmend betrat Dabi dem Raum, sah den Umschlag am Boden liegen und nahm ihn blitzschnell an sich.

"Wir haben Glück gehabt", keuchte sie, "die Situation ist unter Kontrolle - mehr kann und darf ich dazu nicht sagen. Der Präsident ist nunmehr bereit, euch zu empfangen. Bitte folgt mir!"

Wieder ging es durch ein Gewirr von Gängen und Seitentüren, bis sie schließlich vor einer besonders großen Tür standen. 'Bitte klopfen und auf Antwort warten - dann eintreten' stand dort in großer Schrift.

Dabi klopfte und trat einen Schritt zurück.

"Nun müssen wir nur noch auf Antwort warten", rief Dodo und ging einen Schritt auf die Tür zu. "Nein, nicht!" kreischte der Bürgermeister, stürzte sich auf Dodo und hielt ihn fest. "Diesmal nicht, Dodo, diesmal nicht!" hörte die verwunderte Dabi ihn schreien.

"Was hat denn das zu bedeuten?" rief sie mit besorgter Miene.

"Je nun, das ist 'ne Hamstische Sitte, mehr kann und darf ich dazu nicht sagen", sagte Goldi und klimperte mit den Wimpern. Mit einem leicht verärgerten Gesichtsausdruck wandte sich die Hamsterdame wieder der Tür zu. Einige Sekunden lang passierte nichts, dann ertönte eine piepsige Stimme: "Öhm, ja, äh, herein!"

Dabi ging vorweg, die anderen folgten ihr in kurzem Abstand.

"Herr Präsident, die Delegation aus Hamsterhausen ist da!"

"Danke, Fräulein Dabi, sehr gut. Nun es ist nicht nur gut, sondern auch sehr gut. Wie ich immer zu sagen pflege..."

"Balthasar, das darf doch nicht wahr sein!"

"Heinz-Georg, nein, welch eine Überraschung!"

Der Präsident war aus seinem Sessel aufgestanden und lief auf den Bürgermeister zu. Sie umarmten und klopften einander immer wieder auf die Schultern.

"Fräulein Dabi, holen Sie bitte Sonnenblumenkerne für alle. Mein Bruder ist zu Besuch gekommen, wir haben einander seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Das muss gefeiert werden!"

"Nichts gegen Sonnenblumenkerne", flüsterte Flecki mit finsterer Miene Goldi zu, "aber nun haben wir es mit zwei Labersäcken zu tun, die die nächsten Stunden nichts Anderes tun werden als labern."

"Genau", brummte Goldi, "lasst uns hier verschwinden!"

"He", rief Sasi, "auf der Hinfahrt habe ich eine Einkaufsstraße gesehen!"

"Da müssen wir unbedingt hin", rief Dasie, "ich kann unmöglich ohne ein Geschenk wieder nach Hamsterhausen zurückkommen!"

"Dann solltet ihr den Geheimgang nehmen." Dabi war soeben mit einer großen Schüssel Sonnenblumenkernen wiedergekommen und hatte den Rest der Unterhaltung mitbekommen. "Der Weg über den Hafen ist recht gefährlich, wie ihr schon gemerkt habt. Wie ich meinen Präsidenten kenne, wird seine Unterhaltung recht lange dauern. Ihr könnt also ruhig solange einkaufen gehen." Mit einem Seitenblick auf Goldi fügte sie hinzu: "Dort gibt es auch hervorragende Fressshops, und das ist kein Geheimnis!"

"Toll", entgegnete Goldi. "Wie wäre es, wenn du den Fremdenführer machst?"

"Unmöglich, ich muss hierbleiben, denn mein Präsident ist ohne mich verloren. Was ist, wenn der zwischendurch etwas notieren muss und den Schreibstift nicht findet? Der dreht doch durch! Kommt mit, ich zeige euch aber den Weg."

Während Bürgermeister und Präsident über alte Zeiten im Allgemeinen und alte Erlebnisse im Besonderen schwadronierten, machte sich die restliche Reisetruppe auf den Weg. Über lange Flure und viele Seitengänge verließen sie den Karton und wurden von Dabi zur Eisentür geleitet. Am unteren Teil der Tür, kurz über dem Boden, hatte der Zahn der Zeit genagt, und das Eisen war so weit durchgerostet, dass ein Hamster leicht hindurch passte.

"Ihr müsst", erklärte Dabi, "dort vorne die Quay Street hochlaufen, dann rechts weiter über Riverside Terrace und immer geradeaus weiter. Dann kommt ihr auf die Old Moss Road, dort seht ihr dann die Geschäfte. Viel Vergnügen und kommt bitte in in zwei Stunden, achtundvierzig Minuten  zurück, denn dann hat der Präsident seinen nächsten Termin!"  

Daraufhin drehte sie sich um und lief zum Karton zurück, um nach dem Rechten zu sehen, während die Hamster sich auf den Weg in die Innenstadt Ullapools machten.

Zur gleichen Zeit wurde Vim van der Slampe unsanft aus seinem recht kurzen Schlaf gerissen. Ein aus Stornoway kommendes Passagierschiff hatte angelegt, und die damit verbundene Erschütterung des Pontons ließ ihn unsanft von seiner Bank fallen. Benommen rappelte er sich auf, und nur langsam kapierte er den Grund für die Unterbrechung seiner Ruhepause. Das Schiff machte fest, und nach einiger Zeit liefen lärmende Passagiere an ihm vorbei. Seufzend beobachtete er das Ausladen des Schiffes und versuchte zu schätzen, wann wohl wieder Ruhe einkehren würde. Er überlegte kurz, ob er nicht in seinem Lkw weiterschlafen solle, verwarf die Idee aber gleich wieder, als er an die Hamster dachte. Ob sie wohl schlafen würden? Und wenn nicht, was würden sie gerade in diesem Moment anstellen? Mit einem Schlag war seine Müdigkeit verschwunden, und er malte sich so manche schlimme Katastrophe aus. Nein, jetzt konnte er nicht mehr schlafen, er musste dringend nach dem Rechten sehen. Mit schnellen Schritten verließ er den Pier und ging, ohne einen Blick auf den malerischen Hafen zu verschwenden, zu seinem Lastwagen zurück. Er atmete auf als er ihn an der Stelle stehen sah, an der er ihn verlassen hatte. Mit mulmigem Gefühl im Magen öffnete er sie Fahrertür. Niemand zu Hause, dachte er, wo mögen die armen, kleinen Tierchen wohl sein? Gedankenverloren und voller Sorge stand er neben seinem Fahrzeug, als sich etwas an sein linkes Bein schmiegte. Eine Katze! Miauend rieb sie ihren Kopf an dem Stoff seiner Hose, und es schien dem Lkw-Fahrer, als wenn sie um Futter bettelte.

"Du Mörderin!" brüllte er und spürte, wie kalte Wut in ihm emporstieg. "Du verdammtes Vieh hast meine süßen, kleinen Hamster gekillt!"

Die Katze erschrak und entfernte sich langsam rückwärts schleichend von dem brüllenden Mann. Dann drehte sie sich mit einem Fauchen um und machte, dass sie wegkam. Vim van der Slampe rannte jedoch mit lautem Gebrüll hinter dem ahnungslosen Tier her und stieß üble Verwünschungen und Flüche aus. Plötzlich fühlte sich der Lkw-Fahrer an der Schulter gepackt und festgehalten.

"Sir, gibt es ein Problem?"

Der uniformierte Beamte der lokalen Polizeistation von Ullapool wusste sehr genau, wie man mit Randalierern und Betrunkenen umging. Schließlich versah er schon seit vielen Jahren seinen Dienst im Hafengebiet und kannte seine Pappenheimer sehr genau.

"Dieses Drecksvieh ist ein Teufel", kam die gekeuchte Antwort.

"Sir, Sie kommen besser mit mir und erzählen mir alles ganz in Ruhe, finden Sie nicht auch?"

Van der Slampe versuchte sich loszureißen, doch er merkte schnell, dass der Polizist weitaus stärker war als er. Handschellen blinkten an der Uniform des Beamten, und ein Schlagstock hing direkt daneben.

"Sir, Sie machen alles nur noch schlimmer. Nehmen Sie sich zusammen und kommen Sie mit, oder ich lege Ihnen Handschellen an!"

Kurz darauf waren die beiden Männer auf dem Weg zu der nicht weit gelegenen Polizeistation, auf der sich Vim van der Slampe einige Fragen würde gefallen lassen müssen.

Die Hamster hatten unterdessen die Old Moss Road erreicht und bewunderten staunend die vielen verschiedenen, teils recht bunten Geschäfte. Die Zeit verging wie im Fluge, und es war Murksel, der entsetzt rief: "Wir sind schon einige Stunden unterwegs, sollten wir nicht langsam wieder zum Institut zurückgehen?"

"O ja", stöhnte Sasie, "meine Füße sind total kaputt, ich kann nicht mehr!"

"Gut, ich habe auch keine Lust mehr", stimmte Flecki zu, "aber sagt mal, wo steckt denn Trampel?"

Erschrocken blickten die Hamster einander an. Wo war Trampel geblieben?

"Vorhin, als wir in einer kleinen Seitenstraße waren, wollte er nur mal eben eine Mülltonne durchsuchen", jammerte Hamstilidamst.

"Wo war das? Führ uns schnell dort hin!" rief Flecki, und Hamstilidamst rannte, so schnell er konnte, vorweg.

"Hier war es", keuchte er, als sie in eine kleine Seitengasse bogen und zeigte auf eine Mülltonne. Nun begann eine hektische Suche, die plötzlich von einem schrillen Schrei Fleckis unterbrochen wurde.

"He, kommt mal alle schnell her!"

Sofort waren alle um sie versammelt und starrten auf ein Schild. 'Forschungsstation für seltene und ausgestorbene Tiere' stand dort.

"Ja, und?" fragte Dodo. "Glaubst du, er hat sich einen Job gesucht, Flecki?"

"Quatsch, natürlich nicht. Aber ich habe da so ein komisches Gefühl."

Ratlos standen die Hamster vor einer Tür. Sie war einen Spalt geöffnet, und schließlich rief Goldi: "Also wollen wir hier noch lange warten, oder was? Wir holen ihn heraus!"

Er lief vorweg, und zögernd folgen ihm die übrigen. Natürlich war es nicht sicher, dass Trampel sich hier in diesem Gebäude aufhalten würde, aber was blieb ihnen im Moment anderes übrig? Zu ihrem Glück befand sich die Forschungsstation zu ebener Erde, und sie mussten sich nicht mühselig irgendwelche Treppen hochquälen. Doch was nun? Sie befanden auf einem langen Flur, zu dessen linken und rechten Seiten sich viele Türen befanden. Falls Trampel hier war, hinter welcher Tür konnte er sein, und wie sollten sie hineinkommen? Während sie ratlos auf dem Flur standen, öffnete sich plötzlich eine der Türen und eine junge Frau in einem weißen Kittel kam herausgestürmt. Sie schien sehr aufgeregt zu sein und blickte auf einen Schreibblock, den sie in der Hand hielt. Sie rannte an den zu Tode erschrockenen Hamstern vorbei und öffnete die gegenüberliegende Tür.

"Sehen Sie mal, Doktor, ich habe etwas gefunden! Es handelt sich möglicherweise um den ausgestorbenen prähistorischen schottischen Moosbiber, dieses grünliche Fell und der charakteristisch kurze Schwanz, wir sollten die Maße einmal mit unseren Unterlagen überprüfen!"

Dann wurde die Tür geschlossen, und die weiteren Worte der Frau waren nur noch als ein leises Murmeln zu hören. Nachdem die Hamster sich von ihrem ersten Schreck erholt hatten, rief Goldi: "Schnell, sie ist aus dem Zimmer dort gekommen und hat die Tür offen gelassen!"

Sofort flitzten die kleinen Tiere in das besagte Zimmer und sahen sich um. Bücherregale, mehrere Tische und die dazugehörigen Stühle waren zu sehen. Eine Spüle mit Reagenzgläsern und Glaskolben befand sich genau in der Mitte. Weiter hinten im Zimmer befanden sich zwei Fenster mit dunkelblauen Vorhängen. Auf dem linken Fensterbrett stand ein Käfig, und in diesem Käfig befand sich Trampel. Bevor seine Freunde auch nur einen Plan zu seiner Befreiung schmieden konnten, wurde die Zimmertür ganz aufgerissen, und die junge Frau kam mit einem älteren Mann im Gefolge zurück.

"Er hat sich bei der Mülltonne herumgetrieben?" fragte der Mann aufgeregt. "Wir müssen ihn unbedingt wieder dorthin setzen, es ist noch ein recht junges Tier, und möglicherweise sucht seine Mutter schon nach ihm. Wenn es sich tatsächlich um den prähistorischen schottischen Moosbiber handelt, dann ist das die Entdeckung des Jahrhunderts, liebe Kollegin! Alle Welt glaubte bisher, der sei ausgestorben! Schnell, bereiten Sie alles vor, und lassen Sie ihn wieder bei der Mülltonne frei, wir müssen seinen Laufweg zurückverfolgen!"

Der Mann rückte seine Brille zurecht und ging kopfschüttelnd in sein Büro zurück.

"Lasst uns verschwinden und draußen warten", schlug Murksel vor. "Ihr habt ja gehört, dass Trampel gleich wieder freigelassen werden soll!"

Gesagt, getan.  Erleichtert verließen der Bauleiter und der Rest der Truppe die Forschungsstation und versteckten sich hinter einem Mauervorsprung gegenüber der Mülltonne. Obwohl sie recht lange warten mussten, sprach niemand ein Wort, und gebannt harrten alle der Dinge, die da kamen. Dann war es soweit, und die junge Frau in dem weißen Kittel kam um die Ecke. Sie trug einen Käfig, den sie vorsichtig auf die Mülltonne stellte, und griff in den Käfig hinein. Vorsichtig legte sie etwas Kleines neben die Mülltonne und verschwand schnellen Schrittes, ohne sich umzusehen. Das kleine Etwas bewegte sich, hob den Kopf, schnüffelte und zuckte im nächsten Moment zusammen, als eine Stimme grölte: "He Moosbiber, alles klar?"

Erleichtert erkannte Trampel die Stimme Goldis und näherte sich verlegen seinen Freunden. Dann stand er traurig vor ihnen, und die Verwunderung und das Entsetzen, das sein Anblick auslöste, waren groß. Ungläubig starrten die Hamster auf ihren Freund Trampel, beziehungsweise auf das, was aus ihm geworden war. Sein Fell war immer noch grün, doch das, was er auf dem Kopf trug, sah schon sehr seltsam aus. Eine Antenne, die mit einem Metallbügel befestigt war. Doch das war noch nicht alles, denn um den Hals trug er ein seltsam blinkendes Band, das in Intervallen elektronische Pfeiftöne von sich gab.

"Sag mal", fragte Goldi, nachdem er Antenne und Halsband ausgiebig betrachtet hatte, "Wieviel Programme hast du denn?"

Ein leises Schluchzen kam als Antwort, und Flecki meinte vorwurfsvoll, dass es wirklich nicht angemessen sei, dumme Bemerkungen über den armen Trampel zu machen.

"Genau", bekräftige Dodo, "vor allem, weil er ja ausgestorben ist, der Arme!"

"Doch nicht Trampel, du Blödmann! Der Moosbiber ist ausgestorben!" fauchte Bauleiter Murksel.

"Ich will nach Hause", jammerte Trampel, "ich mag nicht mehr! Das war alles so schrecklich, die haben mir sogar Blut abgezapft. Wenigstens gab es gutes Essen, das war wirklich lecker!"

"Hat jemand ein bisschen grüne Farbe für mich?" fragte Goldi, doch er war sofort wieder still, als er Fleckis vorwurfsvollen Blick sah.

"Lasst uns zum Karton, äh, zum Institut zurückgehen", schlug Murksel vor. "Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und bestimmt wartet der Bürgermeister schon!"

Sofort machte sich der kleine Trupp auf den Rückweg durch die inzwischen dunklen Straßen Ullapools. Von Minute zu Minute wurden die Hamster jedoch immer mehr von dem Gepiepse, das aus dem Halsband Trampels kam, genervt.

"Kannst du das nicht mal abstellen?" schimpfte Tuffi, doch Trampel schüttelte traurig den Kopf. Als sie endlich wieder die durchgerostete Eisentür erreichten, waren ihre Nerven durch das ständige Piepsen zum Reißen gespannt. Kurz darauf standen sie wieder vor der Eingangstür der Organisation BANTACH, die Tür wurde aufgerissen, und Dabi sah die Ankömmlinge erleichtert an.

"Netten Einkaufsbummel gemacht, wie? Das hat ja recht lange gedauert. Der Präsident hat schon... was ist denn das? Bei allen keltischen Heiligen, was hat das zu bedeuten?" rief sie entsetzt und deutete auf Trampel, der erschrocken zurückwich. "Das ist eine Katastrophe! Sicherheitsalarm! Sicherheitsteam sofort zum Ausgang!"

Sie drückte auf einen Knopf neben der Tür und starrte weiterhin fassungslos auf Trampel. Es war totenstill, nur das entnervende Piepsen seines Halsbandes war zu hören. Dann war Pfotengetrampel zu hören, und zwei mit Lanzen, besser gesagt, mit Zahnstochern bewaffnete Hamster, erschienen und wandten sich dienstbeflissen Dabi zu. Sie deutete auf Trampel und rief: "Macht ihm sofort das Ding da ab!" Dann richtete sie sich an Flecki und fragte: "Wo hat er das her?"

Flecki erklärte ihr in wenigen Worten, was passiert war. Dabi nickte, während im Hintergrund die gequälten Schreie Trampels zu hören waren, dem gerade mit vereinten Kräften Halsband und Antenne entfernt wurden. Endlich war es geschafft, und Trampel lag röchelnd, aber befreit von den Geräten der Forschungsstation, neben dem Eingang.

"Schnell, wir müssen das Gerät vernichten, sonst sind wir verloren!" rief Dabi. "Wenn die das Gerät anpeilen, haben die unseren geheimen Ort gefunden!"

"Gib mal her", brummte Goldi, nahm Halsband und Antenne und verschwand durch den Mauerspalt in Richtung Hafen. Atemlose Stille erfüllte den Raum, und es war wohltuend für die Hamsterohren, das nervende Geräusch des Halsbandes nicht mehr hören zu müssen. Nach wenigen Minuten tauchte zur Erleichterung aller Goldis grinsender Kopf in der Mauerspalte auf, und kurz darauf stand er wieder vor Dabi.

"Das Ding macht keinen Ärger mehr", grinste er. "Wie wäre es mit etwas Essbarem?"

Wenig später wurde sein Wunsch erfüllt, und auch seine Freunde ließen es sich schmecken, während Dabi dem staunenden Präsidenten und dem Bürgermeister Bericht erstattete. Als sie fertig war, nickte Balthasar eifrig und bat seine Sekretärin, einen ausführlichen Bericht in 3-facher Ausführung einschließlich multimedialer Präsentation über diesen Vorfall anzufertigen.

Seufzend führte Dabi nun die Hamster aus Hamsterhausen durch lange Flure und viele Seitengänge zurück bis zur Mauerspalte zum Hafen hin. Es hieß nun Abschied nehmen, denn langsam wurde es draußen wieder hell, und alle Beteiligten waren müde und erschöpft. Noch lange winkten Dabi und die Hamster einander zu, bis sie um eine Ecke bogen und der Lastwagen wieder in Sicht kam.

"Ja, sagt mal, wo steckt denn nun dieser verantwortungslose Typ?" schimpfte Flecki, als sie den Lkw leer vorfanden. "Der hätte uns doch glatt verhungern lassen. Aber der denkt ja wohl nur an sich und sein Vergnügen!"

Wenige Stunden später kehrte der verantwortungslose Typ zurück. Er hatte eine äußerst ungemütliche Nacht auf dem städtischen Polizeirevier verbracht und war in einem schrecklichen Zustand. Wenigstens hatte er soeben noch eine warme Mahlzeit auf der Polizeiwache bekommen, nachdem die Polizisten herausbekommen hatten, dass sie es nicht mit einem Kriminellen, sondern mit einem höchst bedauernswürdigen, abgerissenen Menschen zu tun hatten. Ärgerlich knallte Vim van der Slampe die Fahrertür zu und warf einen Blick in die Schlafkoje, wo ihn zu seiner großen Erleichterung zwölf durch den Krach geweckte und verärgerte Hamster anblickten. Er ließ den Motor an und schaute angespannt auf seine Benzinuhr. Besorgt stellte er fest, dass der Tank nur noch zu einem Drittel gefüllt war, und dass er  sich in dieser Richtung bald etwas einfallen lassen musste. Er drehte den Lkw und wollte am Hafen entlang zur A835 weiterfahren, als er zu seiner Überraschung feststellte, dass die Straße direkt vor dem Hafen abgesperrt war. Polizisten, mehrere Fernsehteams und viele neugierige Zuschauer hinderten ihn an der Weiterfahrt. Verwundert stieg er aus, um sich nach dem Grund dieses Menschenauflaufes zu erkundigen. Auch die Hamster waren aufmerksam geworden und starrten gebannt auf die vielen Leute. Nach kurzer Zeit öffnete sich die Wagentür, und Vim van der Slampe stieg wieder ein. Er schüttelte den Kopf und lachte: "Was das nicht alles gibt! Stellt euch vor, die haben da im Wasser ein Nest von irgendeinem seltenen Biber gefunden oder so etwas. Ich dachte immer, das gibt hier nur das Ungeheuer von Loch Ness!"

Erneut drehte er mit den Lastwagen um und fuhr über eine Umleitung durch die Argyle Street weiter bis zur A835.

"Sag mal", begann Flecki und sah Goldi scharf an, "was hast du mit dem Halsband und der Antenne gemacht?"

"Ins Hafenbecken geworfen, warum?" antwortete Goldi, der sich keiner Schuld bewusst war.

"Klasse, wirklich. Jetzt hat die Forschungsstation die Funksignale aufgefangen und denkt, dass da so eine prähistorische Biberbande auf dem Grund des Hafenbeckens lebt. Hast du gesehen, wie viele Kameras da waren? Das wird bestimmt überall im Fernsehen heute gesendet."

"Aber es ging doch um die nationale Sicherheit oder so", gab Goldi zu bedenken. "Hat jedenfalls Dabi gesagt. Was meint ihr, ob wir die noch einmal wiedertreffen werden?"

"Nun, öh, diesbezüglich denke ich, besteht eine gewissermaßen gute Chance“, meldete sich der Bürgermeister und strich bedeutungsvoll über seinen Schnurrbart. "Ich, äh, habe meinen Kollegen, den Präsidenten, eingeladen, doch einmal in naher Zukunft unseren neuen Vergnügungspark zu besuchen."

Die Sonne stand inzwischen etwas höher am Himmel und verhieß einen schönen Tag. Den Hamstern war das im Moment jedoch völlig egal, denn sie schliefen tief und fest in der Schlafkoje und ruhten sich von all den aufregenden Ereignissen der vergangenen Nacht aus. Dann war da noch jemand, dem es völlig egal war, und der hieß Vim van der Slampe und saß müde und erschöpft am Steuer.

Vor ihnen lagen noch 250 Kilometer bis zum Schloss des alten Lord McShredder.





Kapitel 22

Loch Ness

Mit trübsinniger Miene registrierte Vim van der Slampe, dass sie sich mittlerweile in dem Gebiet zwischen Wester Ross und Easter Ross befanden. Die Landschaft an der wenig befahrenen A835 zeigte sich von ihrer schönsten Seite; Berge und Lochs zogen langsam vorbei, Schafe blickten träge dem Fahrzeug entgegen. Er fuhr an dem einsamen Loch Glascarnoch vorbei, passierte einen Wald und kam zwischen Loch Luichart und Loch Garve wieder hervor. Doch für all diese wunderschönen Dinge zeigte er keinerlei Interesse. Liebend gerne hätte er den Lastwagen einfach am Straßenrand abgestellt und  sich in seine Schlafkoje verkrochen, doch die war leider von Hamstern besetzt. Sicherlich hätte er es auf eine Kraftprobe ankommen lassen können, doch er war nicht scharf darauf, eine Niederlage zu kassieren. Mittlerweile war ihm klar geworden, dass Hamster eben ihre Prinzipien und Vorlieben haben, jedenfalls diese Art von Hamstern. Ihm war auch klar, dass er sich nicht unnötig mit ihnen anlegen sollte.

An einer Parkbucht mit dem Schild "Blackwater" brachte er sein Fahrzeug zum Stehen und und holte seine Straßenkarte hervor. Er atmete tief durch, denn ihm wurde bewusst, dass er gerade noch rechtzeitig nach dem Weg geschaut hatte. Die nächste Abfahrt nach Marybank auf die die A832 mussten sie abbiegen, wenn er es vermeiden wollte, noch ein weiteres Mal durch den zähflüssigen Verkehr von Inverness zu kriechen. Sein Blick glitt ins Leere, als er auf die Karte starrte und an den Käsemarkt in Alkmaar dachte. Deutlich sah er den großen Platz vor dem alten Rathaus vor seinen Augen. Bestimmt würde sein Kumpel Ruud Kloetsack ihn fragen, wo er so lange gesteckt hatte, was alles passiert sei, und ganz bestimmt würde Vim van der Slampe ihm kein Sterbenswörtchen über die Dinge erzählen, die hier abgelaufen waren. Lieber würde er sich die Zunge abbeißen, als diesem ungehobelten Kerl etwas von den Hamstern zu erzählen. Da, nun ging es schon wieder los mit der Huperei! Ruud Kloetsack stand mit seinem riesigen Lkw vor ihm. Durch die Windschutzscheibe konnte er ihn genau sehen, wie er lachte und auf die Hupe seines Fahrzeugs drückte. Er schien überhaupt nicht mehr mit dem Hupen aufzuhören, und als Vim van der Slampe sich die Ohren zuhalten wollte, fühlte er einen höllischen Schmerz an seiner Stirn. Das Hupen war urplötzlich verstummt, und der Lkw-Fahrer öffnete verstört die Augen. Direkt vor sich sah er mehrere Hamster, die auf dem Armaturenbrett saßen und ihn verwundert anschauten. Peinlich berührt wurde ihm bewusst, dass er soeben beim Kartenlesen eingeschlafen war und seinen Kopf auf die Hupe gelegt hatte. Nachdem er einen kurzen Seitenblick aus dem Fenster geworfen und erleichtert festgestellt hatte, dass kein Polizeiwagen neben dem Lastwagen stand, lächelte er verlegen die Hamster an.

"Tut mir leid, Freunde, ich muss ein wenig, äh, eingenickt sein. Kommt nicht wieder vor."

Er setzte die verärgerten Tierchen wieder in die Schlafkoje zurück, ließ den Motor an und bog nach einigen hundert Metern rechts nach Marybank ab. Kurz darauf erreichte er Muir of Ord und stand vor der Entscheidung: links, rechts oder geradeaus? Er entschied sich für rechts und passierte den Ort Beauly und stand vor der nächsten Entscheidung. Diesmal wählte er links, doch nach zwei weiteren Kilometern musste er sich wieder entscheiden.

"Links, rechts, ich habe es satt!" brüllte er und handelte sich strafende Blicke der Hamster ein.

Schuldbewusst entschied er sich diesmal für rechts, denn links war ja gerade eben drangewesen. Als er den winzigen Ort Tomnacross erreichte, stoppte er kurz, um einen Blick auf die Karte zu werfen. Leider fand er den Ort nicht und fuhr grimmig weiter. Es ging durch eine öde, langweilige Strecke, sie passierten zweimal denselben Fluss und so langsam hegte der Lkw-Fahrer erhebliche Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns. Zudem bewegte sich der Zeiger der Benzinuhr immer weiter nach links, und das verhieß nichts Gutes. Als sie den Ort Milton erreichten, war links an der Reihe. Sie bogen ab und standen urplötzlich vor einem Schild, das soviel bedeutete wie: "Willkommen bei der Loch-Ness-Monster-Ausstellung in Drumnadrochit!"

Wo waren sie? Hektisch holte Vim van der Slampe seine Karte hervor, und ihm wurde bewusst, dass es ihm immerhin gelungen war, Inverness zu umfahren. Doch was nun? Sie waren am Ende, soviel war klar. Kein Benzin, kein Geld und keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Eine bleierne Schwere befiel ihn, und er legte sich auf Fahrer- und Beifahrersitz und schloss die Augen.

"Sag mal, pennt der schon wieder?" rief Teeblättchen empört.

"Viel wichtiger ist: Wo sind wir?" fragte Bauleiter Murksel und kletterte auf die Lehne des Fahrersitzes, um besser gucken zu können. Im nächsten Moment fiel er mit einem erstickten Schrei hinter den Sitz.

"Nette Nummer, Bauleiter", rief Goldi, "willst du damit nicht im Vergnügungspark auftreten?"

Der Bauleiter antwortete nicht, sondern rieb sich stöhnend den schmerzenden Hintern. Langsam rappelte er sich hoch, blickte zu seinen Freunden hinauf und rief: "Wir haben es geschafft! Dort hinten wohnt das Loch Ness Monster, wir sind am Ziel!"

Ungläubig schoben Hamstilidamst und Teeblättchen den Vorhang der Schlafkoje zur Seite und schauten auf das Schild, das sich an einem großen, flachen Gebäude befand. Kein Zweifel, auf dem Schild standen eindeutig die Worte "Loch Ness Monster".

"Wie ich schon immer gesagt habe, wir schaffen es!" grölte der Bürgermeister und hüpfte von einer Pfote auf die andere.

"Ja, ja, das ist ja alles schön und gut, aber wir brauchen doch den ollen Lord!" warf Flecki ein.

"Meinst du nicht, das Monster wäre viel besser?" fragte Tati.

"Und wenn es was dagegen hat, in Hamsterhausen aufzutreten?" ließ Flecki nicht locker.

"Das wird überhaupt nicht gefragt, das kriegt was auf die Glocke und fertig!" tönte Goldi und ballte die kleinen Pfoten.

"Kommt nicht in Frage, es ist ein Tier, das wie wir denkt und fühlt. Wir müssen anders vorgehen!"

Die anderen stimmten Flecki zu, und jetzt waren die Hamster nicht mehr zu halten. Sie waren fest davon überzeugt, dass sie das Unmögliche geschafft hatten. Dasie und Sasie fingen an zu tanzen, und sofort machten Tati, Teeblättchen und Tuffi mit. Während die einen nach langer Zeit wieder einmal ihre Tanzschritte ausprobierten, saßen die anderen daneben und klatschten begeistert. So entging es den Hamstern völlig, dass sie schon nach wenigen Minuten eine Menge Zuschauer hatten. Ein Reisebus mit japanischen Touristen stand in der Nähe der "Loch Ness Monster Exhibition".  Diese Touristen hatten bisher zwar eine Menge an Bildern und Plastikfiguren des Monsters gesehen, aber ansonsten absolut nichts Interessantes erlebt.  Tanzende Hamster waren für sie eine willkommende Abwechselung und so versuchten sie, mit ihren Kameras das eine oder andere Bild von diesem ungewöhnlichen Ereignis zu schießen. Die Scheiben des Lastwagens waren allerdings schon lange nicht mehr geputzt worden und dermaßen schmutzig, dass die Tanzgruppe nur undeutlich zu erkennen war.

Vim van der Slampe brauchte sehr, sehr lange um aufzuwachen und zu begreifen, dass da jemand an seine Fahrertür klopfte. Er gähnte herzhaft, blickte nach draußen und war im nächsten Moment hellwach. Na schön, er hatte sich verfahren, aber sie konnten sich doch niemals so weit östlich befinden. Er rieb sich die müden Augen und guckte ein weiteres Mal nach draußen, doch die freundlich lächelnden Japaner befanden sich noch immer vor seiner Wagentür. Sie zeigten auf irgendetwas in seinem Lastwagen, deuteten auf ihren Kameras und riefen etwas. Der Lkw-Fahrer kurbelte das Seitenfenster herunter und vernahm die Worte "Oi! Hamtaro-odóru, haráu, shíhei!"1 mit denen er nun wirklich nichts anfangen konnte. Plötzlich gab ihm einer der freundlichen Menschen eine Pfundnote und zeigte wieder auf etwas. Van der Slampe begriff zunächst nicht, doch als er sich umdrehte und die tanzenden Hamster in seiner Schlafkoje entdeckte, dämmerte es ihm.  Der freundliche Japaner zeigte erst auf den Geldschein, den der Fahrer in der Hand hielt und dann auf die tanzenden Hamster. "Hamtaro - shíhei!" ertönte es wieder und nun hatte van der Slampe begriffen.

"Hamtaro - skiheil!" rief er in die begeisterte Menge der Touristen und zeigte auf die Pfundnote. Lächelnd nickten die Japaner und reichten weitere Geldscheine. Der Lkw-Fahrer drehte nun auch die anderen Fensterscheiben seines Lkws herunter, damit alle zuschauen und Aufnahmen machen konnten. Ein älterer japanischer Tourist stand direkt neben der Fahrertür und beugte sich leicht in den Wagen, um besser sehen zu können. Sofort wandte sich Vim van der Slampe an ihn und sagte mit langsamer, aber lauter Stimme: "Du Hamtaro sehen wollen - du skiheil geben! Du verstehen? Erst du Geld, dann du Hamster!"

Der Japaner lächelte ihn an, verbeugte sich leicht und sprach: "Selbstverständlich, mein Herr, Sie haben völlig Recht. Wo habe ich nur meine Manieren gelassen? Können Sie auf eine Fünf-Pund-Note herausgeben?"

Als der Lkw-Fahrer nicht antwortete, sondern mit offenem Mund nur da stand und den älteren Herrn anstarrte, fragte dieser lächelnd weiter: "Wünschen Sie, dass ich meine Antwort auf Englisch wiederhole? Ich vermutete anhand ihres Autokennzeichens, dass Sie Holländer sind." Ein schwaches Kopfschütteln war die Antwort, und nachdem er dem freundlichen Japaner das Wechselgeld gegeben hatte, setzte sich van der Slampe wieder auf seinen Fahrersitz. Von da an hielt er den Mund und beschränkte seine Tätigkeit auf das Einsammeln und Wechseln von Geld. Dann ertönte die laute Hupe des Reisebusses, und mit freundlichem Winken verabschiedete sich die Reisegesellschaft. Kurz darauf erschien ein weiterer Bus mit Touristen, und fröhlich pfeifend kurbelte Vim die Scheiben des Lkw wieder hoch und wartete.

Einige Busse später waren die Hamster von ihrer begeisternden Tanzeinlage müde und hatten sich wieder in die Schlafkoje zum Ausruhen zurückgezogen, während in der Fahrerkabine eifrig Geld gezählt wurde. Erfreut stellte der Lkw-Fahrer fest, dass sie gerettet waren, und dass die Einnahme nicht nur für eine volle Tankfüllung, sondern auch für ein gutes Bed & Breakfast sowie einige Mahlzeiten reichen würde. Für einen Moment fühlte er sich wieder munter und war gut gelaunt. Nun hieß es, eine Tankstelle finden, und nach kurzem Studieren der Karte wurde klar, dass am südlichen Ende des Loch Ness die nächste Tankmöglichkeit vorhanden war.

Nach etwas mehr als 30 Kilometern hatte er Fort Augustus mit fast leerem Tank erreicht. Kaum stand der Lkw an der Zapfsäule, waren die Hamster auf den Stopp aufmerksam geworden und gingen der Sache auf den Grund.

"Wir tanken", stellte Goldi fest. "Wir sind weitergefahren."

"Öh, ja, und das Loch Ness Monster? Da- da- das gilt nicht, wir müssen zurück!"

"Nun dreh mal nicht durch, Bürgermeister", schimpfte Flecki. "Erstens hätte das sowieso nicht geklappt und zweitens hast du ja rumgetönt, dass wir den ollen McShredder holen wollen, oder?"

Der Bürgermeister tappte nervös mit seiner linken Pfote auf den Boden der Schlafkoje und starrte aus dem Seitenfenster. Angestrengt überlegte er und überdachte die Sachlage, jedoch ohne brauchbares Ergebnis. Bevor er sich in weitere, sinnlose Grübelleien verstricken konnte, war Vim van der Slampe wieder in den Lkw gestiegen. Eine Papiertüte, die er achtlos auf den Beifahrersitz legte, erweckte die Neugier seiner Mitfahrer. Er achtete jedoch nicht darauf sondern zählte das verbliebene Geld, denn Tanken ist in Schottland nun mal teuer. Zufrieden stellte er fest, das sich die Lage jetzt deutlich verbessert hatte.

"Wisst ihr was, ihr kleinen Tranzmäuse? Wir werden uns in Fort William so richtig ausruhen und in großem Stil Essen gehen. Was meint ihr?"

Schweigend blickten die Hamster erst ihn und dann die Papiertüte an. Er verstand, griff in die Tüte, zog zwei Brötchen hervor und warf sie den Hamstern zu. Dann wandte er sich wieder dem Geld zu. Sein Blick glitt auf eines der Geldstücke, das ihm vorhin schon aufgefallen war. Es unterschied sich deutlich von den anderen, denn es war eckig und sehr abgegriffen. Van der Slampe entschied, dass es sich wohl um Spielgeld handelte und warf lachend die Münze den Hamstern zu.

"Hier, aber nicht alles auf einmal ausgeben!"

"Sag mal, spinnt der Kerl jetzt?" fauchte Flecki empört. "Fast hätte mich dieser Riesenidiot mit dem Geldstück getroffen!"

"Lass mal sehen", riefen Sasie und Dasie und untersuchten die Münze. Unbekannte, merkwürdige Zeichen waren darauf zu erkennen. Nachdem der Fund von allen ausgiebig beschnüffelt und für nicht weiter interessant betrachtet wurde, verließen die Hamster das Armaturenbrett und zogen sich in die Schlafkoje zurück. Der Motor des Wagen wurde angelassen, und die Fahrt ging weiter, vorbei am Caledonian Canal bis hin zu einer scharfen Linkskurve, an der sie auf das Loch Oich stießen. Es war bereits später Nachmittag, und da sie von hohen Bergen umgeben waren, war die Sonne nicht mehr zu sehen. Fluchend gelangte der Lkw-Fahrer  an eine erneute Weggabelung, und er entschloss sich, dem Loch zu folgen. Nach weiteren 15 Kilometern am Loch Lochy vorbei, hatte er die nächste Weggabelung erreicht, hielt an und schaute auf der Karte nach. Nur mühsam gelang es ihm, die richtige Route zu erkennen, denn seine Augen fingen langsam an, ihm Streiche zu spielen. Kurz darauf nahm der Verkehr zu, und das Ziel schien nicht mehr weit zu sein. Er fuhr in einen Kreisverkehr hinein und versuchte verzweifelt, anhand der Schilder zu erkennen, wo sie aus diesem "Roundabout" herausfahren mussten. Ein Schild sah wie das andere aus, und die Namen sagten ihm nichts. Während er sich verzweifelt abmühte, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, fanden die Hamster Spaß an dieser Karusselfahrt und feuerten den Fahrer mit begeisterten "Uhuj!" und "Eippij!"-Rufen an. Vim van der Slampe wurde von Runde zu Runde nervöser, und als er einen Polizeiwagen in den Kreisverkehr einbiegen sah, machte er, dass er an der nächsten Möglichkeit abbog. Zu seiner Erleichterung folgte ihm der Wagen nicht, und beruhigt stellte der Lkw-Fahrer fest, dass sie wieder an einem langgestreckten Loch vorbeifuhren.

"Es kann nicht mehr weit sein, meine kleinen Freunde!" rief er, während er am Loch Eilt entlang fuhr, und sie sich immer weiter von Fort William und einem Essen in großem Stil entfernten.

"Schon besser", schnaufte Flecki, "wenn der uns noch mal Tanzmäuse nennt, dann ist er dran!"

"Genau", stimmte Goldi zu, "dann machen wir das 'Duden-Spiel' mit ihm."

"Duden? das Spiel kenne ich nicht."

"Ach", grinste Goldi, "das bringt echt Spaß: Aufschlagen, Zuschlagen und immer wieder Nachschlagen!"

Die Hamster keckerten vergnügt, während das Gesicht ihres Fahrers immer länger wurde. Sie hätten schon längst in Fort William sein müssen! Ganz langsam dämmerte es ihm, dass sie sich wohl verfahren hatten. Am Ende des Lochs stoppte er und sah auf seine Karte. Würde er hier abbiegen, dann käme er wieder auf den alten Weg zurück, doch leider war die Straße für Lastwagen gesperrt, und umdrehen konnte er auf dieser engen Straße nicht. Laut fluchend fuhr er schließlich unter den verwunderten Blicken seiner Mitfahrer weiter. Wenig später erreichten sie unter dem Jubel der Hamster Glenfinnan und aus der Schlafkoje ertönte "Sommer, Sonne, Strand". Vim van der Slampe wurde von Minute zu Minute gereizter, sie erreichten ein Schild mit der Aufschrift "Lochailort", ein Wort, dass er nicht einmal ansatzweise aussprechen konnte. Er bog links ab, vorbei an einer wunderschönen Bucht, für die er jedoch leider nur einen grimmigen Blick übrig hatte. Die Straße war nun wieder enger geworden und führte die Reisegesellschaft zurück ins Landsinnere. Vorbei ging es am Loch Moidart, und als sie den Ort Dalnabreck erreichten, wurde den Hamstern klar, dass sie hier schon einmal gewesen waren. Bald würden sie den Ort erreichen, an dem sie den festen Vorsatz gehabt hatten, sich durch ehrliche Arbeit Geld und Futter zu verdienen. Das hatte zwar nicht sonderlich gut geklappt, aber immerhin hatte es dank Goldis schauspielerischer Künste wenigstens zu Futter gereicht. Der Lkw folgte nun einer langen Linkskurve, an deren Ende van der Slampe den Wagen stoppte. Geradeaus oder über die Brücke? Er hatte keine Ahnung und war erleichtert, als er auf dem Brückengeländer einen Mann sitzen sah. Begleitet von den neugierigen Blicken der Hamster verließ er den Wagen und ging auf den Mann zu.

"Guten Tag, Sir", hörten die Hamster ihn sagen. "Können Sie mir sagen, ob dieser Weg nach Oban führt?"

"Sie haben großes Glück, Mister", erklang die freundliche Antwort. "Zufällig will ich auch ein Stück in die Richtung. Wenn Sie mich mitnehmen, zeige ich Ihnen den Weg."

"Gerne, mein Name ist Vim van der Slampe, und ich komme aus Holland. Ich bin ein wenig vom Weg abgekommen, wissen Sie", lachte der Lkw-Fahrer und konnte sein Glück kaum fassen.

Endlich würde alles gut werden. All diese unbekannten Strecken und Schilder, diese engen Straßen. All das würde ihm nun nichts mehr ausmachen, denn nun hatte er einen ortskundigen Führer.

"Und wie ist ihr werter Name, Sir", fragte van der Slampe den Mann, der sich nun von dem Brückengeländer erhob und auf den Lastwagen zuging.

"Mein Name, Mr. Holländer? Mein Name ist Dudle, Finnegan McDudle."




Kapitel 23

Morvern

"Angenehm, Mr. McDudle", entgegnete van der Slampe. "Wenn Sie dann bitte auf dem Beifahrersitz Platz nehmen würden."

Finnegan McDudle ließ sich nicht zweimal bitten. Er war froh, dass er einen warmen Sitzplatz bekam, denn draußen war es mittlerweile recht kühl geworden. Natürlich wäre kein normaler Mensch auf die Idee gekommen, frierend auf einem Brückengeländer zu sitzen. Jeder normale Mensch wäre wohl nach Hause in seine warme Stube gegangen. Leider hatte er im Moment diese Möglichkeit nicht, denn Finnegan McDudle war zurzeit gewissermaßen obdachlos, nachdem ihn seine Frau aus dem gemeinsamen Haus hinausgeworfen hatte. Na schön, er hatte ein wenig die Zeit vergessen, nachdem er seinen Kumpel McMoonshine in Polloch besucht hatte. Ja, gut, er war erst nach fünf Tagen wieder zu Hause aufgetaucht, aber das lag doch nur daran, dass er sein Boot verkauft hatte, um noch ein wenig weiterfeiern zu können. Sicherlich traf ihn auch eine gewisse Mitschuld an seiner jetzigen Situation, denn der Zeitpunkt  war denkbar ungünstig gewählt gewesen, als er recht spät abends wieder zu Hause eintraf. Mrs. McDudle nämlich hatte noch ihre sämtlichen Freundinnen zu Besuch und beklagte gerade laut den Verlust ihres Ehemannes, als dieser zur Tür hinein stolperte. Der Einfachheit halber hatte Finnegan McDudle sich bereits vorher seiner Klamotten entledigt, um still und heimlich in sein Bett zu verschwinden. Es folgte ein äußerst peinlicher Auftritt, der seinen sofortigen Rausschmiss zur Folge hatte. Nun war guter Rat teuer, und nachdem er einige Zeit vergeblich versucht hatte, durch lautes Klopfen an der Tür und durch lautes Beteuern eines zukünftig vorbildlichen Verhaltens wieder Einlass zu bekommen, gab er auf. In stockdunkler, regnerischer Nacht war er nun zur Brücke über den River Shiel gelaufen, um dort zu übernachten. Tagsüber hatte er dann in einem günstigen Moment einen Laib Brot aus der Bäckerei von Acharacle gestohlen und  sich unter der Brücke ein wenig eingerichtet. Bereits seit dem späten Nachmittag hatte er dann auf dem Brückengeländer gesessen und überlegt. Es war absolut nichts dabei herausgekommen, bis der dunkelblaue Lkw mit dem holländischen Kennzeichen auftauchte.

"Wohin fahren Sie, Mr. McDudle?" wurden seine Gedanken unterbrochen.

"Ich, Mr. Holländer? Ich fahre überhaupt nicht."

Vim van der Slampe lachte. Es tat ihm gut, einen Gesprächspartner zu haben, und seine Müdigkeit war wie verflogen.

"Mein Name ist van der Slampe, Vim van der Slampe. Ich meine natürlich, wohin wollen Sie fahren?"

McDudle überlegte angestrengt. Wohin wollte er eigentlich? Eines war sicher: Nach Hause konnte er in den nächsten Tagen nicht. Erst wenn etwas Ruhe eingekehrt wäre, könnte er sich wieder gefahrlos blicken lassen. Nach Polloch zu seinem Kumpel zu gehen war unmöglich. McMoonshine befand sich bestimmt in ähnlichen, wenn nicht noch größeren Schwierigkeiten. Es war wirklich keine gute Idee gewesen, auf der Suche nach einem leckeren Braten in den Hühnerstall des jähzornigen MacKill einzubrechen. Das Rupfen der Tiere hatten sie zwar noch geschafft, aber die Tiere zu töten, das hatten die beiden Saufnasen dann doch nicht übers Herz gebracht. McDudle fuhr ein kalter Schauer über den Rücken, als er daran dachte, was MacKill wohl am nächsten Morgen gesagt hatte, als er seine nackten Hühner entdeckte. Bestimmt würde er vor Wut toben, und bei dem Lärm, den McDudle und McMoonshine in der Nacht veranstaltet hatten, war es auch klar, wen er für die Schuldigen halten würde.

"Wohin ich fahren will, Mr. Wanderschlampe? Nun, das ist etwas kompliziert, wenn Sie verstehen..."

Der Lkw-Fahrer lachte erneut. Welch einen lustigen Spassvogel hatte er da aufgegabelt! Zudem noch einen, der ihm den Weg zeigen könnte.

"Ja, die komplizierten Wege kenne ich bereits, mein lieber McDudle. Arbeiten Sie in dieser Gegend?"

"Arbeiten?" Finnegan McDudle überlegte. Sollte er sagen, er sei hin und wieder Friedhofsgärtner auf einer winzig kleinen, absolut unbekannten Insel?

"Ja", bekräftige van der Slampe, "ich meine: womit verdienen Sie ihr Geld?"

"Geld, Mister?"

"Ja, Geld! Womit bezahlen Sie ihre Rechnungen?"

"Rechnung, Mister, äh? Nun ich zahle keine Rechnungen, das macht meine Frau."

"Na schön. Also was machen Sie, wenn Sie nicht auf Brücken sitzen?"

"Sie meinen, was ich arbeite, Mr. Fransenlampe?"

"Van der Slampe, Vim van der Slampe aus Holland. Ja, genau, als was arbeiten Sie?"

Finnegan McDudle überlegte erneut. Würde er die Wahrheit sagen, dann könnte es sein, dass er zu Fuß weitergehen müsste. Wer wollte schon einen obdachlosen Friedhofswärter mitnehmen, der sich von schwarzgebranntem Fusel ernährte?

"Nun, Mr. Schlampe aus Holland, ich bin Inselverwalter und war der Berater des Lord vom Loch Ness."

"Van der Slampe! Und ich komme aus Holland!" brüllte der Lkw-Fahrer und bremste. Sie hatten soeben Salen erreicht und standen nun vor einer Abzweigung.

"Links oder rechts?"

"Vom Loch Ness?"

"Nein, die Straße, Mann! Wo längs müssen wir?"

Finnegan hatte keine Ahnung. Normalerweise fuhr er mit dem Ruderboot nach Polloch und zurück. Er blickte nach Vorne durch die Windschutzscheibe und sah das Hinweisschild für die Corran-Fähre. Ja, das sagte ihm etwas.

"Selbstverständlich nach links, Mister."

Erleichtert folgte van der Slampe der A861, die nun weiter am Loch Sunnart nach Eilean Mor führte.

"Wie sagten Sie, ist ihr Name?"

"Van der Slampe, Vim van der Slampe und ich komme aus Holland. Soll ich Ihnen etwas zu Schreiben geben?"

"Danke, Mr. Schlampe und ich komme aus Holland, das wird nicht nötig sein. Mein Name ist recht kurz: McDudle. Den brauche ich Ihnen nicht aufzuschreiben."

Die nächsten Minuten herrschte eisiges Schweigen in der Fahrerkabine, aber dafür war es in der Schlafkoje umso lauter. Die Hamster diskutierten aufgeregt die neue Situation.

"Ich bitte um Ruhe, meine lieben Freunde. Wir sind, wie ich es schon mehrfach erwähnte, durchaus und möglicherweise auf dem richtigen Weg. Sollten auch Zweifel irgendwelcher Art an der Richtigkeit des Zwecks und des Erfolges unserer Reise bestehen, so sind sie durch die Anwesenheit dieses Dudels, äh, McDudles, beseitigt und ich möchte noch einmal betonen..."

"Der Spinner soll der Beweis sein, dass alles in Ordnung ist?" unterbrach Flecki den Bürgermeister.

"Nun, öh, er ist uns in der Vergangenheit bereits einmal im Zusammenhang mit Lord McShredder, wenn ich es einmal so ausdrücken darf, über den Weg gelaufen und darüber hinaus...."

"Slampe! Vim van der Slampe!" Das Gebrüll aus der Fahrerkabine ließ die Hamster zusammenschrecken. "Und ich habe gefragt, wer der Lord vom Loch Ness ist!"

Die Hamster krabbelten so weit nach vorne wie es nur ging. Diese Diskussion versprach interessant zu werden, und Finnegan McDudle schien angestrengt zu überlegen.

"Tja, äh, Mr. Bim, also sein Name war..."

"Vim!"

"Nein, nein, nicht Vim. Jetzt habe ich es: Killichonan hieß er. Einen Butler hatte er übrigens auch immer dabei. Jedenfalls habe ich ihn kreuz und quer durchs Land geführt. Sie haben also Glück, mein lieber Mr. Wumm, dass Sie mich getroffen haben."

"Mit dem kreuz und quer hat er tatsächlich recht", knurrte Murksel. "Hoffentlich kennt der Kerl dieses Mal den Weg besser."

"Ich heiße nicht Wumm! Vim, oder van der Slampe, oder Holländer, oder irgend etwas! Aber nicht Wumm! Bitte sprechen Sie mich nicht mehr mit Namen an, sagen Sie nichts. Verstanden? Nichts!"

Einen Moment herrschte Ruhe. Die Hamster hatten es sich bequem gemacht und freuten sich auf die nächsten Minuten. Draußen war es inzwischen dunkel geworden und die Scheinwerfer des Lkws wiesen den Weg. Ein Schild mit der Aufschrift "'Strontian' tauchte plötzlich auf, und McDudle zeigte mit dem Finger nach vorne.

"Strontian, wir sind richtig, Mr. Nichts. Wussten Sie übrigens, dass es in Strontian früher Strontium gab? Meine Frau sagt immer...."

"Achtung, ein Baum!" kreischte der Lkw-Fahrer. Der schwere Lastwagen begann zu schlingern, das gesamte Gefährt rumpelte und quietschte und der Lkw kam neben der Landstraße zum Stehen.

"Ein Baum? Wieso sollte meine Frau 'Achtung, ein Baum' gesagt haben? Sie hat nur gesagt..."

"Klappe, McDudle!" rief der Lkw-Fahrer.

"Nein, das hat Sie auch nicht gesagt, Mister, äh..." Finnegan McDudle verstummte, als eine Faust dicht vor seinem Kinn auftauchte.

Vim van der Slampe stieg aus und sah sich um. Er ärgerte sich, denn in seinem ganzen Leben hatte er noch keinen Unfall gehabt. Allerdings hatte er auch in seinem ganzen Leben noch nicht so einen Beifahrer gehabt. Der Baum war heil geblieben und die Stoßstange wies nur eine kleine Beule auf. Glück gehabt, dachte er, ging zurück zum Lkw und suchte seine Karte hervor. Er suchte und fand die Stadt Strontian und schätzte, dass es vielleicht noch 70 Kilometer bis Oban waren. Sie würden irgendwo übernachten müssen, aber wo?

"Kennen Sie eine gute Übernachtungsmöglichkeit?" richtete er die Frage an McDudle. Dem fiel außer Polloch jedoch nichts ein, und deshalb hielt er besser den Mund und schüttelte nur mit dem Kopf.

"Schön, fahren wir also weiter."

Schweigend ging es nun weiter durch die Dunkelheit. Die Straße war gut befahrbar, jedoch unbeleuchtet, und so kamen sie nach wie vor nur langsam voran. Hin und wieder gab es etwas Gegenverkehr, und gelegentlich wurden sie von schnelleren Wagen überholt.

"Da vorne ist eine Abzweigung, McDudle. Was sagt der ortskundige Fachmann dazu?" fragte der Lkw-Fahrer und versuchte, die Stimmung etwas aufzuheitern.

"Wen meinen Sie, Mr. Wunderlampe?"

"Einen gewissen Finnegan McDudle", stöhnte Vim van der Slampe genervt.

"McDudle sagten Sie?" überlegte Finnegan McDudle laut, während die Hamster wieder an die vorderste Kante der Schlafkoje gekrochen waren, um besser lauschen zu können. Es war nicht nur die Neugier, die die kleinen Tiere immer wieder zwang, die Diskussionen zu verfolgen, es war auch ihr Hunger, der immer größer wurde. Schließlich fiel hier vorne in der Fahrerkabine die Entscheidung über ihr Schicksal, nämlich wann und wo sie endlich eine Übernachtungsmöglichkeit finden, und somit etwas zu Essen bekommen würden. Das, was sich gerade vor ihren Augen abspielte, ließ nicht darauf schließen, dass eine Rettung in Sicht war.

"Es ist empörend, wie diese beiden Männer sich benehmen! Wie die Tiere!" schimpfte Flecki.

"Aber wir sind doch auch Tiere", warf Dodo ein. "Und ich habe noch niemals jemanden mit einem Buch geschlagen!"

"Das ist ein Autoatlas, mit dem er zuschlägt, Dodo", verbesserte Flecki.

"Rechts", keuchte McDudle und der Lkw-Fahrer legte den schweren Autoatlas wieder beiseite.

"Na also, warum haben Sie das nicht gleich gesagt", knurrte van der Slampe, bremste den schweren Lastwagen herunter und lenkte ihn auf eine nach rechts führende Straße, die zunächst weiter am Loch Sunnart verlief. Nach einigen Kilometern war die Strecke einsam geworden, sehr einsam sogar, denn schon seit geraumer Zeit waren ihnen keine Fahrzeuge mehr entgegen gekommen. Das war übrigens auch ganz gut so, denn die Straße schien jetzt immer enger zu werden. Hin und wieder hoppelte der Wagen heftig, wenn sie in ein Schlagloch gefahren waren, und deshalb fuhren sie recht langsam. Sehr zum Leidwesen der Hamster, die sich eine schnellere Fahrt über die Schlaglöcher gewünscht hätten. Dennoch waren deutlich 'Uhuj'-Rufe aus der Schlafkoje zu hören. Es war Trampolinspringen, allerding ohne Trampolin, angesagt. Plötzlich stoppte der schwere Wagen und die Hamster hörten den Fahrer sagen:  "Geradeaus oder links?"

"Geradeaus", kreischte Finnegan McDudle. "Bitte nicht wieder mit dem schweren Autoatlas schlagen, Mr. Wunderkante!"

"Treffer!" grölte Goldi. "Genau auf die Backe! Der Schlag hat gesessen!"

Mitfühlend sah Flecki zu dem jammernden McDudel und fauchte: "Du bist so fies, Goldi. Bestimmt würdest du auch Blindenhunde mit Würstchen auf die andere Straßenseite locken!"

Während Goldi noch überlegte, wo er Würstchen herbekommen könnte, zogen in der Dunkelheit Bäume wie Schatten an ihnen vorbei. Schon seit vielen Kilometern, genauer gesagt, seitdem sie auf diese Straße abgebogen waren, war ihnen niemand mehr begegnet. Es war unheimlich dunkel und still draußen, und nur das Brummen des Motors war zu hören. Dann war zur rechten Seite des Weges plötzlich ein Licht zu erkennen. Van der Slampe bremste und drehte die Scheibe seiner Tür herunter.

"Ein Haus", rief er. "Ich werde mal nachsehen, ob wir dort übernachten können!"

Er stieß die Tür auf und drehte sich zu Finnegan McDudle um: "Sie bleiben hier und rühren sich nicht vom Fleck, verstanden!" Dann sprang er lässig von seinem Sitz hinaus ins Dunkle. Es platschte laut, ein Gurgeln war zu hören und dann war alles still.



Kapitel 24

Alltachonaich

"Wo is 'n der Fahrer hin?" fragte der Bauleiter und beugte sich ein Stück vor, um besser sehen zu können.

"Warum macht denn dieser Idiot von McDudle nichts?" schimpfte Flecki. "Der muss dem armen Kerl doch helfen, schließlich hat er das Platschen doch bestimmt gehört!"

"Nun, äh, diesbezüglich hat er klare Vorgaben erhalten. Er soll sich nicht vom Fleck dingsen, äh, rühren", warf der Bürgermeister ein.

Ein lautes Blubbern und Gurgeln ließ die Hamster zusammenschrecken. Dann war etwas Schwarzes, Schlammiges zu erkennen, das sich am Türschweller des Lkws festklammerte.

"Ein Monster!" kreischte Flecki, und in diesem Moment wurde Finnegan McDudle auf das merkwürdige Fiepen hinter ihm aufmerksam und drehte sich vorsichtig um. Für einen Moment kreuzten sich die Blicke von Hamster und McDudle, dann gingen ihre Blicke wieder zum unteren Teil des Türrahmens der Fahrerseite, an der ein weiteres schwarzes, schlammiges Etwas erschien. Es waren zwei Hände, und begleitet von einem Fluchen erschien nun der dazugehörige Oberkörper samt Kopf, der ebenfalls völlig mit Schlamm bedeckt war. Nur anhand der weit geöffneten, vor Wut sprühenden Augen war zu erraten, dass es sich um Vim van der Slampe handelte.

Finnegan McDudle blickte ratlos auf diese merkwürdige Gestalt. Er kratzte sich am Ohr und musterte erneut dieses mit einer schwarzen Schmutzschicht bedeckte Wesen, das im Begriff war, in den Wagen zu klettern. Dann schien es so, als würde McDudle all seinen Mut zusammennehmen, als er mit zitternder Stimme fragte:

"Äh, willkommen, äh, Mr. Afrika. Sie erinnern mich an jemanden. Sagen Sie, haben Sie zufällig einen weißen Bruder, der Holländer ist?"

Ein Klatschen war zu hören und Goldi rief: "Satter Treffer, genau zwischen die Augen!"

"Es ist ekelhaft", war nun Fleckis Stimme zu hören. "Die sauen doch den ganzen Wagen ein!"

Kurz darauf kehrte wieder Ruhe ein. Der Lkw-Fahrer versuchte, sich mit Papiertüchern so gut es ging zu reinigen, während Finnegan sich den schmerzenden Schädel hielt und jammerte: "Aber Mr. Wundertante, Sie haben doch selbst gesagt, ich soll mich nicht vom Fleck rühren! Wussten Sie übrigens, dass wir Mäuse an Bord haben?"

Van der Slampe antworte nicht, sondern suchte eine Taschenlampe hervor. Als er sie gefunden hatte, wandte er sich an seinen Beifahrer: "Aussteigen!"

"Aber Sie können mich doch nicht hier in der Wildnis aussetzen...."

"Steig aus, ich leuchte dir!" brüllte der Fahrer. "Wir müssen doch irgendwie einen Weg zu dem Haus dort hinten finden, ohne wieder in einen Drecksgraben zu fallen! Deshalb wirst du vorgehen, schließlich bist du der Führer, McDudle! Im übrigen sind das keine Mäuse, sondern Hamster. Ich werde sie in einem Eimer mitnehmen, denn erstens brauchen die was zum Fressen und zweitens möchte ich nicht, dass sie alleine in meinem Lkw bleiben. Vorwärts!"

Diese Aufforderung galt dem Friedhofwärter, der nun umständlich auf seiner Seite ausstieg, während van der Slampe die Hamster einsammelte und mit gezückter Taschenlampe folgte. Nachdem beide über die Beifahrerseite ausgestiegen waren, liefen sie um die Vorderseite des Lkws herum und betrachteten im Licht der Taschenlampe die Stelle, an der Vim van der Slampe vor wenigen Minuten untergegangen war.

"Tja, Mister, da möchte man nicht reinfallen", brummte McDudle, hielt aber sofort den Mund, als sich der Lkw-Fahrer nach ihm umdrehte. Vorsichtig gingen sie vorbei an dieser morastigen Stelle, die ihr Wasser von einem dicht vorbeilaufenden Fluss erhielt. Nach ein paar Schritten sahen sie eine nach rechts führende Abzweigung; ein kleines Holzschild war dort in den Boden gerammt.

"Corran 26 und Lochaline 6", las van der Slampe laut vor. "Als wir bei Strontian vorbeikamen, waren es nur 20 Meilen bis zur Corran-Fähre, McDudle!?"

"Tjä, Mr. Corran, äh, das ist schon etwas eigenartig. Das liegt an den schottischen Bergen, wissen Sie? Die verfälschen oft die Entfernungen, denn mal gehen die rauf, und dann gehen sie wieder runter. Die Berge natürlich, und deshalb..."

McDudle fühlte einen Tritt und hatte Mühe, nicht umzufallen. Ohnehin war der Weg recht matschig, und sie gingen äußerst vorsichtig, um nicht auszurutschen. Der Weg war sehr schmal, viel zu schmal für ein Fahrzeug, zudem schien er auch wenig benutzt zu sein. Während sie bergauf liefen, waren die ersten Umrisse von zwei kleinen Gebäuden zu erkennen. Fröstelnd gingen sie weiter, denn es war recht kühl in dieser Nacht, und nach einer halben Stunde erreichten sie ein kleines Gehöft. Sie gingen direkt auf das linke Gebäude zu, denn hinter den Fenstern war das Licht zu sehen, das sie schon von der Straße aus entdeckt hatten.

Vim van der Slampe schob McDudle zur Seite und lief auf die Tür zu. Bevor er anklopfte, drehte er sich noch einmal um: "Es ist besser, McDudle, wenn ich frage."

Es dauerte eine Weile bis die Tür geöffnet wurde. Der Lkw-Fahrer hatte noch nicht einmal seine ganze Bitte um eine Übernachtung geäußert, da wurden sie schon eingelassen.

"Gäste? Zu dieser späten Stunde? Herzlich willkommen und tretet ein!" rief ein freundlich blickender, älterer Mann, dessen rote Haare wirr über seinem Kopf verteilt waren. Er war recht ärmlich gekleidet und auch seine Behausung war karg eingerichtet. Neben ihm stand eine Frau, deren langes, schwarzes Haar fast bis zur Hüfte reichte. Sie trug ein Kleid, das bereits mehrfach geflickt worden war. Vim und Finnegan schauten sich neugierig um. Ein kleiner Raum, in der Mitte ein Tisch mit mehreren Stühlen und daneben ein Kamin, in dem die Flammen gemütlich loderten. Der Boden bestand aus Holzbohlen, einen Teppich gab es genauso wenig in diesem Zimmer wie Tapeten. Von der Decke herab hing eine rostige Kette, an der auf einer rostigen Schale eine Kerze vor sich hin flackerte.

"Willkommen in Alltachonaich", sagte der Mann und zeigte auf die Frau. "Das ist meine Frau Judy und ich bin Dylan McCollins. Wo kommt ihr her, und wo wollt ihr hin?"

"Nun Sir, das ist eine lange Geschichte", begann der Lkw-Fahrer und warf einen kurzen Blick auf den Eimer mit den Hamstern, der neben seinen Füßen stand. "Mein Name ist Vim van der Slampe, ich komme aus Holland und das ist mein, ähem, Begleiter und Wegweiser Finnegan McDudle aus..."

Er blickte Finnegan auffordernd an, doch der begriff mal wieder nichts.

"McDudle, woher kommen Sie?" knurrte Vim und sah Finnegan böse an.

"Ich, Mr. Franzenklampfe? Aus dem Lastwagen!"

"Aus welcher Stadt, Dudle!"

"Der Lastwagen? Weiß ich nicht!"

"Nicht der Lastwagen, ich meine Sie! Außer welcher Stadt kommen Sie?"

"Ich glaube aus Dalelia, Mr. Hans der Schlanke!"

Vim van der Slampe lächelte das Ehepaar McCollins gequält an. Liebend gerne wäre er in diesem Moment mit seinem Beifahrer alleine im Raum gewesen.

"Wir sind auf dem Weg nach Oban", fuhr Vim fort und warf einen erneuten Seitenblick auf Finnegan. "Allerdings ist es möglich, dass wir ein wenig vom Weg abgekommen sind. Mr. Dudle ist in Acharacle dazugekommen, um uns zu führen. Gestartet sind wir in Edinburgh."

"Da sind Sie in der Tat ein wenig von der Strecke abgekommen, mein lieber Vim", rief nun Judy lachend. "Sie sagten, Mr. 'Dudle kam in Acharacle dazu um 'uns' zu führen?’ Wer gehört denn noch dazu?"

"Äh." Der Lkw-Fahrer blickte nachdenklich auf den Tisch vor sich. Dann fiel sein Blick auf den Eimer mit den Hamstern, die dichtgedrängt saßen und ihn mit großen Knopfaugen hungrig anstarrten. Egal, er musste es jetzt sagen, denn die Tierchen waren gewiss hungrig und wenn sie hungrig waren, dann war nichts vor ihnen sicher. "Die Hamster und ich", fügte er hinzu und ließ seinen Blick auf die vor ihm hängende Kerze schweifen.

"Hamster? Etwa in dem Eimer dort?" rief Dylan McCollins drohend.

"Ja, Sir", entgegnete Vim kleinlaut.

"Die müssen sofort raus!" rief die Frau. "Geben Sie mir sofort den Eimer, Mr. Slampe!"

Ohne eine Reaktion des Fahrers abzuwarten ergriff Judy McCollins den Eimer und trug ihn zum Kamin. Ihr Mann war in der Zwischenzeit aus dem Raum gelaufen und kam nun mit einem großen Tuch wieder, das er seiner Frau gab. Judy breitete es neben dem Kamin aus, und holte einen Hamster nach den anderen aus dem Eimer und setzte alle nacheinander auf das Tuch. Dann schob sie die Ecken des Tuches ein wenig zur Mitte hin und sagte zufrieden: "So, nun habt ihr es schön kuschelig." Gerade, als sie sich wieder ihren Gästen zudrehen wollte, hielt sie inne, denn ein mehrfaches, klagendes Fiepen erregte ihre Aufmerksamkeit. "Hungrig seid ihr? Ihr Armen! Wartet ein wenig, ich hole euch etwas!"

Sie stand auf und drehte sich zu Vim und Finnegan um. "Was darf ich Ihnen bringen, meine Herren? Sicherlich sind auch Sie hungrig und durstig."

"Vor allem durstig, Mrs. Trudy!" krähte Finnegan und handelte sich einen ärgerlichen Blick des Fahrers ein.

Dylan McCollins lachte laut und rief: "Dann werde ich mal gucken, was ich finde!".

"Und Sie, Mr. Slampe, was darf ich Ihnen bringen?"

"Irgend etwas Essbares, Mrs. Collins, ich bin halb verhungert!"

Lachend verließ die Frau den Raum, und kurze Zeit später kehrte Dylan Collins mit mehreren Flaschen und Gläsern unter dem Arm zurück. "Alles selbstgemacht!" rief er und stellte alles auf den Tisch. "Bitte bedienen Sie sich, meine Herren!"

"Machen wir, machen wir", keuchte Finnegan McDudle und ergriff die am nächsten stehende Flasche, öffnete sie und schüttete den Inhalt erst in eines der Gläser und dann den Inhalt des Glases in sich hinein. "Lecker", rülpste McDudle, "brennen Sie schon lange selber, Mr. Comics?"

"McCollins", lachte der angesprochende. "Das ist nicht gebrannt, mein lieber McDudle. Wir leben hier völlig natürlich, das ist Traubensaft, Himbeersaft,  Apfelsaft - alles selbst gekeltert. Frisches Quellwasser haben wir selbstverständlich auch."

In der Zwischenzeit hatte Judy McCollins eine große Schale zu den Hamstern gestellt und wandte sich wieder ihren Gästen zu. "Als Holländer sind Sie doch bestimmt an unserem selbstgemachten Käse interessiert, nicht wahr, Mr. Slampe?"

"Nicht nur der", grunzte Goldi und schob sich ein besonders großes Stück Käse hinter die Backen. "So etwas Leckeres habe ich seit dem Buffet auf dem Schiff nicht mehr gehabt!"

"Das wurde auch höchste Zeit, ich fühlte mich schon völlig schwach", stimmte Dodo zu.

"Nun, meine lieben Hamster, immer schön optimistisch bleiben, nie pessimistisch werden, wie ich immer zu sagen pflege..."

"Was soll denn das bedeuten, Herr Bürgermeister?"

"Nun, äh, mein lieber Dodo, das ist schwer zu erklären, wie ich immer zu erklären pflege, äh, sage..."

"Das ist doch ganz einfach", mischte sich Teeblättchen ein. "Stelle dir mal vor, Dodo, da stehen zwei Leute, die einen Tunnel betrachten. Der Pessimist sieht nur den dunklen Tunnel, aber der Optimist das Licht am Ende des Tunnels."

"Verstehe", antwortete Dodo nachdenklich.

"Einer fehlt aber noch."

Dodo und Teeblättchen schauten Goldi erstaunt an.

"Na", meinte Goldi schmatzend, "da fehlt noch der Lokführer. Der fragt sich nämlich, welche Idioten auf den Geleisen gestanden haben, nachdem er sie übergebügelt hat."

Es krachte laut in diesem Moment und die Hamster zuckten ängstlich zusammen, denn im Kamin war ein Holzscheit geplatzt. Funken sprühten und im nächsten Moment war Trampels klagende Stimme zu hören: "Wai! Wai! Wai!" und er rannte wie wild im Kreis herum.

"Was 'n mit dem los?" fragte der Bauleiter entsetzt.

"Das ist gewissermaßen, äh, wie mir mein Bruder, der Präsident, kürzlich erzählte, ein Kriegsschrei der keltischen Hamster, das machen die, wenn..."

"Ich würde eher sagen, der hat sich den Hintern verbrannt, die arme Sau", rief Goldi.

Mit einem Satz war jedoch die Frau aufgestanden, nahm den wimmernden Trampel hoch und hielt sein Hinterteil in ein Wasserglas.

"Warum ist der grün?"

"Nun, äh", überlegte van der Slampe, "das ist mir auch nicht so ganz klar. Irgendetwas haben die Hamster in Edinburgh angestellt. Der da hinten, der so dümmlich guckt, hatte sogar einen Deckel von einer Farbdose an der Pfote kleben."

Sie setzte Trampel  zu seinen Freunden zurück und nahm wieder am Tisch Platz.

"Möchten Sie noch etwas Salat, Käse oder Bohnen, Mr. McDudle?"

"Nun, äh, Mrs., nein Danke."

"Ich habe auch genug", gähnte der Lkw-Fahrer. "So viel wunderbaren Käse habe ich lange nicht mehr gegessen. Wir sollten uns nun schlafen legen und Morgen früh die letzten Meilen nach Oban hinter uns bringen."

Ihre Gastgeber verschwanden kurz in einem Nebenraum und kehrten mit Wolldecken und Kissen bewaffnet zurück.

"Macht es euch gemütlich", rief Dylan McCollins. "Das Feuer wird noch einige Zeit vorhalten. Meine Frau und ich werden nebenan übernachten. Wenn etwas ist, oder wenn ihr etwas braucht, sagt einfach Bescheid!"

Kurz darauf befand sich die Reisegesellschaft alleine im Raum.

"Gute Nacht, McDudle!"

"Gute Nacht, Mr. Wandelschranke!"

Es klatschte kurz, ein 'Aua' war zu hören und dann war alles still. Nur die Hamster saßen vollgefressen am Kamin und starrten in die Flammen.

"Mann, bin ich satt und müde", gähnte Teeblättchen.

"Und ich erst", erwiderte Tati, "ins Feuer gucken macht müde."

"Ja, lasst uns auch eine Runde schlafen!" rief Sasie.

"Aber das geht doch nicht, oder?" gab Dodo zu bedenken. "Ich meine wir sind doch Nachttiere."

"Gegen ein kleines Mitternachtsnickerchen ist doch wohl nichts einzuwenden, oder, Herr Bürgermeister?"

Doch der Bürgermeister antwortete nicht. Er saß immer noch wütend in der Ecke und ärgerte sich über die Bemerkung des Lkw-Fahrers über sein dümmliches Aussehen.

"Schweigen bedeutet Zustimmung", rief Goldi, "also gute Nacht!"

Kurz darauf war völlige Stille in dem kleinen Raum, das heißt bis auf eine kurze Unterbrechung, in der Fleckis empörte Stimme zu hören war: "Sag mal Goldi, hast du gefurzt?"

"Klar", kam auch gleich die Antwort. "Oder glaubst du, ich rieche immer so?"

Dann aber herrschte Ruhe und nach langer Zeit kam auch Vim van der Slampe wieder zu einer halbwegs geruhsamen Nacht.





Kapitel 25

Mull

"Krrrchhhh".

"McDudle, hören Sie endlich auf mit ihrem grässlichen Geschnarche, das hält ja kein Mensch aus!"

"Wie, oh, guten Morgen, Mister, äh, wie war noch ihr Name?"

"Taschenlampe!"

"Richtig, van der Schlampe, jetzt fällt es mir wieder ein. Mein Frau sagt nämlich immer, ich hätte ein gutes Gedächtnis, wissen Sie? Und wissen Sie, was meine Frau dann gesagt hat?"

"Ich brenne drauf, es zu erfahren!"

"Nein, was ganz Anderes: meine Frau sagt dann immer, ich müsse mein Gehirn nur mal anschalten, ha, ha. Ist das nicht lustig Mr. an der Kante? Dabei kann ich mein Gehirn gar nicht anschalten, das hat doch keinen Schalter!"

"Stimmt", knurrte der Lkw-Fahrer, "wo nichts ist, braucht man auch keinen Schalter."

Van der Slampe stand auf, ging zu dem kleinen Fenster und schaute hinaus. Die Sonne war zwar aufgegangen, stand aber noch hinter hohen Bergen. Neben dem Kamin schliefen fast alle Hamster tief und fest. Nur eines der Tierchen war bereits wach und suchte nach Resten von Essbarem des Vortages. Hektisch sah Vim sich um und konnte zu seiner großen Erleichterung keine unmittelbaren Schäden im Raum feststellen. Er fühlte sich endlich mal wieder ein bisschen ausgeschlafen, lediglich sein Rücken schmerzte ein wenig von dem nächtlichen Liegen auf dem harten Boden. Es klopfte an der Tür, und der Hausbesitzer trat ein.

"Guten Morgen, die Herren! Ich habe gehört, dass Sie schon wach sind. Haben Sie gut geschlafen?"

Die beiden nickten stumm, und Dylan McCollins fuhr lächelnd fort: "Was möchten Sie frühstücken, meine Herren? Gebratene Eier oder Porridge? Tee oder Kaffee?"

Wenig später saßen alle beim Frühstück zusammen, und dem Lkw-Fahrer kam es vor, als hätte er seit Ewigkeiten nicht mehr so ein gutes Frühstück gehabt.

"Wenn ich das richtig verstanden habe, werden wir unseren Wagen wenden müssen, oder?"

"Allerdings", entgegnete Dylan und schenkte sich etwas Tee nach. "Am besten fahrt ihr ein Stückchen weiter über die Brücke und wendet dort. Das ist auch die einzige Stelle, an der unser Postbus wenden kann."

"Gut", nickte van der Slampe, "dann werde ich dort den Lkw wenden."

"Lkw? Ich fürchte", mischte sich nun Judy McCollins ein, "ihr werdet ein wenig Probleme haben, euren Lastwagen zu wenden. Selbst der Postbus schafft das nur mühsam."

"McDudle, was sagen Sie dazu?"

"Ich, Mr. Sonderpampe? Wieso ich? Nehmen Sie bitte ihre Gabel weg, ich kann doch nichts für die engen Straßen hier!"

"Sie sollten weiter nach Lochaline fahren, wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf. Entweder wenden Sie dort, oder Sie nehmen die Fähre nach Oban."

"Eine Fähre?" fragte van der Slampe begeistert. "Eine Fähre nach Oban?"

"Ja, Mr. Wampe, das ist ein Boot, wenn ich Ihnen das mal erklären soll..."

"McDudle, ich weiß, was eine Fähre ist!" Während er mit einer Hand Finnegan McDudle würgte, wandte sich der Lkw-Fahrer wieder Mrs. Collins zu. "Ist es denn weit bis nach Lochaline?"

"Nur wenige Meilen, mein lieber Mr. van der Slampe. Es ist eine wunderschöne Fahrt. Sie müssen allerdings auf Mull umsteigen. Haben Sie eine Karte dabei?"

"Zum Glück sogar eine sehr dicke", grinste der Fahrer und ließ den röchelnden McDudle los.

Die Hamster lauschten schon eine geraume Zeit dieser interessanten Unterhaltung. Auch sie hatten Frühstück erhalten und ließen es sich schmecken.

"Schon wieder Fähre?" ließ sich Flecki vernehmen. "Hoffentlich sind da nicht wieder so nervöse Passagiere an Bord wie letztes Mal".

"Nun, äh, ich denke, wir Hamster sollten auch gewissermaßen darüber nachdenken, ob es nicht erwägenswert wäre, bei uns einen Fährdienst einzurichten, wie, mein lieber Murksel?"

"In Hamsterhausen? Bürgermeister, wie haben da nur den Dorfteich, sonst ist da kein Wasser!"

"Öhm, nun, mein lieber Murksel, dann wird ja wohl eine kleine Fähre genügen, nicht wahr?"

"Bei kleinen Dingen kann er auch keine großen Katastrophen anrichten", lästerte Flecki und Goldi grölte sofort los: "Doch, kann er. Neulich sollte er bei Dodo die Haustürklingel reparieren, weil die kaputt war."

"Richtig", brummte Dodo, "aber er ist nie erschienen."

"Genau", lachte Goldi. "Weil er eine Stunde an der Tür geklingelt und keiner aufgemacht hat!"

Während bei den Hamstern - bis auf wenige Ausnahmen - allerbeste Laune herrschte, verabschiedeten sich Vim van der Slampe und Finnegan McDudle von ihren netten Gastgebern. Kurz darauf stand die Reisegesellschaft wieder vor dem Lastwagen.

"McDudle, wir sollten erst einen Blick auf die Karte werfen, holen Sie doch bitte mal den Atlas von meinem Sitz."

Glücklich, endlich einmal etwas zu dem Gelingen der Reise betragen zu können, ging Finnegan mit schnellen Schritten auf die Fahrertür zu. Es platschte laut, ein Gurgeln war zu hören, und dann war alles still. Ein lautes Blubbern und erneutes Gurgeln ertönte kurz darauf. Dann war etwas Schwarzes, Schlammiges zu erkennen, das sich am Türschweller des Lkws festklammerte.

"Sie wollen doch wohl nicht dermaßen verdreckt in meinen Lkw einsteigen, wie? Sie haben ja gehört, dass wir gleich an eine Brücke kommen. Dort können Sie sich waschen."

Fröhlich pfeifend stieg Vim über die Beifahrerseite in den Lastwagen und setzte die Hamster wieder in die Schlafkoje. Dann rutschte er hinters Steuer und fuhr langsam hinter einem schimpfenden Schlammonster her. Nach 200 Metern hatten sie die Brücke erreicht, und während der eine sich in dem kalten, klaren Wasser säuberte, studierte der andere die Karte. Die Hamster hatten sich wieder zum Ausruhen hingelegt und bekamen nicht mit, dass der Wagen sich nach kurzer Zeit wieder in Bewegung setzte.

Der kleine Ort Lochaline, der zwischen zwei Lochs an der Südspitze der Halbinsel Morvern liegt, begrüßte sie mit Sonnenschein. Die Straße schien direkt aufs Wasser zu führen, machte jedoch kurz vor dem 'Sound of Mull' einen Schlenker zur linken Seite und führte unmittelbar auf die Fähre zu. Vorsichtig steuerte Vim van der Slampe den schweren Lkw über eine abwärts führende, schmale Rampe auf das kleine Fährschiff. Er atmete tief durch, nachdem er das lange Gefährt sicher zum Stehen gebracht hatte und kurbelte sein Seitenfenster herunter, denn sofort näherte sich jemand vom Schiffspersonal.

"Wie lang ist ihr Truck, Sir?"

"8,60 Meter!" antwortete der Holländer ruhig.

"Da haben Sie Glück, Sir. Ab 10 Meter Länge kostet das 21,80 Pfund für eine einfache Fahrt. Unter 10 Metern zahlen Sie 16,35 Pfund."

"Und was kosten die Insassen?" knurrte der Lkw-Fahrer und überlegte, ob Finnegan McDudle wohl schwimmen könnte.

"Fußgänger und Insassen sind kostenlos, Sir. Sie können ruhig im Wagen bleiben, wir legen jetzt ab und werden in 15 Minuten in Fishnish sein."

Van der Slampe schaute sich um. Sein Lkw war das einzige Fahrzeug auf der Fähre, ansonsten waren nur ein paar Fußgänger, offensichtlich Einwohner des kleinen Städtchens Lochaline, auf der Fähre. Eine recht alte Frau, die sich auf einen Stock stützte, stand vor dem Lkw und betrachtete ihn andächtig.

"Na, Oma", lachte van der Slampe, "nicht schlecht, der Lastwagen, wie?"

Die alte Frau nickte schwerfällig, und der der Lkw-Fahrer sprach sie erneut an: "Ein bisschen frische Luft schnappen, was, Oma?"

"Nee, junger Mann", kam die Antwort, "zum Markt auf die andere Seite und Fische klauen!"

In diesem Moment drosselte die Fähre die Geschwindigkeit, und sie näherten sich dem Anlieger von Fishnish. Eine Bilderbuchlandschaft von hohen Bergen, Mischwald und mächtigen Felsen tat sich vor ihnen auf. Wenig später hatten sie angelegt, und vorsichtig lenkte der Fahrer den Lastwagen über einen schmalen, recht steil nach links führenden Weg. Kurz darauf kamen sie an eine etwas größere Straße und folgten dem Schild, das nach Craignure wies. Sie passierten eine einsame Straße, zur Rechten sahen sie Berge und zur Linken Wasser und Strand. Nach 20 Minuten Fahrzeit hatten sie ihr nächstes Ziel erreicht. Sie überquerten Eisenbahngeleise, ohne auch nur zu ahnen, dass es sich an dieser Stelle um die einzige Eisenbahnstrecke auf  einer schottischen Insel handelte. Einige Kilometer entfernt war das Torosay Castle zu sehen, zu dem eine kleine Lokomotive die 4 Kilometer lange Strecke täglich hin- und zurückfuhr. Sie passierten einen kleinen Lebensmittelladen und Vim van der Slampe parkte den Lastwagen auf einem kiesbedeckten Parkplatz. Er stieg aus und lief zu einer Tafel, auf der die An- und Abfahrtzeiten der Fähre nach Oban eingetragen waren.

"Um 11.00 Uhr geht die nächste Fähre nach Oban, McDudle. Ich werde in dem Lebensmittelgeschäft etwas zu essen besorgen. Wenn jemand wegen der Fahrkarten kommt, sagen Sie, dass ich gleich zurück bin, verstanden?"

Finnegan McDudle nickte und starrte auf den spiegelglatten Sound of Mull. In der Ferne war eine große, rot-weiße Fähre zu erkennen, die sich langsam näherte. Dann öffnete sich die Fahrertür und mit einer großen Einkaufstüte beladen stieg Vim ein.

 "Ist jemand gekommen?"
"Ja."
"Wer?"
"Sie, Mister."
"Nein, McDudle, ich meine, ob jemand hier war?"
"Ja."
"Wer?"
"Ich, Mister."

Angewidert wandte sich van der Slampe dem Inhalt der Einkaufstüte zu. Er holte ein paar belegte Brote heraus, gab seinem Beifahrer eines und biss herzhaft in das andere. Er hatte den ersten Bissen noch nicht heruntergeschluckt, da fiel sein Blick auf das Armaturenbrett.

"Ist ja gut, ist ja gut", grummelte der Fahrer, griff erneut in die Tüte und legte den Hamstern 2 Brötchen und ein paar Wurzeln hin. Während sich die Tierchen mit dem ersehnten Futter zurückzogen, näherte sich eine junge, uniformierte Frau dem Lastwagen.

"Nach Oban, Sir?"

"Ja, und der Lkw ist unter 10 Meter lang, meine Dame!" grinste van der Slampe.

"Weniger als 8?" kam die nächste Frage der Frau.

"8,60 Meter".

"Dann kostet es Sie 47,70 Pfund - bis 8 Meter wären es nur 36 Pfund!"

Zähneknirschend zog er ein Geldbündel aus seiner Hosentasche, zahlte und erhielt eine Fahrkarte. Da die Fähre inzwischen angelegt und die Einstiegsluken heruntergeklappt hatte, ließ er den Motor an und fuhr den Lastwagen langsam auf das Schiff. Er stellte den Motor ab und beobachtete das Ablegemanöver. Dann wandte er sich Finnegan zu.

"Sagen Sie mal, McDudle, haben Sie sich schon überlegt, wie Sie wieder nach Hause kommen werden?"

Der Angesprochene überlegte angestrengt. Ja, wie sollte er wieder zurück nach Acharacle oder Dalelia kommen? Was aber noch wichtiger war: Durfte er sich schon wieder blicken lassen? Eher nicht, beschloss er, es war noch zu früh. Sein Plan war es, sich mit einem Schild bewaffnet an die Straße zu stellen. Auf dem Schild sollte stehen "Findiger Pfadfinder zeigt Ihnen den Weg" oder so ähnlich. Allerdings müsste er vorher noch jemanden finden, der ihm den Text fehlerfrei aufschreiben würde.

"So richtig noch nicht, Mr. äh, Lampe..."

"Slampe, Mann!"

"Äh, ja", stotterte Finnegan McDudle. "Ansonsten vergesse ich nie einen Namen, müssen Sie wissen, Mr. Lampenmann, das liegt bestimmt an der Seeluft. Die ist nämlich unberechenbar, wissen Sie? Mal weht sie dahin und dann wieder dorthin. Es ist schwierig, sich darauf einzustellen, Mister."

Der Lkw-Fahrer stöhnte und stieg aus dem Wagen. Gefolgt von seinem Begleiter und Wegführer stieg er über eine Treppe auf ein höher gelegenes Deck, wo ihm ein Schild mitteilte, dass ihr Schiff, die "Isle of Mull", 80 Wagen und bis zu 972 Passagieren Platz bot. Er war froh, dass die Fähre heute recht leer war und betrachtete an die Reling gelehnt, wie Mull in der Ferne immer kleiner wurde. Zu ihrer Backbordseite tauchte nun Ladys Rock, ein einsamer Leuchtturm auf. Vim van der Slampe dachte daran, dass sie nun bald in Oban und somit am Ziel ihrer Reise waren.

"McDudle, haben Sie eine Ahnung, was die Hamster in Oban wollen?"

"Tja, Mister, das ist schwer zu sagen, ich meine, als Hamster hätte ich da vielleicht meine Gründe, aber ansonsten..."

"Jedenfalls sind es keine gewöhnlichen Hamster, mein lieber Finnegan."

"Tja, äh, mein lieber Sim", begann McDudle und ignorierte den verärgerten Blick des Fahrers, "die sind mir auch schon mal über den Weg gelaufen, glaube ich."

"Wie? Wo?"

"Öhm, da muss ich mal  nachdenken, Mister, meine Frau sagt immer..."

"Wo haben Sie diese Hamster schon mal gesehen, McDudle?" rief Vim van der Slampe aufgeregt.

"Lassen Sie mich mal scharf überlegen, Mister," antwortete Finnegan und versank in stummes Nachdenken.

"Nun?" fragte der Lkw-Fahrer nach zehn schweigsamen Minuten.

"Ich hab’s gleich, Mr. Wunderkrampe, ja, es war, als ich Führer und Berater des Königs vom Loch Ness war. Ich glaube, diese Tiere gehören ihm."

"Königliche Tiere?" Vim van der Slampe war wie vor den Kopf geschlagen. Hamster als königliche Tiere, war das möglich? Andererseits, wenn dieser komische König jemanden wie Finnegan McDudle als Berater hatte, dann konnte der nicht ganz dicht sein, und dann war alles möglich. Eines war jedoch sicher: Diesen Tieren durfte nichts passieren, und er sollte sich besser gut mit ihnen stellen. Am besten, er würde gleich anfangen und ihnen etwas zu fressen bringen.

"Lassen Sie uns wieder nach Drinnen gehen", schlug er seinem Mitfahrer vor.

"Warum, Mister? Drinnen ist es genauso wie draußen, nur anders."

Van der Slampe schien diese Worte nicht gehört zu haben sondern stieg die nach unten führende Treppe hinab, bis er das untere Deck erreicht hatte. Als er den Lkw bestieg, sah er einen der Hamster zwischen den Vorhängen der Schlafkoje hervorgucken und rief ihm zu: "Einen kleinen Moment, mein edles Tier, das Futter kommt sofort!"

Zufrieden sah er zu, wie die Hamster sich über die Einkaufstüte hermachten, die ihnen in die Schlafkoje gelegt wurde. Dann ging er zurück an Deck um zu gucken, ob die letzte Etappe ihrer Reise in Sicht kam.

"Hat der nun auch einen Schaden wie dieser Volltrottel aus Acharacle?" fragte Flecki verwundert.

"Oder er hat ein schlechtes Gewissen," vermutete Sasie. "So oft, wie der uns alleine lässt."

"Toll", rief Goldi, "in der Tüte ist auch eine Teigpastete! Wusstet ihr, dass Teigwaren Teigwaren heißen, weil Teigwaren einmal Teig waren?"

 "Sehr witzig", knurrte Flecki, "und wusstest du, dass Lampenschirme total überflüssig sind, da Lampen nur selten draußen im Regen rumlaufen?"

Während die Hamster bester Laune waren, kam Oban immer näher. Vom Oberdeck aus sahen die beiden Männer ein riesiges Amphitheater, McCaig's Turm genannt, das auf den Bergen hoch über der Stadt Oban stand. Zwischen den Inseln Maidan Island und Kererra hindurch glitt die riesige Fähre und steuerte langsam auf die Anlegestelle zu. Schnell machten die beiden Männer, dass sie zum Lastwagen zurückkamen, denn nun war die fast eine Stunde dauernde Fahrt gleich zu Ende.

"Waren Sie schon einmal in Oban, McDudle?"

"Nein, Mister, aber ich kannte mal jemanden, der meine Frau kennt, und meine Frau sagt immer, Oban ist eine ziemlich große Stadt."

"Das ist schade", entgegnete van der Slampe. "Ich habe nämlich keine Ahnung, wie es weitergeht, und wo wir hin müssen, aber irgendwo müssen wir ja wohl hin."

"Tja, Mister, das ist eine gute Frage. Wo kämen wir nur hin, wenn wir immer nur fragen, wo kämen wir hin, und wenn wir nicht gingen, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen?"

Gerade, als der Lkw-Fahrer nach einem Gegenstand suchte, um seinen Beifahrer zu erschlagen, setzten sich die Fahrzeuge vor ihnen in Bewegung, und das bedeutete, dass es an Land ging. Der Lastwagen fuhr langsam über eine holperige Rampe und nach einer leichten Rechtskurve erreichten sie eine 4-spurige Straße.

"Um Gottes Willen", rief der entsetzte Lkw-Fahrer, wo sind wir denn nun hingeraten?"

"Wie gut, dass Sie mich dabei haben, Mr. Fransenpampe, wir sind nämlich jetzt in Oban!"

"Meine Güte, das weiß ich selber, McDudle. Die Frage ist nur, welchen Weg nehmen wir nun?"

"Tja, Mister, also meine Frau sagt immer: Finnegan, Umwege erweitern die Ortskenntnisse. Sie sagt immer, bei meinen Umwegen kennt mich jeder im Ort, wissen Sie? Und wissen Sie, was sie noch so sagt, meine Frau?"

"McDudle, noch ein Wort und ich ziehe mich für den Rest meines Lebens auf eine einsame Verkehrsinsel zurück!"

Schweigend ging es nun weiter über die Corran Esplanade, die belebte Hauptstrasse der Stadt. Links von ihnen war die See und zur rechten Seite Geschäfte und Büros. Dann machte die Straße einen Schlenker nach rechts, während eine kleinere, einsame Straße dem Wasser folgte. Van der Slampe lenkte den Lastwagen auf eine Parkbucht zur linken Seite und schaltete den Motor aus. Aus dem Augenwinkel heraus nahm er wahr, dass die Hamster neugierig und aufgeregt aus der Schlafkoje gekrochen kamen. Er nahm den schweren Autoatlas hervor, und McDudle wich ängstlich zur Seite. Nachdem er eine Weile geblättert hatte, zeigte der Holländer nach rechts. "Dort geht es auf der Hauptstraße wieder in die Highlands und in den Westen. Das wird auch mein Rückweg sein. Mann, bin ich froh, wenn ich mich endlich wieder ausruhen kann. Also, mein lieber Finnegan, hier trennen sich unsere Wege. Aber was soll ich bloß mit den Hamstern machen?"

Er warf wieder einen Blick auf die Karte und schüttelte den Kopf. "Der Weg am Wasser entlang ist eine Sackgasse. Dort geht es zum Schloss Dunollie und dann ist der Weg zu...."

Verwundert drehte er sich zu den Hamstern um. Was war mit den Tierchen los? Sie begannen plötzlich, wie auf Kommando laut zu fiepen.

"Was ist denn mit den Hamstern los, McDudle?"

"Och, vermutlich sind die bloß wieder hungrig."

"Quatsch, McDudle, die haben gerade eine ganze Einkaufstüte mit unserem gesamten Vorrat hinter sich. Nein, die sind nicht hungrig."

Van der Slampe überlegte, dann packte er den Autoatlas weg und ließ den Motor wieder an.

"Ich glaube, ich weiß, wo der König vom Loch Ness wohnt!"

Dann holperte der Lastwagen am Wasser entlang über eine schlecht befestigte Straße, dem Schloss des alten Lord McShredder entgegen.


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