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Kapitel 24

Alltachonaich

"Wo is 'n der Fahrer hin?" fragte der Bauleiter und beugte sich ein Stück vor, um besser sehen zu können.

"Warum macht denn dieser Idiot von McDudle nichts?" schimpfte Flecki. "Der muss dem armen Kerl doch helfen, schließlich hat er das Platschen doch bestimmt gehört!"

"Nun, äh, diesbezüglich hat er klare Vorgaben erhalten. Er soll sich nicht vom Fleck dingsen, äh, rühren", warf der Bürgermeister ein.

Ein lautes Blubbern und Gurgeln ließ die Hamster zusammenschrecken. Dann war etwas Schwarzes, Schlammiges zu erkennen, das sich am Türschweller des Lkws festklammerte.

"Ein Monster!" kreischte Flecki, und in diesem Moment wurde Finnegan McDudle auf das merkwürdige Fiepen hinter ihm aufmerksam und drehte sich vorsichtig um. Für einen Moment kreuzten sich die Blicke von Hamster und McDudle, dann gingen ihre Blicke wieder zum unteren Teil des Türrahmens der Fahrerseite, an der ein weiteres schwarzes, schlammiges Etwas erschien. Es waren zwei Hände, und begleitet von einem Fluchen erschien nun der dazugehörige Oberkörper samt Kopf, der ebenfalls völlig mit Schlamm bedeckt war. Nur anhand der weit geöffneten, vor Wut sprühenden Augen war zu erraten, dass es sich um Vim van der Slampe handelte.

Finnegan McDudle blickte ratlos auf diese merkwürdige Gestalt. Er kratzte sich am Ohr und musterte erneut dieses mit einer schwarzen Schmutzschicht bedeckte Wesen, das im Begriff war, in den Wagen zu klettern. Dann schien es so, als würde McDudle all seinen Mut zusammennehmen, als er mit zitternder Stimme fragte:

"Äh, willkommen, äh, Mr. Afrika. Sie erinnern mich an jemanden. Sagen Sie, haben Sie zufällig einen weißen Bruder, der Holländer ist?"

Ein Klatschen war zu hören und Goldi rief: "Satter Treffer, genau zwischen die Augen!"

"Es ist ekelhaft", war nun Fleckis Stimme zu hören. "Die sauen doch den ganzen Wagen ein!"

Kurz darauf kehrte wieder Ruhe ein. Der Lkw-Fahrer versuchte, sich mit Papiertüchern so gut es ging zu reinigen, während Finnegan sich den schmerzenden Schädel hielt und jammerte: "Aber Mr. Wundertante, Sie haben doch selbst gesagt, ich soll mich nicht vom Fleck rühren! Wussten Sie übrigens, dass wir Mäuse an Bord haben?"

Van der Slampe antworte nicht, sondern suchte eine Taschenlampe hervor. Als er sie gefunden hatte, wandte er sich an seinen Beifahrer: "Aussteigen!"

"Aber Sie können mich doch nicht hier in der Wildnis aussetzen...."

"Steig aus, ich leuchte dir!" brüllte der Fahrer. "Wir müssen doch irgendwie einen Weg zu dem Haus dort hinten finden, ohne wieder in einen Drecksgraben zu fallen! Deshalb wirst du vorgehen, schließlich bist du der Führer, McDudle! Im übrigen sind das keine Mäuse, sondern Hamster. Ich werde sie in einem Eimer mitnehmen, denn erstens brauchen die was zum Fressen und zweitens möchte ich nicht, dass sie alleine in meinem Lkw bleiben. Vorwärts!"

Diese Aufforderung galt dem Friedhofwärter, der nun umständlich auf seiner Seite ausstieg, während van der Slampe die Hamster einsammelte und mit gezückter Taschenlampe folgte. Nachdem beide über die Beifahrerseite ausgestiegen waren, liefen sie um die Vorderseite des Lkws herum und betrachteten im Licht der Taschenlampe die Stelle, an der Vim van der Slampe vor wenigen Minuten untergegangen war.

"Tja, Mister, da möchte man nicht reinfallen", brummte McDudle, hielt aber sofort den Mund, als sich der Lkw-Fahrer nach ihm umdrehte. Vorsichtig gingen sie vorbei an dieser morastigen Stelle, die ihr Wasser von einem dicht vorbeilaufenden Fluss erhielt. Nach ein paar Schritten sahen sie eine nach rechts führende Abzweigung; ein kleines Holzschild war dort in den Boden gerammt.

"Corran 26 und Lochaline 6", las van der Slampe laut vor. "Als wir bei Strontian vorbeikamen, waren es nur 20 Meilen bis zur Corran-Fähre, McDudle!?"

"Tjä, Mr. Corran, äh, das ist schon etwas eigenartig. Das liegt an den schottischen Bergen, wissen Sie? Die verfälschen oft die Entfernungen, denn mal gehen die rauf, und dann gehen sie wieder runter. Die Berge natürlich, und deshalb..."

McDudle fühlte einen Tritt und hatte Mühe, nicht umzufallen. Ohnehin war der Weg recht matschig, und sie gingen äußerst vorsichtig, um nicht auszurutschen. Der Weg war sehr schmal, viel zu schmal für ein Fahrzeug, zudem schien er auch wenig benutzt zu sein. Während sie bergauf liefen, waren die ersten Umrisse von zwei kleinen Gebäuden zu erkennen. Fröstelnd gingen sie weiter, denn es war recht kühl in dieser Nacht, und nach einer halben Stunde erreichten sie ein kleines Gehöft. Sie gingen direkt auf das linke Gebäude zu, denn hinter den Fenstern war das Licht zu sehen, das sie schon von der Straße aus entdeckt hatten.

Vim van der Slampe schob McDudle zur Seite und lief auf die Tür zu. Bevor er anklopfte, drehte er sich noch einmal um: "Es ist besser, McDudle, wenn ich frage."

Es dauerte eine Weile bis die Tür geöffnet wurde. Der Lkw-Fahrer hatte noch nicht einmal seine ganze Bitte um eine Übernachtung geäußert, da wurden sie schon eingelassen.

"Gäste? Zu dieser späten Stunde? Herzlich willkommen und tretet ein!" rief ein freundlich blickender, älterer Mann, dessen rote Haare wirr über seinem Kopf verteilt waren. Er war recht ärmlich gekleidet und auch seine Behausung war karg eingerichtet. Neben ihm stand eine Frau, deren langes, schwarzes Haar fast bis zur Hüfte reichte. Sie trug ein Kleid, das bereits mehrfach geflickt worden war. Vim und Finnegan schauten sich neugierig um. Ein kleiner Raum, in der Mitte ein Tisch mit mehreren Stühlen und daneben ein Kamin, in dem die Flammen gemütlich loderten. Der Boden bestand aus Holzbohlen, einen Teppich gab es genauso wenig in diesem Zimmer wie Tapeten. Von der Decke herab hing eine rostige Kette, an der auf einer rostigen Schale eine Kerze vor sich hin flackerte.

"Willkommen in Alltachonaich", sagte der Mann und zeigte auf die Frau. "Das ist meine Frau Judy und ich bin Dylan McCollins. Wo kommt ihr her, und wo wollt ihr hin?"

"Nun Sir, das ist eine lange Geschichte", begann der Lkw-Fahrer und warf einen kurzen Blick auf den Eimer mit den Hamstern, der neben seinen Füßen stand. "Mein Name ist Vim van der Slampe, ich komme aus Holland und das ist mein, ähem, Begleiter und Wegweiser Finnegan McDudle aus..."

Er blickte Finnegan auffordernd an, doch der begriff mal wieder nichts.

"McDudle, woher kommen Sie?" knurrte Vim und sah Finnegan böse an.

"Ich, Mr. Franzenklampfe? Aus dem Lastwagen!"

"Aus welcher Stadt, Dudle!"

"Der Lastwagen? Weiß ich nicht!"

"Nicht der Lastwagen, ich meine Sie! Außer welcher Stadt kommen Sie?"

"Ich glaube aus Dalelia, Mr. Hans der Schlanke!"

Vim van der Slampe lächelte das Ehepaar McCollins gequält an. Liebend gerne wäre er in diesem Moment mit seinem Beifahrer alleine im Raum gewesen.

"Wir sind auf dem Weg nach Oban", fuhr Vim fort und warf einen erneuten Seitenblick auf Finnegan. "Allerdings ist es möglich, dass wir ein wenig vom Weg abgekommen sind. Mr. Dudle ist in Acharacle dazugekommen, um uns zu führen. Gestartet sind wir in Edinburgh."

"Da sind Sie in der Tat ein wenig von der Strecke abgekommen, mein lieber Vim", rief nun Judy lachend. "Sie sagten, Mr. 'Dudle kam in Acharacle dazu um 'uns' zu führen?’ Wer gehört denn noch dazu?"

"Äh." Der Lkw-Fahrer blickte nachdenklich auf den Tisch vor sich. Dann fiel sein Blick auf den Eimer mit den Hamstern, die dichtgedrängt saßen und ihn mit großen Knopfaugen hungrig anstarrten. Egal, er musste es jetzt sagen, denn die Tierchen waren gewiss hungrig und wenn sie hungrig waren, dann war nichts vor ihnen sicher. "Die Hamster und ich", fügte er hinzu und ließ seinen Blick auf die vor ihm hängende Kerze schweifen.

"Hamster? Etwa in dem Eimer dort?" rief Dylan McCollins drohend.

"Ja, Sir", entgegnete Vim kleinlaut.

"Die müssen sofort raus!" rief die Frau. "Geben Sie mir sofort den Eimer, Mr. Slampe!"

Ohne eine Reaktion des Fahrers abzuwarten ergriff Judy McCollins den Eimer und trug ihn zum Kamin. Ihr Mann war in der Zwischenzeit aus dem Raum gelaufen und kam nun mit einem großen Tuch wieder, das er seiner Frau gab. Judy breitete es neben dem Kamin aus, und holte einen Hamster nach den anderen aus dem Eimer und setzte alle nacheinander auf das Tuch. Dann schob sie die Ecken des Tuches ein wenig zur Mitte hin und sagte zufrieden: "So, nun habt ihr es schön kuschelig." Gerade, als sie sich wieder ihren Gästen zudrehen wollte, hielt sie inne, denn ein mehrfaches, klagendes Fiepen erregte ihre Aufmerksamkeit. "Hungrig seid ihr? Ihr Armen! Wartet ein wenig, ich hole euch etwas!"

Sie stand auf und drehte sich zu Vim und Finnegan um. "Was darf ich Ihnen bringen, meine Herren? Sicherlich sind auch Sie hungrig und durstig."

"Vor allem durstig, Mrs. Trudy!" krähte Finnegan und handelte sich einen ärgerlichen Blick des Fahrers ein.

Dylan McCollins lachte laut und rief: "Dann werde ich mal gucken, was ich finde!".

"Und Sie, Mr. Slampe, was darf ich Ihnen bringen?"

"Irgend etwas Essbares, Mrs. Collins, ich bin halb verhungert!"

Lachend verließ die Frau den Raum, und kurze Zeit später kehrte Dylan Collins mit mehreren Flaschen und Gläsern unter dem Arm zurück. "Alles selbstgemacht!" rief er und stellte alles auf den Tisch. "Bitte bedienen Sie sich, meine Herren!"

"Machen wir, machen wir", keuchte Finnegan McDudle und ergriff die am nächsten stehende Flasche, öffnete sie und schüttete den Inhalt erst in eines der Gläser und dann den Inhalt des Glases in sich hinein. "Lecker", rülpste McDudle, "brennen Sie schon lange selber, Mr. Comics?"

"McCollins", lachte der angesprochende. "Das ist nicht gebrannt, mein lieber McDudle. Wir leben hier völlig natürlich, das ist Traubensaft, Himbeersaft,  Apfelsaft - alles selbst gekeltert. Frisches Quellwasser haben wir selbstverständlich auch."

In der Zwischenzeit hatte Judy McCollins eine große Schale zu den Hamstern gestellt und wandte sich wieder ihren Gästen zu. "Als Holländer sind Sie doch bestimmt an unserem selbstgemachten Käse interessiert, nicht wahr, Mr. Slampe?"

"Nicht nur der", grunzte Goldi und schob sich ein besonders großes Stück Käse hinter die Backen. "So etwas Leckeres habe ich seit dem Buffet auf dem Schiff nicht mehr gehabt!"

"Das wurde auch höchste Zeit, ich fühlte mich schon völlig schwach", stimmte Dodo zu.

"Nun, meine lieben Hamster, immer schön optimistisch bleiben, nie pessimistisch werden, wie ich immer zu sagen pflege..."

"Was soll denn das bedeuten, Herr Bürgermeister?"

"Nun, äh, mein lieber Dodo, das ist schwer zu erklären, wie ich immer zu erklären pflege, äh, sage..."

"Das ist doch ganz einfach", mischte sich Teeblättchen ein. "Stelle dir mal vor, Dodo, da stehen zwei Leute, die einen Tunnel betrachten. Der Pessimist sieht nur den dunklen Tunnel, aber der Optimist das Licht am Ende des Tunnels."

"Verstehe", antwortete Dodo nachdenklich.

"Einer fehlt aber noch."

Dodo und Teeblättchen schauten Goldi erstaunt an.

"Na", meinte Goldi schmatzend, "da fehlt noch der Lokführer. Der fragt sich nämlich, welche Idioten auf den Geleisen gestanden haben, nachdem er sie übergebügelt hat."

Es krachte laut in diesem Moment und die Hamster zuckten ängstlich zusammen, denn im Kamin war ein Holzscheit geplatzt. Funken sprühten und im nächsten Moment war Trampels klagende Stimme zu hören: "Wai! Wai! Wai!" und er rannte wie wild im Kreis herum.

"Was 'n mit dem los?" fragte der Bauleiter entsetzt.

"Das ist gewissermaßen, äh, wie mir mein Bruder, der Präsident, kürzlich erzählte, ein Kriegsschrei der keltischen Hamster, das machen die, wenn..."

"Ich würde eher sagen, der hat sich den Hintern verbrannt, die arme Sau", rief Goldi.

Mit einem Satz war jedoch die Frau aufgestanden, nahm den wimmernden Trampel hoch und hielt sein Hinterteil in ein Wasserglas.

"Warum ist der grün?"

"Nun, äh", überlegte van der Slampe, "das ist mir auch nicht so ganz klar. Irgendetwas haben die Hamster in Edinburgh angestellt. Der da hinten, der so dümmlich guckt, hatte sogar einen Deckel von einer Farbdose an der Pfote kleben."

Sie setzte Trampel  zu seinen Freunden zurück und nahm wieder am Tisch Platz.

"Möchten Sie noch etwas Salat, Käse oder Bohnen, Mr. McDudle?"

"Nun, äh, Mrs., nein Danke."

"Ich habe auch genug", gähnte der Lkw-Fahrer. "So viel wunderbaren Käse habe ich lange nicht mehr gegessen. Wir sollten uns nun schlafen legen und Morgen früh die letzten Meilen nach Oban hinter uns bringen."

Ihre Gastgeber verschwanden kurz in einem Nebenraum und kehrten mit Wolldecken und Kissen bewaffnet zurück.

"Macht es euch gemütlich", rief Dylan McCollins. "Das Feuer wird noch einige Zeit vorhalten. Meine Frau und ich werden nebenan übernachten. Wenn etwas ist, oder wenn ihr etwas braucht, sagt einfach Bescheid!"

Kurz darauf befand sich die Reisegesellschaft alleine im Raum.

"Gute Nacht, McDudle!"

"Gute Nacht, Mr. Wandelschranke!"

Es klatschte kurz, ein 'Aua' war zu hören und dann war alles still. Nur die Hamster saßen vollgefressen am Kamin und starrten in die Flammen.

"Mann, bin ich satt und müde", gähnte Teeblättchen.

"Und ich erst", erwiderte Tati, "ins Feuer gucken macht müde."

"Ja, lasst uns auch eine Runde schlafen!" rief Sasie.

"Aber das geht doch nicht, oder?" gab Dodo zu bedenken. "Ich meine wir sind doch Nachttiere."

"Gegen ein kleines Mitternachtsnickerchen ist doch wohl nichts einzuwenden, oder, Herr Bürgermeister?"

Doch der Bürgermeister antwortete nicht. Er saß immer noch wütend in der Ecke und ärgerte sich über die Bemerkung des Lkw-Fahrers über sein dümmliches Aussehen.

"Schweigen bedeutet Zustimmung", rief Goldi, "also gute Nacht!"

Kurz darauf war völlige Stille in dem kleinen Raum, das heißt bis auf eine kurze Unterbrechung, in der Fleckis empörte Stimme zu hören war: "Sag mal Goldi, hast du gefurzt?"

"Klar", kam auch gleich die Antwort. "Oder glaubst du, ich rieche immer so?"

Dann aber herrschte Ruhe und nach langer Zeit kam auch Vim van der Slampe wieder zu einer halbwegs geruhsamen Nacht.